GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL VIII
Die Partei der Bolschewiki in der Periode der ausländischen militärischen Intervention und des Bürgerkrieges
(1918-1920)

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Wie und warum hat das Sowjetland die vereinigten Kräfte der englisch-französisch-japanisch-polnischen Intervention und der weißgardistischen Konterrevolution der Bourgeoisie und der Gutsbesitzer in Russland besiegt?

Nimmt man die große europäische und amerikanische Presse aus den Zeiten der Intervention zur Hand, so kann man ohne Mühe feststellen, dass kein einziger angesehener militärischer oder ziviler Schriftsteller, kein einziger Militärfachmann an den Sieg der Sowjetmacht geglaubt hat. Im Gegenteil, alle prominenten Schriftsteller, alle Militärfachleute und Historiker der Revolutionen aller Länder und Völker, die so genannten Männer der Wissenschaft, alle schrieen sie wie aus einem Munde, dass die Tage der Sowjetmacht gezählt seien, dass die Niederlage der Sowjetmacht unabwendbar sei.

In ihrem festen Glauben an den Sieg der Intervention gingen sie davon aus, dass das Sowjetland noch keine fertig formierte Rote Armee hatte, dass diese sozusagen im Feuer des Kampfes geschaffen werden musste, während die Interventen und Weißgardisten eine mehr oder weniger fertige Armee hatten.

Sie gingen weiter davon aus, dass die Rote Armee keine erfahrenen militärischen Kader hatte, da die Mehrheit dieser Kader sich in das Lager der Konterrevolution geschlagen hatte, während die Interventen und Weißgardisten über solche Kader verfügten.

Sie gingen weiter davon aus, dass die Rote Armee infolge der Rückständigkeit der Kriegsindustrie Russlands unter dem Mangel an Waffen und Munition und deren schlechter Qualität zu leiden hatte, aus anderen Ländern aber kein Kriegsmaterial erhalten konnte, da Russland infolge der Blockade von allen Seiten abgeschlossen war, während die Armee der Interventen und Weißgardisten mit erstklassigen Waffen, mit Munition, mit Bekleidung im Überfluss versorgt war und weiter versorgt wurde.

Sie gingen schließlich davon aus, dass die Armee der Interventen und Weißgardisten damals die reichsten Lebensmittelgebiete Russlands besetzt hielt, während die Rote Armee über solche Gebiete nicht verfügte und unter Lebensmittelmangel zu leiden hatte.

Und in der Tat, alle diese Mängel und Unzulänglichkeiten waren in den Truppenteilen der Roten Armee wirklich vorhanden.

In dieser Hinsicht - aber nur in dieser Hinsicht - hatten die Herren Interventen völlig Recht.

Wodurch ist es dann aber zu erklären, dass die Rote Armee trotz so ernster Mängel die Armee der Interventen und Weißgardisten besiegt hat, die solche Mängel nicht aufzuweisen hatte?

1. Die Rote Armee hat darum gesiegt, weil die Politik der Sowjetmacht, in deren Namen die Rote Armee Krieg führte, die richtige Politik war, die den Interessen des Volkes entsprach, weil das Volk diese Politik als richtig, als seine eigene Politik erkannte, sie verstand und bis zum letzten unterstützte.

Die Bolschewiki wussten, dass eine Armee, die im Namen einer unrichtigen, nicht vom Volke unterstützten Politik kämpft, nicht siegen kann. Eben eine solche Armee war die Armee der Interventen und Weißgardisten. Die Armee der Interventen und Weißgardisten hatte alles, sowohl alte erfahrene Offiziere als auch erstklassige Waffen und Munition, Bekleidung und Verpflegung. Es fehlte nur eines - die Unterstützung und Sympathie der Völker Russlands, denn die Völker Russlands wollten und konnten die volksfeindliche Politik der Interventen und weißgardistischen „Regenten“ nicht unterstützen. Und so erlitt die Armee der Interventen und Weißgardisten eine Niederlage.

2. Die Rote Armee hat darum gesiegt, weil sie ihrem Volk bis zum letzten treu und ergeben war, wofür das Volk sie auch als seine eigene Armee liebte und unterstützte. Die Rote Armee ist das Kind des Volkes, und wenn sie ihrem Volke treu ist, wie ein treuer Sohn seiner Mutter, so wird sie die Unterstützung des Volkes finden, so muss sie siegen. Eine Armee aber, die sich gegen ihr Volk wendet, muss eine Niederlage erleiden.

3. Die Rote Armee hat darum gesiegt, weil es der Sowjetmacht gelang, das ganze Hinterland, das ganze Land in den Dienst der Interessen der Front zu stellen. Eine Armee ohne ein starkes Hinterland, das die Front auf jede Weise unterstützt, ist zur Niederlage verurteilt. Die Bolschewiki wussten dies und eben darum verwandelten sie das Land in ein Kriegslager, das die Front mit Waffen, mit Munition, mit Bekleidung, mit Proviant, mit Nachschub versorgte.

4. Die Rote Armee hat darum gesiegt, weil: a) die Rotarmisten die Ziele und Aufgaben des Krieges verstanden und sich ihrer Richtigkeit bewusst waren; b) das Bewusstsein von der Richtigkeit der Ziele und Aufgaben des Krieges den Geist der Disziplin unter ihnen und ihre Kampffähigkeit stärkte; c) die Massen der Rotarmisten infolgedessen überall beispiellose Selbstverleugnung und unerhörten Massenheroismus im Kampfe gegen die Feinde bekundeten.

5. Die Rote Armee hat darum gesiegt, weil sie in ihrem Hinterland und an ihrer Front als führenden Kern die Partei der Bolschewiki hatte, eine Partei, einheitlich in ihrer Geschlossenheit und Disziplin, stark durch ihren revolutionären Geist und die Bereitschaft, um des Erfolges der gemeinsamen Sache willen alle Opfer auf sich zu nehmen, unübertroffen in ihrer Fähigkeit, die Millionenmassen zu organisieren und sie in einer komplizierten Situation richtig zu leiten.

„Nur weil die Partei auf der Hut war“, sagte Lenin , „weil in der Partei die strengste Disziplin herrschte, weil die Autorität der Partei alle Ämter und Institutionen zusammenfasste und weil auf die vom Zentralkomitee ausgegebene Losung hin Dutzende, Hunderte, Tausende und schließlich Millionen sich wie ein Mann in Bewegung setzten, und nur weil unerhörte Opfer gebracht wurden - nur deshalb konnte das Wunder geschehen, das vollbracht wurde. Nur deshalb waren wir, obwohl die Imperialisten der Entente und die Imperialisten der ganzen Welt ihren Feldzug zweimal, dreimal und viermal unternahmen, imstande zu siegen.“ ( Lenin , Ausgew. Werke in zwei Bänden, Bd. II, S. 650.)

6. Die Rote Armee hat darum gesiegt, weil: a) sie es verstand, in ihren Reihen militärische Führer von neuem Typus wie Frunse, Woroschilow, Budjonny und andere zu schmieden; b) in ihren Reihen urwüchsige Helden kämpften wie Kotowski, Tschapajew, Laso, Schtschors, Parchomenko und viele andere; c) an der politischen Erziehung der Roten Armee Männer arbeiteten wie Lenin , Stalin, Molotow, Kalinin, Swerdlow, Kaganowitsch, Ordshonikidse, Kirow, Kujbyschew, Mikojan, Shdanow, Andrejew, Petrowski, Jaroslawski, Dzierzynski, Schtschadenko, Mechlis, Chruschtschow, Schwernik, Schkirjatow und andere; d) die Rote Armee überragende Organisatoren und Agitatoren hatte wie die Militärkommissare, die durch ihre Arbeit die Reihen der Rotarmisten zusammenschweißten, den Geist der Disziplin und kühner Einsatzbereitschaft unter ihnen pflegten, verräterische Handlungen einzelner Personen des Kommandobestandes energisch, rasch und schonungslos durchkreuzten und, anderseits, die Autorität und den guten Namen der Kommandeure mit und ohne Parteibuch kühn und entschlossen unterstützten, die ihre Ergebenheit für die Sowjetmacht zeigten und fähig waren, die Führung der Truppenteile der Roten Armee fest in der Hand zu halten.

„Ohne die Militärkommissare hätten wir keine Rote Armee“, sagte Lenin .

7. Die Rote Armee hat darum gesiegt, weil im Rücken der weißgardistischen Armeen, im Hinterlande Koltschaks, Denikins, Krasnows, Wrangels, hervorragende Bolschewiki mit und ohne Parteibuch konspirativ arbeiteten, die die Arbeiter und Bauern gegen die Interventen, gegen die Weißgardisten zum Aufstand führten, das Hinterland der Feinde der Sowjetmacht unsicher machten und dadurch den Vormarsch der Roten Armee erleichterten. Es ist allgemein bekannt, dass die Partisanen der Ukraine, Sibiriens, des Fernen Ostens, des Urals, Bjelorusslands, des Wolgagebiets, die das Hinterland der Weißgardisten und Interventen unsicher machten, der Roten Armee unschätzbare Dienste geleistet haben.

8. Die Rote Armee hat darum gesiegt, weil das Sowjetland in seinem Kampf mit der weißgardistischen Konterrevolution und der ausländischen Intervention nicht allein stand, weil der Kampf der Sowjetmacht und ihre Erfolge die Sympathie der Proletarier der ganzen Welt hervorriefen und ihre Unterstützung fanden. Während die Imperialisten versuchten, die Sowjetrepublik durch die Intervention und durch die Blockade zu erdrosseln, waren die Arbeiter dieser imperialistischen Länder auf der Seite der Sowjets und halfen ihnen. Ihr Kampf gegen die Kapitalisten der der Sowjetrepublik feindlichen Länder trug dazu bei, dass die Imperialisten gezwungen waren, von der Intervention Abstand zu nehmen. Die Arbeiter Englands, Frankreichs und anderer an der Intervention beteiligter Länder organisierten Streiks, weigerten sich, Kriegsmaterial für die Interventen und weißgardistischen Generale zu verladen und schufen „Aktionskomitees“ unter der Losung „Hände weg von Russland!“

„Sobald die internationale Bourgeoisie“, sagte Lenin , „zum Schlage gegen uns ausholt, fallen ihr die eigenen Arbeiter in den Arm.“ ( Lenin , Sämtl. Werke, Bd. XXV, S. 405 russ.)

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