GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL IX
Die Partei der Volkswirtschaft
(1921-1925)

1
Das Sowjetland nach der Liquidierung der Intervention und des Bürgerkrieges
Die Schwierigkeiten der Wiederherstellungsperiode

Nachdem das Sowjetland den Krieg beendet hatte, begann es sich auf den friedlichen wirtschaftlichen Aufbau umzustellen. Es war notwendig, die Wunden zu heilen, die der Krieg geschlagen hatte. Es war notwendig, die zerstörte Volkswirtschaft wiederherzustellen, die Industrie, das Verkehrswesen, die Landwirtschaft in Ordnung zu bringen.

Der Übergang zum friedlichen Aufbau musste jedoch unter außerordentlich schwierigen Umständen vollzogen werden. Der Sieg im Bürgerkriege war nicht leicht errungen worden. Das Land war durch den vierjährigen imperialistischen Krieg und den dreijährigen Krieg gegen die Intervention ruiniert.

Die Gesamtproduktion der Landwirtschaft betrug im Jahre 1920 nur etwa die Hälfte der Vorkriegsproduktion. Und selbst das Vorkriegsniveau war ja das Niveau des bettelarmen Dorfes des zaristischen Russland. Überdies waren im Jahre 1920 viele Gouvernements von einer Missernte heimgesucht worden. Die bäuerliche Wirtschaft machte eine schwere Zeit durch.

Noch schlechter war die Lage der Industrie, die sich in einem Zustand der Zerrüttung befand. Die Produktion der Großindustrie betrug im Jahre 1920 nur wenig mehr als ein Siebentel der Vorkriegsproduktion. Die meisten Fabriken und Werke lagen still, Bergwerke und Schächte waren zerstört, ersoffen. In einem besonders schlimmen Zustand befand sich das Hüttenwesen. Die Erzeugung von Roheisen betrug für das ganze Jahr 1921 insgesamt nur 116300 Tonnen, das heißt ungefähr 3 Prozent der Roheisenproduktion der Vorkriegszeit. Es fehlte an Brennstoffen. Das Verkehrswesen war zerstört. Die Vorräte des Landes an Metall und Manufakturartikeln waren nahezu erschöpft. Im Lande herrschte großer Mangel am Allernotwendigsten, an Brot, Fetten, Fleisch, Schuhwerk, Kleidung, Zündhölzern, Salz, Petroleum, Seife.

Solange der Krieg andauerte, fanden sich die Menschen mit all diesen Mängeln, diesen Entbehrungen ab, ja sie bemerkten sie zuweilen gar nicht mehr. Jetzt aber, als der Krieg zu Ende war, fühlten die Menschen plötzlich die Unerträglichkeit dieser Mängel und Entbehrungen und drangen auf ihre sofortige Beseitigung.

Unter den Bauern machte sich Unzufriedenheit bemerkbar. Im Feuer des Bürgerkrieges war ein militärisch-politisches Bündnis der Arbeiterklasse und der Bauernschaft entstanden und hatte sich gefestigt. Dieses Bündnis beruhte auf einer bestimmten Grundlage: der Bauer erhielt von der Sowjetmacht Boden und Schutz vor dem Gutsbesitzer, vor dem Kulaken, die Arbeiter erhielten auf Grund der Ablieferungspflicht von der Bauernschaft Lebensmittel.

Nun aber erwies sich diese Grundlage schon nicht mehr als ausreichend.

Der Sowjetstaat war genötigt, von dem Bauern auf Grund der Ablieferungspflicht alle Überschüsse für die Bedürfnisse der Landesverteidigung einzuziehen. Der Sieg im Bürgerkrieg wäre ohne die Ablieferungspflicht, ohne die Politik des Kriegskommunismus unmöglich gewesen. Die Politik des Kriegskommunismus war durch den Krieg, durch die Intervention erzwungen worden. Solange Krieg geführt wurde, fand sich die Bauernschaft mit der Ablieferungspflicht ab und merkte den Warenmangel nicht, als aber der Krieg zu Ende war und die drohende Gefahr einer Rückkehr des Gutsbesitzers verschwand, begann der Bauer über die Wegnahme aller Überschüsse, über das System der Ablieferungspflicht Unzufriedenheit zu bekunden, begann er zu fordern, dass er in genügender Menge mit Waren versorgt werde.

Das ganze System des Kriegskommunismus geriet, wie Lenin bemerkte, in Kollision mit den Interessen der Bauernschaft.

Auch in der Arbeiterklasse kam es zu Äußerungen spontaner Unzufriedenheit. Das Proletariat hatte die Hauptlasten des Bürgerkrieges getragen, als es mit Heldenmut und Selbstverleugnung gegen die Heerhaufen der Weißgardisten und Interventen, gegen Zerrüttung und Hunger kämpfte. Die besten, klassenbewusstesten, selbstlosesten und diszipliniertesten Arbeiter lohten von sozialistischem Enthusiasmus. Aber die überaus schwere wirtschaftliche Zerrüttung übte auch auf die Arbeiterklasse ihren Einfluss aus. Die wenigen Fabriken und Werke, die noch in Betrieb waren, litten unter großen Arbeitsunterbrechungen. Die Arbeiter waren gezwungen, zu Hause zu basteln, sich mit der Herstellung von Feuerzeugen u. dgl. sowie mit Hamsterei zu beschäftigen. Die Klassenbasis der Diktatur des Proletariats begann schwächer zu werden, die Arbeiterklasse bröckelte ab, ein Teil der Arbeiter wanderte ins Dorf, hörte auf, Arbeiter zu sein, verfiel der Deklassierung. Infolge des Hungers und der Ermüdung machte sich bei einem Teil der Arbeiter Unzufriedenheit bemerkbar.

Vor der Partei erhob sich die Frage der Ausarbeitung einer neuen, der neuen Situation entsprechenden Stellungnahme der Partei zu allen Problemen des wirtschaftlichen Lebens des Landes.

Und die Partei schritt an die Ausarbeitung der neuen Stellungnahme zu den Problemen des wirtschaftlichen Aufbaus.

Der Klassenfeind aber schlief nicht. Er versuchte, die schwere wirtschaftliche Lage, die Unzufriedenheit der Bauern auszunutzen. Von den Weißgardisten und Sozialrevolutionären organisierte kulakische Aufstände flammten in Sibirien, in der Ukraine, im Gouvernement Tambow (Antonowaufstand) auf. Die Tätigkeit der konterrevolutionären Elemente aller Art - der Menschewiki, Sozialrevolutionäre, Anarchisten, Weißgardisten und bürgerlichen Nationalisten lebte auf. Der Feind ging zu neuen taktischen Methoden des Kampfes gegen die Sowjetmacht über. Er begann sich mit sowjetischer Farbe zu übertünchen und stellte schon nicht mehr die alte, bankrotte Losung auf: „Nieder mit den Sowjets“, sondern eine neue Losung: „Für die Sowjets, aber ohne Kommunisten.“

Ein krasser Ausdruck der neuen Taktik des Klassenfeindes war die konterrevolutionäre Meuterei in Kronstadt. Sie begann eine Woche vor dem X. Parteitag, im März 1921. An die Spitze der Meuterei traten Weißgardisten, die mit den Sozialrevolutionären, den Menschewiki und Vertretern fremder Staaten in Verbindung standen. Ihre Bestrebungen, die Macht und das Eigentum der Kapitalisten und Gutsbesitzer wiederherzustellen, versuchten die Meuterer anfangs hinter einem „sowjetischen“ Aushängeschild zu verstecken. Sie stellten die Losung auf: „Sowjets ohne Kommunisten.“ Die Konterrevolution machte den Versuch, die Unzufriedenheit der kleinbürgerlichen Massen auszunutzen, um unter angeblich sowjetischen Losungen die Sowjetmacht zu stürzen.

Zwei Umstände erleichterten den Ausbruch der Kronstädter Meuterei: die Verschlechterung in der Zusammensetzung der Matrosenbesatzungen der Kriegsschiffe und die Schwäche der bolschewistischen Organisation in Kronstadt. Die alten Matrosen, die an der Oktoberrevolution teilgenommen hatten, waren nahezu Mann für Mann an die Front gegangen und hatten in den Reihen der Roten Armee heldenhaft gekämpft. Neue, nicht in der Revolution gestählte Ergänzungsmannschaften waren zur Flotte eingerückt. Dieser Nachschub stellte eine noch völlig urwüchsige bäuerliche Masse dar, die die Unzufriedenheit der Bauernschaft mit der Ablieferungspflicht widerspiegelte. Was die Kronstädter bolschewistische Organisation jener Periode betrifft, so war sie durch eine Reihe von Aufgeboten für die Front sehr geschwächt. Diese Umstände gaben den Sozialrevolutionären, Menschewiki und Weißgardisten die Möglichkeit, sich in Kronstadt einzuschleichen und die Stadt einzunehmen.

Die Meuterer bemächtigten sich der erstklassigen Festung, der Flotte und einer gewaltigen Menge von Waffen und Geschossen. Die internationale Konterrevolution feierte einen Sieg. Aber die Feinde frohlockten zu früh. Die Meuterei wurde von den Sowjettruppen rasch niedergeworfen. Die Partei entsandte gegen die Kronstädter Meuterer ihre besten Söhne: die Delegierten des X. Parteitages mit Genossen Woroschilow an der Spitze. Die Rotarmisten mussten gegen Kronstadt über dünnes Eis vorgehen. Das Eis brach durch, und viele ertranken. Die fast uneinnehmbaren Kronstädter Forts mussten im Sturm genommen werden. Ergebenheit für die Revolution und Kampfesmut, die Bereitschaft, für die Sowjetmacht das Leben hinzugeben, trugen den Sieg davon. Die Kronstädter Festung wurde von den roten Truppen im Sturm genommen. Die Kronstädter Meuterei war liquidiert.

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