GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL IX
Die Partei der Volkswirtschaft
(1921-1925)

2
Die Parteidiskussion über die Gewerkschaften
Der X. Parteitag
Die Niederlage der Opposition
Der Übergang zur Neuen Ökonomischen Politik (NÖP)

Dem Zentralkomitee der Partei, seiner Lenin schen Mehrheit war es klar, dass es nach Beendigung des Krieges und nach dem Übergang zu friedlichem wirtschaftlichem Aufbau keinen Grund mehr gab, das durch die Verhältnisse des Krieges und der Blockade bedingte harte Regime des Kriegskommunismus beizubehalten.

Das Zentralkomitee erkannte, dass die Notwendigkeit der Ablieferungspflicht entfallen war, dass man sie durch die Naturalsteuer ersetzen musste, um den Bauern die Möglichkeit zu geben, den größten Teil der Überschüsse ihrer Produktion nach eigenem Ermessen zu verwenden. Das Zentralkomitee erkannte, dass eine solche Maßnahme die Möglichkeit geben würde, die Landwirtschaft zu beleben, die Produktion von Getreide und gewerblichen Nutzpflanzen, die für die Entwicklung der Industrie notwendig waren, zu erweitern, den Warenumsatz im Lande zu beleben, die Versorgung der Städte zu verbessern, eine neue, eine wirtschaftliche Grundlage für das Bündnis der Arbeiter und Bauern zu schaffen.

Das Zentralkomitee war sich auch darüber im Klaren, dass die Belebung der Industrie die erste und wichtigste Aufgabe war; es war aber der Auffassung, dass man die Industrie nicht beleben konnte, ohne dazu die Arbeiterklasse und ihre Gewerkschaften heranzuziehen, und dass man die Arbeiter heranziehen konnte, wenn man sie überzeugte, dass die wirtschaftliche Zerrüttung für das Volk ein ebenso gefährlicher Feind war wie die Intervention und die Blockade; dass Partei und Gewerkschaften zweifellos imstande sein werden, diese Aufgabe durchzuführen, wenn sie im Verhältnis zur Arbeiterklasse nicht mit militärischen Befehlen vorgehen, wie das an der Front der Fall war, wo Befehle wirklich notwendig sind, sondern Mittel und Methoden der Überzeugung anwenden.

Aber nicht alle Parteimitglieder dachten so wie das Zentralkomitee. Die oppositionellen Grüppchen - Trotzkisten, „Arbeiteropposition“, „linke Kommunisten“, „demokratische Zentralisten“ usw. - befanden sich in einem Zustand der Zerfahrenheit und machten angesichts der Schwierigkeiten des Übergangs auf die Bahnen des friedlichen wirtschaftlichen Aufbaus Schwankungen durch. In der Partei gab es nicht wenige frühere Menschewiki, frühere Sozialrevolutionäre, frühere Bundisten, frühere Borotbisten [Borotbisten - linker Flügel der nationalchauvinistischen Partei der ukrainischen Sozialrevolutionäre, benannt nach ihrem Zentralorgan „Borotba“ (Der Kampf), das bis zum Jahre 1918 erschien. Die Red.] und Halbnationalisten aller Art aus den Randgebieten Russlands. Sie gehörten zum größten Teil diesen oder jenen oppositionellen Grüppchen an. Da sie keine wirklichen Marxisten waren, da sie die ökonomischen Entwicklungsgesetze nicht kannten, da sie nicht die parteifeste Lenin sche Stählung hatten, so steigerten diese Leute nur die Zerfahrenheit und die Schwankungen der oppositionellen Grüppchen. Die einen von ihnen meinten, dass man das harte Regime des Kriegskommunismus nicht abzuschwächen brauche, dass es im Gegenteil nötig sei, „die Schrauben fester anzuziehen“. Die anderen meinten, dass die Partei und der Staat sich der Wiederherstellung der Volkswirtschaft fernzuhalten hätten, dass diese Sache ganz und gar in die Hand der Gewerkschaften zu legen wäre.

Es war klar, dass sich bei solcher Zerfahrenheit in einigen Schichten der Partei Leute finden würden, Liebhaber von Parteidiskussionen, verschiedenartige oppositionelle „Anführer“, die danach trachten, der Partei eine Diskussion aufzuzwingen.

So geschah es auch.

Die Diskussion begann mit der Frage über die Rolle der Gewerkschaften, obwohl die Frage der Gewerkschaften damals nicht die Hauptfrage der Politik der Partei war.

Einpeitscher der Diskussion und des Kampfes gegen Lenin , gegen die Lenin sche Mehrheit des Zentralkomitees war Trotzki. Bestrebt, die Lage zu verschärfen, trat er in der Sitzung der kommunistischen Fraktion der V. Allrussischen Gewerkschaftskonferenz Anfang November 1920 mit der bedenklichen Losung der „Anziehung der Schrauben“ und der „Durchrüttelung der Gewerkschaften“ hervor. Trotzki stellte die Forderung nach sofortiger „Verstaatlichung der Gewerkschaften“ auf. Er war gegen die Methode der Überzeugung der Arbeitermassen. Er war für das Hineintragen der militärischen Methode in die Gewerkschaften. Trotzki war gegen die Entfaltung der Demokratie in den Gewerkschaften, gegen die Wählbarkeit der Gewerkschaftsorgane.

An Stelle der Methode der Überzeugung, ohne die die Tätigkeit der Arbeiterorganisationen undenkbar ist, schlugen die Trotzkisten die nackte Zwangsmethode, die nackte Kommandomethode vor. Durch ihre Politik trugen die Trotzkisten dort, wo sie in die Führung der Gewerkschaften gelangten, Konflikte, Spaltung und Zersetzung in die Gewerkschaften hinein. Die Trotzkisten suchten durch ihre Politik die parteilose Masse der Arbeiter gegen die Partei aufzuputschen, die Arbeiterklasse zu spalten.

Die Parteidiskussion über die Gewerkschaften hatte in Wirklichkeit eine Bedeutung, die weit über die Gewerkschaftsfrage hinausging. Wie später in der Resolution des Plenums des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki) (vom 17. Januar 1925) aufgezeigt wurde, ging der Streit in Wirklichkeit „um das Verhältnis zur Bauernschaft, die sich gegen den Kriegskommunismus wandte, um das Verhältnis zur parteilosen Arbeitermasse, überhaupt um das Herangehen der Partei an die Masse in einem Zeitabschnitt, wo der Bürgerkrieg bereits zu Ende ging“. (Die KPdSU[B] in Resolutionen, Teil 1., S. 651 russ.)

Im Anschluss an Trotzki traten auch die anderen parteifeindlichen Gruppen auf: die „Arbeiteropposition“ (Schljapnikow, Medwedew, Kollontaj und andere), die „demokratischen Zentralisten“ (Sapronow, Drobnis, Boguslawski, Ossinski, W. Smirnow und andere), die „linken Kommunisten“ (Bucharin, Preobrashenski).

Die „Arbeiteropposition“ stellte die Losung der Übergabe der Verwaltung der gesamten Volkswirtschaft an einen „Allrussischen Kongress der Produzenten“ auf. Sie wollte die Rolle der Partei auf ein Nichts reduzieren, sie verneinte die Bedeutung der Diktatur des Proletariats im wirtschaftlichen Aufbau. Die „Arbeiteropposition“ stellte die Gewerkschaften dem Sowjetstaat und der Kommunistischen Partei entgegen. Sie hielt nicht die Partei, sondern die Gewerkschaften für die höchste Organisationsform der Arbeiterklasse. Die „Arbeiteropposition“ war im Grunde eine anarcho-syndikalistische parteifeindliche Gruppe.

Die Gruppe des „demokratischen Zentralismus“ („Dezisten“) forderte volle Freiheit für Fraktionen und Gruppierungen. Die Dezisten trachteten ebenso wie die Trotzkisten danach, die führende Rolle der Partei in den Sowjets und Gewerkschaften zu untergraben. Lenin bezeichnete die Dezisten als eine Fraktion „der lautesten Schreihälse“ und die Plattform der Dezisten als sozialrevolutionär-menschewistisch.

Trotzki fand in seinem Kampf gegen Lenin und die Partei bei Bucharin Hilfe. Bucharin schuf im Verein mit Preobrashenski, Serebrjakow, Sokolnikow eine „Puffergruppe“. Diese Gruppe verteidigte und deckte die schlimmsten Fraktionsmacher, die Trotzkisten. Lenin nannte das Verhalten Bucharins den „Gipfel ideologischer Verkommenheit“. Bald danach vereinigten sich die Bucharinleute offen mit den Trotzkisten gegen Lenin .

Lenin und die Lenin isten richteten den Hauptschlag gegen die Trotzkisten als gegen die Hauptkraft der parteifeindlichen Gruppierungen. Sie überführten die Trotzkisten der Verwechslung der Gewerkschaften mit militärischen Organisationen und wiesen ihnen nach, dass man die Methoden der militärischen Organisationen nicht in die Gewerkschaften hineintragen darf. Als Gegengewicht zu den Plattformen der oppositionellen Gruppen arbeiteten Lenin und die Lenin isten ihre eigene Plattform aus. In dieser Plattform wurde darauf hingewiesen, dass die Gewerkschaften eine Schule der Verwaltung, eine Schule der Wirtschaftsführung, eine Schule des Kommunismus sind. Die Gewerkschaften müssen ihre gesamte Arbeit auf der Methode der Überzeugung aufbauen. Nur unter dieser Bedingung werden die Gewerkschaften imstande sein, alle Arbeiter zum Kampf gegen die wirtschaftliche Zerrüttung in Bewegung zu setzen, sie in den sozialistischen Aufbau hineinzuziehen.

Im Kampf mit den oppositionellen Gruppierungen schlossen sich die Parteiorganisationen um Lenin zusammen. Besonders heftigen Charakter nahm der Kampf in Moskau an. Hier hatte die Opposition ihre Hauptkräfte zusammengezogen und sich das Ziel gesteckt, die Organisation der Hauptstadt zu erobern. Aber die Moskauer Bolschewiki wiesen diese Umtriebe der Fraktionsmacher entschieden zurück. Ein scharfer Kampf entbrannte auch in den ukrainischen Parteiorganisationen. Unter Führung des Genossen Molotow, der damals Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Ukraine (Bolschewiki) war, schlugen die Bolschewiki der Ukraine die Trotzkisten und Schljapnikowleute. Die Kommunistische Partei der Ukraine blieb eine treue Stütze der Lenin schen Partei. In Baku wurde die Zerschlagung der Opposition unter der Führung des Genossen Ordshonikidse organisiert. In Mittelasien leitete Genosse L. Kaganowitsch den Kampf gegen die parteifeindlichen Gruppierungen.

Alle maßgebenden örtlichen Parteiorganisationen schlossen sich der Lenin schen Plattform an.

Am 8. März 1921 wurde der X. Parteitag eröffnet. Auf dem Parteitag waren 694 Delegierte mit beschließender Stimme anwesend, die 732521 Parteimitglieder vertraten. Delegierte mit beratender Stimme gab es 296.

Der Parteitag zog das Fazit der Diskussion über die Gewerkschaften und billigte mit erdrückender Stimmenmehrheit die Lenin sche Plattform.

Bei Eröffnung des Parteitages erklärte Lenin , dass die Diskussion ein unerlaubter Luxus war. Er wies darauf hin, dass die Feinde auf den inneren Kampf und auf die Spaltung der Kommunistischen Partei spekulierten.

In Anbetracht der gewaltigen Gefahr, die das Vorhandensein fraktioneller Gruppen für die bolschewistische Partei und für die Diktatur des Proletariats darstellte, widmete der X. Parteitag der Frage der Einheit der Partei besondere Aufmerksamkeit. Das Referat zu dieser Frage hielt Lenin . Der Parteitag verurteilte alle oppositionellen Gruppierungen und betonte, dass diese „in Wirklichkeit den Klassenfeinden der proletarischen Revolution helfen“.

Der Parteitag gab die strikte Weisung, alle fraktionellen Gruppen sofort aufzulösen, und beauftragte alle Organisationen, streng darüber zu wachen, dass keinerlei fraktionelle Handlungen zugelassen werden, wobei die Nichterfüllung des Parteitagsbeschlusses den unbedingten und unverzüglichen Parteiausschluss nach sich zog. Der Parteitag bevollmächtigte das Zentralkomitee, im Falle eines Disziplinbruchs durch Mitglieder des Zentralkomitees und im Falle des Wiederauflebens oder der Zulassung der Fraktionsmacherei alle Disziplinarmaßnahmen der Partei bis zum Ausschluss aus dem Zentralkomitee und aus der Partei anzuwenden.

Alle diese Beschlüsse wurden in der von Lenin vorgeschlagenen und vom Parteitag angenommenen besonderen Resolution „Über die Einheit der Partei“ niedergelegt.

In dieser Resolution lenkte der Parteitag die Aufmerksamkeit aller Mitglieder der Partei darauf, dass die Einheit und Geschlossenheit ihrer Reihen, die Willenseinheit der Avantgarde des Proletariats besonders notwendig sei in einem Moment wie in der Periode des X. Parteitags, wo eine Reihe von Umständen die Schwankungen unter der kleinbürgerlichen Bevölkerung des Landes verstärkt hat.

„Indessen“, hieß es in der Resolution, „sind schon vor der allgemeinen Parteidiskussion über die Gewerkschaften einige Anzeichen der Fraktionsmacherei in der Partei festzustellen gewesen, das heißt die Entstehung von Gruppen mit besonderen Plattformen und mit dem Bestreben, sich bis zu einem bestimmten Grade abzuschließen und eine eigene Gruppendisziplin zu schaffen. Es ist notwendig, dass alle klassenbewussten Arbeiter sich des Schadens und der Unzulässigkeit jeder wie immer gearteten Fraktionsmacherei klar bewusst werden, die in der Praxis unweigerlich dazu führt, dass die einmütige Arbeit geschwächt wird und dass die Feinde, die sich an die Regierungspartei heranmachen, erneut verstärkte Versuche unternehmen, die Zerklüftung (der Partei) zu vertiefen und sie für die Zwecke der Konterrevolution auszunutzen.“

Der Parteitag erklärte in dieser Resolution weiter:

„Die Ausnutzung jeder Art Abweichung von der streng konsequenten kommunistischen Linie durch die Feinde des Proletariats hat sich mit größter Anschaulichkeit an dem Beispiel der Kronstädter Meuterei gezeigt, als die bürgerliche Konterrevolution und die Weißgardisten in allen Ländern der Welt sofort ihre Bereitschaft bekundeten, sich sogar der Losungen einer Sowjetordnung zu bedienen, um ja nur die Diktatur des Proletariats in Russland zu Fall zu bringen, damals, als die Sozialrevolutionäre und überhaupt die bürgerliche Konterrevolution sich in Kronstadt der Losungen des Aufstands angeblich im Namen einer Sowjetmacht gegen die Sowjetregierung in Russland bedienten. Solche Tatsachen beweisen vollauf, dass die Weißgardisten bestrebt sind und es verstehen, sich einen solchen Anstrich zu geben, dass sie als Kommunisten erscheinen, ja sogar ‚linker’ als die Kommunisten, nur um es zuwege zu bringen, das Bollwerk der proletarischen Revolution in Russland zu schwächen und zu stürzen. Die menschewistischen Flugblätter in Petrograd am Vorabend der Kronstädter Meuterei zeigen gleichfalls, wie die Menschewiki die Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Kommunistischen Partei Russlands ausnutzten, um die Kronstädter Meuterer, die Sozialrevolutionäre und Weißgardisten, faktisch vorwärts zu treiben und zu unterstützen, wobei sie sich in Worten als Gegner von Aufständen und als Anhänger der Sowjetmacht, nur einer Sowjetmacht mit angeblich kleinen Korrekturen, ausgaben.“

Die Resolution wies darauf hin, dass die Parteipropaganda den Schaden und die Gefährlichkeit der Fraktionsmacherei vom Gesichtspunkt der Einheit der Partei und der Verwirklichung der Willenseinheit der Avantgarde des Proletariats, die die Grundbedingung des Erfolgs der Diktatur des Proletariats ist, eingehend klarlegen müsse.

Anderseits, hieß es in der Parteitagsresolution, muss die Parteipropaganda die Eigenart der neuesten taktischen Methoden der Feinde der Sowjetmacht erläutern.

„Diese Feinde“, betonte die Resolution, „die sich davon überzeugt haben, dass die Konterrevolution unter offen weißgardistischer Flagge hoffnungslos ist, verwenden jetzt alle Anstrengungen darauf, um, unter Ausnutzung der Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Kommunistischen Partei Russlands, die Konterrevolution auf diese oder jene Weise zu fördern, und zwar durch Auslieferung der Macht an politische Gruppierungen, die der Anerkennung der Sowjetmacht äußerlich am nächsten stehen.“ ( Lenin , Ausgew. Werke in zwei Bänden, Bd. II, S. 801/02.)

Die Resolution wies weiter darauf hin, dass die Parteipropaganda „auch die Erfahrungen der früheren Revolutionen erläutern muss, in denen die Konterrevolution die der äußersten revolutionären Partei am nächsten stehenden kleinbürgerlichen Gruppierungen unterstützte, um die revolutionäre Diktatur zu erschüttern und zu stürzen, und dadurch dem weiteren, vollen Sieg der Konterrevolution, dem Sieg der Kapitalisten und Gutsbesitzer, den Weg zu bahnen“.

Der Resolution „über die Einheit der Partei“ schloss sich eine andere Resolution „über die syndikalistische und anarchistische Abweichung in unserer Partei“ eng an, die ebenfalls von Lenin vorgeschlagen und vom Parteitag angenommen wurde. In dieser Resolution verurteilte der X. Parteitag die so genannte „Arbeiteropposition“. Der Parteitag erklärte die Propaganda der Ideen der anarcho-syndikalistischen Abweichung für unvereinbar mit der Zugehörigkeit zur Kommunistischen Partei und rief die Partei zu entschiedenem Kampf gegen diese Abweichung auf.

Der X. Parteitag fasste den überaus wichtigen Beschluss über den Übergang von der Ablieferungspflicht zur Naturalsteuer, über den Übergang zur Neuen Ökonomischen Politik (NÖP).

In dieser Wendung vom Kriegskommunismus zur NÖP trat die Weisheit und Weitsicht der Lenin schen Politik in ihrer ganzen Größe zutage.

In dem Parteitagsbeschluss war von der Ersetzung der Ablieferungspflicht durch die Naturalsteuer die Rede. Die Naturalsteuer auf Lebensmittel machte weniger aus als die Abgaben auf Grund der Ablieferungspflicht. Der Steuerbetrag sollte vor der Frühjahrsaussaat bekannt gegeben werden. Die Steuerfristen wurden genau festgesetzt. Alles, was nach Entrichtung der Steuer übrig blieb, wurde dem Bauern zu freier Verfügung überlassen, ihm wurde die Freiheit des Handels mit diesen Überschüssen gewährleistet. Die Freiheit des Handels, erklärte Lenin in seinem Referat, werde anfänglich zu einem gewissen Aufleben des Kapitalismus im Lande führen. Man werde den Privathandel zulassen und privaten Unternehmern gestatten müssen, kleine Betriebe zu eröffnen. Aber man brauche dies nicht zu fürchten. Lenin war der Auffassung, dass eine gewisse Freiheit des Warenumsatzes wirtschaftliche Interessiertheit beim Bauern hervorrufen, die Produktivität seiner Arbeit erhöhen und zu einem schnellen Aufschwung der Landwirtschaft führen wird, dass auf dieser Grundlage die staatliche Industrie wiederhergestellt und das Privatkapital verdrängt werden wird, dass man nach Ansammlung von Kräften und Mitteln eine mächtige Industrie - die ökonomische Grundlage des Sozialismus - schaffen kann, um danach zur entschiedenen Offensive überzugehen und die Überreste des Kapitalismus im Lande zu vernichten.

Der Kriegskommunismus war ein Versuch, die Festung der kapitalistischen Elemente in Stadt und Land im Sturm, durch einen Frontalangriff, zu nehmen. In dieser Offensive war die Partei weit vorausgeeilt und lief dabei Gefahr, sich von ihrer Basis zu lösen. Jetzt schlug Lenin vor, etwas zurückzugehen, sich zeitweilig etwas tiefer in das eigene Hinterland zurückzuziehen, vom Sturme zu einer langwierigeren Belagerung der Festung überzugehen, um nach Sammlung der Kräfte die Offensive von neuem zu beginnen.

Die Trotzkisten und die anderen Oppositionellen waren der Auffassung, dass die NÖP nur ein Rückzug sei. Eine solche Deutung war für sie vorteilhaft, weil sie auf die Wiederherstellung des Kapitalismus hinsteuerten. Dies war eine zutiefst schädliche, anti Lenin istische Deutung der NÖP. In der Tat erklärte Lenin bereits ein Jahr nach Einführung der NÖP auf dem XI. Parteitag, dass der Rückzug beendet sei, und stellte die Losung auf „Vorbereitung der Offensive gegen das privatwirtschaftliche Kapital“. ( Lenin , Sämtl. Werke, Bd. XXVII, S. 213 russ.)

Die Oppositionellen, die schlechte Marxisten und in den Fragen der bolschewistischen Politik völlige Ignoranten waren, verstanden weder das Wesen der NÖP noch den Charakter des bei Beginn der NÖP unternommenen Rückzugs. Über das Wesen der NÖP ist schon weiter oben gesprochen worden. Was den Charakter des Rückzugs betrifft, so gibt es verschiedene Rückzüge. Es gibt Augenblicke, wo Parteien oder Armeen einen Rückzug antreten müssen, weil sie eine Niederlage erlitten haben. In solchen Fällen tritt die Armee oder die Partei einen Rückzug an, um sich und ihre Kader für neue Kämpfe zu bewahren. Lenin hatte bei Einführung der NÖP durchaus nicht einen Rückzug dieser Art vorgeschlagen, da die Partei nicht nur keine Niederlage erlitten hatte, nicht nur nicht geschlagen war, sondern im Gegenteil, sie selbst hatte die Interventen und Weißgardisten während des Bürgerkriegs geschlagen. Aber es gibt auch Augenblicke, wo eine siegreiche Partei oder Armee in ihrer Offensive zu weit vorauseilt, ohne sich die rückwärtige Basis gesichert zu haben. Das schafft eine ernste Gefahr. In solchen Fällen erachtet eine erfahrene Partei oder Armee es gewöhnlich für geboten, um sich nicht von ihrer Basis zu lösen, sich etwas zurückzuziehen, etwas tiefer ins eigene Hinterland, um sich fester mit ihrer rückwärtigen Basis zu verbinden, sich mit allem Notwendigen zu versehen und danach aufs neue, mit größerer Zuversicht, mit voller Aussicht auf Erfolg zur Offensive überzugehen. Eben ein solcher zeitweiliger Rückzug war es auch, den Lenin in der NÖP durchführte. In seinem Referat auf dem IV. Weltkongress der Komintern über die Ursachen der Einführung der NÖP sagte Lenin geradeheraus, dass „wir in unserer ökonomischen Offensive zu weit vorausgeeilt waren, dass wir uns nicht die ausreichende Basis gesichert hatten“, und dass es daher notwendig war, einen zeitweiligen Rückzug ins gesicherte Hinterland anzutreten.

Das Pech der Opposition bestand darin, dass sie infolge ihrer Unwissenheit weder damals noch später, bis an ihr Lebensende, diese Besonderheit des Rückzugs unter der NÖP begriff.

Der Beschluss des X. Parteitags über die NÖP sicherte das feste ökonomische Bündnis der Arbeiterklasse und der Bauernschaft zum Aufbau des Sozialismus.

Dieser Grundaufgabe diente auch ein anderer Beschluss des Parteitags, der Beschluss über die nationale Frage. Das Referat zur nationalen Frage hielt Genosse Stalin. Wir haben das nationale Joch beseitigt, führte Genosse Stalin aus, aber das genügt nicht. Die Aufgabe besteht darin, das schwere Erbe der Vergangenheit, die wirtschaftliche, politische und kulturelle Rückständigkeit der früher unterjochten Völker, zu beseitigen. Man muss ihnen helfen, in dieser Beziehung Zentralrussland einzuholen.

Genosse Stalin wies weiter auf zwei parteifeindliche Abweichungen in der nationalen Frage hin: den Großmachtchauvinismus (den großrussischen Chauvinismus) und den lokalen Nationalismus. Der Parteitag verurteilte beide Abweichungen als für den Kommunismus und den proletarischen Internationalismus schädlich und gefährlich. Dabei aber führte der Parteitag seinen Hauptschlag gegen die Großmachtseinstellung als gegen die Hauptgefahr, das heißt gegen die Überreste und Überbleibsel einer Einstellung zu den Nationalitäten, wie sie die großrussischen Chauvinisten unter dem Zarismus den nichtrussischen Völkern gegenüber an den Tag gelegt hatten.

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