GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL X
Die Partei der Bolschewiki im Kampfe für die sozialistische Industrialisierung des Landes
(1926-1929)

2
Die Erfolge der sozialistischen Industrialisierung
Das Zurückbleiben der Landwirtschaft
Der XV. Parteitag
Der Kurs auf die Kollektivierung der Landwirtschaft
Die Zerschmetterung des trotzkistisch-sinowjewistischen Blocks
Die politische Doppelzünglerei

Schon gegen Ende 1927 zeigten sich entscheidende Erfolge der Politik der sozialistischen Industrialisierung. Die Industrialisierung vermochte unter den Bedingungen der Neuen Ökonomischen Politik in kurzer Frist eine bedeutende Aufwärtsbewegung herbeizuführen. Die Industrie und die Landwirtschaft als Ganzes (Forstwirtschaft und Fischerei mit inbegriffen) hatten in ihrer Gesamtproduktion das Vorkriegsniveau nicht nur erreicht, sondern sogar überholt. Der Anteil der Industrie an der Volkswirtschaft war auf 42 Prozent gestiegen und erreichte das Niveau der Vorkriegszeit.

Der sozialistische Sektor der Industrie wuchs rasch auf Kosten des privatwirtschaftlichen Sektors und erhöhte sich von 81 Prozent im Jahre 1924/25 auf 86 Prozent im Jahre 1926/27, während der Anteil des privatwirtschaftlichen Sektors in derselben Periode von 19 Prozent auf 14 Prozent zurückging.

Das bedeutete, dass die Industrialisierung in der Sowjetunion einen scharf ausgeprägten sozialistischen Charakter trug, dass sich die Industrie der Sowjetunion in der Richtung zum Sieg des sozialistischen Produktionssystems entwickelte, dass auf dem Gebiete der Industrie die Frage „Wer - wen?“ bereits zugunsten des Sozialismus entschieden war.

Ebenso schnell wurde der Privathändler aus dem Handel verdrängt. Sein Anteil sank im Kleinhandel von 42 Prozent im Jahre 1924/25 auf 32 Prozent im Jahre 1926/27, vom Großhandel gar nicht zu sprechen, wo der Anteil des Privathändlers in derselben Periode von 9 Prozent auf 5 Prozent zurückging.

In noch schnellerem Tempo wuchs die sozialistische Großindustrie, die im Jahre 1927, im ersten Jahre nach der Wiederherstellungsperiode, gegenüber dem vorhergehenden Jahre einen Produktionszuwachs von 18 Prozent ergab. Das war eine Rekordziffer der Zunahme, unerreichbar für die Großindustrie selbst der fortgeschrittensten Länder des Kapitalismus.

Ein anderes Bild bot die Landwirtschaft, besonders die Getreidewirtschaft. Obwohl die Landwirtschaft als Ganzes das Vorkriegsniveau überschritten hatte, betrug die Gesamtproduktion ihres Hauptzweiges - der Getreidewirtschaft - nur 91 Prozent des Vorkriegsniveaus und der Warenteil der Getreideproduktion, der zur Versorgung der Städte zum Verkaufe gelangt, kaum 37 Prozent des Vorkriegsniveaus, wobei alle Anzeichen darauf hindeuteten, dass die Gefahr eines weiteren Rückgangs des Warenteils der Getreideproduktion bestand.

Das bedeutete, dass die Zerbröckelung der großen warenproduzierenden Wirtschaften im Dorfe in Kleinwirtschaften und der Kleinwirtschaften in Zwergwirtschaften, die im Jahre 1918 eingesetzt hatte, noch immer andauerte; dass die bäuerliche Klein- und Zwergwirtschaft sich in eine Halbnaturalwirtschaft verwandelte, die nur ein Minimum an Warengetreide liefern konnte, dass die Getreidewirtschaft der Periode des Jahres 1927, obwohl sie nicht viel weniger Getreide produzierte als die Getreidewirtschaft der Vorkriegszeit, dennoch nur etwas mehr als den dritten Teil jener Getreidemenge an die Städte verkaufen konnte, die die Getreidewirtschaft der Vorkriegszeit zu verkaufen imstande war.

Es unterlag keinem Zweifel, dass die Armee und die Städte der Sowjetunion bei einem solchen Stand der Getreidewirtschaft in eine Lage chronischen Hungers geraten mussten.

Das war eine Krise der Getreidewirtschaft, der eine Krise der Viehzucht folgen musste.

Um aus dieser Lage herauszukommen, musste man in der Landwirtschaft zur Großproduktion übergehen, die imstande ist, mit Traktoren und landwirtschaftlichen Maschinen zu arbeiten und den Warenteil der Getreidewirtschaft um ein Mehrfaches zu erhöhen. Das Land stand vor zwei Möglichkeiten: entweder zur kapitalistischen Großproduktion überzugehen, was den Ruin der Bauernmassen, den Zusammenbruch des Bündnisses zwischen der Arbeiterklasse und der Bauernschaft, die Stärkung des Kulakentums und die Niederlage des Sozialismus im Dorfe bedeutet hätte, oder den Weg der Vereinigung der kleinen Bauernwirtschaften zu sozialistischen Großwirtschaften, zu Kollektivwirtschaften zu beschreiten, die imstande sind, Traktoren und andere moderne Maschinen zu benutzen, um die Getreidewirtschaft und den Warenteil ihrer Produktion rasch zu heben.

Es ist verständlich, dass die Partei der Bolschewiki und der Sowjetstaat nur den zweiten Weg beschreiten konnten, den Weg der kollektivwirtschaftlichen Entwicklung der Landwirtschaft.

Dabei stützte sich die Partei auf folgende Hinweise Lenin s über die Notwendigkeit des Übergangs von den bäuerlichen Kleinwirtschaften zum kollektiven landwirtschaftlichen Großbetrieb in der Form des Artels:

a) „Mit der Kleinwirtschaft kann man aus der Not nicht herauskommen.“ ( Lenin , Ausgew. Werke, Bd. 8, S. 204.)

b) „Wenn wir in althergebrachter Weise in kleinen Wirtschaften hockenbleiben, und sei es auch als freie Bürger auf freier Scholle, so droht uns dennoch der unvermeidliche Untergang.“ ( Lenin , Sämtl. Werke, Bd. XX, S. 417 russ.)

c) „Wenn die Bauernwirtschaft sich weiterentwickeln kann, so muss man auch den weiteren Übergang (zur höheren Entwicklungsstufe. Der Übers.) auf fester Basis sichern, der weitere Übergang aber besteht unweigerlich darin, dass die am wenigsten vorteilhafte und am meisten rückständige, zersplitterte bäuerliche Kleinwirtschaft sich durch allmählichen Zusammenschluss zur gesellschaftlichen Großlandwirtschaft organisiert.“ ( Lenin , Sämtl. Werke, Bd. XXVI, S. 371.)

d) „Nur in dem Falle, dass es gelingt, den Bauern die Vorzüge der gesellschaftlichen, kollektiven, gemeinschaftlichen, artelmäßigen Bodenbestellung in der Praxis vor Augen zu führen, nur wenn es gelingt, dem Bauern mittels der gemeinschaftlichen, der Artelwirtschaft zu helfen, nur dann wird die Arbeiterklasse, die die Staatsmacht in der Hand hat, den Bauern wirklich den Beweis erbringen, dass sie im Rechte ist, und die Millionenmassen der Bauern fest und wirklich auf ihre Seite ziehen.“ ( Lenin , Ausgew. Werke, Bd. 8, S. 207.)

Das war die Situation vor dem XV. Parteitag.

Der XV. Parteitag wurde am 2. Dezember 1927 eröffnet. Auf dem Parteitag waren 898 Delegierte mit beschließender und 771 mit beratender Stimme anwesend, die 887233 Parteimitglieder und 348957 Kandidaten vertraten.

Genosse Stalin, der in seinem Rechenschaftsbericht die Erfolge der Industrialisierung und das rasche Wachstum der sozialistischen Industrie hervorhob, stellte der Partei die Aufgabe:

„Unsere sozialistischen Kommandohöhen in allen Zweigen der Volkswirtschaft, sowohl in der Stadt als auch im Dorfe, zu erweitern und zu festigen, und auf die Liquidierung der kapitalistischen Elemente in der Volkswirtschaft hinzusteuern.“

Als Genosse Stalin die Landwirtschaft mit der Industrie verglich und dabei die Rückständigkeit der Landwirtschaft und besonders der Getreidewirtschaft feststellte - eine Rückständigkeit, die sich aus der Zersplitterung der Landwirtschaft erklärte, welche die Anwendung moderner technischer Mittel verhinderte -, betonte er, dass dieser unerfreuliche Zustand der Landwirtschaft für die gesamte Volkswirtschaft eine bedrohliche Lage schaffe.

„Wo ist nun der Ausweg?“ fragte Genosse Stalin.

„Der Ausweg“, antwortete Genosse Stalin, „liegt im Übergang der kleinen, zersplitterten Bauernwirtschaften zu großen, zusammengeschlossenen Wirtschaften auf der Grundlage der gesellschaftlichen Bodenbestellung, im Übergang zur kollektiven Bodenbestellung, auf der Grundlage der modernen, höheren Technik. Der Ausweg liegt darin, die bäuerlichen Klein- und Zwergwirtschaften allmählich, aber unentwegt, nicht durch Zwang, sondern durch Beispiel und Überzeugung zu Großwirtschaften zusammenzuschließen auf der Grundlage der gesellschaftlichen, gemeinschaftlichen, kollektiven Bodenbestellung, unter Anwendung landwirtschaftlicher Maschinen und Traktoren, unter Anwendung wissenschaftlicher Methoden zur Intensivierung der Landwirtschaft. Einen anderen Ausweg gibt es nicht.“

Der XV. Parteitag fasste den Beschluss über die allseitige Entfaltung der Kollektivierung der Landwirtschaft. Der Parteitag legte einen Plan zur Erweiterung und Festigung des Netzes der Kollektivwirtschaften und Sowjetwirtschaften fest und gab klare Anweisungen über die Methoden zum Kampfe für die Kollektivierung der Landwirtschaft.

Zugleich gab der Parteitag die Direktive:

„Die Offensive gegen das Kulakentum weiterzuentwickeln und eine Reihe neuer Maßnahmen zu ergreifen, die die Entwicklung des Kapitalismus im Dorfe- einschränken und die Bauernwirtschaft in der Richtung zum Sozialismus führen.“ (Die KPdSU[B] in Resolutionen, Teil 2, S. 260 russ.)

Schließlich beschloss der Parteitag, ausgehend von der Festigung des Planprinzips in der Volkswirtschaft und zum Zwecke der Organisierung einer systematischen Offensive des Sozialismus gegen die kapitalistischen Elemente an der gesamten Front der Volkswirtschaft, den entsprechenden Organen die Direktive zu geben, den ersten Fünfjahrplan der Volkswirtschaft auszuarbeiten.

Nach Behandlung der Fragen des sozialistischen Aufbaus ging der XV. Parteitag zur Frage der Liquidierung des trotzkistisch-sinowjewistischen Blocks über.

Der Parteitag stellte fest, dass „die Opposition mit dem Lenin ismus ideologisch gebrochen hat, zu einer menschewistischen Gruppe entartet ist, den Weg der Kapitulation vor der internationalen und inneren Bourgeoisie beschritten und sich objektiv in ein Werkzeug dieser dritten Kraft gegen das Regime der proletarischen Diktatur verwandelt hat“. (Ebenda, S. 232.)

Der Parteitag stellte fest, dass die Meinungsverschiedenheiten zwischen der Partei und der Opposition in programmatische Meinungsverschiedenheiten umgeschlagen waren, dass die trotzkistische Opposition den Weg des antisowjetischen Kampfes betreten hatte. Daher erklärte der XV. Parteitag die Zugehörigkeit zur trotzkistischen Opposition und die Propagierung ihrer Anschauungen für unvereinbar mit dem Verbleiben in den Reihen der bolschewistischen Partei.

Der Parteitag billigte den Beschluss der vereinigten Sitzung des Zentralkomitees und der Zentralen Kontrollkommission über den Ausschluss Trotzkis und Sinowjews aus der Partei und beschloss, alle aktiven Teilnehmer des trotzkistisch-sinowjewistischen Blocks, wie Radek, Preobrashenski, Rakowski, Pjatakow, Serebrjakow, I. Smirnow, Kamenew, Sarkis, Safarow, Lifschitz, Mdiwani, Smilga, und die ganze Gruppe des „demokratischen Zentralismus“ (Sapronow, W. Smirnow, Boguslawski, Drobnis u. a.) aus der Partei auszuschließen.

Ideologisch aufs Haupt geschlagen und organisatorisch zertrümmert, verloren die Anhänger des trotzkistisch-sinowjewistischen Blocks die letzten Reste ihres Einflusses im Volke.

Die aus der Partei ausgeschlossenen Anti Lenin isten begannen einige Zeit nach dem XV. Parteitag, Erklärungen über ihren Bruch mit dem Trotzkismus abzugeben mit der Bitte, sie wieder in die Partei aufzunehmen. Natürlich konnte die Partei damals noch nicht wissen, dass Trotzki, Rakowski, Radek, Krestinski, Sokolnikow und andere schon seit langem Volksfeinde, von der ausländischen Spionage angeworbene Spione waren, dass Kamenew, Sinowjew, Pjatakow und andere bereits Verbindungen mit den Feinden der Sowjetunion in den kapitalistischen Ländern aufnahmen, um mit ihnen eine „Arbeitsgemeinschaft“ gegen das Sowjetvolk einzugehen. Die Partei hatte aber genügend Erfahrung darin, dass man von diesen Leuten, die wiederholt in den entscheidendsten Momenten gegen Lenin und die Lenin sche Partei aufgetreten waren, jede Niederträchtigkeit erwarten konnte. Deshalb verhielt sich die Partei zu den Gesuchen der Ausgeschlossenen misstrauisch. Um die Aufrichtigkeit der Gesuchsteller einer ersten Prüfung zu unterziehen, stellte sie als Bedingungen für die Wiederaufnahme in die Partei folgende Forderungen:

a) offene Verurteilung des Trotzkismus als einer antibolschewistischen und antisowjetischen Ideologie;

b) offene Anerkennung der Politik der Partei als der einzig richtigen Politik;

c) unbedingte Unterwerfung unter die Beschlüsse der Partei und ihrer Organe;

d) die Verpflichtung, sich einer Prüfung während einer bestimmten Frist zu unterziehen, in deren Verlauf die Partei die Gesuchsteller überprüft und nach deren Ablauf die Partei, je nach den Ergebnissen der Überprüfung, die Frage der Wiederaufnahme jedes Ausgeschlossenen gesondert behandelt.

Die Partei ließ sich hierbei davon leiten, dass die offene Anerkennung dieser Punkte durch die Ausgeschlossenen unter allen Umständen von positiver Bedeutung für die Partei sein musste, da sie die Einheit der trotzkistisch-sinowjewistischen Reihen sprengen, in sie Zersetzung hineintragen sowie die Richtigkeit der Politik der Partei und die Macht der Partei nochmals demonstrieren und der Partei ermöglichen werde, im Falle der Aufrichtigkeit der Gesuchsteller, ehemalige Parteiarbeiter zur Partei zurückzubringen, im Falle ihrer Unaufrichtigkeit aber, sie in den Augen aller zu entlarven, und zwar schon nicht mehr als Leute, die irren, sondern als ideenlose Karrieristen, als Betrüger an der Arbeiterklasse und ausgemachte Doppelzüngler.

Die meisten Ausgeschlossenen nahmen die von der Partei aufgestellten Bedingungen für die Aufnahme in die Partei an und veröffentlichten in der Presse entsprechende Erklärungen.

Die Partei, die sie schonen und ihnen nicht die Möglichkeit versagen wollte, von neuem Menschen der Partei und der Arbeiterklasse zu werden, setzte sie wieder in die Rechte von Parteimitgliedern ein.

Im Laufe der Zeit stellte sich jedoch heraus, dass die Erklärungen der „aktiven Politiker“ des trotzkistisch-sinowjewistischen Blocks mit wenigen Ausnahmen durch und durch verlogene doppelzünglerische Erklärungen waren.

Es erwies sich, dass diese Herrschaften noch vor der Einreichung ihrer Gesuche aufgehört hatten, eine politische Strömung darzustellen, die bereit ist, ihre Anschauungen vor dem Volke zu vertreten, dass sie sich in eine Clique ideenloser Karrieristen verwandelt hatten, bereit, die Reste ihrer Anschauungen vor aller Augen mit Füßen zu treten, bereit, die ihr fremden Anschauungen der Partei vor aller Augen lobzupreisen, bereit, gleich Chamäleons jede beliebige Farbe anzunehmen, nur um sich in der Partei, in der Arbeiterklasse zu behaupten und die Möglichkeit zu haben, die Arbeiterklasse und ihre Partei heim-tückisch zu schädigen.

Die trotzkistisch-sinowjewistischen „Politiker“ erwiesen sich als politische Gauner, als politische Doppelzüngler.

Politische Doppelzüngler beginnen gewöhnlich mit Betrug und betreiben ihr dunkles Werk durch Betrug am Volke, an der Arbeiter-klasse, an der Partei der Arbeiterklasse. Aber politische Doppelzüngler kann man nicht lediglich als Betrüger betrachten. Politische Doppelzüngler bilden eine Clique ideenloser politischer Karrieristen, die schon längst das Vertrauen des Volkes verloren haben und bestrebt sind, sich durch Betrug, Schwindel und Gaunerei - mit allen erdenklichen Mitteln - neuerlich das Vertrauen zu erschleichen, nur um sich den Ruf von Politikern zu erhalten. Politische Doppelzüngler stellen eine Clique prinzipienloser politischer Karrieristen dar, die bereit sind, sich auf wen immer zu stützen, sei es auch auf kriminelle Elemente, sei es auf den Abschaum der Gesellschaft, sei es auf die geschworenen Feinde des Volkes, nur um im „geeigneten Moment“ erneut auf der politischen Bildfläche zu erscheinen und sich dem Volke als „Regierende“ auf den Nacken zu setzen.

Eben als solche politische Doppelzüngler erwiesen sich die trotzkistisch-sinowjewistischen „Politiker“.

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