GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL XI
Die Partei der Bolschewiki im Kampfe für die Kollektivierung der Landwirtschaft
(1930-1934)

1
Die internationale Lage in den Jahren 1930-1934
Die Wirtschaftskrise in den kapitalistischen Ländern
Die Annexion der Mandschurei durch Japan
Der Machtantritt der Faschisten in Deutschland
Zwei Kriegsherde

Während die Sowjetunion in der sozialistischen Industrialisierung des Landes große Erfolge erzielte und in schnellem Tempo die Industrie entwickelte, brach in den Ländern des Kapitalismus Ende 1929 eine Weltwirtschaftskrise von beispiellos zerstörender Gewalt aus und vertiefte sich in den folgenden drei Jahren. Die Industriekrise verflocht sich mit der landwirtschaftlichen Krise, der Agrarkrise, und dies verschlimmerte die Lage der kapitalistischen Länder noch mehr.

Während in der Sowjetunion in den drei Jahren der Weltwirtschaftskrise (von 1930 bis 1933) die Industrieproduktion auf mehr als das Doppelte stieg und im Jahre 1933 201 Prozent im Vergleich zum Niveau des Jahres 1929 betrug, fiel die Industrieproduktion der Vereinigten Staaten gegen Ende 1933 auf 65 Prozent des Niveaus von 1929, die Englands auf 86 Prozent, Deutschlands auf 66 Prozent, Frankreichs auf 77 Prozent.

Diese Sachlage zeigte noch einmal die Überlegenheit des sozialistischen Wirtschaftssystems über das kapitalistische System. Sie zeigte, dass das Land des Sozialismus das einzige von Wirtschaftskrisen freie Land der Welt ist.

Infolge der Weltwirtschaftskrise wurden 24 Millionen Arbeitslose zu Hunger, Elend und Qualen verurteilt. Unter der Agrarkrise litten Millionen und aber Millionen Bauern.

Die Weltwirtschaftskrise verschärfte noch mehr die Gegensätze zwischen den imperialistischen Staaten, zwischen den Siegerländern und den besiegten Ländern, zwischen den imperialistischen Staaten und den kolonialen und abhängigen Ländern, zwischen Arbeitern und Kapitalisten, zwischen Bauern und Gutsbesitzern.

Genosse Stalin wies auf dem XVI. Parteitag in seinem Rechenschaftsbericht darauf hin, dass die Bourgeoisie einen Ausweg aus der Wirtschaftskrise suchen wird - einerseits in der Niederschlagung der Arbeiterklasse durch Aufrichtung der faschistischen Diktatur, das heißt der Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, imperialistischsten Elemente des Kapitalismus, anderseits in der Entfesselung des Krieges um die Neuaufteilung der Kolonien und Einflusssphären auf Kosten der Interessen der mangelhaft geschützten Länder.

So ist es auch gekommen.

Im Jahre 1932 verschärfte sich die Kriegsgefahr von Seiten Japans. Als die japanischen Imperialisten sahen, dass die europäischen Mächte und die Vereinigten Staaten infolge der Wirtschaftskrise von ihren inneren Angelegenheiten völlig in Anspruch genommen waren, beschlossen sie, die Gelegenheit zu benutzen und den Versuch zu machen, das mangelhaft geschützte China unter Druck zu setzen, es zu unterwerfen und dort Herr der Lage zu werden. Ohne China den Krieg zu erklären und nach Gaunermanier die von ihnen selbst herbeigeführten „örtlichen Zwischenfälle“ ausnutzend, ließen die japanischen Imperialisten ihre Truppen hinterrücks in die Mandschurei einmarschieren. Die japanischen Truppen besetzten die ganze Mandschurei und bereiteten sich günstige Stellungen für die Annexion Nordchinas und für einen Überfall auf die Sowjetunion vor. Um freie Hand zu bekommen, trat Japan aus dem Völkerbund aus und begann intensiv aufzurüsten.

Dieser Umstand gab den Anstoß zur Verstärkung der Seerüstungen der Vereinigten Staaten, Englands und Frankreichs im Fernen Osten. Japan verfolgte offenkundig das Ziel, China zu unterwerfen und die europäischen und amerikanischen imperialistischen Mächte von dort zu verdrängen. Diese antworteten darauf mit der Verstärkung ihrer Rüstungen.

Japan stellte sich jedoch auch ein anderes Ziel - die Eroberung des sowjetischen Fernen Ostens. Selbstverständlich konnte die Sowjetunion diese Gefahr nicht unbeachtet lassen und begann, die Wehrkraft ihrer Fernöstlichen Region intensiv zu verstärken.

So bildete sich durch das Treiben der faschisierten japanischen Imperialisten im Fernen Osten der erste Kriegsherd.

Die Wirtschaftskrise verschärfte die Widersprüche des Kapitalismus nicht nur im Fernen Osten. Sie verschärfte sie auch in Europa. Die lang anhaltende Krise der Industrie und Landwirtschaft, die ungeheure Arbeitslosigkeit und die zunehmende Existenzunsicherheit der besitzlosen Klassen verstärkten die Unzufriedenheit der Arbeiter und Bauern. Die Unzufriedenheit begann in revolutionäre Empörung der Arbeiterklasse umzuschlagen. Die Unzufriedenheit verstärkte sich besonders in Deutschland, einem Lande, das durch den Krieg, die Kontributionen an die englisch-französischen Sieger und durch die Wirtschaftskrise wirtschaftlich erschöpft war, wo die Arbeiterklasse das Joch nicht nur ihrer eigenen, sondern auch der ausländischen, der englischen und französischen Bourgeoisie zu tragen hatte. Ein beredtes Zeugnis dafür waren die sechs Millionen Stimmen, die die Kommunistische Partei Deutschlands bei den letzten Reichstagswahlen vor dem Machtantritt der Faschisten erhielt. Die deutsche Bourgeoisie sah, dass die in Deutschland noch erhalten gebliebenen bürgerlich-demokratischen Freiheiten ihr einen bösen Streich spielen konnten, dass die Arbeiterklasse diese Freiheiten für die Entfaltung der revolutionären Bewegung ausnutzen konnte. Deshalb kam sie zu dem Schluss, dass es für die Erhaltung der Macht der Bourgeoisie in Deutschland nur ein Mittel gebe - die bürgerlichen Freiheiten zu vernichten, das Parlament (den Reichstag) völlig auszuschalten und eine terroristische bürgerlich-nationalistische Diktatur zu errichten, die imstande wäre, die Arbeiterklasse niederzuschlagen und unter den von Revanchestimmungen beherrschten kleinbürgerlichen Massen eine Basis zu finden. Und sie rief die faschistische Partei, die sich zur Irreführung des Volkes nationalsozialistische Partei nennt, an die Macht, da sie sehr wohl wusste, dass die Partei der Faschisten erstens den reaktionärsten und arbeiterfeindlichsten Teil der imperialistischen Bourgeoisie darstellt und zweitens die extremste Revanchepartei ist, die die Millionenmassen des nationalistisch gestimmten Kleinbürgertums mit sich zu reißen vermag. Dabei halfen ihr die Verräter der Arbeiterklasse, die Führer der deutschen Sozialdemokratie, die durch ihre Paktiererpolitik dem Faschismus den Weg ebneten.

Das waren die Umstände, die dafür ausschlaggebend waren, dass die deutschen Faschisten im Jahre 1933 die Macht erlangten.

Bei der Analyse der Ereignisse in Deutschland sagte Genosse Stalin auf dem XVII. Parteitag in seinem Rechenschaftsbericht:

„Den Sieg des Faschismus in Deutschland darf man nicht nur als ein Zeichen der Schwäche der Arbeiterklasse und als Ergebnis der Verrätereien an der Arbeiterklasse seitens der Sozialdemokratie betrachten, die dem Faschismus den Weg ebnete. Man muss ihn auch als Zeichen der Schwäche der Bourgeoisie betrachten, als Zeichen dafür, dass die Bourgeoisie nicht mehr imstande ist, mit den alten Methoden des Parlamentarismus und der bürgerlichen Demokratie zu herrschen, und in Anbetracht dessen gezwungen ist, in der Innenpolitik zu terroristischen Regierungsmethoden zu greifen...“ (Stalin, Fragen des Lenin ismus, S. 522.)

Ihrer Innenpolitik drückten die deutschen Faschisten ihren Stempel auf - durch die Reichstagsbrandstiftung, durch die bestialische Unterdrückung der Arbeiterklasse, durch die Vernichtung der Organisationen der Arbeiterklasse, durch die Vernichtung der bürgerlich-demokratischen Freiheiten; ihrer Außenpolitik - durch den Austritt aus dem Völkerbund und die offenen Vorbereitungen zum Kriege für die gewaltsame Revision der Grenzen der europäischen Staaten zugunsten Deutschlands.

So bildete sich durch das Treiben der deutschen Faschisten im Zentrum Europas der zweite Kriegsherd.

Selbstverständlich konnte die Sowjetunion diese ernste Tatsache nicht unbeachtet lassen. Sie begann den Gang der Ereignisse im Westen mit verschärfter Aufmerksamkeit zu verfolgen und verstärkte die Wehrkraft des Landes an seinen westlichen Grenzen.

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