GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL XI
Die Partei der Bolschewiki im Kampfe für die Kollektivierung der Landwirtschaft
(1930-1934)

2
Von der Politik der Einschränkung der Kulakenelemente zur Politik der Liquidierung des Kulakentums als Klasse
Der Kampf gegen die Entstellungen der Politik der Partei in der Kollektivwirtschaftsbewegung
Die Offensive gegen die kapitalistischen Elemente an der ganzen Front
Der XVI. Parteitag

Der Masseneintritt der Bauern in die Kollektivwirtschaften, der sich in den Jahren 1929/30 vollzog, war das Ergebnis der gesamten vorhergehenden Arbeit der Partei und der Regierung. Das Wachstum der sozialistischen Industrie, die Traktoren und Maschinen für die Landwirtschaft massenweise herzustellen begann; der entschiedene Kampf gegen das Kulakentum während der Getreidebeschaffungskampagnen von 1928 und 1929; das Wachstum der landwirtschaftlichen Genossenschaften, die den Bauern allmählich an kollektives Wirtschaften gewöhnten; die guten Erfahrungen der ersten Kollektivwirtschaften und Sowjetwirtschaften - all dies bereitete den Übergang zur durchgängigen Kollektivierung vor, den Eintritt der Bauern ganzer Dörfer, Rayons und Kreise in die Kollektivwirtschaften.

Der Übergang zur durchgängigen Kollektivierung erfolgte nicht in Form eines einfachen und friedlichen Eintritts der großen Masse der Bauernschaft in die Kollektivwirtschaften, sondern in Form des Massenkampfes der Bauern gegen das Kulakentum. Die durchgängige Kollektivierung bedeutete, dass der gesamte Grund und Boden im Bereiche des Dorfes in die Hände der Kollektivwirtschaft überging; da sich aber ein bedeutender Teil dieses Bodens in den Händen der Kulaken befand, verjagten die Bauern die Kulaken vom Boden, führten die Kulakenenteignung durch, nahmen ihnen das Vieh, die Maschinen und forderten von der Sowjetmacht die Verhaftung und Aussiedlung der Kulaken.

Die durchgängige Kollektivierung bedeutete somit die Liquidierung des Kulakentums.

Das war die Politik der Liquidierung des Kulakentums als Klasse auf der Grundlage der durchgängigen Kollektivierung.

Zu dieser Zeit war in der Sowjetunion schon eine ausreichende materielle Basis vorhanden, um mit dem Kulakentum Schluss zu machen, seinen Widerstand zu brechen, es als Klasse zu liquidieren und seine Produktion durch die Produktion der Kollektivwirtschaften und Sowjetwirtschaften zu ersetzen.

Noch im Jahre 1927 erzeugten die Kulaken mehr als 600 Millionen Pud Getreide, von denen sie ungefähr 130 Millionen Pud als Warengetreide lieferten. Die Kollektivwirtschaften und Sowjetwirtschaften hingegen konnten im Jahre 1927 nur 35 Millionen Pud Warengetreide liefern. Im Jahre 1929 waren dank dem festen Kurs der bolschewistischen Partei auf die Entwicklung der Sowjetwirtschaften und Kollektivwirtschaften und dank den Erfolgen der sozialistischen Industrie, die das Dorf mit Traktoren und landwirtschaftlichen Maschinen versorgte, die Kollektivwirtschaften und Sowjetwirtschaften zu einer beträchtlichen Kraft herangewachsen. Schon in diesem Jahre erzeugten die Kollektivwirtschaften und Sowjetwirtschaften nicht weniger als 400 Millionen Pud Getreide, von denen sie schon über 130 Millionen Pud als Warengetreide lieferten, das heißt mehr als die Kulaken im Jahre 1927. Im Jahre 1930 aber sollten die Kollektivwirtschaften und Sowjetwirtschaften mehr als 400 Millionen Pud Warengetreide liefern, das heißt unvergleichlich mehr als das Kulakentum im Jahre 1927, und sie lieferten sie in der Tat.

Auf diese Weise bot die Verschiebung der Klassenkräfte im Wirtschaftsleben des Landes und das Vorhandensein der materiellen Basis, die notwendig war, um die Getreideproduktion der Kulaken durch die Produktion der Kollektivwirtschaften und Sowjetwirtschaften zu ersetzen, der bolschewistischen Partei die Möglichkeit, von der Politik der Einschränkung des Kulakentums zu einer neuen Politik, zur Politik der Liquidierung des Kulakentums als Klasse auf der Grundlage der durchgängigen Kollektivierung überzugehen.

Bis zum Jahre 1929 betrieb die Sowjetmacht die Politik der Einschränkung des Kulakentums. Die Sowjetmacht legte dem Kulaken erhöhte Steuern auf, verlangte von ihm, dass er das Getreide zu festen Preisen an den Staat verkaufe, beschränkte durch das Gesetz über die Bodenpacht die Bodennutzung durch die Kulaken auf ein bestimmtes Maß, beschränkte die Größe der kulakischen Wirtschaft durch das Gesetz über die Anwendung von Lohnarbeit in der bäuerlichen Einzelwirtschaft. Sie betrieb aber noch nicht die Politik der Liquidierung des Kulakentums, denn die Gesetze über die Bodenpacht und die Lohnarbeit ließen die Existenz des Kulakentums zu, und das Verbot der Kulakenenteignung gab in dieser Hinsicht eine bestimmte Garantie. Diese Politik führte dazu, dass das Wachstum des Kulakentums gehemmt wurde, dass einzelne Schichten des Kulakentums, die diese Einschränkungen nicht aushielten, verdrängt wurden und dem Ruin verfielen. Sie vernichtete jedoch nicht die wirtschaftlichen Grundlagen des Kulakentums als Klasse, sie führte nicht zur Liquidierung des Kulakentums. Das war eine Politik der Einschränkung, aber nicht der Liquidierung des Kulakentums. Diese Politik war bis zu einem gewissen Zeitpunkt notwendig, solange die Kollektivwirtschaften und Sowjetwirtschaften noch schwach und nicht imstande waren, durch ihre eigene Produktion die Getreideproduktion der Kulaken zu ersetzen.

Ende 1929 vollzog die Sowjetmacht im Zusammenhang mit dem Wachstum der Kollektivwirtschaften und Sowjetwirtschaften eine schroffe Wendung und ging von dieser Politik ab. Sie ging zur Politik der Liquidierung, zur Politik der Vernichtung des Kulakentums als Klasse über. Sie schaffte die Gesetze über die Bodenpacht und die Lohnarbeit ab und entzog auf diese Weise dem Kulakentum sowohl den Boden als auch die Lohnarbeiter. Sie hob das Verbot der Kulakenenteignung auf. Sie gestattete den Bauern, das Vieh, die Maschinen und anderes Inventar der Kulaken zugunsten der Kollektivwirtschaften zu konfiszieren. Das Kulakentum wurde expropriiert. Es wurde ebenso expropriiert, wie im Jahre 1918 die Kapitalisten in. der Industrie expropriiert worden waren, jedoch mit dem Unterschied, dass in diesem Fall die Produktionsmittel des Kulakentums nicht in die Hände des Staates, sondern in die Hände der vereinigten Bauern, in die Hände der Kollektivwirtschaften übergingen.

Das war eine außerordentlich tiefgehende revolutionäre Umwälzung, ein Sprung aus einem alten qualitativen Zustand der Gesellschaft in einen neuen qualitativen Zustand, eine Umwälzung, die in ihren Auswirkungen der revolutionären Umwälzung vom Oktober 1917 gleichkam.

Die Eigenart dieser Revolution bestand darin, dass sie von oben, auf Initiative der Staatsmacht, mit direkter Unterstützung von unten, durch die Millionenmassen der gegen das Kulakenjoch und für ein freies kollektivwirtschaftliches Leben kämpfenden Bauern, vollzogen wurde.

Diese Revolution entschied mit einem Schlage drei Grundfragen des sozialistischen Aufbaus:

a) sie liquidierte die zahlreichste Ausbeuterklasse in unserem Lande, die Klasse der Kulaken, das Bollwerk einer Restauration des Kapitalismus;

b) sie führte die zahlreichste werktätige Klasse in unserem Lande, die Klasse der Bauern, von dem Weg der Einzelwirtschaft, die den Kapitalismus hervorbringt, auf den Weg der vergesellschafteten, kollektiven, sozialistischen Wirtschaft;

c) sie gab der Sowjetmacht eine sozialistische Basis auf dem breitesten und lebenswichtigsten, aber auch rückständigsten Gebiet der Volkswirtschaft, in der Landwirtschaft.

Damit wurden im Lande die letzten Quellen einer Restauration des Kapitalismus zerstört und zugleich neue, entscheidende, für die Errichtung der sozialistischen Volkswirtschaft notwendige Bedingungen geschaffen.

Als Genosse Stalin im Jahre 1929 die Politik der Liquidierung des Kulakentums als Klasse begründete und die Ergebnisse der Massenbewegung der Bauern für die durchgängige Kollektivierung feststellte, schrieb er:

„Das ‚heilige Prinzip des Privateigentums’, diese letzte Hoffnung der Kapitalisten aller Länder, die von der Wiederherstellung des Kapitalismus in der Sowjetunion träumen, stürzt zusammen und geht in Trümmer. Die Bauern, die sie bloß als Material zur Düngung des Bodens für den Kapitalismus betrachten, verlassen in Massen das viel gepriesene Banner des ‚Privateigentums’ und gehen auf die Bahnen des Kollektivismus, auf die Bahnen des Sozialismus über. Die letzte Hoffnung auf Wiederherstellung des Kapitalismus stürzt zusammen.“ (Stalin, Fragen des Lenin ismus, S. 332.)

Die Politik der Liquidierung des Kulakentums als Klasse wurde verankert in dem historischen Beschluss des Zentralkomitees der KPdSU(B) vom 5. Januar 1930 „Über das Tempo der Kollektivierung und die Hilfsmaßnahmen des Staates für den kollektivwirtschaftlichen Aufbau“. Der Beschluss trug der Mannigfaltigkeit der Bedingungen in den verschiedenen Gegenden der Sowjetunion in vollem Umfange Rechnung wie auch dem ungleichen Grad, in dein die verschiedenen Gebiete der Sowjetunion für die Kollektivierung vorbereitet waren.

Es wurde ein unterschiedliches Tempo der Kollektivierung festgelegt. Das Zentralkomitee der KPdSU(B) teilte die Gebiete der Sowjetunion hinsichtlich des Kollektivierungstempos in drei Gruppen ein.

In die erste Gruppe wurden die wichtigsten Getreidegebiete einbezogen, die für die Kollektivierung am besten vorbereitet waren und mehr Traktoren, mehr Sowjetwirtschaften, mehr Erfahrungen im Kampfe gegen das Kulakentum aus den vorhergegangenen Getreidebeschaffungskampagnen hatten: der Nordkaukasus (Kuban-, Don-, Terekgebiet), das Mittlere und Untere Wolgagebiet. Für diese Gruppe der Getreidegebiete gab das Zentralkomitee die Anweisung, die Kollektivierung im Frühjahr 1931 im Wesentlichen abzuschließen.

Die zweite Gruppe der Getreidegebiete, die die Ukraine, das Zentrale Schwarzerdegebiet, Sibirien, den Ural, Kasachstan und andere Getreidegebiete umfasste, sollte die Kollektivierung erst im Frühjahr 1932 im wesentlichen abschließen.

Die übrigen Gebiete, Regionen und Republiken (das Moskauer Gebiet, Transkaukasien, die mittelasiatischen Republiken usw.) durften die Kollektivierungstermine bis zum Ende des Planjahrfünfts, das heißt bis zum Jahre 1933 erstrecken.

Das Zentralkomitee der Partei erachtete es in Anbetracht des wachsenden Kollektivierungstempos für notwendig, den Bau von Fabriken zur Herstellung von Traktoren, Mähdreschmaschinen, Anhängegeräten für die Traktoren usw. noch mehr zu beschleunigen. Gleichzeitig verlangte das Zentralkomitee, dass „die Tendenzen zur Unterschätzung der Rolle der Pferdezugkraft im gegebenen Stadium der Kollektivwirtschaftsbewegung, Tendenzen, die zur Verschleuderung und zum Ausverkauf der Pferde führen, entschieden bekämpft werden“.

Die Kredite an die Kollektivwirtschaften wurden für das Jahr 1929/30 auf das Doppelte (auf 500 Millionen Rubel) erhöht.

Es wurde die Anweisung gegeben, die Flurbereinigung der Kollektivwirtschaften auf Kosten des Staates durchzuführen.

In dem Beschluss wurde die überaus wichtige Weisung gegeben, dass in der gegenwärtigen Entwicklungsphase die Hauptform der Kollektivwirtschaftsbewegung das landwirtschaftliche Artel ist, in dem nur die hauptsächlichen Produktionsmittel kollektiviert werden.

Das Zentralkomitee warnte die Parteiorganisationen mit allem Nachdruck „vor jedweder von oben erfolgenden ‚Dekretierung’ der Kollektivwirtschaftsbewegung, wodurch die Gefahr heraufbeschworen werden kann, dass der wirkliche sozialistische Wettbewerb in der Organisierung von Kollektivwirtschaften durch ein Spiel mit der Kollektivierung ersetzt wird“. (Die KPdSU[B] in Resolutionen, Teil 2, S. 662 russ.)

Dieser Beschluss des Zentralkomitees brachte Klarheit darüber, wie die neue Politik der Partei im Dorfe in die Tat umzusetzen war.

Auf der Grundlage der Politik der Liquidierung des Kulakentums und der Festlegung der durchgängigen Kollektivierung entfaltete sich eine mächtige Kollektivwirtschaftsbewegung. Die Bauern ganzer Dörfer und Rayons traten in die Kollektivwirtschaften ein und fegten die Kulaken hinweg, befreiten sich vom Kulakenjoch.

Neben den gewaltigen Erfolgen der Kollektivierung zeigten sich aber auch bald Unzulänglichkeiten in der praktischen Arbeit der Parteiarbeiter, Entstellungen der Politik der Partei im kollektivwirtschaftlichen Aufbau. Ungeachtet der Warnungen des Zentralkomitees, dass man sich von den Erfolgen der Kollektivierung nicht allzu sehr hinreißen lassen dürfe, begannen viele Parteiarbeiter die Kollektivierung künstlich zu forcieren, ohne mit den örtlichen und zeitlichen Bedingungen zu rechnen, ohne damit zu rechnen, in welchem Grade die Bauern zum Eintritt in die Kollektivwirtschaften vorbereitet waren.

Es zeigte sich, dass das Prinzip der Freiwilligkeit im kollektivwirtschaftlichen Aufbau verletzt wurde. In einer Reihe von Rayons wurde die Freiwilligkeit durch den Zwang zum Eintritt in die Kollektivwirtschaften ersetzt, unter der Androhung, gegen die Widerstrebenden die „Kulakenenteignung“ in Anwendung zu bringen, ihnen das Wahlrecht zu entziehen usw.

Statt einer vorbereitenden Arbeit und einer geduldigen Aufklärung über die Grundlagen der Politik der Partei auf dem Gebiet der Kollektivierung wurden in einer Reihe von Rayons durch Dekretierung von oben auf bürokratische, kanzleimäßige Weise aufgebauschte Zahlen über angeblich geschaffene Kollektivwirtschaften vorgeschrieben und der Prozentsatz der Kollektivierung künstlich hinaufgeschraubt.

Entgegen den Anweisungen des Zentralkomitees, dass das wichtigste Kettenglied der kollektivwirtschaftlichen Bewegung das landwirtschaftliche Artel ist, in dem nur die hauptsächlichen Produktionsmittel vergesellschaftet werden, erfolgte in einer Reihe von Orten ein törichtes Überspringen der Artels zur Kommune hin, wurde die Vergesellschaftung der Wohngebäude, des dem eigenen Bedarf dienenden Milch- und Kleinviehs, Geflügels usw. vorgenommen.

Die leitenden Funktionäre einiger Gebiete, hingerissen von den ersten Erfolgen der Kollektivierung, verletzten die direkten Anweisungen des Zentralkomitees über das Tempo und die Termine der Kollektivierung. In der Jagd nach aufgebauschten Ziffern orientierte das Moskauer Gebiet seine Funktionäre auf die Beendigung der Kollektivierung im Februar 1930, obwohl es nicht weniger als drei Jahre (bis Ende 1932) zur Verfügung hatte. Noch gröbere Verletzungen ließ man sich in Transkaukasien und in Mittelasien zuschulden kommen.

Die Kulaken und ihre Helfershelfer nutzten diese Überspitzungen zu provokatorischen Zwecken aus und traten mit Vorschlägen hervor, statt der landwirtschaftlichen Artels Kommunen zu organisieren und unverzüglich die Wohngebäude, das Kleinvieh, das Geflügel zu vergesellschaften. Gleichzeitig agitierten die Kulaken dafür, vor dem Eintritt in die Kollektivwirtschaft das Vieh abzuschlachten, wobei sie den Bauern weiszumachen suchten, man würde ihnen in der Kollektivwirtschaft das Vieh „sowieso wegnehmen“. Der Klassenfeind rechnete darauf, dass die Überspitzungen und Fehler, die von den örtlichen Organisationen bei der Kollektivierung begangen wurden, die Bauernschaft erbittern und Revolten gegen die Sowjetmacht hervorrufen würden.

Als Folge der von den Parteiorganisationen begangenen Fehler und der direkten Provokationsakte des Klassenfeindes zeigten sich in der zweiten Hälfte des Februar 1930, bei unzweifelhaften allgemeinen Erfolgen der Kollektivierung, in einer Reihe von Rayons gefährliche Anzeichen einer ernstlichen Unzufriedenheit der Bauernschaft. Hie und da gelang es den Kulaken und ihren Agenten, die Bauern sogar zu direkten antisowjetischen Aktionen aufzustacheln.

Das Zentralkomitee der Partei, das eine Reihe von Alarmsignalen über Verzerrungen der Parteilinie erhielt, die die Kollekti vierung zu vereiteln drohten, begann sofort die Sache wieder einzurenken und die Parteikader auf den Weg der möglichst raschen Behebung der begangenen Fehler zu bringen. Am 2. März 1930 wurde auf Beschluss des Zentralkomitees der Artikel des Genossen Stalin „Vor Erfolgen von Schwindel befallen“ veröffentlicht. In diesem Artikel wurde an alle diejenigen eine Warnung gerichtet, die, hingerissen von den Erfolgen der Kollektivierung, in grobe Fehler verfallen und von der Parteilinie abgewichen waren, an alle diejenigen, die versucht hatten, mit administrativen Maßnahmen auf die Bauern einen Druck auszuüben, um sie auf den kollektivwirtschaftlichen Weg überzuleiten. In dem Artikel wurde mit allem Nachdruck das Prinzip der Freiwilligkeit des kollektivwirtschaftlichen Aufbaus betont und auf die Notwendigkeit hingewiesen, der Mannigfaltigkeit der Bedingungen in den verschiedenen Gebieten der Sowjetunion bei der Bestimmung des Tempos und der Methoden der Kollektivierung Rechnung zu tragen. Genosse Stalin erinnerte daran, dass das wichtigste Kettenglied der Kollektivwirtschaftsbewegung das landwirtschaftliche Artel ist, in dem nur die hauptsächlichen Produktionsmittel, vor allem in der Getreidewirtschaft, vergesellschaftet werden, während die dem Haus anliegenden Grundstücke, die Wohnhäuser, ein Teil des Milchviehs, das Kleinvieh, Geflügel usw. nicht vergesellschaftet werden.

Der Artikel des Genossen Stalin war von größter politischer Bedeutung. Dieser Artikel half den Parteiorganisationen, ihre Fehler zu korrigieren, und führte einen mächtigen Schlag gegen die Feinde der Sowjetmacht, die gehofft hatten, dass es ihnen infolge der Überspitzungen gelingen würde, die Bauernschaft gegen die Sowjetmacht aufzuwiegeln. Die breiten Massen der Bauernschaft überzeugten sich davon, dass die Linie der bolschewistischen Partei nichts gemein hat mit den törichten „linken“ Überspitzungen, die in einzelnen Orten begangen wurden. Der Artikel trug Beruhigung in die Bauernmassen.

Um die mit dem Artikel des Genossen Stalin begonnene Korrigierung der Überspitzungen und Fehler zu Ende zu führen, beschloss das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki), gegen diese Fehler noch einen Schlag zu führen, und veröffentlichte am 15. März 1930 den Beschluss „Über die Bekämpfung der Verzerrungen der Parteilinie in der Kollektivwirtschaftsbewegung“.

Dieser Beschluss enthielt eine eingehende Analyse der begangenen Fehler, die eine Folge des Abweichens von der Lenin -Stalinschen Linie der Partei, das Ergebnis der direkten Verletzung der Parteidirektiven waren.

Das Zentralkomitee wies darauf hin, dass die Praxis der „linken“ Überspitzungen eine direkte Hilfe für den Klassenfeind ist.

Das Zentralkomitee gab die Anweisung: „Funktionäre, die es nicht verstehen oder nicht gewillt sind, einen entschiedenen Kampf gegen die Verzerrungen der Parteilinie zu führen, sind ihrer Posten zu entheben und durch andere zu ersetzen.“ (Die KPdSU[B] in Resolutionen, Teil 2, S. 663 russ.)

Das Zentralkomitee erneuerte die Leitungen einiger Gebiets- und Regionsorganisationen der Partei (Moskauer Gebiet, Transkaukasien), die politische Fehl er begangen hatten und es nicht verstanden, sie zu korrigieren.

Am 3. April 1930 wurde der Artikel des Genossen Stalin „Antwort an die Genossen Kollektivbauern“ veröffentlicht. In ihm wurden die Wurzeln der Fehler in der Bauernfrage und die Hauptfehler in der Kollektivwirtschaftsbewegung aufgezeigt: die unrichtige Behandlung des Mittelbauern, die Verletzung des Lenin schen Prinzips der Freiwilligkeit bei der Schaffung von Kollektivwirtschaften, die Verletzung des Lenin schen Prinzips, der Mannigfaltigkeit der Bedingungen in den verschiedenen Gebieten der Sowjetunion Rechnung zu tragen, das überspringen des Artels zur Kommune hin.

Durch all diese Maßnahmen erreichte die Partei die Beseitigung der Überspitzungen, die in einer Reihe von Rayons von den örtlichen Funktionären begangen worden waren.

Es bedurfte der größten Festigkeit des Zentralkomitees, der Fähigkeit, sich gegen den Strom zu stellen, um einen bedeutenden Teil der Parteikader, denjenigen Teil, der von den Erfolgen hingerissen, jählings hinab glitt und von der Parteilinie abgetrieben wurde, rechtzeitig auf den richtigen Weg zu lenken.

Die Partei erreichte, dass die Verzerrungen der Parteilinie in der Kollektivwirtschaftsbewegung ausgemerzt wurden.

Auf dieser Grundlage wurden die Erfolge der Kollektivwirtschaftsbewegung verankert.

Auf dieser Grundlage wurde der Boden für ein neues mächtiges Anwachsen der Kollektivwirtschaftsbewegung geschaffen.

Bis zum Übergang der Partei zur Politik der Liquidierung des Kulakentums als Klasse wurde eine ernsthafte Offensive gegen die kapitalistischen Elemente mit dem Ziele ihrer Liquidierung vorwiegend in der Stadt, auf dem Gebiete der Industrie, geführt. Die Landwirtschaft, das Dorf, blieb zunächst hinter der Industrie, hinter der Stadt, zurück. Infolgedessen trug die Offensive den Charakter eines nur an einer Stelle geführten Angriffs, einen unvollständigen, keinen allgemeinen Charakter. Jetzt aber, als die Rückständigkeit des Dorfes immer mehr in die Vergangenheit versank, der Kampf der Bauernschaft für die Liquidierung des Kulakentums mit aller Klarheit hervortrat und die Partei zur Politik der Liquidierung des Kulakentums überging, nahm die Offensive gegen die kapitalistischen Elemente allgemeinen Charakter an; die an einer Stelle geführte Offensive ging in eine Offensive an der ganzen Front über. Zur Zeit der Einberufung des XVI. Parteitags entfaltete sich die allgemeine Offensive gegen die kapitalistischen Elemente bereits auf der ganzen Linie.

Der XVI. Parteitag trat am 26. Juni 1930 zusammen. Auf dem Parteitag waren 1268 Delegierte mit beschließender und 891 mit beratender Stimme anwesend, die 1260874 Parteimitglieder und 711 609 Kandidaten vertraten.

Der XVI. Part eitag ging in die Geschichte der Partei ein als 386 „Parteitag der voll entfalteten Offensive des Sozialismus an der ganzen Front, der Liquidierung des Kulakentums als Klasse und der Verwirklichung der durchgängigen Kollektivierung“. (Stalin.)

Im politischen Bericht des Zentralkomitees zeigte Genosse Stalin, welche großen Siege die bolschewistische Partei durch die Entfaltung der sozialistischen Offensive errungen hatte.

Auf dem Gebiete der sozialistischen Industrialisierung hatte der Anteil der Industrie an der Bruttoproduktion der gesamten Volkswirtschaft den Anteil der Landwirtschaft bereits übertroffen. Im Wirtschaftsjahr 1929130 betrug der Anteil der Industrie bereits nicht weniger als 53 Prozent der Bruttoproduktion der gesamten Volkswirtschaft, der Anteil der Landwirtschaft ungefähr 47 Prozent.

Zur Zeit des XV. Parteitags im Jahre 1926/27 hatte die Bruttoproduktion der gesamten Industrie insgesamt nur 102,5 Prozent des Vorkriegsniveaus erreicht, zur Zeit des XVI. Parteitags aber, das heißt im Jahre 1929/30, gegen 180 Prozent des Vorkriegsniveaus.

Immer mehr festigte sich die Schwerindustrie - die Produktion von Produktionsmitteln, der Maschinenbau.

„... Wir stehen am Vorabend der Umwandlung unseres Landes ans einem Agrarland in ein Industrieland“, erklärte Genosse Stalin unter stürmischem Beifall des gesamten Parteitags.

Das hohe Entwicklungstempo der Industrie durfte jedoch, erklärte Genosse Stalin, nicht mit dem Entwicklungsniveau der Industrie verwechselt werden. Ungeachtet des beispiellosen Entwicklungstempos der sozialistischen Industrie sind wir hinter dem Entwicklungsniveau der fortgeschrittenen kapitalistischen Länder noch weit zurückgeblieben. So war es mit der Erzeugung von elektrischer Energie, trotz der kolossalen Erfolge der Elektrifizierung in der Sowjetunion. So war es mit der Metallgewinnung. Die Erzeugung von Roheisen sollte in der Sowjetunion laut Plan Ende 1929/30 5,5 Millionen Tonnen betragen, während die Roheisengewinnung in Deutschland im Jahre 1929 13,4 Millionen Tonnen, in Frankreich 10,45 Millionen Tonnen betrug. Um in kürzester Frist unsere technisch-ökonomische Rückständigkeit zu beseitigen, war eine weitere Beschleunigung des Entwicklungstempos unserer Industrie notwendig, war der entschiedenste Kampf gegen die Opportunisten notwendig, die bestrebt waren, das Entwicklungstempo der sozialistischen Industrie zu verlangsamen.

„... Leute, die von der Notwendigkeit einer Verlangsamung des Entwicklungstempos unserer Industrie schwatzen, sind Feinde des Sozialismus, Agenten unserer Klassenfeinde“, betonte Genosse Stalin. (Stalin, Politischer Bericht des ZK an den XVI. Parteitag der KPdSU[B], Dietz Verlag, Berlin 1949, S. 40.)

Nach der erfolgreichen Erfüllung und Übererfüllung des Planes für das erste Jahr des ersten Fünfjahrplans entstand in den Massen die Losung „Erfüllung des Fünfjahrplans in vier Jahren“. In einer Reihe führender Industriezweige (Erdöl- und Torfindustrie, allgemeiner Maschinenbau, Landmaschinenbau, Elektroindustrie) ging die Erfüllung des Planes so erfolgreich vor sich, dass man in diesen Zweigen das Programm des Fünfjahrplans sogar in zweieinhalb bis drei Jahren erfüllen konnte. Dadurch wurde die volle Realisierbarkeit der Losung „Fünfjahrplan in vier Jahren“ bestätigt und der Opportunismus der Kleingläubigen entlarvt, die an der Möglichkeit ihrer Verwirklichung gezweifelt hatten.

Der XVI. Parteitag beauftragte das Zentralkomitee der Partei, „auch in Zukunft ein kämpferisches bolschewistisches Tempo des sozialistischen Aufbaus zu sichern, die tatsächliche Erfüllung des Fünfjahrplans in vier Jahren zu erreichen“.

Zur Zeit des XVI. Parteitags war der gewaltigste Umschwung in der Entwicklung der Landwirtschaft der Sowjetunion erreicht. Die breiten Massen der Bauernschaft hatten sich dem Sozialismus zugewandt. Am 1. Mai 1930 erfasste die Kollektivierung in den wichtigsten Getreiderayons der Überschussgebiete 40 bis 50 Prozent der Bauernwirtschaften (an Stelle von 2 bis 3 Prozent im Frühjahr 1928). Die Saatfläche der Kollektivwirtschaften betrug 36 Millionen Hektar.

Somit war jenes erhöhte Programm übererfüllt, das im Beschluss des Zentralkomitees vom 5. Januar 1930 festgelegt worden war (30 Millionen Hektar). Und das Fünfjahrprogramm des kollektivwirtschaftlichen Aufbaus war im Verlauf von zwei Jahren bereits um mehr als das Anderthalbfache übererfüllt.

Die Warenproduktion der Kollektivwirtschaften wuchs in drei Jahren auf mehr als das Vierzigfache. Schon im Jahre 1930 erhielt der Staat von den Kollektivwirtschaften, die Sowjetwirtschaften nicht mit’ eingerechnet, mehr als die Hälfte der gesamten Warengetreideproduktion des Landes.

Das bedeutete, dass von nun ab nicht die individuellen Bauernwirtschaften, sondern die Kollektivwirtschaften und Sowjetwirtschaften das Schicksal der Landwirtschaft bestimmen werden.

Hatte sich die Sowjetmacht vor dem Masseneintritt der Bauernschaft in die Kollektivwirtschaften hauptsächlich auf die sozialistische Industrie gestützt, so stützte sie sich von nun ab auch auf den rasch wachsenden sozialistischen Sektor der Landwirtschaft, auf die Kollektivwirtschaften und Sowjetwirtschaften.

Die Kollektivbauernschaft wurde, wie der XVI. Parteitag in einem seiner Beschlüsse sagte, zur „wirklichen und festen Stütze der Sowjetmacht“.

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