Lenin -Institut in Moskau 1947 herausgegebenen zweiten verbesserten und erg?nzten russischen Auflage.">

III

DIE erste russische Revolution endete mit einer Niederlage. Vom Ende der ersten bis zum Beginn der zweiten Revolution vergingen zehn Jahre, in deren Verlauf die Bolschewiki heldenhaft und opfermutig, beharrlich und unermüdlich die Massen organisierten, sie im revolutionären Geist erzogen, ihren Kampf leiteten und den künftigen Sieg der Revolution vorbereiteten.

Für Lenin und Stalin waren das Jahre des unversöhnlichen Kampfes für die Aufrechterhaltung und Festigung der illegalen revolutionären Partei, für die Durchführung der bolschewistischen Linie unter neuen Bedingungen, Jahre der angestrengten Arbeit zur Organisierung und Erziehung der Arbeitermassen, Jahre des besonders hartnäckigen Kampfes mit der zaristischen Polizei. Der Zarismus fühlte, dass er in Stalin einen der größten Revolutionäre vor sich hatte, und suchte Stalin auf jede Weise die Möglichkeit zu nehmen, seine revolutionäre Arbeit fortzusetzen. Verhaftungen, Gefängnis und Verbannung lösten einander ab. Von 1902-1913 wurde Stalin siebenmal verhaftet, sechsmal war er in der Verbannung, aus der er fünfmal flüchtete. Kaum hatten die zaristischen Schergen Stalin an einen neuen Verbannungsort gebracht, als er auch schon erneut flüchtete und, wieder auf „freiem Fuß“, die revolutionäre Energie der Massen schmiedete. Nur aus der letzten Verbannung, aus Turuchansk, wurde Stalin durch die Februarrevolution 1917 befreit.

Im Juli 1907 beginnt die Bakuer Periode in der revolutionären Tätigkeit Stalins. Nach der Rückkehr vom V. (Londoner) Parteitag der SDAPR verlässt Stalin Tiflis und lässt sich auf Anweisung der Partei in Baku nieder, dem größten Industrierevier Transkaukasiens und einem der wichtigsten Zentren der Arbeiterbewegung Rußlands. Hier entfaltet er eine rastlose Tätigkeit zum Zusammenschluss der Bakuer Organisation um die Losungen Lenin s, zur Gewinnung der Arbeitermassen für den Bolschewismus. Stalin organisiert den Kampf zur Verdrängung der Menschewiki aus den Arbeitervierteln Bakus (Balachany, Bibi-Eibat, Tschorny Gorod, Bely Gorod) und leitet die illegalen und legalen bolschewistischen Organe „Bakinski Proletari“ (Der Bakuer Proletarier), „Gudok“ (Die Sirene), „Bakinski Rabotschi (Der Bakuer Arbeiter). Stalin leitet die Wahlkampagne zur III. Reichsduma. Der von Stalin verfasste „Wählerauftrag an die sozialdemokratischen Abgeordneten der III. Reichsduma“ wurde am 22. September in der Bevollmächtigtenversammlung der Arbeiterkurie in Baku angenommen. Stalin gibt dem Kampf der Bakuer Arbeiter Richtung und Ziel. Anlässlich der Konferenz der Arbeiter mit den Erdölindustriellen, deren Zweck der Abschluss eines Kollektivvertrages war, leitet Stalin eine große Kampagne und schafft ein glänzendes Vorbild für die Durchführung der elastischen Lenin schen Linie der Verbindung der illegalen mit der legalen Arbeit unter den Verhältnissen der Reaktion. Durch geschickte Anwendung der Lenin schen Taktik, die darin bestand, die Arbeitermassen zum politischen Kampf gegen die Zarenmonarchie zu mobilisieren, setzte Stalin den Sieg der Bolschewiki in dieser Kampagne durch. In der finsteren Nacht der Stolypinschen Reaktion bietet das proletarische Baku ein beispielloses Schauspiel: der proletarische Kampf ist in vollem Schwung, durch ganz Rußland schallt die Stimme der legalen bolschewistischen Zeitungen, die Stalins Schöpfungen waren. „Die letzten Mohikaner des politischen Massenstreiks!“, ( Lenin , Werke, Bd. XV, 3. Aufl., S. 33 russ.) so charakterisiert Lenin den heroischen Kampf der Bakuer Arbeiter im Jahre 1908.

Stalin schart einen festen Grundstock erprobter - Lenin scher Bolschewiki um sich: Fioletow, Saratowez (Jeflmow), Wazek, Bokow, Malygin, Ordshonikidse, Dshaparidse, Schaumjan, Spandarjan, Chanlar, Memedow, Asisbekow, Kiasi-Mamed u. a. Stalin erreicht schließlich den vollen Sieg des Bolschewismus in den Reihen der Bakuer Organisation. Baku wird zu einer Zitadelle des Bolschewismus. Unter Stalins Führung kämpft das Bakuer Proletariat heldenhaft in den vordersten Reihen der gesamtrussischen revolutionären Bewegung.

Die Bakuer Periode ist von größter Bedeutung im Leben und Wirken Stalins. Stalin selbst sagt über diese Periode:

„Zwei Jahre revolutionärer Arbeit unter den Arbeitern der Erdölindustrie stählten mich als praktischen Kämpfer und einen der praktischen Leiter. Im Umgang mit so fortgeschrittenen Arbeitern Bakus wie Wazek, Saratowez u. a. einerseits und im Wirbel der tiefsten Konflikte zwischen den Arbeitern und den Erdölindustriellen anderseits erfuhr ich zum erstenmal, was es heißt, große Arbeitermassen zu leiten. Dort, in Baku, erhielt ich somit meine zweite revolutionäre Feuertaufe.“ („Prawda“ Nr. 136 vom 16. Juni 1926.)

Am 25. März 1908 wird Stalin verhaftet und nach fast acht Monaten Gefängnishaft auf zwei Jahre nach Solwytschegodsk im Gouvernement Wologda verbannt. Bereits am 24. Juni 1909 flüchtet er und kehrt zur illegalen Arbeit nach Baku zurück. Stalin unterstützt völlig die Stellungnahme Lenin s, tritt entschieden gegen die Liquidatoren und Otsowisten auf. In den zentralen Presseorganen der Partei erscheinen die Stalinschen „Briefe aus dem Kaukasus“, denen historische Bedeutung zukommt, in der Zeitung „Bakinski Proletari“ erscheinen die Artikel: „Die Parteikrise und unsere Aufgaben“, „Aus dem Parteileben“ u. a., in denen Stalin den Zustand der Parteiorganisationen mutig kritisiert und einen Plan für die Überwindung der Parteikrise aufstellt. Diese Schriften Stalins enthalten eine niederschmetternde Kritik an den Liquidatoren: am Beispiel der Tifliser Menschewiki wird das Renegatentum der Liquidatoren in programmatischen und taktischen Fragen entlarvt. In ihnen wird die verräterische Haltung der Handlanger des Trotzkismus schärfstens verurteilt und werden die nächsten Aufgaben umrissen, die in der Folge durch die Prager Parteikonferenz erfüllt wurden: Einberufung einer allgemeinen Parteikonferenz, Herausgabe einer legalen Parteizeitung und Schaffung eines illegalen Parteizentrums für die praktische Arbeit in Rußland.

Am 23. März 1910 wird Stalin erneut in Baku verhaftet und nach halbjähriger Gefängnishaft in die Verbannung nach Solwytschegodsk zurückgeschickt. In der Verbannung setzt sich Stalin mit Lenin in Verbindung und schreibt ihm Ende 1910 einen Brief, in dem er die Lenin sche Taktik des Parteiblocks der Anhänger der Aufrechterhaltung und Festigung der illegalen proletarischen Partei in vollem Maße unterstützt, die „faule Prinzipienlosigkeit“ Trotzkis scharf geißelt und einen Plan für die Organisierung der Parteiarbeit in Rußland vorschlägt.

Im zweiten Halbjahr 1911 beginnt die Petersburger Periode der revolutionären Tätigkeit des Genossen Stalin. Am 6. September 1911 reist Stalin illegal aus Wologda nach Petersburg. Hier nimmt er Verbindungen mit der Petersburger Parteiorganisation auf, leitet und organisiert den Kampf gegen die Liquidatoren - die Menschewiki und die Trotzkisten -, sammelt und festigt die bolschewistischen Organisationen Petersburgs. Am 9. September 1911 wurde Genosse Stalin in Petersburg verhaftet und in das Gouvernement Wologda verschickt. Von hier gelang es ihm, im Februar 1912 zu flüchten.

Der Januar 1912 bringt ein höchst bedeutsames Ereignis im Leben der Partei. Die Prager Konferenz der SDAPR, die die Menschewiki aus der Partei verjagte, legte den Grundstein zur Partei von neuem Typus, der Partei des Lenin ismus, der bolschewistischen Partei.

Die Bolschewiki hatten an der Vorbereitung einer solchen Partei, einer Partei von neuem Typus, schon seit der Zeit der alten „Iskra“ gearbeitet. Sie taten das beharrlich und zäh, allen Widerständen zum Trotz. Die gesamte Geschichte des Kampfes gegen die „Ökonomisten“, Menschewiki, Trotzkisten, Otsowisten, Idealisten aller Schattierungen bis zu den Empiriokritizisten - war die Geschichte der Vorbereitung - ebendieser Partei. Die grundlegende und entscheidende Rolle spielten in dieser Vorbereitungsarbeit die Werke Lenin s „Was tun?“, „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück“, „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“, „Materialismus und Empiriokritizismus“. Stalin war der treue Kampfgefährte Lenin s in diesem Kampfe gegen die zahlreichen Feinde, er war die sichere Stütze im Kampfe für die Schaffung einer revolutionären marxistischen Partei, der bolschewistischen Partei.

                

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