Lenin -Institut in Moskau 1947 herausgegebenen zweiten verbesserten und erg?nzten russischen Auflage.">

IV

DIE Prager Konferenz sagte in ihren Beschlüssen voraus, dass in naher Zukunft ein revolutionärer Aufschwung unvermeidlich ist, und traf alle Maßnahmen, damit die Partei zu diesem Aufschwung in voller Rüstung bereit sei. Die Konferenz wählte ein bolschewistisches Zentralkomitee, schuf ein Zentrum zur praktischen Leitung der revolutionären Arbeit in Rußland (Russisches Büro des Zentralkomitees) und nahm den Beschluss über die Gründung der „Prawda“ an. Auf der Konferenz wurde Stalin, der bereits seit dem Jahre 1910 Bevollmächtigter des Zentralkomitees war, in Abwesenheit Zum Mitglied des Zentralkomitees der Partei gewählt. Auf Vorschlag Lenin s wird Stalin an die Spitze des Russischen Büros des Zentralkomitees gestellt. Doch befand sich Stalin damals in der Verbannung; es war notwendig, seine Flucht zu organisieren. Im Auftrag Lenin s reist Sergo Ordshonikidse nach Wologda zu Stalin und informiert ihn über die Beschlüsse der Prager Konferenz. Und am 29. Februar 1912 flüchtet Stalin neuerlich aus der Verbannung. Während der kurzen Zeit seiner „Freiheit“ entfaltet Stalin eine energische Tätigkeit: er bereist im Auftrag des Zentralkomitees die wichtigsten Gebiete Rußlands, arbeitet an der Vorbereitung der Maidemonstration, schreibt das bekannte Flugblatt des Zentralkomitees zum 1. Mai, leitet in Petersburg die bolschewistische Wochenzeitung „Swesda“ (Der Stern) in den Tagen der Proteststreiks gegen das Blutbad an der Lena.

Eine mächtige Waffe in der Hand der bolschewistischen Partei zur Festigung ihrer Organisationen und zur Gewinnung des Einflusses in den Massen wurde die für die breiten Massen bestimmte bolschewistische Tageszeitung „Prawda“ (Die Wahrheit), die in Petersburg zu erscheinen begann. Begründet wurde sie gemäß der Weisung Lenin s, auf Initiative Stalins. Unter Stalins Leitung wurde die erste Nummer der „Prawda“ vorbereitet und ihre Richtung festgelegt.

Die „Prawda“ trat zugleich mit dem neuen Aufschwung der revolutionären Bewegung ins Leben.

Am 22. April (5. Mai neuen Stils) 1912 erschien ihre erste Nummer. Dies war ein richtiger Festtag für die Arbeiterschaft. Dem Erscheinen der „Prawda“ zu Ehren wurde beschlossen, den 5. Mai als Festtag der Arbeiterpresse zu feiern.

„Die ‚Prawda’ im Jahre 1912 - das war die Fundamentlegung für den Sieg des Bolschewismus im Jahre 1917“, schrieb Genosse Stalin anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der „Prawda“. („Prawda“ Nr. 98 vom 5. Mai 1922.)

Am 22. April 1912 wurde Stalin in Petersburg auf der Straße verhaftet und nach einigen Monaten Gefängnis auf drei Jahre, diesmal in eine noch entlegenere Gegend, in die Narym-Region, verschickt. Aber bereits am 1. September 1912 flüchtet Stalin abermals aus der Verbannung und kehrt nach Petersburg zurück. Hier redigiert er die bolschewistische Zeitung „Prawda“ und leitet die Tätigkeit der Bolschewiki in der Wahlkampagne zur IV. Reichsduma. Von der Polizei auf Schritt und Tritt verfolgt, spricht Stalin, obwohl er sich dadurch einer großen Gefahr aussetzt, in einer Reihe von fliegenden Betriebsversammlungen. Doch beschützen die Arbeiterorganisationen und die Arbeiter selbst Stalin und bringen ihn vor der Polizei in Sicherheit.

Von hervorragender Bedeutung war in dieser für die Partei siegreichen Kampagne der von Stalin verfasste „Wählerauftrag der Petersburger Arbeiter an ihren Arbeiterdeputierten“, der von Lenin überaus hoch eingeschätzt wurde. Als Lenin den „Wählerauftrag“ in die Druckerei zum Setzen schickte, versah er ihn mit dem Vermerk: „Unbedingt zurückgeben!! Nicht schmutzig machen. Aufbewahrung dieses Dokuments äußerst wichtig.“ In einem Brief an die Redaktion der „Prawda“ gab Lenin die Anweisung: „Diesen Wählerauftrag an den Petersburger Deputierten unbedingt an auffallender Stelle in großer Schrift bringen.“ ( Lenin , Werke, Bd. XXIX, 3. Aufl., S. 78 russ.) Der Stalinsche „Wählerauftrag“ brachte den Arbeitern die noch ungelösten Aufgaben des Jahres 1905 in Erinnerung und rief sie zum revolutionären Zweifrontenkampf auf: zum Kampf sowohl gegen die zaristische Regierung als auch gegen die liberale Bourgeoisie, die eine Verständigung mit dem Zarismus suchte. Nach den Wahlen ist Stalin mit der Leitung der bolschewistischen Gruppe der Dumafraktion beschäftigt. Zusammen mit Stalin arbeiten in Petersburg J. Swerdlow und W. Molotow, die an der Leitung der „Prawda“, der Wahlkampagne und der Dumafraktion aktiv teilnehmen. In dieser Periode wird die Verbindung zwischen Lenin und Stalin noch enger. Lenin billigt in seinen Briefen vollauf die Tätigkeit Stalins, seine Reden und Aufsätze. Stalin reist zweimal nach Krakau zu Lenin : im November und Ende Dezember 1912 zur Beratung des Zentralkomitees mit Parteiarbeitern.

Während des Aufenthalts im Ausland schreibt Stalin die Arbeit „Marxismus und nationale Frage“, die Lenin sehr hoch bewertete. Lenin schrieb über diese Arbeit des Genossen Stalin: „In letzter Zeit sind die Grundlagen des nationalen Programms der Sozialdemokratie in der theoretischen marxistischen Literatur ... bereits beleuchtet worden (in erster Linie tritt hier der Aufsatz Stalins hervor).“ (Ebenda Bd. XVII, 3. Aufl., S. 116 russ.) Stalins Schrift „Marxismus und nationale Frage“ war die bedeutendste Stellungnahme des Bolschewismus zur nationalen Frage auf dem internationalen Schauplatz vor dem Kriege. Das war die Theorie und die programmatische Deklaration des Bolschewismus zur nationalen Frage. Scharf und nachdrücklich wurden in dieser Arbeit zwei Methoden, zwei Programme, zwei Weltanschauungen in der nationalen Frage, die der II. Internationale und die des Lenin ismus, einander gegenübergestellt. Zusammen mit Lenin zerschlug Stalin die opportunistischen Auffassungen und Dogmen der II. Internationale in der nationalen Frage. Von Lenin und Stalin wurde das marxistische Programm in der nationalen Frage ausgearbeitet. Stalin entwickelte in seiner Arbeit die marxistische Theorie der Nation, formulierte die Grundlagen der bolschewistischen Methode zur Lösung der nationalen Frage (die Forderung, die nationale Frage als Teil der Gesamtfrage der Revolution und im unzertrennlichen Zusammenhang mit der gesamten internationalen Lage in der Epoche des Imperialismus zu betrachten) und begründete das bolschewistische Prinzip des internationalen Zusammenschlusses der Arbeiter.

Am 23. Februar 1913 wurde Stalin bei einem Unterhaltungsabend verhaftet, der vom Petersburger Komitee der Bolschewiki im Saal der Kalaschnikow-Börse veranstaltet war. Diesmal verschickt die zaristische Regierung Stalin auf vier Jahre in die ferne Turuchansk-Region. Stalin lebt zuerst in der Siedlung Kostino und wird dann, Anfang 1914, von den zaristischen Gendarmen, die eine neue Flucht befürchten, noch weiter nach Norden, unmittelbar an den Polarkreis, in die Siedlung Kurejka überführt. Hier verbringt er die Jahre 1914, 1915 und 1916. Das war das Allerschwerste, was es an politischer Verbannung nach fernen, entlegenen Gebieten Sibiriens nur geben konnte.

Im Sommer 1914 begann der imperialistische Krieg. Die Parteien der II. Internationale übten schändlichen Verrat am Proletariat, sie gingen auf die Seite der imperialistischen Bourgeoisie über. Nur Lenin und die Bolschewiki blieben dem Kampfbanner des Internationalismus treu, nur die Partei der Bolschewiki erhob sofort und ohne zu schwanken das Banner des entschlossenen Kampfes gegen den imperialistischen Krieg. Abgeschnitten von aller Welt, getrennt von Lenin und den Parteizentren, stellt sich Stalin in den Fragen des Krieges, des Friedens und der Revolution auf den Lenin schen internationalistischen Standpunkt. Er schreibt Briefe an Lenin , spricht in Versammlungen verbannter Bolschewiki im Dorfe Monastyrskoje (1915) und brandmarkt dort die feige und verräterische Haltung Kamenews in dem Prozess gegen die bolschewistische „Fünfergruppe“ der Deputierten der IV. Reichsduma. Gemeinsam mit einer Gruppe verbannter Bolschewiki begrüßt er (1916) die legale bolschewistische Zeitschrift „Woprossy Strachowanija“ (Versicherungsfragen) und weist darauf hin, dass die Aufgabe der Zeitschrift darin bestehe, „alle Bemühungen und Kräfte aufzubieten zur ideologischen Versicherung der Arbeiterklasse unseres Landes gegen die zutiefst zersetzende, antiproletarische und den Prinzipien des Internationalismus von Grund aus widersprechende Predigt der Herren Potressow, Lewizki und Plechanow“.

Im Dezember 1916 wird Stalin, nach Einziehung zum Militärdienst, auf dem Etappenwege nach Krasnojarsk und dann in die Stadt Atschinsk gebracht. Hier erreicht ihn die Nachricht von der Februarrevolution. Am 8. März 1917 verlässt Stalin Atschinsk und sendet auf der Reise ein Begrüßungstelegramm an Lenin in die Schweiz.

Am 12. März 1917 ist Stalin, der allen Unbilden der Turuchansker Verbannung mutig Trotz geboten hat, wieder in Petrograd, der revolutionären Hauptstadt Rußlands. Das Zentralkomitee der Partei beauftragt Stalin mit der Leitung der „Prawda“.

Die Partei der Bolschewiki war eben erst aus der Illegalität hervorgetreten. Viele der hervorragendsten und aktivsten Parteimitglieder kehrten aus den fernen Verbannungsorten und Gefängnissen zurück. Lenin befand sich in der Emigration. Die bürgerliche Provisorische Regierung suchte seine Rückkehr mit allen möglichen Mitteln aufzuhalten. In dieser verantwortungsvollen Periode schließt Stalin die Partei zum Kampf für das Hinüberwachsen der bürgerlich-demokratischen Revolution in die sozialistische zusammen. Stalin leitet gemeinsam mit Molotow die Tätigkeit des Zentralkomitees und des Petrograder Komitees der Bolschewiki. In den Artikeln Stalins erhalten die Bolschewiki prinzipielle richtunggebende Anweisungen für ihre Arbeit. Bereits im ersten Artikel, „Über die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten“, umreißt Stalin die Hauptaufgabe der Partei.

„Diese Sowjets zu festigen, sie überall ins Leben zu rufen, sie untereinander zu verbinden, mit dem zentralen Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten, als Organ der revolutionären Macht des Volkes, an der Spitze.“ (J. Stalin, Werke, Bd. 3, S. 2 russ.)

Im Artikel „Über den Krieg“ zeigte Stalin, dass der Charakter des imperialistischen Krieges durch den Übergang der Macht in die Hände der Provisorischen Regierung nicht verändert wurde, dass der Krieg von 1914-1917 auch unter der bürgerlichen Provisorischen Regierung ein ungerechter Krieg, ein Raubkrieg bleibt.

Stalin, Molotow und andere verfochten gemeinsam mit der Mehrheit der Partei die Politik des Misstrauens gegen die imperialistische Provisorische Regierung. Sie bekämpften die menschewistisch-sozialrevolutionäre Politik der Vaterlandsverteidigung sowie die halbmenschewistische Einstellung einer bedingten Unterstützung der Provisorischen Regierung, die von Kamenew und anderen Opportunisten vertreten wurde.

                

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