Nikolai Jeschow

Aussage vor dem obersten Gericht der UdSSR

Eine Aussage in einer geheimen Gerichtssitzung des Militärkollegiums des obersten Gerichts am 3. Februar 1940

Seit längerer Zeit habe ich darüber nachgedacht, wie ich mich bei einer Verhandlung fühlen würde, wie ich mich bei der Verhandlung benehmen würde, und so kam ich zu dem Ergebnis, dass es für mich der einzige Weg ist, am Leben zu bleiben, wenn ich ehrlich und wahrheitsgemäß alles erzähle. Erst gestern sagte Berija während einer Unterhaltung zu mir: „Glaube nicht unbedingt daran, dass du hingerichtet wirst. Wenn du gestehst und alles aufrichtig sagst, dann wird dein Leben verschont.“ Nach dieser Unterhaltung mit Berija habe ich mich entschlossen, dass es besser ist zu sterben; es ist besser, diese Erde als aufrichtiger Mann zu verlassen und in der Verhandlung nichts als die reine Wahrheit zu sagen. Bei den Voruntersuchungen gab ich an, ich sei kein Spion, ich sei kein Terrorist, aber sie glaubten mir nicht und schlugen mich fürchterlich. Während meiner 25 Jahre langen Arbeit für die Partei habe ich immer ehrenhaft gegen alle Feinde gekämpft und sie ausgeschaltet. Ich habe Verbrechen begangen, für die ich wohl hingerichtet werden kann. Ich werde später über sie sprechen. Aber ich habe nicht die Verbrechen begangen, die mir von der Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift vorgeworfen werden, und bin ihrer völlig unschuldig. Zu keiner Zeit habe ich eine Verschwörung gegen Partei und Regierung organisiert. Im Gegenteil: Ich habe alle Mittel eingesetzt, um Konspirationen aufzudecken. Als ich 1934 den Fall „Kirow-Affäre“ leitete, hatte ich keine Angst, das Zentralkomitee über Jagoda und andere Verräter der Außerordentlichen Kommission (Tscheka) zu unterrichten. Leute wie Agranov und andere, die in der Tscheka saßen und uns an der Nase herumführten, indem sie uns weißmachen wollten, dass dies die Arbeit des lettischen Geheimdienstes sei. Wir glaubten diesen Tschekisten nicht und zwangen sie, uns die Wahrheit über die Beteiligung der rechten Trotzkisten-Organisation zu gestehen. Nachdem ich zum Zeitpunkt der Untersuchung des Mordes an S. M. Kirow in Lenin grad war, sah ich, wie die Tschekisten versuchten, den Fall zu verwirren. Nach meiner Rückkehr habe ich in Moskau einen detaillierten Bericht im Namen Stalins über die gesamte Angelegenheit geschrieben, der daraufhin sofort eine Zusammenkunft einberief... Man kann sich nur wundern, warum ich wiederholt Stalin über die schlampige Arbeit der Tscheka informierte, wenn ich ein Teil der antisowjetischen Konspiration gewesen bin...

Als ich zum NKWD kam, fand ich mich auf mich selbst gestellt, ohne einen Assistenten. Als erstes machte ich mich mit der Arbeit vertraut, und erst dann begann meine Tätigkeit, indem ich die polnischen Spione entlarvte, die alle Abteilungen und Organe der Tscheka infiltriert hatten. Der sowjetische Geheimdienst war in ihren Händen. Auf diese Art habe ich, „ein polnischer Spion“, meine Arbeit als Entlarver der polnischen Spione begonnen. Nach der Entlarvung der polnischen Spione begann ich sofort damit, die Gruppe der Wendehälse zu säubern. Dies war der Beginn meiner Arbeit bei der NKWD. Ich selbst habe Molchanow entlarvt, und mit ihm andere Feinde des Volkes, die das Organ der NKWD infiltriert hatten und dort wichtige Positionen bekleideten. Ich war auch im Begriff, Ljuschkow zu verhaften, aber er entkam mir und floh ins Ausland. Ich habe vierzehntausend Tschekisten entlarvt. Aber meine große Schuld liegt in der Tatsache, dass ich zu wenige auffliegen ließ. Ich ging folgendermaßen vor: Ich überließ die Befragung der unter Arrest stehenden Personen dem einen oder anderen Abteilungsleiter, während ich dachte: „Frage ihn nur, heute oder morgen werde ich dich verhaften“. Ich war von Feinden des Volkes umgeben. Meine Feinde. Ich säuberte alles von Tschekisten. Lediglich in Moskau, Lenin grad und dem nördlichen Kaukasus gelang mir diese Säuberung nicht. Ich dachte, diese seien aufrichtig, aber es zeigte sich in Wirklichkeit, dass sich unter meinem Schutz Saboteure, Spione, Räuber und Feinde des Volkes aufhielten... Ich habe nie an einer antisowjetischen Konspiration teilgenommen. Wenn man die Aussagen der Mitglieder der Konspiration aufmerksam liest, dann wird offensichtlich, dass diese nicht nur mich verleumdeten, sondern auch das ganze ZK und die Regierung.

Es wurde mir Korruption in Bezug auf meine Moral und mein Privatleben vorgeworfen. Aber wo bleiben die Fakten? Über fünfundzwanzig Jahre stand ich in der Öffentlichkeit der Partei. Während dieser fünfundzwanzig Jahre konnte mich jeder sehen, jedermann liebte mich wegen meiner Bescheidenheit und Aufrichtigkeit. Ich leugne nicht, dass ich viel getrunken habe, aber ich arbeitete wie ein Pferd. Worin besteht die Korruption? So wie ich das verstehe und hier aufrichtig erkläre, wäre der einzige Grund, mir das Leben zu schenken, dass ich mich der Vergehen schuldig erkläre, die mir vorgeworfen werden, gegenüber der Partei bereue und um Gnade für mein Leben flehe. Vielleicht wird dann die Partei mein Leben verschonen, wenn sie meine Leistungen in Betracht zieht. Die Partei hat jedoch keine Lügen nötig, und ich betone hier nochmals, dass ich kein polnischer Spion war. Ich möchte mich nicht für schuldig erklären, denn ein solches Geständnis wäre nur ein Geschenk an die polnischen Landeigentümer. Es wäre fast wie eine Schuld der Spionage für England und Japan zuzugeben, und damit nur ein Geschenk für den englischen Lord und den japanischen Samurai zu machen. Ich weigere mich, diesen Gentlemen ein derartiges Geschenk zu machen... Ich werde nun in meinem Schlusswort das Militärgremium um Gewährung des Folgenden bitten: 1. Mein Schicksal ist offensichtlich. Durch das, was ich in der Voruntersuchung beigetragen habe, wird mein Leben nicht verschont bleiben. Ich bitte nur um eines: Erschießt mich in aller Stille, ohne mich zusätzlichen Qualen auszusetzen. 2. Weder das Gericht noch das ZK wird an meine Unschuld glauben. Sollte meine Mutter noch am Leben sein, so bitte ich, für sie im Alter zu sorgen, ebenso für meine Tochter. 3. Ich bitte darum, dass meine Verwandten nicht irgendwelchen Strafmassnahmen unterworfen werden, denn sie sind in keiner Weise schuldig. 4. Ich bitte, dass das Gericht nochmals genauestens den Fall Zhurbenko überprüft, den ich immer für einen unschuldigen, aufrichtigen und treuen Mann im Dienste des Lenin ismus und Stalinismus gehalten habe. 5. Ich bitte, dass Stalin über mein politisches Leben und darüber unterrichtet wird, dass ich die Partei nie betrogen habe, eine Tatsache, die Tausenden bekannt ist, die um meine Bescheidenheit und Aufrichtigkeit wissen. Ich bitte, Stalin darüber zu informieren, dass ich ein Opfer der Umstände bin und nichts mehr, denn ich glaube, dass Feinde, die ich hier übersehen habe, ihre Hand im Spiel hatten. Berichtet Stalin, dass ich mit seinem Namen auf meinen Lippen sterben werde.

Raubdruck unbekannter Herkunft und Datierung.

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