PROZESSBERICHT
ÜBER DIE STRAFSACHE
DES TROTZKISTISCH-SINOWJEWISTISCHEN
TERRORISTISCHEN ZENTRUMS

MORGENSITZUNG VOM 19. AUGUST 1936

VERNEHMUNG DES ANGEKLAGTEN MRATSCHKOWSKI

Als erster wird der Angeklagte Mratschkowski vernommen, der nächste Vertrauensmann Trotzkis, dem er persönlich nahe stand. Früher war er ein höherer Militär. Seit 1923 betrieb er zusammen mit Trotzki sowjetfeindliche Arbeit. Er war Mitglied des leitenden Zentrums der illegalen trotzkistischen terroristischen Organisation. Er arbeitete nach den persönlichen Weisungen Trotzkis, von dem er durch I. N. Smirnow und auch unmittelbar Direktiven über die Organisierung von Terrorakten gegen die Führer der Partei und der Regierung erhielt. Als einer der Leiter der konterrevolutionären trotzkistischen illegalen Organisation trat er 1932 zusammen mit I. N. Smirnow und W. A. Ter-Waganjan in das vereinigte trotzkistisch-sinowjewistische terroristische Zentrum ein. Mratschkowski erzählt ausführlich die Geschichte der Entstehung des trotzkistisch-sinowjewistischen terroristischen Zentrums. Er führt aus, dass er im Jahre 1929 bei seiner Rückkehr aus der Verbannung nur ein Lippenbekenntnis für die Richtigkeit der Generallinie der Partei ablegte, in Wirklichkeit aber wie die anderen früheren Oppositionellen als Doppelzüngler mit dem Ziel aus der Verbannung zurückkehrte, den Kampf gegen die Partei fortzuführen. Auf die Frage des Genossen Wyschinski, um wen es sich konkret handle, erklärt Mratschkowski, dass er, gemeinsam mit I. N. Smirnow und Ter-Waganjan, den festen Entschluss gefasst hatte, den weiteren Kampf gegen die Partei zu organisieren. Mratschkowski gibt hierbei zu, dass diese kanterrevolutionäre Gruppe keinerlei politische Plattform hatte, dass „jene Plattfarm, die in einer früheren Periode, 1925-1927, aufgestellt wurde, durch die Richtigkeit der Generallinie der Partei über den Haufen geworfen wurde“.

Weiter spricht Mratschkowski davon, dass im Jahre 1931 in dieser trotzkistischen Gruppe die Frage des Terrors bereits offen gestellt wurde. I. N. Smirnow, der nach Berlin gefahren war, brachte eine Direktive von Trotzki mit, die er durch den Sohn Trotzkis, L. Sedow, erhalten hatte: „Solange wir Stalin nicht beseitigen, können wir nicht an die Macht zurückkehren.“

Wyschinski: Was bedeutet Ihr Ausdruck: „Solange wir Stalin nicht beseitigen?“

Mratschkowski: Solange wir Stalin nicht ermorden. In derselben Sitzung, in Smirnows, meiner, Ter-Waganjans und Safonowas Gegenwart, wurde ich mit der Aufgabe betraut, eine terroristische Gruppe zu organisieren, d. h. verlässliche Leute auszusuchen. Zusammen mit mir wurde hiermit Dreitzer beauftragt. Die Periode von 1931 und 1932 war mit der Bearbeitung und Vorbereitung von Leuten für Terrorakte ausgefüllt. Ich wählte für diese Zwecke Jazek und Judin. Dreitzer suchte noch eine Gruppe von Leuten aus, darunter Schmidt, Kusmitschew und noch jemand, ich erinnere mich nicht mehr, wen. Wie ich schon sagte, war diese Periode damit ausgefüllt, Leute für die Organisierung von Terrorakten gegen Stalin, Woroschilow und Kaganowitsch vorzubereiten.

Weiter sagt Mratschkowski aus, dass in der zweiten Hälfte des Jahres 1932 die Frage der Notwendigkeit der Vereinigung der trotzkistischen terroristischen Gruppe mit, den Sinowjewleuten gestellt wurde. Die Frage dieser Vereinigung wurde von I. N. Smirnow gestellt, wobei er dies damit begründete, dass die trotzkistischen Kräfte allein zu schwach seien und es deshalb notwendig sei, alle konterrevolutionären Gruppen zu vereinigen. Zur selben Zeit schickte Smirnow durch Golzman einen Brief an Trotzki, in dem er ihn über den Zustand der trotzkistischen Organisation unterrichtete und vor ihm die Frage der Vereinigung mit den Sinowjewleuten stellte. Im Herbst 1932 traf ein Antwortschreiben von Trotzki ein, in dem er den Beschluss über die Vereinigung mit den Sinowjewleuten billigte. Trotzki teilte gleichzeitig durch seinen Abgesandten Gawen mit, dass die Vereinigung auf der Basis des Terrors stattfinden müsse, wobei Trotzki sogleich erneut betonte, dass Stalin. Woroschilow und Kirow ermordet werden müssten.

Wyschinski: Nach eine Frage an Smirnow. Bestätigen Sie die Aussage Mratschkowskis, dass Sie im Jahre 1932 durch Gawen eine Antwort von Trotzki erhalten haben?

Smirnow: Ich habe von Trotzki eine Antwort durch Gawen erhalten.

Wyschinski: Außerdem haben Sie nach eine mündliche Mitteilung über ein Gespräch mit Trotzki erhalten?

Smirnow: Ja, noch ein mündliches Gespräch.

Wyschinski: Sie, Smirnow, bestätigen vor dem Obersten Gerichtshof, dass Sie im Jahre 1932 von Gawen eine Anweisung Trotzkis über die Ausführung von Terrorakten erhalten haben?

Smirnow: Ja.

Wyschinski: Gegen wen?

Smirnow: Gegen die Führer.

Wyschinski: Gegen welche?

Smirnow: Gegen Stalin und andere.

Mratschkowski setzt seine Aussagen fort und stellt fest, dass Smirnow nach Erhalt der Direktive Trotzkis, der die Schaffung des Blocks mit den Sinowjewleuten billigte, Ter-Waganjan den Auftrag erteilte, die Schaffung dieses Blocks zu bewerkstelligen. Der terroristische Block der Trotzkisten und Sinowjewleute kam Ende 1932 zustande. Mratschkowski erzählt, dass Smirnow ihn vor seiner Abreise aus Moskau im Jahre. 1932 anwies, zu Reingold zu gehen, der terroristische Gruppen in Moskau leitete, und mit ihm die Vereinigung aller Kräfte zu vereinbaren.

Wyschinski: Auf welcher Grundlage?

Mratschkowski: Die Organisierung der Ermordung Stalins, das war die Grundlage.

Wyschinski: Smirnow sagte: Gehen Sie zu Reingold und vereinbaren Sie mit ihm...

Mratschkowski: ... die Vereinigung unserer terroristischen Kräfte zu dem Zwecke, den Mord an Stalin, Woroschilow und Kaganowitsch auszuführen.

Weiter sagt Mratschkowskis, dass er im Zusammenhang mit seiner Abreise aus Moskau Reingold beauftragte, sich mit Dreitzer in Verbindung zu setzen, der die terroristische Tätigkeit des Moskauer Zentrums leiten werde. Im Sommer 1934 nach Moskau zurückgekehrt, traf Mratschkowski Dreitzer, der ihn über die Arbeit des terroristischen Zentrums informierte. Auf die Frage des Genossen Wyschinski bestätigt Dreitzer diese Aussage Mratschkowskis.

Weiter weist Mratschkowski darauf hin, dass ihm Dreitzer von der Organisierung des Moskauer terroristischen Zentrums des trotzkistisch-sinowjewistischen Blocks Mitteilung machte, das aus Dreitzer, Reingold und Pikel bestand. Auf die Fragen des Genossen Wyschinski bestätigen Reingold und Pikel, dass sie Mitglieder des Moskauer terroristischen Zentrums waren:

Im Sommer 1934 kam Mratschkowski mit Kamenew zusammen. „Kamenew - sagt Mratschkowski aus - bestätigte mir, dass ein Moskauer terroristisches Zentrum organisiert wurde. Kamenew äußerte Unzufriedenheit über die Langsamkeit der Arbeit bei der Vorbereitung von Terrorakten. Gleichzeitig sagte er im Gespräch, dass Bakajew in Lenin grad einen Terrorakt gegen Kirow, anscheinend ziemlich erfolgreich, wenn auch langsam organisiere.“

In seinen Aussagen fortfahrend, weist Mratschkowski darauf hin, dass er im Dezember 1934, als er in Kasachstan war, von Dreitzer einen mit chemischer Tinte geschriebenen Brief Trotzkis etwa folgenden Inhalts erhielt: Lieber Freund, heute steht die Aufgabe vor uns, die Ermordung Stalins und Woroschilows zu forcieren. Im Kriegsfall muss eine defätistische Stellung bezogen und die Verwirrung ausgenützt werden. In der Raten Armee müssen Zellen organisiert werden. Der Brief trug die Unterschrift „Der Alte“.

Mratschkowski betont, dass er die Handschrift Trotzkis ausgezeichnet kenne und dass er nicht den geringsten Zweifel hege, dass der Brief wirklich von Trotzki geschrieben wurde. Mratschkowski betont, dass er Trotzki besonders nahe stand, und weist darauf hin, dass in den letzten Jahren seiner -Zusammenarbeit mit Trotzki, in den Jahren 1923-1927, niemand ohne ihn zu Trotzki gelangen konnte, und dass die ganze Korrespondenz Trotzkis ebenfalls durch seine Hände ging.

Genosse Wyschinski fragt Mratschkowski, welche Rolle $. N. Smirnow im terroristischen trotzkistisch-sinowjewistischen Zentrum gespielt habe. Mratschkowski betont, dass er alles mit Wissen Smirnows getan habe und dass Smirnow die Leute kannte, die Mratschkowski für die Terrorakte vorbereitete.

Auf die Frage des Genossen Wyschinski, ob Smirnow die Aussagen Mratschkowskis bestätige; behauptet Smirnow, dass diese Erklärung Mratschkowskis nicht der Wirklichkeit entspreche:

Wyschinski: Sie waren Mitglied des trotzkistisch- sinowjewistischen Zentrums. Das haben Sie zugegeben. Hier verstößt Mratschkowski nicht gegen die Wahrheit. Das als erstes. Zweitens: das Zentrum wurde auf der Grundlage des Terrors gegen die Führer der Partei und der Regierung organisiert. Ist das richtig?

Smirnow: Das ist richtig.

Wyschinski: Haben Sie von Trotzki die Direktive über den Terror als Kampfmittel erhalten?

Smirnow: Ja.

Weiter sagt Mratschkowski über die Tätigkeit des trotzkistisch- sinowjewistischen terroristischen Zentrums aus. Diesem Zentrum gehörten Sinowjew, Kamenew, Lominadse, Mratschkowski, Ter-Waganjan u. a. an.

Genosse Wyschinski stellt nun Fragen an Sinowjew.

Wyschinski: Wann wurde das vereinigte Zentrum organisiert?

Sinowjew: Im Sommer 1932.

Wyschinski: Wie lange war es tätig?

Sinowjew: Faktisch bis zum Jahre 1936.

Wyschinski: Worin kam seine Tätigkeit zum Ausdruck?

Sinowjew: Das Wichtigste in seiner Tätigkeit bestand in der Vorbereitung von Terrorakten,

Wyschinski: Gegen wen?

Sinowjew: Gegen die Führer.

Wyschinski: Das heißt gegen die Genossen Stalin, Woroschilow und Kaganowitsch? War es Ihr Zentrum; das die Ermordung des Genossen Kirow organisierte? Wurde die Mordtat an Sergej Mironowitsch Kirow von Ihrem Zentrum oder von irgendeiner anderen Organisation organisiert?

Sinowjew: Ja, von unserem Zentrum.

Wyschinski: Diesem Zentrum gehörten Sie, Kamenew, Smirnow, Mratschkowski, Ter-Waganjan an?

Sinowjew: Ja.

Wyschinski: Also Sie alle haben den Mord in Genossen Kirow organisiert?

Sinowjew: Ja.

Wyschinski: Also Sie alle haben Genossen Kirow ermordet?

Sinowjew: Ja.

Wyschinski: Setzen Sie sich.

Im Zusammenhang mit den Aussagen Mratschkowskis wird der Angeklagte Ter-Waganjan verhört, der zugibt, dass die Verhandlungen über die Schaffung eines vereinigten trotzkistisch-sinowjewistischen terroristischen Blocks bereits im Juni 1932 begonnen haben, wobei er, Ter-Waganjan, im ersten Stadium der Verhandlungen die Rolle des Vermittlers zwischen Lominadse und Kamenew und zwischen Smirnow und Sinowjew gespielt habe. I. N. Smirnow bestreitet die Aussagen Mratschkowskis, wonach er dem Moskauer Zentrum der Trotzkisten die Direktive Trotzkis über den Terror überbracht habe.

Wyschinski: Ich ersuche um die Erlaubnis, Band XXIX, Blatt 115 des Protokolls der Vernehmung Smirnows vom 13. August durch den Untersuchungsrichter für besonders wichtige Angelegenheiten, Scheinin, zu verlesen, wo Smirnow darüber spricht, dass Sedow im Jahre 1931 die terroristische Weisung erteilte. Die Aussagen Smirnows lauten: „Ich übermittelte dies nach meiner Rückkehr nach Moskau Safonowa und Mratschkowski.“

Wyschinski: Nun, wie denn jetzt? Entspricht das dem, was Sie vor fünf .Minuten gesagt haben?

Smirnow schweigt.

Wyschinski: Ich bitte, Smirnow zu gestatten, diese Stelle aus dem Protokoll selbst zu verlesen. Da Smirnow hartnäckig leugnet und sich vor der Verantwortung zu drücken versucht, bitte ich, dass er vor allen hier Anwesenden diese Stelle aus dem Protokoll verliest.

Smirnow (liest seine Aussagen): „Im Jahre 1931 erteilte Sedow die terroristische Weisung, die ich nach meiner Rückkehr nach Moskau Safonowa und Mratschkowski mitteilte.“

Wyschinski (zu Mratschkowski gewandt): Mratschkowski, Sie wussten durch Smirnow von dieser terroristischen Weisung Sedows?

Mratschkowski: Ja, ich wusste davon.

Wyschinski: Haben Sie sich nach der Rückkehr Smirnows aus Berlin mit ihm getroffen?

Mratschkowski: Ja.

Wyschinski: Haben Sie mit ihm gesprochen?

Mratschkowski: Ja.

Wyschinski: Zusammen mit Safonowa?

Mratschkowski: Ja.

Wyschinski: Und Sie haben von dieser Weisung Sedows gewusst?

Mratschkowski: Ja, ich bestätige das.

Wyschinski: Smirnow, haben Sie gehört?

Smirnow schweigt.

Auf die Fragen des Gerichtsvorsitzenden Genossen Ulrich bestätigt Smirnow, dass er von der Direktive Trotzkis auch Ter-Waganjan Mitteilung gemacht habe. Auf die Frage des Genossen Wyschinski bestätigt der Angeklagte Kamenew noch einmal, dass „die terroristischen Weisungen, die Smirnow persönlich von Trotzki erhalten hat, von Smirnow weitergegeben wurden und in der Organisation eine entscheidende Rolle gespielt haben“.

Am Schluss der Vernehmung Mratschkowskis richtet Wyschinski an Bakajew die Frage, wann er im Jahre 1934 nach Lenin grad gefahren sei.

Bakajew: Im Herbst.

Wyschinski: Zu welchem Zweck?

Bakajew: Um die Bereitschaft der Organisation zur Ermordung Kirows zu prüfen.

Wyschinski (wendet sich an Kamenew): Sie gaben den Auftrag zur Vorbereitung des Mordes an Kirow?

Kamenew: Ja, im Herbst.

Wyschinski: Im Herbst beauftragten Sie zusammen mit Jewdokimow Bakajew, sieh nach Lenin grad zu begeben und zu prüfen, ob die Vorbereitung der Trotzki- Sinowjew- Gruppe zur Ermordung Kirows erfolgreich verlaufe. Ist das richtig, bestätigen Sie das?

Kamenew: Ja, das ist richtig. Ich bestätige es.

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