PROZESSBERICHT
ÜBER DIE STRAFSACHE
DES TROTZKISTISCH-SINOWJEWISTISCHEN
TERRORISTISCHEN ZENTRUMS

ABENDSITZUNG VOM 19. AUGUST 1936

VERNEHMUNG DES ANGEKLAGTEN DREITZER

Als erster wird in der Abendsitzung vom 19. August der Angeklagte Dreitzer vernommen.

Dreitzer gehört zu den bekanntesten Trotzkisten. Er war Chef der Leibwache Trotzkis. Zusammen mit Trotzki hat er am 7. November 1927 die konterrevolutionäre Demonstration organisiert. Als Trotzki in Alma-Ata in Verbannung lebte, organisierte Dreitzer die Verbindung zwischen Trotzki und dem Moskauer trotzkistischen Zentrum.

Der Angeklagte Dreitzer sagt aus, dass die trotzkistisch- sinowjewistische illegale Organisation eine straff zentralisierte und disziplinierte konterrevolutionäre Organisation war. Dreitzer stellt kategorisch und entschieden jegliche Möglichkeit in Abrede, dass irgendeiner der Beteiligten am trotzkistisch-sinowjewistischen konterrevolutionären Block nicht voll und ganz für die terroristische Tätigkeit gewesen sei.

„Bei uns konnte es keinerlei Extratouren, keinerlei Spiel ohne Dirigenten geben - erklärt Dreitzer. - Ich bin erstaunt über die Behauptungen I. N. Smirnows, der, wie er sagt, gewusst und nicht gewusst, gesagt und nicht gesagt, getan und nicht getan habe. Das stimmt nicht!“

Dreitzer schildert ausführlich seine terroristische Tätigkeit und erklärt, dass der trotzkistische Teil des konterrevolutionären Blocks die Direktiven über den Terror gegen die Führer der Partei und der Regierung aus dem Auslande von L. D. Trotzki und hier von seinem Stellvertreter in der UdSSR, I. N. Smirnow, erhielt.

Im Herbst 1931 benutzte Dreitzer eine dienstliche Kommandierung nach Berlin, um im Auftrage I. N. Smirnows die Verbindung mit Trotzki herzustellen.

Der konkrete Auftrag Smirnows bestand darin, die Stellungnahme Trotzkis zur Frage eines Blocks zwischen den Trotzkisten und den Sinowjewleuten festzustellen. In Berlin traf Dreitzer in einem Cafe in der Leipziger Straße zweimal mit Sedow (dem Sohn Trotzkis) zusammen. Sedow sagte ihm damals, dass Trotzkis Direktiven später geschickt werden.

Im Oktober 1934 brachte Dreitzers Schwester ihm aus Warschau eine deutsche Filmzeitschrift mit, die ihr von einem Agenten Sedows für Dreitzer übergeben worden war. In der Zeitschrift konnte Dreitzer - da er bereits in Berlin mit Sedow eine derartige Methode der Verbindung vereinbart hatte - leicht einen von Trotzki mit chemischer Tinte eigenhändig geschriebenen Brief finden. Dieser Brief enthielt die Direktive, sofort Terrorakte gegen Stalin und Woroschilow vorzubereiten und auszuführen. Diesen Brief übersandte Dreitzer sofort an Mratschkowski, der ihn nach Kenntnisnahme aus Gründen der Konspiration verbrannte.

Von der Notwendigkeit, den Kurs auf terroristische Kampfmethoden zu nehmen, hatte zu Dreitzer in der UdSSR bereits im September/Oktober 1931 I. N. Smirnow gesprochen. Und im Herbst 1932 hat Dreitzer von I. N. Smirnow in dessen Wohnung die unmittelbare Direktive erhalten, Terrorakte gegen Stalin und Woroschilow zu organisieren. Unter Berufung auf Anweisungen Trotzkis hatte Smirnow bei dieser Zusammenkunft Dreitzer vorgeschlagen, dieser solle sich, zwecks praktischer Vorbereitung. und Ausführung der Terrorakte, mit Mratschkowski in Verbindung setzen.

„Meine nächste Zusammenkunft mit Iwan Nikititsch Smirnow - erklärt Dreitzer - fand im Jahre 1932 statt. Es war im Herbst. Bei dieser Zusammenkunft teilte er mir mit, dass die Frage des Blocks entschieden; dass der Block bereits zustande gekommen sei und dass er auf der Grundlage der Terroranweisungen Trotzkis zustande gekommen sei.“

Im Frühjahr 1933 wiederholte Mratschkowski Dreitzer gegenüber die Weisungen des trotzkistisch-sinowjewistischen Zentrums über die forcierte Anwendung des Terrors gegen die Führung der KPdSU(B) und der Sowjetregierung. Ja noch mehr: bei seiner Abreise aus Moskau übergab Mratschkowski dem Dreitzer die von ihm vorbereiteten Terroristenkader. Außer mit Smirnow und Mratschkowski stand Dreitzer in engster Verbindung mit Reingold und Pikel, mit denen zusammen er dem Moskauer Terroristenzentrum des trotzkistisch-sinowjewistischen Blocks angehörte.

In Ausführung der Direktiven L. D. Trotzkis und des trotzkistisch-sinowjewistischen Terroristenzentrums, die ihm durch Smirnow und Mratschkowski übermittelt worden waren, organisierte Dreitzer zwei Terroristengruppen: die Gruppe Gajewski, die den Auftrag erhielt, einen Terrorakt gegen den Genossen Stalin auszuführen, und die Gruppe Estermann, die beauftragt wurde, den Genossen Woroschilow zu ermorden.

Im Zusammenhang mit den Aussagen Dreitzers stellt der Staatsanwalt Fragen an Mratschkowski und I. N. Smirnow. Mratschkowski bestätigt restlos die Aussagen Dreitzers. Smirnow behauptet, dass er tatsächlich Dreitzer als aktiven Trotzkisten in seiner Wohnung empfangen, mit ihm jedoch nicht über Terror, sondern über die „allgemeine Lage im Lande“ Gespräche geführt habe.

Mratschkowski und Dreitzer erwidern darauf: „Smirnow lügt!“

Nach Beendigung der Vernehmung Dreitzers stellt Genosse Wyschinski einige Fragen an den Angeklagten Sinowjew.

Wyschinski: Angeklagter Sinowjew, waren Sie im Sommer 1932 bereits übereingekommen, dass es notwendig sei, Terrorakte zu organisieren, oder war nur die Rede von diesen Terrorakten?

Sinowjew: Soweit ich es mir vergegenwärtige, verhielt sich die Sache so: bei den Trotzkisten war dies bereits ein ausgereifter Beschluss der sich auf eine völlig präzise und ziemlich weit zurückliegende Direktive Trotzkis stützte, und sie haben eine ganze Reihe praktischer Schritte unternommen.

Wyschinski: Wie verhielt sich der trotzkistische Teil Ihres Blocks zum Terror?

Sinowjew: In unseren Verhandlungen über die Bildung eines vereinigten Zentrums spielte diese Frage die ausschlaggebende Rolle. Der so genannte sinowjewistische Teil des Blocks war zu diesem Zeitpunkt für derartige Beschlüsse durchaus reif.

Wyschinski: Entwickelte Smirnow in dieser Hinsicht irgendeine Aktivität oder nicht?

Sinowjew: Meines Erachtens nach entwickelte Smirnow mehr Aktivität als sonst jemand, und er wurde von uns als das unbestrittene Haupt des trotzkistischen Teils des Blocks angesehen, als der Mann, der am besten über die Stimmungen Trotzkis unterrichtet ist und sie restlos teilt.

Wyschinski: Und haben Sie persönlich von Smirnow eine Reihe von Vorschlägen gehört?

Sinowjew: Ich persönlich habe mit ihm zwei-, dreimal Verhandlungen geführt.

Wyschinski: Und hat sich Smirnow während dieser Verhandlungen draufgängerisch gezeigt, hat er auf Terrorakte gedrungen?

Sinowjew: Wie ich bereits sagte, bestand er leidenschaftlich und überzeugend auf der Verwirklichung von Terrorakten, obgleich es gar nicht nötig war, uns zu überzeugen; wir waren überzeugt.

Wyschinski: Ich ersuche das Gericht, seine Aufmerksamkeit darauf zu lenken, dass durch die Aussagen Sinowjews, Reingolds und Dreitzers bestätigt wird, dass nach 1932 praktische Vorbereitungen zu Terrorakten betrieben wurden, wobei Dreitzer dies nach unmittelbaren Weisungen Smirnows ausführte und Smirnow Sinowjew gegenüber auf dem Übergang zur terroristischen Tätigkeit bestand. Ich ersuche, dies im Auge zu behalten als die Schlussfolgerung aus der Beweisaufnahme, die wir bis jetzt durchgeführt haben.

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