PROZESSBERICHT
ÜBER DIE STRAFSACHE
DES TROTZKISTISCH-SINOWJEWISTISCHEN
TERRORISTISCHEN ZENTRUMS

ABENDSITZUNG VOM 19. AUGUST 1936

VERNEHMUNG DES ANGEKLAGTEN REINGOLD

I. I. Reingold bestätigt, dass er einer der aktivsten Teilnehmer der sinowjewistischen illegalen konterrevolutionären Organisation war. Er stand die ganze Zeit mit G. J. Sinowjew und L. B. Kamenew in unmittelbarer Verbindung, beteiligte sich an allen illegalen Beratungen der Sinowjewleute, wurde seinerzeit von Sinowjew und Kamenew zur Ausarbeitung einer Plattform der von ihnen geleiteten konterrevolutionären Organisation herangezogen, war Mitglied des Moskauer trotzkistisch-sinowjewistischen Zentrums, Organisator von Terroristengruppen und leitete persönlich eine der Gruppen, die den Mord an dem Genossen Stalin vorbereitete.

Ich stand - sagt Reingold - organisatorisch und persönlich mit einer Reihe von Mitgliedern des trotzkistisch-sinowjewistischen Zentrums, und zwar mit Sinowjew, Kamenew, Sokolnikow und anderen in Verbindung. Mit einigen von ihnen schon lange vor 1926. So bin ich im Besonderen mit Kamenew seit 1923 und mit Sokolnikow seit 1919 bekannt. Was den trotzkistischen Teil dieses Zentrums anbelangt, so war Dreitzer mein persönlicher Freund, mit Mratschkowski war ich dienstlich sehr eng verbunden, da Mratschkowski bei mir im Hauptbaumwollekomitee (Glawchlopkom) arbeitete. I. N. Smirnow kannte ich ebenfalls gut. Auch mit Sinowjew war ich eng verbunden. Ich kann bestätigen - fährt Reingold fort -, dass dem trotzkistisch- sinowjewistischen Zentrum Sinowjew, Kamenew, Bakajew, Jewdokimow, Smirnow, Mratschkowski, Ter-Waganjan und Sokolnikow angehörten. Verhandlungen über eine gemeinsame Tätigkeit wurden mit den „Linkslern“ - Schatzkin, Lominadse, Sten - sowie auch mit den Vertretern der rechten Abweichung, mit Rykow, Bucharin und Tomski, geführt. Der Gedanke einer Vereinigung der Sinowjewleute mit den Trotzkisten - sagt Reingold - bestand bereits 1931. Bei den Zusammenkünften, die ich im Jahre 1931 mit Sinowjew in dessen Wohnung und auf dessen Landhaus hatte, hörte ich von ihm die Erklärung, dass wir uns unnützerweise von Trotzki getrennt hätten. Reingold sagt aus, dass Sinowjew in einem Gespräch über die allgemeine politische Lage betont habe, die wirtschaftliche Lage der Sowjetunion habe sich gefestigt, und von einem Zusammenbruch könne in keiner Weise die Rede sein. Es sei notwendig, alle Kräfte, die zur jetzigen, Führung in Opposition stehen, zu vereinigen. So wurde der Block mit den Trotzkisten vorbereitet. Dabei war die Grundlage der Vereinigung der Trotzkisten mit den Sinowjewleuten - wie Reingold unterstreicht - der Terror.

Wyschinski: Wie ließ sich bei Sinowjew und Kamenew die terroristische Tätigkeit mit dem Marxismus vereinbaren?

Reingold: Sinowjew begründete im Jahre 1932 in Kamenews Wohnung im Beisein einer Reihe von Mitgliedern des vereinigten trotzkistisch- sinowjewistischen Zentrums die Notwendigkeit der Anwendung des Terrors damit, dass der Terror zwar mit dem Marxismus unvereinbar sei, dass man aber im gegebenen Augenblick diese Erwägung über Bord werfen müsse. Andere Methoden. des Kampfes gegen die Führung der Partei und der Regierung gebe es gegenwärtig nicht. Stalin vereinige die ganze Stärke und Festigkeit der jetzigen Parteileitung. Deshalb müsse in erster Linie Stalin beseitigt werden. Kamenew entwickelte die gleiche Theorie, indem er sagte, dass die früheren Kampfmethoden, und zwar Gewinnung der Massen, Spitzenkombinationen mit den Rechten sowie die Hoffnung auf wirtschaftliche Schwierigkeiten, gescheitert seien. Deshalb seien Terrorakte gegen Stalin und seine nächsten Mitarbeiter - Kirow, Woroschilow, Kaganowitsch, Ordshonikidse, Postyschew, Kossior und andere - die einzige Kampfmethode.

„Zu diesem Zweck - fährt Reingold fort - wurde beschlossen, aus den erlesensten, entschlossensten Leuten eine Organisation zu schaffen, die imstande wäre, diese Aufgabe zu Ende zu führen. Gleichzeitig damit fanden Verhandlungen mit den Führern der Rechten - mit Bucharin und Tomski - statt. Sinowjew sagte nach diesen Verhandlungen geradeheraus, dass er in der Einschätzung der Politik unseres Landes eine gemeinsame politische Sprache mit Tomski gefunden habe. Diese Gespräche wurden auch im Jahre 1932 fortgesetzt; Kamenew führte sie mit Tomski und Rykow. Die Verbindung mit Bucharin wurde über Karew, einen aktiven Sinowjewmann, aufrechterhalten, der mit zwei Terroristengruppen, den Gruppen Slepkow und Eismont, eng verbunden war.“

Weiter geht Reingold zu seiner eigenen konterrevolutionären Tätigkeit über, die in der Organisierung von Terroristengruppen zur Verübung von Morden an Genossen Stalin und an anderen Führern der Partei und der Regierung bestand. Reingold zählt eine Reihe solcher Gruppen auf, die unter Leitung von Bakajew standen.

In unserer terroristischen Tätigkeit - fährt Reingold fort - trat vom Herbst 1932 bis zum Sommer 1933 eine Pause ein, die durch das Hochgehen Sinowjews und Kamenews in Verbindung mit dem Fall Rjutin hervorgerufen wurde. Im Zusammenhang damit übermittelte Jewdokimow Anfang 1933 auf einer der Beratungen in der Wohnung Bogdans, des früheren Privatsekretärs von Sinowjew, im Namen des vereinigten Zentrums die Direktive, die terroristische Tätigkeit solange zurückzustellen, bis Sinowjew und Kamenew aus der Verbannung zurückgekehrt sind, eine Reueerklärung abgegeben haben, wieder in die Partei aufgenommen sind und ein gewisses Vertrauen genießen werden.

Wyschinski: Das sagte Jewdokimow?

Reingold: Davon sprach Jewdokimow.

Wyschinski: Jewdokimow wusste, dass Sinowjew und Kamenew Reue zeigen sollten?

Reingold: Das wusste er. Er wusste, dass dies in der Natur der Sinowjewschen Organisation liegt, die in der Vergangenheit, bis dahin, keine geringe Erfahrung in derartigen Reueerklärungen gesammelt hatte.

Ferner erzählt Reingold dem Gericht vom Doppelzünglertum, das von Sinowjew und Kamenew zum System erhoben wurde. Sinowjew und Kamenew - sagt Reingold - bestanden darauf, dass man alle legalen Möglichkeiten auf jede Art und Weise ausnutzen müsse, um - nach einem Lieblingsausdruck von Sinowjew - auf dem Bauch in die Partei hineinzukriechen und das Vertrauen der Partei, im besonderen das Vertrauen Stalins, zu gewinnen. Nach der Wiederherstellung dieses Vertrauens sollte parallel eine streng konspirative terroristische Arbeit geführt werden. In der Verquickung dieser beiden Methoden bestand eben das Verfahren, das, wie Sinowjew und Kamenew hofften, sie zur Macht bringen konnte.

Sinowjew und Kamenew dachten - fährt Reingold fort -, dass sie, die unter Stalin wieder in die Partei aufgenommen worden waren und denen Stalin verziehen hatte, im Falle des Erfolges der terroristischen Pläne auf „natürlichen“ Wege zur Macht zurückkehren würden.

Wyschinski: Ich verstehe Sie so, dass sowohl Kamenew als auch Sinowjew in zwei Richtungen vorgingen: einerseits versuchten sie, auf jede Weise ihre Loyalität, ihre Ergebenheit für die Partei zu beweisen, andrerseits bereiteten gerade sie Terrorakte gegen die Führer der Partei vor. Stimmt das?

Reingold: Ja.

Wyschinski: Angeklagter Sinowjew, diese Aussage Reingolds überführt Sie eines schweren Verbrechens: Bekennen Sie sich schuldig?

Sinowjew: Ja.

Wyschinski: Die gleiche Frage stelle ich an den Angeklagten Kamenew. '

Kamenew: Ich antworte bejahend.

Genosse Wyschinski erinnert Kamenew daran, dass er dies erst nach den Aussagen Beingolds eingestanden, in der Voruntersuchung jedoch verschwiegen hat, solange er nicht von anderen überführt wurde.

Wyschinski: Sie bestätigen also, dass Sie einen so ungeheuerlichen Plan hatten?

Kamenew: Ja, dieser ungeheuerliche Plan existierte.

Wyschinski: Sie haben diesen ungeheuerlichen Plan ausgearbeitet und bestätigen dies jetzt?

Kamenew: Ja, ich bestätige es.

Bei der weiteren Vernehmung Reingolds stellt sich heraus, dass Reingold von Kamenew und Sinowjew eine Reihe verantwortlicher Aufträge erhielt, so im besonderen den Auftrag, im Auslande einen Spezialfonds zur Finanzierung der Terroristenorganisation zu schaffen, für den Fall, dass Sinowjew und Kamenew ins Ausland ausgewiesen werden sollten.

Wyschinski: Angeklagter Kamenew, fand ein solches Gespräch statt?

Kamenew: Das war im Jahre 1929, als ich und Sinowjew annahmen, dass wir, ebenso wie Trotzki, ins Ausland ausgewiesen werden könnten, und es deshalb für notwendig hielten, im Ausland einen gewissen Fonds zur Unterstützung und Fortsetzung jener Arbeit zu schaffen, die wir hier führten.

Wyschinski: Aus welchen Mitteln dachten Sie diesen Fonds zu schaffen?

Kamenew: Wir hatten Mittel dazu ausersehen.

Wyschinski: Sie haben sich an Reingold um Hilfe gewandt?

Kamenew: Nicht um Hilfe handelte es sich, sondern wir gaben einfach Reingold und Arkus den Auftrag, diesen Fonds zu schaffen. Reingold und Arkus waren Finanzfunktionäre, die Sokolnikow unterstellt waren.

Wyschinski: Diesen Fonds beabsichtigten Sie auf Kosten des Staates zu schaffen?

Kamenew: Jedenfalls nicht aus den privaten Mitteln Reingolds.

Wyschinski: Richtiger gesagt, Sie wollten den Staat bestehlen.

Auf die Frage des Genossen Wyschinski, auf welche Weise das trotzkistisch- sinowjewistische Zentrum die Spuren der terroristischen Verbrechen verwischen wollte, sagt der Angeklagte Reingold, dass das trotzkistisch-sinowjewistische Zentrum beabsichtigte, im Falle seines Machtantritts alle jene Mitarbeiter der GPU, die nach der Vermutung des Zentrums über die Fäden der in Vorbereitung begriffenen „terroristischen Staatsverschwörung“ Bescheid wissen konnten, sowie alle direkt und unmittelbar am Terror beteiligten Anhänger zu vernichten.

„Es bestand sowohl bei Sinowjew als auch bei Kamenew die Absicht (darüber haben sie sich mir gegenüber ausgesprochen) -sagt Reingold aus -, dass Bakajew am Tage nach dem Umsturz, nach der Machtergreifung, an die Spitze der GPU als Vorsitzender der GPU treten soll. Gestützt auf den Apparat der GPU, sollte er behilflich sein, die Spuren zu verwischen, und nicht nur jene Funktionäre und Mitarbeiter des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten (GPU) erledigen, ermorden, die über irgendwelche Fäden der Verschwörung Bescheid wissen könnten, sondern auch alle diejenigen, die die Terrorakte gegen Stalin und seine nächsten Mitarbeiter unmittelbar ausgeführt hätten. Die trotzkistisch-sinowjewistische Organisation sollte durch Bakajew ihre eigenen Aktivisten, ihre in diese Sache verwickelten aktiven Terroristen beseitigen.“

Es war auch beabsichtigt - fährt Reingold in seinen Aussagen fort -, nach der Machtergreifung Trotzki aus dem Ausland zu rufen und, gestützt auf Trotzki, alle Personen, die Stalin am meisten ergeben waren, von den Partei- und Sowjetposten zu entfernen und auf diese Weise die Macht im Lande vollkommen an sich zu reißen.

Aus den Erklärungen Reingolds sowie durch die Fragen, die Genosse Wyschinski an Bakajew und Sinowjew richtet, wird die Rolle Bakajews als Organisator der Terroristengruppen festgestellt, für die besonders ,.verlässliche“ Leute ausgesucht wurden.

Von solchen „verlässlichen“ Leuten werden genannt: Bogdan, der frühere Sekretär von Sinowjew, die aktiven Sinowjewleute Radin und Faiwilowitsch und die wegen des Mordes an Kirow erschossenen Terroristen Rumjanzew und Kotolynow.

Wyschinski (sich an Bakajew wendend): Hatte Bogdan irgendwelche Aufträge?

Bakajew: Ja.

Wyschinski: Von wein?

Bakajew: Von Sinowjew. lm Auftrage Sinowjews sollte Bogdan im Sekretariat des ZK auf Stalin schießen.

Wyschinski: Angeklagter Sinowjew, haben Sie die Aussagen Bakajews gehört?

Sinowjew: Richtig ist, dass ich Bakajew empfohlen habe, Bogdan für Anschläge, darunter auch für solche auf Stalin, heranzuziehen.

Bakajew sagt in diesem Zusammenhang aus: „Nachdem ich beauftragt worden war, den Mord zu organisieren, kam ich am nächsten Tag auf Vorschlag Sinowjews zu ihm. Dort traf ich Reingold und Bogdan. Bei der Begrüßung sagte mir Sinowjew: Hier ist ein Aktivist für Ihre Gruppe, außerdem empfiehlt Reingold noch Faiwilowitsch, ich kenne ihn auch von einer guten Seite.“

Wyschinski: Was heißt das, „von einer guten Seite“?

Bakajew: Ein absolut verlässlicher Mensch.

Wyschinski: Für die Ausführung von Terrorakten?

Bakajew: Ja.

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