PROZESSBERICHT
ÜBER DIE STRAFSACHE
DES TROTZKISTISCH-SINOWJEWISTISCHEN
TERRORISTISCHEN ZENTRUMS

MORGENSITZUNG VOM 20. AUGUST 1936

VERNEHMUNG DES ANGEKLAGTEN KAMENEW

Die Morgensitzung vom 20. August beginnt mit der Vernehmung des Angeklagten L. B. Kamenew.

„Die terroristische Verschwörung - sagt Kamenew aus - wurde von mir, Sinowjew und Trotzki organisiert und geleitet. Ich war zu der Überzeugung gekommen, dass die Politik der Partei, die Politik ihrer Führung gesiegt hat, und zwar in dem einzigen Sinne, in dem ein politischer Sieg im Lande des Sozialismus möglich ist, nämlich, dass diese Politik von den werktätigen Massen gutgeheißen worden ist. Unsere Hoffnung auf die Möglichkeit einer Spaltung in der Parteiführung war ebenfalls zunichte geworden. Wir hatten auf die rechte Gruppe Rykows, Bucharins, Tomskis gerechnet. Die Entfernung dieser Gruppe von der Führung und ihre Diskreditierung vor den Werktätigen schlugen uns auch diesen Trumpf aus der Hand. Auf irgendwelche ernste innere Schwierigkeiten, die den Sturz der Führung zur Folge haben könnten, welche das Land durch die schwierigsten Etappen, durch die Industrialisierung und die Kollektivierung geleitet hatte, war nicht zu rechnen. Es blieben zwei Wege übrig: entweder den Kampf gegen die Partei ehrlich und vollständig einzustellen, oder ihn fortzusetzen, aber schon ohne jede Hoffnung auf jede wie immer geartete Massenunterstützung, ohne politische Plattform, ohne Banner, d. h. mit Hilfe des individuellen Terrors. Wir haben den zweiten Weg gewählt. Wir ließen uns hierbei von unserer grenzenlosen Verbitterung gegen die Führung der Partei und des Landes sowie von unserer Gier nach der Macht leiten, der wir einst nahe gestanden hatten und von der wir durch den Gang der geschichtlichen Entwicklung beiseite geschleudert worden waren.“

In Beantwortung der Fragen des Genossen Wyschinski erzählt der Angeklagte Kamenew dem Gericht, wie die Sinowjewleute mit den Trotzkisten einen Block zur Organisierung des terroristischen Kampfes gegen die Partei und den Sowjetstaat eingingen.

„Wir haben mit Smirnow, Mratschkowski und Ter-Waganjan über den Block nicht wie mit Urhebern selbständiger politischer Direktiven verhandelt. Sie hatten für uns Wert als Träger der Direktive Trotzkis. Da wir Smirnow und Mratschkowski als aktive Trotzkisten kannten, da wir von der Reise Smirnows ans Ausland und davon, dass er sich dort mit Trotzki in Verbindung gesetzt hatte, wussten, waren wir absolut sicher, dass die Direktive über den Terror, die Smirnow und Mratschkowski übermittelten und verteidigten, die genaue Direktive Trotzkis ist. Auf Grund dessen sowie angesichts des Übereinstimmens der Direktive Trotzkis über den Terror mit unseren eigenen Stimmungen bildeten wir denn auch das, was hier ‚Block’ genannt wird, und was enge terroristische Verschwörung genannt werden sollte. Diese Verschwörung kam im Jahre 1932 als organisatorische Vereinigung zustande, die keinerlei Plattform hatte und durch die wir uns das Ziel steckten, durch terroristische Desorganisation der Regierung, durch Beseitigung und Ermordung Stalins als Führer der Partei und des Landes sowie durch Ermordung seiner nächsten Mitarbeiter die Macht an uns zu reißen.“

Der Angeklagte Kamenew bestätigt restlos die führende Rolle, die I. N. Smirnow im trotzkistischen Teil des trotzkistisch-sinowjewistischen Terroristenzentrums spielte, und erklärt zu dem Leugnen Smirnows:

„Das sind lächerliche Ausflüchte, die einen komischen Eindruck machen.“

Weiter macht Kamenew vor dem Gericht Aussagen über die praktische Tätigkeit der konterrevolutionären Terroristen.

„Im Sommer 1932 fand bei uns auf dem Landhaus in Iljinskoje eine Beratung unseres Sinowjewschen Zentrums statt. Anwesend waren: ich, Sinowjew, Jewdokimow, Bakajew, Kuklin, Karew. Auf dieser Beratung teilte Sinowjew mit, dass die Vereinigung mit den Trotzkisten, die eine persönliche Direktive Trotzkis über die Ausführung von Terrorakten erhalten hätten, eine vollendete Tatsache sei. Auf derselben Beratung wurde Bakajew mit der Ausführung eines Terrorakts in Moskau und Karew mit der Ausführung eines solchen in Lenin grad beauftragt. Meine und Sinowjews Verbannung verzögerte etwas die Ausführung unserer terroristischen Pläne. Als wir nach Moskau zurückgekehrt waren, wurde von uns an den Grundlagen des Blocks nichts revidiert. Im Gegenteil, wir begannen die terroristische Verschwörung zu forcieren. Diese Forcierung wurde durch zwei Umstände hervorgerufen. Erstens, durch das Missglücken der doppelzüngigen Politik Sinowjews, der aus der Redaktion des ‚Bolschewik’ entfernt wurde, was unsererseits Befürchtungen hervorrief, ob nicht Information über unsere Verbindung mit Trotzki in die Parteiführung gedrungen sei. Zweitens bestanden auf der Forcierung des Terrors energisch die Trotzkisten, die eine entsprechende Direktive Trotzkis erhalten hatten. Organisatorisch fand das seinen Ausdruck darin, dass der Beschluss gefasst wurde, die Ermordung Stalins und die Ermordung Kirows zu beschleunigen“

„Im Juni 1934 - fährt der Angeklagte Kamenew fort - fuhr ich persönlich nach Lenin grad, wo ich den aktiven Sinowjewanhänger Jakowlew beauftragte, parallel zur Gruppe Nikolajew-Kotolynow einen Anschlag auf Kirow vorzubereiten. Anfang November 1934 war ich aus dem Bericht Bakajews über alle Einzelheiten der Vorbereitung der Ermordung Kirows durch die Nikolajewsche Gruppe unterrichtet.“

Wyschinski: Die Ermordung Kirows ist unmittelbar das Werk Ihrer Hände?

Kamenew: Ja.

Über die Zusammensetzung des trotzkistisch-sinowjewistischen Terroristenzentrums macht Kamenew folgende Aussagen: „Das Verschwörungszentrum bestand aus folgenden Personen: seitens der Sinowjewleute aus mir, Sinowjew, Jewdokimow, Bakajew und Kuklin; seitens der Trotzkisten aus Smirnow, Mratschkowski und Ter-Waganjan. Als einen Leiter der Verschwörung kann man noch eine Person nennen, die faktisch zu den Leitern gehörte, aber angesichts unserer besonderen Überlegungen, die mit dieser Person verbunden waren, nicht zu praktischen Maßnahmen herangezogen wurde. Ich spreche von Sokolnikow.“

Wyschinski: Der ein Mitglied des Zentrums, aber von der strengsten Konspiration umgeben war?

Kamenew: Ja.

„Da wir wussten, dass wir aufgedeckt wenden können - sagt Kamenew weiter -, fassten wir eine ganz kleine Gruppe ins Auge, die für diesen Fall die terroristische- Tätigkeit fortsetzen sollte. Dazu hatten wir Sokolnikow bestimmt. Es schien uns, dass seitens der Trotzkisten Serebrjakow und Radek diese Rolle mit Erfolg spielen könnten. Auf unsere diesbezügliche Frage antwortete Mratschkowski: - Ja, Serebrjakow und Radek können unserer Meinung nach die Rolle des Ersatzes spielen, wenn unsere leitende Gruppe wider Erwarten aufgedeckt werden sollte.“

Kamenew erzählt, dass die Sinowjewleute auch mit anderen konterrevolutionären Gruppen Verhandlungen geführt und Kontakt hergestellt haben.

„Im Jahre 1932 führte ich persönlich Verhandlungen mit der Gruppe der so genannten ‚Linksler’, der Gruppe Lominadse-Schatzkin. In dieser Gruppe fand ich Feinde der Parteiführung, die absolut dazu vorbereitet waren, zu den entschlossensten Kampfmethoden gegen diese überzugehen. Gleichzeitig standen sowohl ich und Sinowjew in ständiger Verbindung auch mit der Gruppe der früheren Arbeiteropposition - der Gruppe Schljapnikow-Medwedjew. In den Jahren 1932-1933-1934 unterhielt ich persönlich Beziehungen zu Tomski und Bucharin, um mich über ihre politischen Stimmungen zu informieren. Sie sympathisierten mit uns. Als ich Tomski fragte, in was für einer Stimmung Rykow ist, erwiderte er: ‚Rykow denkt genau so wie ich.’ Auf die Frage, was denn Bucharin denke, sagte er: ‚Bucharin denkt dasselbe wie ich, verfolgt aber eine etwas andere Taktik; er ist mit der Parteilinie nicht einverstanden, verfolgt aber die Taktik der verstärkten Einnistung in die Partei und der Gewinnung des persönlichen Vertrauens der Führung.’“

Bei der Vernehmung des Angeklagten Kamenew geht das Gericht ausführlich auf das Doppelzünglertum ein, das die Verschwörer neben dem Terror im Kampf gegen die Partei anwandten.

Wyschinski: Wie soll man Ihre Artikel und Erklärungen einschätzen, die Sie im Jahre 1933 geschrieben und in denen Sie Ihre Ergebenheit für die Partei geäußert haben. Als Betrug?

Kamenew: Nein. Schlimmer als Betrug.

Wyschinski: Als Treubruch?

Kamenew: Schlimmer.

Wyschinski: Schlimmer als Betrug, schlimmer als Treubruch - finden Sie dieses Wort. Als Verrat?

Kamenew: Sie haben es gefunden.

Wyschinski: Angeklagter Sinowjew, bestätigen Sie das?

Sinowjew: Ja.

Wyschinski: Verrat, Treubruch, Doppelzünglertum?

Sinowjew : Ja.

Der Angeklagte Kamenew, der nunmehr über die Motive seines Verhaltens spricht, erklärt: „Ich kann nur das eine gestehen, dass wir, nachdem wir uns das ungeheuerlich verbrecherische Ziel gestellt hatten, die Regierung des sozialistischen Landes zu desorganisieren, Kampfmethoden anwandten, die unserer Meinung nach diesem Ziel entsprachen und die ebenso niedrig und gemein sind, wie das Ziel selbst, das wir uns gestellt hatten.“

Im weiteren Verlauf der Vernehmung spricht der Angeklagte Kamenew noch klarer und bestimmter darüber, wovon sich die Sinowjewleute in ihrer Tätigkeit leiten ließen.

Wyschinski: Folglich wurde Ihr Kampf gegen die Führung der Partei und der Regierung von Motiven persönlicher, niedriger Natur, von der Gier nach persönlicher Macht geleitet?

Kamenew: Ja, von der Machtgier unserer Gruppe.

Wyschinski: Finden Sie nicht, dass das nichts mit gesellschaftlichen Idealen gemein hat?

Kamenew: Es hat das gemein, was Revolution und Konterrevolution miteinander gemein haben.

Wyschinski: Sie stehen also auf der Seite der Konterrevolution?

Kamenew: Ja.

Wyschinski: Sie sind sich also deutlich bewusst, dass Sie einen Kampf gegen den Sozialismus führen?

Kamenew: Wir sind uns deutlich bewusst, dass wir einen Kampf gegen die Führung der Partei und der Regierung betreiben, die das Land zum Sozialismus führen.

Wyschinski: Dadurch sind Sie auch gegen den Sozialismus?

Kamenew: Sie ziehen den Schluss eines Historikers und Anklägers.

Zum Schluss der Vernehmung des Angeklagten Kamenew erinnert ihn Genosse Wyschinski daran, dass er im seinen Aussagen vom 10. August erklärt hat, dass die Verschwörer beabsichtigten, nach der Machtergreifung durch Ernennung Bakajews zum Leiter der OGPU die Spuren ihrer Verbrechen zu verwischen.

Kamenew behauptet, dass das trotzkistisch-sinowjewistische Zentrum dabei nicht die physische Vernichtung der unmittelbaren Vollstrecker der Terrorakte im Sinne gehabt, sondern beabsichtigt habe, die Untersuchung der Terrorakte auf einen falschen Weg zu lenken.

Der Angeklagte Reingold behauptet kategorisch, dass das trotzkistisch-sinowjewistische Zentrum beabsichtigt habe, ihre aktiven Terroristen zu vernichten, um die trotzkistisch-sinowjewistischen Anführer zu decken und die Spuren der Verbrechen zu verwischen. Empört über die Erklärung Kamenew, sagt Reingold: „Kamenew soll sich hier nicht als ein so unschuldiges Geschöpf aufspielen. Er ist ein gerissener Politiker, der über Berge von Leichen gehen würde, um zur Macht zu gelangen. Und da wäre er davor zurückgeschreckt, einen oder zwei Terroristen zu vernichten? Das glaubt ihm niemand!

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