PROZESSBERICHT
ÜBER DIE STRAFSACHE
DES TROTZKISTISCH-SINOWJEWISTISCHEN
TERRORISTISCHEN ZENTRUMS

MORGENSITZUNG VOM 20. AUGUST 1936

VERNEHMUNG DES ANGEKLAGTEN SINOWJEW

Sinowjew beginnt seine Aussagen mit der Geschichte der Wiederherstellung des vereinigten trotzkistisch-sinowjewistischen Zentrums im Jahre 1932. Sinowjew betont, dass zwischen den Trotzkisten und den Sinowjewleuten im Grunde genommen nie irgendwelche Meinungsverschiedenheiten bestanden haben.

„Unsere Differenzen mit Trotzki nach dem XV. Parteitag - sagt Sinowjew -, als Trotzki in Bezug auf - mich und Kamenew das Wort Verrat gebrauchte, waren in Wirklichkeit nur eine kleine Zickzacklinie, eine Streiterei. Wir haben damals keinerlei Verrat an Trotzki verübt, sondern haben noch einen Verrat mehr an der bolschewistischen Partei verübt, der wir angehörten.“

„Jedoch gerade in jenem Augenblick - fährt Sinowjew fort - gingen wir bereits vollständig auf den Boden des Doppelzünglertums über, das schon früher begonnen hatte, das es 1926 so gut wie 1927 gab. Im Jahre 1928, nach dem XV. Parteitag der KPdSU(B), können wir bereits keinen einzigen Schritt tun, können wir bereits kein einziges Wort mehr sagen ohne den einen oder anderen Verrat an der Partei, ohne die eine oder andere Anwendung von Doppelzüngigkeit.

Von 1928 bis 1932 bestand auch nicht einen einzigen Augenblick lang - sagt Sinowjew - ein wirklicher Unterschied zwischen uns und den Trotzkisten. Und deshalb sind wir vollkommen gesetzmäßig beim Terrorismus angelangt.

Wir setzten auf die Karte des Wachstums der Schwierigkeiten, wir hofften darauf, sie würden in einem Maße zunehmen, dass es uns, den Rechten wie den Trotzkisten und den sich an sie anlehnenden kleineren Gruppen möglich sein werde, offen hervorzutreten. Wir träumten davon, in geeinter Front aufzutreten. Wir dachten damals, dass die Rechten die meisten Chancen haben, dass ihre Pragnasen am ehesten in Erfüllung gehen werden, dass ihre Namen besondere Zugkraft haben werden. Zu diesem Zeitpunkt waren wir bemüht, besonders zu unterstreichen, dass wir ihnen nahe stehen.“

„Zur gleichen Zeit - fährt Sinowjew fort - suchten einzelne illegale Gruppen sowohl rechter als auch so genannter linker Richtung Verbindung mit mir und Kamenew. Es kamen Anfragen von den Überresten der ‚Arbeiteropposition’, von Schljapnikow, Medwedjew. Es kamen Anfragen von der Gruppe der so genannten ‚Linksler’. Das sind Lominadse, Schatzkin, Sten und andere. Es kamen Anfragen auch von den so genannten ‚Einzelgängern’. Zu ihnen gehörte Smilga und, in gewissem Grade, Sokolnikow.“

„In der zweiten Hälfte 1932 - sagt Sinowjew - begriffen wir, dass unsere Hoffnungen auf ein Anwachsen der Schwierigkeiten im Lande gescheitert sind. Wir begannen zu begreifen, dass die Partei und ihr ZK diese Schwierigkeiten überwinden. Aber in der ersten wie in der zweiten Hälfte 1932 hegten wir glühenden Hass gegen das Zentralkomitee der Partei und gegen Stalin.“

„Wir waren davon überzeugt - sagt Sinowjew -, dass die Führung um jeden Preis abgelöst werden muss, dass sie von uns im Bunde mit Trotzki abgelöst werden muss. In dieser Situation finden meine Zusammenkünfte mit Smirnow statt, der mich hier beschuldigt hat, dass ich häufig die Unwahrheit sage. Ja, ich habe häufig die Unwahrheit gesagt. Ich habe von dem Augenblick an die Unwahrheit gesagt, als ich den Weg des Kampfes gegen die bolschewistische Partei betrat. Insofern auch Smirnow den Weg des Kampfes gegen die Partei betreten hat, sagt auch er die Unwahrheit. Der Unterschied zwischen mir und ihm besteht aber anscheinend darin, dass ich fest und restlos entschlossen bin, in dieser letzten Minute die ganze Wahrheit zu sagen, während er anscheinend einen anderen Entschluss gefasst hat.“

Wyschinski: Jetzt sagen Sie die ganze Wahrheit?

Sinowjew: Jetzt sage ich restlos die ganze Wahrheit.

Wyschinski: Erinnern Sie sich, dass Sie am 15. und l6. Januar 1935 in der Sitzung des Militärkollegiums des Obersten Gerichtshofes ebenfalls behauptet haben, die ganze Wahrheit zu sagen.

Sinowjew: Ja, am 15./16. Januar habe ich nicht die ganze Wahrheit gesagt:

Wyschinski: Sie haben nicht die Wahrheit gesagt, haben aber versichert, dass Sie die Wahrheit sagen.

Sinowjew fährt in seinen Aussagen fort und führt aus, dass er im Jahre 1931 während der Unterredungen mit Smirnow mit diesem über die Vereinigung der Trotzkisten und der Sinowjewleute auf der Basis des Terrors verhandelt habe, und dass dies auf Direktive Trotzkis geschehen sei. „I. N. Smirnow - sagt Sinowjew - billigte restlos diese Direktive und führte sie feurig und eifrig durch. Ich sprach mit Smirnow sehr viel über die Auswahl der Leute für die terroristische Tätigkeit; wir bestimmten auch die Personen, gegen die sich die Waffe des Terrors richten sollte. In erster Linie wurde der Name Stalins, dann die Namen Kirows, Woroschilows und weiterer Führer der Partei und der Regierung genannt: Zur Verwirklichung dieser Pläne wurde das trotzkistisch- sinowjewistische terroristische Zentrum geschaffen, in dem ich, Sinowjew; und von den Trotzkisten Smirnow die führende Rolle gespielt haben.“.

Wyschinski: Man kann also als Ergebnis Ihrer Aussagen den Schluss ziehen, dass bei der Organisation des trotzkistisch- sinowjewistischen terroristischen Blocks und Zentrums einerseits Sie als Leiter der Sinowjewleute und andererseits Trotzki durch seine Vertreter die ausschlaggebende Rolle gespielt haben?

Sinowjew: Richtig.

Wyschinski: Der Hauptvertreter, ja sogar der Stellvertreter Trotzkis in der UdSSR war in dieser Periode I. N. Smirnow?

Sinowjew: Richtig.

Wyschinski: War die Anerkennung der Notwendigkeit des Terrors die entscheidende Bedingung für die Vereinigung der Trotzkisten und der Sinowjewleute?

Sinowjew: Ja.

Wyschinski: Wurden von Ihnen und Smirnow die Personen bestimmt, gegen die sich der Terror in erster Linie richten sollte? Stimmt es, dass Genosse Stalin, Genosse Kirow, Genosse Woroschilow diese Personen waren?

Sinowjew: Im Zentrum stand diese Frage.

In seinen weiteren Aussagen erzählt Sinowjew in Beantwortung der Frage des Genossen Wyschinski, welche praktischen Schritte zur Vorbereitung des Mordes an den Führern der Partei und der Regierung unternommen wurden, davon, dass im Herbst 1932 in Iljinskoje eine Beratung stattfand, an der Sinowjew, Kamenew, Jewdokimow, Bakajew und Karew teilnahmen. Auf dieser Beratung wurde Bakajew mit der praktischen Leitung der terroristischen Angelegenheiten beauftragt.

„Als ich und Kamenew nach der Aufdeckung der Rjutin-Gruppe in die Verbannung gingen - fährt Sinowjew fort -, ließen wir Jewdokimow, Bakajew und Smirnow als Leiter der terroristischen Tätigkeit zurück. Dabei setzten wir besondere Hoffnungen auf Smirnow.“

„In jene Zeit - sagt Sinowjew - fallen auch meine Unterhandlungen mit Tomski, dem ich von unserem Block mit den Trotzkisten erzählte. Tomski drückte mir seine volle Solidarität mit uns aus: Nach unserer Rückkehr aus der Verbannung waren unsere ersten Schritte darauf gerichtet, die, wenn man sich so ausdrücken kann, Bresche in unserer terroristischen Verschwörerfront zu reparieren, das Vertrauen uns gegenüber wiederherzustellen, damit wir dann die terroristische Tätigkeit wieder fortsetzen könnten. Wir setzten eine Taktik fort, die aus der Verquickung, aus der Kombination einer immer raffinierteren heimtückischen Doppelzüngigkeit mit der Vorbereitung der Verschwörung bestand.“

„Nach dem Mord an Sergej Mironowitsch Kirow - sagt Sinowjew - ging unsere Heimtücke so weit, dass ich einen Nachruf auf Kirow an die Prawda` sandte. Dieser Nachruf wurde nicht gedruckt. Soweit ich mich erinnern kann, haben auch Kamenew und, ich glaube, Jewdokimow Nachrufe auf Kirow geschrieben. Jedenfalls wusste Kamenew, dass ich einen Nachruf schicken werde.“

Wyschinski: Das heißt also, Sie haben das nach vorhergehender Vereinbarung getan?

Sinowjew: Soweit ich mich erinnern kann, sagte ich Kamenew; dass ich einen Nachruf schicken werde. Er sagte, wie mir scheint, dass er entweder einen selbständigen Nachruf schicken werde, oder dass von seiner Arbeitsstelle ein kollektiver Nachruf geschickt werden soll, den er unterschreiben werde.

Wyschinski: Sie erinnern sich nicht daran, Angeklagter Kamenew?

Kamenew: Ich erinnere mich nicht daran. Auch davon, dass Sinowjew beabsichtigte, einen Nachruf zu schicken, wusste ich nichts. Ich wusste, dass Sinowjew nach den Ereignissen des 1. Dezember und nach der Verhaftung Bakajews und Jewdokimows mit dem Entwurf seines Briefes an Jagoda, den Generalkommissar für Staatssicherheit, zu mir kam, in dem er erklärte, dass er durch diese Verhaftung beunruhigt sei und bitte, ihn vorzuladen, um festzustellen, dass er (Sinowjew) nichts mit diesem Mord zu tun hat.

Wyschinski: Verhielt sich das so, Angeklagter Sinowjew

Sinowjew: Ja, das verhielt sich so.

Kamenew: Darauf sagte ich, man soll das nicht tun, da ich der Ansicht war, dass es, nach dem, was wir getan hatten, notwendig war, etwas Kaltblütigkeit zu bewahren.

Wyschinski: Ihnen gelang es, Kaltblütigkeit zu bewahren?

Kamenew: Ja, einen solchen Brief habe ich nicht geschrieben.

Darauf erzählt Sinowjew, dass er im Jahre 1934 Bakajew nach Lenin grad geschickt hat, um zu überprüfen, ob dort die Vorbereitungen zur Ermordung Kirows getroffen seien. „Ich - sagt Sinowjew - sandte nach Lenin grad Bakajew als - einen Menschen, der unser Vertrauen genoss, der persönlich die Terroristenkader ausgezeichnet kannte, damit er die Leute, die Situation kontrolliere, damit er feststelle, wie weit alles vorbereitet ist, usw. Aus Lenin grad zurückgekehrt, meldete Bakajew, dass alles in Ordnung sei.

Wyschinski: Sie waren sicher, dass alles günstig stand?

Sinowjew: Ich war der Ansicht, dass die ganze Arbeit getan ist.

Wyschinski: Sie beschleunigten, forcierten die Ermordung Kirows? Gab es Momente, wo Sie Ihre Unzufriedenheit über eine gewisse Saumseligkeit Ihrer Terroristen äußerten?

Sinowjew: Ja, eine gewisse Unzufriedenheit habe ich geäußert.

Wyschinski: Kann man sagen, dass Sie nicht nur Organisator und Inspirator des Mordes an Kirow waren, sondern auch Organisator einer beschleunigten Ausführung dieser Tat?

Sinowjew: Es gab einen Moment, wo ich bemüht war, die Dinge zu beschleunigen.

In seinen weiteren Aussagen spricht Sinowjew über seine Zusammenkünfte mit M. Lurie (Emel), der von Trotzki terroristische Direktiven mitgebracht hatte. „Ich wusste - sagt Sinowjew -, dass M. Lurie Trotzkist und nicht nur Trotzkist ist; wenn er sprach, kam bei ihm sogar die Ausdrucksweise des Faschisten zum Vorschein.“

Wyschinski: Worin kam sein Faschismus zum Ausdruck?

Sinowjew: Das faschistische lief darauf hinaus, dass er sagte, in einer Situation wie der heutigen müssten wir bereit sein, uns aller Mittel zu bedienen.

Durch die Frage, die Genosse Wyschinski an M. Lurie richtet, wird klargestellt, dass Sinowjew mit M. Lurie nach dessen Ankunft aus Berlin dreimal zusammentraf. Dabei kam es während der Zusammenkunft von M. Lurie mit Sinowjew in dessen Wohnung zu einem offenen Gespräch zwischen den beiden. Das Gespräch drehte sich um die terroristischen Direktiven Trotzkis, die M. Lurie in Berlin durch Ruth Fischer und Maslow erhalten und dann durch Gerzberg an Sinowjew weitergegeben hatte.

Ich - sagt M. Lurie - fragte Sinowjew, ob er über den Fall Nathan Lurie unterrichtet sei. Sinowjew antwortete bejahend: Ferner hat Moissej Lurie Sinowjew gesagt, dass Nathan Lurie mit einem gewissen Franz Weiz in Verbindung stehe. Auf die Frage Sinowjews, wer dieser Franz Weiz sei, habe ihm M. Lurie mitgeteilt, dass Franz Weiz ein besonderer Vertrauensmann Himmlers, des jetzigen Leiters der Gestapo, sei.

Ich - sagt M. Lurie - fragte ihn noch einmal: Sind Sie über diese Gruppe unterrichtet? Sinowjew antwortete bejahend. Auf meine mit Befremdung gestellte Frage, ob es für Marxisten zulässig sei, individuellen Terror anzuwenden und Verbindungen zu faschistischen Gruppen zu unterhalten, erfolgte die Antwort: „Sie sind doch Historiker, Moissej Iljitsch“, und Sinowjew zog eine Parallele zu Bismarck und Lassalle, wobei er hinzufügte: „Warum sollen wir nicht jetzt Himmler ausnutzen?“

Nach den Antworten Luries behauptet Sinowjew, dass dieser Satz von Lurie selbst stamme. Er gibt jedoch die Tatsache zu, dass Lurie wirklich bei ihm in der Wohnung war und mit ihm ein Gespräch über den Terror hatte.

Darauf sagt Sinowjew in Beantwortung der Frage des Vorsitzenden Genossen Ulrich über seine, Sinowjews, Teilnahme an der Vorbereitung des Terrorakts gegen den Genossen Stalin, dass er daran beteiligt gewesen sei, und dass ihm zwei Versuche eines Anschlags auf das Leben des Genossen Stalin bekannt seien, an denen Reingold, Dreitzer und Pikel beteiligt gewesen seien. Sinowjew bestätigt auch, dass er Bakajew, dem Leiter der terroristischen Gruppen, seinen Privatsekretär Bogdan zur Ausführung des Mordes an dem Genossen Stalin empfohlen habe.

Wyschinski: Sie haben Bogdan an Bakajew dazu empfohlen, dass er den Mord an dem Genossen Stalin ausführe. Sie bestätigen das?

Sinowjew: Ich bestätige es.

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