PROZESSBERICHT
ÜBER DIE STRAFSACHE
DES TROTZKISTISCH-SINOWJEWISTISCHEN
TERRORISTISCHEN ZENTRUMS

ABENDSITZUNG VOM 20. AUGUST 1936

VERNEHMUNG DES ANGEKLAGTEN I. N. SMIRNOW

Den größeren Teil der Abendsitzung des Militärkollegiums des Obersten Gerichtshofes vom 20. August nahm die Vernehmung des Angeklagten I. N. Smirnow ein.

I. N. Smirnow ist seit ihrer Entstehung einer der Leiter der trotzkistischen Organisation. Er ist der nächste Freund Trotzkis, der tatsächliche Organisator und Leiter der trotzkistischen konterrevolutionären illegalen Organisation in der UdSSR, der persönlich die Verbindung mit Trotzki und den trotzkistischen Organisationen im Auslande unterhielt.

Smirnow, der Stellvertreter Trotzkis in der Sowjetunion - wie ihn die Angeklagten kennzeichnen -, der Leiter des trotzkistischen Zentrums, bestreitet seine unmittelbare Teilnahme an der terroristischen Tätigkeit und gibt nur teilweise seine Verbrechen zu.

Im Mai 1931 fuhr Smirnow in dienstlicher Kommandierung ins Ausland. In Berlin kam er mit Sedow, dem Sohn und Agenten Trotzkis zusammen. Smirnow behauptet, dass dies eine „zufällige“ Zusammenkunft gewesen sei. Bei dieser „zufälligen“ Zusammenkunft beeilte sich Smirnow, mit Sedow eine nächste Zusammenkunft zu vereinbaren, die in der Wohnung Smirnows stattfand. Sedow sprach mit Smirnow über die Notwendigkeit, die alten Formen des Kampfes gegen die Partei zu ändern, darüber, dass es an der Zeit sei, zu terroristischen Kampfmethoden überzugehen. Smirnow versucht, diese Stellungnahme als persönliche Meinung Sedows hinzustellen, mit der er, Smirnow, angeblich nicht einverstanden war. Dennoch gab Smirnow sofort, Sedow das Versprechen, mit ihm die Verbindung aufzunehmen; eine „informatorische“ Verbindung mit Trotzki herzustellen, und erhielt von Sedow zwei Adressen für den Briefwechsel und vereinbarte mit ihm die Parole für die zu entsendenden Agenten. Nach seiner Ankunft in Moskau übermittelte Smirnow seinen Gesinnungsgenossen die Information über seine Unterhaltung mit Sedow bezüglich des Terrors.

Wyschinski: Obgleich Sie mit Sedow nicht einverstanden waren, hielten Sie es dennoch für notwendig, Ihrer illegalen Organisation diese Terroranweisung zu übermitteln?

Smirnow: Ja, ich habe nicht angenommen, dass sie diese Information als Anweisung Trotzkis auffassen werden.

Diese Behauptung wird jedoch widerlegt durch die Aussagen des Angeklagten Mratschkowski, dem Smirnow mitgeteilt hatte, dass er in Berlin durch Sedow mit Trotzki, von dem auch die Weisungen über den Terror ausgingen, in Verbindung getreten sei.

Wyschinski: Als Ihnen Smirnow von seinem Gespräch mit Sedow erzählte, haben Sie da den Inhalt dieses Gesprächs als Direktive und nicht als einfache Mitteilung aufgefasst?

Mratschkowski: Ja.

Wyschinski: Wovon war denn in dieser Direktive die Rede?

Mratschkowski: Es wurde darauf hingewiesen, dass jene Direktiven, die bis dahin, d. h. bis 1931 ausgegeben worden waren, schon überholt seien. Trotzki schlug vor, zu einer anderen Kampfmethode, zu einer schärferen Methode überzugehen.

Wyschinski: Wer schlug vor, Sedow oder Trotzki?

Mratschkowski: Trotzki.

Wyschinski: Sprach Smirnow von Troitzki?

Mratschkowski: Von Trotzki. War doch Sedow weder für ihn noch für uns eine Autorität.

Wyschinski: Angeklagter Smirnow, stimmt das, dass Sedow für Sie keine Autorität war?

Smirnow: Nein, Sedow war keine Autorität für mich.

Der Angeklagte Smirnow versucht zunächst zu behaupten, dass 1931 und 1932 auch Trotzki für ihn keine Autorität war. Er gibt jedoch sogleich zu, dass er 1932 durch Juri Gawen von Trotzki Direktiven über die Notwendigkeit des Übergangs zum Terror gegen die Führer der Partei und der Regierung erhielt: diese Direktiven übernahm er zur Durchführung und leitete sie an das Zentrum weiter.

Wyschinski: Wurde das Zentrum auf der Grundlage des Terrors organisiert?

Smirnow: Ja.

Wyschinski: Sie waren Mitglied des Zentrums?

Smirnow: Ja, ich war Mitglied.

Wyschinski: Also war diese Direktive auch für Sie bestimmt.

Smirnow: Ja, sie wurde mir übermittelt.

Wyschinski: War diese Direktive, die durch Sie übermittelt wurde, auch für Sie selbst bindend?

Smirnow: Sie wurde als Direktive übermittelt.

Wyschinski: Sie haben sie angenommen?

Smirnow: Ja.

Wyschinski: Wieso behaupten Sie, dass Trotzki, von dem diese Direktive ausging, für Sie keine Autorität war?

Smirnow versucht, seine Rolle auf die einfache Übermittlung der Direktiven Trotzkis an das Zentrum zu reduzieren, er versucht, die Verantwortung für die Arbeit des Zentrums von sich abzuwälzen.

Smirnow: Ich habe diese Direktive angehört und an das Zentrum weitergeleitet, das Zentrum hat sie angenommen, ich aber habe an dessen Arbeit keinen Anteil genommen.

Wyschinski: Wann sind Sie denn aus dem Zentrum ausgetreten?

Smirnow: Ich habe nicht daran gedacht, auszutreten, es war nichts da, woraus man hätte austreten können.

Wyschinski: Das Zentrum hat bestanden?

Smirnow: Aber was für ein Zentrum ...

Wyschinski: Mratschkowski, hat, das Zentrum bestanden?

Mratschkowski: Ja.

Wyschinski: Sinowjew, hat das Zentrum bestanden?

Sinowjew: Ja.

Wyschinski: Jewdokimow, hat das Zentrum bestanden?

Jewdokimow: Ja.

Wyschinski: Bakajew, hat das Zentrum bestanden?

Bakajew: Ja.

Wyschinski: Smirnow, wie können Sie sich herausnehmen, z. B. behaupten, dass es kein Zentrum gab?

Smirnow beruft sich wiederum darauf, dass es keine Sitzungen des Zentrums gab, wird aber durch die Aussagen Sinowjews, Ter-Waganjans und Mratschkowskis von neuem der Lüge überführt. Auf die Fragen des Staatsanwalts bestätigt Sinowjew, dass er in ununterbrochener Verbindung mit Smirnow stand. Ter-Waganjan bestätigt die Rolle Smirnows als Leiter des trotzkistischen Teils des Blocks, der an der Organisierung, Konsolidierung und Vereinigung der beiden Teile des Blocks gearbeitet hat.

Mratschkowski seinerseits sagt: „Smirnow will hier die Unschuld vom Land spielen, wir aber haben Smirnow direkt als den Stellvertreter Trotzkis betrachtet.“

In Verbindung mit den Aussagen Smirnows macht der Angeklagte Olberg dem Gericht Mitteilung von seinen wiederholten Zusammenkünften mit Sedow, dem Sohne Trotzkis, in Berlin im Jahre 1931. Bei einer dieser Zusammenkünfte im November-Dezember 1931 erzählte Sedow Olberg von seiner Zusammenkunft mit I. N. Smirnow. Sedow sprach mit großer Achtung von Smirnow, als dem Leiter der trotzkistischen Organisation in der UdSSR, und sagte, dass er, Sedow, Smirnow die Direktive Trotzkis über die Notwendigkeit, zu Terroraktionen überzugehen, übergeben hat. Ferner teilt Olberg mit, dass er, wie auch die anderen Trotzkisten im Ausland und in der Sowjetunion, Sedow ausschließlich als den Überbringer des Willens, der Aufträge und der Politik Trotzkis betrachten.

Die weitere Vernehmung Smirnows bestätigt, dass der Angeklagte von Trotzki ergänzende Direktiven über den Terror erhalten und weitergeleitet hat.

Wyschinski: Kann man als feststehend betrachten, dass Sie im Jahre 1932 von Trotzki durch Gawen eine neue Direktive erhalten haben? '

Smirnow: Ja.

Wyschinski: Diese Direktive enthielt den direkten Hinweis darauf, dass es notwendig ist, zum terroristischen Kampf gegen die Parteiführung überzugehen?

Smirnow: Vollkommen richtig.

Wyschinski: In erster Linie gegen wen?

Smirnow: Namen wurden dort nicht genannt.

Wyschinski: Sie haben aber verstanden, dass der terroristische Kampf vor allem gegen den Genossen Stalin einsetzen sollte?

Smirnow: Ja, so habe ich es verstanden.

Wyschinski: So haben Sie es auch an Ihre Gesinnungsgenossen weitergeleitet?

Smirnow: Ja.

Der Angeklagte windet und dreht sich hartnäckig und versucht, seine Rolle als Leiter der trotzkistischen Organisation zu leugnen. Die Gerichtsverhandlung beschäftigt sich eingehend mit dieser Frage. Aus der Befragung der Angeklagten geht hervor, dass Ter-Waganjan die Verhandlungen über einen Block mit den Sinowjewleuten in direktem Auftrage Smirnows geführt hat. Es stellt sich heraus, dass Mratschkowski die Vorbereitung der terroristischen Gruppen in direktem Auftrage Smirnows betrieben hat. Es wird bestätigt, dass weder Ter-Waganjan noch Mratschkowski irgendwelche Aufträge an Smirnow erteilten, sondern selbst von ihm Aufträge erhielten. Es stellt sich schließlich heraus, dass Smirnow bis zu seiner Verhaftung persönlich die unmittelbare Verbindung mit Trotzki unterhielt. Unter dem Druck all dieser unwiderlegbaren Tatsachen gibt Smirnow schließlich zu, dass gerade er und niemand anderer das Haupt der trotzkistischen Organisation war.

Der Angeklagte macht dieses Geständnis jedoch erst, nachdem die Anklage ihn durch völlig unbestreitbare Tatsachen entlarvt hat.

Im Bestreben, die Spuren seiner Tätigkeit bei der Organisierung des terroristischen trotzkistisch-sinowjewistischen Blocks zu verwischen, versucht Smirnow, eine neue Version der Organisierung des Blocks ohne seine direkte Beteiligung zu konstruieren. Aus den Aussagen der Angeklagten geht jedoch hervor, dass die Schaffung des Blocks das Resultat der unmittelbaren Verhandlungen war, die Smirnow mit Sinowjew, Kamenew mit Ter-Waganjan und Jewdokimow mit Mratschkowski führten, wobei die Verhandlungen über die Organisierung des Blocks auf Grund der ersten Direktive über den Terror geführt wurden, die Smirnow von Trotzki durch Vermittlung Sedows im Jahre 1931 mitgebracht hatte.

Der Staatsanwalt klärt die Verbindungen Smirnows mit Trotzki auf.

Wyschinski: Hatten Sie eine direkte Verbindung mit Trotzki?

Smirnow: Ich hatte zwei Adressen.

Wyschinski: Ich frage Sie: hatten Sie Verbindung?

Smirnow: Ich hatte zwei Adressen...

Wyschinski: Antworten Sie: bestand eine Verbindung?

Smirnow: Wenn das Vorhandensein von Adressen Verbindung heißt.

Wyschinski: Und wie nennen denn Sie das?

Smirnow: Ich sagte, dass ich zwei Adressen erhielt.

Wyschinski: Hatten Sie Verbindung mit Trotzki?

Smirnow: Ich hatte zwei Adressen.

Wyschinski: Hatten Sie persönliche Verbindung?

Smirnow: Persönliche Verbindung hatte ich nicht.

Wyschinski: Gab es eine Postverbindung mit Trotzki?

Smirnow: Es gab eine Postverbindung mit Trotzkis Sohn.

Wyschinski: Und haben Sie durch Gawen einen Brief von Sedow oder von Trotzki erhalten?

Smirnow: Gawen überbrachte einen Brief von Trotzki.

Wyschinski: Ich frage Sie ja gerade danach: hatten Sie Verbindung mit Trotzki, ja oder nein?

Smirnow: Ich sage, dass ich einen Brief an Trotzki schrieb und von ihm Antwort erhielt.

Wyschinski: Ist das Verbindung oder nicht?

Smirnow: Das ist Verbindung.

Wyschinski: Also bestand eine Verbindung.

Smirnow: Jawohl.

Auch andere unwiderlegbare Tatsachen werden festgestellt. Ter-Waganjan, Mratschkowski, Sinowjew und Jewdokimow sagen über Gespräche aus, die Smirnow 1931 über Aufträge führte, die er in dieser Periode zur Vorbereitung der Terroristen erteilte.

Wyschinski: Haben Sie der Gruppe Aufträge erteilt?

Smirnow: Nein, ich habe keine erteilt.

Wyschinski (wendet sich an Mratschkowski): Mratschkowski, gab Ihnen Smirnow derartige Direktiven?

Mratschkowski: Ja, die Direktiven wurden Anfang 1931 nach seiner Rückkehr aus dem Ausland gegeben.

Wyschinski: Was hat er Ihnen gesagt?

Mratschkowski: Dass man an die Auswahl von Leuten schreiten muss, die wir gut kennen, dass uns eine ernste Aufgabe gestellt wird, dass wir willensstarke Leute aussuchen müssen. Das sagte er in seiner Wohnung.

Smirnow: Das war in meiner Wohnung? Wo ist meine Wohnung?

Mratschkowski: Das war 1931 in der Pressnja.

Wyschinski: War er bei Ihnen in der Pressnja?

Smirnow: Nicht in der Pressnja selbst, aber in diesem Bezirk war er.

Wyschinski: Angeklagter Sinowjew, Sie sagten, dass Smirnow mit Ihnen wiederholt über den Terror, über die Notwendigkeit, Terrorakte zu forcieren, gesprochen hat?

Sinowjew: Das stimmt.

Wyschinski: Also entspricht der Wirklichkeit, was Mratschkowski über die Terroristengruppe sagt?

Sinowjew: Ja.

Wyschinski: Angeklagter Smirnow, sind Sie der Ansicht, dass Ter-Waganjan, Mratschkowski, Jewdokimow die Unwahrheit sagen?

Smirnow schweigt.

Wyschinski: Was geben Sie denn zu?

Smirnow: Ich gebe an, dass ich mich an der illegalen trotzkistischen Organisation beteiligte, dass ich in den Block eintrat, dass ich in das Zentrum dieses Blocks eintrat, dass ich Sedow in Berlin 1931 gesehen und seine Meinung über den Terror angehört habe, die ich dann nach Moskau weiterleitete. Ich gebe zu, dass ich von Gawen die Direktive Trotzkis über den Terror erhalten und sie, ohne mit ihr einverstanden zu sein, durch Ter-Waganjan an die Sinowjewleute weitergeleitet habe.

Wyschinski: Und Sie sind, ohne einverstanden zu sein, Mitglied des Blocks geblieben und haben im Block gearbeitet?

Smirnow: Formell bin ich aus dem Block nicht ausgetreten, habe mich aber faktisch nicht betätigt.

Wyschinski: Also Sie haben sich, als Sie die Direktive weitergaben, nicht betätigt?

Smirnow schweigt.

Wyschinski: Was meinen Sie, wenn der Organisator eine Direktive weiterleitet, ist das keine Betätigung?

Smirnow: Natürlich.

Wyschinski: Waren Sie am Block beteiligt?

Smirnow: Ja.

Wyschinski: Und Sie geben zu, dass der Bloch auf dem Standpunkt des Terrors stand?

Smirnow: Ja.

Wyschinski: Sie geben auch zu, dass er im Zusammenhang mit der von Trotzki erhaltenen Direktive auf diesem Standpunkt stand?

Smirnow: Ja.

Wyschinski: Und waren Sie es, der diese Direktive in Empfang genommen hat?

Smirnow: Ja.

Wyschinski: Folglich waren Sie es, der den Block auf den Standpunkt des Terrors gebracht hat?

Smirnow: Ich habe die Direktive über den Terror weitergeleitet.

Wyschinski: Wenn Sie bestätigen, dass der Block nach Erhalt der Direktive Trotzkis auf dem Standpunkt des Terrors stand, so muss man feststellen, dass der Block sich nach Eintreffen der Direktive, die Sie von Trotzki erhalten und an die Mitglieder des Blocks weitergeleitet haben, auf den Standpunkt des Terrors gestellt hat.

Smirnow: Ich habe diese Direktive erhalten, sie den Trotzkisten und Sinowjewleuten mitgeteilt, sie haben das Zentrum gebildet. Ich trat, obwohl ich nicht einverstanden war, formell, nicht aus dem Block aus, war aber faktisch kein Mitglied des Blocks.

Wyschinski: Ter-Waganjan, ist Smirnow aus dem Block ausgetreten?

Ter-Waganjan: Nein.

Wyschinski: Mratschkowski, ist Smirnow aus dem Block ausgetreten?

Mratschkowski: Nein.

Wyschinski: Dreitzer, ist Ihnen bekannt, dass Smirnow aus dem Block ausgetreten ist?

Dreitzer: Wenn der Auftrag, Terroristengruppen zu organisieren, ein Austritt aus dem Block ist, dann ja.

Wyschinski: Jewdokimow, haben Sie gehört, dass Smirnow aus dem Block ausgetreten ist?

Jewdokimow: Nein, ganz im Gegenteil, er ist Mitglied des Zentrums geblieben und betätigte sich dort aktiv.

Wyschinski: Hat er die terroristischen Ansichten geteilt?

Jewdokimow: Ja, er hat sie geteilt.

Wyschinski: Angeklagter Kamenew, was ist Ihnen über den Austritt Smirnows aus dem Block bekannt?

Kamenew: Ich bestätige, dass Smirnow die ganze Zeit dem Block angehört hat.

Wyschinski: Angeklagter Smirnow, der Kreis ist geschlossen.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis