PROZESSBERICHT
ÜBER DIE STRAFSACHE
DES TROTZKISTISCH-SINOWJEWISTISCHEN
TERRORISTISCHEN ZENTRUMS

ABENDSITZUNG VOM 20. AUGUST 1936

VERNEHMUNG DES ANGEKLAGTEN OLBERG

Das Gericht geht zur Vernehmung des Angeklagten Olberg über.

Vorsitzender: Angeklagter Olberg, bestätigen Sie Ihre hauptsächlichen Aussagen über die terroristische Betätigung?

Olberg: Ich bestätige sie voll und ganz.

Wyschinski: Wie lange sind Sie mit dem Trotzkismus verbunden?

Es folgen eingehende Aussagen Olbergs darüber, dass er seit 1927/28 der deutschen trotzkistischen Organisation angehörte. 1930 begann seine Verbindung mit Trotzki und Trotzkis Sohn Sedow. Diese Verbindung organisierte ein aktiver Teilnehmer der deutschen trotzkistischen Organisation, Anton Grilewitz, der Herausgeber der deutschen Broschüren Trotzkis. Zuerst wurde eine schriftliche Verbindung mit Sedow hergestellt, der ihm die Aufträge Trotzkis übermittelte, seit dem Frühjahr 1931 aber, seit Mai, als Sedow nach Berlin kam, begann auch die persönliche Bekanntschaft.

Wyschinski: Haben Sie Sedow häufig getroffen?

Olberg: Vom Mai 1931 bis Ende 1932 trafen wir uns fast jede Woche, mitunter auch zweimal in der Woche. Unsere Zusammenkünfte fanden in einem Cafe auf dem Nürnberger Platz statt oder ich war bei ihm in der Wohnung.

Olberg geht zur Darlegung der Ereignisse über, die seiner ersten Reise in die Sowjetunion vorausgingen.

Olberg: Zum ersten Mal sprach mit mir Sedow über meine Reise nach dem Appell Trotzkis im Zusammenhang damit, dass Trotzki die Sowjetstaatsbürgerschaft entzogen wurde. In diesem Appell entwickelte Trotzki den Gedanken, dass es notwendig sei, Stalin zu ermorden. Dieser Gedanke wurde in folgenden Worten geäußert: „Stalin muss aus dem Wege geräumt werden.“ Sedow, der mir einen mit Schreibmaschine geschriebenen Text dieses Appells zeigte, erklärte: „Nun also, jetzt sehen Sie es, klarer kann man es nicht sagen. Das ist eine diplomatische Formulierung.“ Sedow erklärte dabei, dass es notwendig sei, eine Reihe von Leuten in die Sowjetunion zu schicken. Damals machte mir auch Sedow den Vorschlag, in die Sowjetunion zu fahren. Er wusste, dass ich russisch spreche und war überzeugt, dass ich dort festen Fuß fassen kann.

Es tauchten Passschwierigkeiten auf. Ich war staatenlos und konnte schon allein deshalb kein Visum bekommen. Es gelang mir jedoch, das bald in Ordnung zu bringen, und nach Erhalt eines Passes, der auf den Namen Freudigmann ausgestellt war, fuhr ich in die Sowjetunion.

Noch vor meiner Abreise in die Sowjetunion beabsichtigte ich, zusammen mit Sedow zu Trotzki nach Kopenhagen zu fahren. Unsere Reise kam jedoch nicht zustande, nach Kopenhagen begab sich Susanne, die Frau Sedows, und brachte bei ihrer Rückkehr einen Brief von Trotzki mit, der an Sedow adressiert war. In diesem Brief erklärte Trotzki sich mit meiner Reise in die Sowjetunion einverstanden und sprach die Hoffnung aus, dass es mir gelingen werde, die mir übertragene Mission zu erfüllen. Diesen Brief zeigte mir Sedow.

Wyschinski: Was wissen Sie von Friedmann?

Olberg: Friedmann war Mitglied der Berliner trotzkistischen Organisation und wurde ebenfalls in die Sowjetunion geschickt.

Wyschinski: Ist Ihnen bekannt, dass Friedmann mit der deutschen Polizei in Verbindung stand?

Olberg: Davon habe ich gehört.

Wyschinski: War die Verbindung der deutschen Trotzkisten mit der deutschen Polizei ein System?

Olberg: Ja, das was ein System und das geschah mit Zustimmung Trotzkis.

Wyschinski: Woher wissen Sie, dass das mit Wissen und Zustimmung Trotzkis geschah?

Olberg: Eine dieser Verbindungslinien ging über mich persönlich. Meine Verbindung wurde mit Sanktion Trotzkis organisiert.

Wyschinski: Ihre persönliche Verbindung mit wem?

Olberg: Mit der faschistischen Geheimpolizei.

Wyschinski: Kann man also sagen, dass Sie selbst die Verbindung mit der Gestapo zugeben?

Olberg: Ich bestreite das nicht. Im Jahre 1933 begann ein organisiertes System der Verbindung der deutschen Trotzkisten mit der deutschen faschistischen Polizei.

Im Weiteren geht der Angeklagte Olberg zur Darlegung der Umstände und Tatsachen über, die unmittelbar seine Reisen an die Sowjetunion betreffen. In die Sowjetunion reiste er dreimal.

Das erste Mal fuhr Olberg Ende März 1933 mit einem falschen Pass, der auf den Namen eines gewissen Freudigmann ausgestellt war, in die Sowjetunion. Diesen Pass erhielt er in Berlin. In der Sowjetunion blieb Olberg bis Ende Juli 1933. Das Ziel der Reise war die Vorbereitung und Durchführung der Ermordung des Genossen Stalin.

Nach seiner Ankunft in der UdSSR verbarg sich Olberg anderthalb Monate in Moskau und reiste dann nach Stalinabad, wo er als Geschichtslehrer eine Stellung fand. Da er keinerlei Dokumente über seine Militärdienstpflicht hatte, musste er ins Ausland zurückkehren und fuhr nach Prag.

Aus Prag setzte sich Olberg schriftlich mit Sedow in Verbindung und berichtete ihm von seinem Misserfolg. Sedow antwortete ihm, er solle den Kopf nicht hängen lassen, er werde sich bemühen, ihm einen besseren Pass zu verschaffen.

Indessen gelang es Olberg selbst, in Prag einen Pass zu erhalten. Dort lebte sein Jüngerer Bruder, Paul Olberg, der mit Tukalewski, einem Agenten der Gestapo in Prag, in Verbindung stand und seinen Bruder tröstete, dass Tukalewski ihm in „seinem Kummer“ helfen könne.

Olberg: Nach 1933 begab ich mich mit meinem jüngeren Bruder zu Tukalewski.

Wyschinski: Wer ist dieser Tukalewski?

Olberg: Tukalewski ist Direktor der Slawischen Bibliothek des Außenministeriums in Prag. Dass er ein Agent der faschistischen Geheimpolizei ist, wusste ich von meinem Bruder. Tukalewski war von meinem Besuch verständigt und erklärte mir, dass er sich bemühen werde, die für mich nötigen Dokumente zu beschaff en.

Dann - fährt Olberg fort - schrieb ich an Sedow einen Brief nach Paris, legte ihm das Angebot dar, dass mir von dem Agenten der Gestapo gemacht wurde, und bat ihn, mir mitzuteilen, ob L. D. Trotzki eine Abmachung mit einem solchen Agenten billigen werde. Nach einiger Zeit erhielt ich die Antwort, die mein Verhalten, d. h. meine Abmachung mit Tukalewski, billigte. Sedow schrieb, dass die größte Konspiration notwendig sei, und dass von den anderen Mitgliedern der trotzkistischen Organisation niemand über diese Abmachung informiert werden dürfe.

Den Pass erhielt Olberg durch Tukalewski und durch einen gewissen Bend von dem damals in Prag eingetroffenen Generalkonsul der Republik Honduras in Berlin; Lucas-Paradez.

Olberg: Er verkaufte mir den Pass um 13000 tschechoslowakische Kronen. Das Geld hierfür erhielt ich von Sedow.

Wyschinski: Hatten Sie irgendwelche Beziehungen zur Republik Honduras?

Olberg: Nein, niemals.

Wyschinski: Gestatten Sie, dass ich Ihnen den Pass zeige. Ist das der Pass (Der Gerichtsbeamte weist den Pass vor.)

Olberg: Ja, das ist er. Er ist wirklich von einem richtigen Konsul im Namen der Republik Honduras ausgestellt worden. Diese Republik existiert in Zentralamerika.

Wyschinski: Vielleicht hatten Ihre Eltern Beziehungen zu dieser Republik?

Olberg: Nein.

Wyschinski: Ihre Vorfahren?

Olberg: Nein.

Wyschinski: Und woher sind Sie?

Olberg: Ich stamme aus Riga.

Diesmal - fährt Olberg fort - beabsichtigte ich, über Deutschland in die UdSSR zu fahren. Tukalewski erklärte mir, dass er mir empfiehlt, in Berlin mit der Slomowitz zusammenzutreffen. Ich kannte sie schon von früher. Tukalewski sagte mir, dass die Berliner Trotzkisten ein Abkommen mit der Gestapo getroffen haben, und dass ich, wenn ich mit der Slomowitz in Berlin zusammenkomme, im Notfall bei ihr Unterstützung und Hilfe finden könne.

In Berlin war ich bei der Slomowitz, die mir folgendes mitteilte: Während meiner Abwesenheit seien nur sehr geringe trotzkistische Kader übrig geblieben, und jetzt stehe man vor dem Dilemma, dass sich die Trotzkisten entweder selbst liquidieren oder ein Abkommen mit den deutschen Faschisten eingehen müssen. Die Grundlage für ein Abkommen bildet die Frage der Vorbereitung und Durchführung des Terrors gegen die Führer der KPdSU(B) und der Sowjetregierung. Trotzki sanktionierte das Abkommen der Berliner Trotzkisten mit der Gestapo, und die Trotzkisten blieben tatsächlich in Freiheit.

Vom Standpunkt der Berliner Trotzkisten war der Sturz des Sowjetsystems, der Kampf gegen die Sowjetregierung auf zwei Wegen denkbar: entweder auf dem Wege der Intervention oder auf dem Wege einzelner Terrorakte. Die Ermordung Kirows hat, wie die Slomowitz erklärte, gezeigt, dass Terrorakte gegen die Führer der Partei und der Regierung in der Sowjetunion ausgeführt werden können.

In der Wohnung der Slomowitz traf ich einen Mitarbeiter der Gestapo, mit dem sie mich bekannt machte und der mir mitteilte, dass sie mir gerne bei der Vorbereitung von Terrorakten, in erster Linie gegen Stalin, behilflich sein werden, falls Hilfe nötig sein sollte.

Im März 1935 kam Olberg zum zweiten Mal in die Sowjetunion. Diese Reise zeitigte wiederum keinerlei Resultate, da sie wegen des Touristenvisums äußerst kurzfristig war und Olberg nach einigen Tagen nach Deutschland zurückkehren musste. Dort blieb er drei Monate, erhielt von Sedow wieder die Weisung, noch einen Versuch zu unternehmen, und fuhr im Juli 1935 abermals in die Sowjetunion.

Nach kurzem Aufenthalt in Minsk reiste Olberg nach Gorki, setzte sich mit den Trotzkisten Jelin und Fedotow in Verbindung und erhielt bald Arbeit im Pädagogischen Institut in Gorki, wo er bis zum Tage seiner Verhaftung blieb. Hier in Gorki wurde auch der Plan eines Anschlags auf Genossen Stalin ausgearbeitet.

Wyschinski: Nach der zweiten Rückkehr erhielten Sie einen Honduras-Pass?

Olberg: Ich bin auch das zweite Mal mit einem Honduras-Pass hergefahren.

Wyschinski: Sie sind mit einem Touristenvisum hierher gefahren?

Olberg: Ja, aber mit einem Honduras-Pass.

Wyschinski: Auf welche Weise ist es Ihnen dennoch gelungen, diesen Pass zum zweiten Mal zu verlängern?

Olberg: Mir ist es gelungen ... Ich habe vergessen zu sagen, dass in dieser Zeit mein Bruder in die Sowjetunion übersiedelt ist.

Wyschinski: Da ist bei Ihnen eine Lücke entstanden. In welcher Eigenschaft ist Ihr Bruder Paul Olberg hierher gefahren?

Olberg: Welche Aufgaben er von Tukalewski erhalten hat, ist mir nicht bekannt. Ich habe ihm jedoch empfohlen, in die Sowjetunion zu kommen, damit er mir hilft, hier festen Fuß zu fassen.

Wyschinski: Warum sollte er Ihnen behilflich sein, Fuß zu fassen?

Olberg: Er ist Ingenieur, er konnte leichter unterkommen. Er hatte echte Dokumente. Jedenfalls keine so phantastischen Papierchen wie ich.

Wyschinski: Also ist Ihr Bruder mit seinem echten deutschen Pass in die UdSSR gekommen und konnte hier als Ingenieur leichter Fuß fassen?

Olberg: Ja.

Wyschinski: Hatte Ihr Bruder irgendwelche Beziehungen zur Gestapo?

Olberg: Er war ein Agent Tukalewskis.

Wyschinski: Agent der faschistischen Polizei?

Olberg: Ja.

Wyschinski: Wann hatten Sie das Gespräch mit Sedow, dass mau eine Kompromittierung der trotzkistischen Organisation nicht zulassen dürfe?

Olberg: Das war bei meiner zweiten Reise: Er sagte, falls ich von den Organen der Staatlichen Sicherheit der UdSSR verhaftet wenden sollte, dürfe ich auf keinen Fall sagen, dass der Terrorakt im Auftrage Trotzkis ausgeführt wird, und müsse jedenfalls bemüht sein, die Rolle Trotzkis zu verheimlichen.

Wyschinski: Auf wen sollten Sie denn, seinem Rat nach, die Organisierung des Terrorakts abwälzen?

Olberg: Auf die Weißgardisten, auf die Gestapo.

Wyschinski; Man kann also sagen: Sie, Valentin Olberg, der mit Trotzki durch dessen Sohn Sedow in Verbindung stand, wurden in unmittelbarem Auftrag Trotzkis durch Sedow als Agent Trotzkis zur Vorbereitung und Ausführung eines Terroraktes gegen den Genossen Stalin in die Sowjetunion gesandt?

Olberg: Ja.

Wyschinski: Zur erfolgreichen Durchführung dieser Arbeit standen Sie durch Ihren Bruder mit der deutschen Polizei in Verbindung?

Olberg: Ja, so ist es.

Wyschinski: Erzählen Sie jetzt, wie Sie den Terrorakt vorbereiteten?

Olberg erzählt, dass er schon vor seiner Ankunft in Gorki von Sedow wusste, dass in der UdSSR eine illegale trotzkistische Organisation besteht, der Smirnow und Mratschkowski als Leiter angehören. Er wusste auch von Bakajew, von dem Sedow als von einem Menschen sprach, der „äußerst terroristisch“ gestimmt ist. In Gorki erfuhr Olberg von Fedotow, dass schon vor seiner Ankunft terroristische Kampftrupps organisiert worden waren. Es blieb Olberg nur noch übrig, den eigentlichen Plan des Anschlags auszuarbeiten. Der Terrorakt sollte am 1. Mai 1936 in Moskau verübt werden.

Wyschinski: Was, verhinderte die Durchführung dieses Plans?

Olberg: Die Verhaftung.

Wyschinski: Haben Sie Sedow über den Gang der Vorbereitung des Terroraktes informiert?

Olberg: Ja, ich schrieb einige Male an die Adresse von Slomowitz und erhielt von ihm einen Brief, in dem es hieß, unser alter Freund bestehe darauf, dass die Diplomarbeit am 1. Mai geliefert wurde.

Wyschinski: Was ist das, die Diplomarbeit?

Olberg: Das ist die Ermordung Stalins.

Wyschinski: Und der alte Freund?

Olberg: Der alte Freund ist Trotzki.

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