PROZESSBERICHT
ÜBER DIE STRAFSACHE
DES TROTZKISTISCH-SINOWJEWISTISCHEN
TERRORISTISCHEN ZENTRUMS

ABENDSITZUNG VOM 20. AUGUST 1936

VERNEHMUNG DES ANGEKLAGTEN BERMAN-JURIN

Das Gericht geht zur Vernehmung des Angeklagten Berman-Jurin über.

Ulrich: Berman-Jurin, erzählen Sie, welchen Auftrag Sie im Ausland vor Ihrer Reise in die Sowjetunion erhalten haben.

Berman-Jurin: Ich erhielt von Trotzki den Auftrag, zur Ausführung eines Terroraktes gegen Stalin in die Sowjetunion zu fahren. Ich war persönlich im November 1932 bei Trotzki in Kopenhagen. Die Zusammenkunft vermittelte Sedow.

Auf die Fragen des Genossen Wyschinski sagt Berman-Jurin über seine langjährige Bekanntschaft mit Sedow, dem Sohne Trotzkis, und über seine trotzkistische Tätigkeit, welche im Jahre 1931 begann, aus. Mit Sedow machte ihn Grilewitz, einer der Führer der deutschen Trotzkisten, bekannt. Weiter erzählt Berman-Jurin über seine Zusammenkünfte mit Sedow.

Berman-Jurin: Mit Sedow hatte ich eine Reihe von Unterredungen. Sedow bemühte sich systematisch, mich zu überzeugen, und überzeugte mich auch, dass der Kampf gegen die Kommunistische Partei ein Kampf gegen Stalin sei. Ende 1931 lud mich Sedow ein und fragte, ab ich nicht einen verlässlichen, vertrauenswürdigen Deutschen kenne, der einen wichtigen Auftrag, verbunden mit einer Reise nach Moskau, ausführen könnte. Ich nannte Alfred Kunt, den ich als überzeugten Trotzkisten kannte.

Auf Vorschlag Sedows kam Berman-Jurin mit Alfred Kunt zusammen, erzählte ihm von seinem Gespräch mit Sedow und erhielt seine Zustimmung zu einer Reise nach Moskau. Der Auftrag bestand in folgendem: Man musste zwei Dokumente von Trotzki nach Moskau an eine bestimmte Adresse bringen, darunter eine Direktive Trotzkis über die Aufgaben der terroristischen illegalen Organisation in der UdSSR. In Moskau sollte Alfred Kunt. sich persönlich mit Smirnow in Verbindung setzen und ihm diese zwei Dokumente einhändigen.

Berman-Jurin: Das eine Dokument betraf die neuesten Richtlinien Trotzkis zur internationalen Lage, vorwiegend über Deutschland. Das zweite Dokument habe ich sehr aufmerksam durchgelesen, es war von Sedow mit der Hand geschrieben und enthielt Direktiven Trotzkis über die Aufgaben der trotzkistischen illegalen Organisation in der UdSSR. Es hieß dort, dass man sich zum Übergang zu entschiedenen und extremen Kampfmethoden vorbereiten und unter diesem Gesichtspunkt entschlossene Leute auswählen muss, welche mit den Direktiven Trotzkis einverstanden sind. Besondere Aufmerksamkeit, so hieß es in dem Brief, muss auf jene in der KPdSU(B) vorhandenen Trotzkisten gerichtet werden, die in den Reihen der Partei nicht als Trotzkisten kompromittiert sind. Die Organisation muss nach dem Grundsatz der strengsten Konspiration, in kleinen Gruppen, die untereinander nicht verbunden sind, aufgebaut wenden, damit beim Hochgehen einer Gruppe nicht die ganze Organisation auffliegt.

Alfred Kunt fuhr im Januar/Februar 1932 nach Moskau. Nach einigen Tagen wurde bekannt, dass er in der als Treffpunkt bezeichneten Wohnung gewesen war, die Dokumente übergeben und, wie vereinbart, eine Antwort bekommen, Smirnow persönlich aber nicht getroffen hatte, da dieser nicht in Moskau war. Kunt teilte auch mit, dass er sich in der Nähe von Moskau niedergelassen habe, dass er in seiner Arbeit Erfolge zu verzeichnen habe, und dass die ,,Sache gut geht“.

Berman-Jurin geht zu einer eingehenden Schilderung der Umstände über, unter denen sich seine Zusammenkunft und Unterredung mit Trotzki in Kopenhagen abspielte.

Berman-Jurin: Im November 1932 hatte ich eine Zusammenkunft mit Sedow, an die ich mich aus dem Grunde gut erinnern kann, weil Sedow damals zum ersten Mal offen über die Notwendigkeit sprach, die Ermordung der Führer der KPdSU(B) vorzubereiten. Sedow merkte anscheinend mein Schwanken, er sagte mir, dass Trotzki in der allernächsten Zeit in Kopenhagen sein werde, und ob ich nicht dorthin fahren wolle, um mit ihm zusammenzukommen. Ich äußerte selbstverständlich mein Einverständnis.

In Kopenhagen kam ich frühmorgens an. Es war Ende November, etwa zwischen dem 25. und 28. November 1932. Am Bahnhof wurde ich von Grilewitz erwartet, der mit mir zu Trotzki fuhr. Dort stellte mich Grilewitz Trotzki vor, er selbst ging weg, und ich blieb mit Trotzki allein im Zimmer.

Ich gehe nun zum Gespräch mit Trotzki über. Ich hatte mit ihm zwei Zusammenkünfte. Vor allem suchte er mir hinsichtlich meiner Arbeit in der Vergangenheit auf den Zahn zu fühlen. Er fragte, warum ich mich auf den Bade des Trotzkismus gestellt habe. Ich informierte ihn sehr ausführlich. Darauf ging Trotzki zu den Sowjetfragen über. Trotzki sagte: Die Hauptfrage ist die Frage Stalin. Stalin muss physisch vernichtet werden. Er sagte, dass andere Kampfmethoden jetzt nicht wirksam sind. Er sagte, dass hierzu Menschen nötig seien, die zu allem entschlossen und zur Selbstaufopferung für diese, wie er sich äußerte, historische Aufgabe bereit wären.

Damit endete die erste Unterredung. Trotzki ging fort. Berman-Jurin blieb in seiner Wohnung und wartete auf seine Rückkehr.

Berman-Jurin: Am Abend setzten wir unser Gespräch fort. Ich richtete an Trotzki die Frage; wie sich der individuelle Terror mit dem Marxismus vereinbaren lasse. Trotzki erklärte mir hierauf: man darf an die Fragen nicht dogmatisch herangehen. Er sagte, dass in der Sowjetunion eine Situation entstanden sei, die Marx nicht voraussehen konnte. Trotzki sagte weiter, dass außer Stalin Kaganowitsch und Woroschilow ermordet werden müssen.

Wyschinski: Was für Fragen außer den Fragen terroristischer Natur wurden von Trotzki noch berührt?

Berman-Jurin: Trotzki sprach noch über seine Ansichten von der Lage, die sich im Fall einer Intervention gegen die Sowjetunion ergeben würde. Er nahm eine völlig klare defätistische Stellung ein.

Er sagte auch, dass die Trotzkisten in die Armee gehen müssen, die Sowjetunion jedoch nicht verteidigen werden.

Wyschinski: Hat er Sie überzeugt?

Berman-Jurin: Während des Gesprächs ging er nervös im Zimmer auf und ab und sprach von Stalin mit außerordentlichem Hass.

Wyschinski: Und gaben Sie Ihr Einverständnis?

Berman-Jurin: Ja.

Wyschinski: Damit endete Ihr Gespräch?

Berman-Jurin: Ich sprach mit Trotzki noch über folgendes. Nachdem ich mein Einverständnis gegeben hatte, sagte er mir, dass ich zur Abreise nach Moskau rüsten solle, und dass ich, da ich Verbindungen in der Komintern haben werde, den Terrorakt gerade im Zusammenhang damit vorbereiten soll.

Wyschinski: Trotzki gab Ihnen also nicht nur allgemeine Weisungen, sondern konkretisierte auch Ihre Aufgabe?

Berman-Jurin: Er erklärte, dass der Terrorakt nach Möglichkeit während eines Plenums oder Kongresses der Komintern ausgeführt werden solle, damit der Schuss auf Stalin in einer großen Versammlung ertöne. Das werde gewaltigen Widerhall weit über die Grenzen der Sowjetunion hinaus finden und eine Massenbewegung in der ganzen Welt auslösen. Das werde ein welthistorisches politisches Ereignis sein. Trotzki sagte, dass ich mich in Moskau mit niemand von den Trotzkisten in Verbindung setzen solle, dass ich selbständig arbeiten müsse. Ich erwiderte, dass ich in Moskau niemand kenne und mir schwer vorstelle, wie ich unter solchen Bedingungen handeln solle. Ich sagte, dass ich einen Bekannten, Fritz David, habe und fragte, ob ich mich nicht mit ihm in Verbindung setzen könne? Trotzki erwiderte, dass er Sedow beauftragen werde, diese Frage zu präzisieren, und dass er ihm hierüber entsprechende Anweisungen geben werde.

Dieses Gespräch fand Ende November 1932 statt. Nach Moskau fuhr Berman-Jurin im März 1933. Vor der Abreise instruierte ihn Sedow dahingehend, dass er sich mit Fritz David in Verbindung setzen und mit ihm gemeinsam den Terrorakt vorbereiten solle. Bald nach seiner Ankunft in Moskau kam Berman-Jurin mit Fritz David zusammen; sie besprachen gemeinsam den Terrorplan und begannen ihre Vorbereitung zu treffen. Ursprünglich wurde angenommen, dass es gelingen werde, das Attentat auf Genossen Stalin auf dem XIII. EKKI-Plenum durchzuführen. Fritz David sollte eine Eintrittskarte für Berman-Jurin verschaffen, der auf Stalin schießen sollte. Am Vorabend des Plenums stellte es sich jedoch heraus, dass es nicht gelungen war, eine Karte für Berman-Jurin zu verschaffen, so dass der Plan scheiterte. Es wurde daher beschlossen, den Mord am Genossen Stalin bis zum Kominternkongress zu verschieben.

Berman-Jurin: Im September 1934 sollte der Kongress stattfinden. Die Browning mit den Patronen gab ich Fritz David, damit er ihn bei sich verstecke. Vor der Eröffnung des Kongresses teilte mir jedoch Fritz David mit, dass er wieder keine Karte bekommen könne, dass er aber selbst auf dem Kongress anwesend sein werde. Wir vereinbarten, dass er den Terrorakt ausführt. Nach einigen Tagen traf ich mit Fritz David zusammen; er sagte mir, dass er nicht schießen konnte. Er, Fritz David, saß in einer Loge, in der Loge waren viele Menschen, und es bestand keine Möglichkeit zu schießen. Auf diese Weise war auch dieser Plan gescheitert.

Im Dezember teilte mir Fritz David mit, dass unlängst ein Abgesandter von Sedow und Trotzki bei ihm gewesen sei und Aufklärung darüber verlangt habe, warum der Terrorakt nicht durchgeführt worden sei. Fritz David informierte ihn ausführlich und erhielt die Direktive, eine andere Gelegenheit wahrzunehmen, die Vorbereitung des Terroraktes zu forcieren, irgendeine Beratung oder einen Empfang auszunutzen, wohin ich oder Fritz David um jeden Preis Zutritt erlangen sollten, und dort Stalin zu ermorden.

Im Mai 1938 teilte mir Fritz David mit, dass wieder ein Abgesandter Trotzkis angekommen und bei ihm gewesen sei, ein Deutscher, der mit ihm außerordentlich scharf gesprochen, uns der Untätigkeit, der Unentschlossenheit, des mangelnden Muts beschuldigt und buchstäblich gefordert habe, eine beliebige Gelegenheit zum Mord an Stalin wahrzunehmen. „Man muss sich beeilen, es ist keine Zeit zu verlieren“, sagte er.

Ende Mai 1936 wurde ich verhaftet und damit meine terroristische Tätigkeit abgebrochen.

Zum Schluss der Vernehmung Berman-Jurins stellt Genosse Wyschinski noch einmal Fragen über die Zusammenkünfte, die Berman-Jurin mit Sedow, dem Sohne Trotzkis, gehabt hat. Berman sagt aus, dass er ihn in der Zeit von Ende 1931 bis März 1933 wiederholt getroffen hat.

Wyschinski: Sowohl Trotzki als auch Sedow stellten vor Sie die Frage des Terrors und wirkten auf Sie ein, sich mit dem Terrorakt einverstanden zu erklären?

Berman-Jurin: Ganz richtig,

Wyschinski: Sie erklärten sich einverstanden und wurden von Trotzki gesandt?

Berman-Jurin: Von Trotzki durch Sedow.

Mit der Vernehmung des Angeklagten Berman-Jurin schließt die Abendsitzung vom 20. August.

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