PROZESSBERICHT
ÜBER DIE STRAFSACHE
DES TROTZKISTISCH-SINOWJEWISTISCHEN
TERRORISTISCHEN ZENTRUMS

MORGENSITZUNG VOM 21. AUGUST 1936

VERNEHMUNG DES ANGEKLAGTEN GOLZMAN

Die Morgensitzung vom 21. August beginnt mit der Vernehmung des Angeklagten Golzman.

Golzman ist einer der aktivsten Teilnehmer der trotzkistischen konterrevolutionären Organisation, der mit I. N. Smirnow, dem Leiter des trotzkistischen Zentrums in der UdSSR, in persönlicher Verbindung stand.

Im Auftrage Smirnows unterhielt er Verbindungen mit dem trotzkistischen Zentrum im Ausland.

Im Jahre 1932 erhielt er von L. Trotzki persönlich die Direktive, Terrorakte gegen die Führer der KPdSU(B) und der Sowjetregierung vorzubereiten.

Golzman sagt aus, dass er Smirnow seit 1918 kenne. Im Jahre 1926 schloss Golzman sich der trotzkistischen Organisation an. Obwohl er in der Folge formell mit den Trotzkisten bricht, fährt er fort, mit Trotzkisten, im Besonderen mit Smirnow, zusammenzukommen. Nach langen Versuchen, seine illegale trotzkistische Tätigkeit zu bestreiten, sagt Golzman in Beantwortung der ihm vom Genossen Wyschinski klipp und klar gestellten Fragen aus, dass er 1931 Smirnow „zufällig“ auf der Straße getroffen habe. Smirnow habe ihm den Vorschlag gemacht, mit ihm in der Wohnung seiner Mutter zusammenzukommen. Im Jahre 1932 sei Golzman zu einer Zusammenkunft gekommen und habe Smirnow mitgeteilt, dass man ihn, Golzman, bald ins Ausland kommandieren wolle, dass er „ablehne und ungern fahre“. Smirnow habe ihm geraten, zu fahren. Golzman habe sich daraufhin einverstanden erklärt, die Kommandierung anzunehmen und ins Ausland zu reisen. Smirnow habe Golzman vorgeschlagen, vor seiner Abreise nach einmal zu ihm zu kommen.

Durch ein Kreuzverhör Golzmans und Smirnows wird festgestellt, dass Smirnow Golzman mit besonderer Konspiration umgab und ihn für besonders konspirative Aufträge verwandte.

Wyschinski: Ich frage Sie, waren Sie ein getarntes Mitglied der trotzkistischen Organisation, die unter der Leitung Smirnows tätig war? Bekennen Sie sich hier vor dem proletarischen Gericht dessen schuldig oder nicht?

Golzman: Ja.

Ferner stellt der staatliche Ankläger fest, dass die Zusammenkünfte in der Wohnung von Smirnows Mutter keine zufälligen waren und dass diese Wohnung als ständiger Treffpunkt für die Zusammenkünfte von Golzman und Smirnow diente. Um die näheren Umstände der Zusammenkünfte zwischen Golzman und Smirnow in der Wohnung von Smirnows Mutter festzustellen, richtet Genosse Wyschinski an Golzman eine Reihe von Fragen.

Wyschinski: Sie wussten also, dass Sie Smirnow zu einer bestimmten Zeit in der Wohnung seiner Mutter antreffen würden?

Golzman: Ja.

Wyschinski: War das der Treffpunkt für den Trotzkisten Smirnow?

Golzman: Wie sich jetzt herausstellt, ja.

Dem Angeklagten Golzman gelingt es nicht, die Tatsache zu widerlegen, dass er auf Anweisung des trotzkistischen Zentrums als getarnter Trotzkist in der Partei blieb.

Wyschinski: Sie waren formell in der Partei?

Golzman: Ja.

Wyschinski: Gleichzeitig waren Sie Trotzkist?

Golzman: Trotzkist.

Wyschinski: Und ...

Golzman: Konterrevolutionär.

Wyschinski: Und Doppelzüngler?

Golzman: Ja.

Vor seiner Abreise ins Ausland kam Golzman zum Treffpunkt und traf dort Smirnow. Smirnow sagte Golzman, dass er während seines Aufenthaltes in Berlin Sedow, den Sohn Trotzkis, aufsuchen solle. Smirnow teilte Golzman mit, dass er ihm einen Bericht mitgeben werde, den er Sedow für Trotzki übergeben solle. Wie sowohl Golzman als auch Smirnow bestätigen, sollte der Bericht Sedow persönlich - zwecks Weiterleitung an Trotzki übergeben wenden. Smirnow gab Golzman eine Telefonnummer, die er anzurufen hatte, um mit Sedow in Verbindung zu kommen. Zugleich teilte ihm Smirnow die Parole mit, die lautete: „Ich habe Grüße von Galja zu überbringen.“ Aus den weiteren Aussagen ergibt sich, dass Smirnow dem Golzman auch eine Chiffre für die Korrespondenz mit Trotzki übergab, zu der bestimmte Seiten aus dem Buch „Tausend und eine Nacht“ benutzt wurden.

Nach Ankunft in Berlin - sagt Golzman aus - habe er Sedow angerufen und mit ihm eine Zusammenkunft vereinbart, die in der Nähe des Zoologischen Gartens stattfand. Da Golzman und Sedow einander nicht kannten, hätten sie vereinbart, dass beide je eine Nummer des „Berliner Tageblatts“ und des „Vorwärts“ in der Hand halten würden. Als Sedow mit Golzman zusammentraf, schlug er ihm vor, im Auto Platz zu nehmen. „Wir fuhren los - setzt Golzman seine Aussagen fort -, der Straße entsinne ich mich nicht. Sedow führte mich in eine Wohnung, in der sonst niemand war. Das war im vierten Stock; dort übergab ich ihm den Bericht und auch die Chiffre ... Auf diese Weise kam ich mit ihm im Laufe von vier Monaten sechs bis achtmal zusammen. Im November rief ich Sedow wiederum an, und wir trafen uns abermals. Sedow sagte zu mir: Da Sie sich anschicken, in die UdSSR zu fahren, so wäre es gut, wenn Sie mit mir nach Kopenhagen kämen, wo sich mein Vater aufhält.“

Wyschinski: Das heißt?

Golzman: Das heißt Trotzki.

Wyschinski: Sind Sie gefahren?

Golzman: Ich erklärte mich einverstanden, sagte ihm aber, dass wir aus Gründen der Konspiration nicht zusammen fahren dürfen. Ich vereinbarte mit Sedow, dass ich in zwei oder drei Tagen in Kopenhagen eintreffen und im Hotel ,;Bristol“ absteigen werde, und dass wir uns dort treffen wenden. Direkt vom Bahnhof begab ich mich ins Hotel und traf Sedow dort im Foyer. Gegen 10 Uhr morgens fuhren wir zu Trotzki. Als wir zu Trotzki kamen, interessierte er sich vor allem für die Stimmungen und die Einstellung der Parteimassen zu Stalin. Ich sagte ihm, dass ich gewillt sei, am selben Tage aus Kopenhagen abzureisen und dass ich in einigen Tagen nach der UdSSR fahren werde. Darauf sagte mir Trotzki ziemlich aufgeregt, im Zimmer auf und ab gehend, dass er einen Brief für Smirnow vorbereite, dass er es aber, da ich am gleichen Tag wegfahre, nicht schaffen werde. Ich muss sagen, dass meine ganze Unterredung mit Trotzki unter vier Augen verlief. Sehr häufig kam und ging Sedow, der Sohn Trotzkis.

Golzman sagt aus, dass Trotzki in seiner weiteren Unterredung mit ihm sich geäußert habe, dass „Stalin beseitigt werden muss“.

Wyschinski: Was bedeutet das, „Stalin beseitigen“? Erklären Sie das!

Golzman: Darüber werde ich sprechen. Wenn Stalin beseitigt wird - sagte ferner Trotzki -, so wird dadurch ermöglicht, dass die Trotzkisten an die Macht und an die Führung der KPdSU(B) gelangen. Er sagte dabei, die einzige Methode zur Beseitigung Stalins sei der Terror.

Wyschinski: Hat Trotzki das direkt so gesagt?

Golzman: Ja. Wie er sagte, müssen dazu Kader von verantwortlichen und dazu geeigneten Leuten ausgewählt werden. Und weiter sagte er, dass dies Smirnow übermittelt werden müsse, ohne dass man darüber zu jemand anders spreche.

Wyschinski: Nur Smirnow?

Golzman: Ja. In diesem Augenblick kam Sedow ins Zimmer und begann zu drängen, dass Wir das Gespräch beenden. Damit war unser Gespräch zu Ende, und ich verließ das Zimmer.

Wyschinski: Trotzki hat Ihnen also direkt gesagt, dass die Hauptaufgabe jetzt (d. h. im Herbst 1932) die Ermordung des Genossen Stalin sei? Erinnern Sie sich dessen genau?

Golzman: Ja.

Wyschinski: Darin bestand also die Direktive Trotzkis?

Golzman: Ja. Trotzki konnte sie in schriftlicher Form nicht niederlegen, und darum nahm ich sie in mündlicher Form entgegen und übergab sie sinngetreu nach meiner Ankunft in Moskau:

Wyschinski: Das war eine mündliche Direktive Trotzkis?

Golzman: Ja.

Im weiteren Verlauf der Vernehmung versucht Golzman, sich vor, der Verantwortung zu drücken und erklärt, dass er den Standpunkt Trotzkis in der Frage des Terrors nicht geteilt, habe. Der Angeklagte wird auf der Stelle dessen überführt, dass er nach seiner Rückkehr in die UdSSR weiter in der illegalen trotzkistischen Organisation verblieb und fortfuhr, mit Trotzkisten zusammenzukommen.

Wyschinski: Wir wissen, dass Smirnow nach einiger Zeit auch ohne Sie die Direktive über den Terror erhielt. Ich bezichtige Sie dessen, dass Sie diese Direktive erhalten haben. Sie haben gewusst, dass die Trotzkisten bereits den Kurs auf Terror eingeschlagen haben, und Sie sind unter diesen Umständen weiter Trotzkist geblieben?

Golzman: Ja.

Wyschinski: Sie haben die Verbindung mit den Trotzkisten weiter aufrechterhalten?

Golzman: Ja.

Wyschinski: Sie sind also weiter Mitglied der trotzkistischen Organisation geblieben?

Golzman: Ja.

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