PROZESSBERICHT
ÜBER DIE STRAFSACHE
DES TROTZKISTISCH-SINOWJEWISTISCHEN
TERRORISTISCHEN ZENTRUMS

MORGENSITZUNG VOM 21. AUGUST 1936

VERNEHMUNG DES ANGEKLAGTEN N. LURIE

Vernommen wird der Angeklagte Nathan Lurie. Er ist in speziellem Auftrag der trotzkistischen Organisation zur Ausführung von Terrorakten aus Berlin in der UdSSR eingetroffen. Seine ganze trotzkistische Tätigkeit war, angefangen von 1927, darauf gerichtet, die Macht des Sowjetstaates zu untergraben.

Wyschinski: Mit wem haben Sie sich, seitdem Sie Trotzkist geworden sind, vor allem angefreundet?

N. Lurie: Mit Moissej Lurie.

Wyschinski: Wann ist es zu dieser Annäherung gekommen?

N. Lurie: Ende Sommer 1927.

Wyschinski: Wann sind die terroristischen Stimmungen, Absichten, die terroristischen Pläne bei Ihnen aufgekommen?

N. Lurie: Die ganzen Jahre, die ich in der trotzkistischen Organisation in Deutschland verbrachte, führten letzten Endes - so hat mich die trotzkistische Organisation erzogen dazu, den Hass gegen Stalin und die Führung der KPdSU(B) in mir zu wecken. Anfang 1932 sagte mir Moissej Lurie, dass es Zeit sei, nach der UdSSR zu reisen und sich dort terroristisch zu betätigen. Diese seine Weisung kam für mich nicht unerwartet. Sie ging aus der ganzen vorhergehenden Arbeit logisch hervor. Im April 1932 kam ich in der UdSSR mit dem Auftrag an, mich dort mit den mir aus Deutschland bekannten Trotzkisten in Verbindung zu setzen und mit ihnen gemeinsam eine terroristische Tätigkeit zu entfalten.

N. Lurie begann vorerst damit, in Moskau mit den Trotzkisten Verbindung herzustellen, vor allem mit denen, die er von Deutschland her kannte: mit Konstant und Lipschitz.

N. Lurie: Ich erzählte Konstant von der Anweisung über den Terror, die ich von der trotzkistischen Organisation durch Moissej Lurie erhalten hatte. Konstant sagte mir, das sei für ihn keine Neuigkeit. Auch sie hätten Anweisung über den Terror erhalten und seien sogar praktisch an seine Verwirklichung herangetreten. Er erzählte mir, sie hätten eine terroristische Gruppe, der Konstant und Lipschitz und auch ein deutscher Ingenieur, ein Architekt Franz Weiz, angehören.

Wyschinski: Wer ist Franz Weiz?

N. Lurie: Franz Weiz war Mitglied der Nationalsozialistischen Partei Deutschlands und war in der UdSSR im Auftrage Himmlers eingetroffen, der zu dieser Zeit Stabschef der Schutzstaffeln (SS) war; später wurde Himmler Leiter der Gestapo.

Wyschinski: War Franz Weiz sein Vertreter?

N. Lurie: Franz Weiz war im Auftrage Himmlers zur Durchführung von Terrorakten nach der UdSSR gekommen.

Wyschinski: Woher haben Sie das erfahren?

N. Lurie: Zuerst erzählte mir Konstant davon und dann Franz Weiz selbst.

Der Umstand, dass an die Spitze der Terroristengruppe ein direkter Agent der deutschen politischen Polizei trat, machte N. Lurie und seine trotzkistische Kumpanei nicht im geringsten stutzig.

Ich kam zu dem Schluss - sagt N. Lurie -, dass, wenn die Trotzkisten zu den Methoden des bewaffneten Kampfes übergegangen sind, dies seine Logik habe, d. h. wenn ein Faschist sich anbiete, beim Terror behilflich zu sein, man dies annehmen müsse. Ich setzte die Verbindung mit Franz Weiz fort und arbeitete unter seiner praktischen Leitung.

Im August 1932 teilte Franz Weiz N. Lurie mit, dass die Möglichkeit bestehe, auf den Volkskommissar für Verteidigung der UdSSR, Genossen Woroschilow, einen Anschlag auszuführen.

Die Terroristengruppe erhielt von dem Agenten der faschistischen Geheimpolizei den Auftrag, in Aktion zu treten. Lange Zeit hindurch traf die Gruppe N. Lurie Vorbereitungen zum Anschlag auf den Genossen Woroschilow.

Gerichtsvorsitzender: Haben Sie sich während der Vorbereitung des Anschlags gegen den Genossen Woroschilow lange Zeit hindurch mit der Beobachtung der Ausfahrten des Genossen Woroschilow und mit der Beobachtung seines Autos beschäftigt? Wie viel Zeit haben Sie der Vorbereitung des Anschlags auf den Genossen Woroschilow gewidmet?

N. Lurie: Wir haben uns damit von September 1932 bis zum Frühjahr 1933 beschäftigt.

Gerichtsvorsitzender: Nach Ihren Aussagen zu urteilen, haben Sie sich wiederholt, mit Revolvern bewaffnet, in die Frunsestraße und die umliegenden Straßen begeben?

N. Lurie: Ja.

Gerichtsvorsitzender: War ihre ganze Dreiergruppe bewaffnet?

N. Lurie: Ja.

Gerichtsvorsitzender: Sie hätten also einen Terrorakt ausgeführt, wenn sich eine günstige Gelegenheit geboten hätte? Warum ist Ihnen denn das nicht gelungen?

N. Lurie: Wir haben das Auto Woroschilows gesehen, während es durch die Frunsestraße fuhr. Es ist jedoch viel zu rasch gefahren. Auf ein rasch fahrendes Auto zu schießen ist aussichtslos; wir kamen zu dem Schluss, dass das keinen Sinn habe.

Gerichtsvorsitzender: Ist es Ihnen gelungen; das Auto des Genossen Woroschilow zu sehen?

N. Lurie: Das Auto habe sowohl ich als auch ein zweites Mitglied unserer Gruppe, Paul Lipschitz, gesehen.

Gerichtsvorsitzender: Sie haben dann die weiteren Beobachtungen des Autos des Genossen Woroschilow unterlassen?

N. Lurie: Ja.

Gerichtsvorsitzender. Auf Grund welcher Überlegungen?

N. Lurie: Weil wir uns überzeugt hatten, dass es keinen Sinn hat, aus einem Revolver zu schießen.

Gerichtsvorsitzender: Worauf haben Sie hiernach Ihre Aufmerksamkeit gelenkt?

N. Lurie: Auf die Beschaffung von Sprengstoff.

Gerichtsvorsitzender: Was für einen Terrorakt planten Sie auszuführen?

N. Lurie: Einen Terrorakt mittels einer Bombe.

Gerichtsvorsitzender: Sie sagten, dass Sie Ihre Aufmerksamkeit auf die Beschaffung von Sprengstoffen zwecks Ausführung eines Terroraktes gerichtet haben. Gegen wen?

N. Lurie: Gegen Woroschilow.

Gerichtsvorsitzender: Auf der Straße oder im geschlossenen Raum?

N. Lurie: Auf der Straße.

Im Juli 1933 wurde N. Lurie als Chirurg (entsprechend seinem Beruf) nach Tscheljabinsk zur Arbeit kommandiert.

In Tscheljabinsk stellt N. Lurie seine terroristische Tätigkeit nicht ein, gibt seine Terrorpläne nicht auf. N. Lurie sagt vor Gericht aus, dass er, da er wusste, wann die Genossen Kaganowitsch und Ordshonikidse nach Tscheljabinsk kommen sollten, den Versuch machte, sie auf dem Werk zu treffen und einen Terrorakt auszuführen, dass es ihm aber nicht gelungen ist, diese Absicht zu verwirklichen.

Im Januar 1936 verlässt N. Lurie Tscheljabinsk, zu wissenschaftlichen Zwecken nach Lenin grad abkommandiert. Auf der Durchreise durch Moskau sucht er hier Moissej Lurie auf, der ihm den Auftrag erteilt, einen Anschlag auf den Genossen Shdanow auszuführen:

Gerichtsvorsitzender: Welche Weisungen über den Terror erteilte Ihnen Moissej Lurie in den Jahren 1934-1935-1936?

N. Lurie: Ich erzählte ihm, dass ich einen Anschlag auf Ordshonikidse und Kaganowitsch plane, später, im Januar 1936, beauftragte er mich jedoch damit, auf der Mai-Demonstration in Lenin grad auf Shdanow zu schießen.

Gerichtsvorsitzender: Betrachteten Sie Moissej Lurie als Ihren Leiter, da Sie von ihm solche Weisungen entgegennahmen?

N. Lurie: Ja.

Gerichtsvorsitzender: Haben Sie, als Sie nach Lenin grad fuhren, es übernommen, die Weisungen M. Luries auszuführen?

N. Lurie: Ich wusste, dass ich an der Mai-Demonstration teilnehmen und versuchen werde, falls sich eine Möglichkeit, bietet, diesen Auftrag auszuführen.

Gerichtsvorsitzender: Haben Sie an der Demonstration teilgenommen?

N. Lurie: Ja.

Gerichtsvorsitzender: Waren Sie bewaffnet?

N. Lurie: Ja, mit einem Revolver.

Gerichtsvorsitzender: Woher haben Sie in diesem Jahr die Waffe erhalten?

N. Lurie: Sie war bei Konstant in Aufbewahrung.

Gerichtsvorsitzender. Wann haben Sie diese Waffe an sich genommen?

N. Lurie: Im März 1936.

Gerichtsvorsitzender: Was für ein Revolver war das?

N. Lurie: Es war ein Browning.

Gerichtsvorsitzender: Was für einer, ein mittlerer?

N. Lurie: Ja.

Gerichtsvorsitzender: Ist es Ihnen gelungen, im Demonstrationszug auf den Uritzkiplatz zu gelangen?

N. Lurie: Ja.

Gerichtsvorsitzender: Warum ist es Ihnen nicht gelungen, den Anschlag gegen Shdanow auszuführen?

N. Lurie: Wir sind zu weit ab vorbeimarschiert.

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