PROZESSBERICHT
ÜBER DIE STRAFSACHE
DES TROTZKISTISCH-SINOWJEWISTISCHEN
TERRORISTISCHEN ZENTRUMS

MORGENSITZUNG VOM 21. AUGUST 1936

VERNEHMUNG DES ANGEKLAGTEN M. LURIE

Auf Befragen des Vorsitzenden erklärt M. Lurie, dass er seine in der Voruntersuchung gemachten Aussagen in vollem Umfang aufrechterhalte.

Wyschinski: Angeklagter Lurie, sagen Sie bitte, welche konkreten Schritte Sie in Ihrer terroristischen Tätigkeit unternommen haben?

M. Lurie: Als ich am 4. März 1933 von Berlin nach Moskau abreiste, hatte ich einen Auftrag mit dem Charakter einer Direktive erhalten. Diesen Auftrag erhielt ich von Ruth Fischer und Maslow, doch tatsächlich war das ein Auftrag von Trotzki selbst. Ich stand mit Ruth Fischer seit 1924 in Verbindung, durch oppositionelle Arbeit in der Sinowjewfraktion seit Oktober 1925; mit Maslow seit 1927, d. h. seit meiner Rückkehr aus Moskau nach Berlin. Mein Auftrag hatte folgenden Charakter: Trotzki ist der Ansicht und besteht darauf, und wir, d. h. Maslow und Ruth Fischer, sind mit dieser Direktive Trotzkis solidarisch, die darin besteht, dass es notwendig sei, die Organisierung von Terrorakten gegen die Führer der KPdSU(B) und der Sowjetregierung, in erster Linie gegen Stalin, zu beschleunigen. Diese Direktive nahm ich, wie ich bereits gesagt habe, persönlich, und zwar mündlich, von Ruth Fischer und Maslow am 4. März 1933 entgegen.

Wyschinski: Ich erwarte Ihre Ausführungen über Ihre praktischen Schritte in dieser Richtung,

M. Lurie: Am 9. März 1933 in Moskau angekommen, übermittelte ich diese mündliche Direktive bestimmungsgemäß, und zwar dem früheren persönlichen Emissär Sinowjews in Berlin - A. V. Gerzberg. Mit Gerzberg habe ich in der Arbeit für Sinowjew vom November 1927 bis zu seiner Abreise nach Moskau Ende 1931 in Verbindung gestanden.

Diese Direktive habe ich nicht später als in der zweiten Aprilhälfte übermittelt. Gerzberg nahm den Auftrag an und sagte, dass diese Direktive Trotzkis, Ruth Fischers und Maslows vollkommen mit den bereits vorhandenen identischen Beschlüssen unseres Zentrums im Lande übereinstimme.

In Beantwortung der Fragen des Staatsanwalts nach den praktischen Schritten, die der Angeklagte hinsichtlich der Organisierung von Terrorakten unternommen hat, macht M. Lurie Mitteilung über seine drei Zusammenkünfte mit Sinowjew. Bei einer dieser Zusammenkünfte, die Anfang August 1934 in Sinowjews Wohnung stattfand, setzte Lurie Sinowjew eingehend über Trotzkis Direktiven in Kenntnis, die er durch Ruth Fischer und Maslow erhalten hatte, und die die Vorbereitung von Terrorakten und im besonderen die Tätigkeit der Gruppe seines Namensvetters Nathan Lurie betrafen.

Wyschinski: Sagen Sie bitte, standen Sie mit Nathan Lurie in Verbindung?

M. Lurie: Ja, ich stand mit Nathan Lurie ungefähr vom April 1933 bis zum 2. Januar 1936 in Verbindung.

Wyschinski: Kannten Sie Nathan Lurie als Mitglied der illegalen trotzkistischen Organisation?

M. Lurie: Ganz recht.

Wyschinski: Wussten Sie, dass Nathan Lurie sich zu jener Zeit mit der Vorbereitung einer Reihe von Terrorakten beschäftigte?

M. Lurie: Vollkommen richtig.

Weiter führt M. Lurie aus, wie er einen Anschlag gegen den Genossen Ordshonikidse organisierte. Dieser Terrorakt sollte während der Anwesenheit des Genossen Ordshonikidse in den Tscheljabinsker Traktorenwerken ausgeführt werden. Zu diesem Zweck wies M. Lurie den sich nach den Tscheljabinsker Traktorenwerken begebenden N. Lurie an, die etwaige Anwesenheit des Genossen Ordshonikidse in den Werken zur Realisierung des Terroraktes auszunutzen.

Wyschinski: An welchen Maßnahmen zur Verübung von - Terrorakten haben Sie noch teilgenommen?

M. Lurie: Ich war beteiligt an der Vorbereitung des Anschlags auf Shdanow.

Der Angeklagte schildert ausführlich, wie er am 2. Januar 1936 Nathan Lurie den konkreten Auftrag zur Organisierung eines Terroraktes gegen den Genossen Shdanow übermittelte und ihm versprach, ihm überdies Treffpunkte anzugeben und ihn mit der Terroristengruppe Seidel in Lenin grad in Verbindung zu bringen.

Weiter richtet Genosse Wyschinski an M. Lurie die Frage, was er seinen Aussagen noch hinzuzufügen habe.

M. Lurie: Ich kann einige Ergänzungen zu den Aussagen Nathan Luries und zu dem Inhalt meines wichtigen Gesprächs mit Sinowjew über die Gruppe Weiz vorbringen. Nathan Lurie gab mir konkret Auskunft über die Tätigkeit der von Weiz organisierten Terroristengruppe. Nathan Lurie, der mein Befremden über einen solchen Bundesgenossen bemerkt hatte, fragte mich, wie ich mich zu dieser Sache verhalte. Ich erwiderte, dass meine persönliche Einstellung hier keine Rolle spiele, dass ich diese Frage sofort an die entsprechende Stelle weitergeben werde, und ich sagte zu Nathan Lurie: wenn du keine abschlägige Antwort erhältst, dann heißt das, dass du schon mit Wissen des Zentrums arbeitest.

Wyschinski: Wen speziell hatten Sie dabei im Auge?

M. Lurie: Ich stand mit dem besonderen Vertrauensmann Sinowjews, A. W. Gerzberg, in Verbindung. Nathan Lurie hat von mir keine abschlägige Antwort erhalten. Die von dem Faschisten Franz Weiz organisierte Gruppe Nathan Luries arbeitete seit meinem Gespräch mit Nathan Lurie, also seit April 1933, mit Wissen und zweifellos mit Zustimmung des Zentrums und Sinowjews persönlich.

Wyschinski: Sie geben also zu, dass Sie im Laufe einer langen Reihe von Jahren Mitglied der illegalen trotzkistischen Organisation waren?

M. Lurie: Ja, das gestehe ich in vollem Umfang ein.

Wyschinski: Verfolgte diese Organisation terroristische Ziele?

M. Lurie: Ich gestehe, eine derartige Direktive mitgebracht zu haben.

Wyschinski: Bestätigen Sie, dass Sie Trotzkis Direktive über den Terror durch Ruth Fischer und Maslow erhalten und an Sinowjew weitergegeben haben?

M. Lurie: Ja.

Wyschinski: Ist Ihnen bekannt, dass die Direktive weitergegeben wurde?

M. Lurie: Ganz genau bekannt.

Wyschinski: Sie standen mit der Gruppe Nathan Lurie und gleichzeitig mit dem faschistischen Agenten Franz Weiz in Verbindung?

M. Lurie: Ja.

Wyschinski: Zusammen mit Nathan Lurie haben Sie eine Reihe von Anschlägen vorbereitet und Weisung gegeben, einen Anschlag auf den Genossen Stalin vorzubereiten?

M. Lurie: Ich habe mich nicht an der Vorbereitung beteiligt, habe aber die Direktive über den Anschlag weitergegeben.

Wyschinski: Sie haben den Auftrag erteilt, einen Anschlag auf Ordshonikidse und Shdanow vorzubereiten, wobei Sie nicht nur den Auftrag erteilt, sondern auch auf Verbindungen hingewiesen haben?

M. Lurie: Ja, ich habe Nathan Lurie gesagt, dass er noch einen Treffpunkt von mir bekommen wird.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis