PROZESSBERICHT
ÜBER DIE STRAFSACHE
DES TROTZKISTISCH-SINOWJEWISTISCHEN
TERRORISTISCHEN ZENTRUMS

ABENDSITZUNG VOM 22. AUGUST 1936

Nach Eröffnung der Abendsitzung wendet sich der Vorsitzende, Genosse Ulrich, an jeden einzelnen Angeklagten und erteilt jedem von ihnen das Wort zur Verteidigungsrede, da sie auf Verteidiger verzichtet haben. Alle Angeklagten erklären der Reihe nach dem Gericht, dass sie keine Verteidigungsrede halten werden und begründen dies damit, dass sie vom Recht des Schlusswortes Gebrauch machen werden. Eine Reihe Angeklagter betonen dabei, dass sie sich nicht für berechtigt halten, sich zu verteidigen, da sie die gegen sie erhobenen Beschuldigungen für richtig halten.

Nach kurzer Unterbrechung wird vom Gericht den Angeklagten das Schlusswort erteilt.

SCHLUSSWORT DES ANGEKLAGTEN MRATSCHKOWSKI

Als erster erhält das Wort Mratschkowski.

Der Angeklagte Mratschkowski beginnt sein Schlusswort mit seiner Autobiographie. Dann sagt er:

Im Jahre 1925 wurde ich Trotzkist. Ich betrat einen niederträchtigen Weg, den Weg des Betrugs an der Partei. Über frühere Verdienste muss ein Kreuz gemacht werden, die Vergangenheit ist ausgelöscht. Über das Gegenwärtige lässt sich kein Kreuz machen. Ich bin ein Konterrevolutionär...

Ich bitte nicht - fährt Mratschkowski fort - um Milderung meiner Strafe. Nicht das ist es, was ich möchte. Ich möchte, dass man mir glaubt, dass ich während der Voruntersuchung und vor Gericht die ganze Wahrheit gesagt habe. Ich möchte aus dem Leben scheiden, ohne irgendwelchen Schmutz mit mir zu nehmen.

Warum habe ich denn - sagt Mratschkowski weiter - den Weg der Konterrevolution betreten? Die Verbindung mit Trotzki - das war es, was mich dazu gebracht hat. Von diesem Augenblick an begann ich die Partei zu betrügen, ihre Führer zu betrügen. Man könnte sagen: „Die Partei hat mir nicht geholfen, vielleicht wäre es möglich gewesen, den Burschen von der Konterrevolution loszureißen und zu retten, aber die Partei hat keine Maßnahmen ergriffen.“ Das ist nicht richtig. Die Partei hat alles getan, um mich von der Konterrevolution loszureißen. Die Partei hat mir geholfen und kräftig geholfen.

Ich habe wohl alles gesagt, schließt Mratschkowski. Mögen alle dessen eingedenk sein, dass nicht nur ein General, nicht nur ein Fürst oder ein Adeliger ein Konterrevolutionär sein kann, sondern dass auch Arbeiter oder Menschen, die aus der Arbeiterschaft hervorgegangen sind, Leute wie ich, Konterrevolutionäre werden können.

Ich trete ab als Verräter an meiner Partei, als Verräter, der erschossen werden muss, und bitte nur um das eine, mir zu glauben, dass ich während der Untersuchung den ganzen Dreck ausgespien habe.

SCHLUSSWORT DES ANGEKLAGTEN JEWDOKIMOW

Wer glaubt uns jetzt auch nur ein Wort? - beginnt der Angeklagte Jewdokimow. - Wer glaubt uns, die wir am frischen Grabe des von uns ermordeten Kirow eine abscheuliche Komödie in Szene gesetzt haben, uns, die wir nur zufällig und nicht durch unsere Schuld nicht Mörder an. Stalin und anderen Führern des Volkes geworden sind!? Wer glaubt uns, die als konterrevolutionäre Banditen, als Verbündete des Faschismus, der Gestapo, vor Gericht standen? Hat etwa auch nur einem von uns, die wir auf dem vorjährigen Lenin grader Prozess der Sinowjewleute verurteilt wurden, das Herz gebebt bei dem Gedanken an unsere in Freiheit verbliebenen Komplicen, obwohl wir, die wir im Gefängnis saßen, wohl wussten, dass jeden Tag, jede Stunde ein neuer ruchloser Schuss fallen kann? Keiner von uns hat das getan, was er hätte tun müssen, wenn uns auch nur der dünnste Faden mit der Sache der Revolution verbunden hätte.

Wir unterscheiden uns sehr unvorteilhaft von den Faschisten. Der Faschismus hat auf seine Fahne direkt und offen die Worte „Tod dem Kommunismus“ geschrieben. Wir hatten die ganze Zeit die Worte „Es lebe der Kommunismus“ auf unseren Lippen, während wir in der Tat den Kampf gegen den Sozialismus führten, der in der UdSSR gesiegt hat. Auf den Lippen „Es lebe die Kommunistische Partei der Sowjetunion (Bolschewiki)“, in der Tat die Vorbereitung der Ermordung der Mitglieder des Politbüros des Zentralkomitees der Partei, von denen wir eines auch ermordet haben. Auf den Lippen „Nieder mit dem Imperialismus“, in der Tat die Hoffnung auf eine Niederlage der UdSSR im Kampfe mit dem internationalen Imperialismus!

Trotzki - fährt der Angeklagte Jewdokimow fort - sitzt nicht mit uns zusammen auf der Anklagebank, da er sich im Auslande befindet. Für ihn gibt es zwei Perspektiven: entweder sofort und spurlos zu verschwinden wie Asef verschwunden ist, nicht nur von dem politischen Schauplatz, sondern überhaupt vom Schauplatz des Lebens ins Nichts zu versinken, sich mit irgendeinem falschen Pass zu verstecken, wie Asef sich versteckt hat, oder aber, wenn die Zeit kommt, vor dem proletarischen Gericht Rede und Antwort zu stehen. Ich halte es nicht für möglich - schließt der Angeklagte Jewdokimow sein letztes Wort - um Milde zu bitten. Allzu groß sind unsere Verbrechen, sowohl vor dem proletarischen Staat als auch vor der internationalen revolutionären Bewegung, als dass wir auf Milde hoffen könnten.

SCHLUSSWORT DES ANGEKLAGTEN DREITZNER

Das politische Gewicht und die Biographie jedes einzelnen von uns - sagt Dreitzer - sind in der Vergangenheit verschieden. Aber zu Mördern geworden, sind wir hier einander gleich. Ich gehöre jedenfalls zu jenen, die kein Recht haben, auf Schonung zu hoffen oder darum zu bitten.

SCHLUSSWORT DES ANGEKLAGTEN REINGOLDI

Wie immer sich auch unser Geschick entscheiden wird - sagt der Angeklagte Reingold in seinem Schlusswort - politisch sind wir bereits erschossen. Der Vertreter der staatlichen Anklage hat im Namen des 170 Millionen zählenden Sowjetvolkes für uns wie für tolle Hunde die Erschießung gefordert. Ich wusste, wohin ich gehe und was ich wage. Ich wie auch die ganze hier sitzende terroristische trotzkistisch-sinowjewistische Organisation ist durch diesen Prozess als Stoßtrupp, als weißgardistischer, faschistischer Trupp der internationalen konterrevolutionären Bourgeoisie entlarvt worden.

Der Kreis ist geschlossen! Es ist aus mit der politischen Maskerade, mit dem Mummenschanz der Oppositionen, Diskussionen, Plattformen! An die Stelle der Opposition ist die Verschwörung gegen den Staat, an die Stelle der Diskussion und der Plattform sind Kugel und Bombe getreten.

Reingold schließt:

Der Prozess gegen uns, der Prozess gegen die trotzkistisch-sinowjewistische terroristische und faschistische Organisation wird wie unter einem schweren Grabstein die politischen Toten Sinowjew, Kamenew sowie Trotzki und seinen Schatten, den treuen Knappen Smirnow begraben.

Meine Schuld gestehe ich voll und ganz ein. Es steht mir nicht an, um Gnade zu bitten.

SCHLUSSWORT DES ANGEKLAGTEN BAKAJEW

Ich bin am Morde Kirows schuldig - erklärt Bakajew -, ich war unmittelbar beteiligt an der Vorbereitung anderer Terrorakte gegen die Führer der Partei und der Regierung. Ich bin bereit, hierfür die volle Verantwortung zu tragen. Wir Trotzkisten und Sinowjewleute haben nicht nur zu Nutz und Frommen der internationalen konterrevolutionären Bourgeoisie, sondern auch Hand in Hand mit den Agenten des erbittertsten Feindes der Arbeiterklasse, des Faschismus, gearbeitet.

Die Tatsachen, die im Gerichtssaal vorgebracht wurden, zeigen der ganzen Welt, dass Trotzki der Organisator und die Seele dieses in der Welt einzig dastehenden trotzkistisch-sinowjewistischen konterrevolutionären terroristischen Blocks ist. Für die Interessen Sinowjews und Kamenews habe ich meinen Kopf hingehalten. Mich bedrückt aufs tiefste das Bewusstsein, dass ich ein williges Werkzeug in den Händen Sinowjews und Kamenews, dass ich ein Agent der Konterrevolution geworden hin, dass ich meine Hand gegen Stalin erhoben habe.

Bakajew wendet sich an Sinowjew und beschuldigt ihn, dass er auch vor Gericht nicht offen gewesen ist.

Bakajew beendigt sein Schlusswort mit der Erklärung, dass er die ganze Schwere seines Verbrechens begreift und das verdiente und gerechte Urteil des proletarischen Gerichtes erwartet.

SCHLUSSWORT DES ANGEKLAGTEN PIKEL

Der Angeklagte Pikel gibt einen ausführlichen Überblick der Entwicklung der trotzkistisch-sinowjewistischen Opposition, die eine Bande konterrevolutionärer Terroristen geworden sei. Er erklärt, dass der Kampf dieser Opposition gegen die Partei und ihr Zentralkomitee bereits seit 1925 alle Elemente des politischen Banditismus in sich trug. Dieser Kampf setzte mit gemeinen Verleumdungen gegen die Führer der Partei ein und endete mit Terrorakten.

Es kann nur eine Schlussfolgerung geben - sagt Pikel. Wir stellen die vertierteste Bande von gemeinen Verbrechern dar, die nichts anderes ist als eine Truppe des internationalen Faschismus. Trotzki, Sinowjew und Kamenew waren unser Banner. Zu diesem Banner stießen nicht nur wir, der Abschaum des Sowjetlandes, sondern auch Spione, Diversanten und Agenten ausländischer Mächte.

Die letzten acht Jahre sind für mich Jahre der Niederträchtigkeit, Jahre grauenvoller, schrecklicher Verbrechen. Ich muss die wohlverdiente Strafe auf mich nehmen.

Damit wird die Abendsitzung beendet.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis