PROZESSBERICHT
ÜBER DIE STRAFSACHE
DES TROTZKISTISCH-SINOWJEWISTISCHEN
TERRORISTISCHEN ZENTRUMS

MORGENSITZUNG VOM 23. AUGUST 1936

In der Morgensitzung vom 23. August werden die Schlussworte der Angeklagten fortgesetzt.

SCHLUSSWORT DES ANGEKLAGTEN KAMENEW

Ich war zusammen mit Sinowjew und Trotzki - erklärt Kamenew - Organisator und Leiter der terroristischen Verschwörung, die eine Reihe terroristischer Anschläge gegen die Führer der Regierung und der Partei unseres Landes geplant, vorbereitet und den Mord an Kirow durchgeführt hat.

Zehn Jahre, wenn nicht länger - fährt Kamenew fort -, habe ich den Kampf gegen die Partei, gegen die Regierung des Sowjetlandes, gegen Stalin persönlich geführt. In diesem Kampfe habe ich, wie mir scheint, das ganze mir bekannte Arsenal der politischen Kampfmittel angewendet - offene politische Diskussion, Versuche, in die Fabriken und Werke einzudringen, illegale Aufrufe, illegale Druckereien, den Betrug an der Partei, die Straße und die Organisierung von Straßendemonstrationen, die Verschwörung und schließlich den Terror.

Ich habe einst die Geschichte der politischen Bewegung studiert und entsinne mich keiner Form des politischen Kampfes, die wir in den letzten zehn Jahren nicht angewandt hätten. Die proletarische Revolution hat uns in unserem politischen Kampf eine Frist gegeben, wie sie keine Revolution ihren Feinden je gewährt hatte. Die bürgerliche Revolution des 18. Jahrhunderts gab ihren Feinden Wochen und Tage, und vernichtete sie dann. Die proletarische Revolution hat uns zehn Jahre lang die Möglichkeit gegeben, uns zu bessern und unsere Fehler einzusehen. Doch wir haben das nicht getan. Ich wurde dreimal wieder in die Partei aufgenommen. Ich wurde einzig und allein auf Grund meiner Erklärung aus der Verbannung zurückgeholt. Nach allen meinen Fehlern wurden mir verantwortliche Aufträge und Posten anvertraut. Ich stehe jetzt hier zum dritten Male vor dem proletarischen Gericht unter der Anklage terroristischer Pläne, Absichten und Aktionen.

Zweimal wurde mir das Leben geschenkt. Aber alles hat seine Grenzen, auch die Großmut des Proletariats hat ihre Grenzen, und diese Grenzen haben wir erreicht. Ich stelle mir die Frage - sagt Kamenew weiter -, ob es ein Zufall ist, dass neben mir, neben Sinowjew, Jewdokimow, Bakajew, Mratschkowski Emissäre ausländischer Geheimpolizeien, Leute mit falschen Pässen, mit zweifelhaften Biographien und mit unzweifelhaften Verbindungen zur Gestapo sitzen? Nein! Das ist kein Zufall. Wir sitzen hier mit den Agenten ausländischer Geheimpolizeien zusammen, weil wir mit ein und derselben Waffe gekämpft haben, weil unsere Hände sich bereits früher miteinander verflochten, bevor noch unsere Geschicke sich hier, auf dieser Bank, miteinander verflochten haben.

So dienten wir - schließt Kamenew - dem Faschismus, so organisierten wir die Konterrevolution gegen den Sozialismus, bereiteten und bahnten wir der Intervention den Weg. Das war unser Weg, und das ist die Senkgrube schmählichen Verrats und allen möglichen Schmutzes, in die wir gesunken sind.

SCHLUSSWORT DES ANGEKLAGTEN SINOWJEW

Ich möchte noch einmal sagen, beginnt sein Schlusswort der Angeklagte Sinowjew, dass ich mich voll und ganz schuldig bekenne. Ich bin schuldig, nach Trotzki der zweite Organisator des trotzkistisch-sinowjewistischen Blocks gewesen zu sein, der sich das Ziel steckte, Stalin, Woroschilow und eine Reihe anderer Führer der Partei und der Regierung zu ermorden. Ich bekenne mich schuldig, der Hauptorganisator des Mordes an Kirow gewesen zu sein.

Die Partei - fährt Sinowjew fort - sah, wohin unser Weg führt und warnte uns. In einer seiner Reden wies Stalin darauf hin, dass in den Oppositionen Tendenzen auftauchen können, der Partei ihren Willen auf dem Wege der Gewalt aufzuzwingen. Dzierzynski hat uns schon vor dem XIV. Parteitag auf einer Beratung Kronstädter genannt. Stalin, Woroschilow, Ordshonikidse, Dzierzynski, Mikojan haben auf jede Weise versucht, uns zu überzeugen, uns zu retten. Sie haben uns Dutzende Male gesagt: Ihr könnt der Partei und dem Sowjetstaat ungeheuren Schaden zufügen und werdet selbst dabei zugrunde gehen. Wir haben diese Warnungen in den Wind geschlagen. Wir haben ein Bündnis mit Trotzki geschlossen. Wir sind zu Platzhaltern der Menschewiki, Sozialrevolutionäre und Weißgardisten geworden, die in unserem Lande nicht offen auftreten konnten. Wir wurden Nachfolger des Terrorismus der Sozialrevolutionäre.

Nicht des vorrevolutionären Terrorismus, der gegen den Zarismus gerichtet war, sondern des Terrorismus der rechten Sozialrevolutionäre aus der Zeit des Bürgerkrieges, als die Sozialrevolutionäre auf Lenin geschossen haben.

Mein defekter Bolschewismus hat sich in Antibolschewismus verwandelt und über den Trotzkismus bin ich zum Faschismus gelangt. Der Trotzkismus ist eine Abart des Faschismus, der Sinowjewismus aber eine Abart des Trotzkismus.

Sie werden mir glauben, Bürger Richter, dass die größte Strafe, größer als alles, was mir bevorsteht, für mich der Moment war, als ich hier die Aussagen Nathan Luries und die Aussagen Olbergs hörte. Ich fühlte und begriff, dass mein Name mit den Namen jener verbunden sein wird, die neben mir gestanden haben. Zur Rechten Olberg, zur Linken Nathan Lurie...

SCHLUSSWORT DES ANGEKLAGTEN SMIRNOW

In seinem Schlusswort verweilt Smirnow ausführlich bei der Geschichte des Kampfes, den er gegen die Parteileitung führte, nachdem ihn die Partei 1929 wieder in ihre Reihen aufgenommen und ihm verziehen hatte. Ich kehrte in den Jahren 1929/30 in die Partei zurück - sagt Smirnow -, und die Partei tat alles, was sie konnte, um mir zu helfen, auf den richtigen Weg zu kommen. Doch ich verstand es nicht, das Vertrauen zu rechtfertigen. Smirnow fährt in seinem Schlusswort fort und sagt, dass er bereits 1931 von neuem den Kampf gegen die Parteiführung aufgenommen hat. Das war mein Fehler, der dann zum Verbrechen auswuchs. Das trieb mich zur Wiederaufnahme der Verbindungen mit Trotzki, das trieb mich dazu, Verbindungen mit der Sinowjew-Gruppe zu suchen, das führte mich zum Block mit der Sinowjew-Gruppe, zur Entgegennahme der Terrordirektive, die Trotzki im November 1932 durch Gawen schickte, das führte mich zum Terror. Die Terrordirektive Trotzkis habe ich an den Block weitergeleitet, dem ich als Mitglied des Zentrums angehörte. Der Block hat diese Direktive angenommen und zu handeln begonnen. Nachher fährt Smirnow wie auch während der Voruntersuchung in der Gerichtsverhandlung fort, seine Verantwortung für die Verbrechen zu leugnen, die das trotzkistisch-sinowjewistische terroristische Zentrum nach seiner Verhaftung begangen hat.

Im weiteren wendet sich Smirnow an alle seine Anhänger mit der Aufforderung, entschlossen mit der Vergangenheit zu brechen, den Trotzkismus und Trotzki zu bekämpfen, und erklärt: Es gibt keinen anderen Weg für unser Land als den, den es geht, es gibt keine andere Führung und es kann keine andere Führung geben als die, die ihm von der Geschichte gegeben ist. Trotzki, der Terrordirektiven und Anweisungen hierher geschickt hat und unseren Staat als faschistischen Staat betrachtet, ist ein Feind, er steht auf der anderen Seite der Barrikade und muss bekämpft werden.

Meine ganze politische Weltanschauung hat sich unter dem Einfluss Trotzkis und des Trotzkismus herausgebildet - sagt Olberg. Ich habe gleich Trotzki weder vor Terror noch vor einer Verständigung mit den Faschisten haltgemacht. Die Ziele der trotzkistischen konterrevolutionären Organisation und ihre Hoffnungslosigkeit sind mir auf diesem Prozess besonders klar geworden, auf dem ich mit aller Klarheit gesehen habe, wie jämmerlich die Leiter der trotzkistisch-sinowjewistischen Konterrevolution sind, die uns Junge auf den Weg des terroristischen Kampfes gebracht haben, und wie groß die Macht des Sowjetstaates ist... Ich bitte den Obersten Gerichtshof, mir die Möglichkeit zu geben, zu versuchen, wenigstens zum Teil meine ungeheuerlichen Verbrechen wieder gutzumachen.

SCHLUSSWORT DES ANGEKLAGTEN BERMAN-JURIN

In seinem Schlusswort - sagt Berman-Jurin – möchte ich mich nicht mit irgendwelchen Argumenten verteidigen. Solche Argumente gibt es nicht. Ich habe bereut, aber zu spät. Der Bürger Staatsanwalt hat gestern in seiner Anklagerede ein erschöpfendes Bild meiner Verbrechen entworfen. Und der proletarische Staat wird mit mir so vorgehen, wie ich es verdient habe. Für Zerknirschung ist es zu spät.

SCHLUSSWORT DES ANGEKLAGTEN GOLZMAN

Hier auf der Anklagebank - sagt Golzman - sitzt mit mir eine Bande von Mördern und nicht nur von Mördern, sondern faschistischen Mördern. Ich bitte nicht um Gnade

SCHLUSSWORT DES ANGEKLAGTEN N. LURIE

Mein Verbrechen ist klar, ist bewiesen - sagt N. Lurie - Ich wüsste nicht, was ich noch zu meiner Verteidigung anführen konnte. In meinem Schlusswort kann ich nur bedauern, was ich getan habe ... aber ich bedauere das allzu spät.

SCHLUSSWORT DES ANGEKLAGTEN M. LURIE

In seinem Schlusswort sagt M. Lurie:

Ich habe nichts verheimlicht, in. dieser Hinsicht kann man mir nichts vorwerfen. Der Staatsanwalt hat für mich strenge Bestrafung gefordert. Lässt sich denn aber mein Verbrechen mit dem Verbrechen meines Anführers vergleichen!

M. Lurie bittet, ihm mildernde Umstände zuzubilligen.

Damit ist die Morgensitzung geschlossen.

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