PROZESSBERICHT ÜBER DIE STRAFSACHE
DES SOWJETFEINDLICHEN
TROTZKISTISCHEN ZENTRUMS

ABENDSITZUNG VOM 23. JANUAR 1937

VERNEHMUNG DES ZEUGEN BUCHARZEW

WYSCHINSKI: Ich habe weiter keine Fragen. Ich bitte, den Zeugen Bucharzew zur Vernehmung vorzuladen.

VORSITZENDER (zum Gerichtskommandanten): Rufen Sie den Zeugen Bucharzew herein.
(Zu dem Zeugen Bucharzew gewandt): Sie sind Bucharzew, Dmitrij Pawlowitsch?

BUCHARZEW: Ja.

VORSITZENDER: Ihre Stellung in letzter Zeit und Ihr Beruf?

BUCHARZEW: Korrespondent der „Iswestija“ in Berlin.

VORSITZENDER: Sie sind als Zeuge in Sachen Pjatakow, Radek u. a. vorgeladen. Sie sind verpflichtet, wahrheitsgemäße Aussagen zu machen.
Genosse Wyschinski, da der Zeuge Bucharzew auf Ihr Ersuchen vorgeladen wurde, stellen Sie bitte Fragen.

WYSCHINSKI: Zeuge Bucharzew, Sie sind mit Radek bekannt?

BUCHARZEW: Jawohl.

WYSCHINSKI: Seit langer Zeit?

BUCHARZEW: Ich bin mit ihm seit ungefähr 1924 bekannt.

WYSCHINSKI: Sind Sie auch mit Pjatakow bekannt?

BUCHARZEW: Pjatakow habe ich 1935 kennen gelernt.

WYSCHINSKI: Wer hat Sie mit Pjatakow bekannt gemacht?

BUCHARZEW: Pjatakow lernte ich unter folgenden Umständen kennen: Als er in Berlin war, trat ich an ihn heran und stellte mich vor. Er wusste bereits von mir.

WYSCHINSKI: Sind Sie auf dem Boden der trotzkistischen illegalen Arbeit in irgendwelche Beziehungen zu Pjatakow getreten?

BUCHARZEW: Ich erfuhr von der Ankunft Pjatakows in Berlin Anfang Dezember 1935. Nach einigen Tagen rief mich ein gewisser Gustav Stirner an. Mit diesem hatte mich seinerzeit Radek in Verbindung gebracht.

WYSCHINSKI: Wozu rief er Sie an?

BUCHARZEW: Er rief mich an und wir trafen uns. Er war ein Mann Trotzkis.

WYSCHINSKI: Woher ist Ihnen das bekannt?

BUCHARZEW: Es ist mir deshalb bekannt, weil, als ich im Mai 1934 aus Moskau abreiste, mir Radek damals sagte, ich werde nach Ankunft in Berlin einen Brief erhalten, in dem es heißen werde, dass ein aus Wien eingetroffener Journalist mir einen Gruß von Karl zu bestellen habe - das werde ein Mann Trotzkis sein.

WYSCHINSKI: Was heißt ein Mann Trotzkis?

BUCHARZEW: Das heißt ein Mensch, durch den ich alles bestellen kann, falls Radek mich mit irgendetwas für Trotzki beauftragen sollte.

WYSCHINSKI: Nun weiter, bezüglich Pjatakows.

BUCHARZEW: Als Gustav Stirner mich anrief, sagte ich ihm, dass man in den nächsten Tagen die Ankunft Pjatakows erwarte. Er erklärte mir, dass dies sehr interessant sei und er sich bemühen werde, Trotzki davon in Kenntnis zu setzen, dass Trotzki wahrscheinlich wünschen werde, sich mit ihm zu treffen. Nach einigen Tagen rief er mich noch einmal an und sagte mir bei der Zusammenkunft, dass Trotzki unbedingt Pjatakow sprechen wolle, dass er, Stirner, einen Brief oder Zettel für Pjatakow habe und dass, sobald Pjatakow eintreffen: werde, er ihn unbedingt treffen müsse. Als Pjatakow eintraf, begab ich mich zu ihm, erhaschte einen Moment, als er allein im Arbeitszimmer war, und sagte ihm, dass ein Mann Trotzkis da sei, der ihm eitlen Brief übergeben wolle und der ihm eine Zusammenkunft mit Trotzki organisieren werde. Pjatakow sagte, dass ihn das sehr freue, dass dies durchaus seinen Absichten entspreche und dass er gerne zu dieser Zusammenkunft kommen werde.
Ich traf mich mit Stirner, verabredete mich mit ihm und sagte, dass Pjatakow bereit sei, die Reise zu unternehmen; die Zusammenkunft fand im Tiergarten in der „Siegesallee“ statt.

WYSCHINSKI: Sie wohnten der Unterredung bei?

BUCHARZEW: Ja, ich wohnte ihr bei. Dann ging ich weg, nach einigen Tagen aber, offenbar vor der Abreise Pjatakows von Berlin nach Moskau, traf ich Pjatakow in der Sowjetbotschaft in Berlin und fragte ihn, ob seine Reise gelungen sei. Er sagte, er sei dort gewesen und habe die Zusammenkunft gehabt.

WYSCHINSKI: Gestatten Sie, an Pjatakow eine Frage zu stellen?
Das Lichtbild gaben Sie?

PJATAKOW: Jawohl.

WYSCHINSKI (zu Pjatakow): Hatten Sie eine Unterredung mit Bucharzew nach der Rückkehr aus Oslo?

PJATAKOW: Eine Unterredung war es eigentlich nicht, ich sagte bloß, ich sei dort gewesen und habe die Zusammenkunft gehabt.

WYSCHINSKI: Eine Frage an Bucharzew. Ist Ihnen bekannt, woher Stirner den Pass beschafft hat? Woher hat er das Flugzeug beschafft? Wie kommt es, dass es so leicht ist, so etwas in Deutschland zu bewerkstelligen?

BUCHARZEW: Als ich mit Stirner sprach, stellte ich die Frage, wie er den Pass beschaffen werde. Er sagte: „Sorgen Sie sich nicht, ich werde die Sache organisieren. Ich habe Verbindungen in Berlin.“

WYSCHINSKI: Was für Verbindungen?

BUCHARZEW: Er sagte mir nicht, was für Verbindungen. Ich stellte mir vor, dass es Verbindungen in Kreisen sind, die das machen können.

WYSCHINSKI: Was sind das für Kreise?

BUCHARZEW: Deutsche Regierungsbeamte.

WYSCHINSKI: Und hat Ihnen Stirner keine Andeutungen gemacht?

BUCHARZEW: Nein. Er sagte nichts, er sagte bloß, er habe genügend Verbindungen.

WYSCHINSKI: Und Sie hat das nicht interessiert?

BUCHARZEW: Er sagte mir nichts, er ging nicht auf Einzelheiten ein.

WYSCHINSKI: Aber immerhin hat Sie das interessiert?

BUCHARZEW: Wenn er mir aber nicht antwortete...

WYSCHINSKI: Haben Sie aber versucht, ihn zu fragen?

BUCHARZEW: Ich habe versucht, ihn zu fragen, aber er antwortete mir nicht.

WYSCHINSKI: Und das Flugzeug?

BUCHARZEW: Ich fragte, wie Pjatakow die Reise machen werde. Er sagte, ein spezielles Flugzeug werde Pjatakow nach Oslo und zurück bringen.

WYSCHINSKI: Ein spezielles Flugzeug, und Sie fragten nicht, was das für ein spezielles Flugzeug sei?

BUCHARZEW: Ich fragte, aber er gab eine ausweichende Antwort.

WYSCHINSKI: Und sind Sie danach mit Stirner zusammengekommen?

BUCHARZEW: Nein.

WYSCHINSKI: Ist er für Sie spurlos verschwunden?

BUCHARZEW: Er wohnte nicht in Berlin.

WYSCHINSKI: Wo wohnte er denn?

BUCHARZEW: Die Adresse, die er gab, war Oslo, Hauptpostamt, postlagernd.

WYSCHINSKI: Kamen Sie nicht in die Lage, sich an diese Adresse zu wenden?

BUCHARZEW: Nein.

WYSCHINSKI: Also war das auch irgendjemandes Mann?

BUCHARZEW: Das war ein Mann Trotzkis.

WYSCHINSKI: Aber doch nicht Trotzki hat den Flug über die Grenze organisiert?

BUCHARZEW: Das weiß ich nicht.

WYSCHINSKI: Sie sind ein erfahrener Journalist, Sie wissen, dass über die Grenze aus dem einen Staate in einen anderen zu fliegen, keine einfache Sache ist.

BUCHARZEW: Ich fasste das so auf, dass er – Stirner – das durch offizielle deutsche Persönlichkeiten bewerkstelligen kann.

Beabsichtigt war eine Reise zu Trotzki. Sie taten das nicht um Stirners schöner Augen willen.

WYSCHINSKI: Ohne Sie konnte man bei dieser Sache nicht auskommen? Wozu haben Sie sich an dieser Operation beteiligt?

BUCHARZEW: Ich habe mich an dieser Operation beteiligt, weil mir seinerzeit Radek, der mich in die Organisation hineinzog, erklärte, ich hätte jegliche Aufträge dieser Art, die er mir geben werde, auszuführen, und damals informierte er mich auch, dass Pjatakow Mitglied des Zentrums sei.

WYSCHINSKI: So dass Sie wussten, dass Pjatakow Mitglied des Zentrums ist?

BUCHARZEW: Ja.

WYSCHINSKI: Sie waren also über die verbrecherische Tätigkeit des Zentrums informiert?

BUCHARZEW: Ja.

WYSCHINSKI: Sie wussten davon?

BUCHARZEW: Ja, ich war Mitglied der trotzkistischen Organisation.

WYSCHINSKI: Und Sie waren gleichzeitig Sonderkorrespondent der „Iswestija“?

BUCHARZEW: Ja, ich war Sonderkorrespondent der „Iswestija“.

WYSCHINSKI: Gestatten Sie eine Frage an Radek.

VORSITZENDER: Bitte.

WYSCHINSKI: Angeklagter Radek, Bucharzew sagt da aus, dass Sie ihn in diese Geschichte hineingezogen haben.

RADEK: Ja, das stimmt.

WYSCHINSKI: Ich habe keine anderen Fragen.

VORSITZENDER: Haben die Angeklagten Fragen an Bucharzew? Angeklagter Pjatakow, haben Sie keine Fragen an Bucharzew?

PJATAKOW: Nein.

VORSITZENDER: Angeklagter Radek, haben Sie keine Fragen an Bucharzew?

RADEK: Nein.

VORSITZENDER: Hat die Verteidigung Fragen an Bucharzew?

BRAUDE: Nein.

VORSITZENDER: Geschäftsordnungsgemäß bleiben uns noch fünfzehn Minuten. Hat die Staatsanwaltschaft noch Fragen an den Angeklagten Pjatakow?

WYSCHINSKI: Ich bitte, mir zu gestatten, auf die Vernehmung Pjatakows nötigenfalls im Verlauf der weiteren Entwicklung des Prozesses zurückzukommen, heute aber, glaube ich, kann man damit die Verhandlung schließen.

VORSITZENDER: Die Verhandlung wird bis morgen elf Uhr vormittags unterbrochen.

 

(Unterschrift)

Der Vorsitzende:
Vorsitzender des Militärkollegiums des
Obersten Gerichtshofes der UdSSR
Armee-Militärjurist W. Ulrich

Der Sekretär:
Militärjurist I. Ranges A. Kostjuschko

Zurück zum Inhaltsverzeichnis