PROZESSBERICHT ÜBER DIE STRAFSACHE
DES SOWJETFEINDLICHEN
TROTZKISTISCHEN ZENTRUMS

VORMITTAGSSITZUNG VOM 24. JANUAR 1937

VERHÖR DES ANGEKLAGTEN RADEK

GERICHTSKOMMANDANT: Das Gericht erscheint. Bitte sich von den Plätzen zu erheben.

VORSITZENDER: Die Verhandlung wird fortgesetzt. Wir schreiten zum Verhör des Angeklagten Radek.

Angeklagter Radek, bestätigen Sie Ihre Aussagen, die Sie in der Voruntersuchung im Dezember gemacht haben?

RADEK: Ich bestätige sie.

WYSCHINSKI: Erzählen Sie kurz von Ihrer früheren trotzkistischen Tätigkeit.

RADEK: Während des Parteikampfes im Jahre 1923 schloss ich mich der trotzkistischen Opposition an und gehörte ihr und ihrer Führung bis zum Zeitpunkt meiner Verbannung im Januar 1928 an. In der Verbannung verharrte ich auf dem Standpunkt Trotzkis bis zum Zeitpunkt der Einreichung meiner Erklärung an das ZK der KPdSU(B) im Juli 1929. Diese ganze Zeit gehörte ich dem politischen Zentrum der trotzkistischen Organisation an.

WYSCHINSKI: Wodurch wurde Ihre Erklärung veranlasst?

RADEK: Meine Erklärung ist erstens durch die Überzeugung veranlasst worden, die sich damals, als ich in der Verbannung die ganze Vergangenheit und das Falsche an der allgemeinen Linie Trotzkis durchdachte, bei mir herausgebildet hat. Was die prinzipiellen Grundlagen des Trotzkismus über die Unmöglichkeit der Errichtung des Sozialismus in einem Lande anbelangt, so hatte ich diesen Standpunkt aufgegeben.
Die zweite Ursache, die zur Einreichung meiner Erklärung führte, war die Überzeugung, dass die Beschuldigung des Thermidorianertums, die wir gegen das Zentralkomitee der Partei erhoben hatten, unbegründet war, und dass das Programm des Fünfjahrplans das Programm eines großen Schritts vorwärts ist.
Ich muss jedoch sagen, dass bei mir Meinungsverschiedenheiten mit der Partei zurückgeblieben waren, in Fragen der innerparteilichen Demokratie, und als ich in die Partei zurückkehrte, waren diese Fragen für mich zeitweise beiseite gelegt, doch sie waren für mich nicht durch den Gang der Ereignisse erledigt. Ich war überzeugt, dass in der Zukunft in dieser Frage entweder die Entwicklung des Fünfjahrplans freiwillig, durch den Willen der Parteiführung zu einer Erweiterung, der innerparteilichen Demokratie führen werde, oder es wird das zur Spaltung der Partei führen.
Wenn ich also das Fazit meiner Rückkehr in die Partei ziehe, so muss ich gestehen, dass, da sie nicht auf der vollen Übereinstimmung meiner Ansichten mit denen der Partei begründet war, darin Elemente des Verschweigens, der Doppelzüngigkeit enthalten waren, obwohl ich nicht mit dem Gedanken in die Partei zurückgekehrt war, sie zu bekämpfen.

WYSCHINSKI: Folglich sind Sie in die Partei zurückgekehrt, und haben einen gewissen Teil Ihrer alten trotzkistischen Ansichten beibehalten?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Und davon haben Sie nicht gesprochen?

RADEK: Doch. In unserer Erklärung, die von mir, Smilga und Preobrashenski unterzeichnet wurde, haben wir Andeutungen darüber gemacht. Die Parteileitung sprach damals mit uns, wies auf diese Andeutungen hin und sagte, an euch sind hier Reste geblieben, und wenn ihr sie nicht beseitigt, so werdet ihr daran hängen bleiben. Das wurde uns wortwörtlich gesagt. Aber um genau zu sein, sage ich Ihnen, dass diese Reste vorhanden waren, dass ich aber in die Partei ohne die Absicht, gegen sie anzukämpfen, zurückkehrte.

WYSCHINSKI: Bis zu welcher Zeit dauerte das nun?

RADEK: Bei meiner Rückkehr beging ich einen Fehler, der die Grundlage alles Weiteren bildete. Eine Richtung, eine Summe von Ansichten, ist die Summe menschlicher Beziehungen, und man kann nicht mit der Richtung brechen, ohne mit den Leuten zu brechen, mit denen man für parteifeindliche Ziele gekämpft hat.
Während meiner Zugehörigkeit zum trotzkistischen Block hatten sich zwischen mir und einer großen Anzahl von Teilnehmern dieses Kampfes sehr nahe Beziehungen herausgebildet, und einige dieser Beziehungen stammten aus einer bedeutend ferneren Periode, sie hatten sich jedoch gefestigt. Nehmen wir meine Beziehungen zu dem Angeklagten Pjatakow. Und als wir in die Partei zurückkehrten, unterhielten wir Beziehungen, nicht etwa insgeheim, ich habe es nie verheimlicht, unterhielten aber diese Beziehungen und suchten einander ständig auf, und das wurde zum Stein des Anstoßes, denn eine große Anzahl der in die Partei zurückgekehrten Trotzkisten war an wichtigen Stellen in den verschiedenen Teilen des Landes tätig, als der Kampf um den Fünfjahrplan sich zuspitzte und den äußerst verschärften Charakter von Zusammenstößen mit dem Kulakentum in manchen Teilen des Landes, mit jenen Elementen der Mittelbauern, welche vom Kulakentum am Gängelband geführt wurden, annahm, - da begannen Nachrichten außerordentlich pessimistischen Charakters von meinen früheren Kampfgenossen auf mich einzustürmen, Nachrichten, die auf verhängnisvollste Weise auf meine Einschätzung der Lage im Lande eingewirkt haben.

WYSCHINSKI: In welchem Jahre war das?

RADEK: Das war in den Jahren 1930-1931. Und hier, in der Tatsache, dass ich, der ich aus diesen Gesprächen ihr Schwanken kannte, das schon jedes Maß des Schwankens überstieg, es nicht für möglich hielt, die Parteileitung darüber zu informieren, lag mein Sündenfall, der meine Übergabe an das Gericht rechtfertigen würde, selbst wenn ich nicht dem Block beigetreten wäre. Nehmen wir an, wenn Sie mich über meine Verantwortung beispielsweise für die Ermordung von Sergej Mironowitsch Kirow befragen, so muss ich sagen, dass diese Verantwortung nicht vom Zeitpunkt meines Eintritts in die Leitung des Blocks beginnt, sondern von dem Zeitpunkt an, als Safarow, ein mir persönlich nahe stehender Mensch, mich im Jahre 1930 mit finsterem Gesicht zu überzeugen suchte, dass das Land dem Untergang entgegengeht. Und darüber habe ich nicht berichtet. Was waren die Folgen davon? Safarow war mit Kotolynow verbunden; hätte ich der Partei gesagt, in welcher Stimmung Safarow sich befindet, so wäre die Partei auf jene Gruppe der ehemaligen Führer des Lenin grader Jugendverbandes gestoßen, die später die Leiter des Mordes an Kirow waren. Ich erkläre also, dass ich die Verantwortung nicht nur vom Zeitpunkt meines Eintritts in den Block trage, die Wurzeln aber dieses Verbrechens liegen in den nicht restlos überwundenen trotzkistischen Ansichten verborgen, mit denen ich zurückkehrte, in den weiter gepflegten Beziehungen zu den trotzkistisch-sinowjewistischen Kadern.

WYSCHINSKI: Mit welchen Trotzkisten hielten Sie die Verbindung aufrecht?

RADEK: Ich war durch Freundschaft mit Mratschkowski verbunden, war durch eine alte Freundschaft mit I. N. Smirnow verbunden, war mit Dreitzer, mit seinem nächsten Gehilfen, Gajewski, verbunden, ganz zu schweigen von meinen alten persönlichen Freunden Pjatakow, Preobrashenski, Smilga, Serebrjakow, mit denen ich verbunden war.
Das, was bei uns im trotzkistischen Zentrum in der Periode 1924-1927 als zweite Etage vorhanden war, - das alles war mit mir verbunden, mit diesen Kadern war ich durch die engsten persönlichen Beziehungen verbunden.

WYSCHINSKI: Das war in den Jahren 1930-1931?

RADEK: Ja, das war 1930 und 1931. Ich schätzte die Lage folgendermaßen ein: Die Eroberungen des Fünfjahrplans sind gewaltig, es ist bereits ein ernster Schritt zur Industrialisierung gemacht worden, die Kollektivwirtschaften sind zu einem gewissen Teil bereits eine bestimmte Tatsache, doch gleichzeitig war ich auf Grund der Information, die ich besaß, und auf Grund der Einschätzung der Lage, die von mir nahe stehenden trotzkistischen Ökonomen gegeben wurde - ich nenne hier Smilga, Preobrashenski - der Ansicht, dass die Offensive ökonomisch auf übermäßig breiter Front betrieben wird, dass die vorhandenen materiellen Kräfte (Zahl der Traktoren usw.) die allgemeine Kollektivierung nicht ermöglichen, dass, falls diese allgemeine Offensive nicht aufgehalten wird, es bei uns zu dem kommen würde, was wir mit der landläufigen Redensart kennzeichneten „Es wird enden wie der Vormarsch auf Warschau“, dass die in raschem Tempo betriebene Industrialisierung keine Resultate zeitigen, sondern nur gewaltige Ausgaben verursachen werde. Bereits damals, 1931, war ich der Ansicht, dass man die Offensive aufhalten, die Mittel auf bestimmten Abschnitten der Wirtschaftsfront konzentrieren müsse. Mit einem Wort, es entstanden bei mir Differenzen in der grundlegenden Frage: in der Frage der Fortsetzung des Kampfes für den Fünfjahrplan. Sollen diese Differenzen sozial charakterisiert werden, so war ich, das ist klar, damals der Ansicht, dass das, was ich für die richtige Taktik hielt, die beste kommunistische Taktik ist. Fragt man jedoch nach der sozialen Charakteristik einer solchen Erscheinung, so bestand der Streich, den die Geschichte sich erlaubte, darin, dass ich die Widerstandskraft, die Fähigkeit zur selbständigen Politik nicht nur bei den Massen des Kulakentums, sondern auch bei den mittelbäuerlichen Massen überschätzte, dass ich vor den Schwierigkeiten in Schrecken geriet und so zur Widerspiegelung der dem Proletariat feindlich gegenüberstehenden Kräfte geworden bin.
Auf dieser Basis wurde die Frage der innerparteilichen Demokratie für mich nunmehr unmittelbar akut. Menschen streiten um Demokratie nur dann, wenn sie in den grundlegenden Fragen nicht einverstanden sind, wenn sie dagegen einverstanden sind, empfinden sie nicht das Bedürfnis nach einer breiten Demokratie, das versteht sich von selbst.

WYSCHINSKI: Das ist schon eine Erklärung der Tatsache, ich möchte vorher die Tatsache selbst feststellen. Das war 1930-1931, später 1932 - die Organisierung des vereinigten Zentrums.

RADEK: Mir war nichts bekannt.

WYSCHINSKI: Wann haben Sie von der Existenz und Tätigkeit des vereinigten Zentrums erfahren?

RADEK: Ich habe von seiner Entstehung im November 1932 erfahren.

WYSCHINSKI: Von wem?

RADEK: Dass etwas in Vorbereitung war, habe ich zuerst aus einem Brief Trotzkis an mich im Februar-März 1932 erfahren. Die Tatsache der Entstehung der Organisation erfuhr ich von Mratschkowski im November 1932.

WYSCHINSKI: Und im Februar 1932 waren Sie durch Trotzki über den geplanten Block in Kenntnis gesetzt. War das die erste Nachricht von Trotzki?

RADEK: Die erste.

WYSCHINSKI: Aus welchem Anlass entschloss sich Trotzki, Ihnen zu einer Zeit zu schreiben, wo Sie schon in der Partei waren? Damit stelle ich zwei Fragen. Erste Frage: war es Trotzki bekannt, dass Sie in die Partei zurückgekehrt sind?

RADEK: Es war ihm bekannt.

WYSCHINSKI: Warum entschloss er sich, einem in die Partei zurückgekehrten Trotzkisten einen Brief, der ziemlich intime politische Nachrichten enthielt, zu schreiben; und die zweite Frage: wie erhielten Sie ihn, unter welchen tatsächlichen Umständen?

RADEK: Die Sache erklärt sich folgendermaßen. Die trotzkistischen Führer, die mit mir die Verbindung aufrechterhielten und bereits damals mit Trotzki in Verbindung standen, wussten, dass ich für ein Einstellen der Offensive eintrete.

WYSCHINSKI: Nämlich?

RADEK: Mratschkowski, Dreitzer, Gajewski. Mit Smirnow habe ich ausführlich nicht gesprochen, aber Mratschkowski kannte meine Stimmungen.

WYSCHINSKI: Noch vor 1932?

RADEK: Noch vor 1932 wussten sie, dass ich die Offensive bremste.

WYSCHINSKI: Das heißt, dass Sie auf dem alten trotzkistischen Standpunkt beharren?

RADEK: Sie wussten aber gleichzeitig, dass, sobald irgend jemand mit der Frage der Organisierung des Kampfes kam, ich ablehnend entgegnete, es sei nichts zu machen, es handle sich um Massenprozesse; und sie fürchteten sich selber, an mich mit dem, was vorbereitet wurde, heranzutreten.

WYSCHINSKI: Sie aber hatten schon verstanden, dass jene etwas vorzubereiten begannen?

RADEK: In Bezug auf einige von ihnen war ich von Anfang an überzeugt, dass sie mit Hintergedanken zurückgekehrt waren; außerdem war aus gewissen Symptomen schon manches ersichtlich. So traf ich beispielsweise einmal, als ich aus der Redaktion der „Iswestija“ zu Fuß nach Hause ging, auf der Twerskaja Smirnow mit seinem, wenn man sich so ausdrücken darf, „Stabschef“ Ginsburg. Als sie mich erblickten, bogen sie in die Gnesdnikowskigasse ein. Mir wurde sofort klar, dass hier etwas vorbereitet wird, dass hier etwas angezettelt wird. Sie kamen jedoch nicht zu mir, haben nicht offen mit mir gesprochen.

WYSCHINSKI: Mit einem Wort, Sie haben schon zu jener Zeit irgendeine illegale Vorbereitungsarbeit bei ihnen bemerkt?

RADEK: Ich merkte, dass sich dort etwas am Horizont zusammenzuballen beginnt, dass die Stimmungen Formen annehmen. Sie haben aber die Frage nicht offen gestellt, weil sie sich fürchteten, da der Bruch mit Trotzki im Jahre 1929 mit starken persönlichen Misshelligkeiten zwischen mir und Trotzki verbunden war, der mich für die Spaltung der Trotzkisten verantwortlich oder als einen von den Verantwortlichsten hielt, deshalb fürchteten sie sich, sich selbst an mich zu wenden, in der Ansicht, dies sei nur durch die Aufnahme der Verbindung zwischen mir und Trotzki zu überwinden. Allem Anschein nach haben sie, da sie meine Stimmung kannten, Trotzki informiert, ihn gebeten, den ersten Schritt zu tun, um es ihnen danach zu erleichtern, sich an mich zu wenden.

WYSCHINSKI: Man kann das also dahingehend formulieren, dass, nachdem Sie bemerkten, bei Mratschkowski und Smirnow reife etwas heran, diese ihrerseits auch merkten, dass auch bei Ihnen etwas heranreift?

RADEK: Sie spürten ja, dass ich schlechter Stimmung war, und dass diese Stimmungen sich zu bestimmten Handlungen erhärten können.

WYSCHINSKI: Das heißt mit anderen Worten, dass Sie auch einen geeigneten Boden für irgendwelche Handlungen liefern.

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Jetzt ist es zu verstehen, warum Ihr Briefwechsel mit Trotzki begann. Das war im Jahre 1932?

RADEK: Ja, im Februar 1932 erhielt ich einen Brief von Trotzki.

WYSCHINSKI: Was hat Ihnen denn Trotzki damals geschrieben?

RADEK: Trotzki teilte mir mit, dass die Nachrichten, über die er verfügt, ihn zu der Schlussfolgerung veranlasst haben, ich habe mich davon überzeugt, dass er darin recht habe, dass ohne Realisierung der trotzkistischen Forderungen die Politik in eine Sackgasse geraten werde. Ferner schrieb Trotzki, er sei davon überzeugt, da er mich als aktiven Menschen kennt, dass ich zum Kampf zurückkehren werde.

WYSCHINSKI: Also hat Trotzki Sie zum Kampf aufgefordert?

RADEK: Am Schluss seines Briefes sagte Trotzki etwa folgendes: „Sie müssen die Erfahrung der verflossenen Periode in Betracht ziehen und verstehen, dass es für Sie keine Rückkehr zum Alten gibt, dass der Kampf in eine neue Phase eingetreten ist, und dass das Neue dieser Phase darin besteht, dass wir entweder zusammen mit der Sowjetunion vernichtet werden oder dass die Frage der Beseitigung der Führung gestellt werden muss.“ Der Ausdruck Terror fiel nicht, doch als ich die Stelle „Beseitigung der Führung“ las, wurde es mir klar, woran Trotzki dachte.

WYSCHINSKI: Haben Sie ihm auf diesen Brief geantwortet?

RADEK: Nein.

WYSCHINSKI: Wie haben Sie diesen Brief aufgenommen?

RADEK: Trotzki teilte mit, dass nicht nur die Trotzkisten, sondern auch die Sinowjewleute beschlossen haben, zum Kampf zurückzukehren und dass Verhandlungen über eine Einigung geführt werden. Ich gab keine Antwort, da ich der Ansicht war, diese Sache müsse bis zu Ende durchdacht werden. Gegen Ende September oder Oktober 1932 fasste ich den Entschluss, auf den Weg des Kampfes zurückzukehren.

WYSCHINSKI: Haben Sie das klar durchdacht, haben Sie sich mit jemandem beraten?

RADEK: Ich habe mich mit keinem Menschen beraten.

WYSCHINSKI: Was haben Sie nun konkret getan im Zusammenhang mit Ihrem Entschluss, auf den Weg des Kampfes zurückzukehren?

RADEK: Ich wusste doch, dass die Leiter der Organisation ebenfalls warten und dass sie irgendwelche Schritte unternehmen werden, dass Trotzki sie ebenfalls davon verständigt hat, dass er an mich geschrieben habe, und ich wartete auf eine Zusammenkunft mit ihnen. Selbstverständlich orientierte ich mich dahin, dass entweder Iwan Nikititsch Smirnow oder Sergej Witalijewitsch Mratschkowski kommen werde.

WYSCHINSKI: Kamen sie zu Ihnen?

RADEK: Ich wusste, dass einer von ihnen kommen würde, und sie kamen und erhielten von mir eine bejahende Antwort.

WYSCHINSKI: Was geschah weiter?

RADEK: Es fand ein Gespräch zwischen mir und Mratschkowski statt, dem ich sagte: wo und wie wollen Sie etwas tun? Das war Ende Oktober oder Anfang November 1932.

WYSCHINSKI: Mratschkowski stellte Ihnen Fragen? Und stellten Sie ihm Fragen?

RADEK: Er stellte mir die Frage: Hast du von Alten einen Brief bekommen?

WYSCHINSKI: Der Alte, wer ist das?

RADEK: Damit war Trotzki gemeint. Hast du dich nun entschlossen? Ich antwortete ihm: Würdest du nicht annehmen, dass ich mich entschlossen habe, so würdest du mir diese Frage nicht stellen. Ich habe mich entschlossen, mit euch zusammenzugehen. Ich meinerseits fragte ihn, wie sie sich den Kampf vorstellen und wie weit die Sache der Annäherung mit den Sinowjewleuten vorwärts gekommen sei.

WYSCHINSKI: Was hat Mratschkowski Ihnen geantwortet?

RADEK: Er antwortete vollkommen eindeutig, dass der Kampf in seine terroristische Phase eingetreten sei, und dass wir uns jetzt zwecks Realisierung dieser Taktik mit den Sinowjewleuten vereinigt hätten und die Vorbereitungsarbeit in Angriff nehmen.

WYSCHINSKI: Was für eine Vorbereitungsarbeit?

RADEK: Da die neue These Terror hieß, war es klar, dass die Vorbereitungsarbeit in der Sammlung und Schaffung von terroristischen Kadern bestehen musste. Nachher sagte mir Mratschkowski, dass, da ein sehr scharfer Kampf bevorstehe und die Opfer ungeheuer groß sein werden, wir für den Fall einer Niederlage, das heißt für den Fall der Verhaftung, gewisse Kader behalten wollen, und sagte: „Deshalb haben wir dich auch nicht in das erste Zentrum aufgenommen.“ Das sagte er in Bezug auf mich, Pjatakow und Serebrjakow.

WYSCHINSKI: Und über Sokolnikow hat er Ihnen etwas gesagt?

RADEK: Später sprach er über ihn. Hier war von den Trotzkisten die Rede. Im ersten Gespräch äußerte er folgende Idee: „Du brichst die Beziehungen zu allen Leuten ab, die bei dir verkehrt haben.“ Er sagte auch: „Ich verbiete Dreitzer, dich aufzusuchen.“

WYSCHINSKI: Hatte er denn die Möglichkeit, Dreitzer das zu verbieten?

RADEK: Wir betrachteten ihn als den Hauptorganisator, er war eben der Mann, der Weisungen erteilte und Leute stellte, die in Reserve gehalten werden sollten, ein Politiker war er jedoch nicht. Es blieb nicht bei diesem Gespräch. Der erste Plan ging dahin, dass, wir für den Fall ihrer Verhaftung in den Kampf treten mussten.

WYSCHINSKI: Nach der neuen Zusammenkunft im Jahre 1932 hatten Sie noch eine Zusammenkunft mit Mratschkowski?

RADEK: Ich hatte mit ihm im Frühjahr und im Herbst eine Zusammenkunft, als er unter dem Vorwand dienstlicher Angelegenheiten nach Moskau kam, er hatte die Möglichkeit das zu tun und tat es. Während seiner Besuche weihte er mich in die Sache ein. Nachher war er im April 1933 hier.

WYSCHINSKI: Sagte er Ihnen etwas über Bakajew und Reingold?

RADEK: Als er in der Folge das Organisationsschema des Blocks entwarf, sagte er, dass unsererseits Dreitzer der unmittelbare Leiter der terroristischen Organisation sein wird, von Seiten der Sinowjewleute wird Bakajew der Leiter sein.

WYSCHINSKI: Der unmittelbare Leiter der terroristischen Organisation?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: War Ihnen etwas über die Vorbereitung des Mordes an Sergej Mironowitsch Kirow bekannt?

RADEK: Als wir über den beabsichtigten terroristischen Kampf sprachen, tauchte vor uns die Frage auf, gegen wen dieser in erster Linie gerichtet sein soll.

WYSCHINSKI: Das war 1932.

RADEK: Als die Frage auftauchte, gegen wen der Terror sich richten soll. Hier war vom Terror die Rede, der gegen die führende Gruppe des Zentralkomitees der KPdSU(B) und der Sowjetregierung gerichtet war, und obzwar in diesem Gespräch kein einziger Name genannt wurde, wusste ich ausgezeichnet, wer die Führung innehat und hegte nicht den geringsten Zweifel daran, dass die Aktionen gegen Stalin und seine nächsten Mitarbeiter, gegen Kirow, Molotow, Woroschilow, Kaganowitsch gerichtet werden sollten.

WYSCHINSKI: Sind das Ihre eigenen Schlussfolgerungen oder sagte er das?

RADEK: Es bestand keinerlei Notwendigkeit, darüber zu sprechen, da ich ausgezeichnet wusste, wer die Partei und die Sowjetregierung leitet.

WYSCHINSKI: Ich ersuche, dem Angeklagten Radek seine Aussagen (Bd. V, Bl. 106), das Protokoll des Verhörs vom 4. Dezember vorzuhalten, wo eine etwas anders geartete Antwort auf diese Frage enthalten ist.
Gestatten Sie, die Stelle vorzulesen. Ich lese aus der beglaubigten Kopie des Protokolls vor:
„Hinsichtlich der Tätigkeit der sinowjewistische-trotzkistischen Gruppe stimmen die Mitteilungen Mratschkowskis, welche er mir zu verschiedenen Zeiten gemacht hat, mit dem überein, was in der Gerichtsverhandlung bekannt geworden ist. Er sprach zu mir...“

Das heißt, wer ist dieser „er“?

RADEK: Mratschkowski.

WYSCHINSKI: „...über die Rolle Bakajews, Reingolds, über die Vorbereitung der Terrorakte gegen Stalin in Moskau und Kirow in Lenin grad.“

RADEK: Da ich bei verschiedenen Zusammenkünften sprach, dort heißt es ja bei verschiedenen Zusammenkünften. Jetzt fragen Sie mich aber, wovon im Gespräch vom November 1932 die Rede war, daher antworte ich auch über das weitere Gespräch.

WYSCHINSKI: Wussten Sie von Mratschkowski über die Vorbereitung von Terrorakten gegen die Führer der Partei und Regierung?

RADEK: Im April 1933. Mratschkowski hat mich...

WYSCHINSKI: Entschuldigen Sie, um die Prozessordnung zu wahren - bestätigen Sie diese Aussage?

RADEK: Dass ich wusste, dass ein Anschlag vorbereitet wird?

WYSCHINSKI: Das, was ich Ihnen vorgelesen habe: „Er, d. h. Mratschkowski, erzählte mir (d. h. Ihnen) von der Rolle Bakajews und Reingolds, von der Vorbereitung eines Terroranschlags gegen Stalin in Moskau und gegen Kirow in Lenin grad.“ Bestätigen Sie, dass Mratschkowski Ihnen das gesagt hat?

RADEK: Wenn es sich nicht um diese Zusammenkunft handelt, so bestätige ich es.

WYSCHINSKI: Ich weiß nicht, um welche Zusammenkunft es sich hier handelt, ob um diese oder um eine andere.

RADEK: Ich bestätige es.

WYSCHINSKI: Folglich wird zur Erläuterung festgestellt, dass Mratschkowski Ihnen das nicht im November 1932 sagte, sondern wann?

RADEK: In Bezug auf Kirow stand das Gespräch damit in Zusammenhang, dass er bei mir im April 1933 anfragte, ob ich ihm nicht unter den Trotzkisten in Petersburg einen Menschen nennen könnte, der die Organisierung einer Terrorgruppe in Lenin grad übernehmen würde.

WYSCHINSKI: Gegen wen?

RADEK: Natürlich gegen Kirow.

WYSCHINSKI: Er bat um Ihre Hilfe?

RADEK: Die Nennung einer Person ist Hilfe. Das ist klar.

WYSCHINSKI: Was nun?

RADEK: Ich nannte ihm solch eine Person.

WYSCHINSKI: Sie nannten jemanden?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Wer war das?

RADEK: Prigoshin.

WYSCHINSKI: Prigoshin? Der einen Mörder finden konnte?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Das war im April 1933?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Und wann ist Kirow ermordet worden?

RADEK: Kirow wurde im Dezember 1934 ermordet.

WYSCHINSKI: Folglich war Ihnen, Radek, viele Monate vor diesem ruchlosen Verbrechen bekannt, dass die Trotzkisten die Ermordung Kirows vorbereiten?

RADEK: Ich kann sogar mehr sagen. Mir war bekannt, dass dies sowohl überhaupt als auch von den Sinowjewleuten vorbereitet wird, denn da nun einmal beschlossen wurde, einen Schlag gegen die Leiter zu führen - Kirow war der hervorragendste Leiter und die Sinowjewleute hatten ihr Hauptzentrum in Petrograd, - so ist es klar, dass ihre terroristische Organisation einen Anschlag gegen Kirow plante. Außerdem sagte mir Mratschkowski damals, dass wir in Lenin grad nichts haben, dass die Sinowjewleute sich dort vorbereiten und dass wir selbstverständlich unsere eigene Gruppe haben müssen. Er gab es also mir in diesem Zusammenhang zu verstehen, sagte aber nicht, wann etwas geschehen würde, sagte aber, dass die Sinowjewleute dort in Lenin grad Anschläge vorbereiten; das sagte er mir und ich wusste ganz klar, ohne jede Zweideutigkeit, dass es sich um Kirow handelt.

WYSCHINSKI: Was verstehen Sie darunter, wenn Sie hier davon sprechen, dass Mratschkowski Sie über die Rolle Bakajews unterrichtet hat?

RADEK: Dass Bakajew die Ermordung Kirows unmittelbar leitete, hat Mratschkowski mir nicht gesagt. Er hat ihn mir jedoch als den Leiter sämtlicher terroristischer Gruppen der Sinowjewleute genannt. Mir war nicht bekannt, ob diesen Mord Bakajew ausüben oder irgendjemandem den Auftrag dazu erteilen wird, mir war jedoch klar, dass ohne Bakajew die Vorbereitung des Mordes nicht betrieben werden kann.

WYSCHINSKI: Und in Moskau?

RADEK: Über die Sinowjewleute, davon, dass in Moskau Reingold der Leiter ist, erfuhr ich von demselben Dreitzer. Als Dreitzer auf Aufforderung Mratschkowskis kommen sollte, um mich konkret zu orientieren, fragte ich ihn, was machst du? - Dies und jenes...

WYSCHINSKI: Was ist denn dies und jenes?

RADEK: Er gab mir eine Charakteristik dessen, was die Trotzkisten bereits haben, und sagte, dass die Sache sich im Stadium der Schaffung von Kadern befinde, dass wir eine Reihe von Gruppen organisieren und uns die Aufgabe gemeinsamen Kampfes mit den Sinowjewleuten, die Aufgabe der Verwendung dieser Gruppen gestellt haben, sobald die Organisationsperiode abgeschlossen sein wird. Ich fragte ihn: wer wird denn von den Sinowjewleuten diese Vorbereitungsarbeit in Moskau leiten? Er sagte mir: die allgemeine Leitung liegt von den Sinowjewleuten hei Bakajew, wie bei Mratschkowski unsererseits, in Moskau aber hat Reingold die Leitung.

WYSCHINSKI: Auf diese Weise waren Sie vollständig über die Tätigkeit dieser terroristischen Gruppen unterrichtet?

RADEK: Natürlich, als Mitglied des Zentrums war ich vollständig unterrichtet.

WYSCHINSKI: Und Sie waren auch darüber unterrichtet, dass die praktische Vorbereitung der Ermordung im Gange ist?

RADEK: Von der praktischen Vorbereitung, der Sammlung der Kader, der Organisierung dieser Kader, der Schulung dieser Kader wusste ich, als Mitteilnehmer des trotzkistisch-sinowjewistischen Blocks, seit seiner Entstehung.

WYSCHINSKI: Darunter auch als Mitteilnehmer terroristischer Akte, deren einer die Ermordung Kirows war?

RADEK: Darunter auch terroristischer Akte, deren einer die Ermordung Kirows war.

WYSCHINSKI: Mit wem sind Sie zu jener Zeit zusammengetroffen und was bildete den Gegenstand Ihrer Besprechungen?

RADEK: Wir hatten verabredet, die Zusammenkünfte auf ein Minimum zu beschränken. Deshalb traf ich von den Trotzkisten, die dem ersten Zentrum angehörten, nur mit Mratschkowski zusammen. Iwan Nikititsch Smirnow wurde Anfang 1933 verhaftet, wie ich glaube, im Januar. Ter-Waganjan hatte ich seit 1932 oder seit 1931 nicht gesehen, ja überhaupt ließ man Ter nicht an mich herankommen, weil er einen großen Bekanntenkreis besaß und man befürchtete, ich könnte durch Ter hereinfliegen. Von Mitgliedern des sinowjewistischen Zentrums kam ich mit Sinowjew und Kamenew bis zum Jahre 1932 gelegentlich zusammen. Nachdem ich der Bewegung im Jahre 1933 beigetreten war, habe ich sie überhaupt nicht gesehen. Sie waren damals wegen Beteiligung an der Oppositions-Plattform und Verbindung mit ihr verbannt worden. Als sie zurückkehrten, war Sinowjew zweimal bei mir, im Jahre 1934. Außerdem sah ich einmal Kamenew in der Redaktion des „Bolschewik“, doch kam ich nur bei gesellschaftlichen Anlässen mit ihnen bei uns in der Redaktion zusammen oder gelegentlich des Banketts eines Antiquariats, mit dem wir Schriftsteller alle in Verbindung standen. Mit Kamenew hatte ich keine einzige Unterredung über diese Dinge. Wenn es sich um meine Verbindung mit dem sinowjewistischen Teil des Blocks handelt, so bestand sie bis zur Ermordung von Kirow in drei Zusammenkünften mit Sinowjew. Auch war eine Zusammenkunft mit G. J. Sokolnikow, der nicht Mitglied des ersten Zentrums, sondern Mitglied des Reservezentrums war, und zwar im Sommer 1934. Wenn es sich um die Zusammenkünfte mit meinen Kollegen aus dem Reservezentrum, mit den Trotzkisten handelt, so sah ich Pjatakow im Dezember 1932, das zweite Mal Ende 1933, im Jahre 1934 sah ich ihn im Sommer, im Juli, 1935 sah ich ihn im Juli und im Dezember, 1936 im Januar. Serebrjakow sah ich 1933, 1935 und 1936. Sokolnikow sah ich dreimal.

WYSCHINSKI: Somit kann als feststehend erachtet werden, dass Sie von dem Terror durch Mratschkowski erfahren haben?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: War das, bevor Sie den Brief von Trotzki erhalten haben?

RADEK: Das war, nachdem ich den Brief von Trotzki erhalten habe. Den Brief von Trotzki habe ich im Februar oder März 1932 erhalten.

WYSCHINSKI: Sie haben also im Februar 1932 einen Brief von Trotzki erhalten, dort sagte er bereits, man müsse aus dem Wege räumen...

RADEK: ...beseitigen.

WYSCHINSKI: ...beseitigen; folglich haben Sie verstanden, dass vom Terror die Rede war?

RADEK: Versteht sich.

WYSCHINSKI: Wenn das Material der Voruntersuchung richtig ist, so waren Sie im Frühjahr 1932 in Genf?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: In Genf sind Sie mit jemandem zusammen gekommen und haben über derartige Dinge gesprochen?

RADEK: Der einzige Trotzkist, mit dem ich in Genf eine Zusammenkunft hatte, war W. Romm. Er brachte mir einen Brief von Trotzki.

WYSCHINSKI: Das heißt also, den betreffenden Brief von Trotzki haben Sie in Genf erhalten?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Wie lässt sich denn das Datum - Februar 1932 - mit dem Frühjahr vereinbaren?

RADEK: Der Februar ist in Genf schon Frühjahrsbeginn, so dass ich diese Zeit als Frühling empfunden habe. Vielleicht war es im März.

WYSCHINSKI: Also wollen wir alle diese Tatsachen präzisieren. Den Brief von Trotzki haben Sie im Frühjahr 1932 in Genf durch W. Romm erhalten. Haben Sie den Brief von Trotzki unerwarteterweise durch Romm erhalten?

RADEK: Von der Verbindung zwischen Romm und Trotzki habe ich persönlich bis zu jenem Zeitpunkt niemals etwas gewusst. Romm kenne ich seit 1922. In der Zeit des Parteikampfes, als die trotzkistische Opposition sich herausbildete, war er nicht aktiv im allgemeinen Sinn, in der allgemeinen trotzkistischen Arbeit. In der chinesischen Frage stand er bei uns. Er war Fachmann für Außenpolitik. Er interessierte sich für den Fernen Osten. Im Zusammenhang mit den Meinungsverschiedenheiten mit der Komintern in den chinesischen Angelegenheiten trat er dieser Frage nahe, und da wir einander durch die Beschäftigung mit außenpolitischen Fragen nahe standen, so war ich der ihm am nächsten stehende Mensch, nach dem er sich richtete. Als ich aus der Verbannung zurückgekehrt war, kam etwa ein Jahr später Romm, der sich in Tokio befunden hatte, nach Moskau. Wir sprachen nichts Konkretes über den Kampf gegen die Partei, doch äußerte ich zu ihm, dass die Lage im Lande Erschütterungen heraufbeschwören werde und fügte hinzu: „Wolodja, vielleicht wird man noch aktiv werden müssen.“

WYSCHINSKI: Das war im Jahre 1931?

RADEK: Wahrscheinlich 1931. Deshalb hat Romm vollkommen recht, wenn er in seinen Aussagen ausführt, dass er, als er angewiesen wurde, den Brief zu bestellen, durch Übergabe des Briefes an mich glaubte, meinen Willen auszuführen. Und wenn Romm sagt, dass er durch meine Schuld zur Opposition zurückgekehrt sei, so stimmt das, ins Sowjetgefängnis habe ich ihn gebracht.

WYSCHINSKI: Was ist Ihnen über die terroristische Tätigkeit anderer Gruppen bekannt?

RADEK: Ich werde das nicht mit dem Datum der Anfangsperiode fixieren. Ich fasse Ihre Frage so auf, dass Sie wissen wollen, was mir für die Gesamtperiode bekannt ist, diese Gruppen werde ich nennen. Ich hatte nicht detaillierte Informationen in der Periode 1933-1934 darüber, dass eine Formierung betrieben wird, dass eine Reihe von Gruppen in Moskau organisiert wurde: diese Gruppen leitete Dreitzer. Aus wem sie bestanden, wusste ich nicht; das war das Vorbereitungsstadium. Außer in Moskau wusste ich 1934 von der Bildung einer Gruppe, die wir unter uns die historische oder auch die hysterische Gruppe nannten, eine aus Historikern bestehende Gruppe unter Führung Friedlands. Von dem Bestehen dieser Gruppe erfuhr ich im Zusammenhang damit, dass der Stellvertreter Dreitzers, Gajewski, mich im Jahre 1934 verständigte, es werde eine Gruppe aus seriösen Leuten gebildet, die jetzt nicht in Aktion treten, sondern eine Reserve für den Fall des Hochgehens sein werde.
In Lenin grad wusste ich von der Existenz der Sinowjewschen Organisation.
Was die trotzkistischen Organisationen betrifft, so wusste ich, dass Prigoshin dort eine Gruppe bildet, die Zusammensetzung war mir nicht bekannt; als er mir im Jahre 1934 berichtete, nannte er drei, vier Namen, die mir nichts sagten, und ich kann sie nicht angeben. Auf den einen von ihnen konnte ich mich besinnen und habe ihn während der Voruntersuchung angegeben. Was die Ukraine betrifft, so hat mir Jurij Leonidowitsch Pjatakow gesagt, dass das ukrainische Zentrum - er nannte Kozjubinski, Golubenko, und ich glaube Loginow - eine terroristische Gruppe zusammenstelle, die gegen die Führer der Kommunistischen Partei und der Sowjetregierung der Ukraine eingesetzt werden wird.
Was die sibirische Gruppe anbelangt, so sagte mir Pjatakow, sie werde dort zusammengestellt; mir ist, als hätte er dabei auch den Namen Muralow genannt.
Außerdem sagte er, in Tula sei irgendeine terroristische Gruppe entstanden oder im Entstehen begriffen.

WYSCHINSKI: Nannte Pjatakow Ihnen Namen?

RADEK: Er hat nicht Namen und Führer genannt, sagte aber, diese Gruppe stehe mit Ditjatjewa in Verbindung. Außerdem ist mir erheblich später, im Jahre 1935, die Herausbildung einer Gruppe durch Beloborodow in Rostow a. D. bekannt geworden. Es war auch bekannt, dass Mdiwani eine Gruppe gebildet hat.
Im Jahre 1935 erfuhr ich von einer sinowjewistischen Gruppe, das war die Gruppe Sachs-Gladnew, mit der in Moskau mein Mitarbeiter Tiwel verbunden war. Er kam zu mir und meldete mir, wie er behauptete im Auftrage Sokolnikows, dass er als Mitarbeiter meines Apparates, mich einer großen Gefahr aussetze, da er mit dieser Gruppe in Verbindung stehe. Er kam zu mir und sagte, dass eine solche Gruppe existiert, dass er mit ihr in Verbindung steht, und dass sie, wie es scheint, in Petrograd zerschlagen worden ist und ihre Tätigkeit nach Moskau verlegt hat, wo sie einen Terrorakt gegen die Führer der Partei und der Regierung vorbereitet. Zuerst wollten sie ein Attentat im ZK, im Gebäude selbst verüben, wie er mir sagte. Als ich ihm sagte, das sei reiner Wahnwitz, gab er das zu und sagte mir, dass sie gleichzeitig außerhalb des Gebäudes des ZK den Regierungsmitgliedern und den Mitgliedern des ZK der Partei auf ihren Wegen nachspüren.

WYSCHINSKI: Das ist ein ganzer Haufen von Gruppen.

RADEK: Ja, ich war nicht über alle informiert, ich war nicht unmittelbarer Leiter dieser Aktion. Wenn es sich aber um die politische, juridische und moralische Verantwortung handelt, so können Sie mich für alle Gruppen, selbst für jene verantwortlich machen, von denen ich nicht wusste.
Das heißt, dass ich für alles, was dieses Zentrum durch seine Organe unternimmt, die Verantwortung zu tragen habe.

WYSCHINSKI: Die terroristische Gruppe, die in Tula tätig war, ist Ihnen bekannt?

RADEK: Von ihrer Existenz wusste ich.

WYSCHINSKI: Wussten Sie davon, dass sie als terroristische Gruppe besteht?

RADEK: Versteht sich.

WYSCHINSKI: Dass sie die Vorbereitung zum Attentat auf das Leben der Führer unserer Partei und unserer Regierung betreibt?

RADEK: Das ist klar.

WYSCHINSKI: Das war klar für Sie?

RADEK: Terroristische Gruppen befassen sich nur mit solchen Dingen.

WYSCHINSKI: Und Sie haben das gewusst?

RADEK: Selbstredend:

WYSCHINSKI: Sie haben das von wem erfahren?

RADEK: Von Pjatakow. Über die Zusammensetzung hat er nichts Konkretes gesagt, aber er sagte, dass in Tula eine Gruppe unter Leitung von Ditjatjewa besteht.

WYSCHINSKI: Sie wussten also davon von Pjatakow?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Und im Ural?

RADEK: An die Uraler Gruppe erinnere ich mich überhaupt nicht. Ich kann keinerlei Namen nennen. Von der Gruppe Julin habe ich gehört.

WYSCHINSKI: Westsibirien?

RADEK: Von Westsibirien. Einer der Leiter ist genannt worden - Muralow.

WYSCHINSKI: Von wem haben Sie über ihn gehört?

RADEK: Von Pjatakow.

WYSCHINSKI: Über die Gruppe Beloborodow?

RADEK: Über die Gruppe Beloborodow, von ihrem Bestehen wusste ich aus zwei Quellen: sowohl von Pjatakow als auch von Jewgenij Preobrashenski.

WYSCHINSKI: Die Moskauer Gruppe Sachs-Gladnew?

RADEK: Das habe ich zuerst von Tiwel erfahren, daraufhin vergewisserte ich mich über ihre Existenz bei einem Gespräch mit Sokolnikow.

WYSCHINSKI: Schließlich die Gruppe Prigoshin?

RADEK: Die Gruppe Prigoshin ist eine Lenin grader Gruppe. Von ihrer Existenz erfuhr ich dadurch, dass ich auf Ersuchen Mratschkowskis Dreitzer zu Prigoshin schickte; und als Prigoshin in Moskau ankam, fragte ich ihn: „Was hast du mit den Leuten gemacht, die du dort hattest?“ Er sagte mir, dass er sie mit dem Trotzkisten Seidel in Verbindung gebracht habe. Ihn habe ich angewiesen, sich mit Friedland in Verbindung. zu setzen.

WYSCHINSKI: Die Gruppe Prigoshin hat wer geleitet?

RADEK: Da sie nicht in Aktion trat und drei bis vier Monate existierte, in deren Verlauf sie einander erst verständigten, so tauchte anscheinend die Frage der Leitung im technischen Sinn bei ihnen noch nicht auf.

WYSCHINSKI: Wer hat organisatorisch geleitet?

RADEK: Die Verantwortung für diese Gruppe hatte uns gegenüber Prigoshin.

WYSCHINSKI: Wer leitete diese Gruppe organisatorisch?

RADEK: Prigoshin.

WYSCHINSKI: Und wer leitete Prigoshin?

RADEK: Prigoshin war Dreitzer unterstellt, da aber Dreitzer nicht an ihn herankam, so hätte offenkundig ich, wenn er irgendwelcher Weisungen bedurft hätte, solche Weisungen gegeben.

WYSCHINSKI: Wenn Sie Weisungen geben, so leiten Sie?

RADEK: Wenn ich Weisungen gebe, so leite ich, einstweilen jedoch gab ich Weisung, diese Gruppe zu bilden. Ich kam nicht in die Lage zu leiten, wenn es jedoch notwendig geworden wäre, hätte ich geleitet.

WYSCHINSKI: Die Gruppe ist von Ihnen geschaffen worden?

RADEK: Die Gruppe ist von Prigoshin geschaffen worden.

WYSCHINSKI: Prigoshin wurde von Ihnen genannt?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Er war ein Mensch, der von Ihnen dazu geschickt wurde?

RADEK: Ein Mensch, der von mir für die Organisierung einer terroristischen Gruppe gefunden wurde.

WYSCHINSKI: Auf Ihre Weisung setzte er sich mit den Sinowjewleuten oder mit Mratschkowski oder mit Dreitzer in Verbindung?

RADEK: Ich kann nicht sagen, wie das in der Praxis war. Mratschkowski fragte mich, doch sagte ich in Bezug auf Prigoshin, dass dieser Bursche zu keiner ernsten terroristischen Tätigkeit tauge, weder als ausführende Person noch als Organisator, er sei ein schrecklicher Ränkeschmied, er werde die Gruppe von allem Anfang an zersetzen, er werde aber die Leute ausfindig machen. Es entstand die Frage, dass man diese Leute prüfen müsse. Wir vereinbarten nun, dass Dreitzer selbst oder durch diesen Menschen diese Gruppe prüfen werde. Weder Dreitzer noch Mratschkowski sagten mir in der Folge, was sie da getan haben. Prigoshin selbst berichtete mir im Sommer 1934, dass er Leute gefunden habe, die seiner Meinung nach geeignet sind, dass aber nichts getan werden konnte, da man ihn nach Moskau versetzt habe.
Das ist die konkrete Lage.

WYSCHINSKI: Aber er wandte sich in diesem Zeitabschnitt wiederholt in terroristischen Angelegenheiten an Sie.

RADEK: Ich sah ihn im Jahre 1933, als ich ihm den Auftrag gab, und 1934, als er nach Moskau übersiedelte. Seine Behauptung, er habe mich 1935 getroffen, entspricht nicht der Wirklichkeit, genau so, wie drei Viertel der von Prigoshin über andere Leute gemachten Aussagen.

WYSCHINSKI: Nehmen wir die Tatsachen, die Ihrer Behauptung nach der Wirklichkeit entsprechen.
Im Herbst 1934 trafen Sie sich mit Prigoshin.

RADEK: Das war im Juli oder im August, aber 1934 traf ich ihn nur ein einziges Mal. Er sagte mir, dass er begonnen habe, Leute vorzubereiten, dass er sie ausgewählt habe, dass man ihn aber versetzt hat, so dass sie dort nichts machen konnten.

WYSCHINSKI: Wozu brauchte er gerade Ihnen zu erzählen, dass er die Leute ausgewählt hat?

RADEK: Weil ich ihm diesen Auftrag gegeben habe.

WYSCHINSKI: Also waren Sie es, der Prigoshin gefunden hat? Sie haben Prigoshin nach Lenin grad geschickt?

RADEK: Er lebte in Lenin grad.

WYSCHINSKI: Mit wem setzten Sie ihn in Verbindung?

RADEK: Er hatte mich in Verbindung zu setzen, nicht ich ihn. Ich sagte ihm: „Die Aufgabe des Zentrums besteht darin, in Lenin grad eine terroristische Gruppe zu bilden, suche dir Leute aus und zeige, wie die Sache aussieht.“

WYSCHINSKI: Folglich liegt dieser Teil der Leitung der Prigoshinchen Arbeit an der Vorbereitung dieses Aktes in wessen Händen?

RADEK: In meinen.

WYSCHINSKI: Wer hat denn Prigoshin bei dieser Vorbereitungsarbeit geleitet?

RADEK: Ich - Radek.

WYSCHINSKI: Womit endete Ihr Gespräch im Herbst, als er Ihnen sagte, dass man ihn nach Moskau versetzt hat?

RADEK: Damit, dass er in die Gruppe Friedland übergehen und darauf achten soll, dass sie nicht ausgehoben wird. Das war eine terroristische Gruppe. Ich kannte sie nicht in ihrer ganzen Zusammensetzung, doch wurden mir drei Namen genannt: Friedland, Wanag und Piontkowski. Die Gruppe stand unter unmittelbarer Aufsicht Gajewskis. Er sagte mir, „das wird deine Reserve sein“. Gajewski war Stellvertreter Dreitzers.

WYSCHINSKI: Wer war vom Zentrum dort?

RADEK: Dreitzer stand unmittelbar mit Mratschkowski in Verbindung.

WYSCHINSKI: Und zu Ihrem speziellen Zentrum hatte wer von dieser Gruppe Beziehung?

RADEK: Gajewski war mir von Mratschkowski als Verbindungsmann zugeteilt.

WYSCHINSKI: Also Prigoshin war von Ihnen, und Sie tragen dafür die Verantwortung?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Und Sie haben ihn gefunden, sich mit ihm in Verbindung gesetzt und ihn mit terroristischer Arbeit beauftragt?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Gajewski stand mit der terroristischen Gruppe Dreitzers in Verbindung?

RADEK: Ich muss präzisieren.

WYSCHINSKI: Antworten Sie direkt.

RADEK: Gajewski war ein Mensch, der mir von Dreitzer für den Fall zugeteilt war, dass ich eine Verbindung mit Dreitzer brauche.

WYSCHINSKI: Also stand er mit Ihnen vom Zentrum aus in Verbindung? Folglich führt vom Zentrum eine Linie zu Prigoshin, von Ihnen eine zu Gajewski. Das heißt also, dass Sie mit der Gruppe Dreitzer durch Gajewski verbunden sind. Folglich wird auch die Gruppe Dreitzer von Ihnen geleitet.

RADEK: Nein, Dreitzer war Mratschkowski unterstellt, Gajewski jedoch war mein Verbindungsmann.

WYSCHINSKI: Weisungen haben sie von wem erhalten?

RADEK: Von Mratschkowski. Bis zur Verhaftung Mratschkowskis war Dreitzer Mratschkowski unterstellt.

WYSCHINSKI: Und nach Verhaftung Mratschkowskis haben Sie mit Dreitzer die Verbindung hergestellt?

RADEK: Nach Verhaftung Mratschkowskis gelang es mir nicht. irgendwelche Verbindungen mit Dreitzer herzustellen, ich habe ihn nicht gesehen und konnte von ihm keinerlei Informationen und Weisungen erhalten.

WYSCHINSKI: Diese Verbindungen sollten aber an Sie übergehen?

RADEK: Ja, an mich.

WYSCHINSKI: Als Mitglied des Reservezentrums?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Sie sollten sich mit Friedland dem Mitglied einer Terroristengruppe in Verbindung setzen und in dieser Periode lag die Leitung der ganzen Tätigkeit in wessen Händen?

RADEK: Wenn Sie mich fragen, wer die Leitung hatte, so hätte ich, falls Prigoshin zu mir gekommen wäre und mir von der Vorbereitungsarbeit gesagt hätte, eine Antwort geben müssen.

WYSCHINSKI: Folglich musste Prigoshin die Weisungen für die Vorbereitungen in dieser Vorbereitungsperiode von Ihnen erhalten und war mit anderen Mitgliedern nicht in Verbindung?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Deshalb sagen Sie auch, dass Sie persönlich seine terroristische Tätigkeit geleitet und ihn persönlich gelenkt haben?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Mit wem haben Sie noch über Terror gesprochen?

RADEK: Ich habe mit den Mitgliedern des Zentrums gesprochen, mit denen ich zusammengetroffen bin und mit denen ich gewisse Fragen zu lösen hatte.

WYSCHINSKI: Wen können Sie nennen?

RADEK: Ich habe Preobrashenski genannt. Ich kann sagen, mit wein ich ein Gespräch in allgemeiner Form hatte - mit Smilga.

WYSCHINSKI: Und die Gruppe der Rechten?

RADEK: Selbstverständlich war ich mit Bucharin in Verbindung.

WYSCHINSKI: Sogar selbstverständlich? Was für konkrete Tatsachen über die Verbindung mit der Gruppe der Rechten können Sie anführen?

RADEK: Ich hatte nur mit Bucharin Verbindung. Tomski sah Ich nur im Jahre 1933, als er in sehr scharfer Form über die Innerparteiliche Lage sprach.

WYSCHINSKI: Was für Gespräche hatten Sie mit Bucharin?

RADEK: Was die Gespräche über den Terror anbelangt, so kann ich sie konkret aufzählen. Das erste Gespräch fand im Juni oder Juli 1934 statt, nachdem Bucharin zur Arbeit in die Redaktion der „Iswestija“ übergegangen war. Das Gespräch haben wir damals wie Mitglieder zweier miteinander Fühlung nehmender Zentren eingeleitet. Ich fragte ihn: „Sie haben den terroristischen Weg betreten?“ Er sagte: „Ja.“ Als ich ihn fragte, wer diese Sache leitet, sprach er von Uglanow und nannte sich selbst, Bucharin. Während des Gesprächs sagte er mir, dass es notwendig sei, unter der akademischen Jugend Kader heranzubilden. Technische und allerlei andere konkrete Dinge waren nicht Gegenstand des von uns geführten Gesprächs. Mratschkowski versuchte, bei einer Zusammenkunft mit Bucharin diese Frage zu stellen, doch entgegnete ihm Bucharin: „Wenn du zum Befehlshaber aller Terrororganisationen ernannt werden wirst, dann werden wir alles vor dir ausbreiten.“

WYSCHINSKI: Das heißt, dass Bucharin konspiriert hat?

RADEK: Er hat genau so konspiriert wie ich ihm gegenüber auf diesem Gebiet konspirierte, er wusste nur, was Mratschkowski erzählt hat. Es bestanden doch keinerlei Zweifel darüber, dass Mratschkowski bei uns diese Tätigkeit leitet.

WYSCHINSKI: Was hatten Sie weiter für Gespräche?

RADEK: Es hat ein Gespräch über den Terror stattgefunden. Er sagte mir damals nichts mehr. Das nächste Gespräch über Terror, und sogar zwei oder drei Gespräche, fanden Ende Dezember 1934 nach der Ermordung Kirows statt. Diese Gespräche fanden unter sehr schwierigen Verhältnissen statt, da die Redaktion damals fast ununterbrochen die ganze Nacht arbeitete. Das Arbeitszimmer Bucharins war ständig von einer großen Anzahl Menschen besetzt, und erst am nächsten Tag oder am dritten Tag, das kann ich nicht genau sagen, ist es mir gelungen, einen Augenblick abzupassen, wo wir die ersten Meinungen austauschten. Da weder er noch ich den Namen Nikolajew kannten, da wir nicht einmal wussten, dass Nikolajew im Zeitpunkt, als er seinen Anschlag ausführte, Mitglied der Partei war, so war für uns klar, dass der Anschlag von einer der Terrorgruppen entweder des Blocks oder der Rechtsgruppe ausgeführt worden ist. Wer es war - das konnten wir in diesem Augenblick nicht feststellen, doch war es für uns klar, dass es das Werk dieser Organisationen ist.
Das wir das erste, was wir bei dem ersten Gespräch festgestellt haben. In den weiteren Gesprächen, als die Situation klarer wurde, kehrten wir zu diesem Gespräch zurück, ebenfalls in aphoristischer Form, wie das bei solchen Begegnungen zu sein pflegt, und wir tauschten bei diesen Begegnungen unsere Meinungen über die Einschätzung der politischen Folgen der Ermordung Kirows aus.
Wir waren zu der Überzeugung gekommen, dass dieser Mord nicht die Resultate gezeitigt hat, die die Organisatoren des Mordes von ihm erwarten konnten. Der Mord hat die auf ihn gesetzten Hoffnungen nicht gerechtfertigt, er war kein Schlag gegen das ZK, hat unter den Volksmassen keine Sympathie ausgelöst, wie die Trotzkisten und Sinowjewleute es erwartet hatten, sondern hat im Gegenteil den Zusammenschluss der Volksmassen um das ZK bewirkt und die Verhaftung einer großen Anzahl von Sinowjewleuten und Trotzkisten nach sich gezogen.
Wir sagten uns damals schon: Entweder erfordert dieser Akt als Resultat der Taktik des Einzelterrors die Einstellung der terroristischen Aktionen, oder er macht das Fortschreiten zum terroristischen Gruppenakt erforderlich.
Das waren die ersten Gedanken, die wir unter dem Einfluss der bei der Ermordung Kirows entstandenen Situation austauschten.
Bucharin teilte mir mit, dass bei ihnen im Zentrum viele der Ansicht seien, dass es Leichtsinn und Kleinmut wäre, wenn man auf Grund des Resultats des Mordes an Kirow auf den Terror überhaupt verzichten wollte und dass es im Gegenteil gelte, zum planmäßigen, durchdachten, ernsten Kampf, von dem Partisanentum zum planmäßigen Terror überzugehen.

WYSCHINSKI: Mich interessiert eben diese Frage des Partisanentums. Das ist eben das Thema, das Sie gestern berührt haben.

RADEK: Über dieses Thema mussten wir alle, die wir der Führung der Rechten oder der Führung des sinowjewistische-trotzkistischen Blocks nahe standen, notwendigerweise sprechen. Daran mussten wir notwendigerweise denken von dem Moment an, wo die Lehren der Ermordung Kirows vorhanden waren, ja ich gebe auch zu, dass ich daran auch früher dachte.

WYSCHINSKI: Und zwar in welcher Hinsicht dachten Sie daran?

RADEK: Ich habe gar keine praktische Erfahrung auf dem Gebiete des terroristischen Kampfes, ich kenne aber die Geschichte und die Literatur nicht nur der „Narodnaja Wolja“, ich kenne die umfassende Praxis der polnischen Terroristen, und ich musste mich daher fragen - kann man die Ziele, die der Block sich stellt, dadurch erreichen, dass man auf einzelne Menschen schießt, und dabei in großen Zeitabständen. Außerdem wusste ich, um diese Frage zu beantworten, einiges über den Unterschied zwischen unseren Sicherheitsorganen und den Sicherheitsorganen in anderen Ländern und in alter Zeit. Ich wusste, dass unsere Sicherheitsorgane, zum Unterschied von den anderen, die gewaltige Unterstützung der breitesten Massen finden, die ihnen jeden verdächtigen Fall mitteilen werden, und sie konnten sich einmal überrumpeln lassen, aber sie sind soziologisch genügend geschult, um zu begreifen, dass solche Dinge wie die Ermordung Kirows nicht so sind wie ein Pickel, der zum Vorschein kommt und vergeht, dass das vielmehr der Ausdruck irgendwelcher in Entstehung begriffener Gruppen und Tendenzen ist. Ich war also überzeugt, dass die Organe der Staatssicherheit alle Maßnahmen treffen werden, um die Ausführung individueller Terroranschläge unmöglich zu machen.
Außerdem gelangte ich allzu sehr in die Nähe der Führung, um nicht schon das praktische Bestehen dieser Maßnahmen zu sehen. Und es war für mich klar, dass die Frage daher so steht - entweder kann diese individuelle Terroraktion einfach so ins Blaue hinein betrieben werden, in der Hoffnung, dass vielleicht doch etwas gelingen werde, was aber Unsinn ist, oder aber der kämpfende Teil muss begreifen und die Frage aufrollen, was er tun könne. Und der Gedanke, was er tun könne, hat bestanden. Diese Gedanken liefen, wenn man die politische Seite der Angelegenheit nimmt, darauf hinaus, dass es sich hier darum handle, unter einem spezifischen Gesichtswinkel ganz spezifische Leute auszuwählen, dass die Sache entschieden werde durch die mit dem vorliegenden Plan zusammenhängende spezifische Auswahl.
Über diese Frage sprach ich im Juli 1935 sowohl mit Bucharin, als auch mit Pjatakow und Sokolnikow.

WYSCHINSKI: Folglich waren Sie kein Anhänger der Partisanenmethode?

RADEK: Ich war von Anfang an Gegner der Partisanenmethode.

WYSCHINSKI: Sie hielten diese Methode für unernst. Gestatten Sie mir, eine Frage zu stellen, und dann werden Sie antworten. Ich frage Sie: es gab also zwei Systeme des terroristischen Kampfes. Das eine, das Sie Partisanentum nennen, und das zweite, das Sie eine planmäßige und ernsthafte Angelegenheit nannten?

RADEK: Ja. Deshalb war ich der Ansicht, dass der Weg des individuellen Terrors ein unseriöser Weg ist.

WYSCHINSKI: Waren Sie für das erste oder das zweite System des terroristischen Kampfes?

RADEK: Ich war bis zu dem Augenblick, da ich zur Überzeugung kam, dass dieser Kampf überhaupt ein partisanenmäßiger Kampf ist, für das alte System. Später war ich für den planmäßigen terroristischen Kampf.

WYSCHINSKI: Als Sie über die Tätigkeit der Gruppe Tiwel, über die Gruppe Sachs-Gladnew, über die Gruppe Prigoshin oder über seine Tätigkeit, über die Gruppe Seidel, die Gruppe Beloborodow, die Gruppe Muralow informiert waren, - auf welchem Standpunkt standen Sie damals?

RADEK: Das sind Gruppen, die zu verschiedenen Zeiten entstanden sind. Gestatten Sie mir deshalb meine Antwort zu gliedern.

WYSCHINSKI: Ich nehme die volle Periode als Ganzes.

RADEK: Sie nehmen zwei Perioden: bis zum Ende 1934 und nachher.

WYSCHINSKI: In welche Zeit fällt die Entstellung der Gruppe Muralow?

RADEK: Über sie habe ich im Jahre 1935 erfahren.

WYSCHINSKI: Gut, fragen wir Muralow. Angeklagter Muralow, waren Sie Leiter der terroristischen Gruppe in Westsibirien?

MURALOW: Ja.

WYSCHINSKI: Seit wann?

MURALOW: Seit 1931.

WYSCHINSKI: Und bis...

MURALOW: Bis zum Tag der Verhaftung.

WYSCHINSKI: Waren Sie Anhänger des partisanenmäßigen oder des organisierten, planmäßigen Systems?

MURALOW: Ich bin überhaupt kein Partisan, und treffe Maßnahmen, damit es kein Partisanensystem, sondern ein planmäßiges System gibt.

WYSCHINSKI: Schon seit dem Jahre 1931?

MURALOW: Später, ungefähr wie Radek aussagt, nach 1934.

WYSCHINSKI: Das heißt nach der Ermordung Kirows?

MURALOW: Ja.

WYSCHINSKI: Bis zu dieser Ermordung herrschte bei Ihnen keine Klarheit über das System?

MURALOW: Nein.

WYSCHINSKI: Sie hatten aber eine Gruppe und waren mit Vorbereitungen beschäftigt?

MURALOW: Ja.

WYSCHINSKI (wendet sich an Radek): Wann haben Sie etwas über die Gruppe Beloborodow erfahren?

RADEK: Darüber habe ich im Jahre 1935 gehört.

WYSCHINSKI: Über die Gruppe Seidel?

RADEK: Erfuhr ich Ende 1934; ich wusste nicht genau, ob sie schon feste Formen angenommen hatte, ob es sich nur um Seidel handelt, ich hatte keine genauen Nachrichten.

WYSCHINSKI: Von der Gruppe Mdiwani?

RADEK: Erfuhr ich im Dezember 1935.

WYSCHINSKI: So dass die Mehrheit auf die Zeit nach der Ermordung Kirows entfällt?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Zu jener Zeit haben alle Gruppen bestanden, haben sich alle vorbereitet?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Das nannten Sie immer noch Partisanentum?

RADEK: Vollkommenes Partisanentum.

WYSCHINSKI: Folglich standen Sie auf dem Standpunkt dieser Gruppen, solidarisierten sich mit diesen Gruppen, gaben diesen Gruppen Weisungen; dennoch waren Sie der Ansicht, dass das nicht die nötigen Resultate zeitigen wird, und dass die Taktik geändert werden muss.

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Demzufolge standen Sie zu jener Zeit, in den Jahren 1934-1935 auf dem Standpunkt der organisierten, planmäßigen, gruppenweisen Verübung von Terrorakten?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Darüber sprachen Sie mit anderen Mitgliedern des Zentrums?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Im Besonderen?

RADEK: Ich erinnere mich ganz genau, dass ich mit Pjatakow und Sokolnikow gesprochen habe.

WYSCHINSKI: Also bestand Ihre Position damals in der Anerkennung der Notwendigkeit eines planmäßigen, systematischen, organisierten Gruppenkampfes?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Und diese Gruppen stellten für Sie noch nicht jenen organisierten und gruppenweisen Kampf dar, an den Sie dachten?

RADEK: Gewiss, weder ihrer Zusammensetzung, noch den Aufgaben nach, die wir uns stellten.

WYSCHINSKI: Haben Sie, nachdem Sie zum Schluss gekommen waren, dass es notwendig sei zum Gruppenterror überzugehen, irgendwelche Maßnahmen getroffen, um diesen Kampf zu organisieren?

RADEK: Ich habe Maßnahmen getroffen. Im Juli 1935 habe ich zuerst an Pjatakow, später auch in einem Gespräch vor Sokolnikow die Frage gestellt: setzen wir den Kampf fort, oder liquidieren wir ihn.

WYSCHINSKI: Was war die Antwort?

RADEK: Die Antwort lautete „Wir setzen fort.“ Dann musste man wissen, über welche Kräfte wir verfügen.

WYSCHINSKI: Das heißt, das erste war eine Schätzung der Kräfte?

RADEK: Ja, das erste war eine Schätzung der Kräfte. Das zweite war: sobald wir wissen, über welche Kräfte wir verfügen, werden wir einen Aktionsplan ausarbeiten und von diesem Aktionsplan ausgehend entscheiden müssen, ob diese Kräfte taugen oder ob man für die Durchführung des Plans neue Kräfte schaffen muss.

WYSCHINSKI: Taugen diese Kräfte, so sind sie in Aktion zu setzen, taugen sie nicht...

RADEK: Taugen sie nicht, wozu sollen sie dann in Aktion gesetzt werden. Das waren keine Fachleute, die sich nur mit Terror befassen konnten.

WYSCHINSKI: Mich interessiert nicht, was für Fachleute es waren und womit sie sich noch befassen konnten. Taugten diese Kräfte nicht, was sollte da getan werden?

RADEK: Dann sollte man unter dem Gesichtswinkel der Aufgaben neue Kräfte formieren.

WYSCHINSKI: Also, entweder nach der Einschätzung ihrer Qualitäten diese Kräfte in Aktion setzen oder neue Kräfte vorbereiten. Sie als Mitglied des Zentrums standen vor der Aufgabe, eine Übersicht über die Kräfte zu gewinnen, ihre Kampffähigkeit zu klären und davon ausgehend sie in Aktion zu setzen oder neue vorzubereiten?

RADEK: Ja, so war es.

WYSCHINSKI: Welche Maßnahmen trafen Sie?

RADEK: Wir beschlossen damals, einer solchen Lage ein Ende zu machen, wo niemand die Verantwortung für den Terror trägt. Wir beschlossen Dreitzer rufen zu lassen, den wir für die Leitung von Terrorakten nach der Verhaftung von Mratschkowski am geeignetsten hielten, mit ihm zu klären, was er zu tun beabsichtigt und gemeinsam einen Plan auszuarbeiten.

WYSCHINSKI: Folglich wollten Sie vor allem anderen die Leitung der terroristischen Gruppen vereinigen?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Und wen haben Sie als Leiter ausersehen?

RADEK: Dreitzer.

WYSCHINSKI: Haben Sie sich mit ihm in Verbindung gesetzt?

RADEK: Ich schrieb Dreitzer einen Brief, selbst konnte ich nicht zu ihm nach Kriwoi Rog fahren. Ich schrieb in allegorischer Form. In solchen Fällen schreibt man eine Liebespostkarte. Ich schrieb ihm, nach der Katastrophe mit dem Vater müsse man sich orientieren, was weiter zu tun sei. Du weißt nicht, was uns geblieben ist, wir wissen nicht, was Du tust usw. Komme unbedingt, man muss diesem Durcheinander in Familiensachen und in materiellen Dingen ein Ende machen.
Ich bekam von ihm als Antwort einen Brief: Ich liege krank da, niemand kommt zu mir, kann jetzt nicht kommen. Sobald ich wieder wohlauf bin, komme ich. Ich fasste es im ersten Augenblick so auf, dass Dreitzer irgendwelche Mitteilungen konspirativen Charakters hat, die es ihm nicht erlauben, im gegenwärtigen Moment zu handeln, dass ihm vielleicht bekannt ist, dass Verdachtsmomente gegen ihn bestehen. Und ich sagte mir: es vergehen mehrere Monate und von Dreitzer ist keine Antwort da; und dann wurde mir die Sache verdächtig, ich kannte Dreitzer allzu gut, um zu glauben, es handle sich um Feigheit, um übertriebene Vorsicht, und glaubte nicht, dass Dreitzer keinen Weg finden kann, um sich mit mir in Verbindung zu setzen.
In der ersten Zeit nach der Ermordung Kirows taten wir ebenfalls nichts, aber es war bereits Juli, August, September, Oktober, und von Dreitzer nicht die geringste Nachricht. Dann entschloss ich mich, eine Vortragsreise nach Dnjepropetrowsk zu unternehmen, um auf diese Weise dorthin zu gelangen und Dreitzer zu sehen. Man hatte sich an mich aus Dnjepropetrowsk wiederholt mit dem Vorschlag gewandt, in Saporosh je und Kriwoi Rog einen Vortrag zu hatten, darum entschloss ich mich, auf einer der bevorstehenden nächsten Parteiplenarsitzungen mit einem der Sekretäre aus Dnjepropetrowsk oder aus Kriwoi Rog zu sprechen und zu sagen, dass ich mir noch einmal Dnjeproges ansehen möchte, sie werden mich einladen, zu ihnen zu kommen, und ich werde auf diese Weise Dreitzer sehen. Dann trat ein neues Ereignis ein: die Dezemberinstruktion Trotzkis, der alle Fragen in ihrem vollen Umfang stellte. Hier ging die Rede schon nicht mehr um den Plan, sondern um etwas weit Umfassenderes.

WYSCHINSKI: In welchem Jahre war das?

RADEK: Im Jahre 1935. Ungeachtet dessen beschlossen wir jedoch, die Beratung einzuberufen. Vorher, im Januar, als ich ankam, suchte mich im Auftrage Tuchatschewskis Witalij Putna auf. Ich sagte: „So kann man die Arbeit nicht leiten. der Mann gibt ein halbes Jahr keine Nachrichten von sich, er muss tot oder lebendig herbeigeschafft werden.“ Putna versprach es. Als ich aber von Putna keine Nachricht bekam, schrieb ich Dreitzer einen kategorischen Brief: „Ende Februar oder Anfang März musst Du da sein.“ Von ihm bekam ich die Antwort: „Ich werde kommen.“ Aus dieser meiner Einschätzung der Partisanenmethode zog ich also die praktische Schlussfolgerung, bestrebt, die genaue Lage zu erfahren, um mit den Partisanenmethoden Schluss zu machen und zu sehen, ob wir an etwas Entscheidenderes herangehen können, was vom Standpunkt der Terrortätigkeit irgendwelche Perspektiven bietet. Ich muss sagen, wenn mein Bestreben, Dreitzer herzubekommen, bis zur Direktive Trotzkis das positive Ziel verfolgte, ihn für eine planmäßige Terrortätigkeit zu bekommen, so änderte sich seit der letzten Direktive Trotzkis die Situation für mich in entscheidender Weise, worüber Sie mich sicherlich konkret verhören werden.

WYSCHINSKI: Während Sie Ihre Kräfte klarstellten und Dreitzer suchten, existierten alle diese Gruppen weiter und setzten ihre Tätigkeit fort?

RADEK: Sie existierten weiter und waren tätig.

WYSCHINSKI: Und Sie waren darüber unterrichtet?

RADEK: Zum Teil war ich davon unterrichtet.

WYSCHINSKI: Gut, wir wollen jetzt zu Ihrer Tätigkeit auf dem Gebiet der auswärtigen Beziehungen übergehen.

VORSITZENDER: Wir wollen vielleicht eine kleine Pause machen?

Die Sitzung wird für zwanzig Minuten unterbrochen.

 

GERICHTSKOMMANDANT: Das Gericht erscheint. Bitte sich von den Plätzen zu erheben.

VORSITZENDER: Bitte fahren Sie fort. Haben Sie Fragen zu stellen?

WYSCHINSKI: Angeklagter Radek, teilen Sie bitte dem Gericht den Inhalt Ihres Briefwechsels mit Trotzki mit, soweit er sich, wenn man sich so ausdrücken darf, auf Fragen der Außenpolitik bezieht.

VORSITZENDER: Ich muss den Angeklagten Radek darauf aufmerksam machen, dass in öffentlicher Gerichtsverhandlung keine offiziellen ausländischen Institutionen sowie auch keine Namen ihrer Mitarbeiter genannt werden dürfen.

RADEK: Dürfen Staaten genannt werden?

VORSITZENDER: Ich wiederhole, dass keine offiziellen ausländischen Institutionen sowie auch keine Namen ihrer Mitarbeiter genannt werden dürfen, da die Gerichtsverhandlung öffentlich ist.

RADEK: Ich erhielt drei Briefe von Trotzki. Im April 1934, im Dezember 1935 und im Januar 1936. In seinem Brief von 1934 stellte Trotzki die Frage folgendermaßen: Der Machtantritt des Faschismus in Deutschland ändert die ganze Situation von Grund aus. Er bedeutet den Krieg in allernächster Perspektive, den unausbleiblichen Krieg, umso mehr, als sich gleichzeitig die Lage im Fernen Osten verschärft. Trotzki zweifelt nicht daran, dass dieser Krieg zu einer Niederlage der Sowjetunion führen wird. Diese Niederlage, schrieb er, schafft die reale Situation für den Machtantritt des Blocks; er zog daraus den Schluss, dass der Block an einer Verschärfung der Konflikte interessiert ist. Er machte Sokolnikow und mir Vorwürfe, dass wir uns persönlich im Kampf für den Frieden zu sehr exponieren, doch wenn Sie, sagt er, solche Aufträge haben, dann ist nichts zu machen, warum hat aber Sokolnikow im Gespräch mit einem Vertreter einer fernöstlichen Großmacht keine genügend klare Antwort gegeben, die gezeigt hätte, dass er mit der Demarche, die Trotzki hinsichtlich dieser Großmacht bereits unternommen heilte, solidarisch ist. Trotzki wies in diesem Brief darauf hin, dass er mit einem gewissen fernöstlichen und einem gewissen mitteleuropäischen Staat den Kontakt hergestellt hat und dass er den offiziösen Kreisen dieser Staaten offen gesagt hat, dass der Block auf dem Boden eines Abkommens mit ihnen steht und zu bedeutenden Zugeständnissen ökonomischer und territorialer Natur bereit ist; er verlangte in diesem Brief, dass wir in Moskau die Möglichkeit ausnützen sollen, den Vertretern der entsprechenden Staaten gegenüber unser Einverständnis mit diesen seinen Schritten zu bestätigen. Den Inhalt des Briefes teilte ich Pjatakow mit und fragte ihn, ob ihm, Pjatakow, über diese Unterredung Sokolnikows mit den fernöstlichen Diplomaten etwas bekannt sei, was die Unzufriedenheit Trotzkis hervorgerufen habe. Pjatakow sagte, dass ihm nichts bekannt sei.

WYSCHINSKI: Was an dieser Unterredung hat denn die Unzufriedenheit hervorgerufen?

RADEK: Der Brief setzte voraus, dass ich die Instruktion Kamenews kenne. Ich persönlich begriff, dass Sokolnikow sich offenbar auf die Bestätigung des Mandats beschränkt hat, und war der Meinung, dass Pjatakow Konkreteres darüber weiß. Hier gibt es eine kleine Meinungsverschiedenheit mit Sokolnikow. jedenfalls suchte mich im Juli 1934 Sokolnikow in der Redaktion der „Iswestija“ auf und teilte mir den Inhalt eines Gesprächs mit, das zwischen ihm und Herrn ... stattgefunden hat. Sokolnikow sagte mir: „Stellen Sie sich vor, ich führe im Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten offizielle Verhandlungen. Das Gespräch ist zu Ende. Die Dolmetscher haben das Zimmer verlassen. Der offizielle Vertreter eines auswärtigen Staates, Herr ..., steht vor mir und stellt mir die Frage, ob ich von den Angeboten Kenntnis habe, die Trotzki seiner Regierung gemacht hat.“ Ich, sagte Sokolnikow, antwortete, dass ich weiß, dass es sich um ernste Angebote und Ratschläge handelt, und dass ich und meine Gesinnungsgenossen damit einverstanden sind. Sokolnikow sagte auch, dass Kamenew ihn schon früher darauf aufmerksam gemacht habe, dass sich die Vertreter einer ausländischen Macht an ihn oder alt mich wenden können, dass es damals, soweit ich mich erinnere, irgendein Ratschlag war, den Trotzki ihnen in Bezug auf die Lage im Fernen Osten erteilte. Und hier verriet Sokolnikow, ein sonst sehr zurückhaltender Mensch - da die Beziehungen zwischen uns rein sachlicher, nicht persönlicher Natur waren, war er mir gegenüber noch zurückhaltender - große Nervosität und sagte mir: „Wie stellt Trotzki sich das überhaupt vor? Wie kann ich als Stellvertretender Volkskommissar solche Unterhandlungen führen? Das ist doch eine total unmögliche Lage.“ Ich weiß nicht mehr genau, wie er sich ausdrückte, jedenfalls ließ er sich sehr wenig anerkennend über diese Ratschläge aus. Ich sagte ihm darauf: „Regen Sie sich nicht auf. Er versteht offenbar die Lage hier nicht.“ Ich und Pjatakow kamen zu dem Ergebnis, dass wir nicht weiter gehen können, als das Mandat für die Verhandlungen unsererseits zu visieren. Die Verhandlungen können wir hier nicht führen, erstens, weil wir diese Verhandlungen mit Leuten dritten Ranges führen müssen, zweitens, weil wir nicht genau wissen, was Trotzki denn nun gesagt hat, und drittens, weil wir nicht der Meinung waren, dass es besser sei, die Verhandlungen unter der Aufsicht des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten zu führen; wir sahen darin keine guten Bedingungen für Verhandlungen - ich sollte das Trotzki schreiben.
Darum lenke ich die Aufmerksamkeit speziell darauf, was ich Sokolnikow gesagt habe, denn ich hatte Angst, dass, da Sokolnikow die Sinowjewsche Organisation vertrat und ich mit ihm keine so nahen Beziehungen hatte, hier infolge des Rüffels, den ihm Trotzki aus dem Ausland erteilt hatte, ein Riss entstehen könnte.
Durch Romm, der im Mai ins Ausland fuhr, sandte ich Trotzki einen Brief, in dem ich ihm von dem Erhalt seiner Direktive, sowie davon Mitteilung machte, dass wir uns darüber einig wurden, in unseren Schritten nicht über eine Visierung seiner Vollmachten für Verhandlungen mit auswärtigen Staaten hinauszugehen. Außerdem fügte ich hinzu: „Nicht nur wir, offiziell als Zentrum, sondern ich persönlich billige es, dass er einen Kontakt mit auswärtigen Staaten sucht.“ Man sagte mir aber schon in Genf, wenn wir auf Grund der alten Erfahrung die bei der Arbeit möglichen Reibungen vermeiden wollen, damit sie sich nicht vertiefen, bitte er mich, falls ich irgendwelche Zweifel über seine Vorschläge und Schritte haben sollte, ganz aufrichtig zu schreiben. Ich schrieb, was in seiner Direktive für mich unbestritten ist: es sei für mich in seiner Direktive unbestritten, dass, wenn der Block mit der Möglichkeit, auf die eine oder die andere Weise an die Macht zu gelangen, als mit einer realen Möglichkeit rechne, dies nicht im luftleeren Raum vor sich gehen kann - die UdSSR lebt in einem System von Staaten, - dass man darum wissen muss, was der Gegner will, was er erstrebt, was er verlangen kann, worauf er eingehen kann, dass darum nicht nur wir offiziell als das Zentrum, sondern auch ich persönlich es billige, dass er Kontakt sucht. Ich gestatte mir aber, meinerseits seine Aufmerksamkeit auf folgende Dinge zu lenken: erstens würde sich der Block in dem Zustand, in dem er sich befindet, wenn er diesen Kontakt unmittelbar herstellen wird, vollständig kompromittieren, sich selbst dem Gegner ausliefern.
Drittens. Über die Ziele sagte ich ihm folgendes: es seien zwei verschiedene Dinge, ob man den Standpunkt bezieht, der Krieg werde die Bedingungen dafür schaffen, dass der Block zur Macht kommt, oder ob man diesen Krieg anstrebt, ob man, die ganze politische Bedeutung beiseitelassend, den Krieg anstrebt. Ich machte ihn darauf aufmerksam, es sei meine persönliche Meinung, wie ich schrieb, dass der Block, der im Jahre 1933 bestand, sehr wenig tun konnte, da er im Zusammenhang mit der Verbannung Sinowjews und Kamenews seine Tätigkeit abgebaut hätte und sich in der Anfangsperiode der Organisation befindet und dass selbst, wenn jetzt dieser Krieg beginnen sollte und zur Niederlage führen würde, der Krieg uns wegschwemmen werde und wir keine Rolle spielen würden. Das schrieb ich ihm in der Meinung, dass ein anderer nicht auf sich nehmen wird, diese Warnungen zu machen, ich hielt es für notwendig, ihm zu schreiben.

WYSCHINSKI: Das war im Mai 1934?

RADEK: Das war im Mai 1934. Im Herbst 1934 setzte sich bei einem diplomatischen Empfang ein mir bekannter diplomatischer Vertreter einer mitteleuropäischen Macht zu mir und begann ein Gespräch. Nun, er begann das Gespräch nicht sehr literarisch: „Es ist zum Kotzen, täglich bekommt man deutsche Zeitungen, die euch in Grund und Boden verdammen, dann erhält man die Sowjetzeitungen, wo Deutschland mit Eimern voll Schmutz übergossen wird. Was kann man denn in einer solchen Lage überhaupt tun? Er sagte: „Unsere Führer (er drückte sich konkreter aus) wissen, dass Herr Trotzki eine Annäherung mit Deutschland anstrebt. Unser Führer lässt anfragen, was dieser Gedanke des Herrn Trotzki bedeutet? Vielleicht ist das die Idee eines Emigranten in schlaflosen Nächten? Wer steht hinter diesen Ideen?“ es war klar, dass man mich über die Haltung des Blocks befragt. Ich konnte nicht annehmen, dass dies das Echo irgendwelcher Artikel Trotzkis seien, weil ich alles las, was Trotzki schrieb, das verfolgte, was er in der amerikanischen Presse und in der französischen Presse schrieb, restlos darüber unterrichtet war, was Trotzki schrieb, und wusste, dass Trotzki in der Presse nirgends die Idee einer Annäherung mit Deutschland vertreten hatte. Da dieser Vertreter sagte, er kenne die Ansicht Trotzkis, so bedeutete das, dass dieser Vertreter, der selber seiner Stellung nach kein Mensch war, zu dem sein Führer im vertraulichen Verhältnis stehen würde, folglich ein Vertreter sei, den man beauftragt habe, mich zu befragen. Es versteht sich, dass sein Gespräch mit mir kaum zwei Minuten währte; die Umstände diplomatischer Empfänge gestatten keine langen Auslassungen Ich musste buchstäblich innerhalb einer Sekunde einen Entschluss fassen und ihm Antwort geben, und ich sagte ihm. dass ein Geplänkel zwischen zwei Ländern, selbst wenn sie gänzlich entgegengesetzte soziale Systeme aufweisen, eine unfruchtbare Sache sei, dass man jedoch nicht nur dieses Geplänkel in den Zeitungen im Auge haben soll.
Ich sagte ihm, dass die Realpolitiker in der UdSSR die Bedeutung einer deutsch-sowjetischen Annäherung verstehen und bereit sind, die Zugeständnisse zu machen, die für diese Annäherung notwendig sind. Dieser Vertreter begriff, dass es, insofern ich von Realpolitikern sprach, in der UdSSR Realpolitiker und Nichtrealpolitiker gibt; die Nichtrealpolitiker - das ist die Sowjetregierung, die Realpolitiker - das ist der trotzkistisch-sinowjewistische Block. Verständlich war auch der Sinn dessen, was ich sagte: „Wenn der Block zur Macht kommt, ist er zu Zugeständnissen zwecks Annäherung mit Ihrer Regierung und mit dem Lande, das von ihr vertreten wird, bereit.“ Als ich diese Antwort gab, verstand ich, dass ich einen Akt begehe, der für einen Bürger der Sowjetunion unzulässig ist.

WYSCHINSKI: Ist das alles mit dem ersten Brief verbunden?

RADEK: Das war das Resultat des ersten Briefs, war aber nicht das einzige Resultat dieses Briefes.

WYSCHINSKI: Hatten Sie in der Zeit von April bis November 1934 über das Thema, das mit diesem Brief im Zusammenhang steht, Unterredungen mit den anderen Mitgliedern des Zentrums?

RADEK: Ich informierte darüber Pjatakow, Sokolnikow und Serebrjakow.

WYSCHINSKI: Ich betone noch einmal, haben Sie sie namentlich in dieser Periode, im Herbst 1934, über den Inhalt des Briefes und über ihre diesbezüglichen Erwägungen restlos in Kenntnis gesetzt?

RADEK: Ja. Über meine Erwägungen, die ich in einem Privatbrief an Trotzki niederlegte, sprach ich aus politischen Gründen nicht. Die politischen Gründe bestanden darin, dass ich einmal einer der Männer war, der die trotzkistische Organisation am stärksten zersetzte, und als ich mich zum zweiten Mal entschloss, an dieser Arbeit teilzunehmen, war ich mit meinen Sonderansichten sehr vorsichtig, damit die Leute nicht sagen, er ist eben eingetreten und beginnt schon zu frondieren; deshalb hielt ich es für möglich, Trotzki zu verständigen, ohne sie etwas davon wissen zu lassen.

WYSCHINSKI: Was haben Sie ihnen konkret gesagt? Jedem etwas anderes als dem anderen, im Grunde aber doch dasselbe?

RADEK: Ich erzählte jedem, mir wurde beim diplomatischen Empfang - ich nannte dabei den Posten dieses Diplomaten – das und das gesagt, und ich habe das und das geantwortet. Natürlich denen, die nicht an diplomatischen Empfängen teilnahmen, sagte der Name dieses Mannes nichts. Ich erinnere mich, als ich 1935 mit Serebrjakow persönlich sprach und ihn fragte, ob Pjatakow ihm das erzählt habe und ob er von dieser Sache wisse, antwortete er: Ja, mit irgendeinem Deutschen fand ein Gespräch statt, aber an den Namen erinnere ich mich nicht. Sokolnikow aber konnte das nicht vergessen haben...

WYSCHINSKI: Sie sind in Bezug auf die Warnung des Vorsitzenden nicht besonders aufmerksam.

RADEK: Ich bitte um Entschuldigung, es ist mir in Eile entschlüpft, ich werde mich genau an die Weisungen halten.

WYSCHINSKI: Haben Sie ihnen auch vom Inhalt des Briefes von Trotzki erzählt?

RADEK: Vom Inhalt des Briefes Trotzkis habe ich mit absoluter Genauigkeit gesprochen.

WYSCHINSKI: Welche Fragen standen darin?

RADEK: Der Sieg des Faschismus in Deutschland. Die Verstärkung der japanischen Aggression. Die Unausbleiblichkeit des Krieges dieser Staaten gegen die UdSSR. Die Unausbleiblichkeit der Niederlage der UdSSR. Die Notwendigkeit, im Falle des Machtantritts des Blocks Zugeständnisse zu machen.

WYSCHINSKI: Entschuldigen Sie bitte, wie haben sich Trotzki und Sie die Notwendigkeit der Niederlage gedacht? Und wie war die Stellungnahme Trotzkis sowie Ihre zur Niederlage?

RADEK: Die Stellungnahme zur Niederlage war dort vollkommen positiv, weil es dort hieß, dass dadurch die Situation für den Machtantritt des Blocks geschaffen wird; ja es stand sogar mehr darin, nämlich dass wir an einer Beschleunigung des Krieges interessiert sind.

WYSCHINSKI: Das heißt also, dass Sie an einer Beschleunigung des Krieges interessiert waren sowie daran, dass die UdSSR in diesem Krieg eine Niederlage erleidet? Wie hieß es im Briefe von Trotzki?

RADEK: Die Niederlage ist unausbleiblich und wird eine Situation für unseren Machtantritt schaffen, deshalb sind wir an einer Beschleunigung des Krieges interessiert. Die Schlussfolgerung: Wir sind an einer Niederlage interessiert.

WYSCHINSKI: Wir rekapitulieren den Inhalt des Briefes.

RADEK: Dies war zweifellos der Gedankengang. Dies ergab sich unbedingt mit unerschütterlicher Klarheit. Da ich aber Ihnen als dem Staatsanwalt Aussagen mache, so muss ich genau zwischen dem unterscheiden, wie ich jenen Satz im Gedächtnis habe und wie er im Briefe genau abgefasst war. Stand es dort so oder nicht, es besteht jedoch kein Zweifel, dass der Gedankengang derart war.

WYSCHINSKI: Ich bitte Sie, die Frage zu beantworten, wie Ihre und Trotzkis Stellungnahme zu einer Niederlage der UdSSR war?

RADEK: Wenn Sie mich über die Stellungnahme Trotzkis fragen, so habe ich darauf bereits geantwortet. Wenn Sie mich über mich befragen, Bürger Staatsanwalt, so muss ich sagen, dass ich, insofern es sich um die Feststellung juridischer Tatsachen handelt, Antwort geben muss. Insofern es sich um meine Gefühle und meine Ethik handelt, die auf meine Handlungen keinen Einfluss hatten...

WYSCHINSKI: Nicht Gefühle interessieren mich, sondern Tatsachen.

RADEK: Die Tatsache, dass ich das Mandat Trotzkis gegengezeichnet habe...

WYSCHINSKI: Es handelt sich nicht darum, dass Sie Trotzkis Mandat gegenzeichneten, ich befasse mich mit der Tatsache. Der Brief, den Sie im April 1934 von Trotzki erhalten haben, - in diesem Briefe war vom Krieg die Rede, davon, dass dieser Krieg unausbleiblich ist, dass die UdSSR in diesem Kriege - der Meinung Trotzkis nach - eine Niederlage erleiden wird, dass im Ergebnis dieses Krieges und der Niederlage der Block an die Macht gelangen wird. Also frage ich jetzt: Waren Sie unter diesen Umständen für die Niederlage der UdSSR oder für den Sieg der UdSSR?

RADEK: Damals hielt ich die Niederlage für unausbleiblich und meinte, dass im Falle einer Niederlage wir an die Macht gelangen würden. Wenn Sie mich über meine Wünsche fragen...

WYSCHINSKI: Waren Sie aber für eine Niederlage oder für den Sieg der UdSSR?

RADEK: Alle meine Handlungen in diesen Jahren beweisen, dass ich die Niederlage gefördert habe.

WYSCHINSKI: Diese Ihre Handlungen waren bewusst?

RADEK: Ich habe in meinem ganzen Leben - außer im Traum - nie unbewusste Handlungen begangen.

WYSCHINSKI: Und das war leider kein Traum?

RADEK: Das war leider kein Traum.

WYSCHINSKI: Das war Wirklichkeit?

RADEK: Das war traurige Wirklichkeit.

WYSCHINSKI: Ja, für Sie eine traurige Wirklichkeit. Haben Sie mit den Mitgliedern des Zentrums über Defätismus gesprochen?

Folglich können wir es so formulieren, dass die Frage der Niederlage für Sie eine aktuelle Frage war.

RADEK: Die Frage der Niederlage war damals für uns eine aktuelle Frage.

WYSCHINSKI: Das war im April 1934?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Und darüber haben Sie mit anderen Mitgliedern des Zentrums gesprochen?

RADEK: Wenn Sie fragen, ob wir von der Stellungnahme zur Niederlage gesprochen haben, so muss ich zur Definierung der Situation sagen: mit Sokolnikow hatten wir in diesem Aspekt überhaupt keinen Meinungsaustausch. Ich teilte ihm die Direktive mit und fragte ihn nach der konkreten Tatsache über...

VORSITZENDER: Angeklagter Radek, Sie provozieren uns?

RADEK: Ich provoziere Sie nicht und so etwas wird nicht mehr vorkommen.

WYSCHINSKI: Ein derartiges Benehmen des Angeklagten Radek versetzt mich im Verlaufe des Verhörs in eine sehr schwierige Lage...

VORSITZENDER: Ganz richtig.

WYSCHINSKI: ... Ich befürchte, dass Radek auch weiterhin derartige Ausfälle wiederholt und dass ich somit der Möglichkeit beraubt werde, über dieses Thema Fragen zu stellen. Sie sind in der Politik ein genügend gewandter Mensch, um zu verstehen, dass, wenn das Gericht über gewisse Dinge zu sprechen untersagt, so muss das als Forderung des Gesetzes akzeptiert werden.

RADEK: Ich bitte vielmals um Entschuldigung, es wird nicht mehr vorkommen.

VORSITZENDER: Ich bin der Ansicht, dass, wenn Radek etwas Ähnliches wiederholt, diese Frage bis zur geschlossenen Sitzung aufgeschoben werden muss.

RADEK: Ich wiederhole, es wird nicht mehr vorkommen.

WYSCHINSKI: Ich ersuche Sie, sich an die Tatsachen zu halten, dann wird es Ihnen leichter fallen das durchzuführen. Haben Sie mit den Mitgliedern des Zentrums über Defätismus gesprochen?

RADEK: Wir haben das zur Ausführung akzeptiert.

WYSCHINSKI: Wurde von Ihnen persönlich und von Ihren Mittätern zur Durchführung dieser Direktive irgendwas Praktisches unternommen?

RADEK: Selbstverständlich haben wir gehandelt.

WYSCHINSKI: Das stand aber nicht nur mit dem Briefe im Zusammenhange, sondern auch mit allen weiteren Direktiven?

RADEK: Wir sind von der defätistischen Plattform nicht abgewichen und waren auch weiterhin damit einverstanden, und zwar war das bis zum Zeitpunkt unserer Verhaftung; doch machten sich im Jahre 1936 - nach der zweiten Direktive Trotzkis - gewisse Wandlungen bemerkbar, die leider kein Resultat zeitigten.

WYSCHINSKI: Darüber werden wir später sprechen. Mich interessiert jetzt die Periode von April 1934 bis Ende Herbst desselben Jahres. Hatten Pjatakow, Serebrjakow und Sokolnikow Kenntnis vom Briefe Trotzkis?

RADEK: Ja.

VORSITZENDER: Es wird vorgeschlagen, das Verhör der Angeklagten Serebrjakow, Sokolnikow und Pjatakow nach der Paust vorzunehmen.

WYSCHINSKI: Ich werde mich sehr kurz fassen.

WYSCHINSKI (zu Pjatakow): Bestätigen Sie, dass Sie vom Briefe Trotzkis an Radek Kenntnis hatten?

PJATAKOW: Ich habe bereits gestern ausgesagt und bestätige, dass das voll und ganz der Wirklichkeit entspricht.

WYSCHINSKI (zu Sokolnikow): Dieselbe Frage.

SOKOLNIKOW: Mir war das auch bekannt.

WYSCHINSKI: Sie haben diesen Standpunkt auch geteilt?

SOKOLNIKOW: Ja.

WYSCHINSKI (zu Serebrjakow): Sie haben diesen Standpunkt des Defätismus auch geteilt?

SEREBRJAKOW: Ich habe keinen Einspruch erhoben.

WYSCHINSKI: Sie sagten, dass im Dezember 1935 auch ein zweiter Brief eintraf. Erzählen Sie darüber.

RADEK: Diesen Brief erhielt ich in den ersten Dezembertagen, das war schon keine politische Mitteilung mehr, wenn auch programmatisch prinzipieller Natur, sondern es war ein Entwurf eines Programms dieser zweiten Variante.

WYSCHINSKI: Da wir gestern davon gehört haben, glaube ich, wird auch das Gericht keine Einwände dagegen haben, man muss das Wesentliche sagen.

RADEK: Das Wesentliche ist erstens die internationale Perspektive. Sie besteht darin, dass der Sieg des deutschen Faschismus eine Periode der Faschisierung Europas und den Sieg des Faschismus einleitet, in den andern Ländern eine Niederlage der Arbeiterklasse und das Fehlen revolutionärer Perspektiven bis zu irgendeinem Umschwung, den irgendein internationaler Krieg hervorrufen kann, das ist erstens. Zweitens war das Wesentliche, dass zwei Varianten aufgestellt wurden.

WYSCHINSKI: Davon war gestern die Rede.

RADEK: Die erste Variante war eine für ihn nicht reale Variante - ohne Krieg an die Macht zu gelangen.

WYSCHINSKI: Das heißt ohne Niederlage.

RADEK: Also blieb als reale Variante übrig, auf Grund der Niederlage zur Macht zu gelangen. Und dieses Zurmachtgelangen auf Grundlage der Niederlage bedeutete für ihn, dass während Trotzki dort und wir hier in Moskau bis zu dieser Zeit von einem ökonomischen Rückzug auf der Basis des Sowjetstaates gesprochen hatten, so kam in diesem Brief eine grundlegende Wendung zum Ausdruck. Denn erstens meinte Trotzki, dass als Resultat der Niederlage territoriale Zugeständnisse unvermeidlich sind, wobei er bestimmt die Ukraine nannte. Zweitens war von einer Aufteilung der UdSSR die Rede. Drittens sah er vom ökonomischen Standpunkt aus solche Folgen der Niederlage voraus: nicht nur sollten die für die kapitalistischen Staaten wichtigen Industrieobjekte in Konzession gegeben werden, sondern auch wichtige ökonomische Objekte, welche die kapitalistischen Elemente namhaft machen würden, sollten ihnen übergeben, als Privateigentum verkauft werden. Trotzki rechnete mit Obligationsanleihen, d. h. der Zulassung des ausländischen Kapitals zur Ausbeutung jener Betriebe, welche formell in den Händen des Sowjetstaates verbleiben.
Auf dem Gebiete der Agrarpolitik stellte er vollkommen klar die Frage, die Kollektivwirtschaften müssen aufgelöst werden, und machte den Gedanken geltend, dass die Traktoren sowie die anderen komplizierten landwirtschaftlichen Maschinen den Einzelbauern zwecks Wiederherstellung einer neuen Kulakenschicht zur Verfügung gestellt werden sollten. Schließlich wurde die Frage der Notwendigkeit einer Wiederherstellung des Privatkapitals in der Stadt vollkommen klar gestellt. Es war klar, dass von der Restauration des Kapitalismus die Rede war.
Neu war in diesem Briefe im politischen Sinn die Fragestellung der Macht. Trotzki sagte in dem Brief: Von einer Demokratie kann keine Rede sein. Die Arbeiterklasse hat 18 Jahre Revolution hinter sich und hat einen Riesenappetit; nun soll der Arbeiter teils in Privatbetriebe, teils in staatliche Betriebe zurückgebracht werden, in Betriebe, welche sich im Zustande heftigster Konkurrenz mit dem Auslandskapital befinden werden. Das heißt also, dass eine schroffe Verschlechterung der Lage der Arbeiterklasse eintreten wird. Auf dem Lande wird der Kampf der armen und mittleren Bauernschaft gegen das Kulakentum wieder aufleben. Und darum wird, um sich zu behaupten, eine feste Macht notwendig sein, unabhängig davon, durch welche Formen das verschleiert wird.
Wenn Sie eine historische Analyse ziehen wollen, so nehmen Sie die Analyse mit der Macht Napoleon I. und durchdenken Sie diese Analogie. Napoleon I. bedeutete keine Restauration - die Restauration kam später -, das war der Versuch, die Haupterrungenschaften der Revolution zu erhalten, was von der Revolution erhalten werden konnte. Das war das Neue. Trotzki legte sich Rechenschaft darüber ab, dass der Faschismus, dank welchem der Block an die Macht gelangen kann, Herr der Lage sein wird, und zwar einerseits der deutsche Faschismus und anderseits der Militärfaschismus eines anderen, fernöstlichen Landes.
Das Neue an den praktischen Schlussfolgerungen bestand darin, dass speziell diese Tätigkeit, nämlich die Schädlingsarbeit, mit dem Partner verabredet werden musste, mit dessen Hilfe der Block einzig und allein an die Macht gelangen konnte.
Schließlich bestand das Neue darin - das war aber nicht das Wesentliche, sondern nur ein Deckmantel - die Aufstellung einer solchen Perspektive, dass man auf alles werde eingehen müssen, dass es aber, wenn wir am Leben und an der Macht bleiben, dank dem Sieg dieser zwei Länder, dank dem. was sie zusammenrauben und zusammenraffen werden, zwischen ihnen und den anderen zu einer Keilerei kommen werde - und dann werde unsere neue Entwicklung, unsere Revanche einsetzen. Das war aber jedoch eine rein literarische Perspektive. Das ist das Wesen dieser ersten Direktive.
Es war noch etwas sehr Wichtiges in dieser Direktive, nämlich die Formulierung, dass die Angleichung der sozialen Ordnung der UdSSR an jene der faschistischen Siegerländer unausbleiblich ist, wenn wir uns überhaupt behaupten wollen. Eben dieser Gedanke der Angleichung, der ein Pseudonym für die Restauration des Kapitalismus war, war das spezifisch Neue, das uns sofort in die Augen sprang, als wir diese Direktive erhielten.

WYSCHINSKI: Wenn wir also den Inhalt dieses Briefes kurz zusammenfassen, worauf laufen dann die Hauptpunkte hinaus?

RADEK: Wir verharrten auf dem Standpunkt von 1934, dass die Niederlage unausbleiblich ist.

WYSCHINSKI: Und was für eine Schlussfolgerung wurde daraus gezogen?

RADEK: Die Schlussfolgerung aus dieser unausbleiblichen Niederlage ist, dass jetzt klar die Frage der Restauration des Kapitalismus vor uns aufgerollt wurde.

WYSCHINSKI: Das bedeutet also, dass diese Restauration des Kapitalismus, die von Trotzki als Angleichung der sozialen Ordnung der UdSSR an die anderen kapitalistischen Länder bezeichnet wurde, als unausbleibliches Resultat eines Abkommens mit ausländischen Staaten gedacht war.

RADEK: Als unausbleibliches Resultat der Niederlage der UdSSR, ihrer sozialen Folgen sowie des auf der Grundlage dieser Niederlage zu treffenden Abkommens.

WYSCHINSKI: Weiter?

RADEK: Die dritte Bedingung war für uns die neueste, nämlich an Stelle der Sowjetmacht das aufzurichten, was er die bonapartistische Macht nannte. Für uns war es klar, dass das der Faschismus ohne eigenes Finanzkapital ist, der einem fremden Finanzkapital dient.

WYSCHINSKI: Die vierte Bedingung?

RADEK: Die vierte Bedingung besteht in der Aufteilung des Landes. Die Ukraine sollte an Deutschland abgegeben werden; an Japan das „Primorje“-Gebiet und das „Priamurje“-Gebiet.

WYSCHINSKI: War damals von irgendwelchen anderen wirtschaftlichen Zugeständnissen die Rede?

RADEK: Ja, es wurden jene Entscheidungen erweitert, von denen ich bereits sprach. Die Bezahlung einer Kontribution in Form von Lebensmittel-, Rohstoff- und Fettlieferungen auf lange Jahre hinaus. Ferner sollte den Siegerländern ein bestimmter Prozentsatz ihres Anteils am Sowjetimport gesichert werden, wobei Trotzki ursprünglich keine Ziffern nannte, sich aber später bestimmter darüber äußerte. All das zusammen bedeutete eine vollkommene Unterjochung des Landes.

WYSCHINSKI: War von dem Sachalin-Erdöl die Rede?

RADEK: Was Japan anbetrifft, so wurde darüber gesagt, dass man ihm nicht nur das Sachaliner Erdöl geben solle, sondern es für den Kriegsfall mit den Vereinigten Staaten von Amerika mit Erdöl versorgen müsse. Es wurde auch auf die Notwendigkeit hingewiesen, der Eroberung Chinas durch den japanischen Imperialismus keinerlei Hindernisse in den Weg zu stellen.

WYSCHINSKI: Und hinsichtlich der Donauländer?

RADEK: Über die Donau- und Balkanländer schrieb Trotzki in seinem Brief, dass eine Expansion des deutschen Faschismus stattfinde und dass wir dieser Tatsache nichts in den Weg stellen sollten. Es handelte sich natürlich um den Abbruch unserer sämtlichen Beziehungen zur Tschechoslowakei, die diesem Lande einen Schutz gewähren könnten.

WYSCHINSKI: In diesen sechs Bedingungen bestand also der ganze Inhalt dieses Briefes vom Jahre 1935?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Sie haben, wie mir scheint, etwas über die aktivere Form verschiedener Schädlingsaktionen gesprochen.

RADEK: Er erteilte auf diesem Gebiet keine konkreten Instruktionen, verwies aber auf das Herannahen des Krieges und sagte, dass selbst, gesetzt den Fall, dass die Länder, von denen die Rede ist, uns irgendwelche Versicherungen darüber geben könnten, dass sie unseren Block anerkennen werden, dies dennoch ein Fetzen Papier bleiben wird, wenn der Block nicht stark sein wird, die Stärke des Blocks aber werde man an seinen Terroraktionen, seiner Schädlingstätigkeit und an seiner Rolle im Kriegsfall in der Armee messen. In diesem Brief waren Weisungen enthalten über die Notwendigkeit der Erweiterung und Aktivierung der Schädlings-, Terror- und Diversionstätigkeit.
Diese Tätigkeit war mit dem ganzen Programm verknüpft, auf sie wurde als auf einen der wichtigsten Hebel des Machtantrittes verwiesen. In Bezug auf den Krieg war von der Notwendigkeit der Zersetzung der Armee durch die Trotzkisten die Rede.

WYSCHINSKI: War nicht von diesen Diversionsanschlägen im Zusammenhang mit dem Krieg und der Niederlage der UdSSR die Rede?

RADEK: Es wurde ganz präzise gesagt, dass man unsere Kräfte nach der Hilfe beurteilen werde, die wir ihnen erweisen werden.

WYSCHINSKI: Und worin sollte diese Hilfe bestehen?

RADEK: Diese Hilfe sollte in Schädlingstätigkeit, in der Entwicklung der Terrortätigkeit und in der Zersetzung der Armee durch die Trotzkisten bestehen.

WYSCHINSKI: Über die Verteidigungsindustrie wurde nichts gesagt?

RADEK: Darüber wurde speziell gesprochen. Die Diversionstätigkeit der Trotzkisten in der Rüstungsindustrie musste mit jenen Partnern vereinbart werden, mit denen es gelingen wird, ein Abkommen zu schließen, d. h. mit den Generalstäben der betreffenden fremden Staaten.

WYSCHINSKI: Mit den Generalstäben der entsprechenden Staaten den Plan für die Ausführung von Diversionsanschlägen zu vereinbaren.

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Wie war das gedacht, war es ein allgemeiner oder ein konkreter Plan?

RADEK: Das waren allgemeine Direktiven, die mit einem bestimmten Widerstand, der aus Moskau kam, verbunden waren. Es versteht sich, dass das keine Sache von zweitrangiger Bedeutung ist, die man machen und die man auch lassen kann. das ist vielmehr die Sache, für die man alles geben wird.

WYSCHINSKI: Gestern haben wir zutage gefördert, was Pjatakow anlässlich der Inbrandsetzung des Chemischen Kombinats in Kemerowo im Falle eines Krieges gesagt hat. Waren diese Weisungen Pjatakows an Norkin im Sinne dieses Briefes?

RADEK: Ich weiß nicht, was Pjatakow den Anstoß zu dieser Unterredung gegeben hat, es unterliegt jedoch keinem Zweifel, dass solche Weisungen von den Leitern der Schädlingstätigkeit auch früher erteilt wurden, dass sie durchaus dem Sinn und den Forderungen dieses Briefes entsprachen.

WYSCHINSKI (zu Pjatakow): Angeklagter Pjatakow, als Sie Norkin die Weisungen erteilten, für den Kriegsfall eine Brandlegung des chemischen Kombinats von Kemerowo auszuführen, sind Sie dabei von irgendeiner Einstellung allgemeiner Art ausgegangen?

PJATAKOW: Ich ging von jenen Weisungen über die „Konkretisierung“ aus, die von Trotzki erteilt worden waren.

WYSCHINSKI: Und Ihre Gespräche mit Sokolnikow haben nach Ihrer Rückkehr 1935 aus Berlin, nach der persönlichen Zusammenkunft mit Trotzki stattgefunden?

PJATAKOW: Nach der Rückkehr.

WYSCHINSKI: Wurden diese Forderungen während der persönlichen Zusammenkunft mit Trotzki formuliert?

PJATAKOW: Unbedingt.

WYSCHINSKI (zu Radek): War nicht vom Eisenbahntransportwesen die Rede?

RADEK: Die ganze Konkretisierung bezog sich auf den Krieg, so dass es für das Transportwesen keine Ausnahme geben konnte.

WYSCHINSKI: Angeklagter Serebrjakow, erinnern Sie sich an das Gespräch mit Radek über den Brief Trotzkis vom fahre 1935?

SEREBRJAKOW: Ja.

WYSCHINSKI: Hat Radek die Direktive Trotzkis mit Ihrer verbrecherischen Tätigkeit auf dem Gebiet des Verkehrswesens in Verbindung gebracht?

SEREBRJAKOW: Das wurde natürlich von mir in Verbindung gebracht. Noch im Jahre 1934 und im Dezember 1935, als ich mit Liwschitz, der damals Stellvertretender Volkskommissar für Verkehrswesen war, einen Meinungsaustausch hatte, sprachen wir davon, dass die Fragen der Aktivierung der Diversions- und Schädlingsarbeit im Verkehrswesen in einer bestimmten Periode auftauchen konnten.

WYSCHINSKI: Sie sprachen mit Liwschitz darüber?

SEREBRJAKOW: Ja. Damals nahmen wir an, dass die Überlastung, die Verstopfung der wichtigsten Knotenpunkte zwecks Lahmlegung des Güterverkehrs möglich ist.

WYSCHINSKI: Und hinsichtlich der Organisierung von Diversionsanschlägen?

SEREBRJAKOW: Die Frage wurde so gestellt, es bedürfe einer Verstärkung der Anwerbung von Kadern zu Diversionsanschlägen.

WYSCHINSKI: Angeklagter Liwschitz, was sagen Sie dazu?

LIWSCHITZ: Ich bestätige die Unterredung über eine Verstärkung der Anwerbung von Mitgliedern der Organisation zwecks Verübung von Diversions- und Schädlingsanschlägen in Kriegszeiten.

WYSCHINSKI: Sie waren Stellvertretender Volkskommissar für Verkehrswesen und haben zur selben Zeit über die Frage beraten, wie der Verkehr auf den Eisenbahnen im Kriegsfalle lahm zu legen sei?

LIWSCHITZ: Ja. Ich war der Ansicht, dass, haben wir den Kampf um den Machtantritt des trotzkistisch-sinowjewistischen Blocks einmal aufgenommen, das geschehen müsse.

WYSCHINSKI: Diese Vorbereitung also gehörte zum Plan des ganzen, vom Block geführten Kampfes um die Macht?

LIWSCHITZ: Ja.

WYSCHINSKI: Und hierüber hatten Sie eine spezielle Unterredung mit Serebrjakow?

LIWSCHITZ: Ja.

WYSCHINSKI: Und mit Pjatakow?

LIWSCHITZ: Nein.

WYSCHINSKI: Mit Pjatakow aber sind Sie in jener Zeit zusammengekommen?

LIWSCHITZ: Ja.

WYSCHINSKI: Haben Sie denn mit Pjatakow nicht über die Aufgaben des Blocks gesprochen?

LIWSCHITZ: Über solche Fragen haben wir miteinander nicht gesprochen.

WYSCHINSKI: Worüber haben Sie denn gesprochen?

LIWSCHITZ: Wir haben von der allgemeinen Tätigkeit der Trotzkisten im Verkehrswesen gesprochen.

WYSCHINSKI: Und zwar?

LIWSCHITZ: Über die Hintertreibung der Ausführung der zur Verbesserung der Arbeit des Verkehrswesens bestimmten Befehle.

WYSCHINSKI: Worüber haben Sie mit Pjatakow gesprochen?

LIWSCHITZ: Über jene Arbeit, die die Trotzkisten im Verkehrswesen betreiben, d. h. über die Hintertreibung der Befehle, die eine Verbesserung der Arbeit des Eisenbahnverkehrs sichern.

WYSCHINSKI: Hat Pjatakow Ihnen direkte Direktiven und Weisungen über die Verstärkung der Schädlings- und Diversionsarbeit im Verkehrswesen erteilt?

LIWSCHITZ: Er erteilte sie.

WYSCHINSKI: Haben Sie sie angenommen?

LIWSCHITZ: Ja.

WYSCHINSKI: Ausgeführt?

LIWSCHITZ: Ja, was ich konnte, habe ich ausgeführt.

WYSCHINSKI: Haben Sie Schädlingsarbeit geleistet?

LIWSCHITZ: Ja.

WYSCHINSKI: Die Arbeit hintertrieben?

LIWSCHITZ: Ja.

WYSCHINSKI (zu Radek): Worauf lief das Programm Trotzkis im Jahre 1935 hinaus?

RADEK: 1935 wurde die Frage gestellt „zurück zum Kapitalismus“.

WYSCHINSKI: Bis zu welchen Grenzen?

RADEK: Das, was Trotzki vorschlug, hatte keine Grenzen. Bis zu jenen Grenzen, die der Gegner diktiert.

WYSCHINSKI: Das heißt also, die Niederlage stand wiederum auf der Tagesordnung?

RADEK: Ja, das Neue bestand jetzt darin, dass die Niederlage mit ausländischen Direktiven verknüpft wurde.

WYSCHINSKI: Das heißt, dass hier bereits ein direktes Einvernehmen mit ausländischen Generalstäben vorlag; früher war das nicht der Fall?

RADEK: Früher war das nicht der Fall.

WYSCHINSKI: Das hat Sie zum Nachdenken veranlasst?

RADEK: Mehr nachzudenken hat mich nicht nur das veranlasst, sondern auch die Situation, die im Lande früher, im Jahre 1934, und später herrschte.

WYSCHINSKI: Hat Pjatakow zu Ihnen von seiner Reise nach Oslo gesprochen?

RADEK: Pjatakows Reise war Ergebnis unserer Beratung. Wir kamen zur Überzeugung, ich sollte die mir zugegangene dreimalige Einladung zu einer Reise nach Oslo zu einem Referat vor der Studentenschaft ausnützen. Hätte nicht Pjatakow eine Dienstreise gehabt, so wäre ich, da ich diese Erlaubnis hatte, zu diesem Referat nach Oslo gefahren, um dort unbedingt mit Trotzki zusammenzutreffen.

WYSCHINSKI: So dass Ihre Reise ins Ausland vorgesehen war?

RADEK: Entweder meine oder Pjatakows Reise. Ich muss über den Zweck dieser Reise sprechen, der bei Pjatakow gestern nicht sehr klar hervorgetreten ist. Warum regte ich die Notwendigkeit an, Trotzki zu sehen, und warum stimmte er sofort zu? Er motivierte das damit, dieser Mensch habe vollkommen den Sinn für Realität verloren, stelle uns vor Aufgaben, die wir nicht zu erfüllen imstande sind, unabhängig davon, wie wir uns dazu verhalten, so dass es notwendig ist, um jeden Preis hinzufahren und sich mit ihm zu besprechen. So motivierte Pjatakow seinen Vorschlag. Ich gab keinerlei Motivierung, warum ich diese Reise unterstütze und für notwendig halte. Ich muss jedoch gestehen, dass ich den von Pjatakow vorgebrachten Motiven keinen Augenblick lang Glauben schenkte.

WYSCHINSKI: Warum?

RADEK: Aus dem einfachen Grunde, weil Pjatakow Trotzki allzu gut kennt, um auch nur einen Augenblick lang anzunehmen, Trotzki würde etwa unter dem Einfluss von Pjatakows Argumenten zugeben, dass er die Grundelemente der Situation nicht kennt; aber selbst dann lohnte es sich nicht, den Hals zu riskieren, um eine fünfprozentige Verringerung der Gemeinheit zu erzielen. Deshalb konnte ich die Motivierung Pjatakows nicht ernst nehmen und dachte, dass er wahrscheinlich dieselben Beweggründe hatte wie ich, meine Beweggründe aber waren sehr einfach. Als ich diese Direktive durchgelesen und nachts überlegt hatte, kam ich zu Pjatakow erst am anderen Tag. Und es war mir klar, dass diese Direktive zwar alle früher schon vorhanden gewesenen Elemente enthält, diese Elemente aber soweit ausgereift waren, dass diese Direktive annehmen, erstens bedeute, ich hätte zu ihrer Ausführung einen verhältnismäßig breiten Kreis von Menschen zu informieren, da ich den Organisatoren Aufgaben zuweisen musste, diese Aufgaben aber beträchtlich erweitert waren. Ich musste sie mit der Sache und damit vertraut machen, wie ich selber zu dieser Direktive stehe, war aber persönlich überzeugt, wenn ich die Augen schloss und an die Leute dachte, dass eine ganze Reihe höchst wichtiger und vom Standpunkt des Strafgesetzbuches mit schwereren Sünden beladener Leute, diese Direktive nicht nur nicht verstehen, sondern mir auf diese Direktive mit einem Bruch antworten werden. Ich habe keine einzige Minute lang gedacht, Muralow werde einer Politik der Unterstützung der Aufteilung der UdSSR zustimmen. Ich konnte das auch von einem Dutzend anderer Menschen, die ich persönlich kannte, nicht glauben. Ich werde hier keine Namen nennen, um nicht hier in der Rolle eines Verteidigers aufzutreten, auf den sie verzichtet haben, da ich von ihnen dazu keine Vollmacht habe; es war mir jedoch als Politiker klar, dass dieses Programm den Block sprengt, dass sie sich auf Grund dieses Programms mit Schädlingsarbeit, Terror und anderen ähnlichen Dingen, die die Macht der Sowjetunion untergraben, befassten. Wenn ich aber komme und sage, dass das deshalb geschieht, um an die Macht zu gelangen, um im Ergebnis Polizeirevieraufseher zu werden, um den Kapitalismus im Lande aufzurichten, so war ich fest davon überzeugt, dass das der Zerfall und Tod des Blockes sei. Als daher vor mir die Frage auftauchte, was ich gemacht habe und, wenn ich zu den Leuten gehe, um zu schildern, was zu machen ist, - es war vollkommen klar, dass, wäre ich zu Pjatakow gekommen und hätte mich davon überzeugt, dass er eine noch schärfere Direktive mitbringen wird, dann naturgemäß sich die Frage erhoben hätte, dass unsere Tätigkeit uns dahin gebracht hat, dass man uns Vaterlandsverrat zwecks Wiederherstellung des Kapitalismus vorschlagen darf und zwar mit dem Ziel, unser Land zu einer Kolonie zu machen. Wir haben für uns beschlossen, dass wir für die Formel, die für die Vierergruppe in Wegfall kam, keine Verantwortung übernehmen können, dass wir für diese Direktive die Verantwortung nicht tragen können, dass wir die Leute nicht blindlings führen können, dass wir es nicht geschehen lassen können, dass sowjetische Rotarmisten erschossen werden. Wir beschlossen, eine Konferenz einzuberufen.
Pjatakow reiste zu Trotzki. Ich weiß nicht, warum Pjatakow hier nicht darüber gesprochen hat, da das wohl das Wesentlichste an seiner Unterredung mit Trotzki war, als Trotzki es sagte, eine Konferenz bedeute Aushebung oder Spaltung. Jetzt kam Pjatakow zurück und erzählte von seiner Unterredung mit Trotzki. Damals gleich beschlossen wir, dass wir trotz des Verbots von Trotzki eine Beratung einberufen. Ich nahm mit Serebrjakow Rücksprache, und Serebrjakow schloss sich dem an; auch Sokolnikow, der sich ausschwieg und bemüht war, sich korrekt der Ausführung zu unterziehen, sagte, dass diese Beratung, da einmal unvermeidlich, durchgeführt werden müsse. Wir verabredeten, wie diese Beratung zu organisieren sei, legten den Kreis der Personen fest, die wir einladen, bzw. wer sich mit welcher Gruppe in Verbindung setzen soll.
Soweit es sich um mich handelt, war das meine letzte Unterredung sowohl mit Pjatakow und Serebrjakow als auch mit G. J. Sokolnikow.
In diesem Zusammenhang eben habe ich folgende Maßnahmen getroffen: um jeden Preis Dreitzer nach Moskau zu bekommen. Ich werde sagen warum, das war vielleicht die wichtigste Sache in dieser Angelegenheit; mich durch Preobrashenski mit den Rostowern in Verbindung zu setzen und sie nach Moskau zu bekommen. Ich ließ sagen, ohne den Leuten mitzuteilen, worum es sich handelt, dass eine Beratung erfolgen soll, auf der wir den für uns entscheidendsten Beschluss fassen werden, und dass die Herreise absolut unerlässlich ist.
Das war gerade in dem Augenblick, der für uns alle innerlich bedeutete, dass wir an einer Schranke angelangt sind.
Haben wir unsere Tätigkeit nach Erhalt der Direktive unterbrochen? Nein, die Walze lief weiter. Wir haben die Direktive nicht angenommen, aber auch nicht abgelehnt. Das bedeutet also, insofern es sich also um die alten Direktiven handelte, lief die Walze weiter, um so mehr, als wir vor den Leuten die Idee einer Beratung verheimlichten. Ich hatte dabei ganz bestimmte Erwägungen taktischer und praktischer Art und verheimlichte den Inhalt dieser Direktive in solchem Grade, dass, als Bucharin mit mir im Januar zusammentraf und mich im Gespräch fragte, was es Neues gäbe usw., ich, der ihm in allen anderen Fällen alle trotzkistischen Direktiven mitgeteilt und ihn uneingeschränkt informiert hatte, ihm von dieser Direktive nichts sagte; ich erzählte ihm von anderen früher abgeschickten Briefen, die eingetroffen waren.
Ich möchte also, Bürger Staatsanwalt, folgendes sagen:
Haben wir unsere Tätigkeit unterbrochen? Nein. Bis zur Verhaftung hat jeder, der etwas tun konnte, es getan. Dass ich in diesen Monaten sehr wenig tun konnte, ist nicht mein Verdienst. Wenn sich etwa derselbe Prigoshin (der damals schon verhaftet war und sich nicht an mich wandte) an mich gewandt und mich gefragt hätte: „Soll ich die Tätigkeit fortsetzen?“, - so hätte ich ihm gesagt: „Fortsetzen“. Wenn sich Friedland an mich gewandt hätte, so hätte ich ihm gesagt: „Fortsetzen“.
Ich bestehe aber dennoch darauf, dass hier ein neues Moment vorliegt, hinsichtlich dessen ich vielleicht noch konkrete Antworten zu geben haben werde, und dass dieses Moment nicht nur für mich, sondern auch für alle anderen, die diese Direktive kannten, bestand. Diese Direktive war der Gipfel.

WYSCHINSKI: Drei Tatsachen: Der Aprilbrief von 1934, der Dezemberbrief von 1935 und die Zusammenkunft Pjatakows mit Trotzki im Dezember 1935. Wie werden 1934 die Fragen in Trotzkis Brief gestellt? Krieg, Förderung der Niederlage?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Rückkehr zum Kapitalismus im Grunde genommen.

RADEK: Nein, Rückkehr zum Kapitalismus wird im Brief von 1934 nicht gestellt.

WYSCHINSKI: Nein? Was denn?

RADEK: Rückzug, den hielten wir damals für...

WYSCHINSKI: Wohin?

RADEK: Auf die Stellungen der NEP, mit einer Verstärkung der Industrie im Vergleich zu dem, was vor 1928 war.

WYSCHINSKI: Rückzug in der Richtung einer Verstärkung welcher Elemente?

RADEK: Rückzug, der auch einen Teil der kapitalistischen Elemente wiederherstellen sollte; vergleicht man jedoch diesen Rückzug mit dem, was im Jahre 1927 war, so wäre es bei diesem Rückzug möglich gewesen, einerseits eine kapitalistische Restauration zuzulassen, gleichzeitig aber die Industrie dank dem ersten Fünfjahrplan, dank den Sowjetgütern und einem Teil der Kollektivwirtschaften zu verstärken, d. h. also, dass wir eine ökonomische Grundlage gehabt hätten, auf der sich meiner Meinung nach die proletarische Macht zu behaupten vermocht hätte.

WYSCHINSKI: Das heißt also, die proletarische Macht hätte sich noch zu behaupten vermocht? Die Tendenz war aber, zurückzugehen.

RADEK: Die Tendenz war aber, zurückzugehen.

WYSCHINSKI: Im Jahre 1935 kam das greifbarer zum Ausdruck, im Vergleich zum Jahre 1934?

RADEK: Im Jahre 1935 wurde die Frage gestellt, zum Kapitalismus zurückzukehren.

WYSCHINSKI: Bis zu welchen Grenzen?

RADEK: Das, was Trotzki vorschlug, hatte keine Grenzen. Bis zu den Grenzen, die vom Gegner diktiert werden.

WYSCHINSKI: Das heißt also, die Niederlage stand wiederum auf der Tagesordnung?

RADEK: Ja, das Neue war jetzt, dass die Niederlage mit ausländischen Weisungen verknüpft wurde.

WYSCHINSKI: Dieses Neue ist akzeptiert worden?

RADEK: Erstens gestatten Sie mir auf die Frage hinsichtlich der Niederlage zu antworten.

WYSCHINSKI: Was war das Neue?

RADEK: Das Neue lag in der Fragestellung hinsichtlich dieser Niederlage.

WYSCHINSKI: Das war das Neue im Vergleich zum Jahre 1934?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Und im Vergleich zur Unterredung Pjatakows?

RADEK: Die Unterredung stimmt mit der Direktive überein. Sie verschärft sie nur noch.

WYSCHINSKI: Also, zwischen dem Brief von 1934 und der Unterredung von 1935 besteht kein Unterschied?

RADEK: Keinerlei Unterschied, das ist ein Komplex.

WYSCHINSKI: Ein Komplex, und in diesem einen Komplex steht die Niederlage an erster Stelle?

RADEK: Die Stellungnahme zur Niederlage erklärt sich nicht so, als seien wir besser oder schlechter geworden, sondern aus objektiven Ursachen, da ja die Lage im Jahre 1935 eine ganz andere war als 1934.

WYSCHINSKI: Das haben wir klargestellt.

RADEK: Das haben wir nicht klargestellt, Bürger Staatsanwalt.

WYSCHINSKI: Ich gehe jetzt über zu der Stellungnahme zum Brief von 1934 und zur Unterredung von 1935. Gab es da irgendeinen Unterschied?

RADEK: Es gab keinerlei Unterschied. Es kam nur ein neues Moment hinzu - die Massenhaftigkeit.

WYSCHINSKI: In der Frage der Aufteilung der UdSSR gibt es auch keinen Unterschied zwischen der Unterredung und dem Brief?

RADEK: Nein, es gibt keinen Unterschied.

WYSCHINSKI: In der Frage der territorialen Abtretungen gilt das gleiche?

RADEK: Das gleiche.

WYSCHINSKI: In der Frage der terroristischen Tätigkeit gibt es auch keinen Unterschied?

RADEK: Jawohl.

WYSCHINSKI: Was ist denn das Neue?

RADEK: Das Neue ist, dass sie jetzt mit ausländischen Weisungen verknüpft wird.

WYSCHINSKI: Darin also liegt der Unterschied? Das heißt also, hier liegt bereits ein direktes Einvernehmen mit ausländischen Generalstäben vor, während das früher nicht der Fall war?

RADEK: Früher war das nicht der Fall.

WYSCHINSKI: Das hat Sie zum Nachdenken veranlasst?

RADEK: Mehr zum Nachdenken hat mich nicht das veranlasst, sondern auch die Situation, die im Lande früher, im Jahre 1934 und später, herrschte. Das ist es, was mich zum Nachdenken veranlasste. Wir sind doch nicht dazu geboren, um den Faschisten zu helfen, die Sowjetunion zu besiegen. Im Jahre 1934 waren wir der Ansicht, die Niederlage sei unvermeidlich. Wir gingen von einer Überschätzung der Schwierigkeiten im Dorf aus. In der Industrie hielten wir den Zeitpunkt, da sogar die neu errichteten Werke eben erst in Betrieb gesetzt wurden, für den Übergangszeitpunkt. Die Lage im Verkehrswesen wurde damals als katastrophal eingeschätzt. Jetzt aber, Ende 1935, konnten wir der Auffassung sein, das Verkehrswesen befinde sich Ende 1935 in einem katastrophalen Zustand? Sowohl Pjatakow als auch Liwschitz (wir erhielten unsere Informationen von Liwschitz) - wir kannten ja die grandiose Arbeit, die das Verkehrswesen unter der Leitung Kaganowitschs vollbrachte. Ich persönlich kannte amtlich die Meinungen des ausländischen Spionagedienstes über unser Verkehrswesen, die der Auffassung waren, dass unser Verkehrswesen für den Krieg bereit ist. Konnte ich Ende 1935 auf Grund dessen, was mir die Trotzkisten sagten, der Ansicht sein, unsere Industrie sei im Kriegsfall dem Untergang geweiht? Ich weiß, was industrielle Mobilmachung heißt, ich kenne die Schwierigkeiten jeder Industrie, kenne die Schwierigkeiten unserer Industrie, wusste aber doch, dass alles, was für die Kriegsführung erforderlich ist, geliefert werden wird. Wenn ich die Landwirtschaft nahm, so hatte ich selbst kein großes Beobachtungsfeld: ich reiste alljährlich in die gleichen Kollektivwirtschaften des Kursker Gouvernements und sah, dass diese Kollektivwirtschaften, die ich jahraus, jahrein beobachtete, vollkommen unvergleichbare Dinge, durchaus verschiedene Größen darstellen, wenn man die Jahre 1933 und 1935 nimmt. Wenn wir also in dem Jahre 1933 und 1934 davon ausgingen, dass die Niederlage unvermeidlich sei, und für notwendig hielten, dabei mitzuhelfen, um etwas für uns herauszuschlagen, so sehen wir jetzt, dass der Gedanke einer Zerschmetterung der UdSSR durch den westlichen Faschismus und die militärfaschistischen Kreise im Fernen Osten, den Trotzki zum Ausgangspunkt nahm, vom Standpunkt der objektiven Realität aus bereits Phantasie ist und dass alle Voraussetzungen für den Sieg vorhanden sind. Und im Zusammenhang damit musste die Frage vor uns so stehen: damit wir an die Macht gelangen, soll das Land eine Niederlage erleiden. Im Jahre 1934 hatten wir die Niederlage als Ausgangspunkt, als notwendigen Faktor betrachtet. Im Jahre 1935 müsste sich aber jeder von uns sagen, wenn du darauf eingehst, so vereitelst du den möglichen Sieg, der schon gesichert ist, sei es auch gegen dich. Betrachteten wir in den Jahren 1933 und 1934 den ökonomischen Rückzug als einen von der Situation aufgezwungenen, für das Land notwendigen, nicht nur, um selbst zur Macht zu kommen, so sehen wir jetzt, dass das Land aus den Hauptschwierigkeiten heraus ist, dass der Fünfjahrplan gesiegt hat, nicht in dem Sinne, dass Fabriken gebaut worden sind, sondern dass er bereits lebendige Realität geworden ist.

WYSCHINSKI: Und die Schlussfolgerung?

RADEK: Daher die Schlussfolgerung: Restauration des Kapitalismus unter den Verhältnissen des Jahres 1935. Einfach „mir nichts dir nichts“ um der schönen Augen Trotzkis willen sollte das Land zum Kapitalismus zurückkehren. - Als ich das las, kam mir das als Tollhaus vor. Und schließlich eine nicht belanglose Tatsache - früher stand die Frage so, dass wir um die Macht kämpfen, weil wir überzeugt sind, dem Land etwas sichern zu können. Jetzt aber sollen wir dafür kämpfen, damit hier das Auslandskapital herrschen könne, das uns sich gefügig machen wird, bevor es uns an die Macht lässt. Was bedeutete die Direktive hinsichtlich der Koordinierung der Schädlingsarbeit mit ausländischen Kreisen? Diese Direktive bedeutete für mich eine ganz einfache, mir als politischem Organisator verständliche Sache, nämlich dass sich in unsere Organisation die Agenturen ausländischer Mächte einschalten werden, dass unsere Organisation sich in die direkte Expositur ausländischer Spionagedienststellen verwandeln wird. Wir wären nicht im Geringsten mehr Herren über unsere Handlungen. Wenn wir Trotzki duldeten, als er uns aus dem Auslande Direktiven erteilte, so werden wir hier zur Residentur ausländischer faschistischer Staaten.
Das bedeutete praktisch, dass, wenn solche Leute wie Jakow Liwschitz oder Serebrjakow, die auf Jahrzehnte revolutionärer Arbeit zurückblicken können, zur Schädlingstätigkeit hinabsinken können, man ihnen jetzt das moralische Rückgrat endgültig brechen muss, und sie werden nach Anweisungen des Klassenfeindes handeln. Entweder werden sie verkommen, oder sie werden zu Spionen werden. Wenn sie verkommen, dann werde ich mit ihnen nichts anfangen können, wenn sie Agenten ausländischer Staaten werden, dann werden andere ihnen Befehle erteilen. Die Schlussfolgerung davon war die, dass, wenn der ausländische Faschismus kommen wird, dann wird er nicht nur die Trotzkisten nicht an die Macht heranlassen, - er braucht sie nicht -, er wird vielmehr diese Organisation zerschlagen, weil es für ihn keinen Sinn hat, sich mit diesen anarchistischen eigenwilligen Intellektuellen abzugeben. Wenn bei mir die Einschätzung der Verhältnisse im Lande keine Rolle spielte, dann einfach aus Egoismus. Der Leiter der Organisation sagte mir, Trotzki sei bereit, der Macht, dem Gespenst der Macht den letzten Mann zu opfern, der für ihn sterben kann, und das konnte ich von Menschen, mit denen ich 15 Jahre zusammengegangen war, nicht verlangen. Darum musste ich mich fragen: was tun?

WYSCHINSKI: Was beschlossen Sie?

RADEK: Der erste Schritt wäre gewesen, ins ZK der Partei zu gehen, Anzeige zu machen, alle Personen zu nennen. Das habe ich nicht getan. Nicht ich ging zur GPU, sondern mich holte die GPU.

WYSCHINSKI: Das ist eine beredte Antwort.

RADEK: Eine traurige Antwort.

WYSCHINSKI: Die Beratung beschlossen Sie zu welchem Zweck einzuberufen? Im Zusammenhang mit den Stimmungen, die bei Ihnen angeblich aufkamen, angesichts der Ungeheuerlichkeit der Verbrechen, die angeblich restlos offenbar wurden und sie darüber nachzudenken trieben, ob Sie die Verantwortung auf sich nehmen und wie Sie sie auf sich nehmen sollten?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Sie beschlossen, diese Verantwortung nicht zu übernehmen?

RADEK: Ich war fest entschlossen, diese Verantwortung nicht zu übernehmen.

WYSCHINSKI: Sie beschlossen, diese Verbrechen nicht zu begehen?

RADEK: Diese Verbrechen nicht zu begehen.

WYSCHINSKI: Damit zu brechen?

RADEK: Ich hatte die Idee, eine Beratung einzuberufen. Auf dieser Beratung wird sich die Haltung aller zu dieser Sache herausstellen, d. h. die einen werden sagen, „wir werden das nicht tun“, die anderen werden sagen, „wir werden es tun“.

WYSCHINSKI: Und dann?

RADEK: Wenn Leute, die gemeinsam ein Verbrechen begingen, sich in die Haare geraten, werden jene Behörden, denen es obliegt, ihnen beizukommen, die Sache aufdecken. Ich war überzeugt, dass der Austrag dieser Sache in der GPU stattfinden wird, war aber nicht der Mensch, das zu organisieren.

WYSCHINSKI: Aber dazu gab es einen kurzen Weg.

RADEK: Nicht immer aber ist der kürzeste Weg der leichteste, und nicht alle sind imstande, den kürzesten Weg zu gehen. Das war auch aus noch einem Grund nicht der kürzeste Weg: Ich war überzeugt, dass die Behörden zwischen uns differenzieren müssen und werden. Wir, die Führer, tragen die volle und endgültige Verantwortung. Ich war aber überzeugt, dass, falls ein Teil unserer ausführenden Leute sich besinnt, sich selbst entschließt und die Waffen streckt, das Verhalten ihnen gegenüber ein anderes sein wird. Und ich war der Meinung, dass ich ihnen durch die Aufrollung dieser Fragen die Möglichkeit gebe, für sich selbst zu entscheiden. Ich muss Ihnen sagen, dass ich in diesem Zusammenhang, was ich noch nicht tat, über die Rolle Dreitzers sprechen will, darüber, warum wir diese Dinge so konspirativ behandelt haben usw.

WYSCHINSKI: Darüber werden Sie später aussagen. Sie schildern jetzt Ihre verschiedenen seelischen Konflikte und Schwankungen, die Sie vor die Notwendigkeit stellten, eine Konferenz einzuberufen. Was hat diese Bestürzung und diese Schwankungen hervorgerufen?

RADEK: Die Erkenntnis, dass diese Direktive eine Direktive des Verrats am sozialistischen Vaterland ist (das im Kriege siegen kann) sowie Hilfe für das ausländische Kapital zwecks Restauration des Kapitalismus in Rußland, die durch die objektive Lage in keiner Weise diktiert ist.

WYSCHINSKI: Also kann man folgende Schlussfolgerung ziehen: Solange Sie der Ansicht waren, unser Sozialismus sei schwach, meinten Sie, man könne verraten, man könne auf einen Krieg, man könne auf eine Niederlage der UdSSR usw. lossteuern. Als Sie aber erkannten, dass der Sozialismus hinreichend stark und kräftig ist, kamen Sie zu dem Schluss, dass weder ein Krieg noch eine Niederlage möglich ist.

RADEK: Sie lesen sehr tief in der menschlichen Seele, doch muss ich meine Gedanken dennoch mit eigenen Worten kommentieren.

WYSCHINSKI: Ich weiß, dass Sie über ein ausreichendes Arsenal von Worten verfügen, hinter denen Sie Ihre Gedanken verbergen können, und dass es für einen Menschen, selbst einen, der gut in der menschlichen Seele zu lesen versteht, sehr schwer ist, Sie zu verstehen und Sie dazu zu bringen, das zu sagen, was Sie wirklich denken. Ich möchte Sie aber bitten, nicht mehr als Journalist zu sprechen, der sich für internationale Fragen spezialisiert hat, sondern als des Hochverrats Angeklagter. Und von diesem Standpunkt stelle ich Ihnen denn jetzt auch die Frage: Waren Sie im Jahre 1934 für die Niederlage?

RADEK: Ich antwortete auf diese Frage bereits.

WYSCHINSKI: Wiederholen Sie es noch einmal, wenn es Ihnen nicht schwer fällt.

RADEK: Im Jahre 1934 hielt ich die Niederlage für unvermeidlich.

WYSCHINSKI: Im Jahre 1934 waren Sie für die Niederlage?

RADEK: Ich hielt die Niederlage für unvermeidlich.

WYSCHINSKI: Waren Sie für die Niederlage?

RADEK: Könnte ich die Niederlage verhüten, so wäre ich gegen sie.

WYSCHINSKI: Sie sind der Ansicht, dass Sie sie damals nicht verhüten konnten?

RADEK: Ich hielt sie für eine unvermeidliche Tatsache.

WYSCHINSKI: Sie antworten nicht richtig auf meine Frage. Sie haben sich alle Direktiven Trotzkis, die Ihnen im Jahre 1934 erteilt wurden, zu eigen gemacht?

RADEK: Ich machte mir alle Direktiven Trotzkis im Jahre 1934 zu eigen.

WYSCHINSKI: War dort die Einstellung auf Niederlage?

RADEK: Ja, das war die Einstellung auf Niederlage.

WYSCHINSKI: Die Direktive Trotzkis enthielt die Frage der Niederlage?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Haben Sie sie sich zu eigen gemacht?

RADEK: Ich habe sie mir zu eigen gemacht.

WYSCHINSKI: Also waren Sie, da Sie sie sich einmal zu eigen machten, für die Niederlage?

RADEK: Vom Standpunkt ...

WYSCHINSKI: Sie trieben zur Niederlage?

RADEK: Ja, versteht sich.

WYSCHINSKI: Also waren Sie für die Niederlage?

RADEK: Natürlich, wenn einmal ja, so trieb ich dazu.

WYSCHINSKI: Wer stellt denn nun die Frage richtig?

RADEK: Ich bin dennoch der Ansicht, dass Sie die Frage nicht richtig stellen.

WYSCHINSKI: Das heißt also, im Jahre 1934 waren Sie nicht gegen die Niederlage, sondern dafür.

RADEK: Ja, ich sagte ja.

WYSCHINSKI: Es ist für mich nötig, dass Sie es noch einmal wiederholen.

RADEK: Bitte, Sie sind der Staatsanwalt und können verlangen, dass ich es zehnmal wiederhole.

WYSCHINSKI: Mir genügt, dass Sie es einmal verständlich wiederholen. Im Jahre 1934 für die Niederlage, im Jahre 1935 stellt man die Frage hinsichtlich der Niederlage...

RADEK: Sie wird im Dezember-Brief gestellt.

WYSCHINSKI: Und Sie akzeptieren?

RADEK: Nein.

WYSCHINSKI: Weshalb?

RADEK: Weil ich im Jahre 1934 die Niederlage für unvermeidlich hielt, im Jahre 1935 aber der Meinung war, das Land besitze alles Erforderliche, um zu siegen und daher...

WYSCHINSKI: Im Jahre 1934 hielten Sie die Niederlage für unvermeidlich, weshalb?

RADEK: Ich war der Ansicht, das Land vermöge sich nicht zu verteidigen.

WYSCHINSKI: Das heißt also, Sie waren der Ansicht, dass es schwach sei?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Sie nahmen also zum Ausgangspunkt - Schwäche des Landes?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI; Also, ausgehend von der vermeintlichen Schwäche des Landes, akzeptierten Sie die Niederlage?

RADEK: Ich hielt sie für unvermeidlich, akzeptierte sie.

WYSCHINSKI: Im Jahre 1935 aber sahen Sie, dass das Land stark ist und das nicht gerechtfertigt ist.

RADEK: Nicht dass die Niederlage nicht gerechtfertigt ist, sondern dass es zu keiner Niederlage kommen wird, dass das kein reales Programm ist, und daher war ich gegen ein Programm, das auf unrealen Grundlagen fußt.

WYSCHINSKI: Weil das unreal war, waren Sie dagegen?

RADEK: Über die anderen Motive werde ich nicht sprechen.

WYSCHINSKI: Stimmt das, dass Sie 1935 gegen das Programm der Niederlage waren, weil Sie es für unreal hielten?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Das heißt also, im Jahre 1934 hielten Sie es für real und waren dafür, im Jahre 1935 aber hielten Sie es für unreal und waren dagegen?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Diese Frage stellte ich ja eben. Im Jahre 1935, nach der Zusammenkunft Pjatakows mit Trotzki, von der Sie im Januar 1936 erfuhren, hat Sie die allzu offene Fragestellung hinsichtlich der Verwandlung in ein Anhängsel des Faschismus in Bestürzung versetzt?

RADEK: Nicht die allzu offene Fragestellung, sondern die Tatsache.

WYSCHINSKI: Das hat Sie bestürzt gemacht?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Und Sie haben das nicht akzeptiert?

RADEK: Nein.

WYSCHINSKI: Sie haben gesagt, dass das schon ein Antrag zum direkten Vaterlandsverrat ist?

RADEK: Verrat war es im einen wie im andern Fall.

WYSCHINSKI: Sie sagten, dass eine derartige Fragestellung, wie sie durch Trotzki im Dezember 1935 in seiner Unterredung mit Pjatakow sowie im Brief erfolgte, den Antrag zum Vaterlandsverrat bedeutete?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Ihre Unterredung im November 1934 mit jenem Herrn ..., aus einem der mitteleuropäischen Staaten drehte sich, wenn ich nicht irre, um ...?

RADEK: Um Vaterlandsverrat.

WYSCHINSKI: Sie akzeptierten das? Und hatten die Unterredung?

RADEK: Sie erfuhren davon von mir, das heißt also, dass ich sie hatte.

WYSCHINSKI: Was ist das, Vaterlandsverrat?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Und das hat Sie nicht bestürzt gemacht?

RADEK: Darüber bedarf es keiner Worte. Natürlich hat es mich bestürzt gemacht. Glauben Sie, ich bin auf Hochverrat trainiert? Es hat mich tief bestürzt gemacht.

WYSCHINSKI: Sie verharrten aber weiterhin auf Ihrem Standpunkt der Niederlage?

RADEK: Ja, ich stand auf dem Standpunkt der Ausführung der Direktive Trotzkis.

WYSCHINSKI: Obwohl diese Direktive Vaterlandsverrat bedeutete?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Das heißt also, in dem einen Fall handelte es sich um Vaterlandsverrat, und im Jahre 1935 auch?
Mich interessiert jetzt, was für ein Unterschied in Ihrer Fragestellung hinsichtlich des Vaterlandsverrates war - nicht quantitativ, sondern qualitativ.

RADEK: Sie zogen bereits die Schlussfolgerung, Bürger Staatsanwalt.

WYSCHINSKI: Sie geben zu, dass die Tatsache der Unterredung mit Herrn ... im November 1934 Vaterlandsverrat ist?

RADEK: Ich war mir dessen während der Unterredung bewusst und qualifiziere es heute ebenso wie damals.

WYSCHINSKI: Als Verrat?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Und das, dass Pjatakow Ihnen die Direktive mitbrachte, ist auch Vaterlandsverrat?

RADEK: Das ist auch Vaterlandsverrat. Welches ist der Unterschied, es kann etwas Vaterlandsverrat und es kann etwas nicht Vaterlandsverrat sein. Ein Mensch kann zu dem einen fähig und zu dem andern nicht fähig sein.

WYSCHINSKI: Sie begingen Vaterlandsverrat?

RADEK: Ich wollte das Vaterland nicht verraten bzw. nicht endgültig verraten.

WYSCHINSKI: Sie sind der Ansicht, dass das eine Verrat, das andere endgültiger Verrat bzw. nicht endgültiger Verrat ist

RADEK: Ich muss hier den Vorbehalt machen, dass ich, als ich es klärte, es nicht zugeben wollte.

WYSCHINSKI: Gestatten Sie, Ihnen Ihre Aussagen (Bd. 5, Bl. 119) ins Gedächtnis zu rufen. Bestätigen Sie diese Au sagen?

RADEK: Ich bestätige sie sogar restlos.

WYSCHINSKI: Sie bestätigen Ihre Aussagen, Herrn ... gesagt zu haben, dass es eine nutzlose Sache ist, von der heutigen Regierung Zugeständnisse zu erwarten?

RADEK: Das ist der Sinn meiner Aussagen.

WYSCHINSKI: Bestätigen Sie das?

RADEK: Ja.`

WYSCHINSKI: Und dass ... „die Regierung auf Zugeständnisse von „Realpolitikern” in der UdSSR rechnen könne“?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Sie haben Herrn ... gesagt, der Block könne auf diese Zugeständnisse eingehen.

RADEK: Ja, wir haben Trotzkis Mandat bestätigt, Verhandlungen darüber zu führen, worin diese Zugeständnisse bestehen sollen.

WYSCHINSKI: Ich frage Sie, haben Sie im Namen des Blocks Herrn ... reale Zugeständnisse versprochen oder nicht?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Reale Zugeständnisse? Das waren Realzugeständnisse, wie anzunehmen ist?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Das heißt Zugeständnisse realer Dinge?

RADEK: Ja, ja.

WYSCHINSKI: Handelte es sich in Ihrer Vorstellung um territoriale Zugeständnisse?

RADEK: Ohne dass ich wusste, ob sie dann nötig sein werden. Diese Verhandlungen hatten eben erst begonnen.

WYSCHINSKI: Haben Sie darüber nachgedacht, was für Herrn ... reale Zugeständnisse sind?

RADEK: Ich dachte daran, dass ich nicht wisse, in welchem Stadium der Krieg sein wird, wann Krieg sein wird, warum, ob abgetreten werden muss bzw. was, was für ein Plan bestehen wird.

WYSCHINSKI: Immerhin sind das aber Zugeständnisse von irgendetwas Realem? Territorium gehört dazu.

RADEK: Es kann dazu gehören, aber nicht unbedingt.

WYSCHINSKI: Ist das Verrat?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Ist das Verrat?

RADEK: Das ist natürlich Verrat.

WYSCHINSKI: Die ganze Frage läuft darauf hinaus, dass Sie nach einmaligem Verrat dies für genug hielten und der Meinung waren, man müsse nicht unbedingt bis ans Ende seines Lebens verraten?

Und so trat ein Zeitpunkt ein, da Sie beschlossen, nicht zu verraten. Habe ich Sie recht verstanden?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Was haben Sie denn unternommen, um diese Linie in die Tat umzusetzen?

RADEK: Ich sagte schon, was ich getan habe.

WYSCHINSKI: Kurz.

RADEK: Ich traf Vorbereitungen, damit auch die andern nicht mehr Verrat üben.

WYSCHINSKI: Sie wollten eine Beratung einberufen dazu, um die Leute zu überzeugen, nicht mehr Verrat zu üben?

RADEK: Leute, die auf mich hören, würden ihren Standpunkt ändern; und wir würden dann entscheiden, was wir weiter tun werden.

WYSCHINSKI: Und wozu noch?

RADEK: Zu entscheiden, was weiter zu tun.

WYSCHINSKI: Sie wussten, was gemacht werden wird?

RADEK: Was mich betrifft, wusste ich es.

WYSCHINSKI: Und was hätten Sie vorgeschlagen?

RADEK: Ins ZK zu gehen und es zu sagen.

WYSCHINSKI: Darauf rechneten Sie?

RADEK: Ja, ich war überzeugt, dass eine ganze Reihe darauf eingehen wird.

WYSCHINSKI: Sie selber aber wollten das allein nicht machen?

RADEK: Als einer der Leiter, der nicht seine persönliche Frage, sondern die Frage jener entscheidet, die ihm die Leitung anvertraut haben.

WYSCHINSKI: In diesem Fall ist mir noch eine Frage, wahrscheinlich die letzte Frage in unserer heutigen Vormittagssitzung, unklar.
Im Jahre 1934 haben Sie einen Brief von Trotzki erhalten, im Jahre 1935 haben Sie einen Brief von Trotzki erhalten, Pjatakow führte mit Trotzki Verhandlungen und brachte eine persönliche Mitteilung über diese Frage mit. Sie waren sich klar über diese verräterische Tätigkeit, diese verräterischen Direktiven? Haben Sie Ihre politische, konterrevolutionäre verbrecherische sowjetfeindliche Arbeit in irgendeinem Maße abgebaut?

RADEK: Im Jahre 1936?

WYSCHINSKI: Im Jahre 1935 und 1936.

RADEK: Im Jahre 1935 und 1934.

WYSCHINSKI: Im Jahre 1935 und 1936.

RADEK: Im Jahre 1935 war ich Leiter, der die ganze Arbeit geleitet hat.

WYSCHINSKI: Und 1936?

RADEK: Im Jahre 1936 unternahm ich nichts, damit das, was zu jener Zeit war, rückgängig gemacht werde. Doch unternahm ich keinerlei weitere Schritte, insbesondere was die Ausführung dieser Direktive, ihre Vertiefung anbelangt.

WYSCHINSKI: Das heißt also, dass Sie im Jahre 1936 keinerlei Schritte zur Ausführung dieser Direktiven unternommen haben?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Haben Sie irgendwelche Schritte dazu unternommen, um die bis dahin geleistete Arbeit zunichte zu machen?

RADEK: Nein.

WYSCHINSKI: Durch Ihre Beratung?

RADEK: Nein. Da ich seit März überhaupt keinen der Blockisten mehr gesehen habe. Im Januar hatte ich noch Pjatakow gesehen. Ich war überhaupt in dieser Periode untätig, habe nichts rückgängig gemacht. Ich war bis zum Augenblick der Verhaftung Mitglied des Zentrums. Wenn damals Leute zu mir um Weisungen gekommen wären, hätte ich ihnen meine Direktiven wiederholt, hätte ihnen aber gesagt: „Geh nach Haus und warte“, aber im Jahre 1936 unterließ ich jegliche Tätigkeit.

WYSCHINSKI: Gut, bestätigen Sie die Qualifizierung Ihrer Tätigkeit, die Sie am 17. Januar 1937 während des Verhörs in der Staatsanwaltschaft gegeben haben. Gestatten Sie mir, Bl. 119 Bd. 5 zu verlesen:

„Die neue erweiterte Direktive Trotzkis vom Dezember 1935 vertiefte und erweiterte diesen defätistischen und restauratorischen Standpunkt Trotzkis aufs äußerste.“

Bestätigen Sie das?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: „... und die Verringerung der Perspektiven des Machtantritts für den Block machte aus der trotzkistischen Organisation ein Netz von Spionen und Diversanten für den deutschen Generalstab.“

RADEK: Ja, das bestätige ich voll und ganz.

WYSCHINSKI: Und weiter:

„Deshalb ist es nicht erstaunlich, dass das Zentrum des Blocks unruhig wurde, dass sie - ich betone es - in Schreck gerieten.“

RADEK: Ja, ja.

WYSCHINSKI: Sie übernahmen die Verantwortung für diese Plattform Trotzkis selbst und Heß und beschlossen, eine Beratung des Aktivs der Organisation einzuberufen. Das heißt also, dass der Schreck die Hauptsache war?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Sie persönlich nahmen den Standpunkt ein, dass diese Haltung aufzugeben sei?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Und dass Sie ins ZK gehen müssen, um die Waffen zu strecken? Aber gegangen sind Sie nicht?

RADEK: Gegangen hin ich nicht.

WYSCHINSKI: Dann hat man Sie verhaftet.

RADEK: Man nahm mich fest, ich habe jedoch von Anfang bis zu Ende geleugnet. Vielleicht fragen Sie mich, weshalb?

WYSCHINSKI: Ich weiß, dass Sie immer eine Antwort finden werden. Sie wurden verhaftet und ausgefragt. Haben Sie geantwortet?

RADEK: Ich leugnete alles von Anfang bis zu Ende.

WYSCHINSKI: Sie wussten alles voll und ganz. Sie hatten die Möglichkeit hinzugehen und alles zu sagen.

RADEK: Ich hatte die Möglichkeit, beschloss aber, dass ich das im Volkskommissariat für Inneres tun werde...

WYSCHINSKI: Genosse Vorsitzender, ich bitte Sie, zu veranlassen, dass der Angeklagte auf die Fragen antwortet, aber keine Reden hält.

VORSITZENDER: Angeklagter Radek, Reden können Sie zweimal halten: einmal eine Verteidigungsrede, und das zweite Mal beim letzten Wort.

WYSCHINSKI: Ich habe nicht die Absicht, mit dem Angeklagten Radek in der Stimmstärke zu wetteifern. Ich frage Sie, ich stelle Ihnen Fragen, wenn es Ihnen beliebt, antworten Sie darauf, aber halten Sie keine Reden. Ich bitte, mich nicht zu überschreien und sich nicht über Fragen auszulassen, die nicht zur Sache gehören.
Sie haben den Standpunkt Trotzkis im Dezember 1935 und im Jahre 1936 bereits nicht mehr geteilt. Sie hatten einen Widerwillen gegen diesen Verrat, der sich vor Ihnen in seiner ganzen Größe erhob. Deshalb entschieden Sie sich für die Frage negativ und wollten mit Ihren Mittätern besprechen, was nun weiter zu tun sei?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Sie sagten ferner, dass Sie den Wunsch hatten, hinzugehen und sich zu entlarven?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Und dass Sie nur deshalb nicht hingingen, weil man Sie geholt und verhaftet hat? Trifft diese Fragestellung zu?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Ich frage Sie jetzt: Am 22. September wurden Sie verhört, es wurde Ihnen gesagt, dass Sie unter der Anklage konterrevolutionärer trotzkistischer Tätigkeit verhaftet worden sind. Hatten Sie, bevor man zu Ihrer Beschuldigung auf Grund der in den Händen der Untersuchungsbehörde befindlichen Beweise schritt, die Möglichkeit, alles auszusagen?

RADEK: Das tat ich nicht.

WYSCHINSKI: Der Untersuchungsrichter hat Ihnen Fragen gestellt, haben Sie ausgesagt?

RADEK: Nein.

WYSCHINSKI: Sie wurden nach der Verhaftung verhört, ob Sie vor der Partei und vor dem Sowjetstaat schuldig sind. Was haben Sie darauf geantwortet?

RADEK: Ich habe geantwortet, dass ich es nicht bin.

WYSCHINSKI: Sind Sie gefragt worden, ob Sie an geheimen Orten oder in Ihrer Wohnung irgendwelche illegalen Dokumente verborgen halten, was haben Sie darauf geantwortet?

RADEK: Ich wurde gefragt und habe darauf geantwortet, dass ich nichts an Geheimorten versteckt halte.

WYSCHINSKI: Man hat Sie darüber befragt und Sie haben die Wahrheit gesagt?

RADEK: Ich habe es verneint, und das war die Wahrheit.

WYSCHINSKI: Weiter wurden Sie darüber befragt, ob Sie mit anderen Personen in Verbindung gestanden haben, z.B. mit Tiwel?

RADEK: Ich wurde gefragt.

WYSCHINSKI: Haben Sie das zugegeben?

RADEK: Ich leugnete alles von Anfang bis zu Ende.

WYSCHINSKI: Beeilen Sie sich nicht, beantworten Sie eins nach dem andern. Haben Sie Ihre Verbindung mit Tiwel geleugnet?

RADEK: Ich habe sie geleugnet.

WYSCHINSKI: Haben Sie Ihre Verbindung mit Friedland geleugnet?

RADEK: Ich habe sie geleugnet.

WYSCHINSKI: Wurden Sie über die Verbindung mit anderen Teilnehmern der Terrorgruppe befragt? Was haben Sie geantwortet?

RADEK: Ich habe abgeleugnet.

WYSCHINSKI: Das war am 22. September 1936?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Wurden Sie mit Sokolnikow konfrontiert?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Hat Sokolnikow Sie überführt?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Und Sie?

RADEK: Ich habe alles von Anfang bis zu Ende abgeleugnet.

WYSCHINSKI: Das war am 22. September. Wurden Sie mit Tiwel konfrontiert?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Was sagte er?

RADEK: Er sagte zum Teil die Wahrheit, zum Teil die Unwahrheit, während ich alles ableugnete.

WYSCHINSKI: Sowohl die Wahrheit als auch die Unwahrheit?

RADEK: Ja.

WYSCHINSKI: Am 4. November befragte man Sie über verschiedene Tatsachen aus Ihrer Tätigkeit?

RADEK: ja. Man fragte mich bis zum 4. Dezember, und ich habe alles geleugnet.

WYSCHINSKI: Wie viel Monate haben Sie geleugnet?

RADEK: Ungefähr drei Monate.

WYSCHINSKI: Tatsache bleibt Tatsache: Sie, der Sie alles hatten sagen wollen und sich, wie Sie behaupten, nur nicht entschließen konnten, Ihre Leute den Händen der Gerechtigkeit auszuliefern, haben, als Sie selbst sich in den Händen der Gerechtigkeit befanden, alles kategorisch geleugnet? Ist das Tatsache?

RADEK: Ja.

WYSCIINSKI: Stellt das nicht die Richtigkeit dessen in Zweifel, was Sie über Ihre Schwankungen, Zweifel gesagt Haben?

RADEK: Ja, wenn man die Tatsache außer acht lässt, dass Sie über Programm und Instruktionen Trotzkis nur durch mich erfuhren, dann ist natürlich das von mir Gesagte in Zweifel gestellt.

WYSCHINSKI: Für mich kommt es darauf an, die Tatsache festzustellen. Die Tatsache liegt auf der Hand?

RADEK: Sie liegt auf der Hand.

WYSCHINSKI: Womit kann bewiesen werden, dass Sie wirklich nach Erhalt des Briefes von Trotzki im Dezember 1935 und nach der Unterredung mit Pjatakow die Direktiven nicht akzeptiert haben, die Sie restlos und vorbehaltlos bis dahin angenommen hatten? Haben Sie derartige Tatsachen?

RADEK: Nein.

WYSCHINSKI: Und Sie haben nicht die Absicht, den Beweis dafür anzutreten?

RADEK: Ich habe nicht die Absicht.

WYSCHINSKI: Ich habe keine Fragen mehr.

VORSITZENDER: Es tritt eine Pause bis 6 Uhr abends ein.

 

(Unterschrift)

Der Vorsitzende:
Vorsitzender des Militärkollegiums des
Obersten Gerichtshofes der UdSSR
Armee-Militärjurist W. Ulrich

Der Sekretär:
Militärjurist I. Ranges A. Kostjuschko

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