PROZESSBERICHT ÜBER DIE STRAFSACHE
DES SOWJETFEINDLICHEN
TROTZKISTISCHEN ZENTRUMS

ABENDSITZUNG VOM 25. JANUAR 1937

VERHÖR DES ANGEKLAGTEN MURALOW

DER GERICHTSKOMMANDANT: Das Gericht erscheint. Bitte sich von den Plätzen zu erheben.

VORSITZENDER: Die Sitzung wird fortgesetzt. Genosse Staatsanwalt, haben Sie Fragen an Drobnis?

WYSCHINSKI: Nein.

VORSITZENDER: Angeklagter Muralow, bestätigen Sie die Aussagen, die Sie im Dezember und Januar gemacht haben?

MURALOW: Ja.

WYSCHINSKI: Erzählen Sie von Ihrer Beteiligung am westsibirischen illegalen trotzkistischen Zentrum.

MURALOW: Ich beginne mit 1928. Ich kam nach Nowosibirsk im November 1928. Hier habe ich zu dem vom Angeklagten Boguslawski angegebenen Datum eine kleine Berichtigung vorzubringen. Er sagte, er hätte mich im Januar in Nowosibirsk angetroffen. Ich kam erst Ende November nach Nowosibirsk. Alles Übrige, was er ausgesagt hat, stimmt vollkommen, ich bestätige es.
Was die Ausführungen über die weitere Tätigkeit anbelangt, als das sibirische Zentrum wiederhergestellt wurde, so besteht hier bei Boguslawski eine gewisse Ungenauigkeit in bezug auf das Datum. Er sagte, er habe die Direktive 1932 erhalten. Das Zentrum wurde Ende 1931 wieder von neuem hergestellt. Doch auch dies ist wohl nicht von großer Bedeutung. Als das erste Nowosibirsker Zentrum zerfiel und ich allein blieb...

WYSCHINSKI: Wann war das?

MURALOW: Anfang 1931. Als ich auf einer Dienstreise in Moskau war, traf ich mit Iwan Nikititsch Smirnow zusammen. Er erzählte mir, er sei im Auslande gewesen und habe sich dort mit Sedow getroffen. Er erzählte von den neuen Richtlinien Trotzkis bezüglich der Anwendung des Terrors gegenüber der Führung der Kommunistischen Partei und der Regierung. Smirnow riet uns, das sibirische Zentrum aus den ihm und mir bekannten Personen wiederherzustellen, jenen, die im Jahre 1929 der Partei beigetreten waren. Diese Namen wurden angegeben: Sumezki und Boguslawski. Die erste Aufgabe dieses Zentrums war die Sammlung der trotzkistischen Kräfte und die Organisierung groß angelegter Terroranschläge. In Nowosibirsk eingetroffen, bemühte ich mich, mit Sumezki und Boguslawski zusammenzukommen, und teilte ihnen mit, was Iwan Nikititsch Smirnow vorgeschlagen hatte und was ich als bindend auffasste. Sie waren ebenfalls mit mir einverstanden, und in dieser Zusammensetzung begann das trotzkistische konterrevolutionäre Zentrum in Sibirien zu funktionieren. Ich war der Leiter; Sumezki sollte Kader sammeln, hauptsächlich unter der Hochschuljugend. Dem Trotzkisten Chodorose gab ich, den Auftrag, eine Terrorgruppe zu organisieren. Er bildete sie 1932 und Objekt des Terroraktes war Eiche, der Sekretär des Landesparteikomitees der KPdSU(B). Im selben Jahr, 1932, kam Schestow nach Nowosibirsk und brachte einen Brief von Sedow mit.
Dieser Brief enthielt viel Belletristisches und war wie ein gewöhnlicher Brief geschrieben, doch wurde das, was keine Belletristik war, mittels Antipyrin unsichtbar geschrieben, nämlich die Direktive Trotzkis hinsichtlich des Übergangs zu terroristischen Handlungen. Der Brief bestätigte das, was Smirnow gesagt hatte.

WYSCHINSKI: Haben Sie Sedow bis dahin gekannt, im Laufe einer langen Zeit gekannt?

MURALOW: Ich kannte Sedow, den Sohn von Trotzki, Lew Lwowitsch Sedow. Das erste Mal habe ich ihn in Moskau 1919 oder 1920 gesehen, und da ich wusste, dass er der Gehilfe und sozusagen Geschäftsleiter Trotzkis ist, kam ich zur Zeit unserer Moskauer Organisation häufig mit ihm zusammen. Ich kannte ihn sehr gut, traf häufig in der Wohnung Trotzkis mit ihm zusammen, kannte ihn in Einzelheiten, darunter auch seinen körperlichen Mangel, der mir von Schestow bestätigt wurde. Ich hatte mich also davon überzeugt, dass das kein gefälschter Brief war, und habe die Schrift erkannt.

WYSCHINSKI: Sie haben seine Handschrift gekannt?

MURALOW: Ja.

WYSCHINSKI: War die Schrift ähnlich?

MURALOW: Ja.

WYSCHINSKI: So dass Ihre Zweifel vergingen?

MURALOW: Damals waren bereits alle Zweifel vergangen. Im nächsten Jahr, als ich Iwan Nikititsch Smirnow in Moskau traf, sagte mir Iwan Nikititsch, nachdem er mich ausgefragt hatte, was wir getan haben, und ich ihn informiert und meinerseits gefragt hatte, was weiter geschehen soll, was es denn Neues gibt, dass das Neue jetzt in der Einstellung zum ökonomischen Terror liegt. Dieser Ausdruck war mir unverständlich: was ist das, der ökonomische Terror? Er erklärt mir das. Dem Wesen der Sache nach ist das Schädlingsarbeit. Wessen Einstellung ist das? Das ist auch die Einstellung von Trotzki.
Nach Nowosibirsk zurückgekehrt, teilte ich das meinem Zentrum mit, und wir verteilten die Arbeit so, dass sich mit dieser Sache Boguslawski beschäftigen wird, im Kusnetzkrevier aber Schestow.
1932 erhielt ich noch einen Brief von Sedow, den mir Seidmann, ein trotzkistischer Ingenieur, mitbrachte.
Dieser Brief hatte ebenfalls äußerlich einen Inhalt formaler Natur, einen belletristischen Inhalt: wie geht es Ihnen, wie es uns geht usw. Im chiffrierten Teil war ein sachlicher Teil enthalten, der eigentlich nicht für mich, sondern für I. N. Smirnow bestimmt war. Dieses Schreiben, seinen Inhalt kann ich nicht wörtlich wiedergeben, doch bestand der Sinn darin, dass er I. N. Smirnow übergeben werden soll.
Darin wurde aufgefordert, die Terrorakte gegen Stalin, Woroschilow, Kaganowitsch und Kirow zu beschleunigen.
1933 erhielt ich wiederum einen Brief von Sedow, in dem es hieß, dass „der Alte mit unserer Tätigkeit zufrieden ist“.
Nach dem Jahre 1933 erhielt ich bereits keine Briefe mehr, und nach der Verhaftung I. N. Smirnows, von dem ich bereits früher erfahren hatte, dass ein Parallelzentrum, ein Reservezentrum organisiert worden war, bemühte ich mich, nach meiner Ankunft in Moskau im Jahre 1934 mich mit Pjatakow in Verbindung zu setzen.
1934 setzte ich mich mit Pjatakow in Verbindung und informierte ihn über unsere Tätigkeit. Übrigens kam zu jener Zeit, ja sogar noch vor diesem Jahr, Drobnis in Nowosibirsk an, der zum stellvertretenden Leiter des Baus des Chemischen Kombinats in Kemerowo ernannt worden war; er suchte mich auf und wies darauf hin, dass er ebenfalls von Pjatakow aus Moskau geschickt worden sei und Schädlingsaufträge ausführen könne und solle. Also war auch dieser Teil der Industrie von uns, dem Sibirischen Zentrum, und zwar von Drobnis, erfasst worden. Pjatakow teilte mir mit, dass er eine Abmachung mit den Rechten getroffen habe. Mich wunderte zuerst, dass die Rechten sowohl hinsichtlich des Terrors wie hinsichtlich der Schädlingsarbeit unsere Stellungen bezogen haben und dass sie ihr eigenes Zentrum, bestehend aus Tomski, Rykow und Bucharin besitzen. Diese Neuigkeit wunderte mich deswegen, weil ich die Rechten erstens für Opportunisten und zweitens für feige Leute hielt, die zu energischen Taten unfähig sind. Pjatakow erklärte mir, dass sie sich geändert haben, und gleichzeitig erfuhr ich die Zusammensetzung des Reservezentrums, dem Pjatakow, Radek, Sokolnikow und Serebrjakow angehörten.
Mit Pjatakow traf ich bereits im Jahre 1935 zusammen. meines Erachtens nach Anfang oder Mitte Oktober 1935. Ersagte mir nichts Neues, betonte jedoch, dass man, was die Terrorakte anbelangt, nicht zu hitzig sein soll. Wir hatten ein Gespräch über dieses Thema, machten einander Vorwürfe. Ich warf ihnen vor, dass sie hier in dieser Hinsicht nach der Ermordung Kirows nichts getan haben.

WYSCHINSKI: In welchem Sinn nichts getan haben?

MURALOW: Das heißt, nichts verübt haben, keinerlei weitere Anschläge verübt haben.

WYSCHINSKI: Dass sie niemanden ermordet haben?

MURALOW: Ja, wir ebenfalls. Ich erzählte von dem misslungenen Anschlag auf den Vorsitzenden des Rats der Volkskommissare, Molotow, worauf er mir sagte, erhitze dich nicht wie ein Soldat.

WYSCHINSKI: Wer sagte, „erhitze dich nicht wie ein Soldat“?

MURALOW: Pjatakow. Nach diesem Fall der Zusammenkunft mit Pjatakow hatte ich keine weiteren Begegnungen mehr mit ihm, ich habe ihn nicht mehr gesehen. Das war Anfang oder Mitte Oktober. Weder ich, noch unser ganzes Zentrum in Nowosibirsk haben irgendwelche neue Einstellungen von ihm bekommen. Freilich wies er darauf hin, dass man Drobnis drängen müsse, da er nicht sehr tätig sei, und ich sagte Drobnis bei einer Zusammenkunft in Nowosibirsk, dass das Zentrum nicht sehr zufrieden sei, dass man etwas drängen müsse. Das bezog sich auf die Schädlingstätigkeit.
Was die Organisierung von Terrorgruppen und Terrorhandlungen anbelangt, so wurde die erste Gruppe, wie ich bereits sagte, von Chodorose unter meiner unmittelbaren Führung aus 3-4 Personen in Nowosibirsk organisiert; dann die Gruppe in Tomsk, bestehend aus Kaschkin (Direktor des Industrieinstituts) und Nikolajew (seinem Assistenten); ich traf mich mit ihnen, gab ihnen Weisungen und billigte ihren Plan eines Anschlags für den Fall, dass Eiche dort eintreffen sollte. Gruppen wurden von Schestow in Prokopjewsk und in Ansherka organisiert. In Prokopjewsk versuchten wir 1934 einen Terroranschlag gegen Molotow auszuführen, doch misslang dieser Anschlag. So dass faktisch in Westsibirien keinerlei Terroranschläge ausgeführt wurden.

WYSCHINSKI: Sie sind misslungen?

MURALOW: Ja, sie sind misslungen.

WYSCHINSKI: Vorbereitet aber wurden sie?

MURALOW: Vorbereitet wurden sie.

WYSCHINSKI: Sind sie misslungen, weil Sie davon Abstand nahmen, oder hing das nicht von Ihnen ab?

MURALOW: Nein, es ist damals einfach misslungen.

WYSCHINSKI: Ein Versuch aber wurde gemacht?

MURALOW: Es wurde ein Versuch gegen Molotow unternommen, doch ist die beabsichtigte Automobilkatastrophe misslungen.

WYSCHINSKI: Erzählen Sie bitte ausführlich: wie wurde der Versuch, einen Anschlag auf das Leben des Genossen Molotow zu verüben, organisiert, wem haben Sie einen solchen Auftrag erteilt, wer hat das organisiert?

MURALOW: Ich habe Schestow damit beauftragt. Er sagte mir, dass er eine bereits vorbereitete Gruppe habe, an deren Spitze, wie ich glaube, Tscherepuchin stand, und dass ein Chauffeur bereitgestellt sei, der bereit sei, sein Leben zu opfern, um Molotow das Leben zu nehmen. Doch hat im letzten Augenblick der Chauffeur schlapp gemacht. Er wagte nicht, sein Leben zu opfern, und so blieb das Leben Molotow erhalten.

WYSCHINSKI: Worin bestand der Anschlagsversuch selbst?

MURALOW: Das Auto sollte in voller Fahrt einen Graben gelenkt werden. Unter solchen Verhältnissen schlägt das Auto kraft des Beharrungsvermögens um, die Maschine geht in Trümmer, die Menschen...

WYSCHINSKI: Es wurde der Versuch gemacht, das Auto im Graben zum Umschlagen zu bringen?

MURALOW: Der Versuch wurde gemacht, dann machte aber der Chauffeur schlapp, so dass das Auto nicht in den Graben geriet.

WYSCHINSKI: Und wer war dieser Chauffeur?

MURALOW: Ich glaube Arnold.

WYSCHINSKI: Sie haben Schestow mit der Organisierung dieser Angelegenheit beauftragt?

MURALOW: Ja.

WYSCHINSKI: Gestatten Sie, eine Frage an Schestow zu richten. Angeklagter Schestow, bestätigen Sie in dieser Hinsicht die Aussagen Muralows?

SCHESTOW: Ja. Das erste Gespräch bezieht sich auf November 1931. Damals wurde mir von Muralow die Aufgabe gestellt, einen Terroranschlag nur gegen den Sekretär des Westsibirischen Landeskomitees Eiche zu verüben. Später, als ich Muralow bereits berichtete, dass die Terrorgruppe in Prokopjewsk zur Verübung von Terroranschlägen bereit sei, gab mir Muralow eine weitergehende Formulierung über die Terroranschläge. Er sagte mir, dass man die Prokopjewsker Terrorgruppe nicht nur zur Verübung von Terroranschlägen gegen Eiche allein vorbereiten muss, sondern dass man Terroranschläge auch gegen andere Regierungsmitglieder ausführen müsse, falls sie ins Kusnetzkrevier kommen. Das war im Mai 1933.
Im Sommer 1934 hatte ich in Nowosibirsk ein Gespräch mit Muralow. Muralow sagte mir damals, dass man nach dem Beispiel früherer Jahre erwarten müsse, dass irgend jemand von den Regierungsmitgliedern herreisen wird, im besonderen sagte er, dass die Ankunft Molotows erwartet werde, ich weiß nicht, woher ihm das bekannt war, und dass man daher einen Terroranschlag gegen Molotow verüben müsse.
Ich kann mich noch besinnen, dass ich Anfang 1933 Muralow sagte, Ordshonikidse werde im Kusnetzkrevier erwartet, und von Muralow die Direktive erhielt, einen Terroranschlag gegen Ordshonikidse auszuführen.

WYSCHINSKI: Von Muralow erhielten Sie sie?

SCHESTOW: Ja.

WYSCHINSKI: Nachdem Sie von Muralow direkt den Auftrag zur Vorbereitung von Terroranschlägen erhalten hatten, was haben Sie dann praktisch unternommen?

SCHESTOW: Als ich von der Ankunft Molotows erfuhr, erteilte ich Tscherepuchin den Befehl, sich unverzüglich nach Prokopjewsk zu begeben, um den Terroranschlag gegen Molotow persönlich zu leiten. Er tat das denn auch. Wie er mir dann mitteilte, gab er Arnold Auftrag, diesen Terroranschlag auszuführen. Im Vorbereitungsplan des Terroranschlags war die Ausübung desselben durch eine Automobilkatastrophe vorgesehen und es wurden zwei geeignete Stellen ausgewählt. Die eine Stelle ist - wer Prokopjewsk kennt, weiß, wo das ist - neben der Grube Nr. 5 in der Richtung zur Schachtverwaltung, die zweite Stelle ist zwischen der Arbeitersiedlung und der Grube Nr. 3. Dort ist nicht ein kleiner Graben, wie Muralow sagte, sondern eine etwa 15 Meter tiefe Schlucht.

WYSCHINSKI: Ein „kleiner Graben“ von 15 Metern! Wer hat diese Stelle ausgewählt?

SCHESTOW: Ich persönlich zusammen mit Tscherepuchin.

WYSCHINSKI: Sie persönlich haben die Stelle ausgewählt?

SCHESTOW: Ich arbeitete damals in Prokopjewsk und kannte das Gelände sehr gut.

WYSCHINSKI: Sie haben zwei Stellen ausgewählt und haben auch denen, die den Anschlag ausführen sollten, eine solche Direktive gegeben: entweder dort oder hier.

SCHESTOW: Nur an diesen Stellen, von anderen Stellen konnte gar keine Rede sein.

WYSCHINSKI: Wer sprach mit denen, die die Tat ausführen sollten, über diese Stellen?

SCHESTOW: Mit ihnen sprach Tscherepuchin. Er sagte mir, dass es ihm gelungen sei, Arnold an das Steuer des Autos zu setzen.

WYSCHINSKI: Und was war damals Arnold?

SCHESTOW: Arnold war Garageverwalter. Er ist ein erfahrener Chauffeur. Und zwar hatte Tscherepuchin, wie er mir sagte, sogar eine zusätzliche Rückversicherung vorgesehen. Diese bestand darin, dass, falls Arnold aus irgendeinem Grunde versage, ein zweites aus der entgegengesetzten Richtung kommendes Auto, ein Lastauto, seitlings das Personenauto rammen sollte, so dass beide Autos in die Schlucht stürzen sollten. Tatsächlich lenkte Arnold das Auto, in dem Molotow saß, doch warf er das Steuer herum und machte so den Fahrer des Lastwagens irre, der in der Annahme weiterfuhr, Arnold sei in die Schlucht gestürzt. In Wirklichkeit hatte zwar dieser das Steuer in der Richtung zur Schlucht herumgeworfen, aber nicht energisch genug herumgeworfen, und die hinter ihm fahrende Bewachung konnte dieses Auto buchstäblich mit den Händen noch auffangen. Molotow und die anderen, die im Auto saßen, darunter auch Arnold, krochen unter dem bereits umgestürzten Auto hervor. Das berichtete mir damals Tscherepuchin.
Als wir diese Lage zusammen mit Tscherepuchin analysierten, gelangten wir zu dem Schluss, dass Arnold nicht genügend Gas gegeben und die Wendung nicht jäh genug vorgenommen hat.

WYSCHINSKI: Bei welcher Fahrgeschwindigkeit sollte die Wendung erfolgen?

SCHESTOW: Bei hoher Fahrgeschwindigkeit. Er tat es aber bei einer niedrigen.

WYSCHINSKI: Und fuhr schön langsam hinunter?

SCHESTOW: Nein, nicht schön langsam, sondern das passierte so, weil er das Steuer nicht genügend entschieden herumwarf. Infolgedessen machte er die Sache zu langsam und die Maschine begann nicht mit der Schnelligkeit zu stürzen, die sich ergeben hätte, wenn er eine entschiedene Wendung gemacht hätte, in welchem Falle dann die in dem hinten fahrenden Auto sitzenden Personen nicht imstande gewesen wären, dies Auto im Sturz aufzufangen.

WYSCHINSKI: Jene konnten diesem Auto noch rechtzeitig beispringen. So hat wer erzählt?

SCHESTOW: Tscherepuchin.

WYSCHINSKI: Und Arnold?

SCHESTOW: Arnold erzählte die Sache später in gleichem Sinne.

WYSCHINSKI: Und die Schilderungen deckten sich?

SCHESTOW: Ja.

WYSCHINSKI: Gestatten Sie, eine Frage an Arnold zu richten. Angeklagter Arnold, haben Sie die Aussagen Schestows gehört? Stimmt das, was er ausgesagt hat?

ARNOLD: Die technische Ausführung ist nicht genügend geschildert...

WYSCHINSKI: An sich aber hat sich die Tatsache so zugetragen?

ARNOLD: Jawohl.

WYSCHINSKI: Das bestätigen Sie?

ARNOLD: Ja.

VORSITZENDER: Wir kehren zur Vernehmung des Angeklagten Muralow zurück.

MURALOW: Gestatten Sie, hinsichtlich der Erläuterungen Schestows. Ich will mich mit Schestow auf keine Diskussion darüber einlassen, ob kleiner Graben oder Schlucht...

WYSCHINSKI: Waren Sie persönlich an der Stelle, wo sich der kleine Graben befindet?

MURALOW: Nein, ich war nicht dort.

WYSCHINSKI: Sie haben sie also nicht gesehen?

MURALOW: Nein. Doch Schluchten gibt es in Prokopjewsk viel, Schlucht auf Schlucht, Hügel auf Hügel.

WYSCHINSKI: Wenn Sie die Stelle nicht gesehen haben, so können Sie nicht darüber streiten.

MURALOW: In eine Diskussion werde ich mich nicht einlassen.
Das zweite betrifft 1932 und die Behauptung Schestows in bezug auf den Anschlag auf Ordshonikidse. Ich erkläre kategorisch, dass das in das Gebiet von Schestows Phantasie gehört. Solche Weisungen habe ich nie gegeben.

WYSCHINSKI: Bringt er da Dinge durcheinander?

MURALOW: Ich weiß nicht, ob er Dinge durcheinander bringt, oder einfach phantasiert.

WYSCHINSKI: Gestatten Sie, an Schestow eine Frage zu richten. Angeklagter Schestow, haben Sie gehört: Muralow stellt Ihre Aussage in Abrede?

SCHESTOW: Ich bestehe auf das entschiedenste auf meinen Aussagen, umso mehr behaupte ich das, auch auf Grund dessen, dass ich von Sedow, von Pjatakow und Smirnow genaue Anweisungen bekommen habe, dass meine Tätigkeit ausschließlich unter Kontrolle Muralows vor sich gehen und dass ich von ihm praktische Anweisungen darüber erhalten soll, gegen wen die Terroranschläge zu verüben sind.

WYSCHINSKI (zu Schestow): Bestätigen Sie, dass Muralow Ihnen in bezug auf Molotow eine direkte Anweisung gegeben hat?

SCHESTOW: Ja, er hat im Juni 1933 eine direkte Anweisung gegeben, einen Terroranschlag auch gegen Ordshonikidse auszuführen.

WYSCHINSKI: Wurde diese Anweisung früher gegeben als die Anweisung über den Terroranschlag gegen Molotow?

SCHESTOW: Das war genau um ein Jahr früher.

WYSCHINSKI: Und was für eine Anweisung haben Sie nachher von Muralow erhalten und haben Sie mit ihm darüber, was Sie getan haben, gesprochen?

SCHESTOW: Ich sagte ihm, dass ich in Prokopjewsk eine fertige Terrorgruppe habe. Die Direktive Muralows habe ich an Tscherepuchin genau weitergegeben, der sie zur Richtschnur nahm. Und dann berichtete mir Tscherepuchin, dass er diesen Terroranschlag deswegen nicht ausgeführt habe, weil die Gruppe, die in der Grube „Koksowaja“ mit dem Revolver schießen sollte, schlapp machte und weil Ordshonikidse damals kein Auto benutzte.

WYSCIIINSKI: Es waren das zwei Varianten - entweder schießen oder durch das Auto?

SCHESTOW: Ja.

WYSCHINSKI: Sie erklären also gegenüber der kategorischen Erklärung Muralows, dass dem so war.

SCHESTOW: Ja, dem war so.

WYSCHINSKI: Und von drei Angeklagten haben Sie mit niemandem gesprochen?

SCHESTOW: Nein, ich hatte nur mit Tscherepuchin zu tun.

WYSCHINSKI: Angeklagter Muralow, bestätigen Sie das, was bezüglich der Organisierung des Anschlags auf den Genossen Molotow gesagt worden ist?

MURALOW: Ja.

WYSCHINSKI: In dieser Hinsicht bestehen zwischen Ihnen und Schestow keine Meinungsverschiedenheiten, das bestätigen Sie?

MURALOW: Ja.

WYSCHINSKI: Nachdem der Anschlag auf den Genossen Molotow misslungen war, hat Ihnen jemand davon Mitteilung gemacht, hat jemand über die Ursachen dieses Misserfolges Bericht erstattet und was haben Sie weiter getan?

MURALOW: Schestow hat Bericht erstattet, die Sache sei misslungen, nun, was sei da zu machen, misslungen ist eben misslungen. Im Weiteren organisierte ich eine Gruppe in Tomsk. Entweder war es so, dass Eiche inzwischen nicht hinkam oder sie waren nicht vorbereitet, mit einem Wort, die Sache blieb im Stadium der Vorbereitungen.

WYSCHINSKI: Ebenfalls im Stadium der Vorbereitung?

MURALOW: Ja, bei Kaschkin und Nikolajew. Was die Gruppen anbelangt, die Schestow leitete, so weiß ich, aufrichtig gesagt, nichts davon. Mir war die persönliche Zusammensetzung bekannt, zum Teil Chodorose in Nowosibirsk, doch beging diese Gruppe keinen einzigen Terroranschlag.

WYSCHINSKI: Aber vorbereitet hat sie einen solchen?

MURALOW: Sie bereitete einen gegen Eiche vor.

WYSCHINSKI: War Ihnen bekannt, dass zu dieser Zeit in andern Städten, namentlich in Moskau, auch andere Terroranschläge vorbereitet wurden?

MURALOW: Ich wusste, wie die allgemeine Einstellung war. Haben wir eine solche Direktive erhalten und wurde das aus dem Zentrum, dem vereinigten Zentrum bestätigt, so handelte offenbar auch das Parallelzentrum in diesem Sinne, doch die Zusammensetzung, sowie das, was in den andern Städten vorging, war mir unbekannt. Ich weiß nicht, ob die Mitglieder des sibirischen Zentrums davon wussten. Ich wusste von diesen Gruppen nichts, weder was die Personen anbelangt, noch organisatorisch.

WYSCHINSKI: In welchen Jahren sind Sie mit Pjatakow zusammengekommen?

MURALOW: Ende 1927, als man uns auf dem Parteitag ausschloss, trennte ich mich von ihm und traf ihn nachher zum ersten Mal 1934 und dann 1935. Außerdem habe ich ihn nicht getroffen und nicht gesehen.

WYSCHINSKI: Als Sie mit Pjatakow zusammenkamen, hat er Ihnen da von seiner terroristischen Tätigkeit etwas mitgeteilt?

MURALOW: Einzelheiten hat er mir nicht mitgeteilt.

WYSCHINSKI: Einzelheiten nicht, aber im Allgemeinen hat er davon gesprochen?

MURALOW: Im Allgemeinen sagte er, dass ein solcher Beschluss besteht und dass Gruppen organisiert werden. Aber ich wusste bereits von Iwan Nikititsch, dass sich mit dieser speziellen Frage Dreitzer befasst.

WYSCHINSKI: Das wussten Sie?

MURALOW: Das wusste ich.

WYSCHINSKI: Und wer Dreitzer ist, das wussten Sie auch?

MURALOW: Dreitzer kannte ich auch. Er war Militär.

WYSCHINSKI: Erzählen Sie bitte, sind Sie nach dem Mord an Sergej Mironowitsch Kirow mit Pjatakow zusammengekommen?

MURALOW: Jawohl.

WYSCHINSKI: In Moskau?

MURALOW: In Moskau.

WYSCHINSKI: Und haben Sie nicht über den Mord an Sergej Mironowitsch Kirow gesprochen?

MURALOW: Wir haben darüber gesprochen. Wir sprachen über den Eindruck, den dieses Attentat auf alle gemacht hat, sowie darüber, dass die Direktive immerhin ausgeführt werde: ein Mensch sei schon beiseite geschafft.

WYSCHINSKI: Einer sei beiseite geschafft!
Und hat Pjatakow nicht gesagt, dass jetzt die Reihe an den übrigen sei?

MURALOW: Wer von den übrigen an die, Reihe käme, davon hat er nicht gesprochen, sondern im Gegenteil gesagt, dass das organisiert geschehen müsse. Überhaupt sprachen wir nicht davon, ob die Sache der Reihe nach oder auf einmal geschehen müsse, sprachen aber jedenfalls davon, dass man sich gut vorbereiten müsse, ja er machte mir in dieser Hinsicht Vorhaltungen und meinte, man dürfe nicht, nach Soldatenart, schnurstracks drauflosgehen, sondern müsse vorsichtig, organisiert vorgehen usw.

WYSCHINSKI: Vorsichtig, organisiert, aber handeln müsse man?

MURALOW: Ja.

WYSCHINSKI: In der Voruntersuchung bei Ihrer Vernehmung in der Staatsanwaltschaft der Union sagten Sie folgendes aus: Ich bitte mir zu gestatten, aus dem Band XXV, Blatt 109, zu verlesen: „1934 nach dem Mord an Sergej Mironowitsch Kirow traf ich mich in Moskau mit Pjatakow, der in einer Unterredung mit mir erklärte: „Einen, der nach dem Plan vorgesehen war, hat man bereits erledigt. Jetzt sind die andern an der Reihe, aber nur keine Hitzköpfigkeit.“
Stimmt das?

MURALOW: Ich bestätige das, ich habe das gesagt.

WYSCHINSKI: Also so ist das gesagt wahr.

MURALOW: Meiner Ansicht nach gibt es in dem, was ich gesagt habe, keine Widersprüche.

WYSCHINSKI: Widersprüche gibt es nicht, doch das zur Präzisierung.

MURALOW: Dort ist nur das Wort „Plan“ da. Aber er ist eben Planfachmann.

WYSCHINSKI: Das spielt eine gewisse Rolle. Das bestätigen Sie?

MURALOW: Ja, ich bestätige es.

WYSCHINSKI: Ich habe eine Frage an Pjatakow. Angeklagter Pjatakow, was sagen Sie hierzu?

PJATAKOW: Im Allgemeinen sind die Aussagen Muralows sehr genau. Die Worte, nun das ist seine eigenartige Terminologie, das ist seine Ausdrucksweise. An sich aber stimmt es. Es handelte sich gerade darum, worüber ich ausgesagt habe, nämlich, dass es hier nicht um einzelne Tatsachen, sondern um eine organisierte Vorbereitung geht.

WYSCHINSKI: Es geht nicht um die Worte, sondern das ist bereits ein anderer Inhalt. Hier wurde gesagt, dass einer, der nach dem Plan vorgesehen war, bereits erledigt worden sei. Es handelte sich um den verruchten Mord an Sergej Mironowitsch Kirow. Angeklagter Muralow, stimmt das?

MURALOW: Ich verbürge mich nicht für die Genauigkeit der Worte, doch der Sinn war dieser.

WYSCHINSKI: Wenn man sich nicht an Worte klammert, was war dann der Sinn?

MURALOW: Dass Kirow einer der Vier war, hinsichtlich deren Trotzki Weisungen erteilt hatte, und dass die Organisierung des einen Mordes aus diesem Programm ausgeführt ist.

WYSCHINSKI (zu Pjatakow): Das war der Gedanke?

PJATAKOW: An sich ist das richtig wiedergegeben.

WYSCHINSKI: Es kommt nicht auf die Ausdrucksweise an. Der Sinn besteht darin, dass bestimmte Personen ins Auge gefasst waren, dass von denen, die ins Auge gefasst waren, einer schon ermordet worden ist.

PJATAKOW: Ich gebe ganz genau wieder, worüber ich mit Muralow gesprochen habe, worüber ich mit Radek gesprochen habe - nämlich, von der Notwendigkeit, auf individuelle Anschlage zu verzichten und zur Vorbereitung organisierter Anschläge überzugehen, der einzelne somit nicht selbständig handeln soll.

WYSCHINSKI: Sie stellen also in Abrede, was Ihnen Muralow zuschreibt?

PJATAKOW: An sich bestätige ich das, was Muralow gesagt hat. Was diese oder jene Sätze anbelangt, so stelle ich diese Sätze in Abrede.

WYSCHINSKI: Ich bestehe nicht auf einzelnen Worten. Mir kommt es auf den von Ihnen ausgesprochenen Gedanken an. Heute haben wir 1937, und das war 1934.

PJATAKOW: Es war 1935.

WYSCHINSKI: Es ist eine ziemliche Zeit verflossen und Worte konnten dem Gedächtnis entschwinden. Wann war das?

PJATAKOW: Es war 1935.

VORSITZENDER: Es war Ende 1934.

WYSCHINSKI: Am 1. Dezember 1934 wurde der ruchlose Mord an Genossen Kirow begangen. Folglich war das entweder im Dezember, d. h. Ende 1934 oder im Januar 1935. Er sagte, dass man den einen schon erledigt habe, einen der im Plan vorgesehen war, bereits beiseite geschafft habe und dass jetzt die übrigen an der Reihe seien und fügte hinzu, es dürfe nur keine Hitzköpfigkeit geben. Stimmt das, Angeklagter Muralow?

MURALOW: Ja, das stimmt. Dass er sagte, es dürfe keine Hitzköpfigkeit geben, man müsse organisiert einen breit angelegten Terror betreiben, das stimmt.

WYSCHINSKI: Ich habe keine weiteren Fragen an Pjatakow. Angeklagter Muralow, wurde auch davon gesprochen, dass man organisiert vorgehen müsse?

MURALOW: Jawohl.

WYSCHINSKI: Und wurde nicht davon gesprochen, dass der Terror überhaupt keine Ergebnisse zeigte, wenn man nur einen ermordet, während die übrigen bleiben, und dass es daher mit einem Schlag zu handeln gelte.

MURALOW: Ich wie Pjatakow fühlten, dass man mit den partisanenmäßigen Methoden der Sozialrevolutionäre nicht vorgehen könne. Man müsse die Sache so organisieren, dass sofort eine Panik hervorgerufen werde. Darin, dass in den Parteispitzen Panik und Kopflosigkeit hervorgerufen werden wird, erblickten wir eine der Methoden, an die Macht zu gelangen.

WYSCHINSKI: Was empfahl Ihnen denn Pjatakow?

MURALOW: Er fragte mich: „Wie steht es bei Ihnen?“ Ich sagte ihm, die Sache steht so und so. Nun fragte ich: „Und was ist bei Ihnen los?“ - “Nichts Besonderes.“ Da sagte ich: „Ist bei Ihnen nichts los, so ist auch bei uns nichts los.“ Da sagte er mir dann, dass man nicht nach Soldatenart handeln dürfe, sondern die Sache organisieren müsse. Es dürfe nicht dazu kommen, dass wir mit einem Schlag auffliegen, es sei Konspiration geboten, es dürfe doch nicht Pjatakow selber die terroristischen Anschläge begehen, sondern es müssten dies irgendwelche Personen sein, die die Spuren irgendwie zu verwischen vermögen. Die Unterhaltung darüber war kurz.

WYSCHINSKI: Sie war kurz, aber der Sinn ist ziemlich weitgehend.

VORSITZENDER: In welcher Weise haben Sie, Angeklagter Muralow, die schriftliche Verbindung mit Sedow unterhalten?

MURALOW: Die schriftliche Verbindung mit Sedow wurde durch Schestow unterhalten. Als Schestow in Berlin war, traf er sich mit Sedow und brachte von ihm einen Brief mit. Den zweiten Brief brachte der Ingenieur Seidmann, Mitglied der Partei, ein verkappter Trotzkist, der ebenfalls im Auslande war und sich mit Sedow getroffen hatte. Den dritten Brief erhielt ich ebenfalls unter Mitwirkung Schestows, der irgendeinem deutschen Fachmann den Auftrag dazu erteilt hatte.

VORSITZENDER: Was für einem Fachmann?

MURALOW: Ich weiß es nicht.

VORSITZENDER: Welche Rolle spielte dieser deutsche Fachmann?

MURALOW: Das weiß ich nicht. Ich sandte chiffrierte Briefe, informierte...

VORSITZENDER: Ich frage nicht nach dem Inhalt. Mich interessiert die Technik der Absendung von Briefen aus Nowosibirsk nach Berlin und umgekehrt.

MURALOW: Ich übergab die Briefe an Schestow. Den dritten Brief, den ich erhielt, brachte ein Fachmann mit.

VORSITZENDER: Ein Fachmann? In welchem Fach?

MURALOW: Es war ein Bergbaufachmann, der im Kusnetzkrevier arbeitete.

VORSITZENDER: Sie sagen, dass Schestow mit deutschen Fachleuten in Verbindung stand, die oft nach Berlin fuhren. Ich möchte klarlegen, von welchen deutschen Fachleuten die Rede ist, und welche Rolle sie bei der Handhabung der Verbindung zwischen Ihnen und Sedow spielten?

MURALOW: Ich schickte die ganze Korrespondenz über Schestow. VORSITZENDER: Und Sie haben sich nicht dafür interessiert, wie Schestow die Zustellung dieser Briefe sichert, ob diese Briefe ankommen?

MURALOW: Nach den Antworten zu urteilen, die ich erhielt, kamen meine Briefe an.

VORSITZENDER: Wer brachte denn diese Briefe ins Ausland und umgekehrt: Schestow oder andere Personen?

MURALOW: Andere Personen.

VORSITZENDER: Schestow war nur eine übermittelnde Instanz?

MURALOW: Ja, er übermittelte nur.

VORSITZENDER: Und wer fuhr nach Berlin mit diesen Briefen und wer brachte die Briefe aus Berlin mit? Gab es da Mittelsmänner?

MURALOW: Mittelsmänner hat es nicht gegeben. Es waren Leute auf Dienstreisen.

VORSITZENDER: Was für Dienstreisen machten sie?

MURALOW: Dienstreisen nach dem Kusnetzkrevier.

VORSITZENDER: Aus welchem Anlass fuhren sie hin?

MURALOW: Ich weiß es nicht.

VORSITZENDER: Und als Sie von diesen deutschen Fachleuten erfuhren, interessierten Sie sich da nicht dafür, was diese deutschen Fachleute mit der trotzkistischen Organisation im Kusnetzkrevier zu tun haben?

MURALOW: Ich betrachtete das als eine einfache Beförderungsgelegenheit. Schestow verbürgte sich, dass er alles tun werde, damit diese Briefe die Adressaten erreichen.

VORSITZENDER: Schestow verbürgte sich, dass die deutschen Fachleute alle diese Briefe an den Bestimmungsort bringen werden.

MURALOW: Ja.

VORSITZENDER: Und warum haben diese deutschen Fachleute die Funktion von Briefträgern übernommen?

MURALOW: Das weiß ich nicht. Seidmann ist kein deutscher Fachmann sondern ein russischer.

VORSITZENDER: Angeklagter Schestow, sagen Sie kurz, von welchen deutschen Spezialisten Sie Muralow erzählt haben.

SCHESTOW: Ich sprach von Spionen, - Diversanten.

VORSITZENDER: Warum beförderten diese deutschen Spezialisten Muralows Briefe an Sedow und umgekehrt?

SCHESTOW: Es war Muralow gut bekannt, als ich ihm zum ersten Mal über meine Verhandlungen mit Sedow Bericht erstattete, so wie auch aus meinen späteren wiederholten Mitteilungen, dass ich eine Vereinbarung mit der deutschen Firma „Dehlmann-Fröhlich-Klüpfel“ eingegangen bin, dass ich eine Vereinbarung mit dem Direktor dieser Firma getroffen habe und dass einer der Punkte dieser Vereinbarung in der tadellosen Zustellung der Post aus Westsibirien an meinen Chef Leo Sedow und umgekehrt an mich unter meinem Decknamen „Aljoscha“ bestand.

VORSITZENDER: Auf welche Weise setzten Sie sich mit dem deutschen Spezialisten in Verbindung, die im Kusnetzker Becken arbeiteten? Welcher Treffpunkt wurde angegeben? Warum haben diese Spezialisten Ihre Aufträge ausgeführt?

SCHESTOW: Sie haben meine Aufträge ausgeführt, weil ich, wie ich bereits aussagte, eine Vereinbarung mit dieser Firma getroffen hatte. Zweitens war Vertreter dieser Firma noch vor meiner Rückkehr aus Berlin der Ingenieur Stroilow. Nach meiner Ankunft setzte ich mich mit dem Ingenieur Stroilow in Verbindung und zog ihn zur Diversions-, Unterwühlungs- und Zerstörungstätigkeit heran.

VORSITZENDER: Kennen Sie die Namen dieser ausländischen Spezialisten, die sich mit der Überbringung von Briefen beschäftigten?

SCHESTOW: Ja.

VORSITZENDER: Gut, darüber werden Sie ausführlicher sprechen, wenn man Sie verhören wird. Jetzt interessiert mich folgendes: War Muralow bekannt, dass gewisse deutsche Spezialisten sich mit der Beförderung seiner Briefe an Sedow, und umgekehrt, befassten?

SCHESTOW: Unbedingt.

VORSITZENDER: Haben Sie Muralow die Namen dieser Spezialisten genannt?

SCHESTOW: Ich sagte ihm, dass die Ankunft eines Spions und Diversanten bevorstehe.

VORSITZENDER: Aber den Namen haben Sie ihm nicht genannt?

SCHESTOW: Nein.

VORSITZENDER: So dass er sie nicht kannte und persönlich mit ihnen nicht zusammenkam?

SCHESTOW: Nein.

VORSITZENDER: Und haben diese deutschen Spezialisten Sie kein einziges Mal aufsitzen lassen? Haben sie alle Ihre Aufträge ausgeführt?

SCHESTOW: Ja, sie haben sie genau ausgeführt.

VORSITZENDER: Angeklagter Muralow, ist Ihnen bekannt, welche Arbeit Drobnis und Norkin im Chemischen Kombinat in Kemerowo und in den Kohlengruben betrieben haben? Worin bestand ihre Diversionstätigkeit?

MURALOW: Da Drobnis dem westsibirischen Zentrum angehörte, so informierte er natürlich das Zentrum, darunter auch mich. Er hat das meiner Ansicht nach heute in der Gerichtsverhandlung erzählt.

VORSITZENDER: Er hat das freilich erzählt, doch mich interessiert, ob Ihnen seine Arbeit bekannt war. Sie saßen doch nicht umsonst da als Leiter des westsibirischen trotzkistischen Zentrums.

MURALOW: Sie war mir bekannt.

VORSITZENDER: Ist Ihnen bekannt, dass die Trotzkisten in dem Bergwerk von Kemerowo die Gruben vergast und ganz unerträgliche Arbeitsbedingungen geschaffen haben?

MURALOW: Drobnis saß im Chemischen Kombinat, das ist ein Trust für sich. Die Bergwerke aber sind in einem andern Trust.

VORSITZENDER: Das weiß ich. Ich spreche von dem Bergwerk in Kemerowo.

MURALOW: Dass dort der Kurs auf die Vergasung der Zentralgrube eingeschlagen wurde, davon wusste ich nichts und Drobnis hat davon nichts berichtet. Das geschah zur Zeit, als ich bereits im Gefängnis saß.

VORSITZENDER: In einer Ihrer Aussagen ist der Satz enthalten: „In dem Bergwerk von Kemerowo haben die Trotzkisten die Grubenanlagen vergast und unerträgliche Bedingungen für die Arbeiter geschaffen.“

MURALOW: Das wurde mir, als ich im Gefängnis saß, bekannt, als das Resultat der gesamten trotzkistischen Unterwühlungsarbeit.

VORSITZENDER: Unter Führung von Drobnis und Norkin haben die im Chemischen Kombinat von Kemerowo arbeitenden Trotzkisten aktive Schädlingsarbeit entfaltet. Stimmt das?

MURALOW: Das stimmt.

VORSITZENDER: Geschah das unter Führung von Drobnis?

MURALOW: Ja. Ich wurde so informiert.

VORSITZENDER: Sie, d. h. Drobnis und Norkin, haben den Bau der wichtigsten Betriebsabteilungen aufgehalten. Darüber haben Drobnis und Norkin Sie informiert?

MURALOW: Nur Norkin.

VORSITZENDER: Doch dass die Schädlingsorganisation in Kemerowo tätig war, war Ihnen bekannt?

MURALOW: Ja.

VORSITZENDER: Waren Ihnen zu dem Zeitpunkt, als Sie das westsibirische Zentrum leiteten, die wichtigsten Schädlingsaktionen der Trotzkisten in den Gruben von Kemerowo bekannt?

MURALOW: Davon weiß ich nichts.

VORSITZENDER: Doch dass im Bergwerk von Kemerowo eine Gruppe bestand, die Schädlingsarbeit betreibt, war Ihnen bekannt?

MURALOW: Von Drobnis.

VORSITZENDER: Also hat Ihnen Drobnis davon erzählt, Sie aber kannten die Zusammensetzung dieser Gruppe nicht?

MURALOW: Nein.

VORSITZENDER: Konkret gesprochen, was haben jene Leute dort getan?

MURALOW: Was sie dort getan haben, als Norkin dort war, weiß ich nicht.

VORSITZENDER: Was ist Ihnen bekannt von der Schädlingsarbeit an der Omsker und. Tomsker Eisenbahn zu der Zeit, als Sie in Westsibirien waren?

MURALOW: Mir ist nur bekannt, was Boguslawski sagte. Er berichtete, dass er sich bemühe, Verkehrsstauungen auf den Stationen herbeizuführen.

VORSITZENDER: Auf welchen?

MURALOW: Auf der Station Eiche auf der Nowosibirsker Strecke, dann wurden Lokomotiven vorzeitig betriebsunfähig gemacht.

VORSITZENDER: In Ihren Aussagen heißt es: „Boguslawski, der mit der trotzkistischen Organisation im Eisenbahnwesen in Verbindung stand, informierte mich darüber, dass die im Eisenbahnwesen arbeitenden Trotzkisten von den Direktiven unseres Sibirischen Zentrums ausgehend, Lokomotiven betriebsunfähig machten, den Fahrplan durchkreuzten, auf den Stationen Stockungen herbeiführten und dadurch die Beförderung dringender Gütersendungen aufhielten. Stimmt das?

MURALOW: Das stimmt.

VORSITZENDER: Und in der letzten Zeit hat Boguslawski beim Bau der Linie Eiche-Sokol Schädlingsarbeit betrieben?

MURALOW: Ja.

VORSITZENDER: Und im Ergebnis wurde der Bau zum Stillstand gebracht?

MURALOW: Ja.

VORSITZENDER (zum Staatsanwalt): Haben Sie Fragen?

WYSCHINSKI: Wann wurden Sie verhaftet?

MURALOW: Am 17. April 1936.

WYSCHINSKI: Vor dem 17. April 1936 waren Sie seit Ihrer Ankunft in Nowosibirsk niemals verhaftet?

MURALOW: Nein, kein einziges Mal.

WYSCHINSKI: Aber Sie haben diese ganze Zeit hindurch trotzkistische Arbeit geleistet?

MURALOW: Ich sagte, dass diese Arbeit im Jahr 1929 unterbrochen wurde, als ein Teil verhaftet wurde, ein anderer Teil, wie Radek, Boguslawski, Sumezki kapitulierte, und gar keine Arbeit geleistet wurde.

WYSCHINSKI: Und dann?

MURALOW: Dann wurde sie 1931 wieder aufgenommen.

WYSCHINSKI: Was bewog Sie zum Kampf gegen die Sowjetmacht in so scharfen Formen, wie es die Organisierung von Terrorakten ist?

MURALOW: Als Beginn meines Sündenfalls ist der Augenblick zu betrachten, wo ich das erste Dokument gegen die Partei unterzeichnete. Das war die Erklärung der 46 im Jahre 1923. Damit begann der Sündenfall, das führte mich zur trotzkistischen Organisation, zum Ausschluss aus der Partei und Verschickung nach Westsibirien. Da hatte ich natürlich das Gefühl der Kränkung wegen meiner Person und wegen der andern, ich war sozusagen verbittert.

WYSCHINSKI: Und das war die Hauptursache Ihrer weiteren Arbeit?

MURALOW: Nein, das möchte ich nicht sagen. Meine Nichtübereinstimmung, für mich als Politiker standen politische Differenzen an erster Stelle und nicht persönliche.

WYSCHINSKI: Ihre politischen Anschauungen werden durch Ihre Zugehörigkeit zum Trotzkismus bestimmt.

MURALOW: Ja. Es sind die, die in der bekannten dem XV. Parteitag vorgelegten Plattform dargelegt wurden.

WYSCHINSKI: Und auf dieser Basis verharrten Sie bis zur allerletzten Zeit, und da Sie auf diesen politischen Positionen verharrten, führten Sie den Kampf?

MURALOW: Ja.

WYSCHINSKI: Mich interessiert, warum Sie sich entschlossen haben, wahrheitsgemäße Aussagen zu machen. Beim Studium des Untersuchungsmaterials habe ich festgestellt, dass Sie während einer ganzen Reihe von Verhören Ihre illegale Arbeit geleugnet haben. Stimmt das?

MURALOW: Ja. Bis zum 5. Dezember, acht Monate lang.

WYSCHINSKI: Warum haben Sie sich schließlich entschlossen, wahrheitsgemäße Aussagen zu machen und haben sie gemacht? Legen Sie die Motive dar, aus welchen heraus Sie sich entschlossen haben, alles auszupacken, wenn Sie in der Tat alles ausgepackt haben?

MURALOW: Hier gibt es meiner Ansicht nach drei Ursachen, die auf mich hemmend einwirkten und mich bewogen haben, alles zu leugnen.

Die eine Ursache ist politischer Natur und höchst ernst. Zwei sind ausschließlich persönlicher Natur. Ich beginne mit der am wenigsten wichtigen, mit meinem Charakter. Ich bin sehr hitzig, fühle mich sehr leicht gekränkt, das ist die erste Ursache. Als man mich ins Gefängnis brachte, wurde ich verbittert, fühlte ich mich gekränkt.

WYSCHINSKI: Welche Rohheit wurde denn an Ihnen begangen?

MURALOW: Man beraubte mich der Freiheit.

WYSCHINSKI: Vielleicht wurden aber Ihnen gegenüber irgendwelchen rohen Methoden angewandt?

MURALOW: Nein, solche Methoden hat es nicht gegeben. Ich muss erklären, dass man mich in Nowosibirsk und hier höflich behandelte und keine Erbitterung hervorrief, dass man sehr wohlerzogen und kultiviert mit mir umging.

WYSCHINSKI: Doch die Tatsache der Verhaftung selbst?

MURALOW: Statt anderer Methoden ergriff man mich und setzte mich ins Gefängnis. Mein Charakter ist eben so.

WYSCHINSKI: Sie haben es nicht gern, wenn man Sie ins Gefängnis setzt.

MURALOW: Ich habe es nicht gern. Die zweite Ursache ist ebenfalls persönlicher Art. Das ist meine Anhänglichkeit an Trotzki. Als er Volkskommissar und ich Befehlshaber des Moskauer Militärbezirks war. Und dann - politische Dinge! Eine ganze Gruppe meiner Genossen stand zur Partei in Opposition, die Mehrzahl solcher autoritativer Genossen, die ich sehr gut kannte, wie I. N. Smirnow, den ich sehr schätzte, und W. N. Jakowlewa, die ich für eine sehr kluge Frau hielt, und so eine ganze Reihe von Leuten, die sich mit Trotzki solidarisierten. Natürlich beteiligte auch ich mich an dieser Geschichte und ich kam mit ihm während der Arbeit in Berührung und stimmte mit ihm nicht nur politisch überein, sondern es bestanden auch freundschaftliche Beziehungen. Das war der zweite Umstand, der mich sozusagen in seinem Banne hielt. Ich hielt es für moralisch unzulässig, an Trotzki Verrat zu üben, obwohl ich die Direktive über Terror und Zerstörungen nicht für richtig hielt. Das nagte die ganze Zeit hindurch an mir. Ich war der Ansicht, dass das falsch ist. Hier wirkten sowohl freundschaftliche Beziehungen, wie politische Erwägungen mit. Das dritte Moment ist, dass es, wie Sie wissen, bei jeder Sache Überspannungen gibt.
Und da dachte ich mir: Wenn ich weiter Trotzkist bleibe, um so mehr als die andern sich abkehrten, die einen ehrlich, die anderen unehrlich, jedenfalls waren sie nicht das Banner der Konterrevolution - da werde ich nun als „Held“ dastehen. Werde ich weiter so bleiben, so kann ich zum Banner der Konterrevolution werden. Das erschreckte mich ungeheuer. Während vor meinen Augen die Kader, Industrie und Volkswirtschaft wuchsen... Ich bin kein Blinder und kein solcher Fanatiker.
Und ich sagte mir, fast im achten Monat, dass ich mich den Interessen jenes Staates unterordnen muss, für den ich 23 Jahre lang gekämpft habe, für den ich mich in drei Revolutionen aktiv geschlagen habe, wo mein Leben Dutzend Mal an einem Haar hing.
Wie soll ich nun dableiben und diese Sache fortsetzen und vertiefen? Mein Name wird als Banner für jene dienen, die noch in den Reihen der Konterrevolution stehen. Für mich war das das Ausschlaggebende und ich sagte mir: schön, ich gehe hin und sage die ganze Wahrheit aus. Ich weiß nicht, ob meine Antwort Sie befriedigt hat oder nicht.

WYSCHINSKI: Es gibt keine Perspektiven im Kampfe?

MURALOW: Die Gefahr, auf diesem Standpunkt zu verharren, ist Gefahr für den Staat, für die Partei, für die Revolution.

WYSCHINSKI: Alles ist klar. Ich habe keine weiteren Fragen.

VORSITZENDER: Hat die Verteidigung keine Fragen?

DIE VERTEIDIGER: Nein.

VORSITZENDER: Die Verhandlung wird für zwanzig Minuten unterbrochen.

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