PROZESSBERICHT ÜBER DIE STRAFSACHE
DES SOWJETFEINDLICHEN
TROTZKISTISCHEN ZENTRUMS

VORMITTAGSSITZUNG VOM 26. JANUAR 1937

VERHÖR DES ANGEKLAGTEN STROILOW

VORSITZENDER: Angeklagter Stroilow, bestätigen Sie die Aussagen, die Sie in der Voruntersuchung, sowie in der Sondersession des Militärkollegiums des Obersten Gerichtshofes im November gemacht haben?

STROILOW: Ja.

WYSCHINSKI: Können Sie Ihren gestrigen Aussagen etwas hinzufügen?

STROILOW: Ich wurde für zwei Jahre nach Deutschland geschickt und bekleidete die Stelle des Oberingenieurs der Bergbausektion des technischen Büros der Handelsvertretung.
Im Zusammenhang mit dieser Stellung besuchte ich viele Betriebe, Maschinenbauwerke, Gruben, Ausstellungen usw. Deshalb hat mich eine verhältnismäßig große Anzahl von Leuten gekannt. Außerdem wurde mir im Laufe eines halben Jahres die Aufgabe auferlegt, technische Fachleute für die UdSSR anzustellen. Die Arbeit bestand darin, ihre technischen Kenntnisse zu prüfen und auf Grund dessen den Ort zu bestimmen, wo sie in der UdSSR tätig sein sollten. Auf diese Weise gingen etwa 250 Personen durch meine Hände, aufgenommen wurden jedoch etwa 70. Auf Grund dieser zwei Tatsachen muss man zu dem Schluss gelangen, dass mich im Ruhrgebiet, in Schlesien und Sachsen manche Firmenvertreter und Vertreter von Ingenieurvereinen kannten.
Außerdem musste ich - obwohl dies nicht zur Funktion unseres technischen Büros gehörte, dem die technische Hilfe für die Union oblag und das gleichzeitig die Basis für die Hebung der Qualifikation war - auf Anforderung der Importabteilung der Handelsvertretung, die sich an uns wandte, einzelne technische Konsultationen über Maschinen, die in Deutschland bestellt wurden, abgeben.
Ich erteilte eine Reihe von Konsultationen und daher kannte mich eine Reihe von Firmen, die ich hier nicht alle aufzählen werde, da es viele waren. Ich spreche darüber aus dem Grunde, weil offenkundig meine Besuche dieser Betriebe derart waren, dass man mich als Ingenieur kannte.
Die Sache begann allmählich mit meiner Bekanntschaft mit von Berg, den ich gestern flüchtig erwähnt habe; es ist schwer zu sagen, welche bestimmte Firma von Berg vertrat, er sagte, aber, dass er in Deutschland alle kennt. Er sprach glänzend russisch, weil er in der Zeit vor der Revolution, 15-20 Jahre in Rußland, in Petersburg lebte. Dieser Mensch. war mehrere Male im technischen Büro und hatte mit mir Gespräche in dienstlichen Angelegenheiten. Im Besonderen in der Frage der harten Legierungen, die von der Firma Walram hergestellt wurden.
Ich erwähnte gestern, dass während einer Fahrt zur Besichtigung der Herstellung dieser Legierungen im Laboratorium und im Betrieb und ihrer Anwendung in den Bergwerken, wodurch ein großer Effekt erzielt wurde, ein Gespräch mit Berg über die Fragen unseres Aufbaus stattfand. Damals empfahl mir Berg, der sowohl an unserem Aufbau als auch an allem anderen zweifelte, die Lektüre des Buches von Trotzki, wovon ich ebenfalls gesprochen habe. Offenkundig kannte man auch Berg, denn beim Besuch von Firmen, als man darauf hinwies, dass ich schon so manches getan habe, wies man auch auf meine bei weitem nicht sowjetischen Stimmungen hin, da ich Trotzkis Buch „Mein Leben“ gelesen habe. Daraus schloss ich, dass Berg Informator für eine Reihe anderer Organe war.
Ich hatte. ein Gespräch mit Berg über die Fragen unseres Aufbaues. Berg empfahl mir, Trotzkis Buch zu lesen, was ich gestern bereits erzählt habe.
Als ich Ende November, Anfang Dezember 1930 in der UdSSR war, war dieser Berg ebenfalls in Moskau. Er bat mich eindringlich telephonisch, ich möge zu ihm kommen. Ich ging nicht hin. Daraufhin bat er mich, ihm eine Postkarte mit der Mitteilung zu schicken, wann ich nach Deutschland zurückkommen werde, was ich auch getan habe. Nach meiner Rückkehr nach Deutschland sah ich Berg mehrere Male. In einem unserer Gespräche sagte er, dass es in der UdSSR bekannt sei, dass ich den Firmen „Walrain“ und „Eickhof“ gewisse Hilfsdienste leistete. Beim zweiten Gespräch fügte er hinzu, dass man offenbar mir nachspürt, und dass man in der UdSSR von meinen sowjetfeindlichen Gesprächen wisse, so dass ich daher in Deutschland bleiben müsse.
Ende März 1931 setzte ich mich mit Wüster in Verbindung, den von Berg mir als Mann empfohlen hatte, der mir eine Reise nach der Tschechoslowakei und nach Frankreich, zwecks Klarstellung der Fragen des Abbaus von mächtigen Kohlenflözen organisieren werde. Wüster sagte mir: „Das lässt sich machen, da Sie aber kein Deutscher sind, ist irgendein schriftlicher Beweis dafür nötig, dass Sie unser Mann sind und mich nicht hereinlegen werden“. Ich gab ihm das Dokument, von dem ich bereits gesprochen habe, das heißt mein Einverständnis, nicht in die UdSSR zurückzukehren, sondern in Deutschland zu bleiben, um mit ihnen zusammenzuarbeiten und ihre Aufträge auszuführen. In drei bis vier Tagen, das war am 2. April, fuhr ich zu ihm in die Armstraße, ich glaube Nummer 59, zweite Etage. Wüster sagte mir: „Es kann keine Rede davon sein, dass man Sie in Deutschland lässt oder dass Sie Frankreich und die Tschechoslowakei besuchen.“ Ich muss gestehen, dass ich verblüfft war und ihm sagte, dass das einfach ehrlos ist. Er antwortete mir: „Hier liegt keinerlei Ehrlosigkeit vor. Sie haben ein persönliches Schreiben gegeben und daher müssen Sie unsere Aufträge ausführen, wie Sie sich verpflichtet haben, Herr Stroilow. Er erklärte mit erhobener Stimme, dass er jetzt nicht im eigenen Namen, sondern im Namen jener politischen Kreise spreche, die eines von beiden machen können: entweder mich auf Grund einer Reihe von Angaben über meine angebliche Agitation ins deutsche Gefängnis zu bringen, oder aber auf Grund dieses Schreibens ins Sowjetgefängnis. Ich war einverstanden, die Weisungen Wüsters auszuführen, d. h. einfach gesagt, Verräter zu werden. In derselben Unterredung verwies er darauf, dass meine nächsten Aufgaben darin bestehen, den deutschen Fachleuten, namentlich aber jenen zu helfen, die sich mit der vereinbarten Parole „Gruß von Wüster“ an mich wenden werden, damit ich ihnen jedwede Hilfe bei ihrer Verteilung auf bestimmte Stellen in der UdSSR angedeihen lasse und ihnen bei ihrer Arbeit behilflich sei, ohne auf technische Mängel zu achten.
Er wies mich weiter an, dass ich Maßnahmen zu treffen habe, um die Entwicklung der Steinkoh Lenin dustrie in der UdSSR zu hemmen. Einfach gesagt, war das eine Direktive zur Schädlingsarbeit.
Am 11. April traf ein Telegramm ein, das mich nach der UdSSR abberief.
In Nowosibirsk wurde ich zuerst zum stellvertretenden Leiter der Verwaltung für Rationalisierung und Schürfarbeiten, im Jahre 1932 aber zum Leiter dieser Verwaltung ernannt. Etwa zwei Monate später begannen sich bei mir einige von den deutschen Fachleuten mit der verabredeten Parole einzustellen. Bis Ende 1934 hatten sich sechs Leute an mich gewandt: Sommeregger, Wurm, Baumgartner, Maaß, Hauer und Flessa. Diese Agenten des Spionagedienstes waren, wie ich mich des Weiteren überzeugte, auf die ausschlaggebendsten Stellen verteilt. Im August knüpfte einer derselben ein Gespräch über eine offizielle Persönlichkeit an...
Anfangs 1931 sagte er, dass diese offizielle Persönlichkeit mich kenne. Ungefähr 1½ Monate später, im April 1931 wurde mir gesagt, dass diese offizielle Persönlichkeit mich grüßen lasse und bitte, jene Verpflichtungen nicht zu vergessen, die ich übernommen habe. Auf diese Weise zog sich um mich noch eine zweite Schlinge zusammen. Die Direktiven von dieser offiziellen Persönlichkeit unterschieden sich kaum von den Direktiven Wüsters. Das war gleichsam ein Antreiben.
An Wüster schickte ich drei Informationen. Als Antwort hierauf erhielt ich Direktiven.

WYSCHINSKI: Was für Direktiven erhielten Sie?

STROILOW: Konterrevolutionäre, Zerstörungsdirektiven.
Meine erste, durch den Ingenieur Flessa abgesandte Information vom Januar 1932, in der über den ungeheuren Aufbauplan im Kusnetzkrevier berichtet wurde, war im Grunde genommen Spionage. Im August kehrte Flessa zurück und sagte, Wüster verlange, dass ich an die Schaffung von Organisationen aus konterrevolutionär gesinnten Fachleuten schreite. Im Jahre 1933 berichtete ich Wüster durch Sommeregger, dass ich bereits an die Schaffung einer Organisation geschritten sei.
Im Jahre 1934, etwa im Juni, ließ ich durch Sommeregger, der auf Urlaub fuhr, mitteilen, wie viel Fachleute aus der Reihe der Sowjetbürger zur konterrevolutionären Organisation herangezogen wurden, welche Bergwerke erfasst worden sind, und teilte mit, dass Inbetriebsetzung der Gruben und Meisterung des Grubenbetriebs Schädlingsformen annehmen. Darauf erfolgte die Weisung, zu entschiedenen Schädlings-, zu Zerstörungshandlungen überzugehen.
Was die Diversionsanschläge anbetrifft, so sollte hierüber Sommeregger selbst Bericht erstatten, da er nicht weniger, sondern mehr als ich davon unterrichtet war. Außerdem verwies ich darauf (allerdings war das damals nicht so ausgeprägt wie im Jahre 1935), dass in einigen Bergwerken, wie z. B. im Prokopjewsker Bergwerk, im Zusammenhang mit dem angewandten System des Einsturzes eine Reihe von Bränden hervorgerufen wurde, was die Förderung von Kokskohle für die Hüttenindustrie des Ostens gefährden könne. Darauf erfolgte der Hinweis, dass die von ihm bereits im Jahre 1933 erteilte Direktive, die ich zu erwähnen vergaß, nämlich, dass zu entschiedenen Schädlingsaktionen und Zerstörungsaktionen übergegangen werden solle, von mir nicht durchgeführt worden sei. Er nannte das eine Schädlingstätigkeit vom Schreibtisch aus und verwies darauf, dass es notwendig sei, die Sache intensiver zu betreiben, wobei er aber gleichzeitig darauf verwies, dass es meinerseits kein Edelmut sei, wenn ich meine Versprechungen nicht erfülle, denn sie verlören dadurch nur Zeit, sie könnten sich Indien oder China zunutze machen (man rechnete auf uns hinsichtlich der maschinellen Einrichtung); ihr aber führt, so hieß es, kommerzielle Unterhandlungen mit Amerika.
Besonders empörte ihn, dass es nicht gelang, die Diversionsanschläge, von denen Schestow gesprochen hatte und auf die ich zu sprechen kommen werde, durchzuführen. Dabei sprach Sommeregger (das mag ein Detail sein) bei der Übermittlung der Weisungen nicht im Namen Wüsters, sondern gebrauchte den Ausdruck „wir“.
Meine letzte Information, ungefähr vom September 1935, bestand darin, dass die Ausbeute im Hauptbergwerk von Prokopjewsk auf große Schwierigkeiten gestoßen sei, dass die Brände unter Tag sehr häufig seien, was die Kohlenförderung einschränkte, dass die Produktionskapazitäten in einer Reihe von Gruben absolut nicht erfüllt wurden.
Was aber die Spezialisten anbelangt, von denen zu jener Zeit eine ganze Reihe entfernt wurden, so verwies ich darauf, dass ich aus dem Grunde machtlos war, weil manche Spezialisten sich schon allzu offen und frech benommen hätten. Auf diese meine Information erfolgten keinerlei Direktiven. Wüster war nicht in Berlin, er war verreist und hatte sagen lassen, dass er die Angelegenheit einem zuverlässigen Menschen übergeben habe, doch erhielt ich auch im weiteren keinerlei Information und Direktiven.
Was die offizielle Persönlichkeit anbelangt, so bezogen sich alle ihre Weisungen im Großen und Ganzen auf die Verteilung der Leute. So wurde insbesondere Ingenieur Stickling auf Drängen dieser offiziellen Persönlichkeit zwecks Verbindung mit der Kemerowoer konterrevolutionären Organisation dorthin geschickt und von mir empfohlen.
Ich wurde gewarnt, mir nicht einfallen zu lassen, mich im Zusammenhang mit der Durchführung rein provokatorischer Maßnahmen irgendwie aufzulehnen.

VORSITZENDER: Von wessen Seite?

STROILOW: Von Seiten der offiziellen Persönlichkeit.

VORSITZENDER: In Nowosibirsk hat er nicht von den Aktionen dieser offiziellen Persönlichkeit gesprochen.

WYSCHINSKI (zum Vorsitzenden): In diesem Fall haben wir es mit der Erklärung des Angeklagten Stroilow über die Handlungen irgendeiner offiziellen Persönlichkeit zu tun. Ich bin der Meinung, dass es den von Ihnen betonten Interessen dient, diese Persönlichkeit nicht zu nennen, dass es aber notwendig ist mitzuteilen, worin die Handlungen dieser offiziellen Persönlichkeit bestanden haben. Ihre früher erteilten Warnungen haben auf den Angeklagten Stroilow, wie mir scheint, ihre Wirkung nicht verfehlt.

VORSITZENDER: Der Angeklagte Stroilow stellt diese Frage in öffentlicher Sitzung.

WYSCHINSKI: Ohne die betreffende Persönlichkeit zu nennen.

VORSITZENDER (zu Stroilow): Sie wünschen die Aussagen zu wiederholen, die Sie in Nowosibirsk während der Sondersession gemacht haben oder etwas anderes?

WYSCHINSKI (zum Vorsitzenden): Entschuldigen Sie mich bitte, die Prozessordnung hat bestimmte Forderungen und eine Befragung des Angeklagten, worüber er zu sprechen wünscht, bedeutet eine Behinderung des Angeklagten.

VORSITZENDER: Das ist ganz falsch.

WYSCHINSKI: Ich ersuche das zu Protokoll zu nehmen, als einen Umstand, der den Angeklagten behindert.

VORSITZENDER: Angeklagter Stroilow, Sie wünschen über die Handlungen der offiziellen Persönlichkeit zu sprechen, die von Ihnen in der Sondersession in Nowosibirsk genannt wurde?

STROILOW: Ja, der offiziellen Persönlichkeit.

VORSITZENDER: Berücksichtigen Sie, dass Sie in öffentlicher Gerichtsverhandlung die Namen offizieller Persönlichkeiten und staatlicher Institutionen nicht nennen dürfen.

STROILOW: Gut. Auf Drängen dieser offiziellen Persönlichkeit wurde die Aufhetzung der sowjetischen und ausländischen Arbeiter gegen die Sowjetregierung betrieben. Gut. Ich kann solche Beispiele anführen. Die Sowjetunion ließ sich bei der Einladung der ausländischen Arbeiter von dem Bestreben leiten, von ihnen Arbeitsmethoden zu übernehmen, damit die Sowjetarbeiter mit ihnen zusammenarbeiten und die Produktion sowie die technische Arbeitskultur besser organisieren. Daher hätte das rationellste Verfahren darin bestanden, die ausländischen Arbeiter und Sowjetarbeiter zu vereinigen, damit wir aus unseren Sowjetarbeitern Kader heranbilden können. Die Sache wurde nun absichtlich so aufgezogen, dafür zu agitieren, dass eine derartige Vereinigung auf keinen Fall zugelassen werden solle. Die ausländischen Arbeiter haben nicht nur isoliert gearbeitet, sondern haben zweifellos bessere Arbeitsbedingungen zugewiesen bekommen, bessere Instrumente, Pressluft, elektrischen Strom, Arbeitskleidung usw. Und nachher haben diese Arbeiter gesagt: „Seht ihr, so verhält man sich zu euch, zu den Sowjetarbeitern.“ Wenn ihr richtig arbeiten wollt, müsst ihr in solche Bedingungen gestellt werden wie wir, d. h. mit einfachen Worten gesagt, es war das eine Verhetzung der Sowjetarbeiter gegen die Sowjetregierung. Die Sowjetarbeiter aber wiesen natürlich darauf hin, dass man unter solchen Bedingungen, wie die Ausländer sie bei ihrer Arbeit haben, bei solchen Tarifsätzen, Arbeitskleidern usw., gewiss leicht verdienen kann. Es läuft darauf hinaus, sagten sie, dass wir irgendwelche Scheuermänner sind, nicht solche, wie die aus dem Auslande Eingeladenen. Derartige Brigaden gab es überall, insbesondere in der Grube 5-6, in der Grube 5-7 des Anshersk-Sudschensk-Bergwerks, dort, wo diese Arbeiter konzentriert waren.
Zweitens: Unsere Partei- und Sowjetorganisationen konnten die ausländischen Arbeiter nicht sich selbst überlassen, sie suchten, sie in das allgemeine öffentliche Arbeiterleben unserer Bergwerke einzubeziehen, und überzeugten sich dabei, dass in einer Reihe von Fällen sehr, sehr viele ausländische Arbeiter nichts dagegen hatten, bei uns in der Sowjetunion, als Sowjetbürger zu arbeiten.
Und es ist mir bekannt, dass eine regelrechte, kaum verhüllte Agitation mit Losungen über die Wiedergeburt Deutschlands - u. a. m., mit einem Wort mit faschistischen Losungen betrieben wurde, in dem Sinne, dass wenn die Arbeiter hier in der Sowjetunion gelassen würden, dies soviel hieße, dass man sie der Versklavung überlässt usw. Ich will diese ganze böswillige Agitation hier nicht wiedergeben, sie wurde aber betrieben, und das war mir aus den Mitteilungen offizieller Persönlichkeiten bekannt.
Drittens: Es wurden vorsätzlich endlose Konflikte herbeigeführt. Es gibt bei uns Konflikte zwischen dem einen und andern, ohne das geht es nicht, sowohl was die Tarife als auch was die Arbeitskleidung, die Arbeitsbedingungen usw. anbelangt. Diese Schikanen aber waren vollkommen sinnlos; es kam zu solchen Konflikten, dass die ausländischen Arbeiter die Arbeit hinwarfen, 5, 10, 15, 20 Tage nicht arbeiteten, es begannen dann Redereien, man wusste nicht von welcher Seite, dass diese Leute, die Saboteure sind und die Disziplin nicht einhalten, dennoch wieder zur Arbeit zugelassen wurden, - und die Sowjetarbeiter sagten: für den einen gibt’s ein Gesetz, für den anderen gibt’s keine Gesetze, wenn ich ein, zwei Tage von der Arbeit wegbleibe, werde ich ganz entlassen.
Dazu kam noch das Moment bezüglich der Forderung der Auslieferung einiger unserer Erfindungen, die wir hatten. Das sind die Momente, die erwähnen zu dürfen ich das Gericht gebeten habe.
Das also ist meine verbrecherische Linie der Verbindung mit den Ausländern.
Ferner bitte ich um die Erlaubnis, über die Verbindung mit den Trotzkisten sprechen zu dürfen.

WYSCHINSKI: Warten Sie, Sie haben gesagt, dass von Berg während seines Aufenthaltes in Moskau Sie angerufen hat und Sie nicht einmal verstehen, warum.

STROILOW: Er hat mich angerufen.

WYSCHINSKI: Und Sie sagen, dass Sie nicht verstanden haben, warum er Sie angerufen hat?

STROILOW: Ich habe es nicht verstanden. Vielleicht geschah es einfach, um zu zeigen, dass er unser Mann ist. Ich kann mir bis jetzt nicht erklären, warum er angerufen hat.

WYSCHINSKI: Und Sie haben Ihn nicht angerufen?

STROILOW: Nein.

WYSCHINSKI: Und hatten nicht die Absicht ihn anzurufen?

STROILOW: Eine Postkarte habe ich geschickt.

WYSCHINSKI: Aus welchem Anlass schickten Sie die Postkarte?

STROILOW: Ich schrieb: Hermann Wassiljewitsch, ich danke Ihnen, dass Sie mich in der Heimat begrüßen, ich werde in zwei Wochen nach Deutschland zurückkehren.

WYSCHINSKI: Er begrüßt Sie, Sie begrüßten ihn, was ist Ihnen denn unverständlich, wenn er Sie begrüßt?

STROILOW: Es ist mir unverständlich, warum er angerufen hat, es sind keinerlei Aufträge gegeben worden.

WYSCHINSKI: Ich glaube, er hatte es nötig.

STROILOW: Er ist ein geriebener Mensch. Unnötigerweise hätte er nicht angerufen.

WYSCHINSKI: Und Sie hätten unnötigerweise nicht geschrieben?

STROILOW: Als ich ihm die Postkarte schrieb, hatte ich nichts Schlechtes im Sinn.

WYSCHINSKI: Nur Gutes?

STROILOW: An der Verbindung mit von Berg ist nichts Gutes.

WYSCHINSKI: Deshalb sage ich das auch, Sie aber sagen, nichts Schlimmes im Sinne gehabt zu haben. Also, die Postkarte ausgenommen, beabsichtigten Sie nicht, zu schreiben oder zu telefonieren? Aber sein Telefon hatten Sie?

STROILOW: Er sagte es mir.

WYSCHINSKI: Wann?

STROILOW: Damals, als er mich anrief.

WYSCHINSKI: Und Sie haben es aufgeschrieben?

STROILOW: Ich erinnere mich jetzt nicht. In meinem Notizbuch steht es drin.

WYSCHINSKI: Beeilen Sie sich nicht. Auf Ihr Notizbuch kommen wir noch zu sprechen.

STROILOW: Ich habe es aufgeschrieben.

WYSCHINSKI: Wozu haben Sie es aufgeschrieben, wenn Sie nicht anrufen wollten?

STROILOW: Er sagte, schreiben Sie es auf, falls Sie anrufen wollen.

WYSCHINSKI: Wozu werden Telefonnummern aufgeschrieben?

STROILOW: Um anzurufen.

WYSCHINSKI: Und Sie haben es auch dazu aufgeschrieben, um anzurufen?

STROILOW: Ich habe ihn nicht angerufen.

WYSCHINSKI: Ich weiß nicht, ob Sie angerufen haben oder nicht, aber das Telefon Bergs haben Sie aufgeschrieben, geben Sie das zu? Gestatten Sie, dem Angeklagten das Notizbuch vorzuweisen, damit er Einsicht nehmen kann? Auf Seite 317-319, es ist eine merkwürdige Nummerierung hier, steht: Von Berg 8-50, Hausanschluss 2-23. Stimmt das?

STROILOW: Das stimmt.

WYSCHINSKI: Wissen Sie, wo von Berg abgestiegen ist?

STROILOW: Entweder im Grand-Hotel oder im „Savoy“. WYSCHINSKI: In welchem Monat war das?

STROILOW: Ende November oder Anfang Dezember.

WYSCHINSKI: In welchem Jahr?

STROILOW: 1930.

WYSCHINSKI: Ich ersuche das Gericht, die Auskunft des Hotels „Savoy“ den Akten einzuverleiben. Der ausländische Reisende G. W. Berg, geb. 1874, deutscher Untertan, Kaufmann von Beruf, Hotel „Savoy“, Zimmer 223 (entspricht dem Telefon), vom 1.-15. Dezember 1930, eingetroffen aus Berlin. Wie lange hat er sich hier aufgehalten?

STROILOW: Ich glaube nicht weniger als einen Monat oder ungefähr einen Monat.

WYSCHINSKI: Und wohin ist er dann abgereist?

STROILOW: Dorthin, zurück nach Deutschland.

WYSCHINSKI: Wussten Sie, wann er abgereist ist?

STROILOW: Damals wusste ich es nicht, später aber...

WYSCHINSKI: Wann er abreiste, wussten Sie?

STROILOW: Nein.

WYSCHINSKI: Wieso behaupten Sie dann, dass er einen Monat hier war?

STROILOW: Weil er bei seiner Rückkehr sagte, ich war einen Monat hier.

WYSCHINSKI: Vielleicht aber zwei Wochen?

STROILOW: Vielleicht, ich weiß es nicht genau.

WYSCHINSKI: In der Auskunft heißt es: eingetroffen am 1. Dezember, abgereist am 15. Dezember. Ist das möglich?

STROILOW: Das ist möglich.

WYSCHINSKI: „Im Zimmer, wo Berg wohnte, befand sich das Telefon No. 8-50, Hausanschluss 2-23. Hoteldirektor. Stempel und Nummer.“ Ist das alles richtig?

STROILOW: Das ist richtig.

WYSCHINSKI: So dass Berg ein lebendiger Mensch und keine mythische Persönlichkeit ist?

STROILOW: Nein. Das sind ebenso wie die anderen, die ich nannte - lebendige Menschen.

(Auf Antrag des staatlichen Anklägers wird dem Angeklagten Stroilow ein Notizbuch vorgelegt, in dem die Nummer des Moskauer Telefons von Bergs bei dessen Aufenthalt in der UdSSR eingetragen ist.
Stroilow bestätigt, dass das Büchlein ihm, Stroilow gehört, und dass er diese Eintragung selbst gemacht hat.)

WYSCHINSKI: Gut. Jetzt über Wüster. Gehört dieses Büchlein Ihnen? Weisen Sie es bitte vor. (Stroilow wird ein Notizbuch in dunkelrotem Einband vorgewiesen.)

STROILOW: Ja, das ist mein Notizbuch.

WYSCHINSKI: Und was in dem Büchlein eingetragen ist, ist von Ihrer Hand eingetragen?

STROILOW (Liest in dem Notizbuch): „Wüster, Armstraße...“

WYSCHINSKI: Die Privatadresse Wüsters?

STROILOW: Die Privatadresse.

WYSCHINSKI: Warum haben Sie die Privatadresse Wüsters?

STROILOW: Weil er sagte, als er...

WYSCHINSKI: Haben Sie ihn unter dieser Adresse aufgesucht?

STROILOW: Ich habe bereits ausgesagt, dass ich am 2. April mit ihm in seiner Wohnung sprach.

WYSCHINSKI: Waren Sie einmal bei ihm?

STROILOW: Einmal.

WYSCHINSKI: Nachdem Sie diese Adresse aufgeschrieben hatten oder vorher?

STROILOW: Nachher. Er nannte sie mir in Berlin und ich habe ihn unter dieser Adresse aufgesucht.

WYSCHINSKI: Er sagte das in Berlin und Sie haben es gleich dort notiert?

STROILOW: Ja.

WYSCHINSKI: Wozu, warum sind Sie in seine Wohnung gegangen? Wo sollten Sie in dienstlichen Angelegenheiten mit ihm zusammenkommen?

STROILOW: In dienstlichen Angelegenheiten auf neutralem Boden.

WYSCHINSKI: Was heißt das, auf neutralem Boden?

STROILOW: Sagen wir im Konferenzsaal des Hotels.

WYSCHINSKI: Brauchten Sie als ins Ausland entsandter Ingenieur Privatwohnungen ausländischer Bürger aufzusuchen und mit ihnen in intime Beziehungen zu treten?

STROILOW: Nein.

WYSCHINSKI: Sie waren dennoch bei Berg in der Wohnung?

STROILOW: Ja.

WYSCHINSKI: Ich ersuche das Gericht, diese Adresse und das Telefon aus dieser offiziellen Ausgabe zu den Akten zu legen (legt dem Gericht ein großes Buch in rotem Einband vor). S. 206, unter der Nummer 8563, steht Wüster, Armstraße, sowie auch die Adresse dieses Wüster, die in dem Notizbüchlein Stroilows eingetragen ist.

Bestätigen Sie das, Stroilow?

STROILOW: Ja, ich bestätige es.

WYSCHINSKI: Die offizielle Ausgabe.

VORSITZENDER: Von welchem Jahr?

WYSCHINSKI: Das ist dort angegeben.

Bitte ferner dem Angeklagten Stroilow dieses schwarze Buch vorzulegen. (Stroilow wird ein Buch in schwarzem Einband vorgelegt, das wie ein Kontorbuch aussieht.)

Was ist das für ein schwarzes Buch?

STROILOW: Das ist mein Tagebuch.

WYSCHINSKI: Wo haben Sie es geführt?

STROILOW: Ich habe es im Ausland geführt.

WYSCHINSKI: In welchem Jahr?

STROILOW: Die ganze Zeit, solange ich dort lebte.

WYSCHINSKI: Stammen diese Aufzeichnungen von Ihrer Hand?

STROILOW: Hier stammt alles...

WYSCHINSKI: Sehen Sie bitte zuerst nach, verlassen Sie sich nicht auf Vertrauen.

STROILOW: Hier stammt alles von mir, das ist klar.

WYSCHINSKI: Stammt das von Ihnen?

STROILOW: Ja.

WYSCHINSKI: Und dort ist die Zusammenkunft mit Wüster und Berg von Ihrer Hand eingetragen?

STROILOW: Alle Eintragungen stammen aus der Zeit meines Aufenthaltes in Deutschland, und nachdem ich in die UdSSR übersiedelt bin, habe ich das Tagebuch vielleicht nur zwei Monate weitergeführt. Das war schon hier in der UdSSR.

WYSCHINSKI: Wann war das alles?

STROILOW: In den Jahren 1930-1931.

WYSCHINSKI: Damals wurde das auch niedergeschrieben?

STROILOW: Sofort.

WYSCHINSKI: Gut, geben Sie mir dieses Notizbuch zurück.

Dieses Büchlein wird als materielles Beweisstück den Akten einverleibt. Ich ersuche das Gericht, S. 23 zu beachten, wo die Zusammenkunft mit Berg eingetragen ist, ferner S. 27, wo eine Berufung auf ein Gespräch mit Berg enthalten ist, S. 37, wo eine Berufung auf einen Brief Wüsters enthalten ist, S. 33, wo ebenfalls eine Berufung auf Wüster enthalten ist, S. 35, wo eine Berufung auf denselben Wüster enthalten ist, und S. 43, wo eine Berufung auf Sommeregger enthalten ist. Welchen Charakter diese Zusammenkünfte und Unterredungen hatten, hat der Angeklagte Stroilow Ihnen gestern bereits dargelegt. Ich ersuche Sie, zu beachten, dass diese Zusammenkünfte Bestätigung im Tagebuch aus dem Jahre 1931 finden.

STROILOW: Von 1930 und 1931.

WYSCHINSKI (zu Stroilow): Jetzt wollen wir zu Ihrer Schädlings- und Diversionstätigkeit übergehen.

STROILOW: Mit den Deutschen?

WYSCHINSKI: Ohne Deutsche ging es doch nicht ab, wie?

STROILOW: Nein, hier, sehen Sie, sind Deutsche, Trotzkisten...

WYSCHINSKI: Und alle übrigen.

STROILOW: Nein, nicht alle übrigen, sondern jene Fachleute.

WYSCHINSKI: Mich interessieren die verbrecherischen Taten, so dass Sie selbstverständlich, wenn Sie von irgendeinem Verbrechen sprechen, sagen sollen, wo es verübt worden ist, wann es verübt worden ist, durch wen es verübt worden ist, warum und wozu es verübt worden ist. Diese Fragen beleuchten Sie bitte. Verweilen Sie zumindest bei den wichtigsten, wesentlichsten Momenten. Wenn Sie alles aufzählen wollten, so würden uns, wie ich annehme, auch zwei Sitzungen nicht reichen.

STROILOW: Darüber hat gestern bereits Schestow gesprochen; er konnte nicht umhin, darüber zu sprechen, aus dem Grunde, weil der Plan der Schädlings- und Zerstörungsarbeit zusammen mit ihm, als dem Vertreter des Westsibirischen Zentrums der trotzkistischen Organisation, aufgestellt worden ist.
Worauf lief diese Arbeit hinaus?
Zuerst über die Diversionshandlungen, über die Diversionsanschläge, obzwar ich sagen muss, dass auch manche Schädlingshandlungen sich schwer von Diversionsanschlägen unterscheiden lassen. Ich bestätige, dass der Versuch unternommen und die Vorbereitung zur Sprengung des Fallwerkes in der Grube 5-6 durchgeführt. wurde. Das sollte der ausländische Spezialist Schebesto ausführen. Auf Schebesto machte mich im Jahre 1932 Sommeregger aufmerksam, der mir sagte, dass man ihn, Schebesto, mit Schestow in Verbindung bringen soll. Ich wunderte mich, dass er uns auf Schebesto verweist, wollte aber nicht viel darüber fragen. Als Schestow in Nowosibirsk war, sagte ich ihm: Zu Ihnen wird Schebesto in meinem, Stroilows, Namen kommen, seien Sie ihm behilflich. In gleicher Weise wurde auch Schebesto verständigt, und zwar nicht von mir persönlich, sondern durch Sommeregger.
Es wurden wiederholte Versuche gemacht, aus der Zentralverwaltung Pläne und Zeichnungen von Maschinen zu stehlen, welche unter betrieblichen Bedingungen ausprobiert wurden und unsere Sowjeterfindungen darstellten. Das bezieht sich auf den Presslufthammer, auf die Schrämmaschine und anderes mehr. Ferner bestand der Plan, das Kraftwerk in Brand zu stecken. Wie mir später Sommeregger mitteilte, erwies es sich, dass die Zwischenwand im Maschinensaal wirklich in Brand gesetzt worden ist.
Das Auffahren der Strecken unter Tag in Grube Nr. 5-6 war so eingerichtet, dass jede Möglichkeit vollkommen ausgeschlossen war, elektrische Lokomotiven zu Förderzwecken zu verwenden. Ferner wurde das so genannte System „Schebflo“ vorgeschlagen, nach den Namen seiner Autoren: Schebesto, Flessa und Otto, das achtzigprozentige Kohlenverluste nach sich zog.
Außerdem wurden Versuche unternommen, die ganze Arbeit auf dem oberen Horizont in Prokopjewsk einzustellen. Offenkundig verbrecherisch waren die Schabwinden projektiert. Auf Grube „Koksowaja“ war das Fundament der Pressluftanlage starr mit dem Fundament des Gebäudes verbunden. Das führte zu einer derartigen Erschütterung der Wände des Gebäudes, dass sie jeden Augenblick einzustürzen drohten.
Auf der Ruchimowitsch-Grube wurde vom Ingenieur Weber das Auffahren der Gefälle zwecks Aufschließung des unteren Horizonts künstlich verzögert, was die Nichtlieferung der Kokskohle nach sich zog. Im Laufe von zwei Jahren beschäftigte sich Ingenieur Hauer, der die Vorzüge der englischen und amerikanischen Maschinen ignorierte, ausschließlich mit der Neuprojektierung jener Maschinenanlagen, die von deutschen Firmen hergestellt werden, in der Hoffnung, dass diese Maschinen bei den Deutschen angekauft werden. Flessa kompromittierte die Maschinen der „Kulakow“-Fabrik auf jegliche Art und Weise und wollte durch solche Praktiken beweisen, dass es notwendig sei, die elektrotechnische Einrichtung aus dem Ausland zu bestellen.
Ich kann nicht sagen, dass alle siebzig deutschen Bürger, die bei uns arbeiten, Schädlinge und Diversanten waren. Durchaus nicht. Diese Schädlingstätigkeit wurde von den von mir aufgezählten sechs Personen sowie von jenen Personen betrieben, die von Schestow erwähnt wurden. Ferner kann auf Stickling hingewiesen werden, der in der Grube „Sewernaja“ arbeitete.
Jetzt muss ich über unsere Planarbeit sprechen. Die Leitung lag dort in den Händen des Trotzkisten Werschkow, doch war ich darüber unterrichtet. Jede Grube wurde so geplant und so projektiert, als ob die Parzellen einzelnen Eigentümern gehörten - ohne Berücksichtigung der Zufahrtswege, der elektrischen Energie, sowie der Straßen, so dass eine Situation entstand, dass die Gruben in Betrieb gesetzt wurden, aber nicht arbeiten konnten.

WYSCHINSKI: In welchen Zustand haben Sie das Kemerowoer Bergwerk versetzt?

STROILOW: Das letzte Mal war ich dort im Jahre 1935. Ich wurde von dem Leiter des Bergwerks deshalb dorthin gerufen, weil die gesellschaftlichen und die Parteiorganisationen die dort betriebene Arbeit mit scheelen Blicken zu betrachten begannen. Ich fand das Bergwerk in einem sehr schlechten Zustand vor. Der Abbau war gesunken, wodurch es nicht möglich war, die Strecke zu erschließen; die Waggons und die elektrischen Grubenlokomotiven gaben keine Möglichkeit, das Bauholz normal zu liefern. Das Verhältnis zwischen den Schichten war überhaupt nicht durchgehalten, die Ventilation war vernachlässigt worden. Die Neubauarbeiten für den zweiten Horizont sind nicht durchgeführt worden. Einen derartigen Zustand der Arbeit habe ich nirgends gesehen. Das war die Folge der von der Gruppe Peschechonow geleisteten Schädlingsarbeit. Ich war genötigt, ihm zu sagen, er solle mit dem Kopf arbeiten und eine so hirnverbrannte Methode aufgeben. Diese meine Weisungen sind nicht durchgeführt worden.
Auf die Frage, warum er keine Schritte unternahm, wo ich doch persönlich Weisung gab, und zwar sowohl als Leiter der konterrevolutionären Organisation als auch als Chefingenieur, erwiderte er, dass er mit meinem Stellvertreter Andrejew, dem Leiter der Neubauten, gesprochen habe und dass sie beschlossen hätten, die Lage des Bergwerks nicht zu verbessern, in der Annahme, dass ich nichts dagegen einwenden werde.

WYSCHINSKI: Und was taten Sie?

STROILOW: Ich erhob Einwände dagegen.

WYSCHINSKI: Warum erhoben Sie Einwände?

STROILOW: Weil das schon regelrechter hirnverbrannter Blödsinn ist.

WYSCHINSKI: Zu arg?

STROILOW: Zu arg.

WYSCHINSKI: Gefährlich?

STROILOW: Gefährlich, weil rundherum Leute arbeiten, die einen Kopf auf den Schultern haben und verstehen, dass man so nicht arbeiten kann.

WYSCHINSKI: Man hat also den Bogen überspannt?

STROILOW: Den Bogen überspannt.

WYSCHINSKI: Und Sie wollten...

STROILOW: Nein, das, was dort war, wollte ich nicht.

WYSCHINSKI: Und was wollten denn Sie?

STROILOW: Ich?

WYSCHINSKI: Ja, Sie.

STROILOW: Ich wollte, dass die Förderung etwa um 5 Prozent geringer sein soll.

WYSCHINSKI: Ein klein wenig geringer?

STROILOW: Und die Gestehungskosten um etwa 50 Kopeken höher.

WYSCHINSKI: Warum haben Sie das so ausgerechnet und kalkuliert? Um 5 Prozent Förderung weniger, um 50 Kopeken Gestehungskosten mehr usw.?

STROILOW: Aus dem Grunde, weil das nicht so auffällt.

WYSCHINSKI: Wegen der Gefahrlosigkeit?

STROILOW: Ja, wenn es schon gesagt werden muss, das ist richtig, wegen der Gefahrlosigkeit.

WYSCHINSKI: Fahren Sie fort.

STROILOW: Das ist eigentlich der Kernpunkt.

VORSITZENDER: Das Gericht gibt dem Antrag des staatlichen Anklägers statt, die Bescheinigung des Direktors des Hotels „Savoy“, dass der ausländische Bürger Berg vom 1. bis 15. Dezember 1935 dort wohnhaft war, den Akten beizufügen. Die Bescheinigung ist vom Hoteldirektor beglaubigt und mit Stempel versehen.
Das Gericht gibt gleichermaßen dem Antrag des staatlichen Anklägers statt, das Telefon- und Adressbuch des Deutschern Reichs, 7. Ausgabe, Bd. II, in dem die Berliner Adresse Wüsters enthalten ist, welche mit der Eintragung im Notizbuche Stroilows übereinstimmt, zu den Akten zu legen.
Die Sitzung wird für 20 Minuten unterbrochen.

 

GERICHTSKOMMANDANT: Das Gericht erscheint. Bitte sich von den Plätzen zu erheben.

VORSITZENDER: Die Sitzung wird fortgesetzt.

Genosse Wyschinski, haben Sie irgendwelche Fragen?

WYSCHINSKI: An Stroilow habe ich keine Fragen mehr.

VORSITZENDER: Hat die Verteidigung irgendwelche Fragen an Stroilow? (Die Verteidiger verneinen.)

WYSCHINSKI: Ich möchte das Gericht im Zusammenhang mit den Aussagen des Angeklagten Stroilow über seine Verbindungen mit einer Reihe von deutschen Ingenieuren in Moskau, in besonderem mit Wüster, Berg, Flessa und Schebesto ersuchen, den Akten vier Einreiseakten beizulegen, d. h. die Akten der Auslandssektion der Administrativen Abteilung des Präsidiums des Moskauer Gebiets-Exekutivkomitees bezüglich der Einreise und des Aufenthaltsorts dieser Ingenieure in der UdSSR beizulegen. Dies als erstes.
Das zweite. Ich möchte das Gericht bitten, Stroilow 20 Photographien verschiedener Ausländer vorzulegen und ihn auf Grund dieser Photographien zu befragen, welchen von diesen Ingenieuren: Wüster, Berg, Flessa, Schebesto die einzelnen Photographien darstellen, damit keinerlei Zweifel darüber besteht, dass diese Personen wirklich existieren, und die Verbindungen hatten, wie das Stroilow in seinen Aussagen erwähnt. Also vier Einreiseakte, 20 Photographien, wobei keine Photographie irgendwelche Namen trägt. Ich möchte bitten, das festzustellen.

VORSITZENDER: Das Gericht hält es für zweckmäßig, dass Stroilow auf der Rückseite dieser Photographien im Falle einer Identifizierung eigenhändig die Namensaufschrift vornimmt.

WYSCHINSKI: Ich bitte, dass Stroilow auf der Rückseite der Photographien die Namen dieser Personen vermerkt. Dieselben bitte ich Schestow zur Identifizierung vorzulegen.

VORSITZENDER: Dieselben Photographien?

WYSCHINSKI: Dieselben Photographien.

VORSITZENDER: Das Gericht beschließt, dem Antrag des Staatsanwalts stattzugeben und den Akten folgendes einzuverleiben: vier Einreiseakten der Auslandssektion der Administrativen Abteilung des Präsidiums des Moskauer Gebiets-Exekutivkomitees, betreffs Erhalt der Einreiseerlaubnis und Aufenthaltsbewilligung in der UdSSR für Reinhold Wüster, den Einreiseakt für Schebesto, den Einreiseakt betreffs Erhalt der Aufenthaltsbewilligung in der UdSSR für Hermann Berg, sowie den vierten Akt derselben Auslandssektion der Administrativen Abteilung des Moskauer Sowjets für die Einreise Wilhelm Flessas in die UdSSR.
Genosse Sekretär. legen Sie dem Angeklagten Stroilow diese 20 Photographien vor.
(Der Gerichtssekretär Kostjuschko legt dem Angeklagten Stroilow die Photographien vor.)

VORSITZENDER: Angeklagter Stroilow, vermerken Sie bei den Ihnen bekannten Personen den Namen der auf der Photographie dargestellten Person und setzen Sie Ihre Unterschrift und das Datum darunter.

STROILOW (betrachtet die Photographien): Meiner Meinung nach ist das Schebesto.

VORSITZENDER: Sie vermuten oder sind Sie fest überzeugt, dass das Schebesto ist?

STROILOW: Ja, das ist Schebesto.

Das ist Ingenieur Dehlmann, der Sohn des Unternehmers Dehlmann.

WYSCHINSKI: Die Initialen des Unternehmers Dehlmann kennen Sie nicht?

STROILOW: Nein.

Das ist von Berg. Nur habe ich ihn gewöhnlich in einem grauen Anzug gesehen, und hier hat er einen schwarzen an. Das ist Wüster.

Das ist Flessa.

WYSCHINSKI: Somit haben Sie von diesen 20 Photographien nur vier identifiziert?

STROILOW: Fünf: von Berg, Schebesto, Flessa, den Sohn Dehlmanns und Wüster.

WYSCHINSKI: Mich interessieren vier Personen. Ich ersuche festzustellen, ob die von Stroilow auf diesen Photographien identifizierten Personen, ob diese Photographien mit denjenigen übereinstimmen, die in den offiziellen Dokumenten der Einreiseakten vorhanden sind, oder ob sie nicht damit übereinstimmen.

VORSITZENDER: Es wird festgestellt, dass die Photographie, die der Angeklagte Stroilow als das Bild von Bergs identifiziert hat, vollkommen der Photographie entspricht, die im Einreiseakt der Administrativen Abteilung des Moskauer Sowjets vorliegt und auf der Aufenthaltsbewilligung für Ausländer aufgeklebt ist.

WYSCHINSKI: Ich ersuche, die Nummer des Einreiseakts anzugeben.

VORSITZENDER: Die Nummer der Aufenthaltsbewilligung ist 257199. Die Aufenthaltsbewilligung wurde auf den Namen des deutschen Bürgers Hermann Berg zum vorübergehenden Aufenthalt in der UdSSR auf einen Monat, angefangen vom 24. Oktober 1929, ausgestellt.

WYSCHINSKI: Das Jahr der Ausstellung der Aufenthaltsbewilligung?

VORSITZENDER: Ausgestellt von der Moskauer Administrativen Abteilung vom 24. Oktober 1929. Die auf dieser Aufenthaltsbewilligung aufgeklebte Photographie entspricht vollkommen jener Photographie, die Stroilow vorgelegt wurde und die letzterer als Photographie Bergs identifizierte.
Die Photographie, die der Angeklagte Stroilow als Photographie Wüsters identifizierte, ist vollkommen mit jener Photographie identisch, die sich im Einreiseakt der Auslandsabteilung des Moskauer Sowjets befindet, welcher eine Reihe von Fragebogen und anderen Dokumenten über den deutschen Staatsbürger Wüster enthält. Der Akt trägt die Nummer 186929 vom Juni 1931.
Die Photographie, die der Angeklagte Stroilow als die des Bürgers Flessa identifiziert hat, ist vollkommen mit der Photographie identisch, die auf dem von Wilhelm Flessa unterzeichneten Fragebogen aufgeklebt ist, und stimmt vollkommen mit dieser überein. Der Fragebogen ist von Flessa, wenn ich nicht irre, am 11. September ausgefüllt worden. Das Jahr ist nicht ganz leserlich, entweder 1930 oder 1931.
Es liegt ein anderes Dokument, datiert vom April 1935 über denselben Bürger Wilhelm Flessa vor. Die Photographie, die von Stroilow identifiziert wurde, entspricht vollkommen der Photographie, die auf dem vom Bürger Flessa unterzeichneten Fragebogen aufgeklebt ist.
Im Akt der Administrativen Abteilung des Moskauer Sowjets betreffs Erhalt des Einreisevisums durch den Bürger Schebesto ist eine Photographie auf dem von Schebesto unterschriebenen Fragebogen enthalten. Diese Photographie entspricht vollkommen jener Aufnahme, die Stroilow vorgelegt wurde und in der er Schebesto identifiziert hat.

(Zu Genossen Wyschinski): Sie ersuchen, die Photographien noch dem Angeklagten Schestow vorzulegen?

WYSCHINSKI: Ich ersuche das Gericht, zu bestätigen, dass in demselben Einreiseakt von Bergs ein Antrag auf Registrierung seines Einreisevisums enthalten ist, welcher vom 30. November 1930 datiert ist.

VORSITZENDER: Ja, ich bestätige, dass im Einreiseakt über den Bürger Berg ein an die Administrative Abteilung des Moskauer Exekutivkomitees gerichteter Antrag vom 30. November 1930 enthalten ist.

WYSCHINSKI: Schestow müssen die Photographien vorgelegt werden.

VORSITZENDER: Es müssen ihm andere Exemplare vorgelegt werden.

(Der Sekretär legt Schestow die Photographien vor.)

SCHESTOW: Auf dieser Photographie erkenne ich Flessa, bei dieser Photographie erinnere ich mich an Schebesto.

WYSCHINSKI: Das ist gar bescheiden ausgedrückt: „erinnere ich mich“. Ist er das oder nicht?

SCHESTOW: Ja, das ist er. Das ist der Direktor der Firma „Dehlmann-Fröhlich-Klüpfel“.

VORSITZENDER (liest): Ich bestätige, dass die Photographie, die Schestow als Photographie Flessas identifiziert hat, im Einreiseakt der Administrativen Abteilung des Moskauer Sowjets enthalten ist... Die Photographie, die der Angeklagte Schestow als die von Schebesto identifizierte, befindet sich im Akt der Administrativen Abteilung des Moskauer Sowjets... Was die Photographie des Direktors der Firma „Fröhlich-Klüpfel-Dehlmann“ betrifft, so verfüge ich über kein entsprechendes Dokument, an Hand dessen man vergleichen könnte.
Was für Fragen liegen noch vor?

WYSCHINSKI: Ich habe keine Frage, sondern eine Bitte an das Gericht, nämlich dem Bd. 55, Blatt 432, verlesen werde ich das nicht, Aufmerksamkeit zu schenken; dort steht, was Stroilow im April 1933 gesagt hat. In diesem Akt ist von den Ursachen des Brandes die Rede, der Brand war ein vorsätzlicher und ist durch Herbeiführung von Kurzschluss entstanden.

VORSITZENDER (zu Stroilow): Angeklagter Stroilow, haben Sie keine Fragen?

STROILOW: Nein.

VORSITZENDER: Hat die Verteidigung keine Fragen?

VERTEIDIGUNG: Nein.

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