PROZESSBERICHT ÜBER DIE STRAFSACHE
DES SOWJETFEINDLICHEN
TROTZKISTISCHEN ZENTRUMS

VORMITTAGSSITZUNG VOM 27. JANUAR 1937

VERHÖR DES ANGEKLAGTEN TUROK

VORSITZENDER: Wir gehen zum Verhör des Angeklagten Turok über.
Angeklagter Turok, halten Sie Ihre Aussagen .vom Dezember über die trotzkistische konterrevolutionäre und Spionagetätigkeit aufrecht?

TUROK: Ja, ich halte sie aufrecht.

WYSCHINSKI: Da wir Turok im Verlauf der Gerichtsverhandlung bereits ausführlich verhört haben, habe ich keine direkten Fragen an ihn. Vielleicht machen sie sich im Verlauf der Erklärungen notwendig, die er zu geben wünscht; dann werde ich ihm Fragen stellen.

VORSITZENDER: Um das Verfahren nicht hinauszuziehen, könnte man vielleicht einige Ergänzungsfragen stellen.

WYSCHINSKI: Gut.

VORSITZENDER: Angeklagter Turok, wann und durch wen wurden Sie für die sowjetfeindliche trotzkistische Organisation angeworben?

TUROK: 1934 durch den Leiter des „Uralwaggonstroi“, Marjassin.

VORSITZENDER: Welche Aufgaben wurden Ihnen übertragen?

TUROK: Eine Organisation aus Trotzkisten und sonstigen Elementen, die beim Kampf gegen die Partei und die Regierung helfen könnten, zu schaffen, um die Zerstörungstätigkeit an der Permer und an der Uralbahn zu organisieren.

VORSITZENDER: Welchen Posten haben Sie damals bekleidet?

TUROK: Stellvertreter des Leiters des Verkehrsdienstes.

VORSITZENDER: Welche Arbeit betrieben Sie im Laufe der letzten Jahre im Rahmen der trotzkistischen Organisation?

TUROK: Ich warb eine Reihe von Leuten an, Burlakow, Meierson, Dolmatow.

VORSITZENDER: Gaben die von Ihnen aufgezählten Personen sofort Ihre Zustimmung, in der trotzkistischen konterrevolutionären Organisation tätig zu sein oder nicht?

TUROK: Jede dieser Personen, die ich angeworben habe, führte zunächst während zwei bis drei Monaten konterrevolutionäre Gespräche mit mir, die dann als weitere Basis für ihre Einbeziehung in unsere Organisation dienten.

VORSITZENDER: Von wem erhielten Sie unmittelbar die Anweisung für die trotzkistische sowjetfeindliche Schädlingstätigkeit im Verkehrswesen?

TUROK: Von Marjassin. Im März 1935 erhielt ich die Zustimmung zu unserer Schädlings- und Diversionstätigkeit von Pjatakow, der um diese Zeit bei uns in Swerdlowsk war. Am 14. September 1935 war ich in Moskau, in der Kommission des Volkskommissariats für Verkehrswesen zur Festsetzung des neuen Fahrplans für den Zugverkehr. Am 15. September ließ mich Liwschitz kommen und sagte, die Schädlings- und Diversionstätigkeit müsse jetzt auf die Durchkreuzung des neuen Fahrplans für den Zugverkehr gerichtet sein. Das werde nicht nur den Verkehr stören, sondern auch Einfluss auf die Löhne der Arbeiter ausüben und die Leitung von Kaganowitsch diskreditieren.

VORSITZENDER: Gab Liwschitz konkrete Anweisungen zur Organisierung von Eisenbahnkatastrophen?

TUROK: Ja. Er sagte, dass es gut wäre, wenn man Eisenbahnkatastrophen mit Menschenopfern organisieren könnte.

VORSITZENDER: Hat er das betont?

TUROK: Ja.

VORSITZENDER: Interessierten Sie sich nicht dafür, weshalb unbedingt Menschenopfer notwendig waren?

TUROK: Ich interessierte mich nicht dafür, weil mir Marjassin das gleiche noch ausführlicher gesagt und das mit der Notwendigkeit motiviert hatte, Erbitterung gegen die Regierung auszulösen.

VORSITZENDER: Hat nach diesen Anweisungen Marjassins, Liwschitz und Pjatakows die Zahl der durch Ihre Organisation herbeigeführten Eisenbahnkatastrophen an Ihrer Bahnlinie zugenommen?

TUROK: Ich kann natürlich jetzt nicht eine Statistik darüber anführen, aber auf jeden Fall wurden eine Anzahl sehr schwerer Katastrophen bei Güterzügen und eine bei einem Personenzug durch uns organisiert.

VORSITZENDER: Wie viel Eisenbahnkatastrophen wurden bewusst durch die Teilnehmer Ihrer trotzkistischen Organisation herbeigeführt?

TUROK: Mir sind ungefähr 40 Katastrophen bekannt.

VORSITZENDER: In welchem. Zeitabschnitt?

TUROK: Von Ende 1934 bis zu meiner Verhaftung.

VORSITZENDER: Gab es Menschenopfer?

TUROK: Ja. Hauptsächlich bei den Güterzügen unter dem Begleitpersonal, und außerdem bei einem Personenzug.

VORSITZENDER: Wie viel Opfer gab es dort?

TUROK: Einen Toten, 5 Schwerverletzte und 15 Leichtverletzte.

VORSITZENDER: Wann fand die letzte Zusammenkunft mit Liwschitz statt?

TUROK: Eine Zusammenkunft mit konterrevolutionärem Gesprächsthema fand im September 1935 statt.

VORSITZENDER: War das die letzte?

TUROK: Nein, ich traf mich noch später mit ihm, aber zufällig.

VORSITZENDER: Befasste sich Ihre konterrevolutionäre trotzkistische Organisation mit der Vorbereitung von Terroranschlägen?

TUROK: Ja. Im Herbst 1934 sollte Molotow in Swerdlowsk durchreisen, und ein Mitglied der trotzkistischen Organisation, Burlakow, der mit Mratschkowski in Verbindung stand, bereitete persönlich einen Terroranschlag gegen ihn vor, der jedoch nicht zur Ausführung kam. Von Burlakow erfuhr ich, dass er auch gegen Kaganowitsch im Februar 1936 einen Terroranschlag vorbereitete. Zur unmittelbaren Vorbereitung dieses Terroranschlags zog er einen gewissen Michetko heran, der ein japanischer Agent war.

VORSITZENDER: Halten Sie Ihre Aussagen über Ihre Verbindung mit den japanischen Spionen, Herrn H, Herrn Y und „Georgij Iwanowitsch“ aufrecht?

TUROK: Ja, ich halte sie aufrecht.

VORSITZENDER: Halten Sie alles aufrecht, was Sie in Ihren Aussagen im Januar dargelegt haben?

TUROK: Ja, ich halte es aufrecht.

VORSITZENDER: Wie viel Geld haben Sie für Ihre Arbeit zugunsten des japanischen Spionagedienstes erhalten?

TUROK: Im Februar 1935 brachte man mir 35000 Rubel...

VORSITZENDER: Nun, und was weiter? Von wem?

TUROK: Georgij Iwanowitsch, der mit mir Verbindung unterhielt, hatte mir mitgeteilt, dass ich dieses Geld erhalten würde.

VORSITZENDER: Wie haben Sie dieses Geld verteilt?

TUROK: 15000 Rubel gab ich Knjasew.

VORSITZENDER: Stimmen Ihre Aussagen miteinander überein?

TUROK: Ja. Das übrige Geld gab ich für die Organisierung der Diversionstätigkeit, Burlakow gab ich 4000 Rubel.

VORSITZENDER: Er war Terrorist?

TUROK: Ja. 4500 Rubel gab ich Alexin, 3000 Rubel Naumow, 1500 Rubel Meierson, 1500 Rubel Bondarenko.

VORSITZENDER: Wir haben keine weiteren Fragen. Genosse Wyschinski, haben Sie noch Fragen?

WYSCHINSKI: Sie sprachen von einer Katastrophe, bei der es einen Toten, fünf Schwerverletzte und wie viel Leichtverletzte gab?...

TUROK: 15.

WYSCHINSKI: Insgesamt 20?

TUROK: Ja.

WYSCHINSKI: Das war am 26. April 1936?

TUROK: Ja.

WYSCHINSKI: Auf welcher Station, auf welcher Strecke war das?

TUROK: Zwischen Swerdlowsk-Hauptbahnhof und Swerdlowsk-Rangierbahnhof.

WYSCHINSKI: Auf Ihre Anweisung?

TUROK: In unserem Auftrag. Es wurde von Perro, dem Leiter der Distanzstrecke, und dem Streckenmeister Popow ausgeführt.

WYSCHINSKI: Wurde Popow bestraft?

TUROK: Er wurde wegen Fahrlässigkeit zu 2 Jahren verurteilt.

WYSCHINSKI: Warum nur wegen Fahrlässigkeit?

TUROK: Knjasew erklärte, wie bei der Eisenbahn eine Untersuchung geführt werde. Jeder bemüht sich, nicht die Wahrheit ans Licht zu bringen, sondern die Schuld von einem auf den anderen abzuwälzen. Wenn ich im Verkehrsdienst bin, so wälze ich es auf den Streckendienst ab, der Streckendienst auf mich, damit nur keine bestimmte Gruppe getroffen wird.

WYSCHINSKI: Das geschieht, um die Spuren zu verwischen?

TUROK: Ja, um die Spuren zu verwischen, vom dienstlichen Standpunkt. In diesem Fall aber auch vom strafrechtlichen Standpunkt.

WYSCHINSKI: Fand im Juni 1935 an der Strecke Sagre-Isset die Eisenbahnkatastrophe in Ihrem Auftrag statt?

TUROK: In unserem.

WYSCHINSKI: Das heißt in Ihrem Auftrag, und in wessen Auftrag noch?

TUROK: Bürger Staatsanwalt, ich gab ja nicht den Auftrag z. B. den Zug Nr. 930 zur Entgleisung zu bringen, sondern ich sagte: man muss eine Zugentgleisung organisieren. Wenn ich also sagte „in unserem Auftrag“, so waren damit die unmittelbaren Vollstrecker und die Mittelsmänner gemeint. In diesem Sinne sage ich gerade „in unserem Auftrag“.

WYSCHINSKI: Sie kontrollierten aber nachher immerhin die Ausführung Ihrer Aufträge?

TUROK: Ich habe schon auf die Frage des Vorsitzenden ausgesagt, dass mir 40 Fälle bekannt sind...

WYSCHINSKI: Ich frage nicht nach der Zahl der Fälle, sondern danach, was für ein System das war. Diejenigen, die es ausgeführt hatten, berichteten Ihnen nachher?

TUROK: Ja, ich erfuhr es. Wenn ein Mitglied unserer Organisation diese oder jene Katastrophe herbeigeführt hatte, wurde ich nachher darüber in Kenntnis gesetzt.

WYSCHINSKI: Weshalb frage ich Sie danach? Es konnte doch eine Katastrophe infolge unglücklicher Umstände vorkommen. Wie haben Sie unterschieden, ob die Katastrophe absichtlich herbeigeführt wurde oder die Folge eines Unglücksfalls war?

TUROK: Nun, z. B. Alexin, der Streckendienstleiter, kommt und sagt: da wurde eine Katastrophe auf dem und dem Abschnitt von uns herbeigeführt. Ich melde das und glaube, dass das unser Werk ist.

WYSCHINSKI: Auf Grund eines später eingegangenen Berichts über die verbrecherische Tätigkeit?

TUROK: Ja.

WYSCHINSKI: War Ihre Gruppe irgendwie organisatorisch zusammengefasst? Hatten Sie einen Parteiorganisator oder Sekretär oder irgendetwas in dieser Art?

TUROK: Wir haben natürlich keine Protokolle geführt.

WYSCHINSKI: Ich befrage Sie nicht über Protokolle, sondern über die Organisation. Sie waren doch der Leiter der Organisation?

TUROK: Ja, das war ich.

WYSCHINSKI: Wer hatte Sie zum Leiter der Organisation ernannt?

TUROK: Marjassin.

WYSCHINSKI: Und welches Recht hatte er, Sie zum Leiter zu ernennen?

TUROK: Formell hatte er kein Recht, mich zu ernennen. Aber ich war Trotzkist und er war Trotzkist, wir führten miteinander Gespräche und er wusste von meinen konterrevolutionären Stimmungen.

WYSCHINSKI: Wo arbeitete er?

TUROK: In Uralwaggonstroi.

WYSCHINSKI: Hatte er dienstlich mit Ihnen zu tun?

TUROK: Nein.

WYSCHINSKI: Weshalb konnte Marjassin Sie ernennen, und nicht umgekehrt Sie ihn, oder irgendein anderer? Weshalb?

TUROK: Weil Marjassin, als er mich für die Organisation anwarb....

WYSCHINSKI: Hat er Sie angeworben?

TUROK: Ja, und er sagte mir, dass in Moskau ein Zentrum bestünde, dem der mir bekannte Pjatakow angehöre, und dass er, Marjassin, hier der Vertreter Pjatakows sei.

WYSCHINSKI: Er berief sich also auf die Autorität Pjatakows?

TUROK: Auf Pjatakow.

WYSCHINSKI: Als auf ein Mitglied des Zentrums?

TUROK: Ja.

WYSCHINSKI: Wurde die Katastrophe des Zuges Nr. 756 im März 1936 auf der Strecke Swerdlowsk-Hauptbahnhof und Swerdlowsk-Rangierbahnhof, bei der es Menschenopfer gab, in Ihrem Auftrag organisiert?

TUROK: Ja, in unserem.

WYSCHINSKI: Haben Sie auch die Methode gehandhabt, unschuldige Menschen zu beschuldigen, die Schuld auf sie abzuwälzen?

TUROK (schweigt lange)

WYSCHINSKI: Ich rufe Ihnen einen Fall in Erinnerung: Zug Nr. 930, 30. September 1935 auf der Station Monsino.

TUROK: Ja, ich erinnere mich. Dort wollte der diensthabende Stationsvorsteher Simakow die Unerfahrenheit der Weichenstellerin Sajakina ausnutzen.

WYSCHINSKI: Hat er die Schuld auf sie abgewälzt?

TUROK: Er wollte die Schuld auf sie abwälzen, aber es gelang nicht.

WYSCHINSKI: Es gelang nicht?

TUROK: Nein, es gelang nicht.

WYSCHINSKI: War es vielleicht nicht Simakow, sondern Shernow?

TUROK: Ja, ja, ich erinnere mich, es war Shernow.

WYSCHINSKI: Was war er?

TUROK: Diensthabender Stationsvorsteher.

WYSCHINSKI: Man praktizierte also solche Fälle?

TUROK: Ich erinnere mich eines solchen Falles.

WYSCHINSKI: Ich habe keine weiteren Fragen.

VORSITZENDER: Hat die Verteidigung Fragen?

DIE VERTEIDIGER: Nein.

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