PROZESSBERICHT ÜBER DIE STRAFSACHE
DES SOWJETFEINDLICHEN
TROTZKISTISCHEN ZENTRUMS

ABENDSITZUNG VOM 27. JANUAR 1937

FORTSETZUNG DES VERHÖR DES ANGEKLAGTEN RATAITSCHAK

GERICHTSKOMMANDANT: Das Gericht erscheint, ich bitte sich von den Plätzen zu erheben.

VORSITZENDER: Die Verhandlung wird fortgesetzt. Verteidiger Kommodow, haben Sie Fragen?

KOMMODOW (zu Rataitschak): Sagen Sie bitte genau, wann Sie in die trotzkistische Organisation eingetreten sind?

RATAITSCHAK: Anfang 1934.

KOMMODOW: Wen haben Sie persönlich in diese Organisation hineingezogen?

RATAITSCHAK: Die ersten, die ich zur Arbeit in der trotzkistischen Organisation herangezogen habe, waren Puschin, Karnisski.

KOMMODOW: Unter welchen Umständen, wo und wann haben Sie Puschin herangezogen?

RATAITSCHAK: Jedem derselben gegenüber wurde eine besondere Methode, eine ganz besondere Art und Weise angewandt. Ich kann ausführlich über Puschin sprechen, der hier auf der Anklagebank sitzt.

KOMMODOW: Er ist es auch, der mich interessiert.

VORSITZENDER: Sprechen Sie über Puschin.

RATAITSCHAK: Puschin kenne ich seit 1927 von meiner früheren Arbeit in einer Wirtschaftsvereinigung „Koks“ her. Die Stimmung Puschins und seine Haltung wurde mir schon im Jahre 1929 vollkommen klar, wobei das während einer der Parteireinigungen klar wurde, als Puschin aus der Partei ausgeschlossen wurde. Später war ich einer derjenigen, die in der Kommission beantragten, dass Puschin wieder in die Partei aufgenommen wird, da er ein Ingenieur, ein Mann war, der diesen Industriezweig nicht schlecht kannte. Puschin wurde nach einiger Zeit wieder in die Partei aufgenommen.
Danach kam ich mit Puschin ziemlich häufig sowohl im Zusammenhang mit seiner Arbeit im Betrieb, als auch im Zusammenhang mit seiner Arbeit im Zentralapparat zusammen. Ich hatte Gelegenheit, wiederholt mit ihm zu sprechen. Dabei stellte ich aus den Gesprächen mit Puschin fest, dass Puschin, wenn man sich milde ausdrücken soll, außerordentlich wenig mit der Partei gemein hatte. Im Jahre 1933 aber, als ich und Puschin im Zentralapparat unsere Tätigkeit begannen, überzeugte ich mich, dass er ein verkappter Trotzkist ist und hatte daher 1934, nach einem Gespräch mit Pjatakow, mit Puschin eine ziemlich konkrete Unterhaltung über seine politischen Anschauungen, über seine Stimmungen. Dabei bestritt Puschin auch nicht, dass er parteifeindlich gestimmt ist und gab sein Einverständnis dazu, sich an der trotzkistischen Organisation zu beteiligen, da er die Einstellungen der Trotzkisten vollkommen teilte.

KOMMODOW: Puschin hat unter Ihrer Leitung seit 1928 seine Dienstkarriere gemacht?

RATAITSCHAK: Puschin war teilweise unter meiner unmittelbaren Leitung, teilweise in Organisationen, die mir unterstellt waren, tätig.

KOMMODOW: Ist die Versetzung Puschins aus der Peripherie nach Moskau mit Ihrer Genehmigung erfolgt?

RATAITSCHAK: Mit meinem Wissen.

KOMMODOW: Welchen Dienst haben Sie Puschin erwiesen, als er wegen Nachlässigkeit zur Verantwortung gezogen wurde, erinnern Sie sich an einen solchen Fall?

RATAITSCHAK: Ich erinnere mich, dass Puschin 1928 wegen eines Amtsverbrechens zur Verantwortung gezogen wurde. Ich machte mich damals persönlich mit dieser Sache bekannt, reiste an den Ort, wo Puschin zur Verantwortung gezogen wurde, und ersuchte, dass Puschin nicht zur kriminellen Verantwortung gezogen wird, da ich der Ansicht war, dass sein Verbrechen kein Kriminalverbrechen und kein böswilliges Verbrechen sei und dass alle Gründe vorhanden waren, ihn nicht zur kriminellen Verantwortung zu ziehen. Deshalb waren denn auch die Untersuchungsbehörden mit mir einverstanden, dass Puschin vor ein gesellschaftliches Gericht gestellt werden und nicht zur kriminellen Verantwortung gezogen werden soll.

KOMMODOW: Sagen Sie, haben Sie Puschin 1934, als Sie ihn in die trotzkistische Organisation hineinzogen, etwas davon gesagt, dass er Ihnen sowohl auf dienstlicher Linie als auch persönlich, von der Zeit her, als er eine derartige Unannehmlichkeit hatte, in gewissem Maße verpflichtet ist?

RATAITSCHAK: Ich erinnere mich an ein solches Gespräch nicht, weil es auf den Gang der Heranziehung Puschins keinerlei Einfluss haben konnte, da ich seine Stimmungen ausgezeichnet kannte.

KOMMODOW: Mich interessiert nur, ob solche Gespräche stattgefunden haben oder nicht.

RATAITSCHAK: Ich wiederhole, dass ich mich an solche Gespräche nicht erinnere.

KOMMODOW: Sie erinnern sich nicht?

RATAITSCHAK: Nein.

KOMMODOW: Haben Sie Puschin damals, als Sie ihn in die Organisation hineinzogen, gesagt, was für einen Tätigkeitskreis er in der Organisation haben wird?

RATAITSCHAK: Ich habe Puschin ganz genau gesagt, welche Aufgaben vor uns, vor mir stehen und welche Aufgabe vor ihm als Teilnehmer dieser Organisation steht.

KOMMODOW: Was für einen Tätigkeitskreis haben Sie hinsichtlich der Schädlings- oder Diversionstätigkeit für Puschin vorgesehen?

RATAITSCHAK: Puschin wurde ein Arbeitsgebiet zugewiesen, das er sehr gut kannte, da er in dieser Sache kompetent war; das war das Gorlowkaer Werk, auf dem er Chefingenieur, Hauptbauleiter war, und deshalb wurde ihm diese Stelle zugewiesen.

KOMMODOW: Alle diese Akte wurden auf dem Gorlowkaer Werk ausgeübt, und Sie waren über diese Akte unterrichtet, Sie persönlich?

RATAITSCHAK: Ich war nach der Verübung jedes Aktes unterrichtet, da ich die Protokolle über die Geschehnisse erhielt und wusste, dass diese Akte das Resultat von Puschins Tätigkeit waren.

KOMMODOW: Hat aber Puschin, bevor er den Diversionsakt vollzog, von Ihnen Weisungen und sozusagen Sanktionen zur Durchführung dieses Akts erhalten?

RATAITSCHAK: Ich habe Puschin nicht in jedem einzelnen Falle die Weisung erteilt, gerade diesen Akt zu vollziehen. Ich verwies bereits darauf, dass Puschin Anfang 1934 mich zwei Mal nach Verübung dieser Akte darüber informierte, dass der Akt von ihm und seinen Mittätern verübt worden ist.

KOMMODOW: Die Kommission, die nach Gorlowka reiste, um den letzten Diversionsakt zu untersuchen, wurde von Ihnen ernannt und zusammengesetzt?

RATAITSCHAK: Nein.

KOMMODOW: Von wem denn?

RATAITSCHAK: Von meinem Stellvertreter.

KOMMODOW: Mit Ihrem Wissen?

RATAITSCHAK: Ich fürchte mich das zu behaupten, weil ich damals krank war und wieder zur Arbeit kam, als der Akt schon verübt war.

KOMMODOW: Erinnern Sie sich an die Zusammensetzung der Kommission?

RATAITSCHAK: Ich erinnere mich, dass in der Kommission Juschkewitsch, Golowanow, Puschin waren.

KOMMODOW: Juschkewitsch war in der Organisation?

RATAITSCHAK: Ja.

KOMMODOW: Golowanow war Mitglied der Organisation?

RATAITSCHAK: Gleichfalls.

KOMMODOW: Puschin war Mitglied der Organisation?

RATAITSCHAK: Ja.

KOMMODOW: Diese Kommission wurde mit Ihrem Wissen zusammengestellt?

RATAITSCHAK: Ich wiederhole noch einmal, dass ich die Kommission nicht einsetzen konnte, da ich zu jener Zeit krank war.

KOMMODOW: Wer war Ihr Stellvertreter?

RATAITSCHAK: Juschkewitsch.

KOMMODOW: Also hat Juschkewitsch diese Zusammensetzung der Kommission ausgesucht?

RATAITSCHAK: Jedenfalls hatte Juschkewitsch entscheidenden Einfluss auf die Zusammensetzung der Kommission.

KOMMODOW: Und Sie kannten die Zusammensetzung dieser Kommission?

RATAITSCHAK: Ich wiederhole noch einmal, dass ich nach Erhalt des Akts die Zusammensetzung der Kommission erfuhr und auf diese Zusammensetzung keinen Einfluss ausüben konnte, da ich damals krank war und nicht zur Arbeit ging.

KOMMODOW: Wussten Sie, dass Golowanow gerichtlich vorbestraft war?

RATAITSCHAK: Ja.

KOMMODOW: Sie haben ihn nach Moskau empfohlen?

RATAITSCHAK: Er ist mit meinem Wissen nach Moskau gekommen.

KOMMODOW: Die Übermittlung von Informationen an Lenz ist mit Ihrer Sanktion, mit Ihrem Einverständnis erfolgt?

RATAITSCHAK: Mit meinem Einverständnis.

KOMMODOW: Hat Puschin Ihnen gesagt, welche Information Lenz verlangte?

RATAITSCHAK: Im ersten Fall.

KOMMODOW: Und Sie haben das erlaubt?

RATAITSCHAK: Ja.

KOMMODOW: Waren Sie selbst unmittelbar mit Lenz in Verbindung?

RATAITSCHAK: Nein.

KOMMODOW: Nur durch Puschin?

RATAITSCHAK: Ja.

KOMMODOW: Welche Direktiven haben Sie Puschin in bezug auf Schädlingsarbeit erteilt?

RATAITSCHAK: Konkret keine, abgesehen von den allgemeinen Richtlinien.

KOMMODOW: Sagen Sie, wann hat der letzte Diversionsakt in Gorlowka stattgefunden?

RATAITSCHAK: Ende 1935.

KOMMODOW: Was wurde 1936 konkret im Sinne der drei Anklagepunkte gegen Puschin getan?

RATAITSCHAK: Nichts.

KOMMODOW: Das bestätigen Sie?

RATAITSCHAK: Ja, weil ich Puschin zum Bau in den Kaukasus kommandierte.

KOMMODOW: Wann erfolgte seine Kommandierung in den Kaukasus?

RATAITSCHAK: Ende 1935.

KOMMODOW: Hatte er dort im Kaukasus nur geschäftliche Verbindungen oder konterrevolutionäre?

RATAITSCHAK: Unmittelbar mit mir nicht.

KOMMODOW: Wem unterstand er?

RATAITSCHAK: Dort war er Golowanow unterstellt.

KOMMODOW: Ich habe an den Angeklagten keine Fragen mehr.

WYSCHINSKI: Ich habe eine Frage an Rataitschak. Wer war mit Ihnen auf dem Schädlings- und Diversionsgebiet unmittelbar in Verbindung?

RATAITSCHAK: Kosinitzki, Juschkewitsch, Golowanow, Todorski.

WYSCHINSKI: Welche Stelle bekleidete Kosinitzki?

RATAITSCHAK: Er war Chefingenieur der Bauarbeiten.

WYSCHINSKI: Und Todorski? Wo hat der gearbeitet?

RATAITSCHAK: Als einer meiner Stellvertreter.

WYSCHINSKI: In der „Unionsvereinigung der chemischen Industrie“ oder in der „Hauptverwaltung“?

RATAITSCHAK: In der Hauptverwaltung.

WYSCHINSKI: War Ihnen Lenz bekannt?

RATAITSCHAK: Ich kannte Lenz als Monteur einer der ausländischen Firmen, als Mitglied der Schädlingsorganisation, die mit dem deutschen Spionagedienst in Verbindung war.

WYSCHINSKI: Wen kannten Sie noch?

RATAITSCHAK: Ich kannte noch... Meyerowitz.

WYSCHINSKI: Das war auch ein Agent des deutschen Spionagedienstes?

RATAITSCHAK: Ja.

WYSCHINSKI: Er war öfter in der UdSSR?

RATAITSCHAK: Ziemlich oft.

WYSCHINSKI: Sie sind mit ihm zusammengekommen?

RATAITSCHAK: Ja. Einmal war er bei mir, beim offiziellen Empfang, nachher hatte ich mit ihm eine Unterredung als einem Mitglied der Schädlingsorganisation.

WYSCHINSKI: Ich habe keine Fragen mehr an Rataitschak. Wenn die Verteidigung keine Fragen hat, habe ich einen Antrag zu stellen.

VORSITZENDER: Hat die Verteidigung keine Fragen?

VERTEIDIGER: Nein.

WYSCHINSKI: Ich möchte Rataitschak eine Reihe von Photos verschiedener Leute vorlegen, damit er Meyerowitz identifiziert. Die Photos sind ohne jede Überschrift und Kennzeichnung. Wird er ihn hier erkennen oder nicht? Gestatten Sie diese Photoaufnahmen Rataitschak zu übergeben.

VORSITZENDER: Angeklagter Rataitschak, es werden Ihnen zehn Photoaufnahmen vorgelegt. Sehen Sie sie an und sagen Sie, ob darunter der Bürger ist, den Sie Meyerowitz nennen?

(Der Gerichtskommandant legt Rataitschak die Photoaufnahmen zur Ansicht vor.)

RATAITSCHAK: Das ist Meyerowitz.

WYSCHINSKI: Haben Sie ihn erkannt?

RATAITSCHAK: Ja.

VORSITZENDER: Es wird festgestellt, dass das Photo, das der Angeklagte Rataitschak als Photographie des Bürgers Meyerowitz identifiziert hat, mit dem Photo vollkommen identisch ist, die der Aufenthaltsbewilligung für Ausländer angeheftet wurde, welche im November 1932 dem deutschen Staatsangehörigen Paul Meyerowitz ausgehändigt wurde. Die Aufenthaltsbewilligung für Ausländer befindet sich in den Einreiseakten der Auslandssektion der Administrativen Abteilung des Moskauer Gebiets-Exekutivkomitees.

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