PROZESSBERICHT ÜBER DIE STRAFSACHE
DES SOWJETFEINDLICHEN
TROTZKISTISCHEN ZENTRUMS

ABENDSITZUNG VOM 27. JANUAR 1937

VERNEHMUNG DES ZEUGEN TAMM

VORSITZENDER: Zeuge Tamm. (Der Zeuge Tamm wird in den Saal geführt.) Sie heißen Tamm?

TAMM: Ja.

VORSITZENDER: Leonid Jewgenjewitsch?

TAMM: Ja.

VORSITZENDER: Ihr letzter Posten?

TAMM: Stellvertretender Chefingenieur der Stickstoff-Hauptverwaltung.

VORSITZENDER: Sie sind als Zeuge in Sachen Pjatakow, Radek, Serebrjakow u. a. vorgeladen und sind verpflichtet, wahrheitsgetreue Aussagen zu machen.

TAMM: Gestatten Sie mir, Bürger Vorsitzender, eine Erklärung abzugeben. Ich möchte bitten, mich in einer geschlossenen Sitzung zu vernehmen, da ich schwerwiegende Gründe hierfür habe. Wenn Sie gestatten, werde ich sie in schriftlicher Form niederlegen.

VORSITZENDER: Wir werden eine ganze Reihe Fragen haben, die wir in geschlossener Sitzung behandeln werden, doch gibt es eine Reihe von Fragen, die Ihnen der Genosse Staatsanwalt stellen wird und die in öffentlicher Sitzung behandelt werden können.

WYSCHINSKI: Ich bin der Ansicht, dass wir in öffentlicher Sitzung jenen Teil berühren können, der nichts Geheimes betrifft, und zwar über die Verbindung des Zeugen mit dem Angeklagten Puschin, über die Diversionsanschläge usw., ohne auf irgendwelche Einzelheiten einzugehen; das übrige kann in geschlossener Sitzung behandelt werden.

VORSITZENDER: Bitte stellen Sie Fragen.

WYSCHINSKI (zu Tamm): Sagen Sie bitte, wie alt sind Sie?

TAMM: 35 Jahre, ich werde 36.

WYSCHINSKI: Wenn Sie 35 Jahre alt sind, werden Sie natürlich 36.

TAMM: Ich meine, dass ich in einigen Tagen 36 Jahre alt werde.

WYSCHINSKI: Wie viel Jahre arbeiten Sie auf dem Gebiet der Stickstoffindustrie?

TAMM: Seit 1928.

WYSCHINSKI: Sie haben in der letzten Zeit den Posten eines Leiters der Produktionsabteilung bekleidet?

TAMM: In der letzten Zeit bekleidete ich den Posten eines stellvertretenden Chefingenieurs der Stickstoffindustrie.

WYSCHINSKI: Bereits in Moskau?

TAMM: Ja.

WYSCHINSKI: Wie lange haben Sie im Werk in Gorlowka gearbeitet?

TAMM: Von 1932 bis Februar 1936.

WYSCHINSKI: Haben Sie Puschin gekannt?

TAMM: Ja.

WYSCHINSKI: Wer hat Sie bekannt gemacht?

TAMM: Ich machte Puschins Bekanntschaft zur Zeit meines ersten Aufenthalts in den Stickstoffdüngerwerken in Gorlowka und zwar, wenn ich nicht irre, im Juni oder Juli 1932, als mir Ulanow den Vorschlag machte, mit ihm zusammen als technischer Direktor an diese Fabrik zu gehen.

WYSCHINSKI: Auf welche Weise haben Sie von der verbrecherischen Tätigkeit Puschins erfahren?

TAMM (schweigt einige Zeit): Mit Puschin habe ich seit dem Herbst 1932, ungefähr seit September, bis zu seiner Abreise aus Gorlowka Mitte 1933 zusammengearbeitet. WYSCHINSKI: Ich frage Sie, woher wussten Sie von der verbrecherischen Tätigkeit Puschins und ob Sie davon wissen?

TAMM: Gleich komme ich darauf zu sprechen.

WYSCHINSKI: Sie tun es aber nicht.

TAMM: Es war mir auf Grund seiner eigenen Worte bekannt.

WYSCHINSKI: Aus welchem Anlass begann Puschin von seinen Verbrechen zu sprechen?

TAMM: Ich hatte mit Puschin eine ganze Reihe sowjetfeindlicher Unterhaltungen.

WYSCHINSKI: Warum haben Sie sich dazu entschlossen?

TAMM: Ich kannte seine sowjetfeindlichen Stimmungen.

WYSCHINSKI: Woher?

TAMM: Das ging aus allen seinen Gesprächen, aus einzelnen Bemerkungen hervor.

WYSCHINSKI: War er Parteimitglied?

TAMM: Ja.

WYSCHINSKI: Und Sie waren?

TAMM: Parteilos.

WYSCHINSKI: Und Sie, ein Parteiloser, haben plötzlich bemerkt, dass ein Parteimitglied sowjetfeindliche Gespräche führt?

TAMM: Ja. Bei einer meiner Moskauer Reisen, das war im Februar 1934, suchte ich ihn in Betriebsangelegenheiten in der Hauptverwaltung der chemischen Industrie auf, und dort machte er mir einen konkreten Vorschlag hinsichtlich dessen, dass man sich auf Diversionstätigkeit verlegen müsse. Ich war damit einverstanden.

WYSCHINSKI: Sie waren mit ihm einverstanden?

TAMM: Ja.

WYSCHINSKI: Hat er Ihnen Aufträge erteilt? Haben Sie alle diese Aufträge ausgeführt?

TAMM: Ja, ich habe sie ausgeführt.

WYSCHINSKI: Das war 1934?

TAMM: Ja.

WYSCHINSKI: Und 1935?

TAMM: 1935 erteilte er mir noch einen Auftrag.

WYSCHINSKI: Den es Ihnen ebenfalls auszuführen gelang?

TAMM: Ja.

WYSCHINSKI: Das war Anfang 1935 oder Ende 1935?

TAMM: Der Auftrag wurde Mitte des Jahres erteilt und gegen Ende des Jahres ausgeführt.

WYSCHINSKI: Welcher Ansicht sind Sie: ist anzunehmen, dass Puschin das ganze Jahr 1935 für Diversionsarbeit war?

TAMM: Ich glaube ja.

WYSCHINSKI: Sind Sie mit ihm das ganze Jahr 1935 hindurch zusammengekommen?

TAMM: Ich habe ihn nach dem letzten Diversionsanschlag, im November 1935, gesehen.

WYSCHINSKI: Und wohin ist Puschin dann gegangen?

TAMM: Er ist ins Riongebiet gefahren.

WYSCHINSKI: In welcher Stimmung ist er ins Riongebiet gefahren?

TAMM: Ich hatte keine Gelegenheit, mit Puschin über diese Frage zu sprechen.

WYSCHINSKI: Haben Sie Puschin später getroffen?

TAMM: Ich habe ihn in der Stickstoff-Hauptverwaltung 1936 etwa zweimal gesehen.

WYSCHINSKI: Haben Sie sich über Diversionsanschläge unterhalten?

TAMM: Nein, derartige Unterhaltungen haben nicht stattgefunden.

WYSCHINSKI: Was für Stimmungen hatte er?

TAMM: Das Zusammentreffen war so kurz, dass ich kaum Gelegenheit hatte, mit ihm über etwas zu sprechen.

WYSCHINSKI: Haben Sie sich als alte Bekannte, als Freunde getroffen?

TAMM: Wir trafen uns in der Stickstoff-Hauptverwaltung nur im Laufe weniger Minuten und hatten keinerlei Unterhaltung.

WYSCHINSKI: Sie haben ihn als alten Verschwörer betrachtet oder dachten Sie, hatten Sie Grund zu glauben, dass er diese Tätigkeit eingestellt hat?

TAMM: Über dieses Thema habe ich nicht gesprochen.

WYSCHINSKI: So dass Sie Puschin aus dem Jahre 1936 nicht charakterisieren können?

TAMM: Das kann ich nicht.

WYSCHINSKI: Seither sind Sie nicht mit ihm zusammengekommen?

TAMM: Das letzte Mal habe ich ihn kurz vor meiner Verhaftung gesehen.

WYSCHINSKI: Wann war das?

TAMM: Ich glaube, dass ich ihn das letzte Mal Anfang Oktober 1936 gesehen habe.

WYSCHINSKI: Anfang Oktober 1936?

TAMM: Ja.

WYSCHINSKI: Hat sich nichts geändert, haben Sie keinerlei Anzeichen bemerkt?

TAMM: Ich hatte nicht Gelegenheit, mit ihm zu sprechen.

WYSCHINSKI: Die Diversionsanschläge im Auftrage Puschins wurden unter Ihrer unmittelbaren Leitung ausgeführt?

TAMM: Ja.

WYSCHINSKI: Wer hat sie ausgeführt?

TAMM: Ausgeführt haben sie Assinowski, Halesow, Dratsch, Kruschelnitzki.

WYSCHINSKI: Haben Sie darüber, wie Sie das alles ausgeführt haben, Puschin Meldung gemacht?

TAMM: Ja.

WYSCHINSKI: War er damit zufrieden?

TAMM: Er hat keinen Tadel darüber geäußert.

WYSCHINSKI: Hat er auch weiterhin Aufträge erteilt?

TAMM: Nach dem letzten hat er keine mehr erteilt.

WYSCHINSKI: Nein, nach dem ersten?

TAMM: Nach dem ersten hat er welche erteilt.

WYSCHINSKI: Nach dem ersten hat er welche erteilt, nach dem letzten aber, da das einmal getan war, hat er keine erteilt, also war er zufrieden, also hielt er das für richtig und war dadurch zufrieden gestellt. Ich habe keine Fragen mehr.

VORSITZENDER: Die Sitzung wird für 20 Minuten unterbrochen.

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