PROZESSBERICHT ÜBER DIE STRAFSACHE
DES SOWJETFEINDLICHEN
TROTZKISTISCHEN ZENTRUMS

ABENDSITZUNG VOM 27. JANUAR 1937

ERGÄNZENDE FRAGEN AN DIE ANGEKLAGTEN PJATAKOW UND RADEK

VORSITZENDER: Das Verhör der Angeklagten ist abgeschlossen, ebenso die Vernehmung der Zeugen. Ergänzende Fragen liegen nicht vor?

WYSCHINSKI: Ich habe Fragen an Pjatakow. Angeklagter Pjatakow, sagen Sie bitte, Sie sind in einem Flugzeug nach Norwegen geflogen, um Trotzki zu sprechen? Wissen Sie nicht, auf welchem Flugplatz Sie gelandet sind?

PJATAKOW: In der Nähe von Oslo.

WYSCHINSKI: Hatten Sie bei der Landung oder bei der Zulassung des Flugzeugs auf diesen Flugplatz keinerlei Schwierigkeiten?

PJATAKOW: Ich war durch die Ungewöhnlichkeit der Reise erregt und habe dem keine Aufmerksamkeit geschenkt.

WYSCHINSKI: Ist Ihnen der Name Kjeller nicht bekannt?

PJATAKOW: Nein.

WYSCHINSKI: Sie bestätigen, dass Sie auf einem Flugplatz in der Nähe von Oslo gelandet sind?

PJATAKOW: In der Nähe von Oslo, daran erinnere ich mich.

WYSCHINSKI: Ich habe keine Fragen mehr. Ich habe einen Antrag an das Gericht. Ich habe mich für diesen Umstand interessiert und das Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten gebeten, mir eine Auskunft zu verschaffen, da ich die Aussagen Pjatakows hierüber nachprüfen wollte. Ich habe die offizielle Auskunft erhalten, die ich den Akten beizulegen bitte. (Liest)
„Die Konsularabteilung des Volkskommissariats für Auswärtige Angelegenheiten teilt dem Staatsanwalt der UdSSR hierdurch mit, dass laut einer von der Bevollmächtigten Vertretung der UdSSR in Norwegen erhaltenen Auskunft der Flugplatz in Kjeller in der Nähe Oslos das ganze Jahr hindurch, entsprechend den internationalen Regeln, Flugzeuge anderer Länder aufnimmt und dass Landung sowie Start von Flugzeugen auch in den Wintermonaten möglich ist.“
(Zu Pjatakow): Das war im Dezember?

PJATAKOW: Ganz recht.

WYSCHINSKI: Ich bitte, dies den Akten beizulegen. Jetzt eine Frage an den Angeklagten Radek.

VORSITZENDER: Bitte.

WYSCHINSKI: Angeklagter Radek, sagen Sie: ist zu Ihnen auf das Landhaus in der Nähe Moskaus eine gewisse Persönlichkeit hinausgefahren?

RADEK: Wie ich bereits ausgesagt habe, besuchte mich im Sommer 1935 derselbe diplomatische Vertreter desselben mitteleuropäischen Landes, der im Jahre 1934 im Gespräch mit mir die erste Sondierung unternahm.

WYSCHINSKI: Als er Sie besuchte, hat er mit Ihnen in irgendjemandes Gegenwart oder unter vier Augen gesprochen?

RADEK: Nein, bei mir war damals Bucharin. Wir saßen auf der Veranda, als ein Auto vorfuhr und ich durch das Fenster diesen mir bekannten Herrn und außerdem zwei Unbekannte erblickte. Da keinerlei Voranmeldung seines Besuchs erfolgt war, war ich erstaunt. Er begann mir seine Ankunft damit zu erklären, dass ihn zwei Personen aufgesucht haben, die mich wahrscheinlich interessieren würden, ein Professor der Königsberger Universität und der Ratgeber eines der Führer einer der Provinzen jenes Landes, die für mich deshalb von Interesse sein werden, weil Königsberg sich Rußland gegenüber anders verhält als sagen wir Rosenberg, weil Preußen Angst vor Polen hat und ihm nicht vertraut und darum an einer aktiven Haltung gegenüber der UdSSR mehr interessiert ist.
Ich hörte mir diese Einleitung an, und da beschlossen war, hier mit diesen Vertretern in keinerlei Verhandlungen einzutreten, abgesehen von der Bestätigung des Mandats von Trotzki, wie ich bereits mitteilte, und da ich ihm die Ursache nicht erklären konnte, blieb mir nur eines übrig: ich begann, für ihn unerwartet, in spöttischem Ton zu sprechen. Es hob ein Wortgefecht über die Rassenfrage an. Daraufhin fuhren diese Vertreter, als sie sahen, dass wir uns offensichtlich in keinerlei Gespräche, um derentwillen sie gekommen waren, einlassen wollen, wieder ab.
Dieser Besuch hatte eine weitere Folge. Entweder konnte der diplomatische Agent nicht verstehen, warum er so empfangen worden war, oder aber wollten die Leute, die hinter ihm standen, überprüfen, was das bedeuten soll, ob nicht irgendwelche Veränderungen in der Haltung des Blocks gegenüber jenem Lande eingetreten waren. Einige Monate später, ungefähr im November 1935, kam auf einem der üblichen diplomatischen Empfänge der militärische Vertreter dieses Landes auf mich zu…

VORSITZENDER: Nennen Sie weder Namen noch das Land.

RADEK: ...und begann sich über die vollständige Veränderung der Atmosphäre zwischen den beiden Ländern zu beklagen. Nach den ersten Worten sagte er, dass zur Zeit des Herrn Trotzki zwischen den beiden Armeen der beiden Länder bessere Beziehungen bestanden haben.
Ferner sagte er, dass Trotzki seinen alten Ansichten über die Notwendigkeit der sowjetisch-deutschen Freundschaft treu geblieben sei. Nach einer Reihe derartiger weiterer Äußerungen begann er mir als der Person zuzusetzen, die früher die Rapallo-Linie durchgeführt hatte. Ich habe ihm darauf mit derselben Formulierung geantwortet, mit der ich auf die erste Sondierung geantwortet hatte, dass die Realpolitiker in der UdSSR die Bedeutung der sowjetisch-deutschen Freundschaft kennen und zu den Zugeständnissen bereit sind, die zur Sicherung dieser Freundschaft notwendig sind. Darauf antwortete er mir, dass es notwendig sei, sich endlich irgendeinmal zusammenzusetzen, um gemeinsam ausführlich und konkret über die Wege der Annäherung zu sprechen.
Ich sagte ihm, dass ich, sobald sich eine entsprechende Situation ergibt, gerne einen Abend mit ihm verbringen werde. Dieses zweite Gespräch zeigte mir, dass hier ein Versuch militärischer Kreise vorliegt, jene Beziehungen in die Hand zu bekommen, die sich zwischen Trotzki und den entsprechenden Kreisen Deutschlands angebahnt hatten, oder aber den realen Inhalt jener Verhandlungen zu prüfen, welche geführt wurden. Vielleicht handelte es sich auch darum, zu überprüfen, ob wir wissen, was Trotzki konkret vorgeschlagen hat.

WYSCHINSKI: Fand zwischen Ihnen und Pjatakow oder irgendjemand anderem ein Gespräch über die Fristen des Herannahens eines möglichen Krieges statt?

RADEK: Als Pjatakow aus Oslo zurückkehrte, stellte ich ihm vom Standpunkt der Außenpolitik eine Reihe von Fragen. Er berichtete folgendes: Erstens hatte Trotzki ihm gesagt, dass nicht von Jahrfünften die Rede ist, dass es sich nicht um fünf Jahre, sondern um ein Jahr, im äußersten Fall um zwei Jahre handelt, dass es sich um einen Krieg im Jahre 1937 handelt. Daraufhin fragte ich Pjatakow: „Hat dir Trotzki das als seine Vermutung mitgeteilt?“ Pjatakow antwortete: „Nein, Trotzki sagte das unter Berufung auf ein Gespräch mit Heß und anderen offiziösen Personen Deutschlands, mit denen er zu tun hatte.“ Folglich war das eine Direktive zur Orientierung auf eine absolut konkrete Zeit.
Ich fragte ihn: Handelt es sich um einen isolierten Krieg gegen die UdSSR? Darauf antwortete Pjatakow, dass Trotzki überhaupt von einem Krieg im Jahre 1937 gesprochen habe, wobei er den Überfall auf die UdSSR nicht vom allgemeinen Gang der Entwicklung absonderte. Als ich Pjatakow aber fragte, wie sich denn Trotzki konkret die Entwicklung der Ereignisse vorstelle, antwortete mir Pjatakow darauf, dass Trotzki gesagt habe: die militärische Vorbereitung ist abgeschlossen und es handelt sich jetzt um die Sicherung Deutschlands mit diplomatischen Mitteln. Dazu wird ein Jahr gebraucht. Er sagte, dass das Ziel dieser diplomatischen Bestrebungen erstens darin besteht, die englische Neutralität zu sichern. Zweitens, dass Deutschland entweder zu einer Übereinkunft mit Frankreich gelangen oder aber dass es, gestützt auf die wachsende faschistische Bewegung, durch welche die demokratische Regierung Frankreichs geschwächt werden wird, imstande sein wird, in günstiger Situation Frankreich durch einen kurzen Schlag für so lange Zeit aus dem Spiel auszuschalten, als es mit konzentrierten Kräften den Schlag gegen die UdSSR führt. Das war die zweite Tatsache, die Pjatakow mitteilte.
Die dritte Tatsache aus den Gesprächen zwischen Trotzki und Pjatakow war die deutsche Forderung voller Handlungsfreiheit beim Vordringen Deutschlands in die Balkan- und Donauländer. Das ist auch eine sehr wesentliche Tatsache.

WYSCHINSKI (zu Pjatakow): Haben Sie das gesagt? Bestätigen Sie das?

PJATAKOW: Ja, Radek gibt das sehr genau wieder. Das ist alles vollkommen richtig.

WYSCHINSKI: Ich habe keine Fragen mehr.

VORSITZENDER: Hat die Verteidigung keine ergänzenden Fragen an die Angeklagten?

(Die Verteidiger verneinen.)

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