PROZESSBERICHT ÜBER DIE STRAFSACHE
DES SOWJETFEINDLICHEN
TROTZKISTISCHEN ZENTRUMS

VORMITTAGSSITZUNG VOM 29. JANUAR 1937

GERICHTSKOMMANDANT: Das Gericht erscheint. Bitte sich von den Plätzen zu erheben.

VORSITZENDER: Die Verhandlung wird fortgesetzt.

Angeklagter Turok, da Sie auf einen Verteidiger verzichtet haben, haben Sie das Recht auf eine Verteidigungsrede. Wollen Sie von diesem Recht Gebrauch machen?

TUROK: Nein.

VORSITZENDER: Angeklagter Rataitschak, wollen Sie vom Recht auf eine Verteidigungsrede Gebrauch machen?

RATAITSCHAK: Nein, ich verzichte.

VORSITZENDER: Angeklagter Hrasché?

HRASCHÉ: Ich verzichte.

VORSITZENDER: Angeklagter Serebrjakow?

SEREBRJAKOW: Ich verzichte.

REDE DES VERTEIDIGERS KOMMODOW

VORSITZENDER: Das Wort hat der Verteidiger des Angeklagten Puschin, Genosse Kommodow.

KOMMODOW: Wie Sie wissen, Genossen Richter, hat der Kampf gegen die Sowjetmacht sofort nach ihrem Machtantritt eingesetzt. Historisch ist dies begreiflich: die gestürzte, aufs Haupt geschlagene und niedergestreckte Klasse der Bourgeoisie mit allen ihren Abzweigungen konnte sich nicht damit abfinden, dass ihr ihre Stellung, ihre Privilegien, die Möglichkeiten zum Ausbeuten, ihre Reichtümer genommen worden waren. Sie bemühte sich dies zurückzuerlangen. In jener Zeit wurde der Kampf geführt in Form von bewaffneten Aufständen, Kriegszügen zaristischer Generale, die von ausländischen Interventionsmächten unterstützt und bewaffnet wurden. Der Kampf war schwer und hartnäckig. Die junge Sowjetrepublik gab buchstäblich ihr Herzblut hin, um sich zu verteidigen. Der Feind wurde zerschmettert. Das hatte große politische, aber auch große praktische Folgen. Der Sieg über den bis an die Zähne bewaffneten Feind erweiterte sofort den Kreis der Freunde der Sowjetunion und engte den Kreis ihrer Feinde beträchtlich ein: die einen fielen, die anderen flüchteten, die dritten - die gewissenhaftesten und weitsichtigsten - gingen auf die Seite der Sowjetunion über. Aber die noch gebliebenen Reste des geschlagenen Feindes streckten die Waffen nicht. Sie begriffen, dass es bereits sinnlos geworden war, in der Form von bewaffneten Aufständen aufzutreten. Sie warteten auf eine passende Gelegenheit und begannen nach neuen Kampfformen zu suchen. Die Gelegenheit bot sich ihnen. Das durch den imperialistischen Krieg und die Kriegszüge zaristischer Generale zermarterte, bis aufs letzte gepeinigte, über und über von Wunden bedeckte Rußland sah sich einer außergewöhnlichen wirtschaftlichen Katastrophe, außergewöhnlicher wirtschaftlicher Zerrüttung gegenüber. Vor der neuen Staatsmacht, vor der neuen Republik stand eine schwere Aufgabe - die Wirtschaft des Landes wiederaufzubauen, sie auf neue Gleise zu überführen. Die Schwierigkeiten schienen unüberwindlich. Zum Glück besaß die Sowjetrepublik einen genialen Steuermann. Der mit Seherblick ausgestattete Lenin erkannte, dass es dem Land eine Atempause zu verschaffen galt, und führte die so genannte Neue Ökonomische Politik ein. Diese Politik nahmen die Konterrevolutionäre aller Schattierungen, aller Färbungen, aller Stimmungen so auf, als gäben die Bolschewiki alle ihre Hauptpositionen preis: sie nahmen sie freudig und mit großer Hoffnung auf, sie glaubten schon, die Sowjetmacht unter der Last der historischen Schwierigkeiten stürzen zu sehen; war es nicht gelungen, sie durch Waffengewalt zu stürzen, so werde sie unter der Last der damals vor ihr aufgetürmten Schwierigkeiten zusammenbrechen, oder sie wird entarten und als organisches Element in das ganze Wirtschaftsleben hineinwachsen. Daher die Losung - die Neue Ökonomische Politik verwurzeln, entwickeln, festigen und auf die günstigen Resultate warten.

Sie haben sich verrechnet. Jahre vergingen, und nach einiger Zeit stand die Volkswirtschaft auf eigenen Füßen, und der vergesellschaftete Sektor der Volkswirtschaft begann der NÖP einen Industriezweig nach dem anderen, zunächst in der Industrie, dann in der gesamten Produktion abzuringen, und verdrängte schließlich die NÖP aus ihrem letzten Zufluchtsort, den Kanälen des Warenumlaufes - dem Handel.

Diese Siege haben erneut den Kreis der Feinde wesentlich eingeengt und den Kreis der Freunde erweitert. Die Weitsichtigsten, die Ehrlichsten begriffen: wenn die Sowjetmacht nicht durch Waffengewalt gestürzt werden konnte, wenn die Volkswirtschaft nicht unter dem Druck der historischen, unüberwindlich schwierigen Verhältnisse zusammengebrochen ist, so hat diese Macht tief im Volksleben Wurzel geschlagen. Aber die noch gebliebenen Reste der Konterrevolution haben die Waffen nicht gestreckt.

Gegen Ende der Liquidierung der NÖP setzten jene fraktionellen Vorstöße ein, von denen der staatliche Ankläger hier sprach. Ich muss sagen, dass diese Vorstöße der trotzkistischen Opposition von Anfang an zum Sammelpunkt aller konterrevolutionären Kräfte wurden. Die Konterrevolutionäre aller Schattierungen sahen im Trotzkismus nicht nur ihre Hoffnung auf den Sturz der Sowjetmacht, sondern auch ihre Hoffnung auf völlige Wiederherstellung des Kapitalismus in der Form verkörpert, wie er vor der Revolution bestand.

Und die letzte Etappe des Kampfes der trotzkistischen Konterrevolution, die den Inhalt des gegenwärtigen Prozesses bildet, bestätigte mit außergewöhnlicher Klarheit, wie richtig die konterrevolutionären Elemente das Wesen des Trotzkismus einschätzten.

Viele hofften, die Macht würde infolge innerparteilicher Zwistigkeiten stürzen. Ich erinnere mich, wie auf dem Prozess des „Unionsbüros der Menschewiki“ der Angeklagte Sokolowski diese zwei Kampfetappen in der NÖP-Periode und in der Periode der trotzkistischen Vorstöße als „vegetarische“ Etappen charakterisierte und sie der nächsten Kampfetappe gegenüberstellte, deren Hauptform das Schädlingswesen war. Der logische Verlauf des Kampfes gegen die Sowjetmacht ermöglicht es, zu begreifen, weshalb die Schädlingsarbeit an der Front der Volkswirtschaft auf die Tagesordnung gestellt wurde.

Von Monat zu Monat, von Tag zu Tag festigte sich die Wirtschaft, entwickelte sie sich in die Breite und in die Tiefe. Die Feinde begriffen, dass, wenn es nicht gelungen war, die Staatsmacht durch Waffengewalt zu stürzen, wenn die Wirtschaft nicht unter dem Druck der historischen Schwierigkeiten zusammengebrochen war, ihre Entwicklung auf künstlichem Wege gehemmt werden, das Geschaffene zerstört werden muss. Daher tauchten neue Direktiven und die neue Kampfform, das Schädlingswesen auf.

Das Schädlingswesen als Form der künstlichen Zerstörung der Volkswirtschaft hat ihr zweifellos einen großen Schaden zugefügt. Es hat vielen Abschnitten dieser Wirtschaft blutende Wunden geschlagen, aber der Organismus war stark, diese Wunden wurden nicht zu tödlichen.

Kalendermäßig gesehen, umfasst diese Periode ungefähr drei, vier Jahre, wenn man den Schachty-Prozess als Anfangsperiode dieser Kampfform und den Prozess der Schädlinge in den Elektrizitätswerken Ende 1932 oder Anfang 1933 als Endperiode betrachtet.

Das Ende dieser Kampfperiode, dieser neuen Kampfetappe fiel zeitlich mit den Erfolgen der Kollektivierung auf dem Lande zusammen. Sowohl die Feinde als auch die Freunde der Sowjetunion, alle begriffen ausgezeichnet, dass die Kollektivierung auf dem Lande nicht eine einfache Ablösung zweier Systeme der Bodenbestellung ist. Alle begriffen ausgezeichnet, dass die Kollektivierung auf dem Lande die gesamten Lebensformen auf dem Dorfe ummodelt. Alle begriffen ausgezeichnet, dass jahrhundertealter Aberglaube ausgerodet, Traditionen zertrümmert werden, dass mit Schimmel und Schlacke aufgeräumt wird, die sich im Laufe vieler Jahrhunderte an dem analphabetischen und ungewaschenen Rußland gebildet hatten. Nicht nur das Antlitz der Erde, nicht nur das äußere Ansehen des Dorfes änderte sich, es änderte sich die ganze Lebensweise, die Psychologie des Volkes. Deshalb wurde diese Front zu einem Schauplatz des erbitterten Kampfes der Feinde. Der Kampf nahm unerhört grausame Formen von Terrorakten gegen die im öffentlichen Leben wirkenden Personen, Aktivisten, Lesehüttenverwalter, Stoßbrigadier und all diejenigen an, die aufrichtig und ergeben dem Werk der Kollektivierung dienten. Da sich die Kehrseite des Lebens in Gerichtsverhandlungen widerspiegelt, erinnere ich mich vieler Prozesse, in denen es sich darum handelte, dass diejenigen, die aufrichtig und ergeben dem Werk der Kollektivierung dienten, Opfer des Terrors waren. Das sind die historischen Etappen des Kampfes, gegen die Sowjetmacht in den verflossenen 19 Jahren, die Etappen, zu denen auch die letzte Etappe gehört.

Welches sind die grundlegenden, die charakteristischen Merkmale dieses Kampfes? Ich würde sagen, es gibt ihrer drei. Das erste Merkmal: der Kampf gegen die Sowjetmacht war nicht ein Kampf von Stimmungen bzw. politischen Schattierungen. In dieser Hinsicht hat Genosse Wyschinski, der diesen Kampf als einen Kampf zweier Systeme kennzeichnete, zutiefst recht. Ich möchte sagen, es ist ein Kampf zweier Epochen, ein Kampf zweier Weltanschauungen und wird ein solcher bleiben bis zuletzt. Das ist das erste charakteristische Merkmal, und da heute der aktivste Verteidiger des früheren Systems der Produktionsverhältnisse in ihrer schlimmsten Vorm der Faschismus ist, ist es verständlich, warum der Faschismus dem Trotzkismus und der Trotzkismus dem Faschismus die Hand reichte und sie ein Bündnis zur gemeinsamen Betreibung von Ausbeutung, Gewalttätigkeit und Versklavung schlossen.

Das zweite charakteristische Merkmal dieses Kampfes ist die Tatsache, dass jede folgende Periode des Kampfes die vorhergehende an Zynismus und Schamlosigkeit übertraf. In diesem Sinne war die letzte Etappe des Kampfes, und ich hoffe, sie wird wirklich die letzte sein, die zynischste und schamloseste. Hier vereinigten sich, wie im Brennpunkt, alle Formen, alle Arten des Kampfes, die sich auf diese 19 Jahre erstrecken. Diversionsanschläge und Schädlingsarbeit, Spionage und Terrorakte, Abmachungen mit ausländischen Interventionsmächten und Aufteilung Rußlands sind hier zu einem einzigen Knoten verflochten.

Und schließlich, das dritte charakteristische historische Merkmal dieses Prozesses des Kampfes gegen die Sowjetmacht ist der Umstand, dass die Konterrevolution von Jahr zu Jahr, von einer Etappe ihrer Niederlage zur anderen immer mehr entartete, immer mehr Haare ließ, immer nichtiger und winziger, obzwar immer erbitterter und grausamer wurde. Alles, was es an verhältnismäßig ehrlichen und weitsichtigen Elementen gab, ist von der Konterrevolution abgerückt.

In den Aussagen Pjatakows gibt es einen Hinweis darauf, dass Trotzki im Jahre 1931 den Rat gab, den Massenkampf einzustellen. Dies geschah natürlich nicht, weil er ihm nicht gefiel. Im Gegenteil, der abgefeimte Demagoge wünschte diesen Kampf. Aber dazu braucht man Massen. An diesen Massen aber fehlte es. Während der Gerichtsverhandlungen stellte Genosse Wyschinski an Sokolnikow die Frage: auf wen wollten Sie sich innerhalb des Landes in Ihrem Kampf gegen die Sowjetmacht stützen? Auf welche Kräfte? Sokolnikow antwortete nicht gleich. Mit der Methode der Ausschaltung schloss er nach und nach die Bevölkerungsschichten aus, auf die man sich nicht stützen konnte, und was kam dabei heraus? Er schloss die ganze Arbeiterklasse, er schloss die ganze werktätige Bauernschaft aus, von mir aus füge ich hinzu, dass er auch die ganze werktätige Intelligenz wird ausschließen müssen. Was bleibt? Was bleibt? Sokolnikow dachte nach und antwortete: wir setzten unsere Hoffnungen auf die Überreste des auf dem Lande zerschmetterten Kulakentums. Das ist es also, womit die trotzkistische Konterrevolution nach vielen Jahren des Kampfes gegen die Sowjetmacht aufzuwarten hat, mit wem sie geblieben ist. Genossen Richter, sie ist mit den Überbleibseln der Kulaken geblieben.

Und inzwischen festigte sich die junge Sowjetrepublik von Jahr zu Jahr, dehnte sich aus, wurde reicher und verwandelte sich in die machtvolle Sowjetunion, und ich bin fest davon überzeugt, dass die junge Sowjetrepublik ihr 20jähriges Jubiläum als stärkste Weltmacht feiern wird.

Nun, und die Stalinsche Führung, gegen die dieser Kampf gerichtet war? In diesen Jahren vermochte sie 170 Millionen des werktätigen Volkes um sich zu scharen. 170 Millionen, unter denen es nicht weniger als 100 verschiedene Nationalitäten gibt. Diese 170 Millionen umgaben ihren Führer mit einem solchen Wall von Liebe, Achtung und Ergebenheit, den niemand je zu durchbrechen vermögen wird. Niemand und niemals!

Ich lenkte Ihre Aufmerksamkeit ganz bewusst auf diesen historischen Prozess des Kampfes gegen die Sowjetmacht. Für mich, als Verteidiger im gegenwärtigen Prozess, ist diese historische Betrachtungsweise von großer Bedeutung.

Man muss uns verstehen. Wir haben es nicht leicht. Und wenn wir, Verteidiger in diesem Prozess, Sie, Genossen Richter, bitten werden, bei dem einen oder anderen Angeklagten von jenem, durch den staatlichen Ankläger geforderten höchsten Strafmaß abzuweichen, so geschieht dies nicht aus Motiven, nicht aus Gründen, die der Natur des Verbrechens zugrunde liegen, hier sind wir aller Möglichkeiten beraubt; nicht aus Motiven, die hinsichtlich einiger Angeklagter ihrer Persönlichkeit zugrunde liegen könnten, denn politische Doppelzüngigkeit hebt die Persönlichkeit nicht minder auf, als es ein Verbrechen tut, - sondern aus Motiven, die der Tatsache der Kraft, der Stärke und der Macht der Sowjetunion entspringen. Und dies ist unser Hauptargument bei der Verteidigung. Zu diesem Hauptargument der Verteidigung im Hinblick auf den von mir verteidigten Angeklagten Puschin füge ich eine Reihe von Erwägungen hinzu, die sich aus seiner geringen Bedeutung in der Organisation, in der er Mitglied war, ergeben. Ich kann mich nicht damit abfinden, dass alle Angeklagten über einen Kamm geschoren werden.

Wenn man es mir gestattete, würde ich alle diese Angeklagten in konzentrisch angeordneten Kreisen aufstellen. Im Mittelpunkt stände Trotzki, gestützt durch Sedow, dem würdigen Sohn des würdigen Vaters. Der erste Kreis, das sind alle, die entweder durch direkte Unterredungen oder durch Korrespondenz unmittelbar mit ihnen in Verbindung stehen. Das sind alle, die die Leiter des Parallelzentrums waren, alle, die alle erhaltenen Direktiven ausarbeiteten und umarbeiteten. Der zweite Kreis, das sind diejenigen, die unmittelbar mit dem ersten Kreis in Verbindung standen, und die, ich würde sagen, lebendige Leitkörper jener Direktiven waren, die sie aus dem Auslande bezogen bzw. hier ausarbeiteten. Der dritte Kreis, das sind alle, die mit den Personen des zweiten Kreises in Verbindung waren und konkrete Aufträge durchzuführen hatten. Puschin steht in diesem dritten Kreis.

Der Genosse Staatsanwalt hat während des Verhörs hier vor Gericht Puschin eine Frage gestellt, die ein Verteidiger stellen müsste. Das macht der Objektivität des öffentlichen Anklägers Ehre. Er fragte Puschin: „Und Sie wussten von der Existenz des Parallelzentrums?“ Eine sehr tiefe und bedeutsame Frage vom Gesichtspunkt der Verteidigung.

Puschin antwortete: „Ich wusste es nicht.“ Und das kann man glauben, weil er doch mit niemand von den Häuptlingen unmittelbar in Verbindung stand. Ich sage mehr: wenn er in dienstlichen Angelegenheiten gerade noch bis zu Pjatakow gelangen konnte, so war er mit den anderen vielleicht nicht einmal bekannt. So kannte er alle diese Direktiven, die vom Zentrum durchgeführt wurden, nicht. Er war nicht auf dem Laufenden über dieselben, während er die Verantwortung im selben Maße wie die Leiter und Organisatoren des Zentrums teilt.

Ich weiß nicht, wie Puschin, der verhältnismäßig spät, im Jahre 1934, in die trotzkistische Organisation eintrat und früher mit ihr nicht in Verbindung stand, - wie er die Direktive einer Aufteilung Rußlands, einer Verschacherung des Landes aufgenommen hätte? Denn man kann große Verbrechen, schwere Verbrechen begehen, aber man kann in den eigenen Gedanken über die Vorschläge, die Direktiven entsetzt sein, die Trotzki dem Zentrum in letzter Zeit übermittelte.

Pjatakow und Radek sagten, dass sie, als sie diese Direktiven erhielten, bestürzt waren, und eine Beratung ihrer Freunde einberufen wollten, um sie zu diskutieren. Puschin war nicht voll und ganz über jene trotzkistischen Stimmungen unterrichtet, die sich in der letzten Direktive Trotzkis hinsichtlich des Defätismus und einer Aufteilung Rußlands äußerten, und wenn man ihm - sei er auch ein Schädling - diese Direktive mitgeteilt hätte, wäre dann nicht in ihm das Gefühl des Sowjetpatriotismus zu Worte gekommen, von dem der Genosse Staatsanwalt sprach? Denn man schlägt ihm doch vor, seine Heimat in Stücke zu schneiden, und wer weiß, - vielleicht wäre er vor diesem Gedanken schaudernd zurückgeschreckt.

Vergessen Sie nicht, Genossen Richter, dass es in diesem Ozean furchtbarer Verbrechen, die die trotzkistische Konterrevolution beging, in Bezug auf Puschin noch einen Lichtblick gibt. - Er stand weder direkt noch indirekt mit jener Direktive in Verbindung, deren bloße Erwähnung uns das Blut in den Adern erstarren lässt, ich meine die Terrorakte.

Und die Verantwortung? Die Verantwortung ist vollständig. Als der Genosse Staatsanwalt Ihnen das Gesetz mit seiner harten Sanktion verkündete, sagte er, dass bei mildernden Umständen die Möglichkeit besteht, von jener strengen Strafe abzuweichen, die in Prozessen dieser Art naturgemäß eine normale Strafe ist.

Wir Verteidiger müssen in diesem Prozess all das Positive, was das Schicksal des einen oder des anderen Angeklagten mildern kann, stäubchenweise zusammensuchen, stäubchenweise, weil Ihnen diese Stäubchen in ihrer Gesamtheit vielleicht die Möglichkeit geben werden, ohne ein Kompromiss mit Ihrem Richtergewissen einzugehen, im Beratungszimmer vom höchsten Strafmaß abzuweichen. Und wir müssen dies gewissenhaft tun, sonst werden Sie das Recht haben, uns einen Vorwurf zu machen.

In der Sache Puschin erblicke ich diese Stäubchen darin, dass sein Anteil an der trotzkistischen Organisation unbedeutend war. Die faktische Seite der Angelegenheit ist klar. Aber ich muss mehr sagen. Gestern las ich die Anklageschrift noch einmal. Ich las die Aussagen Puschins und sah, dass all das, was Gegenstand und Inhalt seiner Schuld bildet, von ihm selber am 22. Oktober, am Tage seiner Verhaftung, angegeben wurde, und zwar mit allen seinen Einzelheiten. Für mich ist dies sehr wichtig. Wichtig deshalb, weil der Prozessakt Puschins mit seinem eigenhändig geschriebenen Brief an Genossen Jeshow beginnt. Einige Stunden nach seiner Verhaftung hat er eigenhändig einen Brief geschrieben, in dem er mitteilte, dass er sofort, ohne Bedenken, alles, was er über die trotzkistische Organisation, über ihre Tätigkeit in der chemischen Industrie weiß, erzählen wird. Und tatsächlich erzählte er darüber, wobei er solche bis ins kleinste gehende Einzelheiten anführte, dass kein Zweifel an der Glaubwürdigkeit; Aufrichtigkeit und Offenheit dieser Aussagen mehr bestehen kann.

Ich verstehe, Genossen Richter, jene argwöhnische Haltung, die jeder Gerichtsfunktionär naturgemäß gegenüber den Aussagen von Angeklagten einnimmt, aber es gibt doch eine Aufrichtigkeit der Aussagen, die den Argwohn besiegt, und im gegebenen Fall ist diese Aufrichtigkeit der Aussagen begleitet von Hinweisen auf solche bis ins kleinste gehende Einzelheiten, die von den Sachverständigen geprüft und als völlig zutreffend anerkannt wurden.

Gestatten Sie mir, Ihnen eine Episode ins Gedächtnis zu rufen, die davon zeugt, dass viele Verbrechergestalten im großen sozialistischen Aufbau umgemodelt wurden. Hier wurde der tragische Fall des Ingenieurs Bojarschinow erzählt. Ich erinnere mich seiner sehr gut. Er steht lebendig vor mir, wie ich ihn auf dem Schachty-Prozess sah. Er war ein Schädling, ein Mensch mit zweifellos ungewöhnlichen Fähigkeiten; er hatte keine Hochschulbildung, bekleidete aber einen sehr hohen Posten, den Posten eines Oberingenieurs des Kohlentrusts „Donugol“. Er war damals Schädling. Aber Sie sahen, mit welcher Aufrichtigkeit, mit welcher Ehrlichkeit dieser frühere Schädling ein prächtiger Sowjetarbeiter geworden ist. Während des Prozesses las ich, wie sich seine Arbeitskollegen über ihn äußerten, die mit begreiflichem Entsetzen die in Sibirien begangene ungeheuerliche Schandtat beschrieben, als dieser ehemalige Schädling, zu einem ehrlich Schaffenden geworden, im Auftrag Schestows, Tscherepuchins und anderer von einem Lastautomobil buchstäblich zermalmt wurde.

Wer weiß, vielleicht war jener eigenhändige Brief, den Puschin gleich in den ersten Stunden nach seiner Verhaftung schrieb, waren jene Aussagen, die er machte, jene ausführlichen und offenherzigen Aussagen, der Widerhall einer inneren Umstellung, die schon früher eingesetzt hatte.

Ich erlaube mir, darauf hinzuweisen, dass Puschin faktisch bereits im Herbst 1935 sich von der Arbeit der Trotzkisten zurückzog. Genosse Wyschinski fragte ihn: Vielleicht haben Sie sich deshalb zurückgezogen, weil Sie keinen Auftrag bekamen? Nun, meinetwegen deshalb. Aber er hatte doch die Möglichkeit, eigene Initiative an den Tag zu legen, und Gelegenheit dazu besaß er. Als er im Juli 1936 nach dem Kamenskoje-Kombinat kam und dort Gejd und Bukojewski traf, Leute, die er selbst für die trotzkistische Organisation geworben hatte, konnte er ihnen da keine Schädlingsdirektiven, keine Direktiven für Diversionsanschläge geben? Aber er bemühte sich, einer Begegnung mit ihnen auszuweichen. Ich habe seine Aussagen geprüft und muss sagen, diese Version wurde hier vor Gericht nicht zur Sprache gebracht, sie ist in seinen Aussagen vom 17. Januar 1937 zur Genüge ausgeführt. Sehen Sie, mit welcher Genauigkeit dieser Mensch sogar in Kleinigkeiten seine Aussagen machte; auf die Kleinigkeit kommt es nicht deshalb an, um im Tatsachenmaterial etwas feststellen zu können, sondern auf diese Kleinigkeit kommt es deshalb an, weil sie die Aufrichtigkeit der Aussagen, die Glaubwürdigkeit derselben, kennzeichnet. Der Genosse Staatsanwalt fragte in der Verhandlung einen der Sachverständigen: „Worin weicht das Sachverständigengutachten von den Zeugenaussagen Tamms in der Frage des im November 1935 im Gorlowkaer Werk ausgeführten Diversionsanschlages ab?“ Der Sachverständige meinte: Tamm sagt, das durch die Instruktion vorgesehene Regime sei vier Tage vor der Explosion nicht eingehalten worden, während wir Sachverständigen der Ansicht sind, dass dieses Regime über elf Tage nicht mehr eingehalten wurde. Puschin erhob sich und sagte: „Ich möchte bitten, sich davon zu überzeugen, dass in meinen Aussagen zehn Tage angegeben sind.“ Das scheint eine Kleinigkeit zu sein, aber sie ist nicht als Tatsache von Belang, denn, ist es denn nicht gleichgültig, die Explosion hat ja stattgefunden, für diesen Diversionsanschlag wird man einzustehen haben, - aber diese Kleinigkeit kennzeichnet die Aufrichtigkeit und Glaubwürdigkeit der Aussagen. Ich untersuchte, ob Puschin die Wahrheit sagte, als er dem Gericht seine Erklärung abgab, und stellte fest, dass das Protokoll seines Verhörs folgende Aussage enthält: „...Tamm veranlasste, dass die Kontrolle der Ansammlung von Azetylen im flüssigen Sauerstoff der Kondensatoren, die mehrere Male in der Schicht vorgenommen werden muss, im Laufe von zehn Tagen nicht durchgeführt wurde, was eine Explosion von ungeheurer Wucht zur Folge hatte.“ Auch hier, wie am 22. Oktober, d. h. am Tag seiner Verhaftung, war er bis ins kleinste wahrhaft in seinen Aussagen. Vom November 1935 bis zu seiner Verhaftung war beinahe ein Jahr vergangen, und während dieses Jahres werden Sie weder auf dem Gebiet des Schädlingswesens noch hinsichtlich der Übermittlung von Informationen auch nur ein einziges Moment entdecken können, das man ihm zur Last legen könnte. Das ist gleichfalls ein positives Moment. Allerdings ist dies vielleicht im Ozean der verübten Verbrechen; wie ich mich ausdrückte, nur ein Tropfen. Aber dieser Tropfen kann ihm dort, in Ihrem Beratungszimmer, nebst anderen Momenten das Leben retten.

Vergessen Sie nicht, Genossen Richter, dass er sich zu dieser Zeit unter dem Einfluss eines starken Mannes, unter dem Einfluss Rataitschaks befand. Rataitschak sagte in seinen Aussagen hier, dass er verschiedene Leute mit verschiedenen Methoden für die Organisation. warb. Puschin sagte aus, die Methode, mit der Rataitschak ihn warb, habe darin bestanden, ihn ständig an die ihm, Puschin, erwiesene Wohltat zu erinnern, als Puschin nach §§ 109 und 111 des Strafgesetzbuches vor Gericht kam; daran, dass er dank ihm in seiner Stellung aufrückte und ihm deswegen verpflichtet sei. Wer weiß, vielleicht ist die Tatsache, dass Puschin während des Jahres 1936 keine Verbrechen beging, dadurch zu erklären, dass er sich dem Einfluss Rataitschaks entzog und zu jener Zeit wegfuhr, um am Bau des Rion-Kombinats zu arbeiten.

Summiere ich alles über Puschin Gesagte mit jenem Hauptargument, von dem ich gesprochen habe, so muss ich nochmals unterstreichen, dass er nicht von der Existenz des Parallelzentrums wusste, dass er nicht vollständig auf dem laufenden war über jene Direktiven, die das Zentrum durchführte. Er hatte nichts mit Terroranschlägen zu tun, er hat faktisch die Arbeit in der trotzkistischen Organisation Ende November 1935 aufgegeben, er handelte im Auftrage Rataitschaks, er hat sofort ein aufrichtiges Geständnis abgelegt, er hat wahrheitsgetreu alles erzählt. Ich glaube, diese Summe kleiner positiver Züge berechtigt mich zu der Bitte, und Sie dazu, meiner Bitte nachzukommen, - nämlich von jenem höchsten Strafmaß abzusehen, das der Staatsanwalt für Puschin beantragte.

Genossen Richter, ich komme zum Schluss meiner Rede. Freiheit ist kein Gegenstand des Ex- und Imports, Freiheit wird mit dem Blut des Volkes errungen. Hat es sie aber errungen, so trennt es sich nicht von ihr. Es ist Wahnwitz, anzunehmen, das Volk der Sowjetunion, das sich in der Oktoberrevolution die wirkliche Freiheit erkämpft hat, werde sie irgendjemandem freiwillig oder selbst beim Eingreifen ausländischer Interventionsmächte preisgeben. Solch einen Versuch gab es, er ist aber sogar im Jahre 1919 misslungen. Zu träumen, dass dies im Jahre 1937 glücken werde, kann man nur dann, wenn man den Verstand verloren hat. Es zu wünschen, heißt, das Gewissen verlieren, es aber zu unterstützen, heißt, Verstand und Gewissen verlieren.

Das Land ist empört, aber es ist ruhig, es ist ruhig im Bewusstsein seiner Stärke und Macht, es ist ruhig, weil die blutigen Seiten, die die trotzkistische Konterrevolution in die Geschichte des Kampfes gegen die Sowjetmacht eingeschrieben hat, umgewandte Blätter, Blätter der Vergangenheit sind und die Sowjetunion nicht im geringsten hindern werden, im Siegesmarsch jener lichten und freudigen Zukunft entgegen zuschreiten, die wir alle verspüren.

VORSITZENDER: Genosse Wyschinski, wollen Sie von Ihrem Recht auf Antwort Gebrauch machen?

WYSCHINSKI: Nein, ich verzichte.

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