PROZESSBERICHT ÜBER DIE STRAFSACHE DES ANTISOWJETISCHEN
„BLOCKS DER RECHTEN UND TROTZKISTEN"

VORMITTAGSSITZUNG VOM 2. MÄRZ 1938

VERHÖR DES ANGEKLAGTEN BESSONOW

GERICHTSKOMMANDANT: Das Gericht erscheint, bitte sich von den Platzen zu erheben.

VORSITZENDER: Die Sitzung des Gerichts wird fortgesetzt. Genosse Staatsanwalt, haben Sie Vorschlage zur Ordnung der Gerichtsverhandlung?

WYSCHINSKI: Jawohl. Ich würde bitten, folgende Ordnung für die Gerichtsverhandlung festzulegen: das Verhör mit dem Angeklagten Bessonow zu beginnen. Weiter bitte ich, Grinko, Tschernow, Iwanow, Krestinski, Subarew, Rykow, Scharangowitsch, Chodshajew, Selenski, Ikramow, Rakowski, Rosengolz, dann Bucharin, Lewin, Bulanow, Jagoda, Pletnjow, Krjutschkow, Kasakow und als letzten Maximow zu verhören.

VORSITZENDER: Hat die Verteidigung gegen die vorgeschlagene Ordnung etwas einzuwenden?

VERTEIDIGER BRAUDE: Nein.

VORSITZENDER: Haben die Angeklagten gegen die vom Staatsanwalt vorgeschlagene Ordnung der Gerichtsverhandlung etwas einzuwenden?

DIE ANGEKLAGTEN: Nein.

VORSITZENDER: Bevor wir mit dem Verhör der Angeklagten beginnen, erachte ich es für notwendig, die Parteien und die Angeklagten darauf aufmerksam zu machen, dass die Lücken und Auslassungen, die es bei der Verlesung der Anklageschrift gegeben hat, im Verlauf der Gerichtsverhandlung berücksichtigt werden müssen. Angeklagter Bessonow, bestätigen Sie die Aussagen, die Sie in der Voruntersuchung gemacht haben?

BESSONOW: Ja, ich bestätige sie.

VORSITZENDER: Genosse Staatsanwalt, haben Sie Fragen an den Angeklagten Bessonow?

WYSCHINSKI: Ja, ich habe Fragen.

Angeklagter Bessonow, erzählen Sie dem Gericht kurz, in einigen Worten, Ihre Biographie.

BESSONOW: Ich wurde geboren 1892 in der Stadt Kirshatsch, Gouvernement Wladimir. Ich besuchte die geistliche Lehranstalt in Wladimir und das geistliche Seminar, dann wurde ich ins Ausland geschickt.

WYSCHINSKI: Haben Sie das geistliche Seminar absolviert?

BESSONOW: Nein, ich habe es nicht absolviert, ich wurde zweimal ausgeschlossen.

WYSCHINSKI: Wodurch erklärt es sich, dass Sie gerade in ein geistliches Seminar eingetreten sind?

BESSONOW: Mein Vater war Küster, dadurch eben erklärt es sich, dass ich in eine geistliche Lehranstalt und dann auch in ein geistliches Seminar eingetreten bin.

WYSCHINSKI: Durch wen wurden Sie ins Ausland geschickt?

BESSONOW: Durch den Moskauer Mäzen Schachow im Jahre 1912.

WYSCHINSKI: Im Jahre 1912?

BESSONOW: Dann kehrte ich nach Russland zurück, um ein Diplom zu bekommen. Wurde in das Gouvernement Wologda ausgewiesen, weil ich mich an der Organisation der Sozialrevolutionäre beteiligt hatte.

WYSCHINSKI: Sie sind im Jahre 1912 in die Partei der Sozialrevolutionäre eingetreten?

BESSONOW: Ja.

WYSCHINSKI: Und waren Mitglied der Partei bis?

BESSONOW: Bis 1918.

WYSCHINSKI: Folglich waren Sie zur Zeit der Oktoberrevolution in den Reihen der Sozialrevolutionäre?

BESSONOW: Ja.

WYSCHINSKI: Ihre Einstellung zur Oktoberrevolution?

BESSONOW: Die eines Sozialrevolutionärs.

WYSCHINSKI: Das heißt?

BESSONOW: Zusammen mit den anderen Sozialrevolutionären habe ich die Oktoberrevolution nicht bejaht. Im August 1918 habe ich mit den Sozialrevolutionären gebrochen und das im Oktober 1918 offiziell erklärt.

WYSCHINSKI: Aber bis 1918?

BESSONOW: Bis 1918 teilte ich voll und ganz die Auffassungen der Partei der Sozialrevolutionäre, mit Ausnahme der Kriegsperiode, wo ich Defätist war.

WYSCHINSKI: Wie war in diesem Zeitabschnitt Ihre Einstellung zur Oktoberrevolution, zur Kommunistischen Partei? Bejahend oder ablehnend?

BESSONOW: Ablehnend.

WYSCHINSKI: Worin bestand Ihre ablehnende Haltung?

BESSONOW: Ich sprach im Auftrage des Stadt- und des Gebietskomitees der Partei der Sozialrevolutionäre in Wologda als Referent in Versammlungen, entwickelte und begründete die Stellung der Sozialrevolutionäre zur Oktoberrevolution und zu den laufenden Ereignissen. Mein letztes öffentliches Auftreten war das Auftreten anlässlich des Brester Friedens.

WYSCHINSKI: Worin bestand dieses Ihr Auftreten?

BESSONOW: Ich verhielt mich zum Abschluss des Brester Friedens scharf ablehnend.

WYSCHINSKI: Im Jahre 1919?

BESSONOW: Im Jahre 1919 stand ich voll und ganz auf der Plattform der Unterstützung der Sowjetmacht und ging als Freiwilliger in die Rote Armee.

WYSCHINSKI: Wann sind Sie in die Kommunistische Partei eingetreten?

BESSONOW: Im Jahre 1920, im Mai.

WYSCHINSKI: Wann betraten Sie den Weg der trotzkistischen Tätigkeit?

BESSONOW: Ich würde um die Erlaubnis bitten, das ausführlicher erzählen zu dürfen.

WYSCHINSKI: Das ist Sache des Gerichts.

VORSITZENDER: Legen Sie nur die grundlegenden Tatsachen dar.

BESSONOW: Meine trotzkistische Tätigkeit begann im Jahre 1931 in Berlin.

WYSCHINSKI: Unter welchen Umständen?

BESSONOW: Ich arbeitete im Jahre 1931 in der Berliner Handelsvertretung der UdSSR und war Leiter der Abteilung für Handelspolitik. Im Verlauf der Verhandlungen, die die Sowjetregierung 1931 mit deutschen Industriellen über die Gewährung, von Krediten führte, war ich in diesen Verhandlungen einer der aktivsten Teilnehmer. Auf dieser Grundlage trat ich in enge Beziehungen zu Pjatakow, der mich denn auch in die trotzkistische Organisation hineinzog.

WYSCHINSKI: Worin äußerte sich Ihre illegale trotzkistische Tätigkeit in jenem Zeitabschnitt?

BESSONOW: Die grundlegende Aufgabe, die mir Pjatakow damals stellte, unabhängig von meiner Beteiligung an den Verhandlungen mit den deutschen Industriellen-Verhandlungen, die es natürlich verdienen, dass man später etwas ausführlicher auf sie eingeht-, die grundlegende Aufgabe, die mir Pjatakow stellte, war die Herstellung einer ständigen regulären Verbindung mit Trotzki.

WYSCHINSKI: Warum wandte sich Pjatakow gerade an Sie mit dem Vorschlag, diese Verbindung zu organisieren?

BESSONOW: Soweit ich die Sache kenne, stand Pjatakow auch vorher schon in Verbindung mit Trotzki. Diese Verbindung trug jedoch keinen regulären Charakter, sie litt an einer ganzen Reihe von Mängeln. Indessen forderten die Umstände von Pjatakow und von der ganzen trotzkistischen Organisation die Herstellung einer regulären ständigen Verbindung, bei der der Erhalt der Direktiven Trotzkis und der Informationen über die Tätigkeit der Trotzkisten in der UdSSR ein ständiger wäre. Dies war das Hauptmotiv, das zur Schaffung eines ständigen Verbindungspunktes in Berlin führte, der bis zu meiner Abreise aus Berlin im Februar vorigen Jahres funktionierte.

WYSCHINSKI: Aus welchen Gründen fiel die Wahl auf Sie?

BESSONOW: Ich war eine der, ich möchte sagen, stabilsten Figuren in der Berliner Handelsvertretung.

WYSCHINSKI: Welchen Posten bekleideten Sie dort?

BESSONOW: Ich bekleidete den Posten eines Mitglieds des Rates der Sowjet-Handelsvertretung.

WYSCHINSKI: In der Berliner Handelsvertretung?

BESSONOW: Ja, in der Berliner Handelsvertretung, die damals die zentralste Handelsvertretung war, durch welche die Handelsbesprechungen mit zehn europäischen Ländern geführt wurden. Diese Arbeit erforderte eine sehr lange Übung, und es bestand ganz natürlich eine bestimmte Meinung, dass ich in dieser Situation wahrscheinlich bleiben und am längsten in Berlin sitzen werde.

WYSCHINSKI: Ihre Dienststellung bot Ihnen also eine große Bequemlichkeit für die Ausführung der Pflichten eines Verbindungsmannes.

BESSONOW: Sehr richtig.

WYSCHINSKI: Sie gaben Ihre Zustimmung zu dieser Rolle?

BESSONOW: Ja, ich gab meine Zustimmung.

WYSCHINSKI: Warum?

BESSONOW: Ich sagte bereits, dass Pjatakow mich in die trotzkistische Organisation hineingezogen hatte...

WYSCHINSKI: Sie haben also als Trotzkist Ihre Zustimmung gegeben?

BESSONOW: Pjatakow zog mich in die trotzkistische Organisation hinein, folglich übernahm ich dadurch auch bestimmte Verpflichtungen gegenüber dieser Organisation. Wurde mir ein Auftrag erteilt, im Besonderen der Auftrag, die Verbindung mit Trotzki zu organisieren, so habe ich diesen Auftrag ausgeführt.

WYSCHINSKI: War Ihnen zu jener Zeit bekannt, dass die trotzkistische Organisation unter Führung Pjatakows, als des Vertreters Trotzkis in der UdSSR, und Trotzkis selbst bereits eine bestimmte verschwörerische konspirative Unterwühlungsarbeit betreibt?

BESSONOW: Ja.

WYSCHINSKI: Auf welche Weise wurde Ihnen das bekannt und unter welchen Umständen?

BESSONOW: Als Pjatakow eine der entscheidenden Unterredungen über diese Sache mit mir führte, entwarf er mir ein Bild des Zustandes der Opposition innerhalb der UdSSR. Außerdem schilderte er die Lage in der UdSSR in einer völlig verlogenen, verleumderischen Weise. Das Bild, das er entwarf, war genügend ausdrucksvoll, um mich in einer bestimmten Weise zu beeinflussen. Außerdem imponierte mir Pjatakow selbst als Persönlichkeit. Unter den Leuten, mit denen mich bis dahin das Leben zusammenbrachte, ragte er hervor durch ausgezeichnete Orientierung in den europäischen Angelegenheiten und imponierte mir als Wirtschaftler.
Ich begann Pjatakow mit bedeutend größerer Aufmerksamkeit zuzuhören, als es unter anderen Umständen der Fall gewesen wäre. Ich, wie auch viele andere Mitarbeiter im Ausland, machte mich weitgehend bekannt mit der ausländischen, unter unseren sowjetischen Verhältnissen illegalen Literatur, im Besonderen mit dem von Trotzki herausgegebenen Bulletin. Und endlich, als Pjatakow kam, um mich zu organisieren – anzuwerben - gab er mir ein Bild des Standes der Oppositionskräfte innerhalb der UdSSR. Vor allem vermerkte er die Tatsache des Verkehrs der Trotzkisten und Sinowjewisten auf einer gemeinsamen Plattform. Er verwies ferner darauf, dass Schritte unternommen wurden, ein Kontakt mit den Rechten hergestellt sei, - Schritte, die sehr erfolgreich zu sein versprechen. Es wurde von der faktischen Unzufriedenheit unter den breiten Schichten der illegalen Vereinigungen der trotzkistischsinowjewistischen Organisationen gesprochen, zu denen dann auch die Rechten hinzugezogen werden sollten, mit denen der Kontakt tatsächlich hergestellt wurde. Pjatakow stellte ziemlich entschieden die Frage, dass es sich um einen Wechsel der Führung handelt.

WYSCHINSKI: Haben Sie damals aus den Unterredungen mit Pjatakow erfahren, dass eine fest geformte Organisation besteht?

BESSONOW: Ja.

WYSCHINSKI: Unter wessen Führung war diese Organisation tätig?

BESSONOW: Pjatakow verheimlichte nicht im Geringsten, dass die Organisation als Ganzes sich von den Direktiven Trotzkis leiten ließ.

WYSCHINSKI: Was sagte Ihnen Pjatakow konkret über die Rechten, und wen nannte er?

BESSONOW: Pjatakow sagte, dass Schritte unternommen werden zur Herbeiführung eines organisatorischen Kontaktes mit den Rechten.

WYSCHINSKI: Mit wem namentlich?

BESSONOW: Mit Bucharin, Rykow und Tomski.

WYSCHINSKI: Und haben diese letzteren - Bucharin, Rykow und Tomski - ihrerseits irgendwelche Schritte in dieser Richtung unternommen?

BESSONOW: Bis 1931 ist mir von solchen Gesprächen nichts bekannt.

WYSCHINSKI: Und hat es solche Gespräche gegeben?

BESSONOW: Im Jahre 1932 hat Pjatakow davon gesprochen, allerdings ohne ausführlich darauf einzugehen.

WYSCHINSKI: Was sagte er?

BESSONOW: 1932 sprach Pjatakow davon, dass der Kontakt hergestellt sei.

WYSCHINSKI: 1932 ist folglich die Ausführung der Aufgabe, einen solchen Kontakt herzustellen, gelungen?

BESSONOW: Ja.

WYSCHINSKI: Unter welchen Umständen?

BESSONOW: Im Jahre 1932 traf ich mich einige Male mit Pjatakow. Er war wegen der Handelsbesprechungen sehr lange Zeit in Deutschland. Ich kam mit ihm sehr oft zusammen und bei einer Unterredung sagte er mir das.

WYSCHINSKI: Die trotzkistische Gruppe ist also unter Führung ihres Zentrums organisiert. Ihr schließen sich die Sinowjewleute an, und in diesem Zeitabschnitt werden, wie Ihre Information besagt, Verhandlungen mit den Bucharinleuten geführt.

BESSONOW: Ja.

WYSCHINSKI (zum Vorsitzenden): Gestatten Sie mir, an Bucharin eine Frage zu richten?

VORSITZENDER: Bitte.

WYSCHINSKI: Angeklagter Bucharin, können Sie die Aussagen Bessonows bestätigen, dass in dieser Zeitspanne Verhandlungen Ihrer Gruppe mit der Sinowjew-Organisation über Ihre Arbeit stattgefunden haben?

BUCHARIN: Ich habe in meinen Aussagen in der Voruntersuchung ausführlich ausgesagt, dass Versuche zur Herstellung eines Kontaktes der Rechten mit den Sinowjewleuten und dann mit den Trotzkisten auch früher gemacht wurden.

WYSCHINSKI: Sie - Angeklagter Bucharin, sowie Rykow und Tomski - führten Verhandlungen mit Pjatakow und anderen Trotzkisten über gemeinsame Handlungen gegen die Sowjetmacht?

BUCHARIN: Ja.

WYSCHINSKI: Sie bestätigen das?

BUCHARIN: Ich bestätige das.

WYSCHINSKI (zu Bessonow): Setzen Sie Ihre Ausführungen fort.

BESSONOW: Pjatakow stellte mir die Aufgabe, eine systematische ständige Verbindung mit Trotzki zu organisieren.

WYSCHINSKI: Was haben Sie konkret in dieser Hinsicht getan?

BESSONOW: Nach einigen Gesprächen mit ihm über dieses Thema, das war Anfang Mai 1931, und auf seinen Rat suchte ich mit einem Empfehlungsschreiben Pjatakows in Berlin den Sohn Trotzkis, Sedow, auf und übermittelte durch ihn den ersten Brief Pjatakows an Trotzki.

WYSCHINSKI: Sagen Sie, wo, wann, zu welcher Zeit und unter welchen Umständen haben Sie ihm diesen Brief eingehändigt?

BESSONOW: Sedow stand damals im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der deutschen, ich möchte sagen der Boulevardpresse; denn vorher ereignete sich mit seiner Schwester, der Tochter Trotzkis, ein Vorfall, wegen dessen die deutsche Presse sehr viel über Trotzki selbst, über seine Kinder und im besonderen über Sedow schrieb, der zu jener Zeit an der Berliner Technischen Hochschule studierte. Sedow ausfindig zu machen, war für mich mit keinerlei Schwierigkeiten verbunden, genau so, wie es mit keinerlei Schwierigkeiten verbunden war, einen beliebigen Menschen in Berlin ausfindig zu machen, da ich in Berlin über sehr viele Verbindungen verfügte. Ich konnte die Verbindung mit Sedow auf beliebige Weise herstellen, habe jedoch auf den Rat Pjatakows, um nicht die Aufmerksamkeit auf diese Sache zu lenken, eine Adresse benutzt, die er in einer Berliner Tageszeitung angab...

WYSCHINSKI:...und durch diese Adresse?

BESSONOW: ...und durch diese Adresse habe ich Ende Mai 1931 mit dem Empfehlungsschreiben Pjatakows Sedow ausfindig gemacht und hatte mit ihm eine kurze Unterredung.

WYSCHINSKI: Kannte Sie Sedow vorher?

BESSONOW: Nein, er kannte mich nicht.

WYSCHINSKI: Sie waren für ihn ein ganz neuer Mensch?

BESSONOW: Ja, ein neuer Mensch.

WYSCHINSKI: Warum also war Sedow bereit, mit Ihnen, einem ihm unbekannten Menschen, ein Gespräch über dieses Thema zu führen?

BESSONOW: Ich übergab ihm Pjatakows Schreiben - das genügte.

WYSCHINSKI: Und nachher?

BESSONOW: Nachher sprach er mit mir ziemlich ausführlich über die Organisierung dieser Korrespondenz. Er sagte sofort, dass es sich nicht um ein, zwei Briefe handele, die man zur Übermittlung übernehmen könne, sondern um die Herstellung einer systematischen Verbindung.

WYSCHINSKI: Womit endete die Unterredung mit Sedow?

BESSONOW: Er war der Ansicht, dass es, wenn man sich die Aufgabe stellte, eine ständige Verbindung zu schaffen, notwendig sei, einen speziellen Menschen zu beauftragen, der nicht so im Vordergrund der Aufmerksamkeit stehe, wie er, Sedow. Nach einiger Zeit, als ich mich mit Sedow in der vorher verabredeten Weise auf einem der Berliner Bahnhöfe traf, übergab ich ihm einen Brief von Pjatakow an Trotzki, den Trotzki auch erhielt und auf den binnen verhältnismäßig kurzer Zeit eine Antwort erhalten wurde. Gleichzeitig wurden die ersten Gelder übergeben, die Pjatakow mir gegeben hatte.

WYSCHINSKI: Was für Gelder?

BESSONOW: Er gab mir 2000 Mark zur Übergabe an Sedow speziell für Ausgaben, die mit der Beförderung der ersten Briefe verbunden waren.

WYSCHINSKI: Was waren das für Gelder?

BESSONOW: Ich weiß das nicht. Pjatakow verfügte über recht hohe Summen.

WYSCHINSKI: Was waren das für Summen? Gehörten sie ihm persönlich?

BESSONOW: Ich glaube, dass sie nicht Pjatakow gehörten.

WYSCHINSKI: Wessen Gelder waren es also?

BESSONOW: Es waren Gelder des Sowjetstaates, die Pjatakow als dem Vorsitzenden der Verhandlungskommission zur Verfügung gestellt worden waren...

WYSCHINSKI: Wozu wurden sie zur Verfügung gestellt?

BESSONOW: Ich nehme an, dass sie ihm zur Deckung der so genannten Repräsentations-Unkosten zur Verfügung gestellt worden waren.

WYSCHINSKI: Das heißt für Unkosten, die mit seiner offiziellen Arbeit verbunden waren?

BESSONOW: Ja, natürlich. Aber diese Gelder wurden für die Organisierung der anfänglichen Verbindung mit Trotzki verwendet.

WYSCHINSKI: Wie können Sie das qualifizieren? In Übereinstimmung mit der heutigen Situation, in der Sprache des Strafgesetzbuches? Wie kann man eine solche Verwendung fremder Geldmittel zu verbrecherischen Zwecken qualifizieren?

BESSONOW (schweigt)

WYSCHINSKI: Soll ich Ihnen vielleicht helfen?

BESSONOW: Ich glaube, dass Sie es besser machen werden, als ich es könnte. Das, was bei mir unaufrichtig und nicht überzeugend klingen könnte, wird bei Ihnen den richtigen Klang haben.

WYSCHINSKI: Das heißt also, dass Pjatakow Staatsgelder gestohlen hat - er hat sie gestohlen und diese Gelder zur Unterstützung der trotzkistischen Organisation verwendet.

BESSONOW: Ja, ganz richtig.

WYSCHINSKI: Und Sie haben ihm dabei geholfen?

BESSONOW: Ja.

WYSCHINSKI: Er hat gestohlen, Sie haben ihm geholfen, indem Sie in Pjatakows Namen 2000 Mark übergaben, die dem Sowjetstaat gehören.

BESSONOW: Ja, das stimmt, aber damit endeten die geldlichen Beziehungen zu Sedow, weil, soweit ich mich erinnern kann, in jener Periode durch Sedow nicht mehr als drei Briefe abgesandt und erhalten wurden.

WYSCHINSKI: Und endeten überhaupt damit die geldlichen Beziehungen zu den Trotzkisten?

BESSONOW: Ich ziehe es vor, dies später zu berühren, weil ich zu dieser Frage über eine ganze Reihe von Tatsachen aussagen möchte. Ich muss sagen, dass natürlich die geldlichen Beziehungen zu den Trotzkisten damit keineswegs endeten.

WYSCHINSKI: Sie wurden auch weiterhin fortgesetzt?

BESSONOW: Ich möchte nicht sagen, dass es eine direkte Finanzierung aus Sowjetgeldern gegeben hat…

WYSCHINSKI: Was aber hat es gegeben?

BESSONOW: Aber es hat eine Ausnutzung der in Deutschland entstandenen Situation und der sowjetischen Dienststellung gegeben, um weitgehend Mittel für die illegale trotzkistische Arbeit zu erhalten. Das unterliegt gar keinem Zweifel.

WYSCHINSKI: Die Finanzierung der trotzkistischen Organisation auf Kosten der Interessen des Sowjetstaates wurde auch weiterhin fortgesetzt?

BESSONOW: Gewiss.

WYSCHINSKI: Sprechen Sie weiter.

BESSONOW: Bei der ersten Begegnung mit Sedow warf er die Frage auf, dass für die ständige Verbindung mit Trotzki eine spezielle Person zu bestimmen sei.

WYSCHINSKI: Das war die Initiative Sedows?

BESSONOW: Ja, ich sprach darüber mit Pjatakow. Er hielt dies für völlig richtig, und bald, das war Ende Juli oder Ende Juni 1931, machte er mich mit dem Ingenieur Reich bekannt, der damals in der Abteilung für Eisenhüttenindustrie in der Berliner Handelsvertretung arbeitete, einem Menschen, der sehr gut Europa, insbesondere die europäische Hüttenindustrie kannte, verschiedene Länder besucht hatte und einige europäische Sprachen beherrschte.

WYSCHINSKI: Und In der Hauptsache?

BESSONOW: Und in der Hauptsache, er war seit 1923 Trotzkist.

WYSCHINSKI: Sie kannten ihn bis zu diesem Moment nicht?

BESSONOW: Ich kannte ihn bis zu diesem Moment nicht.

WYSCHINSKI: Gar nicht?

BESSONOW: Gar nicht.

WYSCHINSKI: Und Sie kamen nicht mit ihm zusammen?

BESSONOW: Ich sah ihn manchmal in den Korridoren der Handelsvertretung.

WYSCHINSKI: Wenn Sie ihn in der Handelsvertretung gesehen haben, so kannten Sie ihn also?

BESSONOW: Ich kannte seinen Namen nicht.

WYSCHINSKI: Gut, aber Sie kannten diesen Menschen vom Sehen? Sie wussten, dass es einen Reich gibt, kannten ihn aber nicht persönlich?

BESSONOW: Ja, solange ich mit ihm nicht bekannt gemacht wurde...

WYSCHINSKI: Bevor Sie Pjatakow mit ihm, als einem Trotzkisten, bekannt machte, haben Sie Reich gekannt?

BESSONOW: Als einen Mitarbeiter der Handelsvertretung.

WYSCHINSKI: Er war für Sie kein neuer Mensch?

BESSONOW: Nein.

WYSCHINSKI: Sie wussten nur nicht, dass er mit Trotzki in Verbindung steht?

BESSONOW: Nein.

WYSCHINSKI: Und Sie wurden mit ihm, als mit einem Trotzkisten, von Pjatakow in Verbindung gebracht?

BESSONOW: Ja.

WYSCHINSKI: Und wann wurde aus Reich Johanson?

BESSONOW: Reich erklärte, dass die Verbindungstechnik eine sehr einfache, unkomplizierte Sache sei, allerdings erfordere sie von dem Menschen, der diese Verbindung verwirklicht, ziemlich viel Geld und große Unauffälligkeit. Für den Mitarbeiter der Sowjet-Handelsvertretung, der überall mit einem Sowjetpass reise, sei dies ziemlich schwierig, weil er an jeder Grenze eine besondere Aufmerksamkeit hervorrufen werde, und von diesem Standpunkt aus sei es notwendig, einen anderen Menschen zu finden, der diese Verbindungsarbeit so auszuführen in der Lage wäre, dass er über die Grenze reisen könnte, ohne Verdacht zu erwecken.
Als dies Pjatakow mitgeteilt wurde, sagte dieser, dass es keinen Sinn habe, einen Ausländer zu diesem Zwecke zu suchen, dass man vielmehr Reich zum Ausländer machen könne. Und tatsächlich wurde Reich Ausländer, das heißt, es ist Reich im Jahre 1931, ich glaube es war im Dezember, nicht ohne Hilfe der Trotzkisten, gelungen, sich in Karl Johanson zu verwandeln.

WYSCHINSKI: Mit Hilfe der Trotzkisten?

BESSONOW: Ja, mit Hilfe der Trotzkisten.

WYSCHINSKI: Mit Hilfe der Trotzkisten hat er den Pass bekommen?

BESSONOW: Ich weiß, dass der Erhalt eines Passes mit der Bestechung von Amtspersonen verbunden ist. Ich halte es aber nicht für ausgeschlossen, dass dies mit finanzieller Unterstützung der Trotzkisten geschehen ist, denn Pjatakow sagte mir, dass dies eine bestimmte Summe koste.

WYSCHINSKI: Die Trotzkisten haben den Pass besorgt?

BESSONOW: Sie besorgten den Pass eines naturalisierten dänischen Bürgers.

WYSCHINSKI: Das alles war aber Fälschung und Schwindel, in Wirklichkeit ist er nicht Däne und war bis dahin nicht in Dänemark.

BESSONOW: Er war nie in Dänemark.

WYSCHINSKI: Um was für eine Naturalisierung kann es sich da handeln, wo er doch nicht in Dänemark war?

BESSONOW: Der Pass war ein regelrechter, ein wirklicher Pass.

WYSCHINSKI: Aber im Wesen der Sache?

BESSONOW: Im Wesen der Sache gab es hier eine doppelte Staatsbürgerschaft. Ende 1931 oder Anfang 1932 wurde Reich, der Sowjetbürger und Mitarbeiter der Handelsvertretung war, durch Mithilfe der Trotzkisten und mit Hilfe des Geldes, dänischer Staatsbürger. Im Frühjahr 1932 wurde er nach Moskau abberufen, fuhr aber nicht nach Moskau und wurde zum Rückkehrverweigerer. Seitdem kenne ich ihn als Johanson, der zur Verbindung zwischen mir und Trotzki diente.

WYSCHINSKI: Reich wurde Däne und Rückkehrverweigerer. War er ein Doppelspieler?

BESSONOW: Eine Zeitlang hatte er zwei Staatsbürgerschaften. Die eine, die Sowjet-Staatsbürgerschaft, war offen, die dänische geheim.

WYSCHINSKI: Welche Staatsbürgerschaft war offen?

BESSONOW: Die Sowjet-Staatsbürgerschaft war offen, die dänische geheim.

WYSCHINSKI: Folglich liegt hier Fälschung und außerdem Rückkehrverweigerung vor. Das aber ist schon Verrat. Wenn ein Sowjetbürger zum Rückkehrverweigerer wird, so verübt er dadurch Verrat an seinem Vaterland.

BESSONOW: Gewiss.

WYSCHINSKI: Sie wussten das und haben das gefördert. Stimmt das?

BESSONOW: Es stimmt absolut.

WYSCHINSKI: Also spielte dieser Reich eine bedeutende Rolle in der Herstellung trotzkistischer Verbindungen?

BESSONOW: Gewiss, er spielte eine große Rolle.

Ich weiß, dass Reich Aufträge Trotzkis auch für eine Reihe anderer Länder ausführte. Ich will nur das sagen, was ich weiß.

WYSCHINSKI: Uns interessiert nicht das, was Sie annehmen, sondern das, was Sie wissen.

BESSONOW: Seine Arbeit bestand darin, dass er systematisch Korrespondenzen hin und her beförderte. Zweitens organisierte er, wenn es nötig war, Zusammenkünfte mit Trotzki oder mit Sedow.

WYSCHINSKI: Zusammenkünfte mit Ihnen?

BESSONOW: Ich meine die Zusammenkunft Pjatakows im Jahre 1932, Weiter meine ich die Zusammenkunft Krestinskis mit Trotzki, die im Oktober 1933 stattfand.

WYSCHINSKI: Im Oktober 1933 wurde also mit Hilfe Reichs eine Zusammenkunft Krestinskis mit Trotzki organisiert?

BESSONOW: Ja, es wurde eine Zusammenkunft Krestinskis mit Trotzki organisiert.

WYSCHINSKI: Woher war Ihnen bekannt, dass Reich die Zusammenkunft organisiert hatte?

BESSONOW: Von der Existenz Reichs wusste außer Pjatakow und mir niemand.

WYSCHINSKI: Und Krestinski wusste von der Existenz Reichs?

BESSONOW: Er wusste wahrscheinlich von ihr.

WYSCHINSKI: Warum nehmen Sie das an?

BESSONOW: Krestinski arbeitete in Berlin als Botschafter.

WYSCHINSKI: Reich war in der Botschaft als offizielle Person. Stimmt das?

BESSONOW: Gewiss.

WYSCHINSKI: Auf welche Weise organisierte dieser Reich die Begegnung Krestinskis mit Trotzki?

BESSONOW: Ich kann eigentlich die technischen Umstände dieser Begegnung dem Gericht nicht erzählen, denn ich kenne sie nicht.

WYSCHINSKI: Und was können Sie aussagen?

BESSONOW: Als Krestinski im Spätsommer des Jahres 1933 in Deutschland zur Kur eintraf, hielt er sich lange in Berlin auf. Er hatte mit mir zwei Unterredungen, die man als Unterredungen von Mitgliedern der trotzkistischen Organisation charakterisieren kann. Die erste Unterredung betraf die Umstände der Zusammenkunft Trotzkis und Krestinskis.

WYSCHINSKI: Wer war es denn, der diese Zusammenkunft wünschte: Trotzki oder Krestinski?

BESSONOW: Krestinski. Man muss sagen, dass dies in jener Periode keine leichte Aufgabe war. In jener Periode stand Trotzki gewissermaßen im Mittelpunkt der europäischen Aufmerksamkeit. Man schrieb über ihn viel in den Zeitungen, und unter diesen Umständen war es nicht leicht, eine Zusammenkunft zu organisieren. Ich zweifelte nicht daran, dass Johanson über umfassende Verbindungen verfüge und diese Sache ohne Mühe bewerkstelligen könne. Ich ließ ihn nach Berlin kommen, und tatsächlich kehrte er nach einiger Zeit zurück und teilte mit, dass die Zusammenkunft im Oktober 1933 stattfinden könne.

WYSCHINSKI: Wann?

BESSONOW: Im Oktober 1933.

WYSCHINSKI: Folglich haben Sie Krestinski bei der Organisierung der Zusammenkunft mit Trotzki Hilfe erwiesen?

BESSONOW: Krestinski wusste, dass ich diese Sache organisiert habe, Wie ich sie jedoch organisiert habe, wusste Krestinski nicht.

WYSCHINSKI: Die technische Seite?

BESSONOW: Ja, die technische.

WYSCHINSKI: Wir können also folgende Tatsache feststellen: das erste ist, dass Krestinski auf der Durchreise in Berlin war.

BESSONOW: Ich glaube, dass dies lm September oder Ende August 1933 war.

WYSCHINSKI: Wohin fuhr er?

BESSONOW: Nach Kissingen.

WYSCHINSKI: Wozu?

BESSONOW: Zur Kur. Er stieg in der Botschaft ab, und ich sprach mit ihm. Zweimal sprachen wir über trotzkistische Themen.

WYSCHINSKI: Er behauptet aber, nie Trotzkist gewesen zu sein. Vielleicht hat er die Trotzkisten verurteilt? Sie haben hier selbst gehört, wie er sagte, dass er nie Trotzkist gewesen sei. Stimmt das oder nicht?

BESSONOW (lächelt)

WYSCHINSKI: Warum lächeln, Sie?

BESSONOW: Ich lächle, da ich hier an dieser Stelle stehe, weil mich Nikolai Nikolajewitsch Krestinski als Verbindungsmann mit Trotzki genannt hat. Außer ihm und Pjatakow wusste das niemand. Und wenn im Dezember 1933 Krestinski mit mir über diesen Umstand nicht gesprochen hätte, so würde ich mich nicht auf der Anklagebank befinden.

WYSCHINSKI: Sie sind also der Ansicht, dass Sie das ihm zu verdanken haben?
(Zum Vorsitzenden) Gestatten Sie mir, an den Angeklagten Krestinski eine Frage zu richten?
Angeklagter Krestinski, waren Sie tatsächlich auf der Durchreise nach Kissingen im Jahre 1933 im August oder September?

KRESTINSKI: Anfang September.

WYSCHINSKI: Sie bestätigen diese Tatsache?

KRESTINSKI: Jawohl.

WYSCHINSKI: Haben Sie sich mit Bessonow getroffen?

KRESTINSKI: Ja.

WYSCHINSKI: Haben Sie mit ihm gesprochen?

KRESTINSKI: Ja.

WYSCHINSKI: Worüber, über das Wetter?

KRESTINSKI: Er war Botschaftsrat in Berlin und damals interimistischer Geschäftsträger. Er informierte mich über die politische Lage in Deutschland, über die Stimmung in der faschistischen Partei, die damals schon an der Macht war, über ihr Programm und ihre Einstellung zur UdSSR.

WYSCHINSKI: Und über trotzkistische Angelegenheiten?

KRESTINSKI: Habe ich mit ihm nicht gesprochen. Ich war kein Trotzkist.

WYSCHINSKI: Sie haben niemals mit ihm darüber gesprochen?

KRESTINSKI: Niemals.

WYSCHINSKI: Bessonow spricht also die Unwahrheit, und Sie sprechen die Wahrheit? Sprechen Sie immer die Wahrheit?

KRESTINSKI: Nein.

WYSCHINSKI: Nicht immer. Angeklagter Krestinski, wir werden mit Ihnen ernste Angelegenheiten zu prüfen haben, und es ist nicht nötig, sich zu ereifern. Bessonow spricht also die Unwahrheit?

KRESTINSKI: Ja.

WYSCHINSKI: Aber auch Sie sprechen nicht immer die Wahrheit. Stimmt das?

KRESTINSKI: Ich habe während der Untersuchung nicht immer die Wahrheit gesprochen.

WYSCHINSKI: Und sonst sprechen Sie immer die Wahrheit?

KRESTINSKI: Die Wahrheit.

WYSCHINSKI: Warum eine solche Missachtung gegenüber der Untersuchung? Wenn die Untersuchung geführt wird, sprechen Sie die Unwahrheit? Erklären Sie das.

KRESTINSKI (schweigt)

WYSCHINSKI: Ich höre keine Antwort. Ich habe keine Fragen. Angeklagter Bessonow, wann haben Ihre Gespräche mit Krestinski über trotzkistische Angelegenheiten stattgefunden?

BESSONOW: In Berlin hat nicht die erste Unterredung stattgefunden, sondern die zweite.

WYSCHINSKI: Und wo war die erste?

BESSONOW: Die erste hat in Moskau stattgefunden, im Mai 1933.

WYSCHINSKI: Unter welchen Umständen, wann und worüber sprachen Sie mit Krestinski in Moskau über trotzkistische Angelegenheiten?

BESSONOW: Als ich mit der ganzen Handelsorganisation aus England nach Moskau zurückgekehrt war, wurde ich zum Botschaftsrat an der Botschaft der UdSSR in Deutschland ernannt. Bevor ich diesen Posten übernahm, hatte ich eine lange Unterredung mit Pjatakow und Krestinski.

WYSCHINSKI: Pjatakow interessiert mich jetzt nicht. Jetzt interessiert mich Krestinski. Wo fand die Unterredung mit ihm statt?

BESSONOW: Im Amtszimmer Krestinskis, im Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten.

WYSCHINSKI: Über trotzkistische Angelegenheiten?

BESSONOW: Ja, Krestinski sagte mir, dass er auf Grund der Empfehlungen und Äußerungen Pjatakows es für notwendig halte, mit mir ganz offen über die Aufgaben zu sprechen, die vor mir in Berlin stehen werden. Er sagte mir, dass er über meine Ernennung bereits mit den Deutschen, den Moskauer Deutschen, gesprochen habe, er meinte die deutsche Botschaft in Moskau.

VORSITZENDER: Angeklagter Bessonow, Sie haben doch nicht meine Warnung zu Beginn der Gerichtsverhandlung vergessen?

BESSONOW: Das, was ich sagen will, berührt wahrscheinlich in keiner Weise die Ehre irgendeiner Botschaft. Die deutsche Seite war mit meiner Ernennung zufrieden, weil ich lange in Deutschland gearbeitet habe, Deutschland gut kenne und die Deutschen mich kennen; von diesem Standpunkt aus seien sie zufrieden damit, dass sie es mit einem ihnen bekannten Menschen zu tun haben. Der wirkliche Sinn dieser ganzen Bemerkung bestand natürlich darin, was Pjatakow vorher schon wiederholt sehr krass formuliert hatte und was mir vorher schon Krestinski gesagt hatte, dass mir nämlich meine Tätigkeit in Deutschland in den Jahren 1931-1932 als einem Mitglied der trotzkistischen Organisation zweifellos eine bestimmte Popularität und Sympathie in gewissen Kreisen der deutschen Industriellen und zum Teil der deutschen Militärs geschaffen hat, eine Popularität, die nunmehr für neue Aufgaben ausgenutzt werden sollte. Diese Aufgaben formulierte Krestinski in der folgenden Weise.

WYSCHINSKI: Fassen Sie sich kurz, denn ich glaube, dass von diesen Aufgaben später Krestinski selbst sprechen wird.

BESSONOW: Wollte man die Hauptgedanken Krestinskis und den Auftrag, den ich von ihm erhielt, ganz kurz formulieren, so bestand er darin, dass ich auf dem Posten eines Botschaftsrats an der Berliner Sowjetbotschaft in erster Reihe und vor allem alle Kräfte aufbieten müsste, um die Normalisierung der Beziehungen auf dem üblichen normalen diplomatischen Wege zwischen der Sowjetunion und Deutschland aufzuhalten und nach Möglichkeit nicht zustande kommen zu lassen.

WYSCHINSKI: Angeklagter Krestinski, Sie erinnern sich nicht an solche „diplomatischen“ Gespräche mit Bessonow?

KRESTINSKI: Nein, wir hatten keine solchen Gespräche.

WYSCHINSKI: Hat es überhaupt keine diplomatischen Gespräche gegeben?

KRESTINSKI: Ich habe nicht recht gehört, was Bessonow in der letzten Minute sagte. Man hört hier schlecht.

WYSCHINSKI: Sie sitzen doch sehr nahe zu ihm.

KRESTINSKI: Hier hinten hört man schlecht, was Bessonow sagt.

WYSCHINSKI: Gestatten Sie mir, Genosse Vorsitzender, Sie zu bitten, Krestinski näher zu Bessonow zu setzen, damit er gut hört, denn ich befürchte, dass in den heikelsten Momenten Krestinski sein Gehör im Stich lassen wird.

(Krestinski setzt sich näher zu Bessonow)

WYSCHINSKI: Ich bitte Bessonow, speziell für Krestinski zu wiederholen, was er gesagt hat. Krestinski möchte ich aber bitten, aufmerksam zuzuhören, sein Gehör anzuspannen.

BESSONOW: Ich wiederhole. Der Auftrag, den ich damals von Krestinski erhielt, bestand darin, dass ich auf dem Posten des Botschaftsrates der Botschaft der UdSSR in Berlin, wo ich natürlich über gewisse Möglichkeiten zur Verwirklichung dieser Aufgaben verfügte, mit allen mir zugänglichen Mitteln, selbstverständlich unter Beobachtung des ganzen diplomatischen Dekorums, mit allen mir zugänglichen Mitteln bestrebt sein müsse, die Normalisierung der Beziehungen auf dem normalen diplomatischen Wege zwischen der Sowjetunion und Deutschland zu hintertreiben, aufzuhalten, nicht zuzulassen und dadurch die Deutschen zu zwingen, illegale, nicht diplomatische, versteckte und geheime Wege zur Verständigung mit der trotzkistischen Organisation zu suchen.

WYSCHINSKI: Haben Sie das gehört?

KRESTINSKI: Ja.

WYSCHINSKI: Hatten Sie im Mai 1933 Unterredungen mit Bessonow?

KRESTINSKI: Ich hatte Unterredungen mit Bessonow vor seiner Abreise nach Berlin.

WYSCHINSKI: Also ja? Erinnern Sie sich nicht, worüber?

KRESTINSKI: Ich erinnere mich an die Einzelheiten nicht.

WYSCHINSKI: Sie erinnern sich an die Einzelheiten nicht, Bessonow aber erinnert sich.

KRESTINSKI: Es wurde kein Laut über trotzkistische Richtlinien gesagt.

WYSCHINSKI: Haben Sie darüber gesprochen, was er im Auslande tun sollte, oder haben Sie darüber nicht gesprochen?

KRESTINSKI: Natürlich, ich sprach darüber.

WYSCHINSKI: Haben Sie darüber gesprochen, was er zu tun habe?

KRESTINSKI: Ja.

WYSCHINSKI: Was sollte er tun?

KRESTINSKI: Dass er bestrebt sein müsse, normale Beziehungen in den Grenzen zu schaffen, in denen dies möglich sei.

WYSCHINSKI: In denen es möglich sei, und wenn es unmöglich ist?

KRESTINSKI: Wenn es nicht gelingen werde - so sei es etwas anderes, aber er müsse sich bemühen.

WYSCHINSKI: Angeklagter Bessonow, stimmt das, was Krestinski sagt?

BESSONOW: Es stimmt ganz und gar nicht. Ja, noch mehr, Krestinski hat mir in dieser Unterredung eine ausführliche organisatorische Direktive darüber erteilt, wie ich. mit ihm in Zukunft zu verkehren habe. Außer den offiziellen Briefen, die die Botschaft in Deutschland mit dem Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten wechselt, sollte ich mit Krestinski in einem besonderen Briefwechsel stehen. Und wenn in diesem Briefwechsel Krestinski den Vorbehalt machen werde, dass er in den laufenden Angelegenheiten der sowjetisch-deutschen Beziehungen diesen oder jenen Standpunkt vertrete, dass er rate, in dieser Frage offizielle Direktiven abzuwarten, so bedeute dies, dass ich im Sinne seines „persönlichen“ Standpunktes zu handeln habe, unabhängig davon, wie die offiziellen Direktiven lauten werden.
Und endlich, drittens, verwies mich Krestinski an seinen nächsten Mitarbeiter auf der trotzkistischen sowie auch auf der dienstlichen Linie, Stern, um Adressen für die Herstellung der Verbindung mit Trotzki zu erhalten.

WYSCHINSKI: Sie hören also, dass Bessonow genügend ausführlich über Ihre Unterredungen erzählt, die bei weitem nicht so einen Charakter tragen, den Sie ihnen beimessen. Wie soll man das nun erklären?

KRESTINSKI: Solche Unterredungen hat es nicht gegeben, obwohl ich bei der Konfrontierung, die im Januar stattgefunden hat, einen Teil der Unterredungen zugegeben habe.

WYSCHINSKI: Sie haben bei der Konfrontierung mit Bessonow diesen Teil bestätigt?

KRESTINSKI: Ja.

WYSCHINSKI: Es hat also eine solche Unterredung gegeben?

KRESTINSKI: Nein.

WYSCHINSKI: Also muss man die Aussage im gegenteiligen Sinne verstehen?

KRESTINSKI: Nicht immer.

WYSCHINSKI: Aber Ihr Geständnis?

KRESTINSKI: In der Untersuchung habe ich einige Male unrichtige Aussagen gemacht.

WYSCHINSKI: Sie sagten: „Ich gehörte dem trotzkistischen Zentrum formell nicht an.“ Ist das wahr oder nicht wahr?

KRESTINSKI: Ich gehörte ihm überhaupt nicht an.

WYSCHINSKI: Sie sagen, dass Sie ihm formell nicht angehörten. Was Ist hier Wahrheit und was Unwahrheit? Vielleicht ist alles Wahrheit oder alles Unwahrheit oder zur Hälfte Wahrheit? Wie viel Prozent, oder wie viel Gramm Wahrheit ist darin enthalten?

KRESTINSKI: Ich gehörte dem trotzkistischen Zentrum nicht an, weil ich nicht Trotzkist war.

WYSCHINSKI: Sie waren nicht Trotzkist?

KRESTINSKI: Ich war es nicht.

WYSCHINSKI: Niemals?

KRESTINSKI: Nein, ich war Trotzkist bis 1927.

VORSITZENDER: Zu Beginn der Gerichtsverhandlung haben Sie auf meine Frage geantwortet, dass Sie niemals Trotzkist waren. Sie haben das erklärt.

KRESTINSKI: Ich habe erklärt, dass ich nicht Trotzkist bin.

WYSCHINSKI: Bis 1927 waren Sie also Trotzkist?

KRESTINSKI: Jawohl.

WYSCHINSKI: Wann hörten Sie im Jahre 1927 auf, Trotzkist zu sein?

KRESTINSKI: Vor dem XV. Parteitag.

WYSCHINSKI: Erinnern Sie uns an das Datum.

KRESTINSKI: Ich datiere meinen Bruch mit Trotzki und mit dem Trotzkismus vom 27. November 1927, als ich durch Serebrjakow, der aus Amerika zurückgekehrt war und sich in Moskau befand, an Trotzki einen scharfen Brief richtete, mit einer scharfen Kritik...

WYSCHINSKI: Dieser Brief ist bei uns in den Akten nicht vorhanden. Wir haben einen anderen Brief, Ihren Brief an Trotzki.

KRESTINSKI: Der Brief, von dem ich spreche, befindet sich beim Untersuchungsrichter, weil er mir bei der Haussuchung abgenommen wurde, und ich bitte diese Korrespondenz den Akten beizufügen.

WYSCHINSKI: In den Akten gibt es einen Brief vom 11.VII.1927, der Ihnen bei der Haussuchung abgenommen wurde.

KRESTINSKI: Es gibt dort auch einen Brief vom 27. XI....

WYSCHINSKI: Es gibt keinen solchen Brief.

KRESTINSKI: Nicht möglich...

WYSCHINSKI: Wir führen jetzt die gerichtliche Untersuchung, und Sie haben doch in der Untersuchung nicht immer die Wahrheit gesagt. Sie sagten in der Voruntersuchung, dass Sie formell dem Zentrum nicht angehört haben, Sie haben also in der Voruntersuchung gestanden, dass Sie überhaupt, im Wesen der Sache, dem trotzkistischen Zentrum angehörten. Haben Sie das in der Voruntersuchung gestanden?

KRESTINSKI: Nein, ich habe es nicht gestanden.

WYSCHINSKI: In Ihren Aussagen, Blatt 9 und 10 heißt es: „Formell nicht angehört...“ Man kann es also so auffassen, dass Sie ihm nicht formell angehörten. Stimmt das?

KRESTINSKI: Ich gehörte dem trotzkistischen Zentrum überhaupt nicht an.

WYSCHINSKI: Sie haben also falsche Aussagen gemacht.

KRESTINSKI: Ich habe doch erklärt, dass diese meine Aussagen der Wirklichkeit nicht entsprechen.

WYSCHINSKI: Als ich Sie in der Voruntersuchung verhört habe, sagten Sie mir da die Wahrheit?

KRESTINSKI: Nein.

WYSCHINSKI: Warum sagten Sie mir die Unwahrheit? Habe ich Sie gebeten, die Unwahrheit zu sagen?

KRESTINSKI: Nein.

WYSCHINSKI: Habe ich Sie gebeten, die Wahrheit zu sagen?

KRESTINSKI: Ja.

WYSCHINSKI: Warum, statt die Wahrheit zu sagen, wie ich Sie bitte, sagen sie trotzdem die Unwahrheit und zwingen den Untersuchungsrichter, das zu schreiben, und warum unterschreiben Sie es dann? Warum?

KRESTINSKI: Ich machte früher, bevor ich es mit Ihnen zu tun hatte, in der Voruntersuchung falsche Aussagen.

WYSCHINSKI: ... und dann blieben Sie dabei?

KRESTINSKI: ... und dann blieb ich dabei, weil ich auf Grund meiner persönlichen Erfahrungen zu der Überzeugung gelangt bin, dass es mir bis zur Gerichtsverhandlung, falls eine solche stattfinden wird, nicht gelingen wird, diese meine Aussagen zu desavouieren.

WYSCHINSKI: Jetzt aber glauben Sie, dass es Ihnen gelungen ist, sie zu desavouieren?

KRESTINSKI: Nein, nicht das ist wichtig. Wichtig ist, dass ich erkläre, dass ich mich nicht als Trotzkist bekenne. Ich bin kein Trotzkist.

WYSCHINSKI: Sie haben mitgeteilt, dass Sie sich in besonders konspirativer Stellung befanden. Was bedeutet das: „Besonders konspirativer Stellung“?

KRESTINSKI: Sie wissen doch...

WYSCHINSKI: Ziehen Sie mich nicht als Zeugen zu dieser Angelegenheit heran. Ich frage Sie, was das bedeutet, besonders konspirative Stellung?

KRESTINSKI: Das wurde in meiner Aussage gesagt...

WYSCHINSKI: Sie wollen nicht auf meine Fragen antworten.

KRESTINSKI: Der Satz, dass ich mich in besonders konspirativer Stellung befinde, ist in meiner Aussage vom 5. oder 9. Juni enthalten, die von Anfang bis Ende falsch ist.

WYSCHINSKI: Ich frage Sie nicht danach, und ich bitte daher, nicht voreilig zu antworten. Ich frage, was das bedeutet: ich befinde mich in einer besonders konspirativen Stellung.

KRESTINSKI: Das entspricht nicht der Wirklichkeit.

WYSCHINSKI Das werden wir nachher klären. Ich möchte den Sinn Ihrer Erklärung erfassen, dass Sie sich in besonders konspirativer Stellung befinden.

KRESTINSKI: Würde das der Wirklichkeit entsprechen, so würde das bedeuten, dass ich als wirklicher Trotzkist alle Maßnahmen treffe, um meine Zugehörigkeit zum Trotzkismus zu verheimlichen.

WYSCHINSKI: Ausgezeichnet. Und um das zu verheimlichen, muss man leugnen, dass man Trotzkist ist.

KRESTINSKI: Ja.

WYSCHINSKI: Jetzt erklären Sie, dass Sie kein Trotzkist sind. Tun Sie das nicht zu dem Zwecke, zu verheimlichen, dass Sie Trotzkist sind?

KRESTINSKI (nachdem er eine Weile geschwiegen hat): Nein, ich erkläre, dass ich kein Trotzkist bin.

WYSCHINSKI (sich an das Gericht wendend): Darf ich an den Angeklagten Rosengolz eine Frage richten? Angeklagter Rosengolz, haben Sie das Zwiegespräch gehört?

ROSENGOLZ: Ja.

WYSCHINSKI: Was meinen Sie, war Krestinski Trotzkist?

ROSENGOLZ: Er ist ein Trotzkist.

WYSCHINSKI: Angeklagter Krestinski, ich bitte zuzuhören. Dann werden Sie erklären, dass Sie nicht gehört haben.

KRESTINSKI: Mir wurde übel.

WYSCHINSKI: Wenn der Angeklagte erklärt hat, dass ihm übel wurde, so habe ich nicht das Recht, ihn zu verhören.

KRESTINSKI: Ich brauche nur eine Tablette einzunehmen und ich kann fortfahren.

WYSCHINSKI: Sie bitten, Sie vorläufig nicht zu verhören?

KRESTINSKI: Einige Minuten.

WYSCHINSKI: Können Sie aber zuhören, wie andere verhört werden?

KRESTINSKI: Jawohl.

WYSCHINSKI: Angeklagter Rosengolz, welche Anhaltspunkte haben Sie dafür, dass Krestinski ein Trotzkist ist und folglich hier die Unwahrheit sagt?

ROSENGOLZ: Das wird durch jene Verhandlungen bestätigt, die ich mit ihm als Trotzkisten hatte.

WYSCHINSKI: Wann fanden diese Verhandlungen statt?

ROSENGOLZ: Diese Verhandlungen fanden von 1929 an statt.

WYSCHINSKI: Bis zu welchem Jahre?

ROSENGOLZ: Bis in die letzte Zeit.

WYSCHINSKI: Das heißt?

ROSENGOLZ: Bis 1937.

WYSCHINSKI: Die Verhandlungen wurden also von 1929 bis 1937 geführt? Acht Jahre „verhandelten“ Sie mit ihm als mit einem Trotzkisten. Habe ich Sie richtig verstanden?

ROSENGOLZ: Ja.

WYSCHINSKI: Angeklagter Grinko, ist Ihnen bekannt, dass Krestinski Trotzkist war?

GRINKO: Es ist mir bekannt.

WYSCHINSKI: Was ist Ihnen bekannt?

GRINKO: Ich hatte in meiner Verschwörertätigkeit Verbindung mit Krestinski als mit einem trotzkistischen Verschwörer, als mit einem Mitglied des Verschwörerzentrums der Rechten und Trotzkisten, in Bezug auf Fragen von äußerst ernster Beschaffenheit, über die ich auszusagen haben werde.

WYSCHINSKI: Können Sie kurz sagen, in Bezug auf welche Fragen? In Bezug auf Fragen der Unterstützung der Sowjetmacht oder des Kampfes gegen sie?

GRINKO: In Bezug auf Fragen des Kampfes gegen die Sowjetmacht, der Herstellung der Verbindung mit auswärtigen, der Sowjetmacht feindlich gegenüberstehenden Staaten.

WYSCHINSKI: Es ist Ihnen nicht bekannt, ob Krestinski mit anderen ausländischen Spionagediensten verbunden war?

GRINKO: Er half mir, die Verbindung zu einem ausländischen Spionagedienst herzustellen.

WYSCHINSKI: Krestinski hat Ihnen also geholfen, die Verbindung zu einem ausländischen Spionagedienst herzustellen. Hören Sie das, Angeklagter Krestinski, stimmt das?

KRESTINSKI: Nein.

WYSCHINSKI: Sie sagten aber aus, dass es wahr sei?

KRESTINSKI: Dass ich Grinko geholfen habe, Verbindung herzustellen?

WYSCHINSKI: Mehr noch, dass Sie selbst ausländischer Spion waren.

GRINKO: Ich kenne noch eine Tatsache, über die ich hier sprechen möchte. Sie besteht darin, dass ich Krestinski als früherem Stellvertreter des Volkskommissars für Auswärtige Angelegenheiten geholfen habe, jene Valutamittel auszunützen, die sich durch die Kursdifferenzen im Ausland anhäuften und die er zur Finanzierung der Trotzkisten brauchte.

WYSCHINSKI: Sagen Sie bitte, gab es nicht einen Fall, dass Krestinski Sie bat, keine Revision des Valutafonds vorzunehmen?

GRINKO: Davon spreche ich eben.

WYSCHINSKI: Angeklagter Krestinski, Sie hatten einen Valutafonds?

KRESTINSKI: Ja, ich hatte einen.

WYSCHINSKI: Sie haben Grinko, den ehemaligen Volkskommissar für Finanzen, gebeten, keine Revision dieses Fonds vorzunehmen?

KRESTINSKI: Ich habe ihn darum nicht gebeten.

WYSCHINSKI: Hatte er eine Revision vorgenommen?

KRESTINSKI: Nicht er persönlich, sondern sein Apparat.

WYSCHINSKI: Angeklagter Grinko, haben Sie eine Revision vorgenommen?

GRINKO: Nein:

WYSCHINSKI: Grinko sagt also nein. Haben Sie ihn revidiert?

KRESTINSKI: Nein, ich habe ihn nicht revidiert.

WYSCHINSKI: Wer hat also revidiert?

KRESTINSKI: Der Apparat des Volkskommissariats für Finanzen.

WYSCHINSKI: Nennen Sie Namen, wer?

KRESTINSKI: Ich weiß, dass jedes Jahr eine Revision vorgenommen wurde.

WYSCHINSKI: Wer war es, der im Auftrage Grinkos, des ehemaligen Volkskommissars für Finanzen, Ihren Fonds revidiert hat?

KRESTINSKI: Mitarbeiter des Volkskommissariats für Finanzen, die die Valutaangelegenheiten leiten.

WYSCHINSKI: Wer?

KRESTINSKI: Es sind da Kagan, Martinson. Jedes Jahr wurden bei der Erörterung des Kostenanschlags unsere Ausgaben des Vorjahres überprüft.

WYSCHINSKI: Grinko, stimmt das?

GRINKO: Nein, es stimmt nicht. Krestinski spricht nicht davon, wovon ich spreche. Natürlich, wenn der offizielle Valutavoranschlag des Volkskommissariats für Auswärtige Angelegenheiten für das laufende Jahr behandelt wurde, so wurden die Ausgaben des vorhergehenden Jahres überprüft. Ich spreche nicht von diesem Voranschlag, ich spreche davon, dass infolge der Schwankungen des Währungskurses in verschiedenen Ländern sich in den Händen des Volkskommissariats für Auswärtige Angelegenheiten Geldmittel aus den Kursdifferenzen anhäuften.

WYSCHINSKI: Stimmt das?

KRESTINSKI: In den Händen des Volkskommissariats für Auswärtige Angelegenheiten häuften sich solche Mittel nicht an, aber bei den einzelnen Botschaften ergaben sich solche Summen.

WYSCHINSKI: Es häuften sich also Summen an?

KRESTINSKI: Nein, es häuften sich keine an. Wir überwiesen weniger Valuta.

WYSCHINSKI: Was Grinko sagt, stimmt also?

KRESTINSKI: Nein. Die Lage der Dinge wird falsch dargestellt. Es handelte sich um folgendes: es wurde eine bestimmte Summe bewilligt; hätte die Botschaft die Einwechslung der Valuta nach dem offiziellen Kurs vorgenommen, so hätte sie für ihre Valuta eine größere Summe erhalten. Hätte sie es nach dem inoffiziellen Kurs getan, so hätte man weniger Geld überweisen müssen. Wir überwiesen weniger Geld, und das übrige blieb bei Grinko.

WYSCHINSKI: Haben Sie Grinko als früheren Volkskommissar für Finanzen gebeten, Ihren Valutafonds nicht zu revidieren?

KRESTINSKI: Ich habe dartun nicht gebeten…

WYSCHINSKI: Und was sagen Sie dazu, Grinko?

GRINKO: Ich bestätige, dass er darum gebeten hat, und ich habe diese Bitte erfüllt.

WYSCHINSKI: Gehen wir jetzt zu Bessonow über. Was war das für eine Zusammenkunft in Meran? Wessen Zusammenkunft mit wem?

BESSONOW: Ich sagte aus, dass Krestinski mich Anfang September 1933 bei seiner Durchreise durch Berlin ersuchte, eine Zusammenkunft zwischen ihm und Trotzki zustande zu bringen. Dabei gelangten wir beide nach einer vorherigen Erörterung der Frage, wo diese Zusammenkunft stattfinden soll, zur einmütigen Schlussfolgerung, dass diese Zusammenkunft weder in Frankreich noch in Deutschland zustande gebracht werden könne. Da schlug Krestinski einen Treffpunkt in Italien, im ehemaligen österreichischen und jetzigen italienischen Kurort Meran in Tirol vor. Ich ließ Johanson kommen, der die Zusammenkunft organisieren konnte, erteilte ihm einen entsprechenden Auftrag und wurde von ihm nach einiger Zeit verständigt, dass eine Reise Trotzkis nach Meran trotz der Schwierigkeiten möglich sei. Und nachher erfuhr ich von Johanson, dass die Zusammenkunft Krestinskis mit Trotzki in Meran stattgefunden habe. Nikolai Nikolajewitsch nahm an, dass ich zu dieser Zeit auch hinkomme, ich konnte aber nicht abreisen, und daher habe ich an dieser Zusammenkunft nicht teilgenommen, und weiß davon aus den Erzählungen von Nikolai Nikolajewitsch selbst und von Johanson, der diese Zusammenkunft organisiert hatte.

WYSCHINSKI: Angeklagter Krestinski, waren Sie in Meran?

KRESTINSKI: Ja, ich war dort.

WYSCHINSKI: In welchem Jahre?

KRESTINSKI: Im Jahre 1933, im Oktober.

WYSCHINSKI: Sie waren also zu der Zeit da, die Bessonow angibt?

KRESTINSKI: Das stimmt.

WYSCHINSKI: Es stimmt? Der Ort stimmt?

KRESTINSKI: Er stimmt.

WYSCHINSKI: Der Monat stimmt?

KRESTINSKI: Er stimmt.

WYSCHINSKI: Der Tag stimmt?

KRESTINSKI: Er stimmt. Ich war zur Kur dort und habe niemanden von den Trotzkisten gesehen.

WYSCHINSKI: Mit wem haben Sie also diese Nachkur verbracht?

KRESTINSKI: Ich verbrachte sie mit meiner Frau und habe niemanden von den Trotzkisten gesellen.

WYSCHINSKI: Bessonow hat also Unrecht, und Sie sagen die Wahrheit?

KRESTINSKI: Ja, er hat unrecht. Er wiederholt meine Aussagen, die falsch sind.

WYSCHINSKI: Als wir in der Voruntersuchung Sie fragten, was sagten Sie darüber?

KRESTINSKI: Als ich meine Aussagen machte, widerrief ich keine meiner früheren Aussagen, die ich bewusst bestätigte.

WYSCHINSKI: Sie bestätigten sie bewusst? Sie führten die Staatsanwaltschaft irre. Ja oder nein?

KRESTINSKI: Nein.

WYSCHINSKI: Wozu brauchten Sie mich irrezuführen?

KRESTINSKI: Ich war einfach der Ansicht, wenn ich das erzählen werde, was ich heute sage, nämlich dass das den Tatsachen nicht entspreche, so wird diese meine Erklärung nicht an die Führer der Partei und Regierung gelangen.

WYSCHINSKI: Aber Sie haben doch das Protokoll unterzeichnet?

KRESTINSKI: Ich habe unterzeichnet.

WYSCHINSKI: Sie erinnern sich doch, dass ich Ihnen direkt die Frage stellte, ob Sie nicht irgendeine Erklärung abzugeben wünschen oder eine Beschwerde gegen die Untersuchung haben. War es so?

KRESTINSKI: Ja, es war so.

WYSCHINSKI: Haben Sie mir darauf geantwortet?

KRESTINSKI: Ja.

WYSCHINSKI: Habe ich gefragt, ob Sie Beschwerden haben oder nicht?

KRESTINSKI: Ja, und ich antwortete, dass ich keine Beschwerden habe.

WYSCHINSKI: Wenn Sie gefragt wurden, ob Sie Beschwerden haben, so hätten Sie sagen müssen, dass Sie welche haben.

KRESTINSKI: Ich hatte welche in dem Sinne, dass ich nicht freiwillig gesprochen habe.

WYSCHINSKI: Ich werde die Antwort verlesen, die Sie dem Untersuchungsrichter Scheinin auf die Ihnen gestellte Frage gaben. Antwort Krestinskis (Blatt 103): - „Ich habe keinerlei Beschwerden gegen die Untersuchung.“

KRESTINSKI: Ich bestätige das.

WYSCHINSKI: Sie bestätigen das?

KRESTINSKI: Ich bestätige das.

WYSCHINSKI: Ich habe keine weiteren Fragen. Ich habe eine Frage an Bessonow.

Angeklagter Bessonow, warum sprechen Sie von Tatsachen, die Krestinski leugnet und bestreitet?

BESSONOW: Ich kenne keine anderen Tatsachen.

WYSCHINSKI: Vielleicht bringen Sie etwas durcheinander? Vielleicht war nicht Krestinski dort, sondern irgendjemand anders?

BESSONOW: Nein. Ich hatte mit Krestinski noch eine ganze Reihe anderer Unterredungen.

WYSCHINSKI: Sagen Sie, waren zu jener Zeit Ihre Beziehungen zu Krestinski gute, freundschaftliche oder schlechte?

BESSONOW: Ich würde meine Beziehungen zu Krestinski nicht als sehr gute bezeichnen, würde aber immerhin sagen, dass es gute Beziehungen waren.

WYSCHINSKI: Darf ich den Angeklagten Krestinski fragen? Angeklagter Krestinski, wie sind Ihre Beziehungen zu Bessonow? Schlecht oder gut?

KRESTINSKI: Gut.

WYSCHINSKI: Gestatten Sie eine Frage an Rosengolz. Angeklagter Rosengolz, wie waren Ihre Beziehungen zu Krestinski? Gut?

ROSENGOLZ: Ich hatte keinerlei Differenzen mit ihm.

WYSCHINSKI: Auf welchem Gebiet?

ROSENGOLZ: Auf keinem Gebiet. Auf allen Gebieten gab es eine vollständige Übereinstimmung.

WYSCHINSKI: Und darunter auch in der illegalen Arbeit? Gestatten Sie eine Frage an Krestinski. Angeklagter Krestinski, wie waren Ihre Beziehungen zu Rosengolz?

KRESTINSKI: Unsere Beziehungen waren nicht schlecht. Wir hatten Differenzen in Fragen der Außenpolitik.

WYSCHINSKI: Waren Ihre Beziehungen zu Rosengolz gut oder schlecht.

KRESTINSKI: Nicht schlecht.

WYSCHINSKI: Nicht schlecht, das heißt gut?

KRESTINSKI: Gut.

WYSCHINSKI: Wie waren Ihre Beziehungen zu Grinko? Gestatten Sie, den Angeklagten Grinko zu fragen? Angeklagter Grinko, wie waren Ihre Beziehungen zu Krestinski?

GRINKO: Ich bin der Ansicht, dass sie gut waren.

WYSCHINSKI: Und welcher Ansicht sind Sie, Angeklagter Krestinski?

KRESTINSKI: Sie waren gut.

WYSCHINSKI: Und nun sagen drei Menschen, die gute Beziehungen zu Ihnen, Angeklagter Krestinski, unterhielten, das, was nicht gewesen war.

KRESTINSKI: Ja.

WYSCHINSKI: Gestatten Sie, das Verhör Bessonows fortzusetzen. Angeklagter Bessonow, worüber sprachen Sie mit Krestinski in der folgenden Zeit?

BESSONOW: Im gleichen Jahre 1933 hatte ich mit ihm ein Gespräch über die Lage, die in den deutschen Industriekreisen im Zusammenhang mit dem bekannten Rückgang der Sowjetaufträge in Deutschland entstanden war. Ich sagte, dass unter den deutschen Industriellen eine gewisse Enttäuschung über den Entwicklungsgang der sowjetisch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen bestehe. In diesem Zusammenhange betonte Krestinski noch schärfer, als er es im Mai getan hat, vor mir die Aufgaben, den deutschen Industriellen zu zeigen, dass ernste und umfassende Beziehungen zur Sowjetunion unmöglich seien, solange in der Sowjetunion die gegenwärtige Führung an der Macht sei. Je mehr die deutschen Industrie- und Militärkreise den Glauben an die Möglichkeit einer Normalisierung, sei es auch nur der diplomatischen Beziehungen zur Sowjetunion verlieren werden, umso mehr und umso entschiedener werden sie zu einer Verständigung mit den Gruppen bereit sein, die die Sowjetmacht bekämpfen. Er betonte, dass die Aufgabe sehr schwierig sei, sagte aber, dass ich eben ein Diplomat sei. Allerdings war ich damals ein junger Diplomat, doch habe ich die Aufgabe, die er mir stellte, erfüllt.
Während seiner Durchreise durch Berlin berührte Krestinski jene Fühlung, die damals der Leiter des außenpolitischen Amtes der nationalsozialistischen Partei Deutschlands, Rosenberg, in unseren Kreisen unternahm, bezüglich der Möglichkeit einer geheimen Verständigung zwischen den deutschen Nationalsozialisten und den russischen Trotzkisten, im Besonderen und vor allem in der Frage einer Rohstoffbasis für Deutschland. Und in diesem Zusammenhang - über die Frage der Ukraine. Von dieser Fühlungnahme erfuhr ich durch Krestinski. Krestinski rief mich zu sich am Tage seiner Abfahrt nach Kissingen. Er war über diese Mitteilung sehr aufgeregt und beriet sich mit mir darüber, was zu tun sei. Und in Verbindung damit betonte er, dass Rosenberg bei seiner Sondierung gerade den Berliner Aufenthalt Krestinskis im Auge hatte. Sowohl Rosenberg als auch den anderen deutschen Politikern war die Physiognomie Krestinskis hinlänglich bekannt. Deshalb hatte diese Mitteilung einen ganz bestimmten politischen Sinn. In Anbetracht dessen bat mich Krestinski, die Erledigung der Frage seiner Zusammenkunft mit Trotzki zu beschleunigen, da es ihm zweckmäßig schien, in einer so wichtigen Frage Direktiven zu bekommen. Das sind also die drei Unterredungen oder die drei Hauptthemen, die während des Berliner Aufenthalts von Nikolai Nikolajewitsch Krestinski im September 1933 entwickelt wurden; auf der Rückreise aus Meran sah ich ihn nicht und sah ihn erst im nächsten Jahr; irgendeine aktuelle Information, die er mir über die Unterredung mit Trotzki hätte mitteilen können, hatte es damals eigentlich nicht gegeben. Jedoch erfuhr ich, dass die Unterhaltung in der Hauptsache der Approbierung der Linie gewidmet war, die offenbar schon früher ins Auge gefasst war, und von der mir Nikolai Nikolajewitsch in allgemeinen Zügen noch vor meiner Entsendung nach Berlin im Mai 1933, das heißt einige Monate vorher, gesagt. hatte; d. h. außer all den Momenten, von denen ich schon gesprochen habe und die ich von Pjatakow erfuhr, war da noch das Moment enthalten, dass bei ihm, Nikolai Nikolajewitsch Krestinski, und dann bei einem anderen, von dem er als „wir“ sprach, ein bestimmter Kontakt mit den Militärkreisen der Sowjetunion in Entstehung und Herausbildung begriffen sei. Er nannte in diesem Zusammenhang die Namen von Tuchatschewski und Uborewitsch, was dann laut seiner eigenen Information in Meran bestätigt wurde.
Das zweite Moment dieser Meraner Zusammenkunft, das mir bekannt ist und das ebenfalls nichts anderes darstellt als eine Entwicklung der Taktik, die früher bestanden hat und die bei konkreten Verhandlungen im Jahre 1931 ins Auge gefasst wurde, ist die Erzielung eines besonderen speziellen Abkommens der Oppositionsgruppen in der Sowjetunion im Kampfe um die Macht, eines Abkommens mit auswärtigen Staaten, die ihnen dabei helfen könnten, wobei als Partner eines solchen Abkommens die nationalsozialistische Partei in Deutschland ausersehen war, und zwar nicht ihre offiziellen Repräsentanten, sondern andere Kreise, worauf ich hier nicht speziell eingehen möchte, weil mich das weit von der Frage, die Sie gestellt haben, wegführen würde.
Ich wiederhole, eine weitere Entwicklung dieser selben Taktik war, was bei den Meraner Verhandlungen von Nikolai Nikolajewitsch Krestinski mit Trotzki festgelegt wurde, und zwar ergab sich in der ersten Variante am prägnantesten und krassesten eine Formulierung der defätistischen Taktik, obwohl ich, was das Wesen der Sache anbelangt, auch bei der Konfrontierung mit Krestinski gesagt habe, dass die defätistische Taktik eigentlich schon damals vorhanden war, als er das Handelsabkommen unterzeichnete, welches durchgeführt wurde in der Zelt, wo er in Deutschland als Botschafter arbeitete; diese Taktik wurde auch von Pjatakow bei seinen Wirtschaftsverhandlungen befolgt und war jetzt als grundlegende Taktik ins Auge gefasst.
Eine Reihe von Momenten der Verhandlung Krestinskis mit Trotzki in Meran Ist mir durch Mitteilung Krestinskis selbst bekannt, Die Information Johansons bestätigte diese Begegnung. Soweit ich aus den Gesprächen Johansons verstanden hatte, fand diese Zusammenkunft in Meran im Hotel „Meraner Hof“ statt, der genauen Benennung kann ich mich nicht erinnern. Man darf nicht vergessen, dass dies im Oktober war, wo in Meran die so genannte Traubensaison ist, und dass in dieser Zeit für Personen,, die zur Traubensaison nach Meran und zurück fahren, Einreisevergünstigungen gewährt werden, und ich halte es durchaus für möglich, dass dies Trotzki gelingen konnte, obwohl es Trotzki zu jener Zeit außerordentlich schwer war, aus Frankreich herauszukommen.

WYSCHINSKI: Erzählen Sie von Ihrer illegalen trotzkistischen Tätigkeit in der unmittelbar darauf folgenden Zeit.

BESSONOW: Ich möchte über die Organisierung des Verbindungspunktes zu Ende sprechen. Der Verbindungspunkt wurde 1931 organisiert, bestand bis 1937 und ist als Berliner Verbindungspunkt mit meiner Abreise aus Berlin in die Sowjetunion im Februar 1937 verschwunden. Im Laufe dieser Zeit wurde eine große Anzahl von Briefen Trotzkis empfangen und befördert. Ich kann mich jetzt nicht erinnern, wie hoch ihre Zahl war, jedenfalls handelt es sich aber um 6-7 Direktivbriefe nach beiden Richtungen jährlich. Es gab eine Reihe von Briefen, die mit der diplomatischen Post befördert wurden. Außerdem gab, es Briefe, die mit der diplomatischen Post befördert wurden, auf ausländischen Blankobriefbogen, hauptsächlich von deutschen und belgischen Firmen. In diesen wurden in Geschäftssprache die neuesten und dringendsten Mitteilungen gemacht. Die Aufgabe des Verbindungspunktes bestand darin, persönliche Zusammenkünfte zu organisieren. Johanson war die Person, die zusammen mit Pjatakow die Reise nach Oslo unternommen und deren Namen Pjatakow verschwiegen hatte, als er vor dem. Militärkollegium im Januar 1937 seine Aussagen machte.

WYSCHINSKI: Von wem wissen Sie es, dass Johanson für Pjatakow die Reise und die Zusammenkunft mit Trotzki in Oslo organisiert hat?

BESSONOW: Von Pjatakow und von Johanson selbst.

WYSCHINSKI: Von Pjatakow und Johanson selbst? Fahren Sie fort.

BESSONOW: Endlich war mir im Jahre 1932 die Zusammenkunft mit Sedow bekannt. Ich erachte es nicht für möglich, dieses Thema in einer Aussage über die Bedeutung des Berliner Verbindungspunktes für eine ganze Reihe von Zusammenkünften zu berühren, ich werde jedenfalls darüber nicht sprechen, weil ich es nicht weiß. Ich könnte noch sagen, dass mit Hilfe Johansons, unter Johansons Mitwirkung, der Kontakt organisiert und die Bedingungen für ein vorläufiges Abkommen zwischen den Trotzkisten und der „Trudowaja Krestjanskaja Partija“, an deren Spitze der sich in Prag befindliche Maslow stand, festgelegt wurden. Darüber werde ich ausführlicher aussagen können, da ich an den Verhandlungen unmittelbar teilgenommen habe.

WYSCHINSKI: Erzählen Sie von der Zusammenkunft mit Trotzki in Paris im Jahre 1934; womit hat Trotzki Sie beauftragt, und was haben Sie zur Ausführung dieses Auftrags getan?

BESSONOW: Ich erhielt durch Johanson einen kurzen Brief - einen Zettel - von Trotzki, in dem er über die Organisierung eines Zusammentreffens mit einer von den in Deutschland befindlichen Trotzkisten zwecks Information über die Ereignisse in Deutschland vom 30. Juni schrieb. Ich war der einzige, der dorthin fahren konnte. Ende Juli 1934 kam ich in Paris mit dem Tageszug an und reiste von dort ebenfalls mit dem Tageszug ab. Die ganze Unterredung fand in einem Hotel statt, wo Johanson immer abstieg. Trotzki sagte, dass er mich auf Grund der Briefe Pjatakows und der Erzählungen N. N. Krestinskis sehr gut kenne.

WYSCHINSKI: Worüber sprachen Sie mit Trotzki in Bezug auf Ihre illegalen trotzkistischen Aufgaben?

BESSONOW: Er stellte seinen auf diplomatischem Gebiete arbeitenden Anhängern die Aufgabe, eine Linie der Sabotage offizieller Abkommen zu befolgen, um das Interesse der Deutschen für nichtoffizielle Abkommen mit den oppositionellen Gruppen zu stimulieren. „Sie werden noch zu uns kommen“ - sagte Trotzki, wobei er Heß und Rosenberg meinte. Er sagte, dass wir uns in dieser Frage nicht zu genieren brauchen, dass uns eine ernste wirkliche Hilfe seitens Heß und Rosenbergs tatsächlich gewährleistet werden kann. Wir dürfen nicht - sagte er - davor haltmachen, auf weitgehende Gebietsabtretungen einzugehen.

WYSCHINSKI: Und zwar?

BESSONOW: Wir werden auf ein Abtreten der Ukraine eingehen, sagte Trotzki, Berücksichtigen Sie das in Ihrer Arbeit und in Ihren Unterredungen mit den Deutschen, und ich werde darüber noch Pjatakow und Krestinski schreiben. - Ferner ging er auf die mit der Arbeit der trotzkistischen Organisation in der Sowjetunion verbundenen Fragen ein und betonte dabei mit besonderem Nachdruck, dass in der Situation des heranreifenden unvermeidlichen Krieges die einzig mögliche Form des Machtantritts der Trotzkisten die Niederlage der Sowjetunion in diesem Kriege sei.
Dann ging er auf die Frage der Methoden der Arbeit der trotzkistischen Organisationen in der Sowjetunion ein und betonte mit besonderem Nachdruck die Frage der Notwendigkeit der Verschärfung der extremsten terroristischen Methoden des Kampfes. Hier sprach er gerade die Worte, die in der Anklageschrift angeführt sind, die heute hier verlesen wurden, die Worte, dass es natürlich eine unverzeihliche Ziererei wäre, wenn wir, seine Anhänger in der Sowjetunion, nicht sofort zur direkten Vernichtung und Beseitigung Stalins und aller seiner nächsten Anhänger übergingen. Unerwartet für mich ging er im Zusammenhang damit auf Maxim Gorki ein, charakterisierte die Rolle Maxim Gorkis als eine ganz außerordentliche im Sinne seines Einflusses nicht nur in der Sowjetunion, sondern vor allem und in erster Linie im Ausland, wies darauf hin, wie außerordentlich nahe er Stalin stehe, sowie darauf, dass die Äußerungen Maxim Gorkis viele Anhänger Trotzkis aus den Kreisen der europäischen Intelligenz von ihm, Trotzki, in der entschiedensten Weise abstoßen und sie dem Standpunkt der Parteiführung näher bringen. In diesem Zusammenhang kam er zu der Schlussfolgerung und sagte es mir direkt, es sei notwendig, Gorki zu beseitigen. Er sprach dieselben Worte, die hier angeführt wurden, die Worte von der Notwendigkeit, Gorki um jeden Preis physisch zu vernichten. So lautete die Direktive.

WYSCHINSKI: Haben Sie sie übermittelt?

BESSONOW: Ja. Bald darauf, im Herbst 1934, war ich in Moskau und erzählte Pjatakow ausführlich über dieses Gespräch.

WYSCHINSKI: Weiter.

BESSONOW: Damit ist eigentlich alles zu Ende, was ich über meine Begegnung mit Trotzki im Jahre 1934 sagen kann.

WYSCHINSKI: Hatten Sie nach 1934 mit irgendjemandem von den Führern der illegalen trotzkistischen Organisationen Begegnungen, Zusammenkünfte, Unterredungen?

BESSONOW: Ja, jedes Jahr kam ich mit Pjatakow zusammen, bis zu dem Jahre, wo er verhaftet wurde. Im Herbst 1936 habe ich ihn nicht mehr gesehen. Jedes Mal, wenn ich nach Moskau kam, traf ich mich mit Nikolai Nikolajewitsch Krestinski, und ich kam namentlich im Herbst 1936, schon nach der Verhaftung Pjatakows, mit ihm zusammen.

WYSCHINSKI: Worüber sprachen Sie nach der Verhaftung Pjatakows?

BESSONOW: In den letzten Septembertagen oder in den ersten Tagen des Oktober 1936 kam ich mit Krestinski in Moskau zusammen. Krestinski teilte mir sehr erregt mit, dass es mit dem trotzkistischen Zentrum sehr schlecht stehe, dass viele hochgegangen seien, dass Pjatakow, Radek und eine ganze Reihe anderer verhaftet seien, dass die Möglichkeit auch seiner Verhaftung nicht ausgeschlossen sei und dass er mich bitte, bei meiner Rückkehr nach Berlin unverzüglich Trotzki davon brieflich in Kenntnis zu setzen. Er sagte, dass im Falle seiner Verhaftung alle organisatorischen Verbindungen Karachan übergeben werden müssen, obgleich er sich nicht vorstelle, wie man das konkret machen könne. Er bat mich sogar, zweimal zu wiederholen, ob ich ihn richtig verstanden hätte, dass die bei den Trotzkisten in der Sowjetunion im Herbst 1936 vorhandene Lage als eine außerordentlich schwere charakterisiert und das von den Trotzkisten mit der deutschen nationalsozialistischen Partei erzielte Abkommen über die Frage der Möglichkeit der Beschleunigung des Krieges, der den Machtantritt der Trotzkisten erleichtern würde, um jeden Preis forciert werden muss.
Nach meiner Ankunft in Berlin berichtete ich Trotzki sehr eingehend darüber und erhielt von ihm auf den Brief eine Antwort, die ich an Krestinski weiterleitete. Darauf, es war im Dezember 1936, vielleicht in den ersten Januartagen 1937, erhielt ich von Krestinski noch einen Brief für Trotzki, den ich gesehen habe, aus dem ich aber nicht klug wurde, weil er in einer vereinbarten Sprache geschrieben war.

WYSCHINSKI: Von wem, an wen und wann wurde der Brief geschrieben?

BESSONOW: Dieser Brief wurde im Dezember 1936 von Krestinski an Trotzki geschrieben und wurde von mir übermittelt.

WYSCHINSKI: Sie haben ihn übermittelt?

BESSONOW: Ich habe ihn durch Johanson Ende Dezember 1936 übermittelt.

WYSCHINSKI: Nach der Ankunft in Berlin?

BESSONOW: Ja, nach der Ankunft in Berlin.

WYSCHINSKI: Übermittelt durch Johanson?

BESSONOW: Ja, durch Johanson. Und ich habe nach einigen Tagen eine Antwort von Trotzki erhalten.

WYSCHINSKI: Haben Sie sich mit diesem Material bekannt gemacht?

BESSONOW: Nein, die Antwort kenne ich nicht.

WYSCHINSKI: Und den Brief Krestinskis kennen Sie?

BESSONOW: Den Brief Krestinskis habe ich gelesen, denn er war an mich adressiert. Ich kann aber nur den allgemeinen Eindruck wiedergeben, denn der Brief war in einer sehr nebelhaften Sprache geschrieben, die Krestinski und Trotzki verständlich, mir aber nicht ganz verständlich war.

WYSCHINSKI: Was haben Sie da herausgelesen?

BESSONOW: Es war davon die Rede, dass die Lage sich in der Weise gestalte, dass die Trotzkisten nicht warten körnen, bis die Deutschen in Schwung kommen, und sie baten deshalb um die Genehmigung, vor dem Ausbruch des Krieges, vor einem Vorgehen der Deutschen, mit Hilfe des von ihnen organisierten Zentrums in Aktion zu treten. Was das für ein Zentrum ist, kann ich nicht sagen, denn ich habe den Inhalt dieses Briefes nur mit Mühe entziffern können.

WYSCHINSKI: Was wünschen Sie noch Ihren Aussagen hinzuzufügen, oder haben Sie Ihre Ausführungen schon erschöpft?

BESSONOW: Wenn ich auf die letzte der gestellten Fragen antworten soll, - wer den größten Anteil genommen habe, mit wem die systematischste Verbindung bestand, so muss ich antworten, dass dies Pjatakow war, den ich als meinen nächsten Vorgesetzten auf trotzkistischer Linie betrachtete und mit dem ich bis zum letzten Male, im Dezember 1935, zusammenkam, wo er mir von seiner Reise zu Trotzki erzählte.

WYSCHINSKI: Wer waren Ihre nächsten Vorgesetzten auf trotzkistischer Linie?

BESSONOW: Nur drei Menschen, mit denen ich verkehrte, und die von meiner Arbeit wussten - das sind Pjatakow, Krestinski, Trotzki. Dass ich Teilnehmer der trotzkistischen Organisation war, weiß Rosengolz. Im Herbst 1931, als ich mit der Frage der Verhandlung mit den Deutschen zu tun hatte, entstanden zwischen mir und Arkadij Pawlowitsch Rosengolz solche gegenseitige Beziehungen, wie sie nur unter Mitgliedern der trotzkistischen Organisation bestehen können. Dabei empfahl mich Pjatakow an Rosengolz als Mitglied der trotzkistischen Organisation.

WYSCHINSKI (zu Rosengolz): Angeklagter Rosengolz, kannten Sie Bessonow als Trotzkisten?

ROSENGOLZ: Nein, ich wusste nicht, dass er es war.

WYSCHINSKI: Hat Pjatakow ihn Ihnen nicht empfohlen?

ROSENGOLZ: Ich habe über dieses Thema mit ihm keine Gespräche geführt.

WYSCHINSKI: Und kannten Sie Bessonow als Trotzkisten?

ROSENGOLZ: Ich wusste das von Krestinski.

WYSCHINSKI: Was wussten Sie also durch Krestinski über Bessonow?

ROSENGOLZ: Ich wusste, dass er Trotzkist ist und dass er – Bessonow - Krestinski bei der trotzkistischen Arbeit hilft.

WYSCHINSKI: Wer hat Ihnen das gesagt?

ROSENGOLZ: Das hat mir Krestinski gesagt.

WYSCHINSKI: Krestinski persönlich?

ROSENGOLZ: Ja, Krestinski persönlich.

WYSCHINSKI: Können Sie sich nicht erinnern, in welchem Jahre das war?

ROSENGOLZ: Genau kann ich das nicht sagen.

WYSCHINSKI: Ungefähr 1933?

ROSENGOLZ: Ja, ungefähr in diesem Jahre.

WYSCHINSKI: Unter welchen Umständen und aus welchem Anlass hat er Ihnen das gesagt?

ROSENGOLZ: Er machte mir Mitteilung von den Mitarbeitern, die ihm im Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten bei jener Arbeit helfen, und nannte unter ihnen Bessonow.

WYSCHINSKI: Angeklagter Krestinski, Sie haben die Aussage gehört?

KRESTINSKI: Ich bestreite das.

WYSCHINSKI: Sie bestreiten es?

KRESTINSKI: Ich bestreite es.

WYSCHINSKI: Absolut?

KRESTINSKI: Absolut.

WYSCHINSKI: Bestimmt?

KRESTINSKI: Bestimmt.

WYSCHINSKI: Ich habe keine weiteren Fragen.

VORSITZENDER: Die Verhandlung wird für zwei Stunden unterbrochen.

 

(Unterschrift)

Der Vorsitzende:
Vorsitzender des Militärkollegiums des
Obersten Gerichtshofes der UdSSR
Armee-Militärjurist W. Ulrich

Der Sekretär:
Militärjurist I. Ranges A. Batner

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