PROZESSBERICHT ÜBER DIE STRAFSACHE DES ANTISOWJETISCHEN
„BLOCKS DER RECHTEN UND TROTZKISTEN"

ABENDSITZUNG VOM 2. MÄRZ 1938

VERHÖR DES ANGEKLAGTEN TSCHERNOW

VORSITZENDER: Angeklagter Tschernow, bestätigen Sie die in der Voruntersuchung gemachten Aussagen?

TSCHERNOW: Ich bestätige sie voll und ganz.

VORSITZENDER (zu Wyschinski): Wünschen Sie Fragen zu stellen?

WYSCHINSKI: Angeklagter Tschernow, teilen Sie dem Gericht kurze biographische Daten mit.

TSCHERNOW: Ich wurde 1891 geboren, studierte zwei Jahre im geistlichen Seminar, trat in die Moskauer Universität ein, wo ich ungefähr zwei Jahre studierte. Einmal wurde ich wegen revolutionärer Arbeit verhaftet, aber nicht ins Gefängnis gesperrt. 1916 trat ich in die Partei der Menschewiki ein und blieb Menschewik bis Januar 1920, als ich in die Kommunistische Partei (Bolschewiki) eintrat.

WYSCHINSKI: Das formal?

TSCHERNOW: Ja.

WYSCHINSKI: Und tatsächlich?

TSCHERNOW: Nachdem ich im Januar 1920 in die Kommunistische Partei (Bolschewiki) eingetreten war; erfüllte ich bis 1927 ehrlich die Aufgaben, die die Partei mir auferlegte.

WYSCHINSKI: Bis 1927?

TSCHERNOW: Ja. Ich muss aber ganz offen gestehen, dass ich im Innern nach wie vor Menschewik blieb, und sobald die Partei von den Methoden der Beschränkung zu den Methoden der Offensive gegen die Kulakenelemente im Dorfe überging, zeigte sich sofort dieses mein menschewistisches Wesen.

WYSCHINSKI: Wie zeigte sich dieses menschewistische Wesen, worin äußerte sich das?

TSCHERNOW: Im Herbst 1927 begannen bei mir bestimmte Zweifel an der Richtigkeit der Generallinie der Partei.

WYSCHINSKI: Wozu führte das?

TSCHERNOW: Ich arbeitete zu jener Zeit in der Ukraine als Volkskommissar für Handel und leitete die Getreidebeschaffung. Das Getreide aber war der Hauptfaktor, auf dessen Boden sich der Widerstand des Kulakentums und sein Kampf gegen die Sowjetmacht am meisten verschärfte. In jenem Herbst kam Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow nach der Ukraine und stellte vor dem ZK der Ukraine und vor uns, die wir bei der Getreidebeschaffung arbeiteten, die Frage der Getreidebeschaffung ganz anders, als sie früher gestellt wurde. Früher war der freie Verkauf und Kauf die Methode der Getreidebeschaffung. Das entsprach meinem menschewistischen Wesen. Nunmehr wurde die Frage der Anwendung außerordentlicher Maßnahmen gegen die begüterte Kulakenoberschicht des Dorfes gestellt. Das war der Beginn der entschiedenen Offensive gegen die Kulaken. Ich hielt es für falsch, da ich der Ansicht war, dass das zum Ruin der Volkswirtschaft, zur Verringerung der auf den Markt kommenden Produktion der Landwirtschaft führen werde, und da begannen nun meine Zweifel.

WYSCHINSKI: Ich frage Sie ja eben, wozu führten Ihre Zweifel?

TSCHERNOW: Diese Zweifel festigten sich im Jahre 1928. 1928 gab es in der Ukraine eine Missernte, und ich erklärte diese Missernte nicht mit den klimatischen Verhältnissen, die dieser Missernte zugrunde lagen - es gab damals einen sehr schlechten Winter und ein schlechtes Frühjahr in der Ukraine, die die Aussaat vernichteten -, ich war vielmehr der Ansicht, dass diese Missernte keine zufällige, sondern eine organische Erscheinung sei, die durch die Anwendung außerordentlicher Maßnahmen bei der Getreidebeschaffung hervorgerufen wurde, da diese Maßnahmen meiner Meinung nach bei der Bauernschaft, darunter auch bei den Mittelbauern, das Interesse an der Entwicklung der eigenen Wirtschaft, an der Pflege der Aussaat, an besserer Bestellung des Bodens usw. vernichtet haben. Ich beschränkte mich nicht darauf, dass ich selbst diese Zweifel hegte, die sich 1928 bereits gefestigt hatten, sondern setzte meine Zweifel unter den Mitarbeitern auseinander, mit denen ich zusammen arbeitete, und suchte unter ihnen Anhänger für diese Ansichten.

WYSCHINSKI: Und haben Sie sie gefunden?

TSCHERNOW: Ja.

WYSCHINSKI: Wer waren das?

TSCHERNOW: Goldin, der Vorsitzende des Ukrchleb (Ukrainische Getreidezentrale), dann Wassiljew, der im „Selski Gospodar“ („Landwirt“) arbeitete, und eine Reihe anderer Personen, mit denen ich auf dem Gebiete der Getreidebeschaffung in der Ukraine arbeitete. Außerdem sah und fand ich solche Gesinnungsgenossen auch unter Personen, die nicht unmittelbar in der Getreidebeschaffung mit mir verbunden waren, die sich aber mit mir, dem Leiter der Getreidebeschaffungsarbeit, der die Lage im Dorfe kannte, sehr oft unterhielten und ebenfalls ihre Unzufriedenheit mit der im Dorfe befolgten Politik des Zentralkomitees äußerten, Zu diesen gehören Satonski, Poraiko, Grinko und eine Reihe weiterer Personen, an die ich mich nicht erinnern kann.

WYSCHINSKI: In welchem Jahre war das?

TSCHERNOW: Das war im Jahre 1928.

WYSCHINSKI: Sie waren im Jahre 1928 Mitglied der illegalen Organisation der Rechten?

TSCHERNOW: Ich glaube, insofern ich meine Ansichten vor meinen Gesinnungsgenossen, die ihre Unzufriedenheit mit der Politik der Partei äußerten, auseinandersetzte, war dies bereits der Anfang dazu, die Schaffung einer solchen Organisation in der Ukraine zu beginnen, ich bin aber der Ansicht, dass mein formaler Eintritt in die Organisation der Rechten nach meiner ersten Zusammenkunft mit Rykow erfolgt ist.

WYSCHINSKI: Rykow hat Sie in diese Organisation hineingezogen?

TSCHERNOW: Ja, aber ich war dazu schon vorbereitet.

WYSCHINSKI: Sie haben eigentlich einander gefunden.

TSCHERNOW: Ja, so ist es aufzufassen. Mit Rykow kam ich im Herbst 1928 zusammen. Auf Anweisung des Unions-Volkskommissars für Handel, Mikojan, sollte ich nach Muchalatka, einem Sanatorium in der Krim fahren, wo Mikojan seinen Urlaub verbrachte, und dort sollte ich über meine Tätigkeit in der Ukraine als Volkskommissar für den Handel berichten. Dort befand sieh damals Alexej Iwanowitsch Rykow, wie ich zufällig erfahren habe. Unter meinen Gesinnungsgenossen wurde davon gesprochen, dass es gut wäre, wenn jemand mit Rykow zusammenkäme und über die Frage mit ihm spräche, über die wir in der Ukraine uns unterhielten und über die ich hier gesprochen habe. Ich beschloss, diesen Aufenthalt Rykows in Muchalatka auszunutzen, und wir trafen uns mit ihm. Bei unserer Zusammenkunft informierte ich Rykow über die Lage im ukrainischen Dorf, über die Missernte, die es in der Ukraine gegeben habe, über die Notlage, die im ukrainischen Dorf zu beobachten sei. Rykow interessierte sich besonders für die Übergriffe, die begangen wurden, die es in einzelnen Fällen hei der Getreidebeschaffungsarbeit gegeben hat, und ich legte Rykow diese Fälle dar. Ich kann mich erinnern, wie dann Rykow auf meine Information und auf die Darlegung einzelner Fälle von Übergriffen sagte: „Sie glauben, dass das einzelne Fälle von Tölpelei des Getreidebeschaffungsapparats sind? Sie fassen das falsch auf. Das ist das Resultat der Politik des ZK der Partei, die das Dorf und die Landwirtschaft dem Ruin entgegenführt.“

WYSCHINSKI: Nun, und wie reagierten Sie darauf?

TSCHERNOW: Ich reagierte darauf damit, dass ich ihm mit größerer Kühnheit die Zweifel auseinandersetzte, von denen ich dem Gericht jetzt erzählt habe. Rykow setzte mir die Ansichten der Rechten in dieser Frage auseinander, das heißt nicht nur in dieser Frage, sondern die Ansichten und das Programm der Rechten, die gegen die Kollektivierung und gegen die Industrialisierung des Landes gerichtet waren.
Ich teilte Rykow bei dieser Gelegenheit mit, dass ich in der Ukraine Gesinnungsgenossen habe. Hierauf antwortete mir Rykow, dass das alles bekannte Leute seien, von denen er die meisten kenne, und die für die Organisation der Rechten sehr nützlich sein können. Aber, sagte er, ihr dürft jetzt nicht im breiten Umfange auftreten und dadurch eure Kräfte aufdecken. Die Zeit für unser Auftreten im breiten Umfange sei noch nicht gekommen. Ihr, sagte er, müsst wissen, wie das ZK die Trotzkisten zerschmettert hat, und wenn wir schon jetzt unsere Kräfte aufdecken werden, so wird das für unsere Organisation der Rechten negative Folgen haben.
Ich sagte darauf Rykow, dass dies, wenn ich ihn richtig verstehe, bedeute, dass wir eine geheime illegale Organisation schaffen müssen. Er bestätigte das, wobei er noch hinzufügte: Sie, Tschernow, sind ja Volkskommissar der Ukraine für den Handel und haben einen sehr verantwortungsvollen Arbeitsabschnitt unter sich. Ihre Aufgabe, sagte er, besteht darin, Ihre Arbeit in einer solchen Art und Weise durchzuführen, dass der Mittelbauer erbittert wird, und zwar in der Weise, dass die Repressivmaßnahmen, die die Regierung in Bezug auf die Kulaken festgelegt hat, auf die mittelbäuerlichen Massen des Dorfes ausgedehnt werden. Vertieft die Überspitzungen, ruft bei den Mittelbauern Erbitterung hervor, zieht besonders das nationale Gefühl der ukrainischen Bevölkerung in Betracht und erklärt überall, dass diese Überspitzungen ein Ergebnis der Moskauer Politik sind, und auf diesem Wege werden wir sowohl unsere Kader schaffen als auch die Bauernschaft gegen die Sowjetregierung und gegen das ZK aufbringen. Zum Schluss vereinbarten wir mit Rykow, dass ich ihn nach der Ankunft in Moskau besuchen und Verbindung mit ihm aufrechterhalten werde, um die Handlungen der Organisation der Rechten in der Ukraine zu koordinieren.

WYSCHINSKI: Angeklagter Rykow, sagen Sie, entsprechen die Aussagen Tschernows in diesem Teil der Wirklichkeit?

RYKOW: Ich bin mit Tschernow zusammengekommen und habe mich bemüht, ihn von der Richtigkeit meiner damaligen konterrevolutionären Tätigkeit zu überzeugen, beabsichtigte, ihn zu meinem Anhänger zu machen, fand aber in der Person Tschernows einen fertigen Anhänger vor.

WYSCHINSKI: Sie brauchten sich also nicht besonders zu bemühen?

RYKOW: Nicht nur nicht besonders, sondern ich brauchte mich überhaupt nicht zu bemühen. Ich kann das nicht mit solcher Ausführlichkeit schildern, wie er. Alles, was er sagt, ist im Wesen der Sache und im Hauptsächlichen richtig. Dass ich, aber ein Anhänger der Überspitzungen gewesen sei, in dieser Hinsicht hat er, wie mir scheint, Unrecht, in allem übrigen hat er Recht.

WYSCHINSKI: Wollen wir also über alles Übrige sprechen. Kam 1928 Tschernow tatsächlich zu Ihnen und stellte er tatsächlich vor Ihnen, als vor einem der Führer der, sagen wir so, rechten Strömung der damaligen Zeit, eine Reihe von Fragen politischer Natur, und haben Sie die Fragen von Ihren Standpunkt beleuchtet, wobei Sie darauf rechneten, ihn zur Beteiligung an Ihrer Gruppe zu bewegen? Zu dieser Zeit hatten Sie bereits eine Gruppe von Rechten in der Illegalität?

RYKOW: In der Illegalität nicht.

WYSCHINSKI: War es bereits eine formierte Gruppe?

RYKOW: Ja. Nur von der Schaffung eines derartigen, halblegalen organisatorischen Nestes konnte die Rede sein.

WYSCHINSKI: Es gab also eine halblegale Gruppe mit Ihnen an der Spitze, und mit wem noch? Mit Bucharin und Tomski? Habe Ich Sie richtig verstanden?

RYKOW: Ja, es gab eine solche Gruppe.

WYSCHINSKI: Und Sie haben beschlossen, Tschernow in diese Gruppe hineinzubringen?

RYKOW: Ja, Ich fand einen Anhänger in der Person Tschernows. Als ich Im Jahre 1928 in Muchalatka war, kannte ich nicht die Auffassungen Tschernows in dieser Frage und war bestrebt, Wie man so sagt, ihn zu überzeugen oder zu bearbeiten. Für mich kam es zu jener Zeit unerwartet, dass ich in der Person Tschernows einen fertigen Anhänger fand.

WYSCHINSKI: Sie fanden einen fertigen Partner. Kamen Sie dann mit Tschernow zusammen?

RYKOW: ja,

WYSCHINSKI: In welchem Jahre?

RYKOW: Einige Monate darauf, als er ins Ausland fuhr.

WYSCHINSKI: Angeklagter Tschernow, stimmt das?

TSCHERNOW: Nein, ich kam noch mehr als einmal mit ihm zusammen, Dass ich mit Rykow vor der Reise ins Ausland zusammenkam, bestätige ich, ergänze es aber dahin, dass dies nicht die einzige Zusammenkunft war, sondern es hat noch einige Zusammenkünfte gegeben, von denen ich, wenn das Gericht es wünscht, erzählen werde.

WYSCHINSKI: Wenn das auf den Gegenstand der Anklage Bezug hat, Vorläufig, Angeklagter Rykow, können Sie sich also setzen.

TSCHERNOW: Ich bestätige es noch einmal; offenbar hat es Alexej Iwanowitsch vergessen, ich aber erinnere mich daran ausgezeichnet, und ich erinnere mich, wie das zum Ausdruck gebracht wurde. Ich kann mich nicht für jedes Wort verbürgen, ich kann mich aber verbürgen für den Inhalt und die Satzkonstruktion der Worte Rykows, dass ich meine Arbeit so organisieren müsse, dass die Überspitzungen vertieft werden und dadurch die Erbitterung der Mittelbauern hervorgerufen werde, und dass ich in meiner Arbeit als Mitglied der Organisation der Rechten die nationalistischen Gefühle der ukrainischen Bevölkerung in Betracht ziehen müsse. Daran erinnere ich mich ausgezeichnet.

WYSCHINSKI: Das können wir im Weiteren präzisieren. Zunächst handelt es sich um Ihre konspirativen Verbindungen mit Rykow. Fahren Sie fort.

TSCHERNOW: Im Weiteren hat sich der Charakter meiner Arbeit einigermaßen geändert im Zusammenhang damit, dass ich früher darauf rechnete, in der Ukraine zu arbeiten, dann. aber zur Arbeit nach Moskau versetzt wurde.

Ich gehe zur nächsten Episode über. Ende 1928 sollte ich zur Kur nach Deutschland fahren. Da ich wusste, dass in Deutschland mein alter Genosse aus der menschewistischen Organisation lebt, beschloss ich, ihn aufzusuchen.

WYSCHINSKI: Wer ist das?

TSCHERNOW: Kibrik, mit dem ich bis 1925 korrespondierte, und der in Deutschland unter fremdem Namen lebt. Vor meiner Abreise nach Deutschland beschloss ich, in Moskau zu Rykow zu gehen.

WYSCHINSKI: Warum wandten Sie sich an Rykow?

TSCHERNOW: Weil ich mit ihm vereinbart hatte, dass wir unsere Handlungen als Mitglieder der Organisation der Rechten koordinieren werden, und außerdem wollte ich erfahren, ob er mir nicht irgendwelche Aufträge für Deutschland geben werde.

WYSCHINSKI: Aufträge für die... illegale Arbeit?

TSCHERNOW: Ich dachte daran nicht.

WYSCHINSKI: Auf welcher Linie bewegten sich die Aufträge?

TSCHERNOW: Vor der Unterredung mit Rykow wusste ich nicht, was für Aufträge es geben wird.

WYSCHINSKI: Sie dachten sich da wohl, nun fahre ich ins Ausland, was für Aufträge wird es da geben - legale oder illegale?

TSCHERNOW: Ich dachte daran nicht.

WYSCHINSKI: Ob es nicht irgendwelche Aufträge auf illegaler Linie gehen werde?

TSCHERNOW: Hinsichtlich der Organisation der Rechten.

WYSCHINSKI: Hinsichtlich der Organisation der Rechten.

TSCHERNOW: Ich rief Rykows Sekretär, es war wohl Nesterow, an, und sagte, dass ich ins Ausland fahre, und dass ich in Valutaangelegenheiten, in der Frage der Erhöhung der Valuta mit Rykow sprechen möchte. Ich rechnete darauf, dass Rykow mich verstehen und empfangen werde. Ich rief den Sekretär von neuem an, und tatsächlich wurde die Stunde für die Begegnung mit Rykow festgesetzt.
Bei dieser Begegnung informierte ich Rykow über die Lage im ukrainischen Dorf, darüber, wie dort die Getreidebeschaffung vor sich gehe, und teilte ihm mit, dass ich nach Deutschland fahre, ob er mir nicht irgendwelche Aufträge zu geben habe. Rykow, der mich als alten Menschewik kannte, stellte mir die Frage, ob ich bei meinem Aufenthalt in Deutschland nicht in der Lage sei, mit Dan zusammenzukommen, die Verbindung mit ihm herzustellen, und einen Auftrag im Namen des Zentrums der Rechten zu übermitteln. Ich antwortete Rykow, dass ich eine solche Möglichkeit habe und glaube, dass in dieser Beziehung mein Genosse aus der menschewistischen Arbeit, über den ich bereits sprach - es ist Kibrik - mir helfen könne. Darauf gab mir Rykow den Auftrag, die Verbindung mit Dan herzustellen und ihm einen Auftrag vom Zentrum der Rechten zu übermitteln.

WYSCHINSKI: Was für einen Auftrag?

TSCHERNOW: Ich vergaß zu sagen, dass bei dieser meiner Unterredung mit Rykow noch Tomski anwesend war. Die Aufträge bestanden im Folgenden: durch die Parteien der II. Internationale die öffentliche Meinung der kapitalistischen Länder gegen die Sowjetregierung aufzubringen, durch die Führer der II. Internationale bei den bürgerlichen Regierungen eine Verstärkung der feindseligen Stellung zur Sowjetunion zu erreichen, sich der Unterstützung der II. Internationale und durch ihre Führer auch die der bürgerlichen Regierungen im Falle der Machtergreifung durch die Rechten im Lande zu versichern. Ich sagte darauf Rykow, dass es nicht genügen werde, wenn ich Dan nur diese Aufträge übermittle, Dan werde unbedingt eine Reihe von Fragen über die Kräfte der Organisation der Rechten stellen, darüber, was die Organisation der Rechten nach dem Machtantritt tun werde. Darauf sagte Rykow: „Sie können Dan versichern, dass wir über genügend Kräfte im Lande verfügen, um die bei uns bestehende Macht zu stürzen und die Macht in unsere Hände zu nehmen.“ Dabei verwies er besonders darauf, dass wir über diese Kräfte unter anderem auch unter hervorragenden verantwortlichen Militärpersonen verfügen. Das zweite, worauf er hinwies, war, dass ich Dan erklären könne, die Rechten würden nach dem Machtantritt eine Regierung unter Berücksichtigung der Forderungen sowohl der II. Internationale als auch der bürgerlichen Regierungen einsetzen und würden auf eine Verständigung mit den bürgerlichen Regierungen sowohl in Fragen wirtschaftlicher Natur als auch, falls erforderlich, in Fragen territorialer Natur eingehen. Ich erinnere mich, als wenn es jetzt geschehen wäre, dass Tomski, der bei dieser Unterredung anwesend war, erklärte, dass die antisowjetischen Parteien formal nicht bestehen, faktisch aber arbeiten und für den Sturz der Sowjetmacht kämpfen. Wir - sagte er - müssen sie nicht nur ausnützen, sondern sie auch zur Verwaltung des Staates heranziehen.

WYSCHINSKI: Angeklagter Rykow, haben Sie sich vor der Abreise Tschernows nach Berlin mit Tschernow getroffen?

RYKOW: Ja.

WYSCHINSKI: Haben Sie mit Tschernow in Anwesenheit Tomskis oder unter vier Augen gesprochen?

RYKOW: In Anwesenheit Tomskis.

WYSCHINSKI: Haben Sie Tschernow den Auftrag erteilt, sich in Berlin mit Dan in Verbindung zu setzen?

RYKOW: Ja.

WYSCHINSKI: Zu welchem Zwecke?

RYKOW: Soweit ich mich erinnere, gab es zwei Zwecke. Erstens, die Lage im Dorfe, die Unzufriedenheit der Bauern in der Auslandspresse zu beleuchten.

WYSCHINSKI: In welcher Presse?

RYKOW: In der ausländischen Presse.

WYSCHINSKI: In welcher aber?

RYKOW: Ich habe weder die Parteien noch die Zeitungen aufgezählt, ich meinte sowohl die sozialistische als auch die bürgerliche Presse.

WYSCHINSKI: Auch die menschewistische?

RYKOW: Ja.

WYSCHINSKI: Vielleicht speziell den „Sozialistitscheski Westnik“.

RYKOW: Im Besonderen auch ihn.

WYSCHINSKI: Übrigens, haben Sie in dieser Periode nicht irgendwelche Korrespondenzen unmittelbar oder durch irgendjemanden dem „Sozialistitscheski Westnik“ geschickt?

RYKOW: Ich hatte Verbindung mit dem „Sozialistitscheski Westnik“ durch Nikolajewski.

WYSCHINSKI: Sie hatten Verbindung mit dem „Sozialistitscheski Westnik“? Sie waren also Korrespondent des „Sozialistitscheski Westnik“?

RYKOW: Ich gab Material.

WYSCHINSKI: Das ist eben Korrespondent.

RYKOW: Als Korrespondent gilt der, der schreibt.

WYSCHINSKI: Sie aber schrieben nicht, Sie gaben nur Material. Sie waren Mitkorrespondent.

RYKOW: Das ist eine Frage des Ausdrucks und des Stils.

WYSCHINSKI: Ja, was ist aber der Sinn? Sie hatten Verbindung mit dem „Sozialistitscheski Westnik“ und lieferten ihm verschiedene Materialien. Was für Materialien?

RYKOW: Diese Materialien betrafen hauptsächlich die gleiche Frage, von der Tschernow sprach, und zwar in der Periode 1928-1930 im Zusammenhange mit jenen durch die Kulaken bedingten Schwierigkeiten, die die Partei in jener Zeit überwand.

WYSCHINSKI: War dieses Material in tendenziöser Weise ausgesucht?

RYKOW: Natürlich.

WYSCHINSKI: Vielleicht trug es verleumderischen Charakter?

RYKOW: Tendenziös und verleumderisch, das eine schlagt sehr leicht in das andere um.

WYSCHINSKI: Ich frage eben, ob Ihr Material aus einem tendenziösen in ein verleumderisches umschlug?

RYKOW: Es ist da schwer, einen Unterschied zwischen diesen Begriffen festzulegen.

WYSCHINSKI: Mit einem Wort, das eine wie das andere.

RYKOW: In einer so akuten Frage wie dieser ist jede tendenziöse Einstellung Verleumdung.

WYSCHINSKI: Welche Stellung bekleideten Sie in jener Zeit?

RYKOW: Ich war in jener Zeit Vorsitzender des Rates der Volkskommissare der Union und der RSFSR.

WYSCHINSKI: Und gleichzeitig schickten Sie dem „Sozialistitscheski Westnik“ Material von verleumderischem Charakter. Habe ich Sie richtig verstanden?

RYKOW: Ganz richtig.

WYSCHINSKI: Eine lobenswerte Beschäftigung.

RYKOW: Wäre es eine lobenswerte Beschäftigung, so hätte ich nicht das Unglück, jetzt mit Ihnen zu sprechen.

WYSCHINSKI: Sehr richtig.

RYKOW: Nun über die zweite Aufgabe. Tschernow ist den Ereignissen sehr vorausgeeilt, da in diesen Falle die Frage der Machtergreifung, die bei uns stand und die auch ich stellte, nicht in das Jahr 1928, sondern auf Anfang 1930 fällt. Damals sagte ich das nicht und konnte es nicht sagen, denn ich sagte es nach zwei bis drei Jahren, zu jener Zeit aber stand die Frage nicht.

WYSCHINSKI: Dann gestatten Sie, festzustellen, was Sie in jener Zeit gesagt haben. Sie sprachen von zwei Zielen. Das erste Ziel ist die Informierung Dans über die innere Lage der UdSSR.

RYKOW: Ja, sich bemühen, durch Dan bestimmte tendenziöse Mitteilungen über die Lage im Dorf und über die Politik im Dorf zu geben.

WYSCHINSKI: Das ist die eine Aufgabe, und die andere?

RYKOW: Die zweite Aufgabe ist, Unterstützung von den Parteien der II. Internationale für unsere Positionen zu erhalten, die wir In dieser Frage einnehmen.

WYSCHINSKI: Entziffern Sie das bitte.

RYKOW: Unsere Position in den Jahren 1928-1929 war die folgende: Kampf hauptsächlich in legalen Formen, - ein Kampf, der in den Kundgebungen Bucharins, im Kampf gegen das Zentralkomitee, in der Ausnutzung der Gewerkschaftskongresse bestand, und wir hatten erst die erste Etappe der Schaffung einer illegalen Organisation, die zu entstehen begann, aber in unserem Kampf gegen das Zentralkomitee noch nicht ausschlaggebend war.

WYSCHINSKI: Das verstehe ich. Wenn Sie aber davon sprechen, dass Tschernow und Dan vor den Parteien der II. Internationale die Frage der Unterstützung Ihres Kampfes stellten, was meinen Sie damit? In welchen Formen äußerte sich dieser Kampf? Worin sollte die II. Internationale Sie unterstützen?

RYKOW: Es galt einen solchen Druck durch die gesellschaftliche Organisation der bürgerlichen Staaten auf das Zentralkomitee der KPdSU(B) zu erreichen, dass es seine Politik ändere. In der Periode von 1928 waren diese Möglichkeit und diese Hoffnungen für mich ebenso wie für die anderen Mitglieder der Organisation noch nicht aussichtslos.

WYSCHINSKI: Folglich standen vor Ihnen diese zwei Aufgaben, und auf diesem Gebiete erteilten Sie Tschernow einen Auftrag?

RYKOW: Ja, und er teilte mir dann unmittelbar oder durch eine dritte Person - genau kann ich mich jetzt nicht daran erinnern - mit, dass er diesen Auftrag erfüllt hat.

WYSCHINSKI: Wann wurde Ihnen das mitgeteilt?

RYKOW: Das war nach der Rückkehr Tschernows, nach etwa 3-4 Monaten.

WYSCHINSKI: Und hatten Sie im Jahre 1930 mit Tschernow eine besondere Unterredung, wo Sie die Frage des Sturzes der Sowjetmacht stellten?

RYKOW: Ich kann mich an eine solche Unterredung mit Tschernow nicht erinnern, es ist aber nicht ausgeschlossen, dass eine solche Unterredung stattgefunden hat.

WYSCHINSKI: Da Sie eine solche Aufgabe stellten, so ist diese Möglichkeit natürlich nicht ausgeschlossen. Angeklagter Tschernow, halten Sie für richtig, was der Angeklagte Rykow hier gesagt hat?

TSCHERNOW: Ich bestätige es, bin aber der Ansicht, dass Rykow die halbe Wahrheit sagt. Er verschweigt vor dem Gericht, dass er mir einen Auftrag an Dan gegeben hat, der dahin ging, dass man nicht nur über die Hilfe der der II. Internationale angehörenden sozialistischen Parteien selbst, sondern auch darüber sprechen soll, dass Dan durch die Führer der Il. Internationale bei den bürgerlichen Regierungen die Verschärfung der feindseligen Stellung zur Sowjetunion erreichen soll.

WYSCHINSKI: So haben Sie den Auftrag Rykows aufgefasst?

TSCHERNOW: Ja, so habe ich ihn aufgefasst, so war es auch.

WYSCHINSKI: Das eine ist vom andern nicht weit entfernt.

TSCHERNOW: Es ist nicht weit entfernt, ist aber die halbe Wahrheit.

WYSCHINSKI: Angeklagter Rykow, Sie bleiben bei Ihrer Aussage?'

RYKOW: Ja, ich bleibe dabei.

WYSCHINSKI: Also haben Sie in so scharfer Weise in jener Periode diese Weisung nicht gegeben?

RYKOW: Diese Frage entstand später.

WYSCHINSKI: Folglich behaupten Sie, Angeklagter Tschernow, dass die Hauptaufgabe und der Hauptauftrag, den Ihnen der Angeklagte Rykow gab, nicht so sehr in der Information als vielmehr in der Organisation der Hilfe von Seiten der der UdSSR feindlich gesinnten imperialistischen Staaten bestand, - Sie behaupten das?

TSCHERNOW: Ja, Ich behaupte es.

WYSCHINSKI: Haben Sie in der Folge mit Rykow über Themen ähnlicher Art gesprochen?

TSCHERNOW: Ja, ich habe es getan. Ich werde später darüber erzählen.

WYSCHINSKI: Erzählen Sie jetzt.

TSCHERNOW: Nach der Rückkehr aus dem Ausland traf ich mich mit Rykow und teilte ihm mit, wie ich den Auftrag, den er mir für Dan gab, ausführte.

WYSCHINSKI: Und haben Sie den Auftrag ausgeführt?

TSCHERNOW: Ich habe ihn ausgeführt. Ich traf mich mit Dan, teilte ihm den Auftrag vom Zentrum der Rechten mit und erhielt die Antwort nicht sofort, weil Dan sagte, er könne nicht sofort Antwort geben, sondern müsse sich mit den Führern der II. Internationale beraten. Nach einigen Tagen, bei der zweiten Zusammenkunft, erhielt ich von Dan eine positive Antwort auf alle diese Fragen.

WYSCHINSKI: Und Sie haben das Rykow mitgeteilt?

TSCHERNOW: Ja, ich habe das Rykow mitgeteilt.

WYSCHINSKI: Unter vier Augen?

TSCHERNOW: Ja.

WYSCHINSKI: Darf ich Rykow diesbezüglich fragen? Sie bestätigen das?

RYKOW: Ich sagte bereits, dass er nach seiner Rückkehr, ich kann mich nicht erinnern, ob persönlich oder durch eine dritte Person, mir mitteilte, dass er den Auftrag ausgeführt habe.

WYSCHINSKI: Fahren Sie fort, Angeklagter Tschernow.

TSCHERNOW: Ich habe noch vergessen zu sagen, dass ich bei der gleichen Begegnung nicht von Rykow, sondern von Tomski den Auftrag erhielt, aus meinen Bekannten, falls es solche unter den Mitarbeitern der Handelsvertretung und der Botschaft in Deutschland geben sollte, eine Organisation von Rechten zu schaffen, was ich nach meiner Ankunft in Deutschland, nachdem ich mit Janowitzki zusammengekommen war, ebenfalls ausführte. Von Janowitzki erfuhr ich, dass er Kibrik gefunden habe, sein Telefon und seine Adresse kenne, und dass ich mich dort mit ihm in Verbindung setzen könne. Nach der Ankunft in Berlin rief ich Kibrik an, und wir vereinbarten, dass wir uns im Bayrischen Saal des Restaurants „Vaterland“ treffen. Diese Zusammenkunft mit ihm erfolgte dann auch dort. Ich und Kibrik waren über unsere Zusammenkunft ziemlich erfreut, wie alte Bekannte. In der Unterredung mit ihm erzählte ich ihm wie einem alten guten Genossen von meinen, natürlich politischen Stimmungen, und warf unter anderem vor ihm die Frage auf, dass es für mich sehr notwendig sei, mit Dan zusammenzukommen, und sagte, für welche Zwecke ich das brauche. Kibrik sagte, dass er mir diese Zusammenkunft zustande bringen werde.

WYSCHINSKI: Ist die Zusammenkunft zustande gekommen?

TSCHERNOW: Ja, ich werde das alles sofort ausführlich erzählen. Wir vereinbarten, dass Kibrik mir die Zusammenkunft mit Dan in Königstein zustande bringen werde, wohin ich zur Kur fuhr, und die Zusammenkunft in Königstein fand statt. Kibrik kam zu mir, und wir gingen zusammen ins Hotel, wo Dan abgestiegen war. Da hatte ich eine Zusammenkunft mit Dan unter vier Augen, da Kibrik wegging. Ich erzählte Dan über die Lage in der Sowjetunion, schilderte in düsteren Farben die Lage der Landwirtschaft in der Ukraine und übergab Dan alle Aufträge, die ich vom Zentrum der Rechten, in der Person Rykows, erhalten hatte. Darauf antwortete mir Dan, dass er den Vorschlag des Zentrums der Rechten für durchaus annehmbar halte, „ich muss Ihnen aber“, sagte er, „eine besondere Frage stellen. Ich kenne Sie lange, wie schätzen Sie selbst die Kräfte der Organisation der Rechten ein?“ Ich antwortete ihm darauf, dass die Rechten über genügend Kräfte verfügen, um die Macht an sich zu reißen und sie zu behaupten, unter anderem wies ich auf das Bestehen genügender Verbindungen unter den Militärpersonen hin. Hierauf antwortete mir Dan, dass wir hier nicht Recht hätten. Selbst wenn die Rechten die Macht ergriffen, so könnten sie die Macht eine einigermaßen lange Zeit hindurch ohne die entsprechende Hilfe und vor allein ohne bewaffnete Kräfte von Seiten der kapitalistischen Staaten nicht behaupten. Außerdem meinte er, müssten wir unsere Arbeit so betreiben, dass die ökonomische und die politische Macht der Sowjetunion untergraben werde. Dabei kann ich mich, als wenn es jetzt geschehen wäre, an einen Ausdruck erinnern, der gebraucht wurde: „Ihr dürft“, sagte er, „vor keinem Mittel haltmachen; wer für den Sturz der Macht kämpft und vor dem einen oder anderen Mittel haltmacht, ist ein politischer Schwärmer, und man muss den kapitalistischen Staaten schon jetzt Hilfe in ihrem Kampfe gegen die Sowjetunion erweisen.“ Das ist das Resultat der Zusammenkunft mit Dan. Nach einigen Tagen erhielt ich von Kibrik eine Einladung, nach Berlin zu kommen. Ich kam hin. Diese zweite Zusammenkunft mit Dan fand in der Wohnung Kibriks statt. Dan sagte, dass er sich inzwischen mit den Führern der II. Internationale in Verbindung gesetzt habe, und er ersuchte mich, Rykow zu übermitteln, dass die Führer der II. Internationale die Vorschläge, die ich ihm im Namen des rechten Zentrums übergeben hatte, durchaus akzeptieren. Gleich darauf kam Dan wieder auf die Frage zurück, dass es ohne die Hilfe der bewaffneten Kräfte der kapitalistischen Regierungen nicht gelingen werde, die Macht der Rechten zu behaupten. Er betonte wieder, dass wir im Besonderen als Mitglieder der Organisation der Rechten, die gegen die Sowjetmacht kämpft, den kapitalistischen Staaten in Ihrem Kampf gegen die Sowjetmacht helfen müssen, da unsere Ziele übereinstimmen. Ich stellte die Frage: worin kann diese Hilfe bestehen? Dan gab hierauf keine direkte bestimmte Antwort und antwortete, dass die Hilfe verschiedenster Art sein kann; werde sich dazu eine Gelegenheit in unserem Leben bieten, so müssen wir diese Hilfe erweisen. Ich stellte Dan noch die Frage, wie die Verbindung zwischen dem Zentrum der Rechten und Dan für die Zukunft hergestellt werden soll. Darauf antwortete mir Dan, dass ich mich deswegen nicht zu beunruhigen brauche. Rykow werde Möglichkeiten für die Herstellung dieser Verbindung finden. Ich will aber, sagte er, dass Sie persönlich Verbindung mit mir durch Kibrik unterhalten. Das ist das Resultat dieser meiner Zusammenkunft mit Dan. Nach der Unterredung mit Dan, die, wie ich sagte, in der Wohnung Kibriks stattfand, fuhr Dan weg, und ich und Kibrik blieben zum Abendessen. Nach dem Abendessen sollte ich zum Bahnhof fahren. Beim Abendessen hatten wir viel getrunken. Kibrik, der vorschützte, stark beschäftigt zu sein, weshalb er mich nicht zum Bahnhof begleiten könne, brachte mich zum Autobus, und ich fuhr ab, um nach Königstein zurückzukehren.

WYSCHINSKI: Kamen Sie dann zum Bahnhof?

TSCHERNOW: Nein, ich kam nicht hin, ich kam ins Polizeipräsidium. Im Autobus, in dem ich fuhr, fingen einige Deutsche einen Streit mit mir an. Einer von ihnen versetzte mir einen Stoß, worauf ich ihm auch einen Stoß versetzte.

WYSCHINSKI: Fest?

TSCHERNOW: Nun, ich bin physisch nicht so stark, um fest zu stoßen; jedenfalls aber stieß ich ihn, soweit die Kräfte reichten.

WYSCHINSKI: Nun, und was ist passiert?

TSCHERNOW: Passiert ist, dass mich drei Deutsche fassten, den Autobus halten ließen, mich in eine Taxe brachten und zum Polizeipräsidium fuhren. Im Polizeipräsidium protestierte ich und forderte, dass man mich freilasse. Man sagte mir, ich müsse bis zum Morgen, bis zum Eintreffen des Chefs warten. Ich übernachtete dort. Am Morgen erschien irgendein Beamter, der gut russisch sprach, bei dem ich sofort protestierte. Er sagte, er müsse dem Chef Meldung erstatten. Nach einiger Zeit kam ein Mann, der sich Oberst Oberhaus nannte. Er zog ein Protokoll hervor, übersetzte es mir, ich wurde angeklagt, einige Deutsche verletzt zu haben, wofür ich als Kriminalverbrecher zur Verantwortung gezogen werden sollte. Außerdem sagte man, werde man eine Kopie dieses Protokolls an unsere Botschaft schicken. Hier machte er mir sofort das Angebot, Mitarbeiter der deutschen Geheimpolizei, des Deutschen Spionagedienstes zu werden. Ich lehnte ab. Da sagte Oberhaus, er wisse so manches über meine Angelegenheit in Deutschland. Ich fragte, was. Er antwortete: über Ihre Zusammenkünfte mit Dan, und zeigte mir einige Photoaufnahmen der Zusammenkünfte mit Dan, die sowohl in Königstein als auch in Berlin gemacht wurden, außerdem wiederholte er mir kurz den Inhalt der Unterredungen mit Dan.

WYSCHINSKI: Wessen Unterredungen?

TSCHERNOW: Meine Unterredungen mit Dan. Dabei war in dieser Darlegung klar, dass sie eine Wiederholung der Worte Dans waren. Da wurde es für mich absolut klar, dass diese Jagd auf mich, die in Deutschland vor sich ging, vom deutschen Spionagedienst unter Teilnahme Dans organisiert worden war und dass Dan selbst unbedingt ein Agent des deutschen Spionagedienstes ist, ebenso wie Kibrik.

WYSCHINSKI: Und entsprach das, was Ihnen in der Polizei vorgehalten wurde, der Wirklichkeit?

TSCHERNOW: Das Protokoll, es war tendenziös abgefasst. Einen Menschen verletzen konnte ich nicht.

WYSCHINSKI: Und in Bezug auf die Unterredung mit Dan?

TSCHERNOW: Das stimmte mit dem überein, worüber ich mit Drin tatsächlich gesprochen habe.

WYSCHINSKI: In wessen Anwesenheit hat Ihre Unterredung mit Dan stattgefunden?

TSCHERNOW: In Königstein war die Unterredung unter vier Augen. Kibrik brachte mich in Dans Zimmer und ging weg.

WYSCHINSKI: Der Polizeibeamte konnte also Ihre Unterredung nur von Ihnen oder von Dan erfahren haben?

TSCHERNOW: Ja.

WYSCHINSKI: Wenn Sie Ihre Unterredung nicht weitergeben konnten, so wusste der Polizeibeamte das von Dun, und wenn Dan das der Polizei mitgeteilt hat, so ist er also Mitarbeiter der Polizei.

TSCHERNOW: Ja, sonst hätte er es nicht mitgeteilt. Ich gab dort meine Zustimmung und wurde deutscher Spion.

WYSCHINSKI: Sie gingen also selbst in die Falle?

TSCHERNOW: Ja. Sodann begannen Formalitäten, Fragebogen, Unterschriften. Oberhaus informierte mich über die Arbeit, die ich in der Sowjetunion zugunsten Deutschlands leisten sollte. Als er die Erregung bemerkte, in der ich mich befand, sagte er, Sie brauchen sich nicht aufzuregen. Sie kämpfen gegen die Sowjetmacht, und wir kämpfen gegen die Sowjetmacht. Und sicherlich werden sogar die Methoden unseres Kampfes in der nächsten Zelt sich treffen.

WYSCHINSKI: Es hat Sie beruhigt?

TSCHERNOW: Es hat mich nicht beruhigt.

WYSCHINSKI: Aber er suchte Sie zu beruhigen.

TSCHERNOW: Die Aufträge, die Oberhaus erteilte, liefen darauf hinaus, dass ich dem deutschen Spionagedienst systematische Information über die Fragen liefern soll, die sie interessieren und die man mir durch die Vertreter des deutschen Spionagedienstes in Moskau mitteilen werde. Ich solle ferner Diversions- und Schädlingsarbeit in dem Abschnitt organisieren, in dem ich arbeite. Da ich zu jener Zeit in der Getreidebeschaffung arbeitete, sollte ich in erster Reihe hei der Getreidebeschaffung Schädlingsarbeit leisten.

WYSCHINSKI: Worin bestand Ihre Zusammenarbeit mit dem deutschen Spionagedienst?

TSCHERNOW: Oberhaus riet mir, um ein Hochfliegen zu vermeiden, die Verbindung mit den Rechten nicht sehr zu erweitern. sondern die Verbindung mit einer beschränkten Anzahl von Leuten aufrechtzuerhalten, und diese Verbindung zu verankern. Zugleich sagte mir Oberhaus, dass man mich eine Zeitlang in Moskau nicht belästigen werde, um mir so die Möglichkeit zu geben, meine Spionagearbeit in der Sowjetunion zu organisieren. Und in der Tat, anfänglich kam niemand zu mir. Es vergingen einige Monate, und ich hatte eine Zusammenkunft mit einem Vertreter des deutschen Spionagedienstes.

WYSCHINSKI: Wie ging das vor sich?

TSCHERNOW: Ich arbeitete damals - ich erinnere mich nicht, ob als Stellvertretender Volkskommissar oder als Mitglied des Kollegiums des Volkskommissariats für Handel. Ich wurde aus dem Informationsbüro des Volkskommissariats für Auswärtige Angelegenheiten angerufen, und man teilte mir mit, der Korrespondent der deutschen Zeitung „Berliner Tageblatt“, Paul Scheffer, habe mit mir über Informationsfragen zu sprechen. Ich solle ihm Informationsmaterial, das nicht geheim sei, zur Verfügung stellen. Wirklich erschien nach einiger Zeit Scheffer bei mir und sagte mir, er sei von Oberst Oberhaus gekommen, und nannte mir die Parole „Reinhold“; das war mein Deckname als deutscher Spion. Ich fragte Scheffer, was Oberst Oberhaus haben will. Damals verlangte er von mir Information über Fragen des innerparteilichen Lebens, über Fragen des Standes der Arbeit unter den Rechten und den Trotzkisten, über die Lage im Dorfe. Außerdem verlangte er spezielle Angaben über die Vorräte an Industriewaren. Besonders interessierte er sich für die Vorräte an Industriewaren in den Städten. Er verlangte Auskünfte über den Gang der Getreidebeschaffungen und über die Mobilisations-Getreidevorräte. Einen Teil der geforderten Auskünfte - die Information über die Lage in der Partei, über die Arbeit unter den Rechten - gab ich ihm an Ort und Stelle mündlich, die Auskünfte mit Zahlenmaterial übergab ich ihm nach einigen Tagen.
Darauf hatte ich eine Reihe periodischer Begegnungen mit Scheffer. Ich übergab ihm Informationen für den deutschen Spionagedienst und erhielt durch ihn vom deutschen Spionagedienst Weisungen für die Organisierung der Schädlingstätigkeit. Eine besonders lange Unterredung hatte ich mit Scheffer in der Frage der Organisierung der Schädlingstätigkeit auf dem Gebiete der Getreidebeschaffung und -versorgung. Die Hauptaufgabe, die der deutsche Spionagedienst mir damals stellte, bestand darin, die Unbrauchbarmachung des Getreides im Lande zu organisieren. Zu diesem Zwecke sollte der Bau von Lagerschuppen und Getreidespeichern aufgehalten werden, um ein Missverhältnis zwischen den steigenden Getreidebeschaffungen und dem Fassungsraum der Speicher zu schaffen und dadurch, wie Scheffer sagte, zwei Dinge zu erreichen: erstens die Unbrauchbarmachung des Getreides selbst und zweitens das Hervorrufen einer Erbitterung der Bauern, die unausbleiblich ist, sobald sie sehen werden, dass das Getreide zugrunde geht. Es wurde auch verlangt, eine durchgehende Infizierung der Getreidesspeicher mit Parasiten, insbesondere mit Milben, zu organisieren. Scheffer forderte mit besonderem Nachdruck die Organisierung der Infizierung der Mobilisationsvorräte mit Parasiten und Milben. Diese Aufträge, die ich von Scheffer erhielt, wurden von mir ausgeführt. Dann reiste Scheffer aus der Sowjetunion ab. Vor seiner Abreise teilte er mir mit, dass er mit Rücksicht auf die Gefahr eines Hochfliegens nach Deutschland fahren müsse, der deutsche Spionagedienst werde es aber nicht unterlassen, die Verbindung mit mir herzustellen.
Meine Verbindung mit Vertretern des deutschen Spionagedienstes wurde wieder aufgenommen, als ich meine Arbeit im Beschaffungskomitee antrat. Die Spionage- und Schädlingstätigkeit verstärkte sich besonders mit meiner Ernennung zum Volkskommissar für Landwirtschaft. Einige Monate nach meiner Ernennung zum Volkskommissar für Landwirtschaft der Union erschien bei mir im Volkskommissariat für Landwirtschaft ein gewisser Raiwid, mein Kollege aus der menschewistischen Organisation in Iwanowo, der lange Zeit hindurch im Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten gearbeitet hatte. Ich traf mich hin und wieder mit ihm, darum war ich nicht erstaunt, dass er mich im Volkskommissariat für Landwirtschaft aufsuchte. Als ich jedoch mit ihm Im Arbeitszimmer allein blieb, sagte er: „Ich muss mit Ihnen ernstlich sprechen, Reinhold.“ Damit war alles entziffert. Alles wurde klar. Es stellte sich heraus, dass Raiwid Resident des deutschen Spionagedienstes in der Sowjetunion war und von Oberhaus die Weisung erhalten hatte, die Verbindung mit mir herzustellen. Ich kam mit Raiwid mehrmals zusammen. Als ich meinen Posten im Volkskommissariat für Landwirtschaft antrat, waren unsere Zusammenkünfte dem Zweck gewidmet, ein ausführliches Programm der Schädlings- und Diversionstätigkeit auf dem Gebiete der Landwirtschaft in ihren wichtigsten Grundfragen, auszuarbeiten. Dieses Programm, das auf der Grundlage der Forderungen des deutschen Spionagedienstes ausgearbeitet war, umfasste die Schädlingstätigkeit auf dem Gebiete des Saatguts, des Fruchtwechsels, der Maschinen- und Traktorenstationen, der Viehzucht. Dabei stellte der deutsche Spionagedienst als besondere Bedingung die Organisierung der Schädlingsarbeit auf dem Gebiete der Pferdezucht, um, wie Raiwid sagte, der Roten Armee keine Pferde zu liefern. Was das Saatgut anbelangt, so nahmen wir unser Programm, das Durcheinanderbringen des Saatgutwesens und die Vermischung der Saatgutsorten auf, um dadurch den Ernteertrag im Lande zu verringern. Was den Fruchtwechsel anbelangt, so sollte die Kollektivbauernschaft durch falsche Planierung der Anbauflächen in eine Lage gebracht werden, In der die Kollektivbauern faktisch nicht imstande sein sollten, einen richtigen Fruchtwechsel durchzuführen, und gezwungen sein würden, Wiesen und Weiden für Aussaat zu verwenden; das sollte zu einer Verringerung der Ernte im Lande führen und gleichzeitig die Erbitterung der Bauern im Lande hervorrufen, die in keiner Weise begreifen können, warum man sie zwingt, Wiesen und Weiden aufzuackern, wo doch die Kollektivwirtschaften die Viehzucht entwickeln wollen und eine Futterbasis brauchen. Was die MTS anbelangt, so war hier die Aufgabe gestellt worden, Traktoren, Combines und landwirtschaftliche Maschinen außer Betrieb zu setzen, die Finanzwirtschaft der MTS durcheinander zu bringen, zu welchem Zwecke an die Spitze der MTS unfähige Menschen, Menschen, die sich schon etwas hatten zuschulden kommen lassen, und vor allem Mitglieder unserer rechten Organisation gestellt werden sollten.
Auf dem Gebiete der Viehzucht wurden die Aufgaben gestellt, die Zuchttiere abzuschlachten, ein massenhafteres Eingehen des Viehs anzustreben... Die Futterbasis sich nicht entwickeln zu lassen und zum Eingehen des Viehs besonders die künstliche Infizierung des Viehs mit Bakterien verschiedener Art anzuwenden.

WYSCHINSKI: Erzählen Sie ausführlicher vom Eingehen des Viehs, woher Sie Bakterien erhielten, welche Bakterien usw.

TSCHERNOW: Ich muss sagen, was ich auch Rykow bei meinen Zusammenkünften mit ihm 1935 erzählte. Ich sagte, dass ich die und die Diversionsakte vorbereitet habe, und erhielt die Billigung Rykows. Ich habe folgende Diversionsakte durchgeführt. Um das Eingehen des Viehs in Ostsibirien zu erreichen, wies ich den Leiter der Veterinär-Abteilung, Ginsburg, einen Teilnehmer an der Organisation der Rechten, und durch ihn den Leiter der Veterinär-Versorgung, ebenfalls einen Teilnehmer an der Organisation der Rechten, an, Ostsibirien mit Biopräparaten gegen Milzbrand nicht zu versorgen, da ich wusste, dass es in Ostsibirien mit dem Milzbrand sehr gefährlich stand. Diese Präparate wurden damals dorthin nicht geliefert. Diese Vorbereitung wurde im Jahre 1935 betrieben, und als im Frühjahr 1936 dort der Milzbrand ausbrach, stellte es sich heraus, dass die Präparate dorthin in der Tat nicht geliefert worden waren und dass dadurch, ich kann es nicht genau sagen, auf jeden Fall über 25000 Pferde zugrunde gingen.
Zweitens. Ich beauftragte Ginsburg und den Leiter der bakteriologischen Abteilung Bojarschinow, die Schweine im Lenin grader Gebiet mit Rotlauf und im Woronesher Gebiet und im Asow-Schwarzmeer-Gau mit Pest künstlich zu infizieren. Diese zwei Bakterien wählte ich, weil diese Impfung der Schweine nicht mit abgetöteten, sondern mit lebenden, nur abgeschwächten Mikroben vorgenommen wird. Deshalb war die technische Organisierung der künstlichen Infizierung ziemlich einfach. Erstens, weil es für diese zwei Krankheiten die richtige Bestimmung gibt, wonach im Falle von Pesterkrankungen in dem einen oder anderen Gebiet der gesamte Schweinebestand dieses Gebietes geimpft werden muss. Das bot die Möglichkeit, dieser Erkrankung sofort einen Massencharakter zu verleihen. Zu diesem Zwecke wurden auf meinen Vorschlag drei Fabriken bestimmt, die in Kaschinzew, Orel und Stawropol. Dort wurden Biopräparate mit virulenten Bakterien unter besonderen Seriennummern hergestellt. Die Nummern dieser Serien wurden Bojarschinow mitgeteilt, der sie jenen Leitern der tierärztlichen Verwaltung draußen im Lande mitteilte, auf die man sich in dieser Hinsicht verlassen konnte; diese wiederum teilten sie in den Rayons jenen Tierärzten mit, die antisowjetisch gesinnt waren und im Falle eines starken Eingehens des Viehs keinen großen Lärm schlagen würden.
... Diese Biopräparate wurden also versandt und in diesen drei Gebieten wurde die künstliche Impfung durchgeführt.
Es ist schwer, die Resultate abzuschätzen. Jedenfalls ist aber anzunehmen, dass durch diesen Diversionsakt Zehntausende von Schweinen zugrunde gingen.

WYSCHINSKI: Ist das alles?

TSCHERNOW: Was die Diversionsakte anbelangt, ist es alles. Was meine Verbindungen mit dem deutschen Spionagedienst anbelangt, so kann ich nichts hinzufügen und möchte wieder meine Aussagen über meine Verbindungen mit dem Zentrum der Rechten und mit Rykow fortsetzen.

WYSCHINSKI: Noch eine Frage in Verbindung mit dem deutschen Spionagedienst. Erhielten Sie irgendwelche Gelder vorn Spionagedienst?

TSCHERNOW: Ja. Ich habe das gänzlich außer acht gelassen.

WYSCHINSKI: Nun natürlich, das ist eine so unwesentliche Frage, Sie haben sie vergessen.

TSCHERNOW: Das ist natürlich eine nicht unwesentliche Frage, aber ich habe sie außer acht gelassen. Ich erhielt in Berlin 2000 Mark...

WYSCHINSKI: Und insgesamt wie viel?

TSCHERNOW: Ungefähr 30000 deutsche Mark und ungefähr 150000 Sowjetrubel. Einen bedeutenden Teil dieser Summen verbrauchte ich für meine persönlichen Zwecke, einen Teil aber für die Bestechung von Mitgliedern der rechten Organisation, die zu bestechen ich für notwendig hielt.

WYSCHINSKI: Somit wurde also ein Teil der erhaltenen Gelder für Bestechung, der größere Teil aber für die eigenen persönlichen Zwecke ausgenutzt?

TSCHERNOW: Vollkommen richtig.

WYSCHINSKI: Man kann also sagen, dass Sie nicht nur in das geschickt gespannte Netz des deutschen Spionagedienstes hineingeraten sind, sondern dass Sie sich auch bewusst für Geld an die Feinde verkauft haben?

TSCHERNOW: Vollkommen richtig.

WYSCHINSKI: Erzählen Sie über Ihre weiteren Verbindungen mit Rykow.

TSCHERNOW: Ich fahre fort in meinen Ausführungen über meine Verbindungen mit der Organisation der Rechten und mit Rykow. Außer jenen Begegnungen mit Rykow, die ich geschildert habe, hatte ich mit ihm folgende Begegnung im Dezember 1930. Ich wurde von ihm selbst gerufen. Die Begegnung fand in seiner Wohnung statt. Bei dieser Begegnung war die Stimmung Rykows und Tomskis, der bei dieser Begegnung ebenfalls anwesend war, sehr gehoben.
Diese Stimmung war von der Hoffnung getragen, dass in der nächsten Zeit Bauernaufstände unvermeidlich seien, die bei einer entsprechenden Führung seitens der rechten Organisation dazu verhelfen würden, zur Machtergreifung im Lande zu schreiten. Zugleich sagte Tomski unter anderem, dass jetzt das Zentrum der Rechten Maßnahmen getroffen habe, um einige prominente Posten für Vertreter der Organisation der Rechten zu erhalten. Wir brauchen das, sagten sie, sehr zur Durchführung der „Palastrevolution“ im Lande. Zugleich erhielt ich von Rykow die Weisung, die Schädlingsarbeit zu organisieren. Die Aufgabe, die mir Rykow dabei stellte, sollte darin bestehen, durch Ausdehnung der für die Kulaken festgesetzten Repressivmaßnahmen auf die mittelbäuerlichen Massen eine Erbitterung der Bauernschaft gegen die Politik der Partei und gegen die Sowjetmacht hervorzurufen und durch die Desorganisierung der Brotversorgung Unzufriedenheit unter der Arbeiterbevölkerung hervorzurufen.
Das nächste Mal traf ich Rykow wieder auf seine Einladung, ich glaube im Oktober, aber jedenfalls im Herbst 1932. Diese Begegnung fand zu jener Zeit statt, als im Dorfe eine starke Änderung eingetreten war. Die Kollektivierung erstarkte, das Kulakentum war zerschmettert, und das Dorf begann bereits die Ergebnisse der Industrialisierung des Landes real zu spüren. Obwohl Rykow äußerlich bestrebt war, sich als einen ruhigen Menschen zu zeigen, so konnte man dennoch bemerken, dass er über den Misserfolg jener politischen Prognosen, die er bis dahin aufgestellt hatte, verblüfft war, und in unserem Gespräch stellte er die Frage so, dass wir noch tiefer in die Illegalität gehen und uns hinsichtlich der Machtergreifung auf eine „Palastrevolution“ orientieren müssten. Ich sagte nun: von der „Palastrevolution“ haben Sie mit mir auch 1930 gesprochen. Worin besteht also der Unterschied zwischen der Einstellung von 1930 und der Einstellung von 1932. Er antwortete mir: der Unterschied besteht darin, dass dies 1930 eine der möglichen Varianten war, wahrend es gegenwärtig die ausschlaggebende und wichtigste Variante für die Machtergreifung ist. Wie er sagte, müssten wir durch eine „Palastrevolution“, d. h. durch die Verhaftung und Ermordung der Führer der Partei und der Regierung die Macht Im Lande an uns reißen.

WYSCHINSKI: Das ist bereits die zweite Begegnung nach 1930.

TSCHERNOW: Die erste Begegnung war 1930, und das war 1932.

WYSCHINSKI: Wann war die nächste Begegnung?

TSCHERNOW: Die nächste Begegnung war im Jahre 1934, einige Monate nach meiner Ernennung zum Volkskommissar für Landwirtschaft für die Union. Die Begegnung fand auf Einladung Rykows in seinem Landhaus statt. Bei dieser Begegnung waren wir unter vier Augen. Und der Inhalt dieser Begegnung bezog sich hauptsächlich auf Fragen der Organisierung meiner Arbeit als Mitglied der Organisation der Rechten im Zusammenhang mit meiner Ernennung zum Volkskommissar für Landwirtschaft der Union. Hier stellte mir Rykow eine Aufgabe, die darauf hinauslief, meine Arbeit so zu organisieren, dass ich auf eine Unterwühlung des kollektivwirtschaftlichen Systems hinarbeiten soll, und zu diesem Zwecke die Leitung der Kollektivwirtschaften so zu betreiben, dass der Kollektivbauer nicht an einer Beteiligung an der kollektivwirtschaftlichen Produktion interessiert sei. Zu diesem Zwecke sollte die Kollektivwirtschaft so geleitet werden, dass der Kollektivbauer, wie Rykow sagte, für die Arbeitseinheit nur Groschen bekomme. Konkret stellten wir den ganzen Plan für die Schädlingstätigkeit nicht auf, sondern vereinbarten, dass ich zusammen mit einer engen Gruppe von Mitgliedern der Organisation der Rechten im Volkskommissariat für Landwirtschaft einen konkreten Plan für die Schädlingsmaßnahmen auf denn Gebiete der Landwirtschaft ausarbeiten und mit seiner Durchführung beginnen werde.
Meine nächste und letzte Begegnung mit Rykow fand entweder Ende 1935 - ich erinnere mich nichtgenau - oder Anfang 1936 statt. Das war in der Periode, da die bekannten Kreml-Beratungen der Führer der Partei und der Mitglieder der Regierung mit den Besten der Landwirtschaft stattfanden. Bei dieser Begegnung liefen die Weisungen Rykows auf folgendes hinaus. Er sagte, dass wir nicht umhin könnten, jenes Wachstum und jene Festigung der Kollektivwirtschaften in Betracht zu ziehen, die im Lande vor sich gehen, sowie das Wachstum der neuen kollektivwirtschaftlichen Kader, die auf diesen Beratungen in Erscheinung getreten sind. Dies bedeute jedoch nicht, dass wir keine Kräfte im Dorfe hätten, die wir organisieren konnten. Und als solche Kräfte nannte er die Kulakenelemente, die Rückkehrer aus den Spezialsiedlungen und die antisowjetisch gesinnten Elemente unter der alten Dorfintelligenz: Agronomen, Ärzte, Zootechniker usw. Diese Kräfte mussten wir mit allen Mitteln mobilisieren und für unsere Sache ausnützen. Und er betonte besonders, dass es für die Möglichkeit der Ergreifung der Macht im Lande durch die Rechten nur zwei Wege gäbe. Die gewaltsame Entfernung der Führer der Partei und der Führer der Regierung, das heißt ihre Verhaftung, ihre Ermordung, oder beides zusammen. Er betonte besonders die Notwendigkeit einer Niederlage der Sowjetunion im Kriege mit den kapitalistischen Ländern im Falle eines Überfalls auf uns; im Lichte dieser Auffassungen wies er besonders auf die ganze Wichtigkeit der Organisierung der Schädlings- und Diversionstätigkeit hin und sagte, dass, da wir einmal die Niederlage der Sowjetunion zur Eroberung der Macht im Lande brauchen, wir diese Niederlage beschleunigen müssen, wie wir auch den Ausbruch des Krieges selbst durch die Schwächung der wirtschaftlichen und der Verteidigungsmacht der Sowjetunion beschleunigen müssen. Darauf lief unsere Unterredung im Jahre 1935 hinaus. Ich wiederhole, dass ich bei dieser Begegnung von den Diversionsakten, von denen ich sprach, besonders von der künstlichen Infizierung des Viehs, Rykow Mitteilung machte, ebenso wie ich ihn bei jeder Begegnung über die Schädlingstätigkeit informierte, die sowohl auf dem Gebiete der Getreidebeschaffungsarbeit im Komitee für Beschaffungen als auch im Bereich des Volkskommissariats für Landwirtschaft, auf dem Gebiete der Landwirtschaft von mir organisiert wurde.

WYSCHINSKI: Ist das alles? Sie hatten also im Jahre 1936 Ihre letzte Begegnung mit Rykow?

TSCHERNOW: Entweder Ende 1935 oder Anfang 1936. Ich muss hinzufügen: Da gerade sagte mir Rykow, dass er sich weiter mit mir nicht treffen könne, da er ein Hochfliegen befürchte, denn er wird sehr stark beobachtet, und er sagte, dass ich die Verbindung mit einem anderen Reservezentrum durch Ljubimow herstellen solle.

WYSCHINSKI: Ihre erste verschwörerische Zusammenkunft mit Rykow war also 1928 und die letzte 1936 oder Ende 1935.

TSCHERNOW: Stimmt.

WYSCHINSKI: Im Jahre 1928 treffen Sie sich also mit Rykow und sprechen mit ihm über Ihre Beteiligung am Kampf gegen die Sowjetmacht?

TSCHERNOW: Stimmt.

WYSCHINSKI: Sie erfüllen diesen Auftrag während der Reise ins Ausland hinsichtlich der Verbindung mit Dan?

TSCHERNOW: Ja.

WYSCHINSKI: Im Jahre 1929 treffen Sie sich mit ihm?

TSCHERNOW: Im Jahre 1929 für kurze Zeit zur Information.

WYSCHINSKI: Im Jahre 1931 haben Sie wieder eine Zusammenkunft mit ihm, und zwar ebenfalls auf dem gleichen Boden Ihrer gemeinsamen Verbrechen?

TSCHERNOW: Ja.

WYSCHINSKI: Im Jahre 1932 haben Sie wieder eine Zusammenkunft auf dem Boden Ihrer gleichen gemeinsamen Verbrechen.

TSCHERNOW: Ja.

WYSCHINSKI: Inn Jahre 1934 treffen Sie sich wieder mit ihm auf dem gleichen Boden verbrecherischer gemeinsamer Tätigkeit, und endlich Ende 1935 oder Anfang 1936 treffen Sie sich mit ihm ebenfalls auf dein gleichen gemeinsamen Boden der verbrecherischen Tätigkeit, und im weiteren brechen Sie aus konspirativen Erwägungen die Verbindung mit ihm ab.

TSCHERNOW: Ja.

WYSCHINSKI: Ihre Zusammenkünfte mit Rykow trugen den Charakter der Entgegennahme von Weisungen und Instruktionen Rykows in Bezug auf Ihre verbrecherische Tätigkeit? Stimmt das?

TSCHERNOW: Es stimmt.

WYSCHINSKI: War das nicht mit der offiziellen Stellung des Angeklagten Rykow verbunden?

TSCHERNOW: Absolut nicht.

WYSCHINSKI: Sie als ernannter Volkskommissar für Landwirtschaft der UdSSR begeben sich zu einem Menschen, der den Posten eines Volkskommissars für Post- und Fernmeldewesen einnimmt, und empfangen irgendwelche Weisungen. Die Verbindung war also ausschließlich verbrecherisch?

TSCHERNOW: Ausschließlich verbrecherisch.

WYSCHINSKI: Eine ausschließlich verbrecherische Verbindung auf dem Gebiete der Organisierung von Verbrechen gegen die Sowjetmacht und gegen die Partei. Gestatten Sie, den Angeklagten Rykow zu fragen. Angeklagter Rykow, sind Sie in Bezug auf die Einschätzung Ihrer Verbindungen mit Tschernow einverstanden?

RYKOW: Nach jener Begegnung, bei der er über die Zusammenkunft mit Dan informierte. An alles darauf folgende, was Tschernow hier ausgeführt hat, kann ich mich persönlich nicht erinnern, obwohl vieles von dem, was er sagt und ausführt, mit jener konterrevolutionären Einstellung und jener konterrevolutionären Arbeit übereinstimmte und übereinstimmt, mit der ich mich seinerzeit befasste, doch hinsichtlich der „Palastrevolution“ halte ich es nicht für möglich, dass ich Tschernow darüber hätte informieren können, denn das war für uns Konspiration höchsten Grades, und ich konnte darüber nur Leute informieren, die unmittelbar zu dieser Sache herangezogen werden sollten. Was aber die anderen Fragen anbelangt, die er berührt hat, so mache ich keine Einwendungen. Im Wesen der Sache aber werde ich, wenn die Reihe an mich kommt, über die Formulierungen sprechen, über die Tschernow sprach. Ich werde über die konterrevolutionäre und verräterische Arbeit sprechen, die ich betrieb.

WYSCHINSKI: Im Wesentlichen ist also das, was er sagt, richtig?

RYKOW: Ja. Aber von der letzten Begegnung weiß ich nichts.

TSCHERNOW: Wie konnte er, Alexej Iwanowitsch, diese drei Begegnungen vergessen?

WYSCHINSKI: Angeklagter Rykow, hatten Sie in jenem Zeitabschnitt von 1930 bis 1936 in Ihrer verbrecherischen Tätigkeit auch mit anderen Personen Zusammenkünfte?

RYKOW: Natürlich.

WYSCHINSKI: Zahlreiche Zusammenkünfte?

RYKOW: Natürlich.

WYSCHINSKI: Sie konnten also vergessen, mit wem und worüber Sie gesprochen haben?

RYKOW: Was aber Tschernow sagt, dass ich alles vergessen haben soll, fünf bis sechs Zusammenkünfte, das kann nicht sein.

WYSCHINSKI: Angeklagter Rykow, hatten Sie viele solcher Komplicen wie Tschernow?

RYKOW: Das war mein Fehler. Aber ich rechne ihn nicht zu den sehr bedeutenden. Er hat es fertig gebracht, auf dem Wege vom Restaurant zum Bahnhof in das Polizeipräsidium zu gelangen.

WYSCHINSKI: Hier ist, sagen wir, die Anklagebank. Hier sitzen nicht wenige Ihrer Mittäter. Ist Tschernow einer von ihnen?

RYKOW: Ja.

WYSCHINSKI: Und Sie, Angeklagter Tschernow, hatten Sie viele solche Führer wie Rykow?

TSCHERNOW: Außer Rykow und dem deutschen Spionagedienst niemand.

WYSCHINSKI: Ich habe keine Fragen mehr.

TSCHERNOW: Ich habe eine Frage an Rykow. Wieso können Sie das nicht erklären, Sie sind doch einer der wichtigsten Führer des Zentrums der Rechten, und ich bin Volkskommissar der Landwirtschaft.

WYSCHINSKI: Sie waren es.

TSCHERNOW: Ja, ich war es. Das heißt, ich führe die Landwirtschaft. Sie wissen, dass ich Mitglied Ihrer Organisation bin, und wie wäre es möglich gewesen, dass Sie, wenn Sie ein Mitglied Ihrer Organisation auf dem Posten der Landwirtschaft haben, ihn nicht zu sich rufen, um über die Frage der Ausnutzung meiner Stellung zum Zwecke der Organisation der Rechten zu verhandeln. Verzeihen Sie bitte die Grobheit: entweder waren Sie ein schlechter Führer der Organisation der Rechten, was ich Ihnen nicht glaube, oder Sie wollen nicht bekennen. Es will mir nicht in den Kopf, dass man das vergessen kann. Ich will nicht jagen, dass ich ein großer Mann war, dass man aber die Zusammenkunft mit dem Volkskommissar für Landwirtschaft über Fragen der Schädlingstätigkeit vergessen soll - das ist sehr schwer.

WYSCHINSKI: Angeklagter Tschernow, Sie erinnern sich gut an die Zusammenkünfte?

TSCHERNOW: Ich erinnere mich gut. Ich erinnere mich gut an einen Teil der Ausdrücke. Mit dem, was ich dem Gericht erzählt habe, ich wiederhole es, habe ich die ganze Wahrheit erzählt.

VORSITZENDER: Angeklagter Rykow, wünschen Sie auf die Frage Tschernows zu antworten?

RYKOW: Er hat allzu gut geantwortet. Vielleicht hätte ich so antworten müssen, wie er sagt. Mir Ist ein Fehler unterlaufen.

VORSITZENDER: Damit wird die heutige Sitzung geschlossen. Morgen wird die Sitzung um 11 Uhr fortgesetzt.

 

(Unterschrift)

Der Vorsitzende:
Vorsitzender des Militärkollegiums des
Obersten Gerichtshofes der UdSSR
Armee-Militärjurist W. Ulrich

Der Sekretär:
Militärjurist I. Ranges A. Batner

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