PROZESSBERICHT ÜBER DIE STRAFSACHE DES ANTISOWJETISCHEN
„BLOCKS DER RECHTEN UND TROTZKISTEN"

ABENDSITZUNG VOM 4. MÄRZ 1938

VERHÖR DES ANGEKLAGTEN RAKOWSKI

VORSITZENDER: Angeklagter Rakowski, bestätigen Sie die Aussagen, die Sie in der Voruntersuchung gemacht haben?

RAKOWSKI: Ich bestätige sie voll und ganz.

VORSITZENDER (zu Wyschinski): Haben Sie irgendwelche Fragen?

WYSCHINSKI: Ja. Angeklagter Rakowski, sagen Sie kurz, wessen Sie sich in vorliegender Sache schuldig bekennen.

RAKOWSKI: Erlauben Sie mir eine Vorbemerkung.

WYSCHINSKI: Wenn sie nicht sehr lang wird.

RAKOWSKI: Ganz kurz.

WYSCHINSKI: Bitte.

RAKOWSKI: Aus Prozessen, die früher durchgeführt wurden, und aus dem Prozess, den wir hier schon den dritten Tag mitmachen, kann man in Bezug auf mich, denke ich, die Schlussfolgerung ziehen, dass ich etwas abseits stand, obwohl selbstverständlich niemand voraussetzen wird, dass mein Name verschwiegen bliebe. Aber dies erwähne ich nicht, um irgendwelche Verantwortung von mir abzuschütteln, nein. Ich will einfach sagen, dass zusammen mit diesen Organisationen hier vor Ihnen ein des Hochverrats Schuldiger steht, der mit jenen durch gewisse Fäden verbunden war, - die einen liefen horizontal, die anderen vertikal, aber alle liefen bei Trotzki zusammen. Dies ist sozusagen der richtunggebende Ausgangspunkt bei all diesen Verschwörungen, in all diesen Verrätereien gegen die Sowjetunion, gegen die Führer der Regierung und der Partei. Das ist meine Vorbemerkung.
Meine verräterische Arbeit zerfällt in zwei Perioden. Zwischen diesen beiden Perioden lag meine Verbannung. Nur dieser Umstand verhinderte es, dass ich mit all diesen Zentren, die hier geschaffen wurden, nicht so enge Fühlung hatte. Insofern nach der Rückkehr aus der Verbannung meine verräterische Arbeit einen systematischeren Charakter trug, erlaube ich mir, eben mit der zweiten Periode zu beginnen, um dann zur ersten zurückzukehren.
Im Jahre 1932 erhielt ich die Erlaubnis, zur Kur an den See Schirlo zu fahren. Auf der Durchreise durch Nowosibirsk im Sommer habe ich Nikolai Iwanowitsch Muralow gesehen. Und hier, das war im Juli oder anfangs August, hatte ich ein Gespräch mit ihm. Er teilte mir mit, dass er außerordentlich wichtige Neuigkeiten habe, und dann sagte er mir, dass von Trotzki Anweisungen bezüglich des Übergangs zu neuen terroristischen Kampfmethoden eingetroffen seien. Als ich bat, dass er mir erkläre, worin sie bestünden, sagte er: in terroristischen Kampfmethoden. Trotzki wies darauf hin, dass nach der Zerschlagung der Opposition, nach der Abfuhr, die, sie in der Partei kund bei der Arbeiterklasse erhielt, nach jener Verwirrung und Zersetzung, die in ihren eigenen Reihen einsetzte, die alten Kampfmethoden schon nicht mehr zur Machtergreifung führen werden. Ich muss Ihnen erklären, nicht, um für mich irgendeinen Umstand zu schaffen, der meine Schuld mildert, sondern deshalb, weil diese der Wirklichkeit entspricht, - die Mitteilung Muralows hat auf mich einen erschütternden Eindruck gemacht und zur selben Zeit in mir eine heftige Reaktion hervorgerufen. Ich befand mich in der Verbannung, war einsam, beschäftigte mich mit allen möglichen theoretischen Überlegungen, um in Moskau, wo die leaders, die Leiter der trotzkistischen unterirdischen Opposition in der dicken Luft ihres Sektierertums mit der üblichen Verbitterung wohnten, zwischen dieser Atmosphäre um der, in der ich lebte, gab es selbstverständlich einen Unterschied. Dort verlief diese Evolution des Trotzkismus, die durchaus natürlich ist, im beschleunigten Tempo. Ich war nicht darauf vorbereitet, ich erklärte Muralow: ich bin entschieden gegen eine solche Taktik, die meiner ganzen Vergangenheit zuwiderläuft, allen Traditionen der Arbeiterbewegung nicht nur in Russland, sondern in der ganzen Welt. Ich bat ihn, an Trotzki zu schreiben, denn, obwohl er mir die Adresse Trotzkis gegeben hatte, konnte ich aus Barnaul, wo ich war, nicht schreiben, da mein Briefwechsel sich unter gewisser Kontrolle befand.
Das war im Juli oder August 1932. Anderthalb Jahre später, im Februar 1934, sandte ich ein Telegramm an das ZK der KPdSU(B), dass ich ideologisch und organisatorisch vollständig abrüste und bitte, mich wieder in die Partei aufzunehmen. Dieses Telegramm war unaufrichtig. Ich habe gelogen. Ich schickte mich an, absichtlich vor der Partei und dem Staate meine Verbindung mit der „Intelligence Service“ im Jahre 1924 zu verheimlichen und auch die Verbindung Trotzkis zur „Intelligence Service“ vom Jahre 1926 ab. Ich wollte mein Gespräch mit Muralow im Jahre 1932 und auch jenes Gespräch verheimlichen, das bei meiner Durchreise durch Nowosibirsk im Jahre 1934 stattfand, damals, als ich die Erlaubnis erhielt, nach Moskau zurückzukehren. Ich traf mich mit diesem Muralow auf der Straße, er sagte, - Sie kehren zurück in dem Moment, wo alle unsere Kampfgenossen zur aktiven unterirdischen Arbeit zurückgekehrt sind. Muralow war der Meinung, dass ich in der Verbannung bleiben solle, um dort durch meinen Aufenthalt die Reste der trotzkistischen Kader, die damals in der Verbannung waren, zu erhalten. Nachdem ich im Mai in Moskau ankam, begegnete ich Sosnowski. Sosnowski erklärte mir: die ehemaligen Leiter der alten trotzkistischen Opposition kehren erneut zur aktiven unterirdischen Arbeit zurück. Das ist eine Periode, die bald aufhört, die Periode gewisser Schwankungen. Ich schrieb an Trotzki und wies erneut auf das Unsinnige der von ihm empfohlenen Taktik hin, ich wies hin auf die Unbegründetheit der Positionen, da ich auf Grund der Eindrücke, die ich in Moskau und in meiner Verbannung sammelte, von den Verhältnissen ist Lande ein völlig anderes Bild gewonnen hatte, ein Bild, das den finsteren Prognosen der trotzkistischen Opposition völlig entgegengesetzt war.
In der zweiten Hälfte Juli 1934 erhielt ich einen Brief von Trotzki. Ich schrieb Trotzki nach Kopenhagen und erhielt von ihm die Antwort in der Weise, wie ich sie in meinem Briefe angegeben hatte.
In seiner Antwort bemühte sich Trotzki vor allem, den günstigen Eindruck, den ich vom sozialistischen Aufbau gewann, zu zerstreuen. Er schrieb, dass ich von der Mystik der statistischen Ziffern gefangen sei und den unter der Erdoberfläche vor sich gehenden Prozess außer acht lasse usw. Was die von ihm empfohlene Taktik betrifft, so begreife er selbstverständlich, schrieb er, dass ich nach meiner langen Verbannung, angesichts meines Alters, meiner Müdigkeit usw. nicht imstande bin, an der aktiven Arbeit der Opposition in vollem Umfange teilzunehmen. Er hat mich in dem Briefe, meine weitgehenden Verbindungen mit den politischen, hauptsächlich „linken“ Kreisen im Ausland auszunutzen. Ich verstand den Sinn dieser Hinweise folgendermaßen: man muss die kapitalistische Aggression gegen die Sowjetunion festigen und verstärken.
Das war ein Kompromiss, man kam mir sozusagen entgegen, in dem Sinne, dass man mir empfahl, die mir etwas näher liegenden Methoden anzuwenden, im Sinne der Ausnutzung meiner Bekanntschaften, meiner früheren Verbindungen. Auf diesen Vorschlag bin ich eingegangen. Ich werde hier keine psychologischen Erklärungen geben, weshalb und wie. Von diesem Moment ab stand ich bereits mit beiden Füßen auf der Position des Trotzkismus, ich spreche von der Position des Neotrotzkismus, wenn man sich so ausdrücken kann.
Im September 1934 wurde ich nach Tokio an der Spitze der sowjetischen Rotenkreuzdelegation zur Internationalen Konferenz der Rotenkreuzvereine geschickt, die im Oktober dort stattfinden sollte. Schon am zweiten Tag nach meiner Ankunft in Tokio traf ich im Gang des Gebäudes des japanischen Roten Kreuzes eine bedeutende Persönlichkeit der japanischen Öffentlichkeit. Ich kann sie nennen.

VORSITZENDER: Nein, nicht nötig.

RAKOWSKI: Gut, ich werde sie in der geschlossenen Sitzung nennen. Diese Person lud mich zum Tee ein. Ich machte mich mit ihr bekannt; sie bekleidete eine Stellung, die Beziehung zu meiner Mission hatte, ich spreche nicht von der oppositionellen Mission, sondern von der Regierungsmission. Ich nahm diese liebenswürdige Einladung an. Im Gespräch sagte die bezeichnete Person (Ich lasse hier verschiedene Komplimente, banale Phrasen, schmeichlerische Redensarten beiseite), dass die Interessen der politischen Strömung, der ich in der UdSSR angehöre, und die Interessen einer gewissen Regierung vollkommen übereinstimmen. Er persönlich begrüße meine Ankunft in Tokio, da sie ihm die Möglichkeit gäbe, über gewisse Fragen, die beide Seiten berühren, zu sprechen; insbesondere erklärte er, dass es für eine gewisse Regierung und für ihn selbst außerordentlich wertvoll sei, meine Einschätzung der innenpolitischen Lage in der Sowjetunion kennen zu lernen.
Ich muss sagen, dass ich auf dieses Gespräch nicht gefasst war. Ich war nicht darauf vorbereitet. Ich erklärte: ich gehöre nicht zu den leitenden Kreisen unseres Landes. Ich bekleide jetzt einen sehr bescheidenen Posten, eine bescheidene Stelle im Volkskommissariat für Gesundheitswesen und kann Ihnen leider in dieser Beziehung nicht nützlich sein. Ich wich einem weiteren Gespräch aus und ging weg.
Ich erzähle hier das Wesentliche. Ich übernehme natürlich keine Verantwortung für jedes einzelne Wort. Ich wollte den Ursprung der Motive für einen derartigen Vorschlag klären. Am selben Abend hatte ich ein Gespräch mit dem Botschafter Jurenew, den ich noch von 1926 her als Trotzkisten kannte, als wir zusammen den Sommer im Süden Frankreichs in Saint Jean de Lux verbrachten. Ich erzählte ihm von dem etwas sonderbaren Gespräch mit der bezeichneten Person. Ich gab ihm das Gespräch in etwas schärferer Form wieder, weil man gewöhnlich solche Sachen verzuckert darbietet, was einem nicht mal die Möglichkeit gibt, zu protestieren. Ich sagte Jurenew, dass es sich hier darum handle, mich als Spion, als Informator einer gewissen Regierung heranzuziehen.
Hier nimmt Jurenew einen Brief aus seiner Tasche und sagt mir: „Die Sache ist beschlossen, es hat keinen Sinn, zu schwanken.“ Er sagte sogar: „Die Würfel sind gefallen.“ Er zeigte mir einen Brief Pjatakows, den ich ihm selbst aus Moskau gebracht hatte. Der Brief gelangte unter solchen Umständen zu mir, dass ich von seinem Inhalt keine Kenntnis haben konnte.
Ich muss Ihnen erklären, dass ich, als ich in Moskau angekommen war, und mein Gesuch an die Partei abgegeben hatte, sofort zur Kur wegfuhr und dann, als ich zurückkam, zu arbeiten begann und zwei Monate später nach Tokio abreiste. In dieser Zeit hatte ich nur die Möglichkeit, Sosnowski zu sehen, war zweimal dienstlich im Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten, wo ich Krestinski sah und mit ihm einige Worte wechselte, ich werde davon später sprechen, aber im großen und ganzen war das eine Zeit, wo ich danach strebte, zur Partei zurückzukehren und überhaupt irgendwelchen Begegnungen mit bekannten Leuten der Opposition auswich.
Eines Tages, vor meiner Abreise, erhielt ich im Volkskommissariat für Gesundheitswesen durch einen Boten vom Volkskommissariat für Schwerindustrie einen Brief auf meinen Namen; im Kuvert befand sich ein zweites Kuvert, adressiert an Jurenew, und ein Zettel an mich. Der Zettel war von Pjatakow. In diesen Zettel beglückwünscht er mich zu meiner Rückkehr und bittet, dass ich den Brief Jurenew übergehe und Jurenew gegenüber darauf bestehe, dass er seine Bitte erfülle. Der Brief war in offener Schrift geschrieben. Inhaltlich betraf der Brief Methoden, die von Japan bei der Gewinnung von Buntmetall verwendet wurden; Pjatakow bat Jurenew, er möge ihm mitteilen, welche Methoden dort angewandt werden, und dass er ihm die in Japan über diese Frage vorhandene Literatur in englischer und deutscher Sprache schicken möchte. Doch als nach meinem Gespräch mit der im öffentlichen Leben bekannten Person, die ich erwähnte, Jurenew den Brief aus seiner Tasche zog, stand im Brief neben dem sichtbar geschriebenen Text ein anderer Text, der mit Geheimtinte geschrieben war. Jurenew las mir dann vor allem die Stellen vor, die mich betrafen. Pjatakow schrieb ihm: Rakowski hat außer seiner Krankheit noch einen anderen Grund vorsichtig zu sein, das ist sein Wunsch, in die Partei zurückzukehren; also muss man ihn in diesem Sinne schonen, aber doch nach Möglichkeit seinen Aufenthalt in Tokio ausnützen. Und weiter kam buchstäblich folgender Satz: „Wahrscheinlich wird eine gewisse Regierung selbst Schritte in dieser Richtung unternehmen.“ (Das heißt in der Richtung der Ausnutzung von Rakowski.) Weiter schrieb Pjatakow Jurenew wegen Bogomolow, des Sowjetbotschafters in China, und wies darauf hin, dass eine gewisse Regierung unzufrieden mit seiner politischen Linie sei, dass er mehr Großbritannien als der betreffenden Regierung helfe.
Weiter wurde darauf hingewiesen, dass Jurenew nach Möglichkeit den Tokioter Aufenthalt Sabanins, des Chefs der juristischen Abteilung des Volkskommissariats für Auswärtige Angelegenheiten, ausnutzen sollte. Schließlich sagte Jurenew, indem er den Brief las: „Aber das hier werde ich schwer tun können.“ Dort wurde er auf die Notwendigkeit hingewiesen, die bekannten Verhandlungen über den Verkauf der Ostchinabahn auszunutzen, so dass man daraus irgendetwas zugunsten der Trotzkisten herausschlagen könnte.
Ich habe Ihnen hier ungefähr den Inhalt des Briefes von Pjatakow an Jurenew erzählt. Jurenew war mit der trotzkistischen illegalen Arbeit in Moskau, mit Pjatakow verbunden.
Am zweiten oder dritten Tag nach meinem Gespräch mit Jurenew, nach einem Festessen, zu dem alle Delegierten der Rotenkreuzkonferenz eingeladen waren, kam eine bei diesem Essen anwesende Person zu mir, die erklärte, dass eine gewisse hoch stehende Persönlichkeit wünsche, mit mir bekannt zu werden.
Die offizielle Persönlichkeit erklärte, dass sie höchst erfreut über die Bekanntschaft sei usw. Und dann erklärte sie, dass unsere Interessen mit den Interessen des gewissen Staates übereinstimmen, dass zwischen den Trotzkisten in der UdSSR und den Vertretern des gewissen Staates eine Vereinbarung getroffen sei, aber wir die genauen Bedingungen dieser Vereinbarung noch nicht kennen.
Die angesehene Persönlichkeit, die mit mir sprach, tat es, wie ich erfuhr, im Auftrag einer hoch stehenden Persönlichkeit. Darauf hatte ich noch zwei Begegnungen mit der angesehenen Persönlichkeit...

VORSITZENDER: Ich bitte um Verzeihung, Angeklagter Rakowski, da es jetzt 10 Uhr ist, und Ihre Aussage nicht weniger als noch eine Stunde dauern wird, werden Sie sie morgen abschließen.
Ich erkläre eine Unterbrechung bis 11 Uhr morgens.

 

(Unterschrift)

Der Vorsitzende:
Vorsitzender des Militärkollegiums des
Obersten Gerichtshofes der UdSSR
Armee-Militärjurist W. Ulrich

Der Sekretär:
Militärjurist I. Ranges A. Batner

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