PROZESSBERICHT ÜBER DIE STRAFSACHE DES ANTISOWJETISCHEN
„BLOCKS DER RECHTEN UND TROTZKISTEN"

VORMITTAGSSITZUNG VOM 5 MÄRZ 1938

FORTSETZUNG DES VERHÖRS DES ANGEKLAGTEN RAKOWSKI

GERICHTSKOMMANDANT: Das Gericht erscheint, bitte sich von den Plätzen zu erheben.

VORSITZENDER: Bitte sich zu setzen. Die Sitzung wird fortgesetzt. Angeklagter Rakowski, Sie haben das Wort zur Beendigung Ihrer Aussagen.

RAKOWSKI: Gestern beendigte ich meine Aussagen mit der Tatsache, dass ich nach meinem Gespräch mit der hochgestellten, der japanischen Regierung nahe stehenden Persönlichkeit drei Unterredungen mit jener angesehenen Persönlichkeit hatte, die die große gesellschaftliche Organisation in Japan, von der ich spreche, leitete.
Bei der zweiten und dritten Begegnung mit der angesehenen Persönlichkeit, die an der Spitze einer bedeutenden gesellschaftlichen Organisation in Japan steht, legten wir den Charakter der Informationen fest, die ich denn japanischen Spionagedienst in Moskau zu übermitteln versprach, sowie auch die Technik der Übermittlung. Bereits in Tokio zog ich zu dieser Sache Dr. Naida heran, den Sekretär der Rotenkreuzdelegation, dessen Zugehörigkeit zur illegalen konterrevolutionären terroristischen Organisation mir bereits bekannt war. Ich schickte Dr. Naida mit meiner Visitenkarte zu der erwähnten angesehenen Persönlichkeit, und er besprach sich mit ihr, auf welche Weise und mit wein sich Dr. Naida treffen soll; er spielte denn auch die Rolle des Verbindungsagenten zwischen mir und dem japanischen Spionagedienst. In Tokio hatte ich auch noch eine Begegnung mit einer dritten Person. All diese internationalen Konferenzen sind, wie Sie wahrscheinlich wissen, von allen möglichen Empfängen, Diners, Theatervorstellungen, Zusammenkünften begleitet, die gewöhnlich den Rahmen für sehr ernste, vollkommen gesetzliche, aber oft auch ungesetzliche Unterredungen abgeben. Ich spreche vom Standpunkt aller möglichen Anwerbungen.
Ich wurde dieser dritten Person von der zweiten hochgestellten Persönlichkeit vorgestellt. Er bat mich, nach dun Abendessen mit ihm zusammen Kaffeetrinken zu gehen, und als wir uns an einen Tisch gesetzt hatten, begannen wir uns zu unterhalten, ich werde nicht das ganze Gespräch wiedergeben, das ist auch nicht nötig; Ich werde das Wesentliche sagen. Er begann die Unterredung mit mir, indem er mir erklärte: „Es ist uns bekannt, dass Sie der nächste Freund und Gesinnungsgenosse des Herrn Trotzki sind. Ich muss Sie bitten, ihm zu schreiben, dass eine gewisse Regierung mit seinen Artikeln über die chinesische Frage und auch mit der Haltung der chinesischen Trotzkisten unzufrieden ist. Wir haben das Recht, von Herrn Trotzki eine andere Linie in seiner Haltung zu erwarten. Herr Trotzki muss selbst begreifen, was für die gewisse Regierung notwendig ist. Ich brauche mich nicht in Einzelheiten zu ergehen, es ist aber klar, dass die Herbeiführung eines Zwischenfalls in China ein erwünschter Anlass zu einer Einmischung in die chinesischen Angelegenheiten wäre.“ Über all dies schrieb ich Trotzki, über meine Verhandlungen in Tokio, über meine Gespräche mit Jurenew, über meine Begegnungen und selbstverständlich über das letztgenannte Angebot. Von allen meinen Unterredungen informierte ich auch Jurenew. In der letzten Woche bekam ich eine Venenentzündung am rechten Bein und blieb in der Botschaft. Ich spreche deswegen davon, weil es mir und Jurenew die Möglichkeit gab, uns häufig zu sehen. Er kam zu mir, und um diese Zeit waren die anderen Mitglieder der Delegation natürlich nicht anwesend, er kam zu mir, und wir sprachen von unseren gemeinsamen trotzkistischen Angelegenheiten. Ein Umstand machte Jurenew heftige Bedenken. „Wir“, sagte er, „befinden uns auf einmal in einer solchen Zwickmühle, dass man manchmal nicht weiß, wie man sich benehmen soll. Man hat Angst, wie man den einen unserer Kontrahenten befriedigen soll, ohne den anderen zu beleidigen. Jetzt z. B. entsteht ein Gegensatz zwischen England und Japan in der chinesischen Frage, aber wir müssen sowohl mit dem englischen wie mit dem japanischen Spionagedienst Verbindung haben...“

WYSCHINSKI: Wer ist das, wir?

RAKOWSKI: Die Trotzkisten. „Das Moskauer Zentrum, in diesem Falle Pjatakow, beklagt sich, dass Bogomolow zu den Engländern hält. Und ich soll mich in all dem zurechtfinden...“ Ich sagte ihm: Sie übertreiben die Schwierigkeit Ihrer Lage. Wovon muss man ausgehen? Wir Trotzkisten müssen im gegenwärtigen Augenblick mit drei Karten spielen: mit der deutschen, der japanischen und der englischen. Die deutsche Karte war für mich mindestens damals nicht genügend klar. Persönlich war ich der Meinung, dass es nicht ausgeschlossen sei, dass Hitler eine Annäherung an die Regierung der UdSSR suchen werde. Ich berief mich auf die Politik Richelieus: bei sich rottete er die Protestanten aus, aber in seiner auswärtigen Politik schloss er mit den protestantischen deutschen Fürsten Bündnisse. Die Beziehungen zwischen Deutschland und Polen waren damals. erst im Stadium des Entstehens. Japan aber war der aktuelle Aggressor gegen die UdSSR. Die japanische Karte war für uns Trotzkisten äußerst wichtig, aber anderseits darf man die Bedeutung Japans als unseres Bundesgenossen gegen die Sowjetregierung nicht überschätzen. Sogar wenn die japanische Aggression imstande sein wird, auf das Territorium der UdSSR vor zu dringen, wird sie im weiten Raum und in der Taiga untergehen. Was aber Großbritannien anbelangt, so ist da die Sache ernster. Großbritannien befindet sich im gegebenen Moment im Gegensatz zu Japan. Ich erzähle von unseren internen Unterredungen, die zeigen sollen, warum wir die eine oder andere Linie befolgen. Im gegenwärtigen Moment befinden wir uns im Gegensatz zu Japan, aber man darf nicht vergessen, dass England die Koalition gegen die Französische Revolution geführt und 25 Jahre lang gekämpft hat.

VORSITZENDER: Schweifen Sie weniger in das Gebiet der Vergangenheit ab und sprechen Sie mehr über die trotzkistische Organisation.

RAKOWSKI: Die Schlussfolgerung war also, dass man die Verbindung mit dem englischen Spionagedienst aufrechterhalten müsse, aber im gegebenen Augenblick die Aufmerksamkeit auf den japanischen Spionagedienst lenken solle.

WYSCHINSKI: Ich habe Sie nicht ganz verstanden. Sie sagen: man muss die Verbindung mit dem englischen Spionagedienst aufrechterhalten, die Aufmerksamkeit aber auf den japanischen Spionagedienst richten.

RAKOWSKI: Die Hauptaufmerksamkeit.

WYSCHINSKI: Das heißt, man muss sowohl dem japanischen wie auch dem englischen Spionagedienst und als Draufgabe auch noch dem deutschen Spionagedienst dienen?

RAKOWSKI: Dem letzteren, meiner damaligen persönlichen Meinung gemäß, in der Perspektive.

WYSCHINSKI: Aus den Aussagen Krestinskis haben Sie ersehen, dass dies durchaus nicht nur eine Perspektive war. Mit welchen Spionagediensten waren Sie persönlich verbunden?

RAKOWSKI: Mit dem englischen und japanischen.

WYSCHINSKI: Und Krestinski? Angeklagter Krestinski, mit welchem Spionagedienst waren Sie verbunden?

KRESTINSKI: Mit dem deutschen.

WYSCHINSKI: In der Perspektive oder wirklich?

KRESTINSKI: In Wirklichkeit.

WYSCHINSKI: In Wirklichkeit? Fahren Sie bitte fort.

RAKOWSKI: Ich kehrte aus Tokio mit denn Mandat eines japanischen Spions in der Tasche zurück Es fällt mir bei meiner jetzigen Stimmung nicht schwer, dies offen zu sagen und das was ich früher vor meinem eigenen Gewissen nicht eingestehen wollte, offen vor dem Gericht zu bekennen. Schnell, im Verlaufe einiger Monate, kann man sagen, machte ich die Entwicklung des Trotzkismus durch, die die anderen Trotzkisten im Verlaufe einiger Jahre durchgemacht hatten. Ich sage einige Monate, weil ich bis dahin außerhalb der Verbindungen, außerhalb der aktiven Tätigkeit gestanden hatte. Der Trotzkismus machte die Periode des passiven Defätismus durch, indem er jeden Fehlschlag, jedes Misslingen des Parteiaufbaus und jeden Misserfolg der Sowjetregierung beim sozialistischen Aufbau mit Schadenfreude begrüßte. In jener Periode hatte auch ich schon eine gewisse Fühlung mit dem einen oder anderen Spionagedienst. Davon werde ich sprechen, wenn ich über meine Verbindung mit dem englischen Spionagedienst reden werde. Aber dies trug, wie ich schon gestern sagte, einen episodischen Charakter. In der zweiten Periode aber, in der Periode des aktiven Defätismus, in der Periode, wo man nicht auf Fehlschlag oder Niederlage, auf Fehlschläge in der inneren Arbeit wartet, sondern beginnt, die Fehlschläge durch Schädlingstätigkeit nach einem systematisch durchgeführten Programm hervorzurufen, wo man nicht zufällige, von außen kommende Vorschläge abwartet, sondern die Verbindung zu suchen beginnt, - wird die Spionage zum System. Und diese Entwicklung des Trotzkismus, vom passiven Defätismus zum aktiven Defätismus, habe ich während des Jahres 1934 durchgemacht. Früher gab sich der Trotzkismus für eine bestimmte ideologische Strömung aus, jetzt hatte er sich in meinen Augen vollständig entblößt. 1934 sah ich bereits, dass alle theoretischen und ideologischen Voraussetzungen, dass all das in die Vergangenheit entschwunden war, dass all das ohne jede Bedeutung war, darunter auch die berüchtigte scholastische Theorie von der Unmöglichkeit des Aufbaus des Sozialismus in einem Lande. Nun werden wir zu einer Schule der Spionage, der Schädlingstätigkeit, des Landesverrats, des Terrors. Wir sind die Avantgarde der ausländischen Aggression, des internationalen Faschismus, und nicht nur in der UdSSR, sondern in Spanien, in China, in der ganzen Welt. Es versteht sich, dass dabei eine gewisse innere Übereinstimmung auch im Ganzen auch mit unserer Vergangenheit war. Niemand, denke ich, wird zwischen uns und den Faschisten ein Gleichheitszeichen setzen. Das wäre eine Entstellung des ganzen Bildes und würde der Wahrheit und dem Kampf gegen die Trotzkisten schaden. Hier waren andere weitergehende Berechnungen. Die ganze Politik war eine Politik des Abenteurertums, der Abenteuer, aber ich sagte mir (auch im Gespräch mit Jurenew verhehlte ich es nicht). ich werde Trotzki schreiben, dass das, was wir machen, alles in allem Vabanquepolitik ist. Aber wenn das Abenteuer gelingt, werden die Abenteurer große Staatsmänner genannt. Worauf rechneten wir? Ich kehre zu den Gesprächen mit Jurenew zurück, weil ich der Meinung bin, dass sie charakteristisch sind.
Man nehme die japanische Aggression. Sie kann im Innern eine ungeheure Unzufriedenheit hervorrufen, und dann treten wir, schon als Freunde, verbunden durch die Bande der Zusammenarbeit, in der Rolle von Rettern des Vaterlandes auf. Dann wird man schon das Programm bezüglich des fernöstlichen Küstengebiets (Primorje), des Amurgebietes usw. in Anwendung bringen.
Nach meiner Ankunft in Moskau war ich noch bis zum 15. Januar 1935 krank. Übrigens haben mich der hier anwesende Professor Pletnjow und andere Ärzte behandelt. Kasakow machte mir Lysaten-Einspritzungen.
Zu dieser Zeit kam Sosnowski, um mich zu besuchen. Ja, ich habe vergessen, die wichtige Einzelheit mitzuteilen, dass Jurenew auf die gleiche Weise wie ich eine Antwort an Pjatakow geschickt hatte, der natürlich die Spionageverbindungen und die Spionagearbeit betraf. Geschrieben war er mit Geheimtinte. Ich informierte Sosnowski über alle meine Unterredungen in Japan und übergab ihm den mit Geheimtinte geschriebenen Brief Jurenews an Pjatakow. Im Laufe des Jahres 1935 und in der ersten Hälfte des Jahres 1936, das heißt vor dem Prozess gegen Kamenew und Sinowjew, übergab ich dem japanischen Spionagedienst durch Naida fünf Mitteilungen. Ich werde nicht von den Problemen dieser Analysen sprechen, das Wesentliche liegt nicht in den Problemen. Die Hauptsache war, dass ich Mitteilungen über den Einfluss der Abschaffung des Kartensystems auf das Niveau des Arbeitslohns, über den Zustand der Kollektivwirtschaften, über die Erfüllung des Industrie- und Finanzplans machte. Die Darstellung und die Schlussfolgerungen waren absichtlich stark pessimistisch gehalten, in stark aufgetragenen düsteren Farben. Ich tat dies, um den Appetit der Aggressoren zu reizen.
Anfang 1935 erhielt ich von Trotzki einen zweiten Brief. Er kehrte zu seinem Thema zurück, das er in dem ersten Brief dargelegt hatte, und gab Direktiven über die Notwendigkeit, Stalin zu isolieren, die Sowjetunion in internationaler Beziehung zu isolieren. Er entwickelte hier schon eine konkretere Argumentation, die ich in meiner Arbeit für die internationale Isolierung der Sowjetunion anwenden sollte.
Natürlich handelte es sich vor allem um die linken Elemente im Ausland. Man müsse auf ihre pazifistischen Gefühle spekulieren. Man müsse die Sache so darstellen, dass die UdSSR die Ursache eines Krieges werden könne. Wenn ich mit den englischen Labouristen sprechen werde, so müsse ich davon ausgehen, dass die englischen Elemente die Wiederherstellung der allgemeinen Wehrpflicht fürchten, was im Falle eines Krieges unausbleiblich wäre. Was jedoch die rechten Elemente im Ausland anbelangt, so war die Sache einfacher, ihre Stimmung gegen die UdSSR war genügend offensichtlich und bestimmt. Mit ihnen könne man offen sprechen. Was die demokratischen Elemente anbelangt, so müsse man bei ihnen nicht einen Frontalvorstoß vornehmen, sondern eine Umgehungsbewegung. Und die Gelegenheit kam, wo ich diese Direktive Trotzkis in Anwendung bringen konnte. Das war während des Besuches des französischen Ministerpräsidenten Laval. Unter den Journalisten, die zusammen mit Laval aus Frankreich kamen, befand sich Emile Buret, einer meiner alten Freunde aus Frankreich, der in das Lager der rechten Republikaner übergegangen und Direktor einer der größten und angesehensten französischen Zeitung „L’Ordre“ geworden war. Ich suchte ihn im Hotel Metropol auf, da ich mir die Aufgabe gestellt hatte, ihn zu überzeugen, dass die Annäherung zwischen Frankreich und der Sowjetunion voll Gefahren sei, dass sie zu einem neuen Präventivkrieg von Seiten Deutschlands führen könne. Ich erklärte ihm, dass dies nicht nur meine Meinung sei, da ich ja die Stimmungen der ganzen Opposition, ihre defätistischen Stimmungen kannte.

WYSCHINSKI: Welcher Opposition? Wann war das?

RAKOWSKI: Das war Mitte 1935, als Laval nach Moskau kam.

WYSCHINSKI: Von welcher Opposition sprechen Sie denn?

RAKOWSKI: Ich spreche sowohl von den Rechten wie auch von den Trotzkisten.

WYSCHINSKI: Was ist denn das für eine Opposition? Das ist doch eine Banditengruppe von Konterrevolutionären.

RAKOWSKI: Bürger Staatsanwalt, Sie entschuldigen mich, diese Bezeichnung ist lange...

WYSCHINSKI: Sie erlauben sich in Ihren heutigen Erklärungen überhaupt eine ganze Reihe von solchen Ausdrücken, als hätten Sie vergessen, dass es sich um Sie als um ein Mitglied einer konterrevolutionären Spionage- und Diversionsorganisation von Banditen und Verrätern handelt. Ich halte mich bei Ihrem Verhör für verpflichtet, Sie daran zu erinnern und Sie zu ersuchen, sich enger an das Wesen der von Ihnen begangenen verräterischen Verbrechen zu halten, ohne zu philosophieren und von Dingen zu sprechen, die hier ganz und gar nicht am Platze sind.

RAKOWSKI: Buret antwortete mir: Frankreich kann angesichts der zunehmenden Militarisierung Deutschlands nicht isoliert bleiben. Dem Aggressor muss man eine Zwangsjacke anlegen, das ist das einzige Mittel, um den Krieg zu unterdrücken. über diese Antwort schrieb ich Trotzki. Ich wiederhole, dies war im Sommer 1935, als Laval in Moskau war.
Anfang Januar 1936 telefonierte mir Pjatakow aus dem Volkskommissariat für Schwerindustrie und sagte mir in französischer Sprache den kurzen Satz: „Unser Freund ist nicht zufrieden mit dir, du bist nicht. Aktiv.“ Ich legte den Hörer auf, da ich derartige Gespräche durchs Telefon als absolut unangebracht betrachtete.
Nach einiger Zeit traf ich mich mit Radek, und er erzählte mir von der Reise Pjatakows nach Oslo. Unsere Begegnung fand Anfang Juli während eines Empfangs zu Ehren der internationalen Kommission des Völkerbundes für Hygiene statt. Radek informierte mich über die Unterhandlungen zwischen den Deutschen und Trotzki und bat mich um meine Unterstützung. Er war der Meinung, dass es notwendig sei, Trotzki in Moskau zu unterstützen, das heißt bei den Vertretern der deutschen Spionage in Moskau. Ich machte diesbezüglich einige kritische Bemerkungen, doch ist nicht dies wesentlich. Wichtig ist, dass ich gemeinsam mit dieser Delegation nach dem Süden reiste und mit Radek vereinbarte, dass ich nach meiner Rückkehr aus dem Süden zu ihm aufs Land fahren werde, wobei mir Radek die Adresse seines Landhauses in Chimki gab.
Unmittelbar nach meiner Rückkehr aus dem Süden (das war Ende Juli) begann der Prozess gegen Kamenew und Sinowjew, und ich sah Radek nicht mehr.
Jetzt kehre ich zu meiner verräterischen Tätigkeit vor der Verbannung zurück und beginne mit den Aussagen darüber, wie ich Agent der „Intelligence Service“ wurde.
Das geschah Ende 1924. Nach dem Sturz der Regierung MacDonald erschienen bei mir in der Botschaft in London zwei Engländer, Armstrong und Leckart, die mir persönlich bekannt waren.

WYSCHINSKI: Was waren das für Leute?

RAKOWSKI: Armstrong ist ein früherer Seeoffizier, Leckart und Armstrong gehörten zur Umgebung des bekannten englischen Großkapitalisten Lord Inverforth, des ehemaligen Ministers in der Regierung Lloyd Georges. Mit Armstrong wurde ich noch in Lausanne bald nach meinem Eintreffen, Anfang 1923, während der Lausanner Verhandlungen bekannt. Er erschien dort und organisierte ein Zusammentreffen unseres Volkskommissars mit dem Lord Curzon, aber auf einer anderen Linie.

WYSCHINSKI: Was heißt das, auf einer anderen Linie?

RAKOWSKI: Auf der Linie des Foreign-Office.

WYSCHINSKI: Und auf welcher Linie bewegte sich Ihre Bekanntschaft mit ihm im Jahre 1924?

RAKOWSKI: Die erste Bekanntschaft war, wie ich sagte, in Lausanne; später traf ich mich mit Armstrong, der mit dem Marine-Attaché unserer Botschaft Berns sehr gut bekannt war, und zusammen mit Armstrong und Berns hatte ich eine Begegnung mit dem Lord Inverforth, die sich auf die Organisierung des Kredites bezog, so dass ich ihn damals sah...

WYSCHINSKI: Es interessiert mich nicht, was für Begegnungen Sie mit allen möglichen Lords hatten, sondern mich interessiert Ihre verbrecherische Tätigkeit zugunsten des englischen Spionagedienstes.

RAKOWSKI: Da Sie mich fragten, wann ich Armstrong gesehen habe...

WYSCHINSKI: Ich fragte Sie, und Sie sagten, dass Armstrong 1924 zu Ihnen gekommen sei.

RAKOWSKI: Ende 1924.

WYSCHINSKI: Dass das eine Bekanntschaft von Ihnen schon auf einer anderen Linie war. Nun frage ich Sie: auf welcher anderen Linie?

RAKOWSKI: Auf der Linie von Verhandlungen zur Eröffnung eines Kredites in England.

WYSCHINSKI: Also auch auf einer offiziellen Linie?

RAKOWSKI: Einer offiziellen Linie, wobei ich eine Direktive ausführte.

WYSCHINSKI: Auf welche Weise wurden Sie für die Dienste in der englischen „Intelligence Service“ angeworben? Das interessiert uns. Dessen klagen wir Sie an.

RAKOWSKI: Bürger Staatsanwalt, ich habe es so verstanden, dass Sie mich fragten, wann ich mit Armstrong bekannt geworden bin.

WYSCHINSKI: 1923, Sie haben es schon beantwortet.

RAKOWSKI: Und außerdem habe ich ihn in London auch schon vorher gesehen.

WYSCHINSKI: Wenn ich Sie in der Voruntersuchung richtig verstanden habe, und wenn ich richtig verstanden habe, was in den Dokumenten der Voruntersuchung enthalten ist, so wurden Sie schon 1924 als Agent der „Intelligence Service“ angeworben. Ist das richtig?

RAKOWSKI: Richtig.

WYSCHINSKI: Sagen Sie, unter welchen Umständen diese Anwerbung erfolgte, unter welchen Umständen Sie 1924 zum Agenten der „Intelligence Service“ wurden.

RAKOWSKI: Ich gestatte mir, dieses Moment zu wiederholen, dass nach dem Sturz der Regierung MacDonalds im November 1924 Armstrong und Leckart bei mir erschienen, mit denen ich schon früher auf einer anderen Linie bekannt war.

WYSCHINSKI: Nun bitte. Weiter, wie ging Ihre Anwerbung vor sich? Ich verstehe, dass es für Sie vielleicht nicht ganz angenehm ist, es jetzt zu erzählen, aber es ist notwendig.

RAKOWSKI: Ich habe alles in meinen Aussagen und auch hier dargelegt.

WYSCHINSKI: Dann seien Sie so gut und erzählen Sie eben von dieser Frage, von dieser Tatsache. Wie wurden Sie angeworben?

RAKOWSKI: Armstrong sagte: „Wir hegen für Sie große Sympathie und wollen Sie vor einer Gefahr warnen, die Ihnen droht.“ Er zog aus der Tasche ein Papier, das er mir vorwies.

WYSCHINSKI: Was war das für ein Papier?

RAKOWSKI: Dies war ein mit Maschine geschriebener Brief, der mit meiner gefälschten Unterschrift versehen war.

WYSCHINSKI: Wirklich gefälschten?

RAKOWSKI: Gefälschten.

WYSCHINSKI: Und an wen war dieser Brief adressiert?

RAKOWSKI: Er war ohne Adressat.

WYSCHINSKI: Für wen war er bestimmt?

RAKOWSKI: Ich werde von dem Inhalt des Briefes erzählen.

WYSCHINSKI: Sie wollen nicht, dass ich Ihnen Fragen stelle?

RAKOWSKI: Nein, dazu habe ich nicht das Recht.

WYSCHINSKI: Sie haben das Recht.

RAKOWSKI: Bitte stellen Sie Fragen; es kann auch so geschehen, dass Sie über das, was ich erzählen will, Fragen stellen. Ich antworte gerne.

WYSCHINSKI: Für wen war dieser Brief bestimmt?

RAKOWSKI: Dieser Brief war für Deutschland geschrieben, der Empfänger war nicht vermerkt.

WYSCHINSKI: Der Brief war für Deutschland bestimmt?

RAKOWSKI: Aus denn Inhalt ging hervor, dass er für die deutsche Regierung bestimmt war.

WYSCHINSKI: Für den deutschen Spionagedienst?

RAKOWSKI: Möglich.

WYSCHINSKI: Was stand denn in diesem Brief?

RAKOWSKI: In diesem Brief wurde beiläufig folgendes gesagt: „Ich sende Ihnen anliegend eine Liste rumänischer Handelsfirmen und Zeitungsredaktionen, die man für Deutschland gewinnen muss, um durch sie Rumänien selbst für einen Krieg an Deutschlands Seite zu gewinnen.“

WYSCHINSKI: Was bedeutet ein solcher Inhalt des Briefes?

RAKOWSKI: Der Inhalt des Briefes bedeutete, dass ich mit dem. deutschen Spionagedienst, mit der deutschen Regierung oder mit irgendeiner deutschen Organisation Verbindung habe.

WYSCHINSKI: Und dass Sie Deutschland geholfen haben, auf dem Territorium Rumäniens rumänische Staatsbürger zur Unterstützung Deutschlands anzuwerben?

RAKOWSKI: Richtig.

WYSCHINSKI: So lag die Sache.

RAKOWSKI: Richtig.

WYSCHINSKI: Sagen Sie, waren Sie in Rumänien zu der Zeit, auf die sich dieser. Brief bezieht?

RAKOWSKI: Zu der Zeit, auf die sich der Brief bezieht?

WYSCHINSKI: Ja.

RAKOWSKI: Der Brief war aus Bern, Oktober 1915 datiert. Aber zu dieser Zeit war ich nicht in Bern.

WYSCHINSKI: Sie waren in Rumänien?

RAKOWSKI: Ja, natürlich, ich habe ja an der Arbeiterbewegung teilgenommen.

WYSCHINSKI: Die Arbeiterbewegung lassen Sie beiseite, ich spreche nicht von der Arbeiterbewegung, die Sie nach Ihren eigenen Aussagen im Jahre 1924 verraten haben. Sie sagten, dass Sie im Jahre 1924 Agent des englischen Spionagedienstes wurden?

RAKOWSKI: Ja, ich wurde einer.

WYSCHINSKI: Ist das Verrat an der Arbeiterklasse? Wir wollen das hier genauer feststellen, da Sie nun einmal diese Frage angeschnitten haben.

RAKOWSKI: Ich habe verraten.

WYSCHINSKI: Sprechen Sie deshalb weniger von Arbeiterbewegung und mehr über Fragen, die dem Prozess nahe liegen. In welchem Jahre waren Sie in Rumänien?

RAKOWSKI: In Rumänien war ich vom Jahre 1904 bis 1907 und von 1912 bis 1917.

WYSCHINSKI: Während des Krieges befanden Sie sich in Rumänien?

RAKOWSKI: In Rumänien.

WYSCHINSKI: Womit haben Sie sich in Rumänien offiziell beschäftigt, was für Existenzmittel hatten Sie?

RAKOWSKI: Meine Existenzmittel?

WYSCHINSKI: Ja.

RAKOWSKI: Ich war Sohn eines wohlhabenden Mannes.

WYSCHINSKI: Wessen? Worin drückte sich seine Wohlhabenheit aus? War er Fabrikant oder Grundbesitzer?

RAKOWSKI: Mein Vater war Gutsbesitzer.

WYSCHINSKI: Gutsbesitzer?

RAKOWSKI: Ja.

WYSCHINSKI: Besaß er irgendeinen Industriebetrieb?

RAKOWSKI: Einen Industriebetrieb besaß er nicht.

WYSCHINSKI: Irgendein Handelsgeschäft?

RAKOWSKI: Er beschäftigte sich nicht mit Handel.

WYSCHINSKI: Womit hat er sich beschäftigt?

RAKOWSKI: Mein Vater starb im Jahre 1903.

WYSCHINSKI: Ich mache Ihnen wegen Ihres Vaters keine Vorwürfe. Sie haben selbst an ihn erinnert. Ich fragte, welche Existenzmittel Sie hatten.

RAKOWSKI: Meine Existenzmittel waren die Einkünfte aus dem Vermögen des Vaters.

WYSCHINSKI: Sie lebten also von Einkünften als Rentier?

RAKOWSKI: Als Landwirt.

WYSCHINSKI: Das heißt als Gutsbesitzer?

RAKOWSKI: Ja.

WYSCHINSKI: Also war nicht nur Ihr Vater ein Gutsbesitzer, sondern auch Sie waren Gutsbesitzer, ein Ausbeuter?

RAKOWSKI: Nun, selbstverständlich habe ich ausgebeutet. Ich bekam ja die Einkünfte. Die Einkünfte kommen bekanntlich vom Mehrwert.

WYSCHINSKI: Und der Mehrwert befand sich in Ihren Händen?

RAKOWSKI: Ja, der Mehrwert befand sich in meinen Händen.

WYSCHINSKI: Also irre ich mich nicht, wenn Ich behaupte, dass Sie ein Gutsbesitzer waren?

RAKOWSKI: Sie irren sich nicht.

WYSCHINSKI: Nun, es war mir wichtig festzustellen, woher Ihre Einkünfte stammten.

RAKOWSKI: Doch mir erscheint wichtig, zu sagen, wofür diese Einkünfte verwendet wurden.

WYSCHINSKI: Das ist eine andere Angelegenheit. Hatten Sie irgendwelche Beziehungen zu verschiedenen Gutsbesitzer- und Kapitalistenkreisen?

RAKOWSKI: Nein, sehr wenig. Wenn es nötig wurde, Geld in einer Bank als Anleihe zu bekommen, so hatte ich es mit dieser Bank zu tun. Ich lebte ja in Rumänien selbst sehr wenig.

WYSCHINSKI: Aber die ganze Kriegszeit haben Sie in Rumänien verbracht?

RAKOWSKI: Ja.

WYSCHINSKI: Ich möchte die Frage direkt stellen: ich habe großen Verdacht, dass der Brief, den Ihnen Armstrong vorwies, der Brief an die Adresse des deutschen Spionagedienstes, nicht mit Ihrem gefälschten Namen gezeichnet war, sondern wirklich von Ihnen unterschrieben war, weil Sie damals bereits im deutschen Spionagedienst standen. Ist das richtig oder nicht?

RAKOWSKI: Absolut unrichtig.

WYSCHINSKI: Dann gehen wir zum weiteren über. Zu Ihrer Zusammenarbeit mit dem englischen Spionagedienst. Fahren Sie fort.

RAKOWSKI: Als Armstrong und Leckart mir dieses Dokument vorwiesen, sagte ich: „Das ist ja die gröbste Fälschung.“ Das Dokument war Bern, den 15. Oktober datiert, ich war aber damals in Rumänien und nicht in Bern. Und dann, was konnte es für einen Sinn haben, dass ich an die deutsche Regierung über rumänische Handelsfirmen und rumänische Zeitungen schreibe, wenn doch Rumänien, das jahrzehntelang militärischer Verbündeter Deutschlands war, in Wirklichkeit eine deutsche Agentur darstellte. Es gibt ja dort deutsche Firmen, deutsche Tageszeitungen, deutsche Banken, - was konnte ich den Deutschen schon mitteilen, sie wissen ja tausendmal besser, was Rumänien und die rumänischen. Handelsfirmen darstellen. Das ist ja Unsinn, das ist nicht nur eine Fälschung, sondern eine blöde Fälschung. Darauf bemerkten sie: „Sie behaupten, dass auch der Sinowjew-Brief eine Fälschung sei, da haben Sie aber das Resultat: den Sturz der Regierung MacDonald und die bevorstehende Annullierung des Handelsvertrags, den Sie mit der englischen Regierung unterzeichnet haben.“ Ich muss sagen, dass ich ihnen mit großer Empörung erklärte: Sie sind einfach Erpresser. Nein, sagten sie, wir kommen zu Ihnen ausschließlich mit freundschaftlichen Gefühlen. Wissen Sie, auf welche Weise Sie das Agreement in England erhalten haben? Ich wusste, sie spielten auf den Umstand an, dass mein Agreement, als ich zum ersten Mal zum Botschafter in England ernannt wurde, von der englischen Regierung zurückgehalten worden war, und zwar im Zusammenhang mit der bekannten Kampagne, die in der englischen Presse eingesetzt hatte. Aber dann hatte die englische Regierung ihre Zustimmung gegeben, da sie sich überzeugen konnte, dass diese Kampagne auf verleumderischen Tatsachen beruhe, auf der Rede nämlich, die ich angeblich in Charkow gehalten habe und in der ich angeblich ausgesprochen habe, dass ich nach England reise, um eine soziale Revolution zu organisieren. Dann sagten sie mir: Nein, Sie wissen nicht alles, wir haben uns über Sie bei Herrn Eastman erkundigt (Eastman ist ein amerikanischer Trotzkist) und haben erfahren, dass Sie zur Richtung Mister Trotzkis gehören, dass Sie ihm nahe stehen. Und nur dank diesem Umstand hat der „Intelligence Service“ keine Einwendung gemacht, dass unsere Regierung das Agreement für Ihre Ernennung zum Botschafter erteilt. Diese Erklärung änderte die ganze Situation. Sie sagten: „Nein, wir erschienen hier nicht als Ihre Feinde.“ Ich erklärte ihnen: Vor allem muss ich die Bestätigung dafür haben, dass Sie im gegebenen Falle wirklich Vertreter der „Intelligence Service“ sind. Nach einiger Zeit wurde ich zu einem Mittagessen ins Restaurant in der Oxfordstreet eingeladen, wo sie mich mit einer Person bekannt machten, die sie mir als Leiter der russischen Abteilung der „Intelligence Service“ vorstellten. Seinen Namen habe ich nicht genau in Erinnerung, die Sache fand im Jahre 1924 statt; wenn mich das Gedächtnis nicht trügt, hieß die Person Richardson oder Robertson. Er bestätigte, dass Armstrong und Leckart im Namen der „Intelligence Service“ vorgehen, dass es sich um die Herstellung freundschaftlich naher Beziehungen zwischen gewissen politischen Strömungen handelt, dass man hier nicht. über Spionage im vulgären Sinn zu sprechen braucht usw. Doch da Richardson oder Robertson selbst mir nicht bekannt war, erklärte ich: Ich brauche noch die Bestätigung einer offiziellen Persönlichkeit, die ich kenne.

WYSCHINSKI: Und wie hieß die Person, mit der Sie damals sprachen? Erinnern Sie sich nicht?

RAKOWSKI: Ich sagte schon, dass ich mich nicht genau erinnere.

WYSCHINSKI: Sie sagten, Robertson oder Richardson?

RAKOWSKI: Vielleicht Nicholson, irgendetwas in dieser Art. Sie versprachen mir, dass ich eine solche Bestätigung bekommen werde. Dann fuhr ich nach Moskau. Es war mir wichtig, Zeit zu gewinnen. Ich kam nach Moskau und teilte Trotzki das mit. Trotzki sagte, dass der gefälschte Brief ein Vorwand für die Gespräche war, dass dies eine Sache ist, die man sich noch gut überlegen muss. Überhaupt - sagte Trotzki - muss man berücksichtigen, dass unsere Lage derart ist, dass uns bald der Garaus gemacht wird. Du bist aus der Ukraine abberufen, Krestinski, Serebrjakow, Preobrashenski und Smirnow wurden noch bei Lenin s Lebzeiten aus dem Zentralkomitee ausgeschlossen.

VORSITZENDER: Sie sprechen von der Verbindung mit dem englischen Spionagedienst und zählen auf, wen man in welchem Jahre aus dem Zentralkomitee ausgeschlossen hat. Das ist schon bekannt.

RAKOWSKI: Trotzki erklärte sich einverstanden, die Verbindung mit dem englischen Spionagedienst aufzunehmen; er gab mir sozusagen den Segen dazu, unter der Bedingung, dass man vorsichtig sein müsse. Man müsse noch klarlegen, was sie dem Trotzkismus geben können. Nach der Rückkehr nach London wurde ich bald zu einer offiziellen Person vorgeladen, die mir bestätigte, dass das von der „Intelligence Service“ erfolgte Angebot in der Tat sanktioniert war. Armstrong und Leckart erklärten mir ihrerseits, dass der Journalist Farbman Verbindungsagent zwischen mir und ihnen sein wird. Zu dieser Sache habe ich als Verbindungsagenten noch zwei Mitarbeiter der Botschaft herangezogen, die ich angeworben hatte. Das geschah schon anfangs 1925. Vor der Abreise aus London fand ich Zeit, um ein Dokument zu übergeben. Es enthielt die Einschätzung der Sowjetpolitik in den mittelasiatischen nationalen Republiken vom Standpunkt eines Menschen, der die Aufrechterhaltung feindlicher Beziehungen zur UdSSR wünscht. Im Oktober desselben Jahres 1925 wurde ich als Botschafter nach Paris versetzt. In dieser Stellung war es mir schwer, eine unmittelbare Verbindung mit der „Intelligence Service“ aufrechtzuerhalten.
Und als Farbman wieder bei mir erschien, beschlossen wir nach einer Beratung mit ihm, Mdiwani zur unmittelbaren Bedienung der „Intelligence Service“ heranzuziehen.

WYSCHINSKI: Sie besprechen Fragen, wen man heranziehen sollte, und uns interessiert zu wissen, was Sie taten, was Sie zu Spionagezwecken betrieben haben.

RAKOWSKI: Anwerbung.

WYSCHINSKI: Davon haben Sie gesprochen. Weiter, außer Anwerbung.

RAKOWSKI: Dann hat vom Moment meiner Abreise aus London meine Verbindung mit der „Intelligence Service“ aufgehört, d. h. richtiger gesagt, nicht meine Verbindung, sondern meine Berichte.

WYSCHINSKI: Die Dienstleistung.

RAKOWSKI: Ja.

WYSCHINSKI: Und dann wurde sie wieder aufgenommen?

RAKOWSKI: Ja.

WYSCHINSKI: In welchem Jahre?

RAKOWSKI: Zehn Jahre später.

WYSCHINSKI: Das heißt?

RAKOWSKI: Die Dienstleistung wurde Anfang 1936 wieder aufgenommen. Zehn Jahre später wurde die Verbindung wieder aufgenommen.

WYSCHINSKI: Und dann begann die Dienstleistung?

RAKOWSKI: Ja.

WYSCHINSKI: Unter welchen Umständen wurde die Verbindung aufgenommen?

RAKOWSKI: Im Sommer 1934, nachdem ich aus der Verbannung zurückgekehrt war, nahm ich meine Verbindungen wieder auf. Eine mir bekannte englische Dame kam nach Moskau und erinnerte mich daran, dass die Verbindung mit der „Intelligence Service“ aufzunehmen sei.

WYSCHINSKI: Weshalb interessierte diese Frage die englische Dame?

RAKOWSKI: Ich kannte sie aus London. Man kann wohl behaupten, dass sie selbst mit der „Intelligence Service“ verbunden war.

WYSCHINSKI: Anders gesagt, eine englische Spionin?

RAKOWSKI: Ja.

WYSCHINSKI: Wie war ihr Name?

RAKOWSKI: Lady Paget.

WYSCHINSKI: Lady Paget. Welches war ihre soziale Stellung?

RAKOWSKI: Sie ist bekannt als große Philanthropin; während des Krieges hatte sie ein Spital in Kiew.

WYSCHINSKI: Sie hielten sie selbst für eine Philanthropin?

RAKOWSKI: Nebenamtlich.

WYSCHINSKI: So wie auch Sie nebenamtlich ein Philanthrop sind?

RAKOWSKI (schweigt)

WYSCHINSKI: Haben Sie auch die Verbindung durch die Paget. mit Wissen Trotzkis aufgenommen?

RAKOWSKI: Nein.

WYSCHINSKI: Standen Sie seit dem Jahre 1934 mit Trotzki in Verbindung?

RAKOWSKI: jawohl. Im Jahre 1934 habe Ich ihm geschrieben, das heißt, im Jahre 1935.

WYSCHINSKI: Sie informierten Trotzki über diese Ihre Verbindung über Lady Paget mit der „Intelligence Service“?

RAKOWSKI: Nein.

WYSCHINSKI: Speziell haben Sie nicht informiert?

RAKOWSKI: Nein.

WYSCHINSKI: Erzählen Sie, was Ihnen über die Verbindung Trotzkis mit der „Intelligente Service“ bekannt ist.

RAKOWSKI: Das war am Vorabend von Trotzkis Verbannung nach Alma-Ata. Anfangs wollte man ihn nach Astrachan. schicken, aber er bemühte sich um die Aufhebung dieser Bestimmung und erhielt Alma-Ata. Als ich bei ihm in seiner Wohnung in der Granowskistraße war, fand ich ihn sehr zufrieden darüber, dass man ihm Astrachan für Alma-Ata getauscht hatte. Ich wunderte mich. Man reist doch von Frunse nach Alma-Ata einige Tage. (Damals gab es dort noch keine Eisenbahn.) Er antwortete: Dafür ist es näher zur chinesischen Grenze, und er zeigte mir eine Rolle Karten. Er gab mir zu verstehen, dass er mit einer Flucht rechne. Ich fragte ihn, auf welche Weise man über Westchina, durch die Sandwüsten, über Berge, ohne Mittel, eine Flucht organisieren kann. Mir wird die „Intelligence Service“ helfen, sagte Trotzki, und hier teilte er mir unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit mit, dass er seit 1926 eine verbrecherische Verbindung mit der „Intelligence Service“ aufgenommen habe.

WYSCHINSKI: Durch wen?

RAKOWSKI: Durch einen der Vertreter der: Konzession Lena-Goldfields.

WYSCHINSKI: Und er hatte Beziehungen zu dieser Konzessionsfirma?

RAKOWSKI: Er war damals Vorsitzender des Hauptkomitees, für Konzessionen.

WYSCHINSKI: Demnach trat er damals zu der Zeit, als er Vorsitzender des Hauptkomitees für Konzessionen war, durch, einen Vertreter der Firma Lena-Goldfields in Verbindung mit der „Intelligence Service“?

RAKOWSKI: Durchaus richtig. Er teilte mir auch eine andere Tatsache mit. Es sei ihm bereits gelungen, der englischen „Intelligente Service“ einen Dienst zu erweisen. Das bezieht sich auf Anfang 1927. Nach seinen Worten hatte er durch einige Dienste für diese Organisation den Konservativen geholfen, den Abbruch der Beziehungen zu der UdSSR zu verwirklichen. Ferner hat er die „Intelligence Service“ auf einen bequemen Zwischenfall hingewiesen, auf die Möglichkeit, einen Überfall auf die Arcos zu organisieren. Er nannte dabei einige Londoner Trotzkisten, die dort arbeiteten, darunter Müller oder Miller, die dafür sorgen würden, dass man in den Räumen der Arcos speziell fabrizierte Dokumente auffinden werde, und dass er auf diese Weise Jonson Hicks (dem damaligen Innenminister) die Gelegenheit geboten habe, seine Kollegen von der Notwendigkeit des Abbruchs der diplomatischen Beziehungen zwischen der UdSSR und England zu überzeugen. Die Opposition erwartete damals, dass sie die Schwierigkeiten ausnutzen könnte. Ich selbst war seit dem Jahre 1924 mit der „Intelligence Service“ verbunden, deshalb begriff ich alles leicht, was mir Trotzki von seiner Verbindung mit der „Intelligence Service“ erzählte. Ich muss sagen, dass noch eine Tatsache aus meiner verräterischen Arbeit in das Jahr 1927 fällt. Es handelt sich um Verhandlungen mit rechts-kapitalistischen Kreisen in Frankreich. Die Sache begann während des Juli-Plenums 1927. Nach der Rede Stalins, in der er scharf gegen die so genannte Clemenceau-These Trotzkis aufgetreten war, war ich bei Trotzki zum Essen und fragte ihn: „Ich verstehe nicht, weshalb Stalin die Frage so scharf stellt. In diesem Vergleich mit Clemenceau sehe ich nichts Besonderes.“ Trotzki bemerkte hierauf: Stalin weiß ausgezeichnet, was er tut. Stalin ist der Meinung, dass, wenn der Abgrund zwischen der Opposition und der Partei sich noch vertieft, die Opposition kraft der Logik der Tatsachen folgerichtig zu defätistischen Positionen übergehen muss. Am zweiten Tag hatte ich wieder ein Gespräch mit Trotzki. Er sagte: ich kam zu dem Schluss, dass es notwendig sei, unsere Gesinnungsgenossen im Ausland, die Botschafter und Handelsvertreter, anzuweisen, dass sie in den rechts stehenden Kreisen der kapitalistischen Länder, wo sie sich befinden, sondieren sollten, in welchem Maß die Trotzkisten auf eine Unterstützung von ihrer Seite rechnen könnten. Ich sagte ihm, dass man es in Frankreich hauptsächlich mit Pjatakow zu tun habe. Er bat mich, Pjatakow davon Mitteilung zu machen.

VORSITZENDER: Angeklagter Rakowski, hat das, wovon Sie jetzt sprechen, Beziehung zu Ihrer Verbindung mit dem englischen Spionagedienst?

RAKOWSKI: Ja, es hat.

VORSITZENDER: Sie machen Aussagen über Ihre Verbindung mit dem englischen Spionagedienst.. Sie sprangen zum Jahre 1934 über und jetzt kommen Sie auf das Jahr 1927 zurück.

RAKOWSKI: Ich bin mit dem englischen Spionagedienst zu Ende. Wenn es Fragen gibt...

VORSITZENDER: Ich habe verstanden, dass Sie im Jahre 1934 Ihre Verbindung, und weitere Mitarbeit mit dem englischen Spionagedienst wieder aufgenommen haben. Sie aber kamen auf das Jahr 1927 zurück. Sagen Sie, nahmen Sie nach den Versuchen, Sie zum englischen Spionagedienst heranzuziehen, im Jahre 1934 an der Arbeit des englischen Spionagedienstes irgendwelchen Anteil?

RAKOWSKI: Ja, ich sagte, dass ich Anfang 1936 wieder mit den Dienstleistungen begann. Ich übergab eine Analyse der neuen Verfassung vom Standpunkt der Beziehungen der Randrepubliken mit dem Zentrum, wobei die Analyse der neuen Verfassung durchaus negativ war.

VORSITZENDER: Wem übergaben Sie diese Analyse?

RAKOWSKI: Bei mir erschien Donskoi.

VORSITZENDER: Was ist das für ein Donskoi?

RAKOWSKI: Ein Mitarbeiter des Volkskommissariats. für Gesundheitswesen. Durch ihn übergab ich diese Analyse. Das war Anfang 1936.

VORSITZENDER: Das waren die letzten Mitteilungen?

RAKOWSKI: Die letzten.

VORSITZENDER (zu Wyschinski): Haben Sie Fragen?

WYSCHINSKI: Nein.

RAKOWSKI: Dann kann ich zurückkommen auf...

VORSITZENDER: Dann ist das alles.

WYSCHINSKI: Nein. Ich habe keine Fragen zu diesem Teil der Erklärungen des Angeklagten, aber er soll seine Erklärungen fortsetzen.

VORSITZENDER (zu Rakowski): Worüber wollen Sie noch sprechen?

RAKOWSKI: Ich will noch von den Verhandlungen sprechen, die Trotzki mich im Sommer 1927 in Frankreich zu führen beauftragt hat.

VORSITZENDER: Bitte.

RAKOWSKI: Ich traf mit dem Deputierten Nicolle in Royat zusammen. Nicolle ist ein bedeutender Flachsspinnereibesitzer im Norden, ein Fabrikant. Ich kannte ihn, da er bei uns Flachs kaufte. Ich wurde mit ihm noch bei meiner ersten Anwesenheit in Paris bekannt und wusste, dass er den rechten republikanischen Kreisen angehört. Als ich ihm begegnete, begann er sogar selbst zu sprechen, weil die gesamte französische Presse von den Zwischenfällen sprach, die auf dem Plenum stattgefunden hatten. Mit einem Wort, das Gespräch begann anlässlich den Plenums. Ich befragte ihn damals über die Möglichkeiten oder Perspektiven, die für eine Opposition bestünden, und ob man in den französischen kapitalistischen Kreisen, die aggressiv gegen die UdSSR gestimmt sind, eine Stützte suchen könne. Er antwortete mir: „Selbstverständlich und in größerem Maße als Sie es vielleicht selbst erwarten.“ Aber das wird, sagte er, hauptsächlich von zwei Umständen abhängen. Der erste Umstand ist der, dass die Opposition eine wirklich reale Kraft werden müsse, und der zweite Umstand - bis zu welchem Grad sie zu Konzessionen an das französische Kapital bereit sei.
Das zweite Gespräch hatte ich in Paris im September des gleichen Jahres 1927, mit dem Abgeordneten und Getreidegroßhändler Louis Dreyfuss. Man muss sagen, dass sowohl das Gespräch wie auch die Folgerungen mit denen übereinstimmten, die ich mit Nicolle hatte.
Jetzt über meine konterrevolutionären Verbindungen. Ich habe schon die Periode vor meiner Verbannung bezüglich meiner verräterischen Tätigkeit erschöpfend behandelt. Nachdem ich 1934 aus der Verbannung zurückgekommen war, traf ich Sosnowski und stand seitdem mit ihm in Verbindung. Im März 1935 teilte mir Sosnowski mit, dass schon längst - er sagte mir nicht, in welcher Periode - ein Block zwischen den Rechten und den Trotzkisten gebildet worden sei, und dass über die Ziele und Methoden - Spionage, Diversionen, Schädlingsarbeit - volles Einverständnis herrsche. Er verwies auf eine Einzelheit, und zwar, dass die Rechten von den Vorzügen der Taktik sprachen, die sie in Bezug auf die Partei anwandten, dass die Rechten im Gegensatz zu den Trotzkisten, die ein offenes Gefecht annahmen und auf diese Weise alle ihre Kader aufdeckten - die Direktive gegeben hatten, dass alle Kader in die tiefste Illegalität gehen sollen, wodurch sie unverwundbar würden. Auf diese Weise haben sie ihre Kader erhalten. Ich gebe in allgemeinen Zügen das wieder, wovon Sosnowski damals sprach.
Ein anderer Konspirator, mit dem ich im Jahre 1934 zusammentraf, war Krestinski. Ich war bei ihm zweimal im Volkskommissariat im Zusammenhang mit meiner Reise nach Tokio. Damals war Litwinow abwesend, und Krestinski vertrat ihn. Unser erstes Gespräch betraf hauptsächlich mein bevorstehendes Auftreten in Tokio auf der Konferenz. Zum Schluss beglückwünschte er mich zu der Erklärung...

WYSCHINSKI: Wozu?

RAKOWSKI: Zu meiner Erklärung.

WYSCHINSKI: An wen?

RAKOWSKI: An das ZK. Ich sagte ihm, dass ich wieder zur Arbeit zurückgekehrt hin. Beim ersten Gespräch sah mich Krestinski an, ohne etwas zu sagen. Es fand eine Art gegenseitiges Abtasten statt. Das zweite Mal, als ich ihn sah, sagte er, dass er konspirativ arbeite.

WYSCHINSKI: Als Trotzkist?

RAKOWSKI: Als Trotzkist. Und über den Inhalt der Arbeit sprachen wir, als ich aus Tokio zurückkam. Doch ich muss sagen, dass ich später mit Krestinski keine Zusammenkünfte und keine Gespräche hatte. Bucharin traf ich im Jahre 1934 auf der Straße, als er sich auf dem Wege zum Internationalen Schriftstellerkongress befand, um dort aufzutreten. Und damit war unsere Begegnung zu Ende. Rykow sah ich einmal im Rat der Volkskommissare. Die letzte Begegnung mit Sosnowski war im Dezember 1935.

WYSCHINSKI: Sagen Sie, wie könnten Sie das Geständnis Ihrer Schuld vor der Sowjetunion kurz formulieren?

RAKOWSKI: Ich gestehe, dass ich seit 1924 ein Verräter an der sozialistischen Sowjetheimat war.

WYSCHINSKI: In welchem Jahre begann Ihre anfänglich fraktionelle, später konterrevolutionäre, illegale trotzkistisch-verbrecherische Tätigkeit?

RAKOWSKI: Mit Trotzki war ich persönlich seit dem Jahre 1903 bekannt. Diese Bekanntschaft vertiefte sich, und ich war sein naher Freund.

WYSCHINSKI: Politisch?

RAKOWSKI: Ein politischer Freund, wenn wir politische Fragen berührten.

WYSCHINSKI: Und persönlicher Freund?

RAKOWSKI: Und persönlicher Freund.

WYSCHINSKI: Und blieben es bis zur letzten Zeit?

RAKOWSKI: Und blieb es bis zur letzten Zeit.

WYSCHINSKI: Folglich verbinden Sie beinahe 35 Jahre politischer und persönlicher Freundschaft mit Trotzki?

RAKOWSKI: Richtig.

WYSCHINSKI: Sie führten einen Kampf gegen die Partei und die Sowjetregierung?

RAKOWSKI: Im Jahr 1921 fand eine Diskussion über die Gewerkschaften statt. Es war eine so genannte Kraftprobe.

Und seit Ende 1924 wird schon eine illegale Verbindung geschaffen, die unter das Strafgesetz fällt.

WYSCHINSKI: Seit 1924 werden illegale verbrecherische, durch Sowjetgesetze strafbare Verbindungen geschaffen und eine verbrecherische Tätigkeit entfaltet?

RAKOWSKI: Die ich hier dargestellt habe.

WYSCHINSKI: Die Sie gestanden haben. Weshalb haben sie, die Trotzkisten, diesen Kampf gegen den Sowjetstaat geführt?

RAKOWSKI: Um der Machtergreifung willen.

WYSCHINSKI: Und weiter, welchen Zwecken diente die Machtergreifung?

RAKOWSKI: Die Ziele bestanden in der Hauptsache in der Liquidierung der Errungenschaften, die gegenwärtig vorhanden sind.

WYSCHINSKI: Das heißt mit anderen Worten, in der Liquidierung der sozialistischen Ordnung.

RAKOWSKI: Zur Wiederherstellung, ich spreche nicht offen, des kapitalistischen Systems...

WYSCHINSKI: Offen sagen Sie dies nicht?

RAKOWSKI: Ich will sagen, dass dies in meinem Bewusstsein nicht als offenes, klares Ziel vorhanden war, aber in meinem Unterbewusstsein kann ich nicht umhin, mir davon Rechenschaft abzulegen, dass ich darauf ausging.

WYSCHINSKI: Von welcher Voraussetzung und welcher historischen Prognose gingen Sie aus?

RAKOWSKI: Die Prognose war sehr unbestimmt. Es war ein Abenteuer - gelingt es, die Macht zu ergreifen, gut, gelingt es nicht...

WYSCHINSKI: Aber Sie gingen erstens von der grundlegenden trotzkistischen These aus, dass es unmöglich sei, in der UdSSR allein genommen, in Anbetracht ihres wirtschaftlichen und kulturellen Niveaus die sozialistische Gesellschaft zu errichten.

RAKOWSKI: Diese ideologische Voraussetzung fiel weg.

WYSCHINSKI: Fiel sie in der Folgezeit weg, weil sie durch irgendeine andere Voraussetzung ersetzt wurde?

RAKOWSKI: Es gab überhaupt keine ideologische Voraussetzung.

WYSCHINSKI: Es gab überhaupt keine ideologische Voraussetzung?

RAKOWSKI: Nein.

WYSCHINSKI: Sondern die Aufgabe bestand in dem vertierten Kampf gegen den sozialistischen Staat mit dem Ziele der Machtergreifung - in welchem Interesse letzten Endes?

RAKOWSKI: Bürger Staatsanwalt, ich will Ihnen sagen, wenn wir die Macht dazu hätten ergreifen wollen, um sie den Faschisten zu übergeben, wären wir nicht nur Verbrecher, die wir sind, sondern auch Dummköpfe. Aber...

WYSCHINSKI: Aber?

RAKOWSKI: Aber, wenn wir dachten, dass wir die Macht ergreifen und sie halten können, ohne sie den Faschisten zu übergeben, so war dies Wahnsinn, eine Utopie.

WYSCHINSKI: Wenn es Ihnen demnach gelungen wäre, die Macht zu ergreifen, so wäre sie dann wohl unvermeidlich in die Hände der Faschisten gefallen?

RAKOWSKI: Diese Einschätzung teile ich absolut.

WYSCHINSKI: Sie wollten also die Macht mit Hilfe der Faschisten ergreifen?

RAKOWSKI: Mit Hilfe der Faschisten.

WYSCHINSKI: Wenn die Faschisten Ihnen zur Machtergreifung verhelfen, in wessen Händen ist dann die Macht?

RAKOWSKI: Die Geschichte weiß...

WYSCHINSKI: Nein, lassen Sie die Geschichte in Ruhe.

RAKOWSKI: Darauf gibt es keine präzise Antwort. Aber es mag sein, dass unter Umständen etwas Ähnliches entstanden wäre wie die Peiljura-Herrschaft in der Ukraine.

WYSCHINSKI: „Etwas Ähnliches“ hängt von vielen Umständen ah, deren Herr Sie nicht sind. Ich frage Sie, rechneten die Trotzkisten und der „Block der Rechten und Trotzkisten“, dessen Vertreter hier auf der Anklagebank sitzen, damit, mit ihren eigenen Kräften die Macht zu ergreifen und die Sowjetmacht zu liquidieren?

RAKOWSKI: Nein.

WYSCHINSKI: Nein? Mit wessen Hilfe rechnete der „Block der Rechten und Trotzkisten“ die Macht zu ergreifen? Mit wessen Hilfe?

RAKOWSKI: Mit Hilfe des Aggressors, des faschistischen Aggressors.

WYSCHINSKI: Durch die Niederlage, die Zerstückelung der UdSSR usw., durch das, was wir hier schon untersuchten. Ich frage Sie nun: wenn Ihr Block damit rechnete, die Macht mit Hilfe der faschistischen Aggressoren zu ergreifen und dies Ihre einzige Hoffnung war, in wessen Händen würde sich dann diese Macht befinden? In den Händen des Blocks oder der faschistischen Aggressoren?

RAKOWSKI: Letzten Endes würde sie sich in den Händen der faschistischen Aggressoren befinden.

WYSCHINSKI: Sowohl letzten Endes wie auch von Anfang an. Demnach war Ihr „Block der Rechten und Trotzkisten“ eine der Abteilungen der faschistischen Aggressoren und Sie, als einer der aktivsten und hervorragendsten Trotzkisten und Leiter der trotzkistischen illegalen Organisation in der UdSSR, gestehen das ein?

RAKOWSKI: Ich gestehe das ein.

WYSCHINSKI: Und Sie wirkten persönlich für die Ziele und Interessen dieses Faschismus?

RAKOWSKI: Ich gestehe das ein.

WYSCHINSKI: Wirkten durch Methoden der Spionage...?

RAKOWSKI: Ich gestehe das ein.

WYSCHINSKI: Zur Vorbereitung der Niederlage der UdSSR in dem bevorstehenden Kriege bei einem überfall auf die UdSSR?

RAKOWSKI: Ich gestehe das ein.

WYSCHINSKI: Zur Schwächung der Macht und der Wehrfähigkeit der UdSSR, durch Methoden der Schädlingstätigkeit, der Diversion und des Terrors?

RAKOWSKI: Ich gestehe das ein.

WYSCHINSKI: Ist dies reine Wirklichkeit oder Phantasie? Oder, wie Sie sagen, ein Abenteuer?

RAKOWSKI: Sie haben mich nicht verstanden. Ich sage Abenteuer im Sinne der Erreichung der Ziele, der Ergreifung der Macht.

WYSCHINSKI: Natürlich all das ist Abenteuer, weil das undurchführbar ist.

RAKOWSKI: Weil es nicht gelingen würde.

WYSCHINSKI: Und niemals gelingen wird.

RAKOWSKI: Ich zweifle nicht daran.

WYSCHINSKI: Aber es ist ein reales Programm?

RAKOWSKI: Ja.

WYSCHINSKI: So war es in Wirklichkeit?

RAKOWSKI: So war es, ja.

WYSCHINSKI: Unter Ihrer Beteiligung?

RAKOWSKI: Unter meiner Beteiligung.

WYSCHINSKI: Ist das Landesverrat, was Sie begangen haben?

RAKOWSKI: Ich habe das schon gesagt.

WYSCHINSKI: Das ist ein Verrat nicht nur am Sowjetstaate, sondern auch an der ganzen internationalen Arbeiterbewegung? Bekennen Sie sich dessen schuldig?

RAKOWSKI: Ich bekenne mich dessen schuldig.

WYSCHINSKI: Ich habe keine weiteren Fragen.

RAKOWSKI: Ich muss sagen, dass ich mich dessen schuldig bekenne, von dem Moment an, da ich beschloss, volle und erschöpfende Aussagen zu machen. Im Verlaufe von acht Monaten habe ich hartnäckig geleugnet.

WYSCHINSKI: Weil Sie der Direktive und der Taktik der Trotzkisten folgten.

RAKOWSKI: Hier werden alte revolutionäre Gewohnheiten zu konterrevolutionären Gewohnheiten.

WYSCHINSKI: Was haben Sie schon für revolutionäre Gewohnheiten? Sie haben sich eine gewisse Phraseologie erhalten, das ist eine andere Sache.

RAKOWSKI: Aber man kann nicht abstreiten; ich gehörte doch auch einmal zu...

WYSCHINSKI: Aber verhaftet waren Sie nicht irgendwann einmal, sondern jetzt, durch die Sowjetmacht, und Sie haben sich eingebildet, dass Sie gegenüber den Untersuchungsorganen des Sowjetstaates mit den alten Methoden vorgehen könnten, mit denen Sie vorgingen, als Sie irgendwann einmal zu den Revolutionären gehörten?

RAKOWSKI: Das heißt, dass ich im Verlaufe der acht Monate weiter in jener alten trotzkistischen konterrevolutionären Ideologie verharrte.

WYSCHINSKI: Nun und gerade das sage ich auch. Und nicht nur in der Ideologie, sondern auch in der Taktik.

RAKOWSKI: Auch in der Taktik. Und was später war, werde ich, wenn Sie gestatten, erzählen.

WYSCHINSKI: Und später haben Sie, wie man sagt, die Waffen gestreckt.

RAKOWSKI: Ich will Ihnen sagen, was mich veranlaßt hat...

WYSCHINSKI: Ich habe nichts dagegen, wenn Sie sich kurz fassen, ohne große historische Abschweifungen. Ich habe nichts dagegen.

RAKOWSKI: Sehr kurz. Wie ich erklärt habe, begann ich erst im achten Monat offene Aussagen über meine eigentliche Tätigkeit zu machen.

WYSCHINSKI: Verbrecherische Tätigkeit.

RAKOWSKI: Über meine verbrecherische Tätigkeit, versteht sich. Schon vor diesem Zeitpunkt tauchte in mir oft der Gedanke auf: handle ich richtig, wenn ich leugne. Niemand wird bestreiten, dass die Haft, die Isolierung überhaupt dazu veranlaßt, die Werte umzuwerten. Aber ich bin dessen eingedenk und werde, solange ich lebe, niemals den Umstand vergessen, der mich endgültig zur Aussage getrieben hat. Bei einem der Verhöre erfuhr ich, es war im Sommer, dass die japanische Aggression gegen China, gegen das chinesische Volk, begonnen hat, und auch von der unverhüllten Aggression Deutschlands und Italiens gegen das spanische Volk...
Ich erfuhr von den fieberhaften Vorbereitungen aller faschistischen Staaten zur Entfesselung eines Weltkrieges. Das, was der Leser gewöhnlich täglich in kleinen Dosen in den Telegrammen erfährt, das bekam ich auf einmal in einer großen kompakten Dosis. Dies wirkte auf mich erschütternd. Meine ganze Vergangenheit stieg vor mir auf. Sie kann natürlich durch meine schändlichen Handlungen ausgelöscht werden und wird es auch, aber als inneres Motiv ist es oft durch niemand und nichts zu unterdrücken. Meine ganze Vergangenheit stieg vor mir auf und meine Verantwortung wurde mir klar, ich sah, dass ich selbst an dieser Angelegenheit beteiligt und dafür verantwortlich bin, dass ich mit meinen verräterischen Handlungen den Aggressoren geholfen habe. Ich wusste, dass ich nicht der einzige war, der Illusionen über sie gehegt hatte. In dieses Netz waren auch ehemalige Regierungschefs, ehemalige Volkskommissare, ehemalige stellvertretende Volkskommissare, ehemalige Gesandte geraten. Und da stand ich vor mir als mein eigener Untersuchungsrichter, ich saß über mich selbst zu Gericht. Das ist ein Gericht, dem niemand irgendeine Voreingenommenheit vorwerfen wird. Ich saß über mich selbst zu Gericht. Von jung auf stand ich in der Arbeiterbewegung, und wohin bin ich gekommen? Dahin, dass ich durch meine Handlungen die widerwärtigste Tätigkeit erleichterte, dass ich es den faschistischen Aggressoren erleichterte, sich für die Vernichtung der Kultur, der Zivilisation, aller Errungenschaften der Demokratie, aller Errungenschaften der Arbeiterklasse vorzubereiten.
Das hat mich dazu veranlaßt, meinen Starrsinn aufzugeben, meine falsche Scham, die der Eigenliebe entsprang, meine Angst um mein eigenes Schicksal, das eine Schmach ist für Leute, die einmal an der revolutionären Bewegung teilgenommen haben. Die Erbitterung, die zweifellos bei uns allen vorhanden war, bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger, die Erbitterung gegen die Führung, die Erbitterung gegen einzelne Persönlichkeiten hat eine gewaltige Rolle gespielt. Erbitterung und Ehrgeiz, das alles ist vergangen. Ich gelangte zu der Ansicht, dass es nun meine Pflicht ist, in diesem Kampfe gegen den Aggressor zu helfen, dass ich hingehe und mich selbst voll und ganz entlarve, und ich erklärte dem Untersuchungsrichter, dass ich mit dem folgenden Tage beginnen würde, volle und erschöpfende Aussagen zu machen. Ich muss erklären, dass die Aussagen, die ich jetzt gemacht habe, absolut vollständig, aufrichtig und erschöpfend sind.

VORSITZENDER: Die Verhandlung wird für zwanzig Minuten unterbrochen.

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