PROZESSBERICHT ÜBER DIE STRAFSACHE DES ANTISOWJETISCHEN
„BLOCKS DER RECHTEN UND TROTZKISTEN"

ABENDSITZUNG VOM 7. MÄRZ 1938

FORTSETZUNG DER VERNEHMUNG DER ZEUGIN JAKOWLEWA

GERICHTSKOMMANDANT: Das Gericht erscheint, bitte sich von den Plätzen zu erheben.

VORSITZENDER: Bitte sich zu setzen. Genosse Kommandant, rufen Sie die Zeugin Jakowlewa. Angeklagter Bucharin, haben Sie an die Zeugin Jakowlewa Fragen?

BUCHARIN: Ja. Ich habe einige Fragen, wenn Sie gestatten.

VORSITZENDER: Bitte.

BUCHARIN: Erstens frage ich die Zeugin Jakowlewa, ob ihr bekannt ist, dass ich als erster das Gespräch mit Kamkow und Karelin während des Kampfes gegen Trotzki veröffentlicht habe?

JAKOWLEWA: Das ist mir bekannt, aber mir ist ebenso auch der Umstand bekannt, dass Bucharin, als er auf dem Höhepunkt des Kampfes der Partei gegen Trotzki von dieser Sache Mitteilung machte, nicht bis zu Ende gesprochen hat, bei weitem nicht bis zu Ende.

BUCHARIN: Das ist eine andere Frage...

VORSITZENDER: Angeklagter Bucharin, lassen Sie sie zu Ende sprechen.

JAKOWLEWA: Er hatte nicht genügend Mut, den ganzen Schleier zu lüften, und er hat den äußersten Zipfel nur ein wenig gelüftet. Das ist mir ebenfalls bekannt.

VORSITZENDER: Welche Fragen haben Sie noch?

BUCHARIN: Ich habe noch eine Frage...

WYSCHINSKI: Entschuldigen Sie, ich habe eine Frage an die Zeugin Jakowlewa. Was hat nach Ihrer Meinung Bucharin verheimlicht, was verschwieg er?

JAKOWLEWA: Er verschwieg all das, wovon ich heute dem Gericht erzählt habe.

WYSCHINSKI: Das heißt?

JAKOWLEWA: Das heißt davon, dass es eine Verschwörung der „linken Kommunisten“ zusammen mit den „linken“ Sozialrevolutionären gab.

WYSCHINSKI: Sie wurde organisiert unter unmittelbarer, aktiver, führender...

JAKOWLEWA: Teilnahme Bucharins selbst.

WYSCHINSKI (zu Bucharin): Ist das richtig?

BUCHARIN: Richtig ist das, was ich ausgesagt habe.

WYSCHINSKI: Ist das richtig?

BUCHARIN: Das, was Jakowlewa über die Zeit vor dem Brester Frieden sagt - das ist nicht richtig.

WYSCHINSKI (zu Bucharin): Ich spreche nicht davon. Ist es richtig, dass Sie einer der Organisatoren der Verschwörung gegen die Sowjetmacht waren, d. h. der Verschwörung der „linken Kommunisten“ und der „linken“ Sozialrevolutionäre?

BUCHARIN: Das habe ich ausgesagt. Jetzt will ich fragen, ob die Zeugin Jakowlewa wusste, dass zu den „linken Kommunisten“ Kuibyschew, Menshinski und Jaroslawski gehörten?

WYSCHINSKI: Ich bitte, diese Frage als nicht zur Sache gehörig abzulehnen.

VORSITZENDER: Sie brauchen auf diese Frage, da sie nicht zur Sache gehört, nicht zu antworten.

BUCHARIN: Dann bitte ich den Bürger Vorsitzenden, mir zu erklären, ob ich das Recht habe, die Fragen zu stellen, die ich will, oder ob der Bürger Staatsanwalt meine Fragen bestimmt?

VORSITZENDER: Angeklagter Bucharin,. Jakowlewa wurde hierher gerufen, um Aussagen über Ihre antisowjetische Tätigkeit zu machen, über die Tätigkeit Bucharins, Nikolai Iwanowitsch. Im Zusammenhang mit ihren Aussagen wollten Sie ihr einige Fragen stellen, die Sie betreffen, aber nicht Fragen betreffs irgendwelcher anderer Personen.

BUCHARIN: Ganz richtig. Aber ich bitte den Bürger Vorsitzenden um Erklärung, ob ich das Recht habe, die Fragen zu stellen, die ich für notwendig halte, oder ob irgendein anderer, insbesondere der Bürger Staatsanwalt, ihren Charakter bestimmt. Wenn dem so ist, kann ich natürlich keine Fragen stellen.

VORSITZENDER: Sie haben eine Frage gestellt, und auf diese Frage haben Sie eine Antwort erhalten. Wünschen Sie, noch Fragen zu stellen?

BUCHARIN: Ja, ich wünsche das sehr.

WYSCHINSKI: Gestatten Sie mir folgende Bemerkung: ich halte es für notwendig, den Artikel 257 der Strafprozessordnung zu erklären, der erstens bestimmt, dass der Vorsitzende die gerichtliche Untersuchung leitet, und zweitens, dass in der gerichtlichen Untersuchung der Vorsitzende alles aus der gerichtlichen Untersuchung und aus den Auseinandersetzungen zwischen den Parteien entfernt, was keine Beziehung zur behandelten Sache hat.

BUCHARIN: Dann bitte ich mir zu erklären, Bürger Staatsanwalt...

VORSITZENDER: Der Bürger Staatsanwalt wird Ihnen nichts erklären.

BUCHARIN: Dann bitte ich den Bürger Gerichtsvorsitzenden mir zu erklären, ob die Frage über die Zusammensetzung der zentralen Gruppe der „linken Kommunisten“ eine Beziehung zur Sache hat oder nicht?

VORSITZENDER: Ich lehne Ihre Frage absolut ab. Haben Sie Fragen an die Zeugin Jakowlewa in Bezug auf das, was Sie betrifft, oder nicht?

BUCHARIN: Ich habe noch eine ganze Reihe von Fragen.

WYSCHINSKI: Ich bitte, Bucharin den Inhalt des Artikels 257 der Strafprozessordnung zu erklären, um im weiteren Missverständnisse zu vermeiden, und damit der Angeklagte Bucharin in Zukunft keine derartigen Fragen stellt.

VORSITZENDER: Ich verlese den Artikel 257 der Strafprozessordnung der RSFSR:
„Der Vorsitzende in der Gerichtsverhandlung leitet den Verlauf der Gerichtsverhandlung, beseitigt aus der gerichtlichen Untersuchung und aus dem Plädoyer alles, was mit der zu verhandelnden Sache nichts zu tun hat, lenkt die gerichtliche Untersuchung in der Richtung, die zur Aufdeckung der Wahrheit am meisten beiträgt.“

BUCHARIN: Muss ich das so verstehen, dass Sie diese Frage als eine Frage, die keine Beziehung zum Wesen der Sache hat, ablehnen?

VORSITZENDER: Angeklagter Bucharin, wenn Sie Fragen an die Zeugin Jakowlewa haben, so stellen Sie ihr konkrete Fragen.

BUCHARIN: Ja, ich habe Fragen. Ich bitte zu sagen, ob die Zeugin Jakowlewa leugnet, dass die „linken Kommunisten“ plus Trotzkisten vor dem Brester Frieden im Zentralkomitee die Mehrheit der Stimmen hatten?

VORSITZENDER: Was hat diese Frage mit Ihrer verbrecherischen Rolle zu tun?

BUCHARIN: Ich will damit motivieren und erklären, dass es vollkommen sinnlos war, eine Verschwörung anzustreben...

VORSITZENDER: Das Gericht interessiert Ihre Rolle in der Verschwörung gegen die Führer der Sowjetregierung, und davon handeln gegenwärtig die Aussagen.

BUCHARIN: Gut, dann gestatten Sie mir folgende Frage zu stellen. Leugnet die Zeugin Jakowlewa, dass die „linken Kommunisten“ sich bis zum Parteitag bemühten, in der Partei auf legalem Wege die Mehrheit zu bekommen?

VORSITZENDER: Das ist eine Frage, die in keinem Zusammenhang steht mit der Anklage, dass Sie eine Verschwörung gegen die Sowjetmacht organisierten, darum lehne ich sie ab.

BUCHARIN: Leugnet Jakowlewa, dass ich eins der Präsidiumsmitglieder des Kongresses in Moskau war, eines der Mitglieder des Präsidiums, das zur Zeit der Ermordung Mirbachs die Fraktion der „linken“ Sozialrevolutionäre verhaftete?

VORSITZENDER: Diese Frage hat mit Ihrer verbrecherischen Tätigkeit nichts zu tun. Ich lehne sie ab.

BUCHARIN: Leugnet die Zeugin Jakowlewa, dass ich im Jahre 1919 auf einer Versammlung des Moskauer Komitees durch eine Bombe der „linken“ Sozialrevolutionäre verwundet wurde?

VORSITZENDER: Die Frage hat zu der gegen Sie erhobenen Anklage wegen Verschwörung keinerlei Beziehung. Auch diese Frage lehne ich ab.

BUCHARIN: Ich habe keine Fragen mehr.

VORSITZENDER: Genosse Staatsanwalt, haben Sie Fragen an die Zeugin Jakowlewa?

WYSCHINSKI: Ich habe eine Frage an Bucharin. Trotz allem, mich interessiert, waren Sie im Jahre 1918 der Organisator der Verschwörung gegen die Sowjetmacht?

BUCHARIN: Ich habe, Bürger Staatsanwalt, zu dieser Frage ausgesagt und hatte eine Gegenüberstellung in Ihrer Anwesenheit. Ich sagte, dass ich bekenne...

WYSCHINSKI: Ich frage Sie. Wenn es Ihnen beliebt zu antworten, sprechen Sie; beliebt es nicht - antworten Sie nicht. Ich frage Sie, waren Sie im Jahre 1918 einer der Organisatoren der Verschwörung der „linken Kommunisten“ und der „linken“ Sozialrevolutionäre gegen die Sowjetmacht?

BUCHARIN: Der Vorbereitung einer solchen Verschwörung, ja.

WYSCHINSKI: Ungeachtet all der Fragen, die Sie der Zeugin Jakowlewa gestellt haben, kann man diese Frage so beantworten, dass Sie einer der Organisatoren der Verschwörung gegen die Sowjetmacht waren.

BUCHARIN: Aber ich spreche von genauen Daten und von genauen Tatsachen, und ich sage, ja, es gab einen solchen Moment, wo ich an Unterhandlungen verschwörerischen Charakters teilnahm, die durch Pjatakow geführt wurden.

WYSCHINSKI: Wie lange dauerte dieser „eine Moment“?

BUCHARIN: Er dauerte verhältnismäßig nicht lange, aus dem einfachen Grunde...

WYSCHINSKI: Also, wie lange ungefähr?

BUCHARIN: Ich denke, ungefähr einige Monate.

WYSCHINSKI: Ein Moment - der einige Monate Ihrer verschwörerischen Tätigkeit im Jahre 1918 dauerte.

BUCHARIN: Diese Tätigkeit äußerte sich in Unterhandlungen.

WYSCHINSKI: In Unterhandlungen, in Berechnungen des Erfolges, in der Vorbereitung von Maßnahmen jeglicher Art usw. Mit wem konkret führten Sie Unterhandlungen über die Verschwörung?

BUCHARIN: Ich gestehe zwei kriminelle Gespräche ein. Das erste Gespräch mit Karelin, Pjatakow und Kamkow vor dem Brester Frieden.

WYSCHINSKI: Sie halten dieses Gespräch für kriminell?

BUCHARIN: Ich halte dieses Gespräch für kriminell, weil...

WYSCHINSKI: Warum, frage ich nicht. Ich frage nur, ob Sie dieses Gespräch für kriminell halten?

BUCHARIN: Ja, ich halte es dafür. Das andere kriminelle Gespräch fand mit Pjatakow statt, der beauftragt war, Unterhandlungen gleicher Art mit der Gruppe der „linken“ Sozialrevolutionäre zu führen, mit Kamkow, Karelin und mit noch irgendjemand.

WYSCHINSKI: Hatten Sie persönlich mit irgendjemand von den „linken“ Sozialrevolutionären in der Frage der Verschwörung Verbindung?

BUCHARIN: Ich hatte in diesen Fragen keine Verbindung.

WYSCHINSKI: Hatten Sie mit Karelin irgendein Gespräch?

BUCHARIN: Ich hatte mit Karelin ein allgemeines Gespräch, aber anlässlich der Verschwörung hatte ich keine Gespräche. Und dann trat eine katastrophale Änderung der Situation ein, ich wurde nach Deutschland geschickt.

WYSCHINSKI: Gestatten Sie, Sie hatten mit Karelin kein Gespräch?

BUCHARIN: Ich hatte keins.

WYSCHINSKI: Und mit Kamkow?

BUCHARIN: Auch mit Kamkow hatte ich keins.

WYSCHINSKI: Ich frage Sie: hatten Sie 1918 im Zusammenhang mit Ihren verschwörerischen Plänen ein Gespräch mit Kamkow, einem Mitglied des Zentralkomitees der Partei der „linken“ Sozialrevolutionäre? Hatten Sie es oder hatten Sie es nicht?

BUCHARIN: Ich sage, ich hatte keins. Ich hatte ein Gespräch...

WYSCHINSKI: Erlauben Sie. Hatten Sie es oder hatten Sie es nicht? Man kann doch nicht so antworten. Hatten Sie ein Gespräch oder hatten Sie keins?

BUCHARIN: Nach dem Brester Frieden hatte ich keins, aber vor dem Brester Frieden hatte ich ein Gespräch.

WYSCHINSKI: Ich frage Sie: hatten Sie mit Kamkow ein Gespräch über die Verschwörung, über ein Thema verschwörerischen Charakters?

BUCHARIN: Ich habe doch gesagt, dass ich vor dem Brester Frieden ein Gespräch hatte, aber man kann es nicht so interpretieren wie Sie es interpretieren.

WYSCHINSKI: Gestatten Sie mir, Band 4, Blatt 92 zu verlesen, wo Kamkow aussagt: „Bucharin erklärte mir: der Kampf bei uns in der Partei gegen die Position Lenin s zur Frage des Brester Friedens nimmt scharfe Formen an, und in unseren Reihen wird die Schaffung einer neuen Regierung aus ‚linken’ Sozialrevolutionären und ‚linken Kommunisten’ diskutiert. Dabei nannte Bucharin Pjatakow als möglichen Kandidaten für den Führer der neuen Regierung und erklärte, dass der Wechsel der Regierung durch Verhaftung ihres Bestandes mit Lenin an der Spitze gedacht sei.“

Hat solch ein Gespräch stattgefunden?

BUCHARIN: Es war nicht ganz so, aber in dieser Art.

WYSCHINSKI: Diesem ähnlich. Ich habe keine Fragen mehr.

VORSITZENDER: Zeugin Jakowlewa, Sie werden nicht mehr gebraucht.

WYSCHINSKI: Ich würde bitten, sie für die Zeit der Befragung der anderen Zeugen im Sitzungssaal zu lassen, zu Gegenüberstellungen, die nötig werden können.

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