PROZESSBERICHT ÜBER DIE STRAFSACHE DES ANTISOWJETISCHEN
„BLOCKS DER RECHTEN UND TROTZKISTEN"

ABENDSITZUNG VOM 7. MÄRZ 1938

VERNEHMUNG DES ZEUGEN KAMKOW

VORSITZENDER: Gerichtskommandant, rufen Sie den Zeugen Kamkow.

VORSITZENDER: Ihr Name ist Kamkow, Boris Dawidowitsch?

KAMKOW: Ja.

VORSITZENDER: Sie waren im Jahre 1918 Mitglied des ZK der Partei der „linken“ Sozialrevolutionäre?

KAMKOW: Ja.

VORSITZENDER: Sie sind vorgeladen als Zeuge in Sachen Bucharins, Nikolai Iwanowitsch.
Sie werden ersucht, die Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten. Genosse Staatsanwalt, haben Sie Fragen?

WYSCHINSKI: Sagen Sie, Zeuge Kamkow, hatten Sie im Jahre 1918 mit Bucharin über gegenseitige und gemeinsame Aktionen der Gruppe der „linken Kommunisten“ und der Gruppe der „linken“ Sozialrevolutionäre verhandelt?

KAMKOW: Ja.

WYSCHINSKI: In welcher Richtung? Woran erinnern Sie sich von damals? Worüber haben Sie gesprochen, was wurde beabsichtigt, welche Pläne gab es, usw.? Sprechen Sie kurz.

KAMKOW: Ich erinnere mich an folgendes: einmal holte mich Bucharin im Smolny-Institut beim Verlassen des Zimmers ein, als wir, wie mir scheint, in der Richtung zum Versammlungssaale des Präsidiums des ZEK gingen. Es war noch jemand mit ihm. Ich kann mich nicht erinnern, wer es war. Mit mir war ebenfalls ein Genosse, ein „linker“ Sozialrevolutionär, ich kann mich jetzt auch nicht erinnern, wer es war. Hier hielt mich Bucharin an und sagte ungefähr folgendes: die Lage in der Partei der Bolschewiki werde in Verbindung mit der Einstellung zum Brester Frieden immer komplizierter und habe ziemlich scharfe Formen angenommen. Bei uns - sagte er - wird über die Frage der Möglichkeit der Bildung einer Anti-Brester-Regierung debattiert, aus „linken Kommunisten“ und „linken“ Sozialrevolutionären an der Spitze...

WYSCHINSKI: An der Spitze?

KAMKOW: Hier wurde der Name Pjatakows ausgesprochen, als des möglichen Vorsitzenden dieser neuen Regierung. Hier wurde ebenfalls - ich erinnere mich nicht in welchem Zusammenhang, aber es scheint mir auf meine Frage, wie man dies praktisch zu verwirklichen gedenke - der dann nach dem Auftreten Bucharins im Jahre 1924 in der Presse oft wiederholte Satz ausgesprochen, der das zum ersten Male den breiten Massen und überhaupt allen zur Kenntnis brachte, hier wurde der Satz von der Verhaftung Lenin s ausgesprochen.

WYSCHINSKI: Dieser Satz wurde von Ihnen oder von ihm ausgesprochen?

KAMKOW: Was die Frage betrifft, wer das ausgesprochen hat, kann ich folgendes sagen: in der ganzen Zeit des Bestehens der Partei der „linken“ Sozialrevolutionäre bis zu ihrem Verschwinden hat die Partei niemals den Versuch gemacht, die Verantwortung für die Ereignisse, welche sich im Zusammenhang mit dem Kampf gegen den Brester Frieden entwickelten, auf irgend jemand anders abzuwälzen. Was insbesondere mich betrifft, so habe ich in den schweren Zeiten, welche wir durchmachen mussten, nicht ein einziges Mal im Verlaufe vieler Jahre diese Frage aufgerollt, obwohl dieses Gespräch mit Nikolai Iwanowitsch Bucharin fest genug in meinem Gedächtnis haften geblieben ist. Und somit machte ich nicht den Versuch - was vielleicht in der Lage, in der ich mich befand, gewissermaßen natürlich gewesen wäre -, einen Teil der Verantwortlichkeit für die Ereignisse auf irgendjemand abzuwälzen, die sich im Zusammenhang mit dem Kampf gegen den Brester Frieden entwickelten. Von diesen Voraussetzungen ausgehend, denke ich, dass es für mich keinerlei Sinn hätte, die Sache anders darzustellen, als ich sie dargestellt habe. Die Tatsache unseres Gespräches selbst wurde zum ersten Male von Bucharin bekannt gegeben. Und ich muss sagen, dass ich bereits 1924 äußerst betroffen war, als ich in den Zeitungen diese ganze Geschichte las. Mich wunderte hier nicht, dass diese Tatsache bekannt gemacht wurde. Dafür gab es vielleicht ernste politische Erwägungen, und vielleicht stellte diese Tatsache kein ernstes Geheimnis dar. Aber mich wunderte, dass die Perspektive nicht richtig gestellt wurde, dass die Frage auf den Kopf gestellt worden war, dass die Worte, die Bucharin gesprochen hatte, mir zugeschrieben wurden.

WYSCHINSKI: Also meine Frage, von wem dieser Satz ausgesprochen wurde, von Ihnen oder Bucharin - beantworten Sie dahin, dass er von Bucharin ausgesprochen wurde?

KAMKOW: Ich antworte auf diese Frage: nicht ich, sondern Bucharin hat diese Worte ausgesprochen. Was das betrifft, auf wessen Seite hier die Wahrheit ist, da das Datum unseres Gesprächs vom heutigen Tage 20 Jahre zurückliegt, so muss ich sagen, dass die Sache nicht nur faktisch so war, wie ich mich ganz genau erinnere, sondern auch nicht anders sein konnte, aus folgenden Erwägungen: damit ich einem Mitgliede des Zentralkomitees der Partei der Bolschewiki einen Vorschlag über die Zusammensetzung einer Regierung ohne Lenin machen konnte, wobei vorgeschlagen wurde, Lenin zu verhaften, - musste ich irgendwelche Vollmachten haben. Andererseits musste ich die feste Überzeugung haben, dass dies nicht morgen schon dem Zentralkomitee der Partei der Bolschewiki im Ganzen bekannt wird und dass sich hieraus für uns nicht eine ganze Reihe ungünstigster Folgen ergeben. Außerdem stand in diesem Moment - und dies behaupte ich kategorisch - die Frage bei uns auch nicht so, und wir hatten keine Gedanken über eine Wendung der Sache durch die Verhaftung des Vorsitzenden der Regierung und anderer Mitglieder der Regierung, die auf der gleichen Position wie Lenin standen; wir hatten keinen solchen Gedanken, insbesondere nicht ich. Und ausgehend von dieser tatsächlichen Lage der Dinge, wie ich mich genau erinnere, ausgehend davon, dass mich niemand zu einem solchen Gespräch und zu einem solchen Vorschlag bevollmächtigte, konnte ich nicht von mir aus vor einem Mitglied des Zentralkomitees der bolschewistischen Partei auftreten. Endlich das dritte, ebenfalls recht wesentliche Argument. Bereits im Jahre 1924, als ich über diesen Vorfall in der Zeitung las, wo mein Name erwähnt und mir die Initiative zur Verhaftung Lenin s zugeschrieben wurde - eine genügend unangenehme Initiative -, schon damals verstand ich nicht, aus welchen Motiven diese Sache so dargestellt wurde, ob das ein einfaches Versagen des Gedächtnisses war oder ob damit irgendwelche politischen Aufgaben verfolgt wurden, die mir in jener Zeit nicht bekannt sein konnten, weil ich mich in der Verbannung in Tscheljabinsk befand, vom politischen Leben abgeschnitten war und die Motive nicht kennen konnte, die Nikolai Iwanowitsch Bucharin leiteten, als er diese Angelegenheit so darstellte. Ich wandte mich damals an den Vorsitzenden des Tscheljabinsker Gau-Exekutivkomitees Paramonow, der ebenfalls mit dieser Zeitung kam und fragte, was da los sei. Ich legte ihm die Sache dar und sagte, dass es mich wundere, wie diese Angelegenheit in einem etwas anderen Sinne dargestellt sei. Wir hatten dieses Gespräch, das ist eine Tatsache; und eine Tatsache ist es auch, dass es eine politische Bedeutung hatte und dass es jene Fragen betraf, bezüglich deren ich mich an den Vorsitzenden des Gau-Exekutivkomitees gewandt hatte, da ich dachte, dass ich indirekt etwas zur Korrektur des Fehlers beitragen kann. Indem ich diesen Teil meiner Aussagen zusammenfasse, muss ich sagen, dass ich an meinem Standpunkt festhalte und dass ich mich nicht irre, dass der Vorschlag zur Verhaftung Lenin s von Bucharin gemacht worden ist. Ich bürge natürlich nicht für einzelne Worte - zwanzig Jahre sind seither vergangen -, aber ich bürge für das Wesen dieses Gespräches, wie es damals stattfand, und ich bestehe darauf, dass es gerade von N. I. Bucharin ausging und nicht von mir.

WYSCHINSKI: Hatten Sie damals im Kampfe gegen die Sowjetmacht mit den „linken Kommunisten“ Kontakt?

KAMKOW: Was den Kontakt mit den „linken Kommunisten“ in jener Periode anbelangt, so würde ich Bedenken tragen, kategorisch zu antworten, dass es so einen Kontakt gegeben hat. Was gab es damals praktisch? Wenn Sie gestatten, werde ich eine gewisse Schlussfolgerung ziehen, damit es verständlich wird, warum es sich so abgespielt hat. Die Partei der „linken“ Sozialrevolutionäre organisierte sich und trennte sich von der Partei der Sozialrevolutionäre im Kampf gegen diese Partei hauptsächlich in der Frage des Krieges und des Friedens. Wir betrachteten in Verbindung damit einige Thesen der Zimmerwalder Konferenz als ein Dogma, von dem man sich keinesfalls losmachen dürfe; uns schien es, dass dies ein Verrat war, nicht ein subjektiver, aber ein objektiver, und deswegen gab es keine empfindlichere Frage für die Partei der Sozialrevolutionäre als die Frage über Krieg und Frieden und über die Taktik der sozialrevolutionären Parteien in dieser Frage. Es ist vollkommen verständlich, dass, als für uns völlig unerwartet aus revolutionär-strategischen Erwägungen heraus, die sich in der Folgezeit dann als ziemlich richtig erwiesen...

WYSCHINSKI: Ziemlich richtig oder absolut richtig?

KAMKOW: Absolut richtig. Als Lenin vorschlug, den Separatfrieden mit Deutschland zu schließen, einen Frieden, den er selbst als schändlich bezeichnete - einen Frieden mit Kontributionen und Annexionen - schien uns dies vollkommen unannehmbar.

WYSCHINSKI: Was unternahmen Sie, um diesen Frieden zu sprengen?

KAMKOW: Wir wandten alle Kräfte an, um diesen Frieden unmöglich zu machen und in dem einen oder anderen Grad seine Entwicklung zu vereiteln. Da wir aber eine Partei waren, die sich erst formierte, die noch nicht erstarkt war, wären wir dabei stehen geblieben, wären nicht so weit gegangen, wenn nicht parallel dazu eine andere Erscheinung gewesen wäre, die uns außerordentliche Hoffnungen machte.

WYSCHINSKI: Was machte Ihnen denn Hoffnungen?

KAMKOW: Das war das Vorhandensein der Gruppe der „linken Kommunisten“, Anti-Brest-Stimmungen in der Partei.

WYSCHINSKI: Anti-Brest- und anti Lenin sche Stimmungen in der Partei?

KAMKOW: Und so suchten wir im Zusammenhang damit natürlich die ganze Zeit den oder jenen Kontakt zu den „linken Kommunisten“.

WYSCHINSKI: Suchten und fanden ihn?

KAMKOW: Darauf werde ich sofort antworten. Wir suchten den Kontakt für die Möglichkeit eines gemeinsamen Kampfes gegen den Brester Frieden.

WYSCHINSKI: Wurde ein Abkommen mit den „linken Kommunisten“ über den Kampf gegen die Sowjetregierung, an deren Spitze Wladimir Iljitsch Lenin stand, erzielt?

KAMKOW: Mir ist auf diesem Gebiet bekannt...

WYSCHINSKI: Können Sie auf diese meine Frage antworten? Wurde ein Übereinkommen der „linken Kommunisten“ und der „linken“ Sozialrevolutionäre auf Grund gewisser Bedingungen über den gemeinsamen Kampf gegen die von W. I. Lenin geleitete Sowjetregierung erzielt?

KAMKOW: In welcher Periode?

WYSCHINSKI: In dieser Periode, in der Periode nach dem Brester Frieden oder, wenn Sie wollen, in der Brester Periode.

KAMKOW: Sie haben die Zeit bis zum Juliaufstand im Auge?

WYSCHINSKI: Bis zum Juliaufstand. Gab es ein Übereinkommen oder gab es keins?

KAMKOW: Ein solches Übereinkommen gab es, soweit es mir bekannt ist.

WYSCHINSKI: Gab es eines oder nicht?

KAMKOW: Sofern, als ich selbst nicht abschloss...

WYSCHINSKI: Sie waren doch Mitglied des ZK der „linken“ Sozialrevolutionäre; Sie müssen wissen, ob es ein solches Übereinkommen gab oder nicht.

KAMKOW: Ein solches Übereinkommen wurde erzielt.

WYSCHINSKI: Auf Grund welcher Bedingungen? Worin bestand dieses übereinkommen?

KAMKOW: Es fällt mir schwer, dieses Übereinkommen zu konkretisieren, aber ich kann das Gespräch wiedergeben, das ich mit Karelin hatte.

WYSCHINSKI: Was denn, ist das eine persönliche Angelegenheit Karelins? Tragen Sie als Leiter des ZK der „linken“ Sozialrevolutionäre dafür nicht die Verantwortung?

KAMKOW: Ich sage nicht, dass ich dafür die Verantwortung nicht trage.

WYSCHINSKI: War dies ein Übereinkommen Karelins oder eine Angelegenheit Ihres damaligen ZK der „linken“ Sozialrevolutionäre, in dem Sie einer der Führer waren und das unter Ihrer Führung arbeitete?

KAMKOW: Beschlüsse des ZK über ein solches Übereinkommen kenne ich nicht.

WYSCHINSKI: Sie wissen doch, dass nicht alles in Form von Beschlüssen gefasst wird.

Führten Sie diese Unterhandlungen mit Karelin als Mitglied des ZK der „linken“ Sozialrevolutionäre?

KAMKOW: Ja, als Mitglied des ZK.

WYSCHINSKI: Waren Sie über die Sache unterrichtet?

KAMKOW: Ich war über die Sache unterrichtet, man informierte mich.

WYSCHINSKI: Tragen Sie die Verantwortung für dieses Übereinkommen?

KAMKOW: Als Mitglied des ZK trage ich natürlich die Verantwortung für die Tätigkeit des ZK, obwohl diese Sache verschleiert wurde.

WYSCHINSKI: Erwiesen die „linken“ Sozialrevolutionäre Hilfe sowohl in organisatorischer wie in politischer Hinsicht?

KAMKOW: Ja.

WYSCHINSKI: War es so?

KAMKOW: Ja, so war es.

WYSCHINSKI: Und zweitens. Durch die gemeinsamen Aktionen der „linken“ Sozialrevolutionäre und der „linken Kommunisten“ sollte die Sowjetregierung gestürzt werden, an deren Spitze W. I. Lenin , Stalin und Swerdlow standen, und sollte eine neue Regierung aus „linken“ Sozialrevolutionären und „linken Kommunisten“ gebildet werden. Ist das so oder nicht?

KAMKOW: Es fällt mir schwer, das präzise zu sagen.

WYSCHINSKI: Aber der Sinn?

KAMKOW: Der Sinn ist ungefähr richtig.

WYSCHINSKI: Stellte der Aufruhr der „linken“ Sozialrevolutionäre im Jahre 1918 nicht eine Weiterentwicklung dieses Übereinkommens dar?

KAMKOW: Das ist schwierig, kategorisch zu antworten, ob er geplant war.

WYSCHINSKI: Aber stand er in Verbindung mit diesem Übereinkommen?

KAMKOW: Wenn wir überhaupt isoliert gewesen wären, wären wir „linken“ Sozialrevolutionäre nicht so weit gegangen.

WYSCHINSKI: Sie sind auf den Aufruhr eingegangen, in der Hoffnung...

KAMKOW: Auf die Anti-Brest-Stimmungen im Lande überhaupt und auf die Anti-Brest-Stimmungen in der Partei.

WYSCHINSKI: Auf wessen Hilfe rechneten Sie?

KAMKOW: Auf die Hilfe der „linken Kommunisten“.

WYSCHINSKI: Wussten die „linken Kommunisten“, dass Sie die Ermordung Mirbachs und die Organisierung des Juliaufruhrs vorbereiteten?

KAMKOW: Ich versuchte darauf zu antworten, irgendwie...

WYSCHINSKI: Ich frage sehr einfach, antworten Sie mir einfach, ja oder nein.

KAMKOW: Leider kann ich hier nicht ja oder nein antworten.

WYSCHINSKI: Und wie haben Sie in der Voruntersuchung auf diese Frage geantwortet?

KAMKOW: Ich trug ebenfalls Bedenken zu antworten.

WYSCHINSKI: Gestatten Sie mir, die Aussagen Kamkows zu verlesen, Band 44, Aktenblatt 42 (Rücks.), Verhör Kamkows durch den Staatsanwalt der Union, letzter Absatz: „Danach (d. h. nach der Darlegung des Übereinkommens und der Bedingungen) organisierten die ‚linken’ Sozialrevolutionäre die Ermordung Mirbachs und den Juliaufruhr.“ Ist das richtig?

KAMKOW: Richtig.

WYSCHINSKI: Nebenbei bemerkt, haken Sie an der Organisierung der Ermordung Mirbachs als Mitglied der Organisation der „linken“ Sozialrevolutionäre unmittelbaren Anteil genommen?

KAMKOW: Ja.

WYSCHINSKI: „Die ‚linken Kommunisten’ waren über die Vorbereitung der Ermordung Mirbachs und des Juliaufruhrs vollständig auf dem Laufenden.“ Bestätigen Sie das?

KAMKOW: Ich bestätige es.

WYSCHINSKI: Die „linken Kommunisten“ waren demnach über den Juliaufruhr informiert?

KAMKOW: Ja.

WYSCHINSKI: Vollkommen?

KAMKOW: Vollkommen, wie ich in der Voruntersuchung aussagte, gemäß jener Information, die ich von Karelin erhielt.

WYSCHINSKI: Nun, selbstverständlich, gemäß irgendeiner Information.

KAMKOW: Das wollte ich ja auch sagen.

WYSCHINSKI: Es ist also alles klar. Ich frage Sie, war insbesondere Bucharin als Führer der „linken Kommunisten“ davon unterrichtet, dass ein Aufruhr der Sozialrevolutionäre vorbereitet wurde, der auch im Juli 1918 zum Ausbruch kam?

KAMKOW: Gemäß der Information Karelins war er unterrichtet.

WYSCHINSKI: War er unterrichtet? Vollständig?

KAMKOW: Wahrscheinlich nicht teilweise, sondern vollständig.

WYSCHINSKI: Ich habe keine Fragen mehr.

BUCHARIN (an das Gericht): Ich habe Fragen. Ich möchte Boris Kamkow fragen, ob er bestätigt, was ich ihm bei der ersten Begegnung im Smolny sagte, dass bei uns in den Kreisen der „linken Kommunisten“ schon vor dem Gespräch mit ihm die Frage des Sturzes der Sowjetregierung, an deren Spitze Lenin stand, debattiert wurde?

KAMKOW: Über die Möglichkeit der Bildung einer Regierung aus „linken Kommunisten“ und „linken“ Sozialrevolutionären?

BUCHARIN: Ja. Wurde diese Frage debattiert?

KAMKOW: Ja.

BUCHARIN: Mehr brauche ich nicht.

WYSCHINSKI: Aber ich.

BUCHARIN: Bitte.

WYSCHINSKI: Was heißt: die Frage wurde debattiert?

KAMKOW: Meiner Meinung nach heißt: wurde debattiert - wurde beraten.

WYSCHINSKI: Und der Beschluss?

KAMKOW (schweigt)

WYSCHINSKI: Und Ihr Abkommen, von dem Sie gesprochen haben? Das Abkommen zwischen den „linken“ Sozialrevolutionären und den „linken Kommunisten“, von dem Karelin zu Ihnen gesprochen hat?

KAMKOW: Wenn Karelin es sagt, so war es auch so.

WYSCHINSKI: Ein Abkommen worüber?

KAMKOW: Darüber, dass wir bei unserer Aktion zum Umsturz Unterstützung von Seiten der „linken Kommunisten“ bekommen werden.

WYSCHINSKI: Es wurde also beschlossen, wenn es ein Abkommen gegeben hat.

KAMKOW: Von wem?

WYSCHINSKI: Von Ihnen und den „linken Kommunisten“.

KAMKOW: Ich verstehe diese Frage nicht. Wir fassten getrennte Beschlüsse, wir hatten keine gemeinsamen Beschlüsse. Wir beschlossen, Mirbach zu ermorden und den Brester Frieden zu sprengen.

WYSCHINSKI: Wurde das beschlossen?

KAMKOW: Ja.

WYSCHINSKI: Und daraufhin wurde der Aufruhr geplant? Wurde das beschlossen?

KAMKOW: Das wurde beschlossen.

WYSCHINSKI: So haben Sie auch gehandelt?

KAMKOW: So haben wir auch gehandelt.

WYSCHINSKI: Das heißt also, die Frage wurde nicht debattiert, sondern entschieden.

BUCHARIN: Gestatten Sie, aber...

WYSCHINSKI: Ich ersuche, dem Angeklagten Bucharin vorzuschlagen, sich nicht in das von mir angestellte Verhör einzumischen. Ich benehme mich mit genügender Zurückhaltung und verlange, dass auch mein Gegner sich mit Zurückhaltung benimmt. (Zu Kamkow) Ich frage Sie, gab es einen Beschluss, die Sowjetmacht zu stürzen?

KAMKOW: In einem solchen Aspekt...

WYSCHINSKI: In dem einzigen Aspekt - die Sowjetmacht zu stürzen?

KAMKOW: Bei uns wurde die Frage aufgerollt, den Brester Frieden zu sprengen, Mirbach zu ermorden und im bewaffneten Kampf zu versuchen, eine Anti-Brester-Regierung zu bilden.

WYSCHINSKI: Das wurde beschlossen oder bloß debattiert?

KAMKOW: Bei uns beschlossen.

WYSCHINSKI: Bei Ihnen wurde die Zweckmäßigkeit des Abschlusses eines Abkommens mit den „linken Kommunisten“ beraten oder beschlossen?

KAMKOW: Ich habe darauf schon geantwortet, dass es solche Sitzungen und Beratungen nicht gegeben hat.

WYSCHINSKI: Ich frage Sie nicht, ob es Sitzungen gab oder nicht. Mich interessiert die Frage, ob von Ihnen, dem Zentrum der „linken“ Sozialrevolutionäre, im Jahre 1918 der Beschluss gefasst wurde, den Kampf gegen die Sowjetregierung gemeinsam mit den „linken Kommunisten“ zu führen. Gab es einen solchen Beschluss?

KAMKOW: Einen solchen Beschluss gab es nicht.

WYSCHINSKI: Aber ein solches Einverständnis gab es?

KAMKOW: Bei uns wurde beschlossen, den Kampf gegen die Brester Regierung zu führen, ihn mit der Ermordung Mirbachs zu beginnen und, als unvermeidliche Folge, den bewaffneten Zusammenstoß bis zu Ende, bis zur Bildung einer Anti-Brester-Regierung zu führen. Das wurde bei uns fest beschlossen.

WYSCHINSKI: Und rechneten Sie in dieser Ihrer Operation auf die „linken Kommunisten“?

KAMKOW: Ja.

WYSCHINSKI: Warum? Weil Sie schon eine Vereinbarung getroffen hatten?

KAMKOW: Weil es gemäß der Information Karelins eine Vereinbarung darüber gab.

WYSCHINSKI: Sie haben also über das gemeinsame Vorgehen der „linken“ Sozialrevolutionäre und der „linken Kommunisten“ nicht nur debattiert, sondern eine Vereinbarung getroffen. Verstehe ich Sie richtig?

KAMKOW: Gemäß der Information Karelins betrachteten wir die Unterstützung von Seiten der „linken Kommunisten“ als...

WYSCHINSKI: Das heißt, Sie hatten eine Vereinbarung über die Zusammenarbeit getroffen.

KAMKOW: Richtig.

WYSCHINSKI: Ich habe keine weiteren Fragen.

BUCHARIN: Ich möchte eine Frage stellen. Bei der Konfrontierung sagte Kamkow aus, dass bei ihnen im ZK der „linken“ Sozialrevolutionäre diese Frage überhaupt nicht beraten wurde. Bestätigen Sie das? (Sich an Kamkow wendend) Die Frage bezüglich der Verständigung mit den „linken Kommunisten“ zum Sturze der Sowjetregierung?

KAMKOW: Ich erinnere mich nicht daran.

BUCHARIN: Jetzt möchte ich fragen...

WYSCHINSKI: Aus wem bestand damals das ZK der „linken“ Sozialrevolutionäre?

BUCHARIN: Ich habe meine Frage nicht beendigt, Bürger Staatsanwalt.

WYSCHINSKI: Und ich stelle meine Frage.

BUCHARIN: Ich bin im halben Satze stehen geblieben...

WYSCHINSKI: Sie haben eine Frage gestellt und die Antwort darauf bekommen.

Ich frage Sie (sich an Kamkow wendend), aus wem bestand damals das Zentralkomitee der „linken“ Sozialrevolutionäre?

KAMKOW: Aus mir, Karelin, Spiridonowa, Majorow, Proschjan, Trutowski.

WYSCHINSKI: Sind das alle?

KAMKOW: Ich kann es jetzt nicht genau sagen.

WYSCHINSKI: Wer leitete tatsächlich das Komitee? Wer spielte die aktivste, hervorragendste Rolle unter diesen Leuten?

KAMKOW: Wohl Spiridonowa.

WYSCHINSKI: Und weiter?

KAMKOW: Ich, Karelin, Proschjan.

WYSCHINSKI: Also eine Vierergruppe?

KAMKOW: Eine Gruppe der vier einflussreichsten Leute.

WYSCHINSKI: Spiridonowa Maria, Sie, Karelin und Proschjan. Bezüglich der Ermordung Mirbachs. Wurde diese Frage zu viert beschlossen?

KAMKOW: Dies ohne ZK.

WYSCHINSKI: Bezüglich des Juliaufruhrs, wer entschied diese Frage?

KAMKOW: Bei uns wurde er nicht speziell beraten, sondern insgesamt wurde die Frage zusammen mit...

WYSCHINSKI: Wer fasste den Beschluss?

KAMKOW: Das ZK.

WYSCHINSKI: Und dies, „obwohl es nicht beraten wurde“.

KAMKOW: Nicht speziell beraten wurde, sage ich.

WYSCHINSKI: Was heißt, nicht speziell beraten wurde?

KAMKOW: Da er sich aus der Ermordung Mirbachs ergab, so war dies eine einzige Beratung.

WYSCHINSKI: Gab es einen Beschluss des ZK, einen Aufruhr zu entfachen? Gibt es einen solchen Beschluss des ZK?

KAMKOW: Das stand nicht in unserem Beschluss, da es einen solchen Beschluss nicht gab.

WYSCHINSKI: Aber eine Entscheidung gab es?

KAMKOW: Eine Entscheidung gab es.

WYSCHINSKI: Das heißt, es gab keinen formulierten Beschluss, aber eine Entscheidung gab es.

KAMKOW: Entweder verstehe ich Sie nicht, oder wir sprechen über verschiedene Dinge.

WYSCHINSKI: Ich verstehe Sie sehr gut.

KAMKOW: Ich verstehe Sie überhaupt nicht.

WYSCHINSKI: Einen Beschluss gab es?

KAMKOW: Nein, gab es nicht. Wir entschieden die Frage so: Mirbach sollte ermordet werden, und dann sollten die Mitglieder des ZK in den Stab gehen für den Fall eines bewaffneten Kampfes, der als möglich, vielleicht sogar als unvermeidlich, angesehen wurde, -in den Stab in der Warsonofjewski-Gasse.

WYSCHINSKI: In den Popow-Stab?

KAMKOW: Ja, in den Popow-Stab.

WYSCHINSKI: Das war der Beschluss?

KAMKOW: Das war der Beschluss.

WYSCHINSKI: Und die Pläne darüber, wie vorzugehen sei, in welcher Richtung usw.?

KAMKOW: Im ZK wurde dies nicht beraten.

WYSCHINSKI: Nein? Aber was war es denn?

KAMKOW: Das waren Überlegungen darüber...

WYSCHINSKI: Das waren Überlegungen Kamkows, Karelins, und vielleicht hat Spiridonowa für sie alle überlegt?

KAMKOW: Ich kann das nicht sagen.

WYSCHINSKI: Jetzt möchte ich fragen: Sie sagten in der Voruntersuchung, dass mit den „linken Kommunisten“ ein Abkommen erzielt wurde. Ich habe Ihnen diese zwei Punkte bereits vorgelesen. Wer brachte dieses Abkommen zustande?

KAMKOW: Karelin.

WYSCHINSKI: In eigener Person?

KAMKOW: Er führte die Unterhandlungen.

WYSCHINSKI: In seinem eigenen Namen?

KAMKOW: Ich denke nicht. Er war Mitglied des ZK.

WYSCHINSKI: In wessen Namen denn?

KAMKOW: Er musste sie natürlich im Namen des ZK führen.

WYSCHINSKI: Im Namen Ihrer Partei?

KAMKOW: Wahrscheinlich im Namen der Partei.

WYSCHINSKI: Billigte sie diese seine Unterhandlungen?

KAMKOW: Ich habe Ihnen schon geantwortet, dass es keinen Bericht von ihm gegeben hat.

WYSCHINSKI: Und ohne Bericht - können Sie etwas sagen?

KAMKOW: Zweifellos.

WYSCHINSKI: Bin ich berechtigt., die Schlussfolgerung zu ziehen, dass das Abkommen der „linken“ Sozialrevolutionäre mit den „linken Kommunisten“ über gemeinsamen Kampf in den beiden Fällen, von denen wir hier gesprochen haben und die ich ergänzend bekannt geben werde, von Karelin mit Vertretern der „linken Kommunisten“ erzielt und vom Zentralkomitee der „linken“ Sozialrevolutionäre gebilligt wurde?

KAMKOW: Die Schlussfolgerung kann man ziehen, da aber Billigung nicht Beschlussfassung bedeutet, so ergibt sich daraus logisch...

WYSCHINSKI: Sie verstehen den Unterschied zwischen einem niedergeschriebenen Beschluss und der Billigung durch die aktivste Führergruppe dieser oder jener Institution. Oder muss man so sagen: Es gab keinerlei Abkommen der „linken“ Sozialrevolutionäre mit den „linken Kommunisten“, sondern Karelin hat irgendeine Verständigung auf sein eigenes Risiko abgeschlossen. Kann man so sagen?

KAMKOW: Nein, ich denke, das wird unrichtig sein.

WYSCHINSKI: Karelin hat also die Verständigung nicht auf sein eigenes Risiko hin erzielt, sondern im Namen wessen?

KAMKOW: Im Namen der Partei.

WYSCHINSKI: Ihre Partei hat das also gebilligt?

KAMKOW: Dadurch gebilligt, dass sie ihn nicht desavouierte.

WYSCHINSKI: Richtig. Folglich kann man sagen, dass die Partei das Abkommen getroffen hat?

KAMKOW: Ja.

WYSCHINSKI: So war es auch?

KAMKOW: Wenn man so sagen kann, so heißt das, dass es so war.

WYSCHINSKI: Ich habe keine weiteren Fragen.

BUCHARIN: Ich habe nur eine Frage: Ich möchte Kamkow bezüglich dessen fragen, ob ich und meine anderen damaligen Kollegen aus der Fraktion der „linken Kommunisten“ von dem Plan der Ermordung des deutschen Botschafters Graf Mirbach und des Juliaufruhrs nur durch Karelin gewusst haben?

KAMKOW: Nur durch ihn.

BUCHARIN: Und durch Proschjan haben Sie nichts davon erfahren?

KAMKOW: Durch Proschjan nicht.

BUCHARIN: Durch Spiridonowa haben Sie nichts gehört?

KAMKOW: Durch Spiridonowa persönlich habe ich es nicht gehört.

BUCHARIN: Haben Sie nichts gehört?

KAMKOW: Nichts.

BUCHARIN: Durch Trutowski haben Sie nichts gehört?

KAMKOW: Durch Trutowski habe ich nichts gehört.

BUCHARIN: Weiter habe ich keine Fragen.

WYSCHINSKI (zu Kamkow): Sagen Sie bitte, hatten Sie Gelegenheit, über dieses Thema mit Spiridonowa zu sprechen?

KAMKOW: Nein.

WYSCHINSKI: Hatten Sie Gelegenheit, mit Trutowski über dieses Thema zu sprechen?

KAMKOW: Nein.

WYSCHINSKI: Deswegen haben Sie auch nichts darüber gehört?

KAMKOW: Nichts.

WYSCHINSKI: Weitere Fragen habe ich nicht.

BUCHARIN: Dann gestatten Sie mir noch eine Frage. Ich möchte so sagen, Sie haben nichts gehört, weil Sie darüber nicht gesprochen haben, deshalb stelle ich Ihnen eine solche Frage - aber warum eigentlich haben Sie über eine solch äußerst wichtige Frage mit solchen hervorragenden Kollegen in der Führung Ihrer noch so jungen, noch nicht formierten Partei nicht gesprochen?

KAMKOW: Sehen Sie, bei uns in der Partei war die Lage noch nicht so, dass alle Fragen unbedingt beraten und debattiert wurden usw. Damals hatten wir im Zentralkomitee der „linken“ Sozialrevolutionäre einen noch ziemlich anarchischen Zustand.

WYSCHINSKI: Wie auch in der Gruppe der „linken Kommunisten“?

KAMKOW: So dass bei uns solche Tatsachen möglich waren, dass, nehmen wir an, Karelin Verhandlungen führt und den einen oder anderen nicht informiert. Und da es sich jetzt um den Aufstand der „linken“ Sozialrevolutionäre handelt: die Frage einer möglichen Unterstützung durch die Anti-Brest-Elemente war (mindestens begreife ich es so) nicht Gegenstand einer Beratung des ZK.

WYSCHINSKI: Gestatten Sie, im Zusammenhang mit dieser Frage, wer hauptsächlich hat also bei Ihnen die Verhandlungen mit den „linken Kommunisten“ über einen Block geführt?

KAMKOW: Karelin, genau weiß ich es aber nicht.

WYSCHINSKI: Ist Ihnen unbekannt, ob Karelin. vielleicht über dieses Thema mit Proschjan oder mit Spiridonowa gesprochen hat?

KAMKOW: Es ist möglich.

WYSCHINSKI: Weitere Fragen habe ich nicht.

BUCHARIN: Ich auch nicht.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis