PROZESSBERICHT ÜBER DIE STRAFSACHE DES ANTISOWJETISCHEN
„BLOCKS DER RECHTEN UND TROTZKISTEN"

ABENDSITZUNG VOM 7. MÄRZ 1938

FRAGEN DES STAATLICHEN ANKLÄGERS AN DIE MEDIZINISCHEN SACHVERSTÄNDIGEN

GERICHTSKOMMANDANT: Das Gericht erscheint. Bitte sich von den Plätzen zu erheben.

VORSITZENDER: Bitte sich zu setzen. Die Verhandlung geht weiter. Zur Feststellung einer Reihe von Umständen, die mit der Tötung von Alexej Maximowitsch Gorki, Walerian Wladimirowitsch Kuibyschew, Wjatscheslaw Rudolfowitsch Menshinski, Maxim Alexejewitsch Peschkow in Verbindung stehen, sowie zur Klarlegung einer Reihe von Umständen, die mit dem Versuch einer Vergiftung von Nikolai Iwanowitsch Jeshow in Verbindung stehen, lud das Militärkollegium des Obersten Gerichtshofes der UdSSR auf das Ansuchen des Staatsanwaltes der Union eine Sachverständigenkommission ein, bestehend aus dem Verdienten Wissenschaftler Professor Nikolai Adolfowitsch Schereschewski, dem Verdienten Wissenschaftler Professor Dmitrij Alexandrowitsch Burmin, dem Professor Wladimir Nikititsch Winogradow, Professor Dmitrij Michailowitsch Rossijski und dem Doktor der medizinischen Wissenschaften Wladimir Dmitrijewitsch Sipalow.
Die eingeladenen Sachverständigen befinden sich im Sitzungssaal: Professor N. A. Schereschewski, Professor D. A. Burmin, Professor W. N. Winogradow, Professor D. M. Rossijski, Doktor der Medizin W. S. Sipalow.

(Die eingeladenen Sachverständigen nehmen die für sie bestimmten Plätze ein)

WYSCHINSKI: Die Fragen der Anklage an die Sachverständigen bestehen in folgendem. Was den ersten Teil, die Tötung A. M. Gorkis betrifft, so lautet die erste Frage: ist es zulässig, dass einem Kranken mit scharf ausgesprochener Pneumosklerose, mit Vorhandensein von Bronchoektrasien und Kavernen, von Lungenemphysem und Entartung des Herzens und des Gefäßsystems, der an schweren periodischen Lungenblutungen leidet, ein Regime lang dauernder Spaziergänge nach dem Mittagessen, besonders in Verbindung mit ermüdender Arbeit, verordnet wird?

Die zweite Frage: Konnte ein derartiges Regime, längere Zeit hindurch durchgeführt, beim Kranken eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes und im Besonderen des Herzens und des Gefäßsystems hervorrufen?

Dritte Frage: Ist es zulässig, einen derartigen Kranken in einer Wohnung unterzubringen, in der notorisch Grippekranke vorhanden waren?

Vierte Frage: War die Behandlung des Kranken richtig, wurde die Kranken- und Behandlungsgeschichte A. M. Gorkis während seiner letzten Erkrankung vom 31. Mai bis zum 18. Juni 1936 richtig geführt?

Fünfte Frage: War überhaupt eine lang dauernde und gleichzeitige Anwendung großer Dosen von Herzmitteln intravenöse, subkutan und innerlich, nämlich von Digitalis, Digalen (Fingerhutpräparat), von Strophantin und Strophantos zulässig, im besonderen bei dem schwerkranken 68jährigen A. M. Gorki, der an der oben bezeichneten Affektion der inneren Organe litt?

Sechste Frage: Welches konnten die Folgen einer derartigen Behandlung für A. M. Gorki während seiner letzten Erkrankung sein?

Siebente Frage: Ist anzunehmen, dass genügend erfahrene Ärzte eine solche falsche Behandlungsmethode ohne böses Vorhaben anwenden konnten?

Achte Frage: Kann man auf Grund der Gesamtheit dieser Tatsachen als feststehend betrachten, dass die Behandlungsmethode A. M. Gorkis eine notorisch schädliche war, darauf gerichtet, seinen Tod zu beschleunigen, wobei für die Erreichung dieses verbrecherischen Zieles die speziellen Kenntnisse benutzt wurden, über welche die Angeklagten Lewin und Pletnjow verfügten?

Der zweite Teil betrifft die Tötung des Genossen Kuibyschew.

Erste Frage: War die Verordnung lang dauernder Anwendung großer Dosen von Digitalis (Fingerhut) beim Kranken W. W. Kuibyschew, der an Anfällen von Angina pectoris und an ausgedehnter Arteriosklerose litt, zulässig?

Zweite Frage: Konnte die Anwendung großer Dosen von Fingerhutpräparaten im Verlauf eines größeren Zeitraums (von mehreren Monaten) dazu beitragen, dass die Anfälle von Angina pectoris häufiger wurden?

Dritte Frage: Ist es zulässig, einem Kranken im Zustand von Anfällen von Angina pectoris zu gestatten, sich zu bewegen und Treppen zu steigen, und kann man einen Kranken im Anfall von Angina pectoris ohne die Erweisung unverzüglicher ärztlicher Hilfe lassen?

Vierte Frage: Kann man es auf Grund der Gesamtheit dieser Tatsachen als feststehend betrachten, dass die Methode der Behandlung W. W. Kuibyschews eine notorisch schädliche war, darauf gerichtet, seinen Tod zu beschleunigen, wobei für die Erreichung dieses Zieles sowohl die speziellen Kenntnisse benutzt wurden, über welche die Angeklagten verfügten, als auch die Methode der absichtlichen Nichterweisung ärztlicher Hilfe an W. W. Kuibyschew bei seinem neuerlichen Anfall von Angina pectoris?

Bezüglich der Tötung des Genossen Menshinski.

Erste Frage: War es zulässig, beim Kranken W. R. Menshinski, der an Arteriosklerose mit schweren Anfällen von Angina pectoris litt und einen Infarkt des Myokards aufwies, längere Zeit hindurch Fingerhutpräparate anzuwenden, besonders in Verbindung mit Lysaten, die die Wirkung der Fingerhutpräparate verstärken können?

Zweite Frage: Konnte die Anwendung einer derartigen Behandlungsmethode zur Erschöpfung des Herzmuskels und dadurch zum Eintritt des tödlichen Ausgangs beitragen?

Dritte Frage: Kann man auf Grund der Gesamtheit dieser Tatsachen als feststehend betrachten, dass die Angeklagten L. G. Lewin und I. N. Kasakow notorisch schädliche Behandlungsmethoden bei Genossen Menshinski anwandten und sich das verbrecherische Ziel setzten, einen möglichst raschen Eintritt seines Todes herbeizuführen, der auch das Ergebnis ihrer verbrecherischen Handlungen war?

Bezüglich der Tötung Maxim Alexejewitsch Peschkows. Erste Frage: Wurde die Behandlung M. A. Peschkows, der an kruppöser Lungenentzündung litt, wie sie in den Aussagen des Angeklagten Lewin dargestellt wird, richtig durchgeführt?

Zweite Frage: Konnte eine derartige falsche Behandlungsmethode, wie sie vom Angeklagten Lewin durchgeführt wurde, zum tödlichen Ausgang der Krankheit beitragen?

Dritte Frage: Kann man es als feststehend betrachten, dass der Angeklagte Lewin, der sich die Beschleunigung des Todes M. A. Peschkows zum verbrecherischen Ziel gemacht hatte, eine notorisch schädliche Behandlung zur Verwirklichung seines verbrecherischen Zieles angewandt hat?

Schließlich kommen die Fragen an die Sachverständigen bezüglich des Versuchs einer Vergiftung von Nikolai Iwanowitsch Jeshow.

Erste Frage: Kann man auf Grund der den Sachverständigen vorgelegten Materialien auf die Organisierung einer Vergiftung des Genossen N. I. Jeshows schließen und zu dem Schluss kommen, dass die Angeklagten G. G. Jagoda und P. P. Bulanow zur Erreichung ihres verbrecherischen Zieles äußerst gefährliche und sehr wirksame Verfahren der allmählichen Vergiftung des Genossen N. I. Jeshow angewandt haben?

Zweite Frage: Kann man es als feststehend betrachten, dass im Ergebnis der von den Angeklagten G. G. Jagoda und P. P. Bulanow angewandten Verfahren zur Vergiftung des Genossen N. I. Jeshow seiner Gesundheit ein bedeutender Schaden zugefügt wurde, und falls dieses Verbrechen nicht rechtzeitig entdeckt worden wäre, das Leben des Genossen N. I. Jeshow unmittelbar gefährdet war?

Es sei mir gestattet, ein Exemplar dieser Fragen an die Sachverständigen zu überreichen.

VORSITZENDER: Bitte.

(Staatsanwalt Genosse Wyschinski überreicht die aufgezählten Fragen an die Sachverständigen)

VORSITZENDER: Wird die Verteidigung an die Sachverständigenkommission zusätzliche Fragen haben?

VERTEIDIGER KOMMODOW: Die Verteidigung hat sich in der Pause mit den Fragen bekannt gemacht, hält sie für erschöpfend und keiner Ergänzung bedürftig.

VORSITZENDER: Haben die Angeklagten weitere Fragen an die Sachverständigen?

(Die Angeklagten: „Nein“)

Ich erläutere: die Sachverständigen können im Sitzungssaal bleiben, sie sind zur Einsichtnahme in sämtliche Materialien der Strafsache zugelassen und müssen im Ergebnis ihrer Arbeit dem Gericht ein Gutachten vorlegen, das dem Sachverhalt streng entspricht und aus den speziellen Kenntnissen resultiert, über die die Genossen Sachverständigen verfügen.

WYSCHINSKI: Es sei mir gestattet, mich an das Gericht mit einem Gesuch zu wenden: ich bitte den Sachverständigen klarzumachen, dass ihr Gutachten von ihnen auch auf Grund der Erklärungen abgegeben werden muss, die die in der vorliegenden Sache Angeklagten und der Zeuge Belostotzki vor dem Gericht machen werden, und infolgedessen halte ich die Anwesenheit der Sachverständigen im Sitzungssaal während dieser Zeit für unbedingt erforderlich.

VORSITZENDER: Ich hatte dies auch im Auge: werden die Genossen Sachverständigen sich während des Verhörs Lewins, Pletnjows und Kasakows im Sitzungssaal befinden, so werden sie dadurch über ihre Aussagen im Bilde sein. Die Verhandlung wird bis zum 8. März um 11 Uhr vormittags unterbrochen.

 

(Unterschrift)

Der Vorsitzende:
Vorsitzender des Militärkollegiums des
Obersten Gerichtshofes der UdSSR
Armee-Militärjurist W. Ulrich

Der Sekretär:
Militärjurist I. Ranges A. Batner

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