PROZESSBERICHT ÜBER DIE STRAFSACHE DES ANTISOWJETISCHEN
„BLOCKS DER RECHTEN UND TROTZKISTEN"

VORMITTAGSSITZUNG VOM 8. MÄRZ 1938

VERHÖR DES ANGEKLAGTEN LEWIN

 

GERICHTSKOMMANDANT: Das Gericht erscheint, bitte sich von den Plätzen zu erheben.

VORSITZENDER: Bitte sich zu setzen. Die Verhandlung geht weiter. Wir schreiten zum Verhör des Angeklagten Lewin. Angeklagter Lewin, bestätigen Sie die in der Voruntersuchung gemachten Aussagen?

LEWIN: Ich bestätige sie.

VORSITZENDER: Genosse Staatsanwalt, haben Sie Fragen?

WYSCHINSKI: Ich habe mehrere Fragen.
Angeklagter Lewin, erzählen Sie, wann und unter welchen Umständen machten Sie die Bekanntschaft von Jagoda und welche Resultate ergaben sich aus Ihren nahen Beziehungen zu Jagoda?

LEWIN: Meine Bekanntschaft mit Jagoda begann bereits anfangs der zwanziger Jahre. Ich behandelte die verstorbenen Dsershinski und Menshinski. Ich kam hin und wieder mit Jagoda zusammen und erwies ihm ärztliche Hilfe. Häufigere Zusammenkünfte mit ihm hatte ich ungefähr seit 1928 im Zusammenhang mit der Übersiedlung A. M. Gorkis nach Moskau.
Allen ist es bekannt, dass A. M. Gorki seit seinen jungen Jahren an Tuberkulose in sehr schwerer Form litt. Eine Reihe von Jahren, sowohl vor der Revolution als auch nach der Revolution, seit 1921 lebte er in Italien.
In diesen Jahren hatte A. M. Gorki sehr große Sehnsucht nach der Union, ihn bedrückte außerordentlich die Trennung von der Union, die Unmöglichkeit, häufig Nachrichten von dort zu erhalten. Immer häufiger sprach er von der Notwendigkeit, zurückzukehren. für immer zurückzukehren war für ihn infolge seines Gesundheitszustandes nicht möglich, und er fasste den Beschluss, periodisch nach der Union zu kommen. Seit 1928 kam er für die Sommermonate nach Moskau, wenn die klimatischen Verhältnisse in der Umgebung Moskaus für Lungen- und Herzkranke verhältnismäßig günstig sind, während es umgekehrt in Italien zu heiß wird. Von diesem Jahre an begann er, uns in den Sommermonaten zu besuchen und kehrte für die Wintermonate wieder nach Italien zurück.
Es wurde so eingerichtet, dass er in Italien unter der Beobachtung irgendeines der Sowjetärzte bleiben sollte. Da ich als sein ständiger Arzt galt, wurde mir der Auftrag zuteil, eine Gruppe von Ärzten und Professoren zu wählen, die dieses Halbjahr in drei Perioden von zwei Monaten teilten, und jeder blieb nun zwei Monate in Italien, um seine beständige hiesige Tätigkeit nicht für längere Zeit unterbrechen zu müssen. Zu dieser Gruppe gehörten ich und mehrere Lenin grader und Moskauer Ärzte. Jedes Mal kam ich mit ihm aus Italien, traf mit ihm in Moskau ein, fuhr mit ihm von Moskau als ständiger Arzt. Die übrigen taten es der Reihe nach.
Während seines Aufenthalts in Moskau besuchte ich A. M. Gorki als sein ständiger Arzt außerordentlich häufig. Er wohnte auf dem Lande in der Nähe von Moskau. Ich übernachtete bei ihm sogar in denjenigen Fällen, wo nichts Außergewöhnliches vorlag.
Gleichzeitig war auch Jagoda sehr oft in diesem Haus. Dort trafen wir uns häufig. Es bildeten sich Beziehungen nicht wie zwischen einem zufälligen Arzt und einem Patienten, sondern solche, miteinander bekannter Personen heraus.
In derselben Zeit wurden auch meine Besuche bei Jagoda, bei ihm in der Wohnung oder in seinem Landhause, häufiger, weil ungefähr, wie es scheint, seit 1930 seine Frau Awerbach häufig zu kränkeln begann, eine chronische Kranke, bei der auf Grund der Natur ihrer Erkrankung oft Verschärfungen ihres Zustandes eintraten. Während dieser Verschärfungen ihrer Krankheit musste ich bisweilen alltäglich das Haus besuchen, entweder allein oder mit irgend jemand von den Ärzten der Sanitätsverwaltung der Vereinigten Staatlichen Politischen Verwaltung, sogar mit dem verstorbenen Chirurgen Rosanow, der diesem Hause als Arzt nahe stand. Auf diese Weise bildete sich eine immer nähere Bekanntschaft heraus.
Es ist zu sagen, dass Jagoda sich mir gegenüber sehr gut verhielt, dass er mir verschiedene Aufmerksamkeiten erwies. Offen gestanden, schien mir dies nicht ungewöhnlich, weil wir Ärzte recht häufig sehen, dass Patienten uns gegenüber durch irgendetwas ihre Dankbarkeit äußern und ihre Aufmerksamkeit zeigen wollen. Mit einem Wort, darin erblickte ich nichts Anstößiges oder Unbegreifliches für mich. Diese Zeichen von Aufmerksamkeit seinerseits schmeichelten mir.

WYSCHINSKI: Worin äußerten sich diese Aufmerksamkeiten?

LEWIN: Nun, er hatte zum Beispiel wunderschöne Blumen, eine Orangerie und er schickte mir Blumen, schickte mir sehr guten französischen Wein. Einmal machte er mir ein für mich sehr wertvolles Geschenk: er übergab mir als Eigentum ein Landhaus in der Nähe von Moskau, wo ich 5 bis 6 Jahre lang mit meiner Familie die Sommermonate verbrachte.

WYSCHINSKI: Hat er das Landhaus. speziell für Sie erbaut?

LEWIN: Nein, das Landhaus übergab er mir als Eigentum...

WYSCHINSKI; Das heißt, er schenkte Ihnen das Landhaus?

LEWIN: Ja, ich betrachtete dies als Geschenk.

WYSCHINSKI: Hat Ihnen Jagoda bei Ihren Auslandsreisen Entgegenkommen erwiesen, indem er verschiedene Zollformalitäten aus dem Wege räumte?

LEWIN: Ja, er ließ der Zollbehörde mitteilen, dass man mich ohne Revision aus dem Ausland passieren lasse.

WYSCHINSKI: Wie haben Sie sich dies zunutze gemacht?

LEWIN: Ich brachte für meine Frau und für die Frauen meiner Söhne verschiedene Sachen mit, Kindersachen, Damensachen, brachte auch kleinere Geschenke für meine Kollegen...

WYSCHINSKI: Mit einem Wort, alles, was Sie wollten, brachten Sie zollfrei, ohne von der Zollbehörde behelligt zu werden?

LEWIN: Ja, aber das waren keine Wertsachen...

WYSCHINSKI: Natürlich, Sie handelten nicht mit diesen Wertsachen.

LEWIN: Ich brachte sie für die Verwandten mit.

WYSCHINSKI: Ich verstehe: für sich, für die Verwandten, für Freunde und Bekannte.

LEWIN: Natürlich.

WYSCHINSKI: Für Sie galten die Grenz- und Zollgesetze nicht?

LEWIN: Vollkommen richtig.

WYSCHINSKI: Und das geschah lange Zeit hindurch?

LEWIN: Im Jahre 1934 war ich noch im Ausland.

WYSCHINSKI: Und dieses „besondere“ Entgegenkommen Ihnen gegenüber begann wann?

LEWIN: Von meiner ersten Reise zu Alexej Maximowitsch im Jahre 1928 oder 1929 an bis zur jüngsten Zeit.

WYSCHINSKI: Nun, und weiter? Dies betrachteten Sie als gewöhnliche Beweise der Aufmerksamkeit? So äußern überhaupt Patienten ihre Aufmerksamkeit Ärzten gegenüber?

LEWIN: Wie Ihnen wahrscheinlich bekannt, ist es nicht so.

WYSCHINSKI: Weder durch Auslandsreisen, noch durch Geschenke, noch durch ein Landhaus, noch durch das Zollamt, noch durch Zölle?

LEWIN: Natürlich.

WYSCHINSKI: Sie betrachteten dies also als gewöhnliche Sache?

LEWIN: Für ihn war dies wahrscheinlich eine gewöhnliche Sache.

WYSCHINSKI: Und für Sie?

LEWIN: Für mich war dies natürlich keine gewöhnliche Sache.

WYSCHINSKI: Sie dachten nicht darüber nach, wozu dies geschieht, was der Grund dieser Aufmerksamkeit sei?

LEWIN: Ich dachte darüber nicht nach, weil ich glaubte, dass diese Sache für ihn von keiner großen Bedeutung sei, bei seiner Stellung waren dies geringe Aufmerksamkeitsbeweise.

WYSCHINSKI: Vergleichen Sie dies aber mit Ihrer Stellung, für Sie war dies eine gewöhnliche Erscheinung?

LEWIN: Natürlich war dies keine gewöhnliche Erscheinung. Aber es war auch kein gewöhnlicher Patient.

WYSCHINSKI: Ein ungewöhnlicher Patient erwies Ihnen somit ungewöhnliche Aufmerksamkeit?

LEWIN: Ja, ja, natürlich.

WYSCHINSKI: Sagen Sie bitte, was kam bei alledem heraus?

LEWIN: Für einen gewöhnlichen Kranken ist es schwer, ein Geschenk zu machen, da...

WYSCHINSKI: Entschuldigen Sie, ich muss Sie nochmals unterbrechen. Als man Sie von jeglichen Zollbesichtigungen befreite, glaubten Sie, dass dies natürlich und gesetzlich ist?

LEWIN: Ich hielt dies nicht für natürlich und gesetzlich, aber ich wusste, dass dies recht häufig geübt wird.

WYSCHINSKI: Von wem wird dies geübt und woher wussten Sie dies?

LEWIN: Ich wusste, dass eine ganze Reihe von Personen sich diplomatischer Pässe bedient usw.

WYSCHINSKI: Sie betrachteten sich also als Diplomat?

LEWIN: Natürlich nicht, ich betrachtete mich nicht so.

WYSCHINSKI: Sie begriffen, dass Sie sich eine grobe Verletzung der Sowjetgesetze zuschulden kommen ließen und verübten diese Ungesetzlichkeit zu eigennützigen Zwecken?

LEWIN: Ja, ich begriff es. Ich muss jedoch sagen, dass der Staat davon nur sehr kleine Verluste hatte, ich brachte etwa ein paar Krawatten mit, Kleinigkeiten.

WYSCHINSKI: Aber aus kleinen häufigen Verlusten kommt ein großer Verlust zustande. So rechtfertigt unter anderem jeder Verbrecher sein Verbrechen. Sogar derjenige, der eine Million Goldrubel stiehlt, kann in Bezug auf einen so mächtigen, reichen Staat, wie es der unsrige ist, sagen, dass der Verlust für den Staat dennoch ein geringer sei.

LEWIN: Gestatten Sie, Ihren Gedanken fortzuspinnen und in bar umzurechnen, wie viel die Zollbehörde erheben sollte. Es kommt dabei ein geringer Betrag heraus.

WYSCHINSKI: Bis jetzt begreifen Sie nicht die Schwere Ihres Verbrechens?

LEWIN: Nein, nein, ich begreife sie.

WYSCHINSKI: Dann fahren Sie in Ihren Erklärungen fort.

LEWIN: Ich muss eingestehen, dass mir diese Aufmerksamkeiten sogar schmeichelten. Das waren ja Aufmerksamkeiten seitens des Leiters eines solchen Organs wie der Vereinigten Staatlichen Politischen Verwaltung. Ich erblickte darin eine bestimmte Anerkennung und ein Vertrauen zu mir seitens des Leiters einer solchen Behörde. Mir konnte niemals das einfallen, wovon ich jetzt erfuhr.

WYSCHINSKI: Später ist es Ihnen eingefallen?

LEWIN: Ja, es ist mir eingefallen.

WYSCHINSKI: Wie geschah dies?

LEWIN: 1932 entschloss sich Alexej Maximowitsch, mit seiner ganzen Familie für immer nach Moskau überzusiedeln. Zur Familie gehörte sein Sohn Maxim Alexejewitsch Peschkow. Anfang 1933, im Winter, während eines meiner Besuche bei Jagoda begann er in seinem Landhaus beim Spaziergang mit mir ein Gespräch, auf das er einige Male zurückkam, ein Gespräch über den Sohn von Alexej Maximowitsch - Maxim Alexejewitsch Peschkow. Er sagte, er sei mit seiner Lebensweise, seinem Benehmen unzufrieden. Unzufrieden sei er damit, dass er keine Arbeit in die Hand nehme, dass er sich mit nichts beschäftige. Unzufrieden sei er damit, dass er spirituöse Getränke übermäßig gebrauche. Aber das war ein Gespräch, das mehr oder weniger der Tatsache entsprach, dass damals M. A. Peschkow, obwohl Vater zweier Kinder, keine ständige Arbeit hatte, sich mit keiner ständigen Arbeit befasste, keine bestimmte Beschäftigung hatte, einfach im Hause des Vaters lebte, so dass diese Gespräche mir vorläufig keinen besonderen Verdacht einflößten.
Während einer dieser Unterredungen sagte er mir: Sehen Sie, Max (so nannte er ihn) ist nicht nur ein nichtsnutziger Mensch, sondern übt auch auf seinen Vater einen schädlichen Einfluss aus. Der Vater liebt ihn, er aber nutzt das aus und schafft im Hause von Alexej Maximowitsch eine unerwünschte und. schädliche Atmosphäre. Man muss ihn beseitigen. Man muss es so machen, dass er umkommt.

WYSCHINSKI: Was heißt das?

LEWIN: Seinen Tod herbeiführen.

WYSCHINSKI: Das heißt ihn ermorden?

LEWIN: Natürlich.

WYSCHINSKI: Und Jagoda forderte Sie also auf, diese Sache zu verwirklichen?

LEWIN: Er sagte: „Sie müssen uns dabei helfen.“ Ich brauche wohl hier nicht die psychologischen Empfindungen wiedergeben, wie entsetzlich es für mich war, so etwas zu hören; ich glaube, dass dies begreiflich genug ist, später stellte sich jedoch eine ununterbrochene Verblüffung ein. Mich trennt davon ein Zeitraum von sechs Jahren, deshalb stehe ich nicht für eine stenographische Wiedergabe dieser Erzählung, sondern nur für ihren Inhalt ein. Weiter sagte er: Sie wissen, wer mit Ihnen spricht, der Leiter welcher Behörde mit Ihnen spricht? Sie wissen, dass ich für die Politik der Partei und für das Leben der größten Führer der Partei und der Regierung, sowie für das Leben und die Tätigkeit von Alexej Maximowitsch verantwortlich bin, folglich, falls es im Interesse von Alexej Maximowitsch notwendig ist, seinen Sohn zu beseitigen, so dürfen Sie vor diesem Opfer nicht haltmachen.

WYSCHINSKI: So begründete er dies?

LEWIN: Ja.

WYSCHINSKI: Was meinten Sie?

LEWIN: Ich meinte nichts. Er sagte: Vorläufig wollen wir das:. Gespräch sein lassen, Sie überlegen es sich zu Hause, und nach einigen Tagen werde ich Sie einladen.

WYSCHINSKI: Aber was überlegen?

LEWIN: Sich einverstanden zu erklären oder nicht.

WYSCHINSKI: Außerdem sollten Sie sich was noch überlegen?

LEWIN: Wie dies auszuführen ist.

Er sagte: „Berücksichtigen Sie, dass Sie nicht umhin können mir zu gehorchen, mir können Sie nicht entkommen. Habe ich Ihnen in dieser Hinsicht Vertrauen erwiesen, wird Ihnen in dieser Sache Vertrauen geschenkt, so müssen Sie dies schätzen und müssen dies ausführen. Sie werden niemandem davon erzählen können. Niemand wird Ihnen glauben. Nicht Ihnen, sondern mir wird man glauben. Zweifeln Sie nicht daran, Sie werden dies machen! Überlegen Sie, wie Sie es machen können, wen Sie dazu heranziehen können. Nach einigen Tagen werde ich Sie rufen lassen.“ Er wiederholte nochmals, dass bei Nichterfüllung mir und meiner Familie der Untergang drohe. Ich war der Meinung, dass ich keinen anderen Ausweg habe, dass ich mich ihm fügen müsse. Wiederum, wenn man von der Perspektive, vom heutigen Tag auf das Jahr 1932 zurückblickt, dann sieht man, wie sehr mir, als Parteilosem, Jagoda allmächtig schien, so war es natürlich sehr schwer, sich aus seinen Drohungen herauszuwinden, von seinen Befehlen loszukommen.

WYSCHINSKI: Und Sie haben es versucht?

LEWIN: Ich habe es innerlich versucht.

WYSCHINSKI: Innerlich, aber einen Widerstand gab es bei Ihnen nicht?

LEWIN: Nein.

WYSCHINSKI: Versuchten Sie zu protestieren, irgendjemand davon zu sagen, mitzuteilen?

LEWIN: Nein, ich tat nichts, ich machte keinen Versuch, mich zu drücken. Ich sagte niemandem davon und fasste einen Entschluss. Nachdem ich den Entschluss gefasst hatte, fuhr ich zu ihm. Jagoda sagte mir: „Ihnen allein wird es wahrscheinlich schwer fallen, das auszuführen. Wen gedenken Sie zu dieser Sache heranzuziehen?“ Ich antwortete ihm, dass es überhaupt sehr schwer sei, einen neuen Arzt in das Haus von Alexej Maximowitsch einzuführen, dort liebt man das nicht. Es gibt jedoch einen Arzt, der dennoch während meines Urlaubs bei Maxim Alexejewitsch war, das ist Dr. A. I. Winogradow aus der Sanitätsverwaltung der Vereinigten Staatlichen Politischen Verwaltung. Ihn kannte Krjutschkow gut. Winogradow war von ihm, wenn ich mich nicht irre, geschickt worden (Krjutschkow war der ständige Sekretär von Alexej Maximowitsch). Ich sagte, dass man ihn unbedingt zu dieser Sache heranziehen müsse. Sodann sagte ich noch, dass, falls es nötig sein sollte, noch jemand als Konsultanten heranzuziehen, so sei der einzige Konsultant, der in diesem Hause verkehrte, Professor Dmitrij Dmitrijewitsch Pletnjow. Ich wies damals nicht auf ihn konkret hin, sondern sagte ihm, dass, wenn es sich bei einer solchen Krankheit als erforderlich erweisen sollte, jemand als Konsultanten heranzuziehen, die einzige Person, die dorthin kommen könnte, D. D. Pletnjow sei. So verging das Jahr 1933. Er drängte mich.

WYSCHINSKI: Wer er?

LEWIN: Jagoda. Um diese Zeit entstand bei ihm ein neuer Plan. Bei den Begegnungen fragte mich Jagoda häufig nach dem Gesundheitszustand Wjatscheslaw Rudolfowitsch Menshinskis, des damaligen Vorsitzenden der Vereinigten Staatlichen Politischen Verwaltung, der damals schwer erkrankt war. Jagoda war Stellvertretender Vorsitzender der Vereinigten Staatlichen Politischen Verwaltung. Es ist zu sagen, dass Menshinski von den ersten Jahren der Revolution an mein ständiger Patient war. 1926 hatte er einen sehr schweren Anfall von Angina pectoris. Seit der Zeit war seine Gesundheit untergraben, er begann zu kränkeln. Ich, ebenso wie überhaupt jeder andere Arzt für innere Krankheiten, konnte ihm bei diesem Zustand nur wenig helfen, und, wie es in diesen Fällen stets zu geschehen pflegt, beginnt man nach Zaubermitteln zu suchen. Als ein derartiges Zaubermittel galt damals das Mittel von Professor Schwarzmann, das Myol, für das er als Rettungsmittel bei Angina pectoris Reklame machte. Schwarzmann wurde aus Odessa geholt und machte eine Zeitlang auf Menshinski einen guten Eindruck. Später jedoch - Enttäuschung über Schwarzmann. Sodann machte sich eine andere Reklame geltend. Man begann von Ignatij Nikolajewitsch Kasakow zu schreien, und dann wandte sich Menshinski an Kasakow.
1932 wurde Wjatscheslaw Rudolfowitsch ständiger Patient Kasakows. Er wurde nicht allein sein ständiger Patient, sondern half auch seinen Ruhm verbreiten, er gehörte damals zur kleinen Gruppe der großen Männer, denen es schien, dass er ihnen außerordentlich helfe. Und dieses Geschrei um Kasakow, diese bestfindigen Streitigkeiten um diesen Arzt in Moskau, führten dazu, dass der Rat der Volkskommissare eine spezielle Sitzung einberief, die der Behandlung mit Kasakows Methoden gewidmet war, dieser Sitzung wohnte Menshinski bei und trat dort für den Ruhm Kasakows ein.

WYSCHINSKI: Sitzungen, die in den Regierungsbehörden stattfanden, haben mit der vorliegenden Frage nichts zu tun.

LEWIN: Ich spreche von der Sitzung, in der von den Lysaten Kasakows die Rede war.

WYSCHINSKI: Erzählen Sie, was Ihnen konkret Jagoda von Menshinski sagte.

LEWIN: Auf diese Frage antwortete ich sofort Jagoda...

WYSCHINSKI: Auf welche Frage?

LEWIN: Einige Male fragte er einfach nach dem Gesundheitszustand Menshinskis und im Oktober oder November fragte er mich wiederum: „Wie steht's um die Gesundheit Menshinskis?“ Ich sagte, dass sie nach den mir vorliegenden Mitteilungen sehr schlecht ist. Da sagte er: „Wozu hinziehen? Er ist ein dem Tode geweihter Mensch.“ Er galt auch damals im Sinne einer Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit als fast hoffnungslos krank.

WYSCHINSKI: Sagten Sie Jagoda, dass Menshinski um sein Leben noch eine unbestimmt lange Zeit kämpfen kann?

LEWIN: Verzeihen Sie, ich habe Ihre Frage nicht gehört.

WYSCHINSKI: Ich frage Sie: Erwiderten Sie nicht auf die Frage Jagodas nach dem Gesundheitszustand Menshinskis, dass Menshinski noch eine unbestimmte Zeit lang kämpfen könne?

LEWIN: Ja, natürlich.

WYSCHINSKI: Und was erwiderte Jagoda darauf?

LEWIN: Er sagte: „Mir liegen Mitteilungen vor, dass er ein lebender Leichnam ist.“

WYSCHINSKI: Sagte er nicht anders, nämlich „wozu ist das nötig?“

LEWIN: Er sagte es.

WYSCHINSKI: Sagte er nicht, dass man dies beschleunigen müsse?

LEWIN: Ja, er sagte es. Ich komme gleich darauf zurück. Ich sagte ihm damals, dass er seit 1932 ein eifriger Verehrer von Doktor Kasakow ist, und falls die Frage so steht...

WYSCHINSKI: Sprechen Sie offen, genieren Sie sich nicht.

LEWIN: Ich spreche offen.

WYSCHINSKI: Sprach Ihnen Jagoda nicht davon, dass man Menshinski töten müsse?

LEWIN: ja, er sprach davon.

WYSCHINSKI: Und Sie sagten damals, wen man dazu heranziehen müsste?

LEWIN: Dr. Kasakow.

WYSCHINSKI: Wozu holten Sie Kasakow herbei? Zwecks Heilung oder Tötung?

LEWIN: Zur Tötung.

WYSCHINSKI: Warum gerade Kasakow?

LEWIN: Er behandelte mit Lysaten und die Lysate stellte Kasakow selbst in seinem Laboratorium her.

WYSCHINSKI: Er konnte also alles, was ihm beliebte, herstellen?

LEWIN: Er konnte solche Lysate herstellen, die nicht halfen, sondern schadeten.

WYSCHINSKI: Das ist gleichbedeutend mit Gift?

LEWIN: Ganz richtig. Da sagte ich Jagoda: „Da im Behandlungsverlauf Unterbrechungen, Pausen vorkommen, und ich zu Zeiten derartiger Unterbrechungen Wjatscheslaw Rudolfowitsch Menshinski besuche, so kann ich die Lysate mit irgendeinem Herzmittel verbinden, das in Kombination mit den Lysaten Schaden zufügen könnte.“

WYSCHINSKI: Sie erklärten dies Jagoda?

LEWIN: Ja, ich erklärte dies Jagoda.

WYSCHINSKI: Und Jagoda, was sagte er?

LEWIN: Er sagte, dass er mit Kasakow sprechen und eine Direktive geben werde. Als ich Kasakow Ende 1933 traf, erfuhr ich, dass ihn Jagoda zu einer Unterredung habe rufen lassen, er wisse, was er zu tun habe, und werde sich mit mir besprechen, wie die Lysate herzustellen seien. Mich fragte er, welche Herzmittel ich bei meinem Besuch empfehlen werde.

WYSCHINSKI: Angeklagter Kasakow, Sie bestätigen die gegenwärtigen Aussagen Lewins?

KASAKOW: In der Hauptsache bestätige ich sie.

WYSCHINSKI: Sie bestätigen, dass Lewin mit Ihnen Rücksprache genommen hat?

KASAKOW: Ja.

WYSCHINSKI: Und was hat er Ihnen gesagt?

KASAKOW: Ich traf mit Lewin dreimal zusammen und er zog mich allmählich heran, es fand eine Unterredung im Mai, im Juni und endlich im Oktober statt.

WYSCHINSKI: In welchem Jahr?

KASAKOW: Im Jahre 1933.

WYSCHINSKI: Es fanden also 1933 drei Begegnungen statt?

KASAKOW: Drei Begegnungen.

WYSCHINSKI: Bei der ersten Begegnung im Mai, worüber unterhielten Sie sich?

KASAKOW: Hier äußerte er sein Beileid, dass ich von den Ärzten isoliert bin, dass die Ärzte mich angreifen und dass ich mich in einer so schweren Lage befinde. Er empfahl mir, mich den Ärzten zu nähern, wobei er sagte: „Mit Ihnen werde ich noch besonders zu sprechen haben.“ Ich fragte: worüber? Er sagte: „Über die Gesundheit Menshinskis.“

WYSCHINSKI: Einpfahl er Ihnen, sich einem bestimmten Arzt, oder überhaupt den Ärzten zu nähern?

KASAKOW: Ich hielt mich abseits, weil ein sehr harter Kampf vor sich ging.

WYSCHINSKI: Und Lewin äußerte Ihnen sein Beileid?

KASAKOW: Während der Mai-Unterredung sagte er, dass ich mir ohne jeglichen Grund mit Menshinski zu schaffen mache. Menshinski sei ein lebender Leichnam. Ich war der Ansicht, dass sich bei Menshinski eine Chronio-Sepsis entwickelte. Lewin war mit mir nicht einverstanden, und die Folge davon war, dass ich beiseite geschoben wurde. Ich erklärte ihm in schroffer Form, dass ich mit seinem Verhalten mir gegenüber unzufrieden bin. Er sagte mir: „Über diese Frage werden wir uns besonders unterhalten.“ Allerdings hatte mich diese seine zynische Antwort, dass Menshinski ein Leichnam sei und es sich nicht lohne, sich mit ihm zu schaffen zu machen, unangenehm berührt.

WYSCHINSKI: Warum unangenehm berührt?

KASAKOW: Weil dies zynisch ist. Ich wusste, dass Wjatscheslaw Rudolfowitsch, als er sich von mir behandeln ließ, wiederhergestellt wurde.

WYSCHINSKI: Mit einem Wort, seine Erklärung klang für Sie zynisch?

KASAKOW: Natürlich zynisch. Kaum war bei ihm eine Besserung eingetreten, als ich plötzlich beiseite geschoben wurde.

WYSCHINSKI: Wer schob Sie beiseite?

KASAKOW: Lewin. Am 5. März erschien ich von neuem und wurde dann von neuem bis zum Juni beiseite geschoben. Ich sagte es ihm.

WYSCHINSKI: Und was antwortete er?

KASAKOW: Er? Wie immer: mit einem Lächeln...

WYSCHINSKI: Und weiter?

KASAKOW: Im Juni traf ich mich mit ihm. Er äußerte die Meinung, dass ich mit meiner Diagnose einer sich bei Menshinski auf Grund einer Grippe entwickelnden Chronio-Sepsis Recht hatte. Dort war eine Gruppe von Ärzten, und diese hatten nichts dagegen, dass ich ihn zu behandeln beginne.

WYSCHINSKI: Ihre Erzählung ist sehr weitschweifig. Wir werden Sie ja noch besonders zu verhören haben. Jetzt erzählen Sie kurz, worüber das zweite Gespräch stattfand.

KASAKOW: Er sagte, er habe nichts dagegen, dass ich an die Behandlung Menshinskis herantrete...

WYSCHINSKI: Mit einem Wort, er ließ Sie zu?

KASAKOW: Ja. Ich trat an die Behandlung Menshinskis heran.

WYSCHINSKI: Und Sie waren nicht erstaunt?

KASAKOW: Er sagte einen einzigen Satz: „Ich glaube, Sie haben mich verstanden.“

WYSCHINSKI: Und Sie haben ihn verstanden?

KASAKOW: Ich habe nichts verstanden.

WYSCHINSKI: In Fällen, wo man nicht begreift, wenn man einem sagt: „Sie haben mich verstanden“, fragt man: „Um was handelt es sich“. Und haben Sie gefragt?

KASAKOW: Ich hatte einen großen Negativismus...

WYSCHINSKI: Was heißt das russisch?

KASAKOW: Ein übelwollendes Verhalten zu Lew Grigorjewitsch.

WYSCHINSKI: Um so mehr hätte. man fragen müssen, was dieser doppelsinnige Ausdruck bedeutet.

KASAKOW: Man hätte müssen, aber ich tat dies nicht.

WYSCHINSKI: Vielleicht haben Sie ihn wirklich verstanden?

KASAKOW: Nein, nein.

WYSCHINSKI: Er sagte Ihnen also: „Sie haben mich verstanden?“ Und was erwiderten Sie darauf?

KASAKOW: Ich sah ihn einfach an, glotzte ihn an und sagte nichts. Ich begann die Behandlung Menshinskis, und Menshinski genas.

WYSCHINSKI: Reden Sie weniger von Ihren Verdiensten, sondern zur Sache. Weshalb fragten Sie ihn nicht: „Um was handelt es sich? Ich verstehe Sie nicht.“ Gewöhnlich fragt man dann nicht, wenn man versteht. Nicht wahr?

KASAKOW: Ja, das ist wahr.

WYSCHINSKI: Sie errieten damals irgendetwas?

KASAKOW: Nein, in jenem Augenblick erriet ich nichts. Später, im Oktober sagte er: „Ich hielt Sie für klüger, und Sie haben mich nicht verstanden.“

WYSCHINSKI: Worin sollte sich Ihre Klugheit äußern?

KASAKOW: Er sagte mir in schroffem Ton: „Ich wundere mich über Sie, dass Sie sich so eifrig an die Behandlung Menshinskis machten und sogar seine Gesundheit festigen, ganz unnütz haben Sie ihn zur Arbeit zugelassen.“ Und weiter drückte er sich so aus, „Sie reizen dadurch Jagoda“.

WYSCHINSKI: Und wie reagierten Sie darauf?

KASAKOW: Und er fügte hinzu, dass dabei nichts Gutes herauskommen werde.

WYSCHINSKI: Und was machten Sie?

KASAKOW: Ich hörte, was weiter sein wird.

WYSCHINSKI: Warum hörten Sie? War denn nicht bereits klar, worauf dies hinausläuft?

KASAKOW: Ich wollte hören, wie weit er gehen wird.

WYSCHINSKI: Und wie weit ging er?

KASAKOW: Im Oktober sagte mir Lewin: „Begreifen Sie doch,. dass Menshinski in Wirklichkeit ein Leichnam ist, und Sie stellen seine Gesundheit wieder her, lassen ihn zur Arbeit zu, dadurch bringen Sie Jagoda gegen sich auf. Begreifen Sie doch, dass Jagoda an der Beseitigung Menshinskis interessiert ist, und wenn Sie sich ihm nicht fügen, wird Jagoda mit. Ihnen schon fertig werden.“

WYSCHINSKI: Er schüchterte Sie ein?

KASAKOW: Ja. Sie sprechen kein Wort darüber zu Menshinski,. Sie werden Jagoda sowieso nicht entgehen. Jagoda ist ein Mann, der vor nichts haltmacht, er wird Sie unter der Erde hervorholen.

WYSCHINSKI: So hat er Sie eingeschüchtert?

KASAKOW: Er erklärte das in einer derartigen Form.

WYSCHINSKI: Sie erschraken?

KASAKOW: Ich wurde nachdenklich. Weiter sagte mir Lewin „Haben Sie im Auge, dass Jagoda mit Ihnen sprechen wird.“ - Aufrichtig gesagt, verlor ich dann vollkommen den Kopf, erschrak, wusste nicht, was tun.

WYSCHINSKI: Was erwiderten Sie Lewin?

KASAKOW: Ich erwiderte nichts.

WYSCHINSKI: Folglich haben Sie alle drei Male nichts erwidert, haben geschwiegen?

KASAKOW: Ich wusste nichts auf diese zynischen Gespräche zu antworten. Vielleicht ist Lewin ein Agent Jagodas, weil er gar keinen Grund hatte, mit mir so offen zu sprechen.

WYSCHINSKI: Folglich behaupten Sie, dass Lewin Sie einschüchterte, Ihnen drohte?

KASAKOW: Ja.

WYSCHINSKI: Angeklagter Lewin, ist das richtig, was Kasakow erzählt?

LEWIN: Ich weiß nicht, ob ich gleich hier, in diesem Augenblick oder später einwenden soll. Hier gibt es so viel Verwirrung....

WYSCHINSKI: Die Aufgabe der gerichtlichen Untersuchung besteht eben darin, den ganzen Wirrwarr zu entwirren.

LEWIN: Ich weiß nicht, was hier die Ausdrücke wie „Einschüchterung“, „glotzende Augen“, die Berufung daraus, dass er mich auf Grund des Ausdrucks meiner Augen allein verstehen soll, bedeuten sollen. Ich hielt Kasakow nicht für so klug, dass er mir meine Gedanken von den Augen ablesen könnte.

Ich glaube, es lohnt sich nicht, auf diese Kleinigkeiten einzugehen. Natürlich, falls das Gericht verlangen sollte, kann ich alles ausführlich erzählen.

WYSCHINSKI: Ich frage Sie, suchten Sie wirklich Kasakow einzuschüchtern?

LEWIN: Das ist schon deshalb phantastisch, weil mein ganzes Gespräch mit Jagoda über Menshinski im Herbst 1933 stattfand, und da sollte ich im Mai wissen, dass man Menshinski töten soll. Kasakow datiert mein Gespräch vom Mai.

KASAKOW: Das erste Gespräch war im Mai.

WYSCHINSKI: Beim ersten Gespräch suchte er Sie einzuschüchtern?

KASAKOW: Nein, das zweite Gespräch war im Juni.

WYSCHINSKI: Hat er Sie damals einzuschüchtern versucht?

KASAKOW: Nein.

WYSCHINSKI: Sondern wann?

KASAKOW: Im Oktober, als ich aus Kislowodsk zurückkam, da. sagte er es mir offen.

LEWIN: Ja, damals sagte ich Kasakow, Jagoda habe dies und. das gesagt, er wird Sie zu sich rufen und Ihnen die Einzelheiten erzählen.

WYSCHINSKI (zu Kasakow): Das hat Ihnen Lewin gesagt?

KASAKOW: Ja.

WYSCHINSKI: Angeklagter Lewin, Sie stellen es in Abrede, dass Sie Kasakow einzuschüchtern versuchten?

LEWIN: Ich sagte, dass ich von Jagoda so sehr eingeschüchtert bin...

WYSCHINSKI: Selbst eingeschüchtert?

LEWIN: Ich sagte, dass ich keine Möglichkeit habe, gegen ihn anzukämpfen.

WYSCHINSKI: Angeklagter Kasakow, spricht Lewin die Wahrheit?

KASAKOW: Lewin sagte den einen Satz: Jagoda ist ein Mann, der vor nichts haltmacht und der Sie sicherlich ums Leben bringen wird, wenn Sie ihm Widerstand leisten.

LEWIN: Das ist ganz richtig.

WYSCHINSKI: Sie sagten das?

LEWIN: Ja.

WYSCHINSKI: Und was folgt daraus?

LEWIN: Wenn es Ihnen beliebt, kann ich Ihnen vom Gespräch im Mai-Juni erzählen.

WYSCHINSKI: Nein.

LEWIN: Ich glaube ebenfalls, dass es sich nicht lohnt.

WYSCHINSKI: Folglich?

LEWIN: Wenn Jagoda zu allem entschlossen ist...

WYSCHINSKI: Muss man sich fügen?

LEWIN: Ja.

WYSCHINSKI: Sie sagten dies?

LEWIN: Ja, und wir entschieden uns.

KASAKOW: Ich habe nichts entschieden.

WYSCHINSKI: Sagte Ihnen Lewin, dass Jagoda Sie zu sich rufen lassen wird?

KASAKOW: Er sagte es.

WYSCHINSKI: Und Sie antworteten?

KASAKOW: Nein, ich antwortete nichts.

WYSCHINSKI: Womit endete Ihr Gespräch?

KASAKOW: Wir unterhielten uns...

WYSCHINSKI: Eine Vereinbarung war erzielt?

KASAKOW: Nein, ich sagte ihm nichts.

WYSCHINSKI: Angeklagter Lewin, sagte Ihnen Kasakow nichts?

LEWIN: Bis zur Begegnung mit Jagoda nichts.

WYSCHINSKI: Folglich bestand Ihre Aufgabe darin, Kasakow über die bevorstehende Begegnung mit Jagoda zum Zweck eines verbrecherischen Gespräches zu informieren?

LEWIN: Ja. Ich setzte Kasakow in Kenntnis, dass Jagoda ihn einladen und ihm alles erzählen wird.

WYSCHINSKI: Angeklagter Jagoda, erteilten Sie Lewin den Auftrag, Kasakow zu einem Gespräch zu Ihnen einzuladen?

JAGODA: Ich sehe diesen Menschen zum ersten Mal hier.

WYSCHINSKI: Sie haben also einen solchen Auftrag Lewin nicht erteilt?

JAGODA: Ich gab Lewin den Auftrag, Rücksprache zu nehmen...

WYSCHINSKI: Mit wem?

JAGODA: Mit Kasakow, aber persönlich empfing ich ihn nicht.

WYSCHINSKI: Ich frage Sie nicht, ob Sie ihn empfangen haben oder nicht, sondern ich frage, ob Sie Lewin den Auftrag gaben, mit Kasakow Rücksprache zu nehmen?

JAGODA: Einen Auftrag, mit Kasakow Rücksprache zu nehmen, erteilte ich nicht.

WYSCHINSKI: Soeben sagten Sie jedoch, dass Sie Lewin einen solchen Auftrag gaben?

JAGODA: Ich gab Lewin den Auftrag, Alexej Maximowitsch Gorki und Kuibyschew zu töten und weiter nichts.

WYSCHINSKI: Und was Menshinski betrifft?

JAGODA: Ich habe weder Menshinski noch Max Peschkow getötet.

WYSCHINSKI: Dies werden wir besprechen, sobald ich Sie verhören werde. Für mich ist augenblicklich wichtig nachzuprüfen, ob Lewin die Wahrheit spricht, dass Sie ihn beauftragt hätten, mit Kasakow Rücksprache zu nehmen und ihm mitzuteilen, dass sie ihn zu sich rufen werden.

JAGODA: Ich erteilte Lewin keine Aufträge, mit Kasakow zu sprechen.

WYSCHINSKI: Sie gaben keine Aufträge?

JAGODA: Nein.

WYSCHINSKI: Lewin, Sie hörten diese Erklärung Jagodas?

LEWIN: ,Jawohl.

WYSCHINSKI: Wer hat Recht?

LEWIN: Ich weiß nicht, wie jetzt die Erklärung Jagodas zu verstehen ist. Davon, dass Kasakow zu Jagoda geladen war, hat Kasakow selbst...

WYSCHINSKI: Ich frage nicht danach. Jagoda erteilte Ihnen einen Auftrag?

LEWIN: Jawohl.

WYSCHINSKI: Sie übermittelten ihn Kasakow?

LEWIN: Ich übermittelte ihn.

WYSCHINSKI: Kasakow wurde geladen?

LEWIN: Ja.

WYSCHINSKI: Woher ist Ihnen bekannt, dass er der Einladung Folge leistete?

LEWIN: Er sagt dies selbst aus.

WYSCHINSKI: Aber woher ist Ihnen bekannt, dass er erschienen ist?

LEWIN: Kasakow hat mir dies selbst erzählt.

WYSCHINSKI: Kasakow, Sie wurden zu Jagoda gerufen?

KASAKOW: Ja, am 6. November 1933 um 3 Uhr nachmittags.

WYSCHINSKI: Sie erschienen?

KASAKOW: Ja, man sandte mir ein Auto.

WYSCHINSKI: Jagoda empfing Sie?

KASAKOW: Jawohl.

WYSCHINSKI: Sie sprachen mit ihm?

KASAKOW: Ja.

WYSCHINSKI: Hatten Sie vorher Jagoda gesehen?

KASAKOW: Nein, das war das erste Mal.

WYSCHINSKI: Und worüber sprach Jagoda mit Ihnen?

KASAKOW: Zuerst muss ich eine kleine Einleitung machen, nämlich weswegen ich am 6. November erschien. Am 5. November abends wurde Menshinski aus Schestyje-Gorki nach Moskau auf die 2. Meschtschanskajastraße in eine renovierte Villa gebracht. Menshinski hatte ich bis dahin zwei bis drei Wochen nicht gesehen. Am 6. November kam ein Automobil der Vereinigten Staatlichen Politischen Verwaltung, um mich abzuholen, und ich begab mich nach der Meschtschanskajastraße. Als ich die Räume betrat, wo am Abend vorher Menshinski mit Familie eingetroffen war, fand ich vor allem eine unglaublich stickige Luft vor...

WYSCHINSKI: Erzählen Sie uns bitte nicht solche Einzelheiten, wir werden Sie speziell verhören, sagen Sie lieber das, was uns angesichts der Erklärung Jagodas, dass er Sie nie gesehen habe, interessiert.

KASAKOW: Nachdem ich am 6. November von Menshinski zu mir nach Hause zurückgekehrt war, rief man mich telefonisch an und sagte mir, dass mich sofort ein Auto Jagodas abholen wird. In diesem Auto traf ich auch am ersten Portal der Vereinigten Staatlichen Politischen Verwaltung ein. Jagoda empfing mich und fragte, wie ich die Gesundheit Menshinskis finde. Ich sagte, dass sich Menshinski jetzt, nach den überstandenen Anfällen von Bronchialasthma in einem schweren Zustand befinde. Ferner fragte er mich, ob ich mit Lewin gesprochen habe. Ich antwortete ja, ich hätte gesprochen. „Also was klügeln sie noch herum“, erklärte Jagoda, „warum handeln Sie nicht?“ Ich erwies Menshinski ärztliche Hilfe, er war in einem schweren Zustand. Ich hatte ihn sogar zusammen mit dem Chauffeur auf die Veranda getragen, weil er sich infolge der stickigen Luft, die in den Räumen herrschte, in einem Anfallszustand befand. „Wer bat Sie darum, Menshinski Hilfe zu erweisen?“ Jagoda geriet buchstäblich in Wut und sagte mir: „Menshinski haben schon alle aufgegeben, Sie geben sich umsonst mit ihm ab. Sein Leben ist niemandem notwendig, stört nur alle. Ich beauftrage Sie, zusammen mit Lewin eine Behandlungsmethode auszuarbeiten, mit deren Hilfe man dem Leben Menshinskis so rasch wie möglich ein Ende machen kann. Denken Sie daran, wenn Sie versuchen, sich mir nicht zu fügen, so kann ich Sie bald erledigen.“

WYSCHINSKI: Was antworteten Sie ihm dann?

KASAKOW: Jagoda fuhr fort: „Ich verstehe die Leute zu schätzen, die sich mir fügen. Sie werden sich vor mir nirgends verstecken.“ Ich fragte, was er von mir haben will. Er wiederholte, dass ich mit Lewin zusammentreffen und eine Methode ausarbeiten soll, die den Eintritt des Todes Menshinskis beschleunigt. Ich verlor ganz den Kopf. Aus Furcht fügte ich mich. Ich sagte, dass ich Lewin aufsuchen werde. Ende Dezember hatte ich eine Zusammenkunft mit ihm.

WYSCHINSKI: Angeklagter Jagoda, Kasakow sagt aus, dass Sie ihn zu sich gerufen, dass Sie ihn gesprochen und ihm einen bestimmten Auftrag erteilt haben. Was haben Sie dazu zu sagen?

JAGODA: In den Aussagen Kasakows heißt es, dass er bei mir war, abends bei mir war.

WYSCHINSKI: Antworten Sie auf meine Fragen: Haben Sie Kasakow zu sich geladen und mit ihm gesprochen?

JAGODA: Diesen Mann erblicke ich zum ersten Mal hier. Ich habe mit ihm über diese Angelegenheit nie gesprochen.

WYSCHINSKI: Warum sagten Sie in der Voruntersuchung anders aus?

JAGODA: Was ich in der Voruntersuchung gesagt habe, ist falsch.

WYSCHINSKI: Bitte Band II, Blatt 195, vorzulegen. Aussagen des Angeklagten Jagoda vom 28. Dezember 1937 (Aktenblatt 196):
„Bekanntlich war Menshinski in den letzten Jahren mehr krank als arbeitsfähig. Die Arbeit leitete ich. Es war klar, dass nach seinem Tode Vorsitzender der Vereinigten Staatlichen Politischen Verwaltung ich sein werde. An diesen Gedanken hatte ich mich gewöhnt und wartete auf den Tod Menshinskis, aber er starb nicht. Als ich Lewin den Auftrag gab, Max aus dem Wege zu räumen...“ Angeklagter Lewin, wer ist Max?

LEWIN: Maxim Alexejewitsch Peschkow.

WYSCHINSKI: „...da dachte ich, warum sollte nicht dasselbe mit Menshinski gemacht werden. In einem der Gespräche mit Lewin sagte ich ihm dies offen. Er war mit mir bereits durch die Vorbereitung von Verbrechen verbunden und konnte dies nicht verweigern.“

Angeklagter Jagoda, Lewin war mit Ihnen durch die Vorbereitung von Verbrechen verbunden?

JAGODA: In Bezug auf Max nicht.

WYSCHINSKI: Aber in Bezug auf wen?

JAGODA: In Bezug auf Kuibyschew und Maxim Gorki.

WYSCHINSKI: Und dies sagten Sie in der Voruntersuchung?

JAGODA: Ich sagte es.

WYSCHINSKI: „Er erklärte jedoch, dass er zu Menshinski keinen Zutritt habe, dass der ständig behandelnde Arzt Kasakow sei, und dass man ohne ihn nicht auskommen könne. Ich beauftragte Lewin, Kasakow dazu heranzuziehen.“

Haben Sie dies ausgesagt, Angeklagter Jagoda?

JAGODA: Ich sagte schon, dass ich dies ausgesagt habe, aber es ist falsch.

WYSCHINSKI: Warum haben Sie dies ausgesagt, wenn es nicht die Wahrheit ist?

JAGODA: Ich weiß nicht warum.

WYSCHINSKI: Setzen Sie sich.

„Ich ließ Kasakow zu mir rufen und bestätigte ihm meine Verfügung... Er machte seine Sache, Menshinski starb.“ Haben Sie dies ausgesagt, Angeklagter Jagoda?

JAGODA: Ja.

WYSCHINSKI: Folglich sind Sie mit Kasakow zusammengetroffen?

JAGODA: Nein.

WYSCHINSKI: Warum sagten Sie die Unwahrheit aus?

JAGODA: Gestatten Sie, diese Frage nicht zu beantworten.

WYSCHINSKI: Sie bestreiten es, dass Sie die Ermordung Menshinskis organisiert haben?

JAGODA: Ich bestreite es.

WYSCHINSKI: In dieser Aussage hatten Sie dies eingestanden?

JAGODA: Ja.

WYSCHINSKI: Als der Staatsanwalt der Union Sie verhörte, wie beantworteten Sie diese Frage nach Ihren Beziehungen zum Mord an Menshinski?

JAGODA: Ich bestätigte es ebenfalls.

WYSCHINSKI: Sie bestätigten es. Warum bestätigten Sie?

JAGODA: Gestatten Sie mir, diese Frage nicht zu beantworten.

WYSCHINSKI: Dann beantworten Sie meine letzte Frage. Erhoben sie irgendwelche Einwendungen oder Beschwerden in Bezug auf die Voruntersuchung?

JAGODA: Keine.

WYSCHINSKI: Jetzt erheben Sie ebenfalls keine?

JAGODA: Nein.

WYSCHINSKI: Setzen Sie sich.

Angeklagter Lewin, fahren Sie fort.

LEWIN: Ich überging noch eine Einzelheit, die anzuführen ist. Jagoda sagte mir, dass er ein Gespräch mit Krjutschkow hatte.

WYSCHINSKI: Angeklagter Krjutschkow, was für ein Gespräch hatten Sie mit Jagoda?

KRJUTSCHKOW: Jagoda sagte mir, dass es notwendig ist, Maxim Peschkow zu beseitigen.

WYSCHINSKI: Was bedeutete das, beseitigen?

KRJUTSCHKOW: Maxim töten. „Es kommt“, sagte er, „nicht so sehr auf Maxim, als vielmehr auf Gorki an. Man muss die Aktivität Gorkis verringern, die Aktivität Gorkis ist einigen Personen hinderlich.“ Aus dem weiteren Gespräch begriff ich, dass er Rykow, Bucharin und andere im Auge hatte. Während dieses. Gesprächs erfuhr ich von Jagoda, dass ein konterrevolutionärer Umsturz geplant wird, und dass er Teilnehmer dieses Umsturzes ist. Er sagte mir direkt heraus: in der UdSSR wird es bald eine neue Macht geben, die neue Macht wird Ihren Stimmungen mehr entsprechen.

WYSCHINSKI: Wessen Stimmungen?

KRJUTSCHKOW: Meinen.

WYSCHINSKI: Und wie waren Ihre Stimmungen?

KRJUTSCHKOW: Aus dem Gespräch, das ich ungefähr 1933 hatte, konnte er folgern, dass ich der Organisation der Rechten nahe stehe. Ich fragte ihn: Was soll ich denn tun? Er sagte: Sie wissen ja, wie Alexej Maximowitsch Max liebt. Maxens Tod wird für Gorki ein harter Schlag sein und ihn in einen harmlosen Greis verwandeln. Sie müssen Max töten. Dem fügte er mehrere drohende Worte hinzu. Ich akzeptierte den Vorschlag Jagodas. Jagoda sagte mir: Ihr habt früher mit Max getrunken, jetzt beginnen Sie, ihn zur Trunksucht zu verführen...

WYSCHINSKI: Angeklagter Jagoda, Sie sprachen mit Krjutschkow von der Verschwörung?

JAGODA: Nein, mit Krjutschkow habe ich von der Verschwörung nie gesprochen.

WYSCHINSKI: Haben Sie mit ihm über politische Themen gesprochen?

JAGODA: Nein, ich habe ihm nicht vertraut.

WYSCHINSKI: Folglich ist alles, was Krjutschkow sagt...

JAGODA: Alles ist Lüge.

WYSCHINSKI: Sie haben ihm einen derartigen Auftrag in Bezug auf Maxim Peschkow nicht gegeben?

JAGODA: Ich erklärte, Bürger Staatsanwalt, dass ich in Bezug auf Maxim Peschkow keine Aufträge gab und in seiner Ermordung keinen Sinn sehe.

WYSCHINSKI: So dass Lewin lügt?

JAGODA: Er lügt.

WYSCHINSKI: Kasakow spricht die Unwahrheit?

JAGODA: Er lügt.

WYSCHINSKI: Krjutschkow?

JAGODA: Lügt.

WYSCHINSKI: Sie gaben Krjutschkow in Bezug auf den Tod Maxim Peschkows keine Aufträge? In der Voruntersuchung haben Sie...

JAGODA: Gelogen.

WYSCHINSKI: Und jetzt?

JAGODA: Sage ich die Wahrheit.

WYSCHINSKI: Warum haben Sie in der Voruntersuchung gelogen?

JAGODA: Ich sagte Ihnen, gestatten Sie mir, diese Frage nicht zu beantworten.

WYSCHINSKI: Fahren Sie fort, Angeklagter Lewin.

LEWIN: Infolge unserer gemeinsamen Schädlingshandlungen starben im Mai, fast am selben Tage oder einen Tag später, Wjatscheslaw Rudolfowitsch Menshinski und Maxim Alexejewitsch Peschkow. Ich möchte das Gericht und Sie Bürger Staatsanwalt darum bitten, in diesem Augenblick einstweilen nicht auf die Einzelheiten dessen einzugehen, wie wir dies gemacht haben, ich möchte einige Worte noch über die weiteren Unterredungen mit Jagoda über unsere folgenden Opfer sagen: Ich gedenke diese Reihenfolge deshalb zu nehmen, weil es dann für Sie als Nichtärzte verständlicher sein wird, was wir an Schädlingsarbeit verrichtet haben, ich werde dann kurz, sehr kurz, die medizinischen Voraussetzungen anzuführen haben, dann wird Ihnen unser Vorgehen klarer sein, das in allen vier Fällen von der gleichen Art war. Somit will ich augenblicklich nur erwähnen, dass im Ergebnis unserer gemeinsamen Schädlingshandlungen Menshinski am 10. Mai 1934 und am nächsten Tage Maxim Alexejewitsch Peschkow gestorben sind. Diese Verbrechen wurden verübt. Es erübrigt sich zu sagen, wie widerlich, wie abstoßend sie in den Händen eines jeden Arztes sind, unabhängig davon, gegenüber welchem Kranken und in welcher Situation sie begangen werden. Besonders bedrückend war es für mich, ein Verbrechen an Menshinski auszuführen, zu dem ich mich stets sehr gut verhielt...

WYSCHINSKI: Das sehen wir.

LEWIN: ...und der sich zu mir sehr gut verhielt, und besonders das Verbrechen am Sohn Alexej Maximowitsch Gorkis.

Damals wusste ich jedoch noch nicht, was ich zu gewärtigen habe. Einige Tage nach der Beisetzung W. R. Menshinskis und M. A. Peschkows ließ mich Jagoda neuerlich zu sich rufen und sagte: „Nun, jetzt haben Sie diese Verbrechen begangen, Sie sind ganz in meiner Hand und müssen auf das eingehen, womit ich Sie jetzt beauftragen werde. Es ist etwas viel Ernsteres und Wichtigeres. Ich warne Sie, das ist für Sie ebenso verbindlich, wie es bei meinen früheren Aufträgen der Fall war. Damit Ihnen aber verständlich wird, was ich Ihnen sagen werde und was Sie zu machen haben, muss ich Ihnen eine kurze Information über die Lage im Lande geben. Ihnen, einem Mann, der der Politik fern steht, einem Parteilosen, wird dann begreiflicher sein, was zu tun ist.“ Sodann begann er mir davon zu reden, dass sich in der Partei eine große Unzufriedenheit mit der Parteileitung breitmacht, ein Regierungswechsel ist unvermeidlich, im Voraus beschlossen und unabwendbar, dass an der Spitze der Bewegung Rykow, Bucharin und Jenukidse stehen. Und da dies unvermeidlich ist, da all dies sowieso geschehen wird, so je rascher dies geschieht, desto besser. Und zu dem Zweck, dass dies rascher geschieht, zu dem Zweck, um diesen Prozess zu erleichtern, müssen wir einige Mitglieder des Politbüros sowie Alexej Maximowitsch Gorki vom politischen Schauplatz beseitigen. Dies sei eine historische Notwendigkeit. Sie haben mich jedoch unterbrochen, Bürger Staatsanwalt, als ich Ihnen von meinen damit verbundenen Gefühlen erzählen wollte. Deshalb will ich darüber nicht sprechen, Ihrem Wunsche gemäß nur trocken die Tatsachen darlegen. Er sagte also nach einer solchen, Pause: Sie regen sich umsonst auf. Begreifen Sie, dass dies unvermeidlich ist, dass dies ein historischer Moment ist, das ist eine historische Notwendigkeit, das ist eine Etappe der Revolution, die wir durchmachen müssen, und die Sie, zusammen mit uns, durchgehen werden, Sie werden ihr Zeuge sein und müssen mit den Mitteln, die sich in Ihren Händen befinden, uns helfen, und anstatt sich aufzuregen, sagen Sie lieber, wen können Sie außer Alexej Maximowitsch Gorki auf sich nehmen?“ Wiederum lasse ich das übrige beiseite und sage nur, dass an diesem Tage zwischen uns keine Gespräche weiter stattfanden. Nach einigen Tagen war ich wiederum bei Jagoda und sagte ihm, dass ich gezwungen hin, auch diese, seine Direktive auszuführen. Während dieses Gespräches fügte Jagoda hinzu: „Alexej Maximowitsch ist ein Mensch, der der höchsten Parteileitung sehr nahe steht, ein Mensch, der der Politik, die gegenwärtig im Lande betrieben wird, sehr ergeben ist, der persönlich Josif Wissarionowitsch Stalin sehr ergeben ist, ein Mensch, der niemals verraten wird, der mit uns nie denselben Weg gehen wird. Und Sie wissen ja andererseits, welche Autorität Gorkis Wort in unserem Lande und weit über seine Grenzen hinaus genießt, welchen Einfluss er hat und wie viel Schaden er mit seinem Worte unserer Bewegung zufügen kann. Sie müssen sich dazu entschließen, sagte er, und Sie werden die Früchte beim Antritt der neuen Macht ernten.“
Als mich Jagoda fragte, wen ich noch vormerken könnte, sagte ich ihm, dass man das bei einem solchen Menschen durchführen könne, der oft krank ist, der häufiger ärztlicher Hilfe bedarf, bei dem Mitglied des Politbüros Walerian Wladimirowitsch Kuibyschew. Ich könne Dmitrij Dmitrijewitsch Pletnjow hinzuziehen, der Walerian Wladimirowitsch kannte. Wir beide kannten ihn ungefähr zwölf Jahre.
Pletnjow kannte ihn ebenso gut wie ich, wir beide kannten ihn schon zwölf Jahre als Patienten. Ich sagte auch noch, man wisse in medizinischen Kreisen Moskaus allgemein, dass die Stimmung von Dmitrij Dmitrijewitsch Pletnjow sowjetfeindlich ist, dass er leichter als irgendein anderer darauf eingehen wird. Jagoda sagte: „Gut, ich werde selbst mit ihm sprechen. Sie verständigen Pletnjow, dass ich ihn selbst zu mir rufen und mit ihm sprechen werde. Außerdem kann in allein, was Alexej Maximowitsch anbelangt, Krjutschkow helfen, und in Bezug auf Walerian Wladimirowitsch wird sein Sekretär Maximow auf dem Laufenden sein.“

WYSCHINSKI: Das heißt, die Tötung von A. M. Gorki haben Sie organisiert?

LEWIN: Ja.

WYSCHINSKI: Wen haben Sie zu dieser verbrecherischen Tat herangezogen?

LEWIN: Den Professor Pletnjow.

WYSCHINSKI: Wer war in dieser Sache Komplice?

LEWIN: Pjotr Petrowitsch Krjutschkow.

WYSCHINSKI: In wessen Auftrag haben Sie gehandelt?

LEWIN: Jagodas.

WYSCHINSKI (zum Gericht): Gestatten Sie, den Angeklagten Jagoda zu befragen?

VORSITZENDER: Bitte.

WYSCHINSKI: Angeklagter Jagoda, bestätigen Sie in diesem Teile die Aussagen des Angeklagten Lewin?

JAGODA: Ja, ich bestätige sie.

WYSCHINSKI: Haben Sie einen solchen Auftrag erteilt?

JAGODA: Das habe ich.

WYSCHINSKI (zu Lewin): In wessen Auftrag haben Sie außerdem die Tötung Walerian Wladimirowitsch Kuibyschews organisiert?

LEWIN: Im Auftrag Jagodas.

WYSCHINSKI: Und zu dieser verbrecherischen Tat haben Sie hinzugezogen?

LEWIN: Maximow und Professor Pletnjow.

WYSCHINSKI: Angeklagter Krjutschkow, bestätigen Sie, was Lewin gesagt hat?

KRJUTSCHKOW: Ich bestätige, dass Jagoda mir den Auftrag erteilte, A. M. Gorki zu ermorden.

WYSCHINSKI: Angeklagter Maximow-Dikowski, bestätigen Sie die Aussagen Lewins?

MAXIMOW-DIKOWSKI: Ich bestätige sie, doch hat mich nicht Lewin hinzugezogen, sondern Jenukidse und Jagoda.

WYSCHINSKI: Angeklagter Pletnjow, bestätigen Sie die Aussagen Lewins, der sich auf Ihre Beteiligung an diesem Verbrechen beruft?

PLETNJOW: Ich bestätige sie.

WYSCHINSKI: Setzen Sie sich. Ich habe vorläufig keine weiteren Fragen.

VORSITZENDER: Angeklagter Lewin, fahren Sie fort.

LEWIN: Ich würde ersuchen, mir eine kleine Abschweifung für rein medizinische Aufklärungen zu gestatten, damit es verständlich ist, wie wir vorgegangen sind.

VORSITZENDER: Bitte.

LEWIN: Damit jemand an irgendeiner Infektionskrankheit, sagen wir, an Diphtherie, erkrankt, ist es nicht unbedingt erforderlich, dass der Diphtheriebazillus im Munde sitzt, oder damit jemand an kruppöser Lungenentzündung erkrankt, ist es nicht erforderlich, dass der Pneumokokkus, der Krankheitserreger ist, unbedingt in unserem Atmungsorgan sitzt. Diese Bakterien können sich im Organismus befinden, und bis zu einem gewissen Zeitpunkt brauchen sie keinen Schaden anzurichten: sie sind nicht virulent. Es tritt jedoch ein Zeitpunkt ein, wo sie virulent werden. Damit dieser Augenblick eintritt, muss man den Organismus in einen Zustand versetzen, in dein er seine Widerstandsfähigkeit, seine Schutzkraft, einbüßt und fällig wird, irgendeiner Infektion zu unterliegen. Um, sagen wir, an einer Lungenentzündung oder an einer andern akuten Erkrankung zu erkranken, genügt bisweilen eine Erkältung allein. Davon bin ich fest überzeugt, obwohl es Ärzte gibt, die der Ansicht sind, dass die Erkältung eine unwesentliche Sache sei. Ich dagegen halte es für zweifellos, dass, wenn wir hier zu beiden Seiten die Fenster öffnen, morgen schon viele hier nicht mehr anwesend sind. Um die Widerstandsfähigkeit des Organismus zu schwächen, muss man wissen, was in diesem Organismus schwach ist, was in diesem Organismus der Ort des geringsten Widerstandes ist, welche Organe am reizbarsten und einer Schwächung am leichtesten zugänglich sind. Endlich darf man nicht denken, dass der Mensch nur durch irgendein Gift vergiftet werden kann. Man muss wissen, dass jedes Medikament seinem Wesen nach ein Gift enthält, es kommt nur auf die Dosis an. Jedes Heilmittel, sogar das einfachste, kann man durch Anwendung in einer ungeeigneten Dosis und zu einem ungeeigneten Zeitpunkt zu einem Gifte machen. Ich will ein anschauliches Beispiel anführen. Alle wissen es, dass man die Zuckerkrankheit, Diabetes, mit Insulin behandelt; die Patienten spritzen sich selbst zweimal. täglich dieses Insulin ein, tragen es in der Tasche mit sich, spritzen sehr große Dosen ein: 80-100 Einheiten. Spritzt man jedoch eine kleine Dosis, 5-10 Einheiten, einer Person ein, die für Insulininjektion nicht geeignet ist, einer Person, bei der der Zuckergehalt des Blutes herabgesetzt ist, so kann sie an einem Anfall von so genanntem hypoglykitischen Schock sterben. Als wir an unsere Opfer herantraten, gingen wir eben von diesen Erwägungen aus.
Da wir keine akut wirkenden Vergiftungsmittel anwenden wollten, gingen wir durch Anwendung unrichtiger Behandlung vor.

WYSCHINSKI: Wer ist das „wir“?

LEWIN: Ich, Pletnjow, Winogradow, Kasakow, alle, die ich Ihnen bereits genannt habe.

WYSCHINSKI: Haben Sie diesen Plan selbständig ausgearbeitet oder mit irgendeiner der genannten Personen?

LEWIN: In Bezug auf Alexej Maximowitsch Gorki und Walerian Wladimirowitsch Kuibyschew habe ich den Plan mit Professor Pletnjow ausgearbeitet. Den Plan in Bezug auf Wjatscheslaw Rudolfowitsch Menshinski mit Kasakow.

WYSCHINSKI (zum Gericht): Gestatten Sie, Pletnjow zu befragen. Angeklagter Pletnjow, haben Sie einen derartigen Plan mit Lewin ausgearbeitet?

PLETNJOW: Ja.

LEWIN: Ich will über alle vier Fälle sprechen. Als die Frage der Tötung Maxim Peschkows stand, da bewirkten wir eine Schwächung des Organismus durch übermäßigen Gebrauch alkoholischer Getränke. Bezüglich des Weines muss man sagen, dass es Leute gibt, die alkoholische Getränke sehr gut vertragen. Ganz Europa trinkt Wein, und nicht allen bringt er Schaden. Aber es gibt Organismen, denen eine kleine Menge Wein außerordentlichen Schaden bringt. Zu diesen Organismen gehörte auch der Organismus von Peschkow. Es gab drei Systeme bei ihm, die man sehr leicht ausnutzen konnte: das Herz- und Gefäßsystem, ein außerordentlich erregbares System, seine Atmungsorgane, eine Vererbung vom Vater nicht im Sinne der Tuberkulose, aber im Sinne von Schwäche, und schließlich das vegetative Nervensystem. Eine geringe Menge Wein wirkte bereits auf seinen Organismus, aber ungeachtet dessen trank er in großen Mengen Wein. Das war seine Sünde. In dieser Beziehung sollte ihm Pjotr Petrowitsch Krjutschkow Gesellschaft leisten. Krjutschkow trank recht viel, nur mit dem Unterschied, dass auf ihn Wein gut einwirkte und er ihn ohne Schaden vertrug, während Peschkow ihn ganz anders vertrug.
So begann denn auch hier die Herbeiführung der Schwächung des Organismus von Maxim Peschkow, der Verbrauch alkoholischer Getränke wurde verstärkt, was für den Patienten sehr einfach, leicht und angenehm war. Er sah darin für seine Person keine Belastung, und doch schwächte das seinen Organismus außerordentlich.
Dann wurde Max in geschwächtem Zustand an einem sehr heißen Tag im April, und der Frühling war in jenem Jahre in Moskau außerordentlich heiß, ganz erhitzt und schweißbedeckt, auf Vorschlag Krjutschkows, der an der Schwächung des Organismus Peschkows teilnahm, auf eine Bank unweit des Flusses gelegt. Er war dem Wind ausgesetzt. war schweißbedeckt, lag zwei Stunden lang ohne Hemd da. Es ist klar, dass er sich erkältete, dass er erkrankte, und am Tage darauf stellte sich eine kruppöse Lungenentzündung ein.
Das war der erste Teil der Schädlingsarbeit - die Vorbereitung des Kranken. Diese Vorbereitung des Kranken wurde durchgeführt. Der Kranke war sehr geschwächt, sein Herz war in einem entsetzlichen Zustand, das Nervensystem, wie wir wissen, spielt beim Verlauf von Infektionskrankheiten eine gewaltige Rolle. Alles war erregt. Alles war geschwächt. Und die Krankheit nahm einen äußerst schweren Charakter an.
Ich habe bereits gesagt, dass ich bei meiner ersten Begegnung mit Jagoda gesagt hatte, dass ich nicht wisse, ob Professor Pletnjow hinzugezogen werden wird, und ich tat es nicht, weil es klar war, dass die Krankheit schwer verlief. Ich ließ Pletnjow zur Konsultation kommen, ich war mit ihm zweimal zusammen, und wir sahen, dass die Krankheit einen schweren Verlauf nahm. Davon wusste auch A. I. Winogradow, der als diensthabender Arzt herangezogen wurde. Der Verlauf dieser Krankheit wurde dadurch verschlimmert, dass alle Mittel, die großen Nutzen für das Herz bringen konnten, nicht angewandt wurden und im Gegenteil jene verabreicht wurden, die das Herz schwächten, Und schließlich ging er, wie ich bereits sagte, am 1. Mai nach der Lungenentzündung zugrunde. So ging unser erster Schädlingsakt vor sich. Ich gehe zum zweiten Fall über, zur Tötung Wjatscheslaw Rudolfowitsch Menshinskis...

JAGODA (zum Gericht): Gestatten Sie mir, Lewin eine Frage zu stellen?

VORSITZENDER: Nachdem Lewin seine Aussagen beendet haben wird.

JAGODA: Es betrifft die Frage des Todes Maxim Gorkis.

VORSITZENDER: Wenn der Angeklagte Lewin geendet haben wird, dann bitte.

LEWIN: Ich kam ziemlich selten mit Kasakow bei Menshinski zusammen. Er pflegte bald mich, bald Kasakow zu sich zu rufen. Er war damals ein großer Anhänger gerade Kasakows, und wie ich schon sagte, war ich bei ihm, wenn es in der Behandlung Kasakows Pausen gab, und fast immer mit einem der Arzte der Sanitätsabteilung der Vereinigten Staatlichen Politischen Verwaltung. Es gibt zwei Systeme von Lysaten: das eine ist das so genannte sympathikotrope, das für den Zustand der Herztätigkeit Menshinskis unbedingt schädlich war, und das andere System besteht aus den vagotropen Lysaten, die das Herz beruhigen und deshalb für ihn nützlich waren.
Kasakow begann das System von Lysaten und die Gruppe, das Gemisch zu verabreichen, das für das Herz Menshinskis schädlich war. Es wurde auch in Betracht gezogen, dass eine Kombination von Lysaten mit Herzmitteln zu einer Beschleunigung des Prozesses führen konnte, d. h. zu einer Verschlimmerung des Wichtigsten in seinem Gesundheitszustand, nämlich der Myokarditis und der Angina pectoris, was seinerseits neue Anfälle von Angina pectoris hervorrufen musste.
Der Tod Wjatscheslaw Rudolfowitsch Menshinskis erfolgte auch infolge eines neuen Anfalls von Angina pectoris

VORSITZENDER: Fahren Sie fort, fahren Sie fort.

LEWIN: Jetzt über Kuibyschew. Eine schwache Stelle in seinem Organismus war das Herz, gegen das wir unseren Schlag führten. Wir wussten von dem schlechten Zustand seines Herzens im Verlaufe eines bedeutenden Zeitraumes. Er litt an einer Affektion der Herzgefäße, an Myokarditis, hatte unbedeutende Anfälle von Angina pectoris. In diesen Fällen ist es erforderlich, das Herz zu schonen, man muss akut wirkende Herzmittel vermeiden, die die Herztätigkeit sehr erregen könnten und allmählich zu einer weiteren Schwächung des Herzmuskels führen würden. Diese Mittel brauchen wiederum nicht Gifte zu sein. Dasselbe Dygitalispräparat ist sogar von Nutzen, falls man es in mäßigen Dosen verabreicht, wenn es sich um einen Patienten mit anderen Herzerkrankungen handelt. Ein Präparat aus Drüsen der inneren Sekretion ist ebenfalls von Nutzen, aber diese Präparate muss man mit gewissen Pausen verabreichen. Im Verlaufe einer langen Zeit, bis zu seiner Kommandierung nach Mittelasien, wandten wir bei Kuibyschew ohne Unterbrechung Mittel an, die das Herz reizten. Vom August bis zum September-Oktober 1934 erhielt er ununterbrochen Injektionen spezieller Präparate endokriner Drüsen und anderer Mittel, die die Herztätigkeit erregen. Dies verstärkte die Anfälle von Angina pectoris und machte sie häufiger. In diesem krankhaften Zustand fuhr er auch nach Mittelasien. Dort kam es bei ihm zu einer unvorhergesehenen akuten Erkrankung: er erkrankte an Angina in schwerer Form, mit einem Abszess im Halse, und musste operiert werden. Kuibyschew kehrte von der Kommandierung zurück, ohne die Angina losgeworden zu sein. Die Auskultation seines Herzens zeigte, dass es sich in einem sehr schlechten Zustand befand. In einem solchen Zustand musste man den Kranken zu Bett bringen und ihm jede Arbeit untersagen, was ich nicht getan habe. Er arbeitete. Darauf begab er sich in den Rat der Volkskommissare und nun im Rate der Volkskommissare bekam er in seinem Arbeitszimmer einen Anfall von Angina pectoris. Sein Sekretär Maximow tat gerade das, was den Tod Kuibyschews zweifellos beschleunigt hat. Die Sache ist die, dass Maximow mich bei unseren Begegnungen fragte, wie der Gesundheitszustand Walerian Wladimirowitsch Kuibyschews sei und was ihm nützlich und was schädlich sein könne. Wir sprachen nicht davon, dass wir voneinander wussten. Ich sagte ihm, dass bei Kuibyschew ein Anfall von Angina pectoris eintreten kann. Während eines Anfalls müsse Kuibyschew völlig unbeweglich und vollkommen ruhig liegen. All das sagte ich ihm, aber ich wusste, dass er gerade das Gegenteil von dem tun wird, was ich ihm sagte, da er durch Jagoda von der Sache, das heißt der Organisierung der Ermordung Kuibyschews, wusste. Und was geschah nun? Ich weiß nicht, war Maximow oder jemand anders bei ihm, aber im Zustand des Anfalls von Angina pectoris gab man ihm die Möglichkeit, aus dem Gebäude des Rates der Volkskommissare allein nach Hause zu gehen. Er trat aus der Tür, ging unter dem Torbogen hindurch, ging am Ambulatorium vorbei, wo die Ärzte saßen, aber man ließ keinen Arzt zu ihm kommen. Er stieg zu Fuß in den dritten Stock hinauf. Zu Hause war allerdings zufällig die Hausangestellte anwesend. Als sie sah, dass er sich sehr schlecht fühlte, rief sie Maximow an. Erst jetzt wurde der diensthabende Arzt gerufen. Dann rief man mich an. Als ich kam, fand ich Kuibyschew bereits tot vor.
Und schließlich die letzte Tötung - die Tötung Alexej Maximowitsch Gorkis. Um diese Zeit war er bereits ein sehr kranker Mensch. Mit den Lungen war es bei ihm sehr schlecht bestellt. Sie befanden sich in einem gefährlichen Zustand, nach jenen Ausbrüchen von Tuberkulose, die, wie ich schon gesagt habe, sich häufig bei ihm ereigneten. Außerdem behinderten die Veränderungen in den Lungen außerordentlich die Herztätigkeit, so dass es bei ihm gleichzeitig sowohl mit den Lungen als auch mit dem Herzen außerordentlich schlecht stand.
Im Winter 1935 war er in der Krim, und ich sprach dort mit Krjutschkow, der sehr oft in die Krim fuhr und der überhaupt im Hause Gorkis frei schaltete und waltete. Wir verständigten uns über die Maßnahmen, die Alexej Maximowitsch schädlich waren. Ich sagte ihm, dass Alexej Maximowitsch Spaziergänge sehr liebte. Aber große Spaziergänge durfte er nicht unternehmen, sie ermüdeten ihn. Immer wieder sagte er, er leide darunter, dass er die ganze Zeit sitzt, dass er eine sitzende Lebensweise führt. Ich sagte, dass man Spaziergänge veranlassen müsse. Gorki liebte sehr die Arbeit, er liebte es, im Park, im Garten die Baumäste abzuhauen oder Felsstücke abzuschlagen. All dies wurde ihm gestattet, zum Schaden seiner Gesundheit. Das ermüdete ihn sehr. Den ganzen Tag saß er in seinem Arbeitszimmer, dann ging er spazieren, und im Verlaufe von anderthalb Stunden machte er auf seinem Spaziergang diese Arbeiten. Diese Arbeiten erschöpften ihn sehr. Seine zweite Leidenschaft war das Feuer. Gorki liebte das Feuer, die Flamme, und das wurde von uns ausgenützt. Für ihn wurden Holzfeuer angefacht. Gerade wenn Gorki von der Arbeit ermüdet war, wurden Aste zu einem Haufen zusammengetragen und ein Feuer angesteckt. Gorki stand am Feuer, es war heiß, und all dies wirkte schädlich auf seine Gesundheit ein.
Für die Ankunft Gorkis in Moskau wurde wiederum ausgemacht, einen solchen Zeitpunkt auszuwählen, dass er an Grippe erkranken könnte. Er war sehr empfänglich für Grippeerkrankungen, und die Grippe war bei ihm häufig von Komplikationen, wie Bronchitis oder Lungenentzündung, begleitet. Als Jagoda erfuhr, dass im Hause Maxim Gorkis Grippefälle vorlagen (die Kinder waren damals an Grippe erkrankt), teilte er das nach der Krim mit, und Krjutschkow organisierte die Rückkehr Maxim Gorkis nach Moskau gerade um diese Zeit. Und in der Tat, als Gorki in diese mit Grippe infizierte Wohnung zurückkehrte, erkrankte er am zweiten oder dritten Tag an Grippe, zu der sich sehr bald als Komplikation eine grippöse Lungenentzündung gesellte, die sofort einen schweren Verlauf nahm. Nichtsdestoweniger waren ich und Professor Pletnjow der Ansicht, dass jener Plan, den wir ausgearbeitet hatten, durchgeführt werden muss und dass zu diesem Zwecke die Arzneien, die ihm schädlich sein konnten, angewandt werden müssen. Wir wandten keine besonderen Arzneien an, die Bedenken darüber hervorrufen konnten, warum sie in dem gegebenen Fall angewandt worden waren. Wir wandten nur die Arzneien an, die in diesen Fällen gewöhnlich angewendet werden. Wir wandten sie jedoch in sehr großen Mengen an. In diesem Falle verwandelten sie sich in ihr Gegenteil. Wiederum ließen die Kräfte des Herzmotors, der grenzenlos angespannt wurde, nach, er verlor seine Arbeitsfähigkeit und hielt letzten Endes nicht stand. Wenn Sie gestatten, will ich zwei Worte darüber sagen, was Sie gestern erklärt haben in Bezug auf die Heilmittel, dass ein Brief von Dr. Belostozki eingetroffen ist, in dem darauf hingewiesen wird, dass eine große Zahl von Einspritzungen angewendet wurden und dass einmal Strophantin angewendet wurde. Ich weiß nicht, hier gibt es nichts Neues. Wir verheimlichen es ja selbst nicht, dass wir es in einer sehr großen Menge angewendet haben. Gerade Strophantin ist eines der Präparate, und ein sehr wertvolles Präparat, gerade des Digitalis; ich liebte es nicht sehr, ich hatte Furcht davor, ich wendete es nicht häufig an - das Mittel wurde in einer der Konsultationen empfohlen und übrigens ein paar Mal eingespritzt -; als, wie Dr. Belostozki ganz richtig schreibt, er mich fragte, ob es denn gut sei, es weiter anzuwenden, sagte ich, dass es sich nicht lohne, es weiter anzuwenden, weil wir ihm sowieso Digitalis-Präparate gehen. So dass dieser Brief keinerlei neue Tatsachen enthält, die wir verborgen hätten; er ist von der Wachsamkeit eines Sowjetarztes diktiert, der beschloss, zu berichten was er weiß und nur das, was ich jetzt gesagt habe, bestätigt.

VORSITZENDER: Sie sind zu Ende?

LEWIN: Ja.

VORSITZENDER: Die Verhandlung wird für eine halbe Stunde unterbrochen.

 

GERICHTSKOMMANDANT: Das Gericht erscheint, bitte sich von den Plätzen zu erheben.

VORSITZENDER: Bitte sich zu setzen. Die Sitzung wird fortgesetzt. Genosse Staatsanwalt, haben Sie noch Fragen an den Angeklagten Lewin?

WYSCHINSKI: Ja, aber es scheint, dass der Angeklagte Jagoda Fragen an den Angeklagten Lewin stellen wollte.

VORSITZENDER: Angeklagter Jagoda, Sie können Fragen stellen.

JAGODA: Ich ersuche Lewin zu antworten, in welchem Jahre er durch den Beschluss der Ärztekommission des Kremls als behandelnder Arzt zu mir kommandiert wurde und zu wem er noch kommandiert wurde?

VORSITZENDER: Angeklagter Lewin, erinnern Sie sich dessen?

LEWIN: Nein. In welchem Jahre ich zu ihm kommandiert wurde, kann ich mich nicht erinnern, aber zu wem ich kommandiert wurde, - ja, das ist eine große Liste von Leuten.

VORSITZENDER: Nun, beiläufig wann?

LEWIN: Auch daran kann ich mich nicht erinnern. Dies war zweifellos Ende der zwanziger Jahre.

JAGODA: Es lag ein Beschluss der Ärztekommission vor, dass Sie als behandelnder Arzt zu mir kommandiert werden.

LEWIN: Das macht nicht die Ärztekommission, sondern die Sanitätsverwaltung des Kremls. Aber die Sanitätsverwaltung des Kremls fasste diesbezüglich keine schriftlichen Beschlüsse, sondern dies ging folgendermaßen vor sich. Man rief mich ins Zimmer des Leiters der Sanitätsverwaltung und sagte: „Übernehmen Sie die Behandlung des einen oder anderen verantwortlichen Arbeiters.“ So hatte ich in der letzten Zeit 24 Leute auf meiner Liste; aber dies geschah wieder in der letzten Zeit, als einige Patienten aus meiner Liste gestrichen wurden, und man mich in das Arbeitszimmer des Leiters der Sanitätsverwaltung rief und sagte: „Bei Ihnen sind soundso viele Plätze frei geworden, übernehmen Sie die Behandlung weiterer Volkskommissare.“ Derart gab es keinerlei Beschlüsse, an die man sich erinnern könnte, wann ich zu dem oder jenem Patienten kommandiert wurde, solche Beschlüsse gab es nicht, wie ich wiederhole, diese meine Zuteilung zu den Patienten wurde nirgends fixiert, sondern es gibt Listen in der Sanitätsverwaltung des Kreml, in denen es heißt, dass Lewin diese Patienten hat, Burmin jene Patienten.

JAGODA: Ich habe keine Fragen.

WYSCHINSKI: Wurde die Krankheitsgeschichte Maxim Alexejewitsch Peschkows geführt?

LEWIN: Wir hatten keine Krankheitsgeschichte.

WYSCHINSKI: Wurde sie geführt?

LEWIN: Natürlich nicht. Wir haben eine medizinische Rechenschaftsführung, ein Archiv, in diesem Archiv werden alle Krankheitsgeschichten aufbewahrt.

WYSCHINSKI: Als Sie Maxim Alexejewitsch Peschkow behandelten, trugen Sie da nichts in die Krankheitsgeschichte ein?

LEWIN: Nein, nichts.

WYSCHINSKI: Warum?

LEWIN: Weil es bei uns eine Behandlungskarte auf den Namen Alexej Maximowitsch Gorki gibt, und in diese Karte wird dann seine Familie eingetragen, so dass in der Fürsorge der Sanitätsverwaltung des Kreml eigentlich Alexej Maximowitsch Gorki steht.

WYSCHINSKI: Nun, Sie haben Maxim Alexejewitsch Peschkow behandelt, und haben keine Krankheitsgeschichte über ihn geführt?

LEWIN: Nein.

WYSCHINSKI: Sie behandeln Alexej Maximowitsch Gorki, der in den Listen der Sanitätsverwaltung geführt wird. Er hat einen Sohn Maxim Alexejewitsch, auch er wird in den Listen geführt. Aber eine Krankheitsgeschichte über ihn führen Sie nicht?

LEWIN: Nein.

WYSCHINSKI: Aber warum? Sie erklären das damit, dass er nicht selbständig registriert wurde?

LEWIN: Nein. Das ist sehr einfach. Die Sanitätsverwaltung des Kremls ist der Auffassung, dass sich in ihrer Fürsorge und in ihrer Obhut der Hauptbesitzer der Karten befindet, und die andern sind die so genannten Familienmitglieder.

WYSCHINSKI: Krankheitsgeschichten der Familienmitglieder sind also nicht vorgeschrieben?

LEWIN: Nein.

WYSCHINSKI: Führen Sie sonst die Krankheitsgeschichte von Familienmitgliedern?

LEWIN: Nein, das tun wir nicht.

WYSCHINSKI: Haben alle, die von Ihnen behandelt werden, eine Krankheitsgeschichte?

LEWIN: Nein. Die hauptsächlichen Funktionäre haben so genannte Sanitätsjournale, die im medizinischen Rechenschaftsteil aufbewahrt werden.

Die Familienmitglieder haben nicht einmal das Recht, die so genannte zentrale Poliklinik aufzusuchen.

WYSCHINSKI: Was für einen Sinn hat die Krankheitsgeschichte? Was für eine Aufgabe hat die Krankheitsgeschichte?

LEWIN: Sehen Sie, wenn der Kranke im Krankenhaus liegt, so gibt es dort eine Reihe von Leuten.

WYSCHINSKI: Ich frage, was für einen Sinn hat die Krankheitsgeschichte? Wozu ist die Krankheitsgeschichte bestimmt?

LEWIN: Um die Spuren festzuhalten.

WYSCHINSKI: Ich frage, wurden bei Maxim Alexejewitsch Peschkow die Spuren festgehalten?

LEWIN: Nein.

WYSCHINSKI: Präzisieren Sie die Dosierung der Mittel, die bei Alexej Maximowitsch Gorki angewendet wurden.

LEWIN: In Bezug auf Alexej Maximowitsch war die Richtlinie folgende: eine Reihe von Mitteln anwenden, die im Ganzen angebracht waren, gegen die keinerlei Zweifel und Verdacht aufkommen, die man zur Verstärkung der Herztätigkeit anwenden kann. Zu solchen Mitteln gehörten Kampfer, Koffein, Cardiosol, Digalen. Wir haben das Recht, diese Mittel für die Gruppe der Herzkrankheiten anzuwenden. Aber in seinem Falle wurden diese Mittel in riesigen Dosen verabreicht. So erhielt er beispielsweise bis zu 40 Kampfereinspritzungen.

WYSCHINSKI: Im Laufe welcher Zeit?

LEWIN: Im Laufe eines Tages - 30 bis 40 Einspritzungen. Für ihn war dies eine große Dosis.

WYSCHINSKI: Wir werden die Experten befragen.

LEWIN: Ganz richtig. Aber der Chirurg macht auf einmal sechs Einspritzungen. Wir machten 30 bis 40 Einspritzungen. An und für sich war dies nicht schädlich.

WYSCHINSKI: 30 bis 40 Kampfereinspritzungen erstens, plus...

LEWIN: Plus zwei Injektionen Digalen.

WYSCHINSKI: Das macht 42, plus...?

LEWIN: Plus vier Injektionen Koffein.

WYSCHINSKI: Das macht 46, plus...?

LEWIN: Plus zwei Injektionen Strychnin.

WYSCHINSKI: Das macht 48.

LEWIN: 48. Außer mir wurde ein namhafter Professor aus Lenin grad hinzugezogen - Lang, und ein so großer Physiologe wie Professor Speranski. Ich möchte sagen, dass man eine so große Menge anwenden kann, aber nicht für Alexej Maximowitsch, nicht für ihn. Ich gestatte mir, eine kleine medizinische Vorbemerkung zu machen. Für einen anderen Menschen wäre das nicht gefährlich, aber für ihn war dies...

WYSCHINSKI: Gefährlich?

LEWIN: Selbstverständlich. Für Gorki war, nachdem er soviel überstanden hatte, bei einem solchen Zustand von Herz und Lunge, die Anwendung einer solchen Dosis schädlich.

WYSCHINSKI: Sie wussten, dass das für ihn schädlich war?

LEWIN: Natürlich.

WYSCHINSKI: An welcher Krankheit litt Maxim Alexejewitsch Peschkow?

LEWIN: Er war an kruppöser Lungenentzündung erkrankt.

WYSCHINSKI: Wird in diesen Fällen Antipneumokokken-Serum angewandt?

LEWIN: Ja.

WYSCHINSKI: Haben Sie es angewandt?

LEWIN: Nein.

WYSCHINSKI: Warum?

LEWIN: In der Absicht, zu schädigen.

WYSCHINSKI: Also haben Sie bewusst nicht die Mittel angewandt, die gewöhnlich angewandt werden müssen?

LEWIN: Das ist richtig.

WYSCHINSKI: In der Absicht zu schädigen? Verstehe ich Sie recht?

LEWIN: Sie verstehen mich richtig.

WYSCHINSKI: Und jetzt gestatten Sie, Sie bezüglich Alexej Maximowitsch Gorki zu befragen - welche Mittel und welche Dosierung wurden bei ihm angewandt?

LEWIN: 30-40 Kampferampullen täglich, zwei Ampullen Strychnin, zwei Ampullen Digalen, vier Ampullen Koffein. Das war die Norm, die von mir zusammen mit Professor Pletnjow ausgearbeitet wurde, für jeden Tag, gleich vom ersten Krankheitstage an; natürlich wurden mit der steigenden Schwäche des Kranken diese Dosen allmählich vergrößert, was der Umgebung selbstverständlich erscheinen konnte, da sein Herz einer Stärkung bedurfte. Sein Herz, seine Lungen waren jedoch so beschaffen, dass diese Stärkungsdosis allzu groß war. Sodann wurde ihm, abgesehen davon, eine ganze Reihe anderer Mittel eingespritzt, die jedoch für ihn bereits von Nutzen waren. So wurde ihm zum Beispiel Urotropin in die Vene eingeführt, was bei derartigen Erkrankungen das übliche Mittel ist, ihm wurde auch Glukose eingeführt, ein vorzügliches Rettungsmittel für das Herz. Das machte derselbe Doktor Belostozki, der diesen Brief an Sie gerichtet hat und den ich selbst dort hinzugezogen hatte.

WYSCHINSKI: Was die Aussagen des Doktors Belostozki anbetrifft, so werde ich das Gericht bitten, das Verhör erst dann vorzunehmen, wenn diese Aussagen hier gemacht sein werden.
Wir kommen zur nächsten Frage. Ich möchte, dass Sie präzisieren, welche Herzmittel bei Wjatscheslaw Rudolfowitsch Menshinski in der letzten Periode seiner Krankheit angewandt wurden.

LEWIN: Ich wiederhole nochmals, dass all dies angesichts der kleinen Einleitung, die ich gemacht habe, verständlich sein kann. Wenn ich eine Aufzählung dieser Mittel vornähme, so würde sie nichts Besonderes darstellen. Es wurden angewandt Digitalis, Adonis vernalis, Strophantus. All dies sind Mittel, welche die Herztätigkeit verstärken, anregen. Gleichzeitig damit ging auch Kasakow mit seinen Lysaten in derselben Richtung vor. Das eine potenzierte das andere. In Kombination miteinander steigerte sich all dies bis zu einem Grade, der für das Herz von Wjatscheslaw Rudolfowitsch übermäßig war.

WYSCHINSKI: Aber hier spielten die Dosierungen ebenfalls eine Rolle?

LEWIN: Die Dosierungen waren hier normale.

WYSCHINSKI: Somit bestand das Geheimnis nicht in den Dosierungen? Worin denn?

LEWIN: In der Menge und darin, womit ich begonnen habe, nämlich darin, dass die Behandlungsmethoden kontraindiziert waren (was für den einen gut ist, ist für den anderen schlecht).

WYSCHINSKI: Folglich waren die Mittel legal, aber ihre Kombination und ihre Menge und ihre Verordnung bei dem betreffenden Kranken entsprechen nicht dem Zustand seiner Gesundheit, seines Organismus?

LEWIN: Ja. Wjatscheslaw Rudolfowitsch hatte einen ganz ungeheuren Infarkt, der anstatt der Herzmuskulatur Narben hinterlassen hatte.

WYSCHINSKI: Und unter diesen Verhältnissen...

LEWIN: Durfte man derart stark wirkende Mittel nicht verabreichen.

WYSCHINSKI: Und Sie verabreichten sie?

LEWIN: Ja.

WYSCHINSKI: Wiederum zu verbrecherischen Zwecken?

LEWIN: Natürlich.

WYSCHINSKI: Gestatten Sie, eine ähnliche Frage bezüglich Walerian Wladimirowitsch Kuibyschews zu stellen.

LEWIN: Hypertonie, gesteigerter Blutdruck und stenokartischer Druck, d. h. geringfügige Äußerungen einer sich herausbildenden Angina pectoris. In diesem Fall ist anzunehmen, dass die Kranzarterien des Herzens von einem sklerotischen Prozess affiziert sind. Der Herzmuskel kann sich bereits nicht so ernähren, wie er es tun musste. Der Herzmuskel erfordert einen beständigen Zustrom von Blut, ebenso wie die Armmuskulatur, wenn sie arbeitet, eine gesteigerte Zufuhr von Sauerstoff erfordert. Geschieht das nicht, so kann es zu einer Verstopfung, zu einer Thrombose führen, was auch erfolgt ist. Bei der Leichenöffnung wurde eine Verstopfung der Kranzarterie gefunden. Das war das Ergebnis eines Anfalls von Angina pectoris. Diese Verstopfung beschleunigte den Anfall, obwohl dies bei seinem Gesundheitszustand später eingetreten wäre, und infolgedessen haben wir es hier mit einer beschleunigten Herbeiführung dieser Anfälle zu tun.

WYSCHINSKI: Im Ergebnis...

LEWIN: Der Schädlingshandlungen.

WYSCHINSKI: Im Ergebnis der so genannten „Behandlung“?

LEWIN: Im Ergebnis der Schädlingshandlungen.

WYSCHINSKI: Ich habe keine Fragen mehr.

VERTEIDIGER BRAUDE (zum Gericht): Ich habe Fragen, gestatten Sie? (Zu Lewin) Teilen Sie bitte kurze Daten aus Ihrer Biographie mit.

LEWIN: Ich werde das sehr kurz sagen. Ich wurde 1870 in einer armen kleinbürgerlichen Familie geboren. Vom 14. Jahre angefangen mußte ich als Gymnasiast durch Stundengeben Geld verdienen, um meine Ausbildung fortsetzen und meiner Familie helfen zu können. Ich absolvierte die naturwissenschaftliche Fakultät in Odessa, danach die medizinische Fakultät in Moskau, und seit 1896 arbeite ich als Arzt. Derart arbeitete ich als Arzt 42 Jahre. Im Verlaufe dieser Jahre arbeitete ich bis zur Revolution die ganze Zeit in Krankenhäusern, ich arbeitete im Moskauer Arbeiter-Krankenhaus und gleichzeitig als Arzt in Fabriken und Betrieben. Gleich zu Anfang der Revolution schloss ich mich der Arbeit des Volkskommissariats für Gesundheitspflege an. Ich trat in das Spital des Volkskommissariats für Gesundheitspflege ein, das so genannte Kurort-Auswahl-Spital, von wo ich dann in die Rote Armee mobilisiert wurde. In der Roten Armee diente ich bei den Truppen des inneren Schutzes der Republik. Gleichzeitig damit war ich in der höchsten medizinischen Kommission und wurde von dort 1920 durch einen Befehl des Volkskommissars für Gesundheitspflege in das Kreml-Krankenhaus abkommandiert, und von diesem Jahre arbeitete ich ununterbrochen und ausschließlich, d. h. ohne jede Nebenarbeit, die ganze Zeit in der Sanitätsverwaltung des Kreml. Ich war in fester Anstellung und arbeitete außerdem als Konsultant der Sanitätsabteilung des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten.
Das ist meine sozusagen dienstliche Arbeitslaufbahn. Diese ganze Zeit arbeitete ich, hatte niemals irgendwelche Mitverständnisse, stand niemals vor Gericht und das erste Mal brachte mich Jagoda in meinem 68. Lebensjahre auf die Anklagebank.

VERTEIDIGER BRAUDE: Als Jagoda Sie für die Ermordung Maxim Peschkows bearbeitete, machte er Ihnen nicht irgendwelche Anspielungen, dass dieser Mord nicht nur seine Direktive sei?

LEWIN: Er sagte mir, dass es sich um eine Gruppe bedeutender politischer Persönlichkeiten handle, von denen er mir die Namen Rykows, Bucharins und Jenukidses, den ich persönlich kannte, nannte.

VERTEIDIGER BRAUDE: Brachte er Sie nicht mit einem der Teilnehmer dieser Organisation in Verbindung? Schickte nicht er Sie zu Jenukidse?

LEWIN: Ganz richtig.

VERTEIDIGER BRAUDE: Erzählen Sie, was Jagoda über Jenukidse sagte und worüber Sie mit Jenukidse sprachen.

LEWIN: Das war in jenem Gespräch, das in das Jahr 1934 fällt, als er mit „mir von Walerian Wladimirowitsch Kuibyschew und Alexej Maximowitsch Gorki sprach. Er bat, Jenukidse aufzusuchen, der wisse, dass ich in diese Sache eingeweiht bin, und mit mir darüber zu sprechen wünsche. Jenukidse war ebenfalls mein ständiger Patient. Ich suchte ihn am nächsten Tage im Kreml auf. Er fragte mich auch, wen ich nehmen könnte, und war sehr enttäuscht, als er hörte, dass ich nur von Kuibyschew redete. Er sagte: „Nun gut, beginnen Sie mit diesem.“ Er ersuchte mich, an einen Mithelfer zu denken, ich sagte, dass ich darüber nachdenken und Jagoda davon berichten werde.

VERTEIDIGER BRAUDE: Und sagen Sie, durch wen wirkte Jagoda noch auf Sie ein? Wer war Ihr unmittelbarer Vorgesetzter in Ihrer Arbeit als Arzt?

LEWIN: Zuletzt Chodorowski.

VERTEIDIGER BRAUDE: Hat er Sie zu Chodorowski geschickt?

LEWIN: Er schickte mich zuerst zu Metallikow. Ich fuhr damals auf Urlaub und als ich zurückkehrte (es war im Herbst 1934), gab es bei uns einen Wechsel der Leitung, und Leiter der Sanitätsverwaltung des Kreml war nicht mehr Metallikow, sondern Chodorowski. Ich sagte Jagoda, dass Chodorowski ein neuer Mensch sei und ich ihn nicht kenne. Aber er antwortete mir, dass Chodorowski informiert sei - gehen Sie zu ihm und sprechen Sie mit ihm. Chodorowski war ein Mensch, der im Gespräch sehr kurz angebunden und abrupt war. Er mochte mich überhaupt nicht und auch ich verehrte ihn nicht besonders. Ich ging dennoch zu ihm, aber entschloss mich nicht gleich, das Gespräch über dieses Thema zu beginnen, sondern sprach, die Gelegenheit. ausnützend, über den Gesundheitszustand von Jenukidse. Er hörte mich an und fragte: und sonst hat er Ihnen nichts gesagt? Ich antwortete, dass er mir noch etwas mitgeteilt habe. Chodorowski sagte: Ich weiß, wovon Sie gesprochen haben. Lassen Sie uns darüber nicht sprechen, handeln Sie, aber wenn Sie meine Hilfe brauchen, kommen Sie zu mir, bloß tun Sie dies selten, in den äußersten Fällen. Darauf beschränkte sich unser kurzes einziges Gespräch.

VERTEIDIGER BRAUDE: Und aus diesem Gespräch verstanden Sie, dass Ihr unmittelbarer Vorgesetzter...

LEWIN: Sich nicht widersetzt...

VERTEIDIGER BRAUDE: Und Ihre verbrecherischen Missetaten sanktioniert?

LEWIN: Ja.

VERTEIDIGER BRAUDE: Sagen Sie bitte, auf welches konkrete Datum beziehen Sie den Beginn ihrer Teilnahme an diesem furchtbaren Verbrechen, einschließlich des Beginns der Verhandlungen?

LEWIN: Das kann ich ganz genau sagen. Es war im Winter 1933.

VERTEIDIGER BRAUDE: Vielleicht werden Sie konkret die inneren Beweggründe summieren, auf Grund deren Sie, ein alter Arzt mit vierzigjähriger Praxis, auf die verbrecherischen furchtbaren Vorschläge Jagodas eingegangen sind.

LEWIN: Ich habe bereits versucht, von meinen psychologischen Stimmungen zu sprechen, aber...

VORSITZENDER: Die Verteidigung stellt Fragen an Sie, antworten Sie bitte.

LEWIN: Ich habe einen Akt des Wahnsinns, einen Akt des Idiotismus verübt: auf einmal ohne jeden Antrieb hinzugehen und Maxim Peschkow zu ermorden! Ich liebte diese Familie sehr, ich stand dieser Familie nahe. Ich liebte Alexej Maximowitsch sehr, hielt ihn für einen der größten Menschen unseres Landes und der ganzen Welt. Warum ich so weit kommen konnte und warum Jagoda hier sagen kann, dass ich auf den Mord an Max im Peschkow ohne seine direkten Anweisungen einging, warum ich mich damit einverstanden erklärte, habe ich schon gesagt. Ich spreche nicht zu meiner Rechtfertigung, sondern zur Aufklärung. Ich bin ein Mensch, der der Politik fern steht, ein parteiloser Mensch. Ich war unrichtigerweise, vielleicht von der Macht des Vorsitzenden der Vereinigten Staatlichen Politischen Verwaltung geblendet, es schien mir, dass dies ein allmächtiger Mensch sei, in dessen Händen eine gewaltige Macht konzentriert sei, und wenn dieser Mensch es sagt, dann muss ich es tun, dann ging ich darauf ein. Psychologisch erkläre ich das mit einer gewissen Feigheit, wobei ich nicht für mein Leben fürchtete, das sage ich vollständig aufrichtig, mich schreckte mehr der Umstand, dass Jagoda mir drohte, meine Familie zu vernichten. Und meine Familie, das ist eine gute werktätige Sowjetfamilie.

VERTEIDIGER BRAUDE: Sagen Sie bitte, gab es einen Unterschied in den Methoden, wie Jagoda Sie in dem Zeitpunkt bearbeitete, wo er Sie zur Ermordung Maxim Peschkows überredete, und in der späteren Zeit, wo er über die weiteren Verbrechen sprach?

LEWIN: Selbstverständlich, der Unterschied war sehr groß. Anfangs sagte er, dass ich eine notwendige Sache vollbringe. Er sprach von diesem Verbrechen als von einem Akt, der für die Rettung Alexej Maximowitschs vor irgendwelchen Feinden notwendig wäre. Später aber, als ich zu ihm kam, erklärte er mir sofort - Sie sind in meiner Hand.

VERTEIDIGER BRAUDE: Sagte er Ihnen, welche leitenden Organisationen diese Sache führten?

LEWIN: Darüber wusste ich nichts. Davon erfuhr ich erst auf dem Prozess selbst.

VERTEIDIGER BRAUDE: Sprach er zu Ihnen davon, dass es irgendeine Gruppe gibt, die den Sturz der Sowjetmacht anstrebt?

LEWIN: Er sagte, dass dies eine sehr große und einflussreiche Gruppe sei,

VERTEIDIGER BRAUDE: Und von diesem Augenblick fühlten Sie, dass Sie mit dieser Gruppe verbunden sind, wohl wissend, dass es eine konterrevolutionäre Gruppe ist und dass Ihr Schicksal vom Schicksal dieser Gruppe abhängt?

LEWIN: Ich wurde mir dessen bewusst, dass zusammen mit Jagoda auch ich zugrunde gehen werde.

VERTEIDIGER BRAUDE: Ich habe keine Fragen mehr.

VERTEIDIGER KOMMODOW: Gestatten Sie mir eine Frage.

VORSITZENDER: Bitte.

VERTEIDIGER KOMMODOW: Sagen Sie, Lewin, in welche Zeit fällt Ihr Gespräch mit Kasakow bezüglich der Tötung Menshinskis?

LEWIN: Das war Ende 1933.

VERTEIDIGER KOMMODOW: War das vor der Zusammenkunft Kasakows mit Jagoda?

LEWIN: Natürlich.

VERTEIDIGER KOMMODOW: Und begannen Sie die Schädlingsmethoden bei der Behandlung Menshinskis nach der Zusammenkunft mit Kasakow anzuwenden oder vor ihr?

LEWIN: Nach ihr.

VERTEIDIGER KOMMODOW: Sie wussten von Jagoda über Kasakow?

LEWIN: Mir war es bekannt, dass Menshinski ein ständiger Patient Kasakows war und ein Patient, der ihm sehr vertraute. Ich erinnere mich daran, dass Menshinski bereits 1932 Kasakow nach Sotschi einlud, als er sich in Sotschi aufhielt und sich nicht ganz wohl fühlte. Ich erinnere mich auch, dass, als sich Menshinski nach Kislowodsk begab - das war wohl 1933 -, er den Wunsch äußerte, dass auch Kasakow dorthin gerufen werde. Er stand mit Kasakow in enger Verbindung, und ohne ihn konnte ich nicht handeln.

VERTEIDIGER KOMMODOW: Aber praktisch zu schädigen begannen Sie erst, nachdem Kasakow eine Zusammenkunft mit Jagoda gehabt und Jagoda mit ihm Rücksprache genommen hatte?

LEWIN: Nachdem Kasakow ein Gespräch mit Jagoda gehabt hatte. Nachher entwarf ich mit Kasakow den Plan unserer Schädlingstätigkeit, von dem ich bereits sprach, von der Behandlung des Herzens mit Lysaten.

VERTEIDIGER KOMMODOW: Sprachen Sie mit Pletnjow über die Pläne Jagodas, über die Aufträge Jagodas, über die Zusammenkunft Pletnjows mit Jagoda?

LEWIN: Das geschah sehr rasch nach dem Tode Maxim Peschkows. Ich sagte, dass ihn Jagoda in einer sehr schwierigen Sache zu sich rufen und ihm selbst sagen werde, um was es sich handelt.

VERTEIDIGER KOMMODOW: Haben Sie vor der Einladung Pletnjows durch Jagoda irgendwelche Schädlingsmaßnahmen mit Konsultation Pletnjows an dem einen oder andern durchgeführt?

LEWIN: Nein. Dies geschah erst dann, als Professor Pletnjow eine Zusammenkunft mit Jagoda gehabt hatte. Ich traf mich wiederum mit ihm, er bestätigte mir, dass er ebenso wie ich es für unvermeidlich halte, die Direktiven Jagodas zu akzeptieren, und wir berieten uns darüber, wie wir unsere Schädlingshandlungen gegenüber Walerian Wladimirowitsch Kuibyschew und Alexej Maximowitsch Gorki vornehmen sollen, und beschlossen damals, mit Walerian Wladimirowitsch zu beginnen, was wir auch 1934 taten, und Anfang 1935 verschied er.

VERTEIDIGER KOMMODOW: Sprachen Sie mit Jagoda davon, dass er persönlich Pletnjow zu sich rufen lassen soll?

LEWIN: Ich sagte ihm damals, dass Dmitrij Dmitrijewitsch Pletnjow daran teilnehmen kann. Er sagte: „Setzen Sie Pletnjow in Kenntnis, dass ich ihn zu mir bestellen werde“, und wie es scheint, hat ihn Jagoda unter dem Vorwand einer ärztlichen Beratung zu sich eingeladen. Ich weiß es nicht genau, Dmitrij Dmitrijewitsch wird es selbst erzählen, aber mir will es scheinen, dass er ihn angeblich zur Beratung über den Zustand seines Herzens zu sich hat kommen lassen.

VERTEIDIGER KOMMODOW: Also hat Ihnen Jagoda gesagt, dass er Pletnjow unter dem Vorwand einer Beratung einladen wird?

LEWIN: Er hat es nicht gesagt, aber wie ich mich erinnere, hat es Dmitrij Dmitrijewitsch gesagt. Vielleicht widerlegt es Dmitrij Dmitrijewitsch.

VERTEIDIGER KOMMODOW: Aber Ihnen hat es Jagoda selbst gesagt?

LEWIN: Ja, er sagte, dass er selbst Pletnjow einladen und mit ihm Rücksprache nehmen werde.

BUCHARIN: Ich habe eine Frage an Doktor Lewin.

War er nicht unmittelbar während der Oktoberrevolution und nach derselben einer der Teilnehmer der Sabotage gegen das aufständische Proletariat?

LEWIN: Ich konnte nicht nur nicht Leiter, sondern nicht einmal Teilnehmer einer Sabotage sein, weil ich damals in keinem Krankenhaus tätig war. Worin besteht Sabotage? Doch in der Einstellung seiner Arbeit.

BUCHARIN: Ich weiß es. Aber war nicht Dr. Lewin ein Menschewik oder sympathisierte er nicht unmittelbar mit den Menschewiken?

LEWIN: Würden Sie mich jetzt fragen, was ein Menschewik ist, so würde ich mich in diesem Saal so sehr blamieren, dass es besser ist, mich nicht danach zu fragen.

WYSCHINSKI: Ich sprach mit Ihnen von der Organisierung der Morde, von denen Sie hier gesprochen haben. Jagoda hat, wenn ich Sie recht verstanden habe, Ihnen auch die politischen Gründe dargelegt, aus denen man handelte?

LEWIN: Er hat sie dargelegt. Ich habe darüber bereits gesprochen. Er sprach davon, dass in der Partei die Unzufriedenheit mit der Parteiführung zunehme.

WYSCHINSKI: Das sagte Jagoda?

LEWIN: Ja, dass diese Unzufriedenheit sich im ganzen Lande breitmacht, dass es fast keine einzige größere Institution gebe, in der nicht Leute säßen, die mit dieser Leitung unzufrieden sind und es für nötig halten, diese Führung abzusetzen und durch andere Leute zu ersetzen. Dabei sprach er mir von der Notwendigkeit, dass andere Leute zur Macht kommen...

WYSCHINSKI: Auf welchem Wege? Mit wessen Hilfe?

LEWIN: Als er diese historische Einleitung beendet hatte, sagte er: „Um diese Sache zu erleichtern, müssen wir mehrere Mitglieder des Politbüros und Alexej Maximowitsch Gorki vom politischen Schauplatz beseitigen.“ In der zweiten Unterredung erklärte er mir, warum eben Alexej Maximowitsch, nämlich darum, weil Alexej Maximowitsch ein Anhänger, ein standhafter Anhänger der Linie der Parteiführung ist, im besonderen ein großer Verehrer und Anhänger der gesamten Politik Stalins und sein persönlicher Freund, nie und unter keinen Umständen an ihm Verrat üben wird, und stets im Wege stehen, uns stets das Spiel verderben wird. Man müsse ihn aus dem Wege räumen.

WYSCHINSKI: Angeklagter Lewin, trugen die Morde, die von Jagoda an den führenden Politikern unseres Staates geplant wurden, einen völlig offensichtlichen, für Sie deutlich ausgeprägten konterrevolutionären politischen Charakter?

LEWIN: Ja. Nun war bereits alles klar.

WYSCHINSKI: Und Sie verhielten sich zu diesem Vorhaben nicht einfach als Techniker, sondern auch als Politiker?

LEWIN: Ich weiß nicht, wie Sie dies verstehen wollen, Politiker bin ich nie im Leben gewesen.

WYSCHINSKI: Sie sagen, dass Sie sich nie mit Politik befasst hätten?

LEWIN: Nie.

WYSCHINSKI: Sie handelten jedoch als politischer Feind.

LEWIN: Ich handelte als Werkzeug eines politischen Feindes.

WYSCHINSKI: Und folglich?

LEWIN. Als politischer Feind.

WYSCHINSKI: Sie waren somit nicht nur in diese Morde, sondern auch in eine ganze Kette von Verbrechen einbezogen...

LEWIN: Ich diente den Verschwörern unfreiwillig.

WYSCHINSKI: Begriffen Sie, dass es sich um einen Kampf gegen die Sowjetmacht handelte?

LEWIN: Das, was ich hier vor Gericht begriffen habe, begriff ich damals noch nicht.

WYSCHINSKI: Sie erblickten während der Gerichtsverhandlung ein solch fürchterliches Bild...

LEWIN: Ja, damals begriff ich es nicht und wusste es nicht.

WYSCHINSKI: Aber das, was Sie damals wussten ist doch ebenfalls erschütternd und fürchterlich.

LEWIN: Ja, ich begreife es.

WYSCHINSKI: Sie begriffen, dass es sich um einen Kampf gegen die Sowjetmacht handelt?

LEWIN: Ich begriff es.

WYSCHINSKI: Und als Sie durch das geschickte Vorgehen Jagodas dazu herangezogen waren, traten Sie auf die Seite der Feinde der Sowjetmacht? Und an diesem Kampf gegen die Sowjetmacht, an dem Kampf, dem Sie sich angeschlossen haben, nahmen Sie ebenfalls Anteil?

LEWIN: Zum Unglück, ja. Ich möchte nur...

WYSCHINSKI: Ist dies bereits politische Tätigkeit?

LEWIN: Ja.

WYSCHINSKI: Obwohl von Banditenart. Ist das richtig oder nicht?

LEWIN: Ja. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass man sich anschließen kann, wenn man sympathisiert, Teilnehmer ist, Gesinnungsgenosse ist. Ich wollte nur betonen, nicht um mich zu rechtfertigen, ich spreche hier die Wahrheit, und zwar vom ersten Tage an, wo ich das Gefängnis betreten habe, dass ich mich dieser Sache im Ergebnis eines verhängnisvollen Zusammentreffens von Umständen angeschlossen habe, aber nicht deswegen, weil ich sympathisiert hätte mit dem Machtantritt...

WYSCHINSKI: Aber wenn Sie ein ehrlicher Mensch, ein ehrlicher Sowjetbürger gewesen wären, dann hätten Sie zu jemand gehen müssen, hätten Sie jemand von diesen Drohungen erzählen müssen usw.

LEWIN: Er sagte mir: „Denken Sie daran, dass ich jeden Schritt von Ihnen verfolge; bevor Sie irgend jemandes Schwelle betreten, werden Sie in meiner Hand sein.“

WYSCHINSKI: Und jetzt haben Sie die Schwelle betreten...

LEWIN: Ja.

WYSCHINSKI: Wenn Sie sich für einen ehrlichen Bürger ihrer Heimat hielten...

LEWIN: Ich hielt mich dafür.

WYSCHINSKI: Für einen Sowjetarzt...

LEWIN: Ich hielt mich dafür.

WYSCHINSKI: Was mussten Sie dann tun als Sie von dieser furchtbaren Verschwörung erfuhren?

LEWIN: Ich hätte es melden müssen.

WYSCHINSKI: Als Sie aufgefordert wurden, Mitbeteiligter sind, sogar noch mehr, Organisator der Ermordung hervorragender Sowjetmänner und des Genius der russischen Kultur, Gorkis, zu sein, was hätten Sie tun müssen, wenn Sie sowohl Gorki als auch die Heimat wirklich geliebt hätten?

LEWIN: All dies zurückweisen und Jagoda ausliefern.

WYSCHINSKI: Warum taten Sie das nicht?

LEWIN: Aus Feigheit.

WYSCHINSKI: Sie glaubten folglich, es gäbe kein stärkeres Tier als die Katze.

LEWIN: Ja.

WYSCHINSKI: Dass die schrecklichste und stärkste Katze Jagoda ist?

LEWIN: Ganz richtig.

WYSCHINSKI: Und wie denken Sie jetzt?

LEWIN: Ja, das ist klar.

WYSCHINSKI: Ich will Sie noch fragen: Wie würden Sie nach bestem Wissen und Gewissen antworten: Glaubten Sie, dass dem Jagoda niemand beikommen könne?

LEWIN: Ich begreife es jetzt sehr klar, überhaupt denke ich, wenn ich auf die Vergangenheit zurückblicke: „Ach Gott, warum habe ich dies nicht getan, warum habe ich nicht so gehandelt?“

WYSCHINSKI: Wie lange dauerte Ihre Teilnahme an dieser verbrecherischen Tätigkeit?

LEWIN: Drei Jahre.

WYSCHINSKI: Drei Jahre! Sie hatten in dieser Zeit tausende Möglichkeiten, ehrlich zu handeln.

LEWIN: Ja, und nutzte sie nicht aus.

WYSCHINSKI: Sie nutzten sie nicht aus, weil Sie, wie Sie sagen, feige waren?

LEWIN: Ja.

WYSCHINSKI: Sind Sie solch ein Feigling?

LEWIN: Ja, ein Feigling.

VERTEIDIGER KOMMODOW: Gestatten Sie mir, an den Angeklagten Lewin eine Frage zu richten.

VORSITZENDER: Bitte.

VERTEIDIGER KOMMODOW: Was die Frage des Angeklagten Bucharin an Sie betrifft, so sagen Sie bitte, was Sie zur Zeit der Oktoberrevolution machten?

LEWIN: Damals funktionierten noch in Moskau die so genannten Spitäler für Kriegsopfer. Ich leitete mehrere derartige Spitäler.

VERTEIDIGER KOMMODOW: Und setzten die ganze Zeit über Ihre Arbeit fort?

LEWIN: Ja.

VERTEIDIGER KOMMODOW: Keinen einzigen Tag standen Sie der Arbeit fern?

LEWIN: Keinen einzigen Tag. Und später, als die Spitäler geschlossen wurden, wurde ich auf einen Posten im Volkskommissariat für Gesundheitswesen gestellt. Als die Arbeit im Spital zu Ende war, ging ich ins Volkskommissariat für Gesundheitswesen und bat dort um Arbeit, und nach einigen Tagen wurde ich in einem Kurort-Spital angestellt...

VERTEIDIGER KOMMODOW: So dass der Verdacht einer Sabotage Ihrerseits keine Bestätigung findet?

LEWIN: Natürlich nicht. Ein Krankenhausarzt konnte sabotieren, ich war es jedoch nicht.

VERTEIDIGER KOMMODOW: Gehörten Sie irgendeiner Partei an?

LEWIN: Nein.

VERTEIDIGER KOMMODOW: Vielleicht irgendwelchen nationalen Parteien, der jüdischen zum Beispiel?

LEWIN: Ich gehörte keiner Partei an, außer der Partei der Ärzte.

VERTEIDIGER KOMMODOW: Aber eine solche Partei kannten wir nicht.

VORSITZENDER: Haben die Sachverständigen irgendwelche Fragen an den Angeklagten Lewin?

SCHERESCHEWSKI und WINOGRADOW: Die Sachverständigen haben keine Fragen, alles ist klar. 4

VORSITZENDER: Die Verhandlung wird bis sechs Uhr abends unterbrochen.

 

(Unterschrift)

Der Vorsitzende:
Vorsitzender des Militärkollegiums des
Obersten Gerichtshofes der UdSSR
Armee-Militärjurist W. Ulrich

Der Sekretär:
Militärjurist I. Ranges A. Batner

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