PROZESSBERICHT ÜBER DIE STRAFSACHE DES ANTISOWJETISCHEN
„BLOCKS DER RECHTEN UND TROTZKISTEN"

ABENDSITZUNG VOM 8. MÄRZ 1938

VERHÖR DES ANGEKLAGTEN BULANOW

GERICHTSKOMMANDANT: Das Gericht erscheint, bitte sich von den Plätzen zu erheben.

VORSITZENDER: Bitte sich zu setzen. Die Sitzung wird fortgesetzt. Angeklagter Bulanow. Bestätigen Sie die Aussagen, die Sie in der Voruntersuchung gemacht haben?

BULANOW: Ja, ich bestätige sie. Eine Reihe von Tatsachen und Angaben, die ich in der Voruntersuchung beim Verhör dem Staatsanwalt mitgeteilt habe, und über die ich jetzt aussagen werde, sind mir aus den Worten, aus den Gesprächen mit Jagoda persönlich, oder aus seinen Gesprächen mit anderen Mitbeteiligten in meiner Anwesenheit, bekannt.
Während der Jahre, in denen ich bei Jagoda als sein Privatsekretär und als Sekretär des Volkskommissariats arbeitete, war ich gewohnt, alles mit den Augen Jagodas zu sehen; ich verbrachte viele Jahre lang einen bedeutenden Teil des Tages im Volkskommissariat um Jagoda und für Jagoda, völlig losgelöst vom Parteileben, von der Partei, vom gesellschaftlichen Leben. Das war, wenn man sich so ausdrücken kann, für mich die einzige Verbindung mit der Außenwelt. Und schließlich und endlich machte Jagoda aus mir einen ihm völlig ergebenen Menschen, von dem er wusste, dass ihn dieser Mensch nicht verraten wird, und darum hatte er weder in Gesprächen mit mir, noch in Gesprächen mit anderen in meiner Anwesenheit irgendwelche Geheimnisse, gab es auch keinerlei Elemente der Konspiration. Daher kam mein Eingeweihtsein in die Verbrechen, die mir durch ihn bekannt waren.
Ich muss sagen, dass mir Jagoda ungefähr im Jahre 1931 zum ersten Mal - zu meiner Überraschung - sagte, dass er ein Rechter ist, offenbar weil er meinte, ich sei bereits ein völlig geschulter und bearbeiteter Mensch.
Von der Verschwörung hörte ich durch Jagoda zum ersten Mal im Jahre 1934. Allmählich, durch einzelne Gespräche, führte mich Jagoda in die konterrevolutionäre Arbeit ein. Vom Parteileben losgelöst, hatte ich zu Jagoda in allem blindes Vertrauen.

WYSCHINSKI: In welchem Jahre, sagten Sie, hat Ihnen Jagoda gesagt, dass er ein Rechter ist?

BULANOW: Im Jahre 1931.

WYSCHINSKI: Seit wann arbeiteten sie zusammen mit Jagoda?

BULANOW: Ungefähr seit Ende 1929.

WYSCHINSKI: Fahren Sie in Ihren Aussagen fort.

BULANOW: Jagoda sagte mir einmal im Gespräch, dass sie (d. h. er und die hinter ihm stehenden Rechten) sich mit den Trotzkisten und Sinowjewleuten vereinigt haben, dass man auf normalem Wege, durch legalen Kampf, in der Partei auf irgendeinen Erfolg durchaus nicht rechnen kann, dass zur Erlangung der Macht ein einziges Mittel zu ihrer Verfügung bleibt, - die gewaltsame Methode des Machtantritts durch eine unmittelbare bewaffnete Umwälzung.
Eine der Hauptrollen bei der Umwälzung sollte seinen Worten nach Jenukidse spielen, und die zweite, wohl nicht weniger wichtige Rolle fiel, nach seinen Worten, ihm, Jagoda, zu. Sie hatten ihre Einflusssphären: den Kreml - Jenukidse, den Apparat des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten - Jagoda. Jagoda selbst träumte diesmal und auch sonst davon - allerdings will ich das nicht träumen nennen, denn er machte sich davon eine ziemlich reale Vorstellung -, dass er im Falle des Erfolges der Umwälzung im künftigen Rate der Volkskommissare der Vorsitzende sein müsse.

WYSCHINSKI: Der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare?

BULANOW: So ist es. Die Parteiarbeit fiel, wie er ausführte, Tomski, Bucharin und Rykow zu, wobei Tomski, ihrer Annahme und ihren Berechnungen nach, wie bisher die Rolle des Leiters der Gewerkschaften beibehalten sollte. Sekretäre des ZK sollten Rykow und Bucharin sein, wobei Jagoda betonte, dass, wenn er erst Vorsitzender des Rates der Volkskommissare ist, die Rolle der Sekretäre des ZK unter ihm eine ganz andere sein wird. Was für eine - das dürfte ich kaum erklären können.
Ich entsinne mich, - ich bitte das Gericht, zu berücksichtigen, dass alles, was ich aussage, nicht Gegenstand irgendeines einzigen Gespräches war, ich rede von Gesprächen zu verschiedenen Zeiten, von Gesprächen, die mit mir und in Anwesenheit anderer stattfanden - Jagoda hat sich vor mir durchaus nicht geniert, ich summiere das, was ich spreche, wobei ich für die Genauigkeit der Darlegung die volle Verantwortung übernehme.
Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang einer Parallele, die Jagoda zwischen dem künftigen Sekretär des künftigen ZK, Bucharin und Goebbels zog. Ich muss sagen, dass sich Jagoda überhaupt stark für Hitler begeisterte.

WYSCHINSKI: Er hat sich für den Faschismus überhaupt begeistert? Und konkret?

BULANOW: Er hat sich für Hitler begeistert und hat gesagt, dass sein Buch „Mein Kampf“ wirklich ein wertvolles Buch sei.

WYSCHINSKI: Ein wertvolles?

BULANOW: Er betonte wiederholt, dass Hitler vom Unteroffizier auf einen solchen Posten emporgestiegen sei.

WYSCHINSKI: Und war nicht Jagoda selbst früher Unteroffizier?

BULANOW: Ich weiß nicht, aber sein Benehmen unterschied sich wenig von dem eines Unteroffiziers.

In der künftigen Regierung wurde, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, als Vorsitzender des Zentralexekutivkomitees Jenukidse genannt.

WYSCHINSKI: Und was hat Goebbels damit zu tun?

BULANOW: Er sagte, dass Bucharin unter ihm nicht schlechter sein wird als Goebbels.

WYSCHINSKI: Das sagte er von Bucharin?

BULANOW: Es ist anzunehmen, dass er, als er diese Parallele zog, soweit ich es verstehe und mich auskenne, ihr den Sinn zugrunde legte, dass er als Vorsitzender des Rates der Volkskommissare mit einem Sekretär vom Schlage Goebbels und mit einem ihm völlig gefügigen ZK so regieren wird wie er will. So habe ich ihn verstanden. Ich glaube, dass ich mir von ihm eine richtige Vorstellung gebildet habe.
Der Gedanke war der, dass Bucharin, eine Marionette in seinen Händen sein wird, und alles tun wird, was ihm, Jagoda, gefällt.
Der bewaffnete Umsturz wurde von ihnen, wie Jagoda darlegte, unbedingt für den Zeitpunkt des Krieges anberaumt. Ich habe einmal Jagoda die zweifelnde Frage gestellt: ich verstehe eigentlich nicht - Krieg, unmittelbare Gefahr, gespannte Lage und gleichzeitig eine Erschütterung der Regierung, dann kann es an der Front sehr, sehr wacklig werden. Jagoda sagte mir darauf geradezu, dass ich ein naiver Mensch sei, wenn ich denke, dass sie, die großen Politiker, auf einen Umsturz eingehen würden, ohne sich mit den wahrscheinlichen und unvermeidlichen Gegnern der UdSSR im Kriege verständigt zu haben. Als Gegner wurden die Deutschen und die Japaner genannt. Er sagte unumwunden, dass sie eine direkte Vereinbarung getroffen haben, dass die zu bildende neue Regierung im Falle des Gelingens des Umsturzes anerkannt wird, und die Kriegshandlungen eingestellt werden.

WYSCHINSKI: Unter welchen Bedingungen?

BULANOW: Ich kann es nicht genau sagen, aber in meiner Erinnerung ist noch etwas über Konzessionen und Zugeständnisse haften geblieben. Damals hörte ich auch zum ersten Male davon, dass Krestinski und Karachan völlig ihre Leute sind, und dabei nicht nur verantwortliche Leute, sondern auch Leute, die es verstehen zu arbeiten, natürlich im konterrevolutionären Sinne zu arbeiten. Bereits viel später hörte ich den Namen Tuchatschewski, der in der künftigen Regierung Volkskommissar für Verteidigung sein sollte.

WYSCHINSKI: Und was können Sie über die Verbindungen mit den Trotzkisten erzählen?

BULANOW: Dazu komme ich später.
Um kurz und zugleich genau zu sein, gehe ich zu dem Teil der Verbrechen über, an dem ich, auf direkte Weisung Jagodas hin, unmittelbar teilgenommen habe - zur Vergiftung.

WYSCHINSKI: Erzählen Sie vielleicht vorher über alle verbrecherischen Verbindungen, die bestanden und über die Vereinbarung, die bestand, und dann auch über die konkreten Tatsachen der Vergiftung.

BULANOW: Gut, bitte.

WYSCHINSKI: Ist Ihnen bekannt, dass Jagoda als Mitglied des Zentrums der Rechten mit den Trotzkisten in Verbindung stand?

BULANOW: Es ist mir bekannt.

WYSCHINSKI: Woher war Ihnen das bekannt? Mit wem war er verbunden und wie war er verbunden?

BULANOW: Es ist völlig offensichtlich, dass Jagoda in engster Verbindung mit den Führern der Rechten stand. Er stand auch mit den Trotzkisten in Verbindung. Dies schließe ich daraus, dass ich wiederholt Augenzeuge seiner unmittelbaren Aufträge auf operativer Linie war, die er den betreffenden Personen erteilte, die ein bestimmtes Arbeitsgebiet leiteten; er gab in diesem oder jenem Maße direkte oder indirekte Weisungen, gegen Trotzkisten vorliegende Sachen nicht weiterzubearbeiten, sondern, umgekehrt, eine Reihe von Verfahren sowohl gegen die Trotzkisten wie auch gegen die Rechten und die Sinowjewleute einzustellen.

WYSCHINSKI: Das heißt, dass er sie deckte?

BULANOW: Ich möchte sagen, dass er sie nicht nur deckte, sondern ihnen auch bei der Arbeit half.
Um nicht leere Worte zu reden, will ich eine der Tatsachen anführen. Jagoda gab zum Beispiel die Weisung, Uglanow möge eine Haltung einnehmen, bei der er in seinen Aussagen einen bestimmten Rahmen nicht überschreitet.

WYSCHINSKI: Erinnern Sie sich nicht der unheilvollen Gestalt eines der vorhergehenden Prozesse, der Figur Dreizers? Welche Beziehungen hatte Jagoda zu ihm?

BULANOW: Ich erinnere mich, dass Dreizer nicht verhaftet wurde, obwohl der betreffende Abteilungsleiter über ganz konkrete, genaue Angaben über die lang währende trotzkistische Tätigkeit Dreizers verfügte. Ich muss überhaupt sagen, dass Jagoda in Bezug auf die Rechten, die Trotzkisten und die Sinowjewleute eine Linie verfolgte, die in ganz bestimmter Weise auf die Einstellung des Kampfes gerichtet war.

WYSCHINSKI: Mich interessieren die konkreten Tatsachen.

WYSCHINSKI: Das war die allgemeine Linie und nur, wenn es Mahnungen seitens der Partei oder der gesellschaftlichen Meinung gab, wenn eine Reihe odiöser Personen offen hervortrat, dann griff er zu Repressalien, wobei diese Repressalien einen völlig bedingten Charakter trugen.

WYSCHINSKI: Wusste Jagoda von der verschwörerischen Tätigkeit Dreizers und deckte er ihn?

BULANOW: Ganz genau.

WYSCHINSKI: Und entsinnen Sie sich nicht einer anderen Figur eines der vorhergehenden Prozesse, einer nicht weniger unheilvollen, der Figur Iwan Nikititsch Smirnows? Ist Ihnen nicht bekannt, ob Jagoda auch mit ihm in Verbindung stand und ihn deckte?

BULANOW: Aus den Tatsachen über Smirnow weiß ich genau, dass Jagoda, als Smirnow im Gefängnis war, Moltschanow hinschickte und durch ihn Smirnow die Weisung gab, in welchem Rahmen er sich im Falle der Notwendigkeit halten solle, wenn man von ihm diese oder jene Aussage verlangen werde. Ganz genau so ist es.

WYSCHINSKI: Und ist Ihnen nicht bekannt, was Jagoda getan hat, als man Smirnow aus diesem Gefängnis nach Moskau brachte?

BULANOW: Ich weiß, dass Jagoda seinen Gepflogenheiten untreu wurde. Er besuchte sonst das Gefängnis nicht, aber nach dem Eintreffen Smirnows ging er zu ihm.

WYSCHINSKI: In die Zelle?

BULANOW: Ja.

WYSCHINSKI: Was machte er dort?

BULANOW: Ich hörte sein Gespräch mit Moltschanow, dass er, Jagoda, bezüglich der Haltung Smirnows vor Gericht beunruhigt sei.

WYSCHINSKI: Er hat ihn also bearbeitet? Wie war die Haltung zu Kamenew nach dem Mord an Sergej Mironowitsch Kirow?

BULANOW: Als der Beschluss über die Verhaftung Kamenews und Sinowjews gefasst war, schickte mich Jagoda, Kamenew zu verhaften.

WYSCHINSKI: Mit wem schickte er Sie?

BULANOW: Ich ging mit Pauker hin.

WYSCHINSKI: Wer ist Pauker?

BULANOW: Der Leiter der operativen Abteilung.

WYSCHINSKI: Und wer ist er sonst noch?

BULANOW: Ein Mensch, der vollständig in die Verschwörungsangelegenheiten eingeweiht und einer der besonderen Vertrauensleute ist, der Verbindungsmann zu Jenukidse.

WYSCHINSKI: War Pauker nicht deutscher Spion?

BULANOW: Ich habe später erfahren, dass er Spion war.

WYSCHINSKI: Deutscher Spion?

BULANOW: Ganz richtig.

WYSCHINSKI: Angeklagter Jagoda, war Ihnen bekannt, dass Pauker deutscher Spion war?

JAGODA: Ja, es war, mir bekannt.

WYSCHINSKI: Setzen Sie sich. Also wurden Pauker und Sie, Bulanow, von Jagoda geschickt, um Kamenew zu verhaften. Und wer sollte Sinowjew verhaften?

BULANOW: Ich glaube Moltschanow und Wolowitsch.

WYSCHINSKI: Wer war Moltschanow?

BULANOW: Der Leiter der geheimpolitischen Abteilung des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten und Mitglied der Organisation.

WYSCHINSKI: Welcher Organisation? Der illegalen Organisation der Rechten?

BULANOW: Ja.

WYSCHINSKI: Und Wolowitsch?

BULANOW: Wolowitsch war der Stellvertreter des Leiters der operativen Abteilung; es ist bekannt, dass er Mitbeteiligter der Spionage war.

WYSCHINSKI: Bestätigen Sie, Jagoda, dass Wolowitsch ebenfalls deutscher Spion war?

JAGODA: Ja, ich bestätige es.

WYSCHINSKI: Angeklagter Bulanow, wie wurden Sie von Jagoda instruiert, als er Sie schickte, um Kamenew und Sinowjew zu verhaften?

BULANOW: Die Instruktion war einfach: Bring sie her, mach keine Haussuchung. Das habe ich auch ausgeführt.

WYSCHINSKI: Das haben Sie auch ausgeführt. Fahren Sie jetzt in Ihren Aussagen fort.

BULANOW: Ich komme jetzt direkt zu den konkreten Verbrechen, deren Mitbeteiligter auch ich persönlich war. Aus den Worten Jagodas weiß ich, dass der Beschluss über die Ermordung Nikolai Iwanowitsch Jeshows...

WYSCHINSKI: Ist Ihnen nicht bekannt, wo das Geheimarchiv Rykows aufbewahrt wurde?

BULANOW: Bei Jagoda.

WYSCHINSKI: Das Verschwörerarchiv?

BULANOW: Wenn es nicht das Verschwörerarchiv gewesen wäre, dann hätte Rykow kaum einen so verlässlichen Ort gesucht.
Ich komme zum Mordanschlag auf N. I. Jeshow. Nach den Worten Jagodas wurde der Beschluss zur Ermordung Nikolai Iwanowitsch Jeshows von ihnen, das heißt dem Zentrum, ausschließlich zu politischen Zwecken gefasst. Das war eine der Etappen oder eine der Maßnahmen zu ihrer Sicherung vor dem Hochgehen als Teilnehmer an der Verschwörung, und folglich auch zur Erhaltung der Möglichkeit, die Verschwörung selbst zu verwirklichen. Die Ursache, die dazu führte, dass ein solcher Beschluss gefasst wurde, war, dass bald danach, oder richtiger, nach der Ermordung Kirows, Jeshow im Auftrage des ZK der KPdSU(B) die Untersuchung überwachte. Und ich persönlich weiß von Jagoda, dass sich bald danach die außergewöhnliche Unruhe Jagodas über die Arbeit N. I. Jeshows im steigenden Maße verstärkte. Jagoda betonte, dass sich Jeshow außerordentlich schnell, wie er sagte, in den Besonderheiten der Arbeit der Verwaltung für Staatliche Sicherheit zurechtfinde und sie erfasse, und dass es absolut keine Gewissheit dafür gebe, dass er zu guter Letzt nicht direkt zur Aufdeckung der wahren Sachlage, zur Aufdeckung der Verschwörung gelangen werde. Jagoda hat alles ausgenutzt, um N. I. Jeshow zu desinformieren - ich weiß das wiederum aus seinen Gesprächen mit einer Reihe von Leitern der operativen Abteilungen, die gleichzeitig Mitglieder der Verschwörerorganisation waren. Von dem Material, von den entsprechenden Informationen und den Protokollen wurde nur das an Jeshow geschickt, was von Jagoda und seinen Helfern dazu bestimmt wurde. Andere Mitteilungen und Dokumente wurden versteckt und verheimlicht. überhaupt wurde alles getan, um die Arbeit Jeshows zu erschweren.
Und dennoch sagte Jagoda zu Beginn des ersten Drittels 1936 geradeheraus, er habe nicht nur absolut keine Gewissheit, keine Garantie, dass Jeshow sich nicht zur wahren Sachlage durchgraben werde, sondern er sei im Gegenteil schon jetzt davon überzeugt, dass jener sich so sehr auf dem richtigen Wege befinde, dass man bestimmte, entschiedene Maßnahmen treffen müsse, um die real herangereifte Gefahr zu lokalisieren.
In der ersten Hälfte 1936 erfuhr ich zum ersten Mal, dass es Jagoda seinerzeit bekannt war, wie der Mord an Kirow organisiert wurde. Einmal ging ich wie gewöhnlich ohne Anmeldung in Jagodas Arbeitszimmer und fand ihn in einem sehr aufgeregten Zustande bei einem Gespräch mit Moltschanow. Als Moltschanow weggegangen war, stieß Jagoda im Zustande größter Gereiztheit den Satz ans: „Es scheint, dass sich Jeshow auch bis zu der Lenin grader Sache durcharbeiten wird.“ Dann nahm er sich zusammen, obwohl er gewöhnlich vor mir nichts verbarg, und sagte - nachdem er mir den außerordentlich konspirativen Charakter der Mitteilung, die er mir machen werde, eingeschärft und noch einmal, zum zwanzigsten oder zum vierzigsten Male gedroht hatte, er werde mir, „falls etwas passiert“ den Kopf abreißen -, es sei ihm bekannt gewesen, dass ein Anschlag auf S. M. Kirow vorbereitet wird, dass er in Lenin grad einen treuen Menschen gehabt habe, der in alles eingeweiht war, den Stellvertreter des Leiters der Lenin grader Gebietsverwaltung des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten Saporoshez, und dass dieser die Sache so organisiert habe, dass die Ermordung Kirows durch Nikolajew erleichtert, einfacher gesagt, unter direkter Vorschubleistung, folglich auch unter Mitwirkung. von Saporoshez geschehen sei.
Ich erinnere mich, dass Jagoda flüchtig erzählte, wobei er übrigens auf Saporoshez wegen dessen nicht allzu großer Geschicklichkeit schimpfte: es habe einen Fall gegeben, wo es fast zum Hochgehen gekommen wäre, als die Wache einige Tage vor der Ermordung Kirows irrtümlicherweise Nikolajew festnahm und man bei ihm in der Aktentasche ein Notizbuch und einen Revolver fand, Saporoshez habe ihn aber rechtzeitig freigelassen. Jagoda erzählte mir ferner, dass ein Mitarbeiter der Lenin grader Verwaltung des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten, Borissow, an der Ermordung Kirows mitbeteiligt war. Als Regierungsmitglieder nach Lenin grad kamen und Borissow in den Smolny kommen ließen, um ihn als Zeugen der Ermordung Kirows zu vernehmen, war Saporoshez davon beunruhigt und beschloss, Borissow zu ermorden, da er befürchtete, er werde die Hintermänner Nikolajews verraten. Auf Anweisung Jagodas richtete es Saporoshez so ein, dass das Auto-mobil, das Borissow in den Smolny bringen sollte, einen Unfall erlitt. Borissow wurde bei diesem Unfall getötet, und auf diese Weise wurden sie einen gefährlichen Zeugen los. Mir wurde damals die außerordentliche Fürsorge begreiflich, die Jagoda an den Tag legte, als Medwedj, Saporoshez und andere Mitarbeiter verhaftet und dem Gericht übergeben wurden. Ich erinnere mich, dass er mir persönlich die Sorge um die Familie Saporoshez' und um die Familie Medwedjs übertrug. Ich erinnere mich, dass er sie zur Abbüßung der Strafe nicht auf gewöhnlichem Wege ins Lager schickte, nicht in einem Waggon für Gefangene, sondern in einem speziellen Waggon mit direkter Marschroute fahren ließ. Vor der Abreise ließ er Saporoshez und Medwedj zu sich rufen.
Die Gefahr des Hochgehens war für sie so offenkundig und real, dass Jagoda sich entschloss, den Weg viel entschiedenerer Handlungen einzuschlagen; einfacher gesagt, er beschloss, N. I. Jeshow zu ermorden. Aus den Worten Jagodas weiß ich, dass er im Sommer 1936 andere Personen, die in diesem Prozess nicht figurieren, beauftragte, die Wohnung zu vergiften, in der Jeshow wohnte. Wie, wann, womit, unter welchen Umständen dies getan wurde, sagte er mir nicht und ich weiß es nicht, dass es aber getan wurde, davon bin ich überzeugt, denn ich weiß, dass bei Jagoda äußerst selten Wort und Tat nicht übereinstimmen.
Als er seines Amtes als Volkskommissar für Innere Angelegenheiten enthoben wurde, schritt er bereits zur direkten Vergiftung des Arbeitszimmers und jenes Teiles der Räume des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten, die an das Arbeitszimmer grenzen, in dem Nikolai Iwanowitsch Jeshow arbeiten sollte. Er gab mir persönlich den direkten Auftrag, ein Gift vorzubereiten, und zwar Quecksilber zu nehmen und es in Säure aufzulösen. Ich verstehe nicht viel von Chemie und Medizin, vielleicht irre ich mich in den Benennungen, ich erinnere mich aber, dass er mich vor der Schwefelsäure, vor Brandgeruch und derartigem warnte. Das war am 28. September 1936. Diesen Auftrag Jagodas habe ich durchgeführt, die Lösung habe ich hergestellt. Das Besprengen des Arbeitszimmers, in dem Jeshow sitzen sollte, und der angrenzenden Räume, des Läufers, der Teppiche und Vorhänge wurde von Sawolainen in meiner und Jagodas Anwesenheit vorgenommen. Das war am 29. September. Jagoda sagte mir, dass man dieses Besprengen fünf-, sechs-, siebenmal vornehmen müsse, was auch geschah. Ich bereitete zwei- oder dreimal große Flaschen mit dieser Lösung zu und übergab sie Sawolainen. Dieser sprengte sie aus einem Zerstäuber aus. Ich erinnere mich, dass dies ein großer dickbäuchiger Metallballon war. Ich kenne diesen Zerstäuber, er stand in der Toilette Jagodas, es war ein ausländischer Zerstäuber. Das zweite und dritte Mal nahm Sawolainen das Besprengen in meiner Anwesenheit vor, die übrigen Male ohne mich. Er erzählte mir alles und erstattete auch Jagoda Bericht.
Ich muss hinzufügen, dass Jagoda am 28. September, als dieses Gespräch stattfand, aus seinem Schränkchen, in dem er viele verschiedene Dinge, insbesondere Fläschchen, hatte, zwei Ampullen herausnahm, die ihrem Aussehen nach nichtrussischer Herkunft waren, sie mir übergab und dabei sagte: Das sind Gifte, die man gleichzeitig mit der Quecksilberlösung aussprengen muss. Was das war, wie das hielt, weiß ich nicht. Ich: übergab das Sawolainen und dieser sprengte es zusammen mit der Quecksilberlösung aus.
Das ist alles, was ich beim Mordanschlag auf Nikolai Iwanowitsch Jeshow getan habe.

WYSCHINSKI: Sagen Sie bitte, interessierte sich Jagoda im Allgemeinen für Gifte?

BULANOW: Außerordentlich.

WYSCHINSKI: Worin kam dieses besondere Interesse für Gifte zum Ausdruck?

BULANOW: Dieses Interesse tauchte bei ihm ungefähr im Jahre 1934 auf. Ich wiederhole, Bürger Staatsanwalt, dass ich dies nicht nur aus den Gesprächen schließen konnte, sondern auch aus den Handlungen, die mir bekannt waren. Ich weiß, dass er zum Beispiel eine äußerst nahe Bekanntschaft mit einer Reihe von Chemikern schloss, dass er ihnen den direkten Auftrag gab, ein chemisches Laboratorium zu hauen, richtiger, zu organisieren.

WYSCHINSKI: Wozu?

BULANOW: Dabei wurde die ganze Zeit betont, dass das Laboratorium Jagoda zur Verfügung stehen müsse, da es in seinem Arsenal keine genügende Menge von Giften gebe, als Mittel, die für bestimmte Zwecke notwendig sind.

WYSCHINSKI: Was für Zwecke?

BULANOW: Das wurde später ganz real vorgeführt.

WYSCHINSKI: Das heißt?

BULANOW: Für konterrevolutionäre Zwecke, für Mordzwecke. Ich weiß, dass er zu dieser Arbeit, natürlich nicht ganz, sondern bis zu einem gewissen Grade eine Reihe von Personen herangezogen hatte. Die Organisierung dieses Laboratoriums war eine reale Tatsache. Das weiß ich deshalb, weil er mir persönlich den Auftrag gab, entsprechende Räumlichkeiten zu finden und sie bestimmten Personen zur Verfügung zu stellen. Das tat ich auch. Ich fand ein Gebäude und übergab es diesen Personen. Ich war allerdings nicht dort, aber ich hörte von diesen Personen, dass zur Organisierung dieses Laboratoriums alles getan wird, wobei mich Jagoda aufmerksam machte, dass dies eine so wichtige Sache sei, dass man den genannten Personen unbeschränkte Mittel zur Verfügung stellen müsse, ohne ihre Verausgabung zu kontrollieren.

WYSCHINSKI: Stand dieses Interesse für Gifte mit seinen verschwörerischen Handlungen und Plänen in Verbindung?

BULANOW: Ganz entschieden. In einem der Gespräche, als vom Staatsumsturz die Rede war, der von ihnen organisiert wurde, sagte Jagoda, dass zur Durchführung dieses Umsturzes alle Mittel notwendig sein werden - sowohl die bewaffnete Aktion als auch Provokationen und sogar Gifte, denn es gibt zuweilen, wie er sagte, Momente, wo man langsam und höchst vorsichtig vorgehen muss, und es gibt Momente, wie er sagte, wo man schnell und überraschend handeln muss. Der Sinn war der, dass alle Mittel recht sind und dass man bei der Anwendung der Mittel nicht wählerisch sein dürfe.

WYSCHINSKI: Und dass beim Umsturz das Gift eine wichtige Rolle spielen könne?

BULANOW: Er sagte sogar, wenn ich mich recht erinnere, die „entscheidende“.

WYSCHINSKI: Nach der Absetzung Jagodas vom Posten des Volkskommissars für Innere Angelegenheiten haben Sie im Volkskommissariat noch weitergearbeitet?

BULANOW: Ja, ich habe dort weitergearbeitet.

WYSCHINSKI: Und haben dort lange Zeit gearbeitet?

BULANOW: Bis zur Verhaftung.

WYSCHINSKI: Ungefähr bis zu welcher Zeit?

BULANOW: Bis Ende März 1937.

WYSCHINSKI: Und wann wurde Jagoda abgesetzt?

BULANOW: Ende September 1936.

WYSCHINSKI: Ist man bald, nachdem Jagoda ging, an die Vergiftung geschritten?

BULANOW: Die erste Besprengung wurde am 29. September vorgenommen, die zweite nach 2-3 Tagen und die letzte, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, im Dezember. Insgesamt wurde das Besprengen sechs oder siebenmal vorgenommen.

WYSCHINSKI: Sechs oder sieben solcher Besprengungen?

BULANOW: Ja.

WYSCHINSKI: Und bei welchen Besprengungen waren Sie persönlich anwesend?

BULANOW: Ich erinnere mich genau, das war das erste, zweite, dritte und letzte Mal. Insgesamt viermal.

WYSCHINSKI: Und wer hat die Besprengungen dazwischen vorgenommen?

BULANOW: Das tat Sawolainen.

WYSCHINSKI: Wussten Sie davon?

BULANOW: Ja, ich wusste davon.

WYSCHINSKI: Und wer hat ihn instruiert?

BULANOW: Wie ich bereits ausgesagt habe, hat Sawolainen die erste Besprengung in Jagodas und meiner Anwesenheit vorgenommen.

WYSCHINSKI: Wann war das?

BULANOW: Das war genau am 29. September.

WYSCHINSKI: Das heißt?

BULANOW: Am Tage bevor Jagoda ging.

WYSCHINSKI: Sind Ihnen außer der verbrecherischen Vorbereitung zur Vergiftung Nikolai Iwanowitsch Jeshows noch irgendwelche Verbrechen dieser Art bekannt, die von Jagoda und Ihnen oder nur von Jagoda begangen wurden?

BULANOW: Ja, mir ist ganz genau die Tötung Menshinskis, Alexej Maximowitsch Gorkis und Maxim Alexejewitsch Peschkows bekannt.

WYSCHINSKI: Erzählen Sie kurz über diese Fälle.

BULANOW: Die Tötung A. M. Gorkis wurde von Jagoda unternommen als eine der realen Maßnahmen, die Bedingungen für den Erfolg zu schaffen, für den Fall, dass der Umsturz gelingen sollte. Jagoda sagte, als sich die Rechten überzeugt hatten, dass Alexej Maximowitsch nicht nur restlos die Politik der Partei und Regierung teilte, sondern dass er sich auch selbst mit dem ihm eigenen Enthusiasmus in den Aufbau des sozialistischen Staates eingereiht hatte, als sie sahen, hörten und beobachteten, mit welcher außerordentlichen Begeisterung Alexej Maximowitsch aus jedem Anlass über die Rolle Stalins beim Aufbau des sozialistischen Staates sprach, da kamen sie einmütig zu dem Schluss, dass Alexej Maximowitsch im Fall des Gelingens des Umsturzes offen seine Stimme gegen sie erheben werde.
Angesichts der Autorität aber, die Gorki in allen Schichten der Bevölkerung in der Sowjetunion genoss, und angesichts seiner außerordentlichen Bedeutung in den Augen der kulturell denkenden Leute im Ausland, würde diese Meuterei - wie Jagoda sagte - Gorkis gegen die neue Macht außerordentliche Folgen nach sich ziehen. Deshalb haben sie beschlossen, Gorki rechtzeitig zu beseitigen.
Aus den Worten Jagodas weiß ich, dass Dr. Lewin, Professor Pletnjow und der Sekretär Gorkis, Krjutschkow, an diesem Verbrechen beteiligt waren. Ich persönlich hörte einige Male, wie Jagoda Krjutschkow instruierte, er müsse sich bemühen, dass Alexej Maximowitsch sich eine Erkältung zuziehe, er sagte, dass eine Erkältung bei dem Zustand der Lungen, wie er bei Gorki vorlag, folgenschwer sein müsse; alles übrige aber, was erforderlich sei, würden Pletnjow und Lewin tun. Soweit mir bekannt, hat Jagoda Lewin für diese Sache herangezogen und überhaupt für die Vergiftungsfälle angeworben, indem er kompromittierendes Material (welches weiß ich nicht) gegen ihn ausnutzte, und auch dadurch, dass er ihn bestach. Ich persönlich zum Beispiel habe jenes Landhaus beschafft und eingerichtet, von dem Dr. Lewin hier gesprochen hat. Ich persönlich habe Dr. Lewin im Auftrage Jagodas, als Lewin ins Ausland reiste, des öfteren Geld in ausländischer Währung gegeben.

WYSCHINSKI: Übrigens, erinnern Sie sich nicht, wie viel Sie gegeben haben?

BULANOW: Das war zwei- oder dreimal. Ich kann es nicht genau sagen. Ich glaube, dass Dr. Lewin, der das Geld bekommen hat, es genauer sagen wird, aber ich glaube, es waren so gegen 1000 Dollar jedes Mal. Für die Genauigkeit der Summe kann ich nicht bürgen, aber es war ungefähr soviel. Ebenso habe ich auf Befehl von Jagoda die Weisung an die Grenze gegeben, man möge Dr. Lewin ohne zollamtliche Prüfung durchlassen. Nach den Worten Jagodas brauchte man Krjutschkow gar nicht besonders zu überzeugen, denn er sagte, Pjotr Petrowitsch sei in einem gewissen Maße selbst daran interessiert als literarischer Erbe Alexej Maximowitsch Gorkis - so habe ich den Sinn verstanden. Aus dem, was mir Jagoda sagte, weiß ich, dass Krjutschkow auch so vorging, dass er Gorki auf Drängen Jagodas in einer klimatisch ungeeigneten Jahreszeit nach Moskau brachte, dass er ihn hier nach seiner Ankunft in eine Stadtwohnung schickte, wo es Grippekranke gab, d. h. in eine Atmosphäre, in der er, angesichts seiner Schwäche, sich am sichersten mit Grippe anstecken musste. Und weiter haben bei seiner Behandlung, wie ich sagte, sowohl Lewin als auch Pletnjow durch bewusst falsche Behandlung das ihrige getan. Das ist alles, was ich von der Tötung Alexej Maximowitsch Gorkis weiß.

WYSCHINSKI: Und auf wessen unmittelbare Weisung wurde die Tötung Menshinskis vorgenommen?

BULANOW: Auf die Weisung Jagodas. Dabei muss ich sagen, wenn er bei der Tötung Gorkis, wie er sagte, ausschließlich politische Motive hatte, so erfuhr ich jetzt durch ihn bereits von Motiven persönlicher Natur.

WYSCHINSKI: Das heißt?

BULANOW: Von den persönlichen Motiven eines Menschen, der mit allen Mitteln, auf jedem Wege, Karriere machen will, d. h. die Freiwerdung des Postens beschleunigen, den Posten des Vorsitzenden der Vereinigten Staatlichen Politischen Verwaltung vakant machen will, wobei er offensichtlich annahm, dass er, Jagoda, unter diesen Umständen der einzige Kandidat für den Posten des Vorsitzenden sein wird.

WYSCHINSKI: Ist das Ihre Analyse?

BULANOW: Natürlich spielten hier auch politische Motive eine Rolle. Für das Zentrum der Rechten, für die Verschwörer überhaupt, war es von größter Bedeutung, an der Spitze des Straforgans einen ihrer Leute, einen ihrer Führer zu haben, d. h. die Garantie, die fast vollständige Möglichkeit zu schaffen, jede beliebige Spur zu verwischen.
Aber Jagoda sprach mir persönlich auch von Motiven persönlichen Charakters. Er betonte wiederholt, dass Menshinski schon längere Zeit faktisch nicht arbeite, und dass er, Jagoda, die Arbeit leisten müsse. Er setzte das Tüpfelchen auf das „i“, ich meine im Jahre 1933, als er mir direkt sagte, dass er beschlossen habe, zu beschleunigen, d. h. einfach gesprochen, Menshinski zu vernichten, dass er zu dieser Sache Dr. Lewin herangezogen habe, dass es aber bei Lewin irgendwie nicht geklappt habe. Und dann weiß ich durch ihn genau, dass er Dr. Kasakow als den direkten Ausführenden herangezogen hat.

WYSCHINSKI: Ist Ihnen übrigens bekannt, war Kasakow wegen dieser Frage bei Jagoda im Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten, in seinem Arbeitszimmer?

BULANOW: Wenn Jagoda zuvor erklärt hat, dass er Kasakow zum ersten Male sieht, so erwarte ich jetzt, dass er sagen wird, dass er auch mich zum ersten Mal im Leben sieht. Kasakow hat er natürlich gesehen und nicht nur einmal. Ich zum Beispiel erinnere mich persönlich an einen Fall, wo Kasakow im Arbeitszimmer bei Jagoda war. Das habe ich im Gedächtnis behalten, denn es war an einem freien Tag, für das Datum kann ich nicht bürgen.

WYSCHINSKI: Erlauben Sie, Kasakow zu fragen.

Angeklagter Kasakow, wann war das?

KASAKOW: Am 6. November.

WYSCHINSKI: Im Jahre?

KASAKOW: 1933.

BULANOW: Es ist mir im Gedächtnis geblieben, dass dies ein freier Tag war, die freien Tage haben wir gewöhnlich eingehalten, aber an diesem Tage waren wir in den Diensträumen. Dass Jagoda Kasakow oft bei Menshinski gesehen hat, das ist eine Tatsache. Kasakow kam sehr oft zu Menshinski ins Arbeitszimmer.

WYSCHINSKI: Kasakow war sehr oft bei Menshinski im Arbeitszimmer?

BULANOW: Ja, sehr oft.

WYSCHINSKI: Und Jagoda musste ihn sehen?

BULANOW: Ja. Jagoda sah Kasakow wiederholt im Arbeitszimmer Menshinskis.

WYSCHINSKI: Also spricht Jagoda hier nicht die Wahrheit?

BULANOW: Die Unwahrheit. Wo könnte ich es denn herhaben, dass mir Jagoda gesagt hat, dass für diese Sache, für die Ermordung Menshinskis, auch Dr. Kasakow herangezogen worden ist, und dass sie das zu zweit mit Lewin durchführen, dass Kasakow dazu irgendwelche ausgeklügelte Arzneien verwendet, die nicht nur der Medizin unbekannt, sondern auch Kasakow selbst wenig bekannt sind, so dass es schwer sein wird, die Spuren dieser Vergiftung zu finden. Das sagte mir Jagoda. Woher könnte ich es sonst wissen?

WYSCHINSKI: Angeklagter Jagoda, haben Sie die Aussagen Bulanows über die Vergiftung Menshinskis gehört?

JAGODA: Ja, ich habe sie gehört.

WYSCHINSKI: Werden Sie nach diesen Aussagen, durch welche Ihre Beteiligung an der Vergiftung festgestellt wird, fortfahren, Ihre Beteiligung daran zu leugnen?

JAGODA: Nein, ich bestätige meine Beteiligung.

WYSCHINSKI: Sie bestätigen sie?

JAGODA: Ja.

WYSCHINSKI: Angeklagter Bulanow, und die Tötung Maxim Peschkows - ist das auch ein Werk Jagodas?

BULANOW: Selbstverständlich.

WYSCHINSKI: Angeklagter Jagoda, was sagen Sie dazu?

JAGODA: Ich gestehe meine Beteiligung an der Erkrankung Peschkows und ersuche den Gerichtshof, diese Frage in eine geschlossene Sitzung zu verlegen.

WYSCHINSKI: Ich habe nichts dagegen.

Angeklagter Bulanow, Sie haben uns hier ein ungeheuerliches Bild, eine Reihe von Verbrechen entworfen, die Sie unter der Leitung Jagodas verübt haben. Wer von den Leitern des „Blocks der Rechten und Trotzkisten“ war - nachdem was Ihnen bekannt ist - noch an diesen Verbrechen beteiligt?

BULANOW: Jagoda sagte mir unumwunden, dass der Beschluss über die Vergiftung Jeshows und die Tötung Gorkis von Rykow, von Bucharin gefasst wurde...

WYSCHINSKI: Und Jenukidse?

BULANOW: Und selbstverständlich von Jenukidse.

WYSCHINSKI: Mit einem Wort, von der Spitze des „Blocks. der Rechten und Trotzkisten“?

Angeklagter Rykow, ist Ihnen bekannt, dass vom „Block der Rechten und Trotzkisten“ der Beschluss gefasst wurde, Alexej Maximowitsch Gorki physisch zu vernichten?

RYKOW: Nein.

WYSCHINSKI: Und was war Ihnen darüber bekannt?

RYKOW: Mir war die äußerst feindselige Haltung gegenüber Alexej Maximowitsch Gorki bekannt, die von Seiten der Trotzkisten und in manchen Kreisen der Rechten im Laufe einer Reihe von Jahren zum Vorschein kam.

WYSCHINSKI: Hatten Sie darüber Ende 1935 ein Gespräch mit Jenukidse?

RYKOW: Mit Jenukidse? Ja.

WYSCHINSKI: Was für ein Gespräch?

RYKOW: Jenukidse teilte mir mit, dass die Trotzkisten und Sinowjewleute über den Einfluss, den Gorki gewinnt, sehr besorgt seien, dass er ein entschiedener Anhänger Stalins und der Generallinie der Partei ist. Darum halten sie es für notwendig, wie er sich ausdrückte, angesichts dieser Bedeutung Gorkis - und seine Bedeutung sowohl im Ausland als auch bei uns bedarf keiner Bestätigung - bestehen sie darauf, wie er sich ausdrückte, seine politische Aktivität zu liquidieren.

WYSCHINSKI: Jenukidse sprach also von der Notwendigkeit, die politische Aktivität Gorkis zu liquidieren?

RYKOW: Ja.

WYSCHINSKI: Auf welche Weise und in welchem Sinne?

RYKOW: Er sprach in einem so gereizten Ton oder in so schroffen, feindseligen Ausdrücken, dass es für mich klar war (da es sich hauptsächlich um den trotzkistisch-sinowjewistischen Teil handelte), dass sich hinter diesem Ton die Möglichkeit der Anwendung auch gewaltsamer Maßnahmen verbarg.

WYSCHINSKI: Haben Sie aus dem Gespräch mit Jenukidse den Schluss gezogen, dass es sich um die Beseitigung der politischen Aktivität Gorkis mit verschiedenen Mitteln, gewaltsame Maßnahmen mit einbegriffen, handelt?

RYKOW: Ja, es kann in einem gewissen Falle auch dazu kommen.

WYSCHINSKI: Und was heißt das, es bis zu gewaltsamen Maßnahmen zu bringen? Kann man darunter auch bis zum Mord verstehen?

RYKOW: Selbstverständlich.

WYSCHINSKI: Sie wussten also von der Vorbereitung der Ermordung Gorkis?

RYKOW: Nicht ganz so.

WYSCHINSKI: Dass sie vorbereitet wird, davon wussten Sie?

RYKOW: Ich habe davon gewusst, was ich Ihnen schon gesagt habe.

WYSCHINSKI: Und ist das etwa zur Qualifizierung ungenügend?

RYKOW: Für jene Qualifizierung, von der Sie sprechen, ist es ungenügend. Vielleicht habe ich das unterschätzt, was Jenukidse sagte.

WYSCHINSKI: Sie haben es unterschätzt?

RYKOW: Vielleicht hatte ich nicht diese Überzeugung oder Meinung, dass ein Mordanschlag gegen Gorki vorbereitet wird. Das hatte ich nicht.

WYSCHINSKI: Aber, dass eine solche Aufgabe aktuell werden kann?
Das heißt, mit anderen Worten, das Gespräch mit Jenukidse hat Ihnen die Möglichkeit gegeben zu verstehen, dass man vor der Ermordung Gorkis nicht haltmachen soll?

RYKOW: In diesem Gespräch mit Jenukidse habe ich mich kategorisch genug gegen solche Angriffe ausgesprochen.

WYSCHINSKI: Sie, aber ich frage Sie über den Block.

RYKOW: Das habe ich als Teilnehmer des Blocks zugegeben.

WYSCHINSKI: Das ist Ihre Sache, zuzugeben oder nicht zuzugeben.

RYKOW: Ich habe auch von meinem Protest dagegen gesprochen.

WYSCHINSKI: Protest? Wogegen?

RYKOW: Gegen den Ton, gegen jene Ausdrücke, jene Angriffe, die es seitens Jenukidses gegenüber Gorki gab. Da es in einem Stadium war, als die Frage in diesem Sinne erst entstehen konnte, glaubte ich, dass mein energisches Eingreifen und mein entschiedener Protest diese Möglichkeit ausschloss.

WYSCHINSKI: Ich formuliere das, was Sie jetzt gesagt haben, um im weiteren den Streit über diese Frage zu beseitigen, in folgender Weise: Erstens, im Jahre 1935 hatten Sie ein Gespräch mit Jenukidse, in dem Jenukidse in schroffer Weise gesagt hat, dass der Block der Trotzkisten und Sinowjewleute auf der Liquidierung der politischen Aktivität Gorkis besteht.

RYKOW: Ja.

WYSCHINSKI: Zweitens, aus dem Ton, der Feindseligkeit, der Bestialität dieses Gespräches kann man schließen, dass sie hei der Beseitigung der politischen Aktivität A. M. Gorkis vor keinerlei Mitteln haltmachen werden.

RYKOW: Wenn man das jetzt nach alldem sagt, so ist es völlig klar.

WYSCHINSKI: Und wie haben Sie sich das damals vorgestellt?

RYKOW: Ich habe gesagt, dass ich diese Gefahr unterschätzte.

WYSCHINSKI: Das wird die Charakteristik Ihrer Stellungnahme zur Tatsache sein. Mich interessiert aber die Tatsache selbst. Sie bestätigen, dass man aus dem Gespräch mit Jenukidse verstehen konnte, dass sie zur Liquidierung der politischen Aktivität Gorkis, wie er sagte, vor nichts haltmachen werden!

RYKOW: Ich würde einfach sagen, dass sie imstande sind, vor gewaltsamen Mitteln nicht haltzumachen.

WYSCHINSKI: So. Und das dritte, aus diesem Gespräch mit Jenukidse war es klar, dass es sich um einen Terrorakt gegen Gorki handeln kann.

RYKOW: Ja. So konnte die Frage gestellt werden.

WYSCHINSKI: Das war klar. Setzen Sie sich bitte.

VORSITZENDER (zu Bulanow): Haben Sie Ihre Aussagen beendet?

BULANOW: Ich habe sie beendet.

WYSCHINSKI: Ich habe eine Frage an Bulanow. Ist Ihnen ein Fall bekannt, dass Jagoda an Trotzki Geld schickte?

BULANOW: Das ist mir ganz genau bekannt.

WYSCHINSKI: In welchem Jahre?

BULANOW: Davon, dass Jagoda Trotzki mit Geld versorgte, habe ich von Jagoda nicht gleich erfahren. Im Jahre 1934 ließ mich Jagoda rufen und sagte mir, dass mich ein Mann aufsuchen werde, dem ich 20000 Dollar ausfolgen muss.

WYSCHINSKI: 20000 Dollar? Wozu und für wen?

BULANOW: Ich habe Jagoda niemals gefragt wozu und für wen. Ich habe diesem Menschen das Geld ausgefolgt.
Als ich am nächsten Tage Bericht erstattete, dass dieser Auftrag ausgeführt sei, sagte mir Jagoda, dass ich diesem Menschen auch in Zukunft die Geldbeträge ausfolgen muss, die er mir angeben wird. Und er sagte unter anderem, dass dieser Mann seine direkte Verbindung mit Trotzki darstelle, dass Trotzki in der letzten Zeit sehr an Geldmangel leide und dass die Summen, die ich ausgefolgt habe und ausfolgen werde, unmittelbar an Trotzki gehen. In der Tat erschien dieser Mann im Laufe der Jahre 1934 bis 1936 vier- bis fünfmal, und ich folgte ihm jedes Mal Geld aus, wozu ich natürlich von Jagoda den Auftrag erhielt.

WYSCHINSKI: Ich habe keine Fragen mehr.

VORSITZENDER: Hat die Verteidigung Fragen?

DIE VERTEIDIGER: Nein.

VORSITZENDER: Haben die Angeklagten Fragen?

RYKOW: Bulanow hat von meinem Archiv gesprochen, das bei Jagoda gefunden wurde. Ich möchte, dass er über den Fund Mitteilungen macht, woher dieses Archiv stammt, was in ihm enthalten ist und woher er davon weiß.

BULANOW: Wenn ich genau wüsste, was sich dort befindet und den Umfang dieses Archivs wüsste, würde ich meinem Mitangeklagten unbedingt antworten. Leider verfüge ich über diese Informationen nicht. Ich sprach über dieses Archiv auf Grund folgenden Umstandes. Als Jagoda von einem Gebäude ins andere bei der Neuaufteilung der Gebäude übersiedelte, ich erinnere mich nicht unter welchen Umständen, aber jedenfalls fand ich unter einem Teil der Sachen, die lange Zeit im eisernen Schrank lagen, einen Pack Dokumente. Ich fragte Jagoda darüber und er sagte mir: nehmen Sie sie nicht auseinander, das ist das Archiv Rykows. Mir scheint, das war ausreichend, um meine Erklärung abzugeben.

VORSITZENDER: Die Verhandlung wird für eine halbe Stunde unterbrochen.

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