PROZESSBERICHT ÜBER DIE STRAFSACHE DES ANTISOWJETISCHEN
„BLOCKS DER RECHTEN UND TROTZKISTEN"

VORMITTAGSSITZUNG VOM 9. MÄRZ 1938

VERHÖR DES ANGEKLAGTEN KASAKOW

VORSITZENDER: Angeklagter Kasakow, bestätigen Sie Ihre Aussagen in der Voruntersuchung?

KASAKOW: Ich bestätige sie.

VORSITZENDER: Erzählen Sie dem Gericht von Ihrer verbrecherischen Tätigkeit.

KASAKOW: Meine Verbrechen beziehen sich speziell auf die Tötung Wjatscheslaw Rudolfowitsch Menshinskis. Meine Beziehungen zu Menshinski zerfallen in zwei Perioden. Die erste Periode dauerte bis zum November 1933, wo ich ihn richtig behandelte und bestimmte Resultate erzielte. Die zweite Periode, wo ich eine falsche Behandlungsmethode anwandte, beginnt nach der Begegnung mit Lewin und nach der Begegnung mit Jagoda. Bis zu meiner Begegnung mit ihnen befand sich Menshinski in einem schweren Zustand und verließ sechs oder sieben Monate lang nicht das Bett. Ich wurde zum Schwerkranken eingeladen. Er litt an Angina pectoris und gleichzeitig an Bronchialasthma; die Anfälle von Bronchialasthma belästigten ihn besonders nachts, die Anfälle von Angina pectoris stellten sich von Zeit zu Zeit ein, steigerten sich und wurden schwächer nach dem Anfall, den er 1926 hatte, und endeten mit einem schweren Infarkt des Myokards, was durch das in den Akten vorhandene Elektrokardiogramm bestätigt wird.
Das Elektrokardiogramm zeigte das Vorhandensein von Thrombosen in einem der Zweige der Koronararterien.
Nach meiner Behandlung im April 1932 stand Wjatscheslaw Rudolfowitsch auf und begann zu arbeiten, davon sprach gestern Lewin, und das wurde in einem Protokoll fixiert, das von mir, Dr. Lewin und noch einem Professor im Amtszimmer von Wjatscheslaw Rudolfowitsch unterzeichnet wurde. Und das Protokoll, welches besagte, dass er zu arbeiten beginnen kann, wurde den höheren Instanzen vorgelegt. Während ich Wjatscheslaw Rudolfowitsch beobachtete, bemerkte ich einige Besonderheiten im Benehmen Dr. Lewins mir gegenüber. Vor allem verhielt er sich mir gegenüber wegwerfend, man begann mich zu diskreditieren, und Ende November 1932 wurde ich aus irgendeinem Grunde von der Behandlung Wjatscheslaw Rudolfowitschs ausgeschaltet, als er sich in einem guten Zustand befand. Am 5. März 1933 wurde ich wiederum zu Menshinski eingeladen und fand ihn nach einer überstandenen Grippe in einem schweren Zustand; er litt an einer Chronio-Sepsis. An Stelle der Asthmaanfälle waren Anfälle von Angina pectoris getreten. Zwischen mir und Dr. Lewin herrschten Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Beurteilung seines Zustands. Ich wurde von der Behandlung Menshinskis ausgeschaltet. Lewin traf ich im Mai, er äußerte mir ein gewisses Beileid anlässlich des ablehnenden Verhaltens einer Gruppe von Ärzten zu mir, gegen die ich einen wissenschaftlichen Kampf führte, und sagte, dass ich mir umsonst mit Menshinski zu schaffen mache, es werde dabei nichts herauskommen, es sei unmöglich, sich durch ihn eine Karriere zu machen. Sodann sagte er: „Nun, wir werden irgendein anderes Mal noch darüber sprechen.“
Im Juni traf ich ihn wieder. Ich erfuhr, dass in dieser .Zeit bei Menshinski ein Konzilium stattgefunden hat, dass dieses Konzilium zum Beschluss gekommen ist, dass Menshinski an einer Chronio-Sepsis leidet und es eine antiseptische Behandlung mit Lysaten beschlossen hat. Die Begegnung mit Lewin und das Gespräch waren für mich überraschend, denn früher hielt er es für unnötig, eine derartige Behandlung Menshinskis fortzusetzen.
Ich begann Menshinski am 19. Juni zu behandeln. Ende Juli konnte Menshinski wiederum seine Arbeit aufnehmen. Den August und September verbrachten wir zusammen in Kislowodsk, Menshinski befand sich dort in einem guten Zustand. Im Oktober konnte er bereits wiederum die Arbeit aufnehmen.
Ende Oktober begegnete ich Dr. Lewin, und jetzt fand schon jenes offene Gespräch statt, das gestern Dr. Lewin bestätigt hat. Er sagte mir: „Ich wundere mich über Sie, dass Sie sich so eifrig an die Behandlung, an die Wiederherstellung der Gesundheit Menshinskis gemacht haben. Umsonst haben Sie ihn zur Arbeit zugelassen. Umsonst machen Sie sich mit diesem lebenden Leichnam zu schaffen. Dadurch reizen Sie ja nur Jagoda, und das wird für Sie zu nichts Gutem führen.“
Hier war ich vollkommen verblüfft. Lewin fuhr fort: „Begreifen Sie doch, dass Menshinski Jagoda hinderlich ist und dass Jagoda daran interessiert ist, ihn möglichst rasch aus dem Wege zu räumen. Ich warne Sie: falls Sie Menshinski davon erzählen werden, so wird Jagoda Sie natürlich vernichten, und Sie werden sich nirgends vor Jagoda verstecken können. Jagoda ist ein Mensch, der vor nichts haltmacht, nichts vergisst. Ich setze Sie davon in Kenntnis, dass Jagoda Sie zu sich laden wird.“
Dieses Gespräch überschritt an Offenheit jegliche Grenzen. Natürlich verpflichtete mich das, sofort irgendjemandem Meldung zu machen. Ich tat dies jedoch nicht, da ich glaubte, hier liege irgendeine Provokation seitens Dr. Lewin vor, und beschloss abzuwarten, was mir Jagoda sagen wird. Zu Dr. Lewin, der zu der Gruppe von Ärzten gehörte, gegen die ich einen ausgesprochenen Kampf führte, hatte ich keine guten Beziehungen und ich hatte keinen Grund, ihm besonders zu glauben.
Die Ereignisse nahmen ihren Verlauf. Einmal hörte ich auf, Menshinski zu besuchen. Man muss nämlich wissen, dass ich Menshinski nicht einfach so wie Lewin besuchen konnte. Ich konnte nur dann zu ihm fahren, wenn mich ein Automobil dorthin brachte, das einen bestimmten Passierschein besaß, d. h. ein Automobil, das im Auftrag des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten fuhr. Wurde kein Auto nach mir geschickt, so konnte ich auch nicht zu Menshinski fahren, und wirklich sah ich Menshinski damals etwa 15 Tage nicht, vielleicht auch etwas länger, wusste jedoch, dass er arbeitet. Am 6. November - ich erinnere mich dessen ganz genau - kam zu mir ein Auto mit dem Chef der Sanitätsverwaltung der Vereinigten Staatlichen Politischen Verwaltung, mit dem ich stets fuhr, und zu meiner Überraschung brachte man mich nicht nach Schestyje Gorki, wohin ich gewöhnlich fuhr, sondern nach einer der Meschtschanskaja-Straßen, in eine eben erst renovierte Villa. Als wir dieses einstöckige Haus betraten, glaubten wir im buchstäblichen Sinne des Wortes zu ersticken. Es war ein furchtbar schwerer, stickiger Geruch. Man fühlte klar einen Terpentingeruch, aber es herrschte hier noch der Geruch irgendeines anderen Stoffes. Die Familienangehörigen Menshinskis erklärten mir die Ursache folgendermaßen: Am 5. November, d. h. einen Tag vorher, hatte man die Familie Menshinskis und ihn selbst hierher gebracht. Hier war gestrichen worden, und da im Herbst die Farbe nur langsam trocknet, so hatte man der Farbe irgendeinen Stoff zugefügt, ein Siccativ, das das Trocknen fördern sollte. Es muss gesagt werden, dass dieses Siccativ einen sehr penetranten Geruch besitzt. Wir, obwohl gesunde Leute, glaubten im buchstäblichen Sinne des Wortes zu ersticken. Was musste mit Menshinski geschehen, der an Bronchialasthma litt! Als ich zu Menshinski hineinging, traf ich ihn in gezwungen sitzender Stellung, er konnte nur mit Mühe sprechen und war im Verlaufe der Nacht ganz geschwollen. Ich kultierte die Lungen aus, überall waren klingende, typisch asthmatische trockene Geräusche, ein verlängertes Exspirium zu hören, die Atmung war äußerst erschwert. Ich und der Chauffeur setzten ihn auf einen Stuhl und brachten ihn beide auf den Balkon, wir öffneten sofort alle Fenster. Bevor wir ihn hinaustrugen, machte ich ihm eine Injektion, um den sehr schweren Anfall von Bronchialasthma ein wenig zu lindern. Etwa drei Stunden ließ ich Menshinski auf der Veranda. Daraufhin trugen wir ihn wieder hinein. ich fuhr nach Hause. Zu Hause rief man mich bald telefonisch an, es wurde mir gesagt, dass man im Namen Jagodas spreche, mich ersucht zu ihm zu fahren, man werde mir sofort ein Auto schicken. Und wirklich traf bald bei mir ein anderes Auto ein, und man brachte mich zum ersten Portal. Ich stieg die Treppe hinauf und traf Jagoda, was er gestern in der Abendsitzung bestätigte.
Hier fand folgendes Gespräch statt. Anfangs ruhig und höflich fragte er mich: „Sagen Sie bitte, Sie haben Wjatscheslaw Rudolfowitsch gesehen?“
„Ja, ich sah ihn heute.“
„In was für einem Zustand fanden Sie ihn?“
„In einem sehr schweren Zustand.“
Nach einer kurzen Pause sagte Jagoda:
„Eigentlich haben alle Menshinski bereits aufgegeben.“
Mich wunderte dies etwas. Ferner stellte Jagoda die Frage:
„Sagen Sie bitte, haben Sie mit Lewis gesprochen?“
„Ja, ich habe mit ihm gesprochen.“
„Warum dann...“ (Hier überschritt er die Grenzen der gewöhnlichen elementaren Höflichkeit, und vor mir stand ein wahrhafter zügelloser Satrap.) „Warum klügeln Sie herum und handeln nicht? Wer bat Sie, sich in fremde Angelegenheiten einzumischen?“
Hier begriff ich nun, dass er Beteiligter an irgendeiner Sache ist, dass er weiß, was vor drei bis vier Stunden geschehen ist. Ich fragte Jagoda: „Was wollen Sie von mir?“ Jagoda antwortete: „Sie müssen mit Dr. Lewin eine solche Behandlungsmethode für Menshinski ausarbeiten, dass er möglichst bald sein unnützes und vielen hinderliches Leben beendet. Ich warne Sie, falls Sie sich zu widersetzen gedenken, so werde ich mit Ihnen schon fertig werden. Sie werden mir nicht entgehen...“
Wenn mich jetzt der Staatsanwalt fragen sollte, ob ich Jagoda kenne, so würde ich antworten: Ich kenne ihn. Würde der Staatsanwalt fragen, ob ich Jagoda erkenne, so würde ich sagen, ich erkenne ihn nicht, d. h. zwischen jenem Jagoda und dem gegenwärtigen Jagoda ist ein großer Unterschied. Jetzt ist er sehr bescheiden, still, dort aber war er ein anderer Mensch.
Ich begriff, dass ich in eine furchtbare Klemme geraten bin. Ich dachte darüber nach, wie ich aus dieser Lage herauskomme. Zwei Tage darauf sah ich Wjatscheslaw Rudolfowitsch. Das war am 8. November. Bei Wjatscheslaw Rudolfowitsch setzte zu dieser Zeit eine Komplikation mit den Nieren ein. Ich machte den Vorschlag, Dr. Lewin und Urologen zu rufen, da dies nicht meine Spezialität sei. Vielleicht hätte ich eingreifen sollen, weil ich Wjatscheslaw Rudolfowitsch gut kannte; vielleicht wäre es möglich gewesen, ihm rasche Hilfe zu erweisen, ich tat dies jedoch nicht. Allerdings wandte sich Wjatscheslaw Rudolfowitsch an mich wie gewöhnlich in sehr milder Form, er erzählte, dass man seine Schwester aus Stockholm in schwerem Zustand mit einem disseminierten Krebs gebracht habe, sie befinde sich gegenwärtig im Kreml und leide an quälendem Erbrechen, an der so genannten Strahlenkrankheit. Sie sei sehr energisch mit Radium und mit Röntgenstrahlen behandelt worden, all dies sei jedoch nutzlos gewesen und sie liege beinahe bewusstlos. Er sagte: Obwohl ich weiß, dass dies völlig nutzlos ist, bitte ich Sie doch, sich Ludmilla Rudolfownas anzunehmen. Ich fuhr nach dem Kreml und besuchte dort Ludmilla Rudolfowna täglich bis zu ihrem Tode. Nebenbei muss ich bemerken, dass sich auch Wera Rudolfowna, die sich damals durch diese Katastrophe in einem schweren Zustand befand, an mich mit der Bitte wandte, ihr zu helfen, und ich half ihr auch sogleich.
Ende November sah ich Lewin, und mit ihm zusammen wurde eine Methode ausgearbeitet, die in folgendem bestand: vor allem wurden die zwei Haupteigenschaften des Eiweißes und der Eiweißprodukte ausgenutzt. Erstens besitzen die Produkte des Eiweißzerfalls, der Hydrolyse, die Eigenschaft, die Wirkung eines Medikamentes zu steigern. Zweitens steigern die Lysate die Empfindlichkeit des Organismus. Eben diese zwei Eigenschaften wurden ausgenutzt.
Drittens wurden die Besonderheiten des Organismus Menshinskis ausgenutzt, nämlich die Kombination von Bronchialasthma und Angina pectoris. Es ist allgemein bekannt, dass sich bei Bronchialasthma der so genannte parasympathische Abschnitt des vegetativen Nervensystems im Zustand der Erregung befindet. Deshalb werden bei Bronchialasthma Stoffe verabreicht, die den entgegengesetzten Abschnitt erregen, d. h. den sympathischen Abschnitt und die Schilddrüse. Ein solches Präparat ist das Präparat aus der Markschicht der Nebennieren.
Bei Angina pectoris befindet sich gerade der sympathische Abschnitt, der vom subjugularen Plexus des sympathischen Ganglions ausgeht, in einem Zustand der Erregung. Das ist die Finesse, die ausgenutzt wurde.
Sollten Sie mich fragen, ob es notwendig war, Menshinski sympaticothrope Stoffe zu verabreichen, so müsste ich sagen: ja, falls nur Bronchialasthma vorgelegen hätte, aber man durfte sie nicht verabreichen, da er auch an Angina pectoris litt. Und nur ein unwissender Mensch konnte es zulassen, Präparate der Markschicht der Nebennieren bei einer Kombination dieser Krankheiten zu verabreichen.

WYSCHINSKI: Ein unwissender oder?

KASAKOW: Oder zu vorher wohlüberlegten Zwecken.

WYSCHINSKI: Zu verbrecherischen Zwecken?

KASAKOW: Ja.

WYSCHINSKI: Vielleicht lagen hier sowohl Unwissenheit als auch ein Verbrechen vor?

KASAKOW: Nein, hier lag ein reines Verbrechen vor. Allmählich wurden die einen eingeschaltet und die anderen ausgeschaltet. Deshalb weiß ich nicht, ob diese Präparate den Effekt erzielen konnten, den sie hätten ergeben sollen. Man musste noch eine Reihe von Herzmitteln einschalten: Digitalis, Adonis, Strophantus, die die Herztätigkeit anregten. Die Einführung dieser Medikamente erfolgte folgendermaßen: es wurden Lysate verabreicht, sodann wurde die Behandlung mit Lysaten unterbrochen und dann Herzmittel verabreicht. Als Ergebnis einer derartigen „Behandlung“ stellte sich eine ungeheure Schwäche ein, und Menshinski verschied in der Nacht vom 9. zum 10. Mai.
Ich weiß, Sie werden mich fragen, warum ich den Sowjetorganen von diesem Verbrechen nicht Mitteilung gemacht habe. Jagoda hielt mich unter ganz besonders scharfer Beobachtung. Dies wusste ich, dies fühlte ich.
Sie werden mich wahrscheinlich fragen, welche Gründe mein Schweigen erklären. Ich muss sagen: aus Motiven niedriger Angst. Jagoda bekleidete einen hohen Posten. Und das zweite Moment: in der Sanitätsverwaltung bestand die Mehrheit der Arzte aus meinen wissenschaftlichen Gegnern. Ich glaubte, es könne der Zeitpunkt eintreten, wo ich frei arbeiten kann, vielleicht wird Jagoda es verstehen, sie in die Schranken zu weisen.

WYSCHINSKI: Zum Lohn für Ihr Verbrechen?

KASAKOW: Ja.

WYSCHINSKI: Sie sagen somit, dass bei Ihnen Erwägungen rein karrieristischer Art vorhanden waren. Gegen Sie war die medizinische Wissenschaft gestimmt, und Sie rechneten darauf, Ihre Gegner zu beseitigen?

KASAKOW: Das heißt zu neutralisieren und mich frei arbeiten zu lassen oder sie im Zaume zu halten.

WYSCHINSKI: Und dann werden Sie wissenschaftliche Tätigkeit betreiben?

KASAKOW: Das heißt, ich werde frei arbeiten.

WYSCHINSKI: Und bis dahin hatten Sie nicht frei gearbeitet?

KASAKOW: In jener Zeit arbeitete ich unter großen Behinderungen

WYSCHINSKI: Das war Ihr persönliches Gefühl, weil die Bedeutung Ihrer wissenschaftlichen Arbeit bestritten wurde. Ich frage jedoch: hat der Staat Ihnen alle Möglichkeiten für Ihre wissenschaftliche Arbeit geboten?

KASAKOW: Der Staat bot sie mir voll und ganz, aber das Milieu...

WYSCHINSKI: Warten Sie. Der Sowjetstaat, gab Ihnen ein Institut?

KASAKOW: Ja.

WYSCHINSKI: Ein großes oder ein kleines?

KASAKOW: Das beste Institut in der Union.

WYSCHINSKI: Wie wagen Sie dann zu behaupten, dass Sie keine Möglichkeit hatten, frei zu arbeiten?

KASAKOW: Aber meine Arbeiten drucken zu lassen...

WYSCHINSKI: Die Regierung kann nicht den Befehl erteilen, Ihre Arbeiten zu drucken, das müssen Sie begreifen. Und ich frage Sie, wurde Ihnen ein Institut zur Verfügung gestellt?

KASAKOW: Ja.

WYSCHINSKI: Das beste in der Union?

KASAKOW: Das beste.

WYSCHINSKI: Hat man Ihnen Mitarbeiter gegeben?

KASAKOW: Ja.

WYSCHINSKI: Hat man Geldmittel gegeben?

KASAKOW: Ja.

WYSCHINSKI: Was für Geldmittel?

KASAKOW: Große.

WYSCHINSKI: Große, riesige. Wie wagen Sie es dann zu sagen, was Sie eben gesagt haben? Wollen Sie auch hier verleumden? Fahren Sie in Ihren Erklärungen fort.

KASAKOW: Es waren Momente schwerer persönlicher Erlebnisse. Ich muss in der Tat dennoch sagen, dass man mir auf Kongressen nicht einmal das Schlusswort erteilt hat. Ich war Programmreferent, und hier sind viele anwesend, die davon wussten. Man erteilte mir das Schlusswort nicht, das erste Mal in der Geschichte der Medizin! Gegen mich traten meine Opponenten auf, und mir erteilt man das Schlusswort nicht.

WYSCHINSKI: Sie sind in die Geschichte der Medizin hinlänglich eingegangen durch Ihre ungeheuerlichen Verbrechen, deshalb sprechen Sie lieber von den Verbrechen.

KASAKOW: Jetzt stehe ich vor Gericht und finde für mich keine Rechtfertigung. Für mich ist dies ein Alpdruck, der mich vier Jahre lang gequält hat. Ich bemühte mich, die vier Jahre ebenso wie vorher ehrlich zu arbeiten.

WYSCHINSKI: Wann?

KASAKOW: Vor diesem Verbrechen und nach diesem Verbrechen. Ich bemühte mich, der Wissenschaft einen möglichst großen Beitrag zu geben, aber dieser Alpdruck quälte mich, und ich wartete auf eine Gelegenheit, wo ich mich von ihm befreien konnte. Das Gericht ist für mich jetzt der Moment, wo ich von allem Vorgefallenen ehrlich erzählen und vor allem mich innerlich vom Bewusstsein des begangenen Verbrechens freimachen kann.

WYSCHINSKI: Sagen Sie bitte Ihre Formel Nr. 2, mit der Sie Menshinski ums Leben gebracht haben.

KASAKOW: Die Formel Nr. 2?

WYSCHINSKI: Ja, dieses Leberlysat.

KASAKOW: Das Leberlysat ist notwendig bei Bronchialasthma, bei Angina pectoris…

WYSCHINSKI: Das Lysat der Schilddrüse?

KASAKOW: Ist notwendig bei Bronchialasthma und unzulässig bei Angina pectoris.

WYSCHINSKI: Sie haben es angewandt?

KASAKOW: Ja, ich habe es angewandt.

WYSCHINSKI: In einer gesteigerten Dosis?

KASAKOW: Nein, in einer geringen Dosis.

WYSCHINSKI: Aber in einer größeren als die gewöhnliche?

KASAKOW: Nicht in einer größeren, aber es ist bei Angina pectoris vollkommen unzulässig.

WYSCHINSKI: Und das Lysat des Hirnanhangs?

KASAKOW: Ist bei Angina pectoris unzulässig.

WYSCHINSKI: Und das Lysat der Markschicht der Nebenniere?

KASAKOW: Ist unzulässig.

WYSCHINSKI: Zu welchen Zwecken haben Sie diese Lysate eingeschaltet?

KASAKOW: Zu verbrecherischen Zwecken.

WYSCHINSKI: Zum Zwecke der Ermordung?

KASAKOW: Ja, ja.

WYSCHINSKI: Wer kontrollierte Ihre Rezepte?

KASAKOW: Niemand kontrollierte sie.

WYSCHINSKI: Sie konnten also anstatt des Lysats der Schilddrüse irgendetwas bei Angina pectoris Neutrales verabreichen und Jagoda hinhalten, hinters Licht führen. Sie hätten Jagoda sagen körnen: „Sie fordern von mir, dass ich ihn ermorde. Gut, ich werde ihn ermorden“, und die Rezepte hätten Sie so aufstellen können, dass der Kranke keinen Schaden nimmt. Konnte man das tun?

KASAKOW: Man konnte es, aber ich stand unter anderer Kontrolle.

WYSCHINSKI: Bei diesen Lysaten gab es, wie Sie sagten, keine Kontrolle?

KASAKOW: Bei diesen Lysaten gab es keine.

WYSCHINSKI: Ich bitte die Sachverständigen, folgende Frage zu beantworten: Gab es irgendeine Kontrolle über die Lysate Kasakows, oder konnte er verabreichen, was er wollte? Ich bitte die Sachverständigen, auch die Frage zu beantworten, ob diese drei Lysate bei der Vergiftung Menshinskis eine Rolle gespielt haben? Wenn Sie sich jetzt den Anschein eines reuigen Sünders geben, so sagen Sie ehrlich - falls Sie noch einen Rest von Ehre haben - sagen Sie dem Gericht, was Sie daran gehindert hat, den Satrapen, wie Sie sich ausdrückten, hinters Licht zu führen und dem Kranken ein neutrales Gemisch zu verabreichen?

KASAKOW: Ich muss sagen, wie ich auch in der Voruntersuchung angab, dass die Lysate an und für sich eine solche Wirkung nicht haben konnten.

WYSCHINSKI: Nein, Sie gehen der Antwort aus dem Wege. Sagen Sie von den drei Lysaten: der Schilddrüse, des Hirnanhangs und der Markschicht der Nebennieren, ob sie eine ernste Rolle gespielt haben? Nebenbei möchte ich die Sachverständigen bitten, die Frage zu beantworten, ob diese drei Lysate bei der heimtückischen Vergiftung Menshinskis eine Rolle gespielt haben. Kasakow bitte ich, zu beantworten, wer ihn daran hinderte, anstatt dieser drei Lysate neutrale Elemente zu verabreichen. Hat Sie irgendjemand daran gehindert, fand sich irgendjemand darin zurecht, was Sie dort in Ihrer Hexenküche trieben?

KASAKOW: Ich hatte keine Hexenküche.

WYSCHINSKI: Das sehen wir jetzt, können Sie aber antworten, warum Sie nicht diese Elemente erzeugt haben? Konnte sie irgendjemand nachprüfen, ja oder nein?

KASAKOW: Ich glaube nicht.

WYSCHINSKI: Ich habe keine Fragen mehr.

VORSITZENDER: Hat die Verteidigung Fragen?

VERTEIDIGER KOMMODOW: Sagen Sie, wann fand die letzte Unterredung mit Lewin statt, in der er Ihnen klipp und klar sagte, was Jagoda von Ihnen haben will im Sinne der Ergebnisse Ihres Entschlusses bezüglich des Genossen Menshinski?

KASAKOW: Genau erinnere ich mich des Datums nicht, das war ungefähr am 20. Oktober.

VERTEIDIGER KOMMODOW: Wann trafen Sie darauf mit Jagoda in seinem Arbeitszimmer zusammen?

KASAKOW: Ich traf Jagoda am 6. November.

VERTEIDIGER KOMMODOW: Wann besuchten Sie Menshinski, nicht in Gorki, sondern hier in seiner Villa, in der Meschtschanskaja-Straße?

KASAKOW: Am 6. November.

VERTEIDIGER KOMMODOW: Vor der Zusammenkunft mit Jagoda?

KASAKOW: Vor der Zusammenkunft mit Jagoda, und dann nach der Zusammenkunft am 8. November.

VERTEIDIGER KOMMODOW: Und waren Sie vor dem 8. November bei Menshinski, bevor Sie zu Jagoda gingen?

KASAKOW: Ja.

VERTEIDIGER KOMMODOW: Wann lüfteten Sie das Zimmer?

KASAKOW: Das war vor der Zusammenkunft mit Jagoda.

VERTEIDIGER KOMMODOW: Verlangte Jagoda bei Ihrer Zusammenkunft mit ihm im November 1933 eine bestimmte Behandlungsmethode oder bestimmte Resultate?

KASAKOW: Er verlangte eine solche Behandlungsmethode, die den Tod Menshinskis beschleunigte.

VERTEIDIGER KOMMODOW: Wie begriffen Sie, was Jagoda wollte?

KASAKOW: Jagoda wollte sich Menshinskis möglichst rasch entledigen.

VERTEIDIGER KOMMODOW: Den möglichst raschen Tod Menshinskis, und Sie erklärten sich einverstanden, gerade in dieser Richtung vorzugehen?

KASAKOW: Ja.

VERTEIDIGER KOMMODOW: Wie rasch nach dem Gespräch mit Jagoda trat der Tod Menshinskis ein?

KASAKOW: Nach 6 Monaten. Dieses Gespräch fand am 6. November 1933 statt, und der Tod trat am 10. Mai 1934 ein.

VERTEIDIGER KOMMODOW: Hatten Sie nach der Zusammenkunft mit Jagoda öfters Gelegenheit Lewin zu sehen, oder haben Sie die Behandlungsmethode allein durchgeführt?

KASAKOW: Nein, wir trafen einander auf neutralem Boden. Lewin besuchte Menshinski häufiger, besuchte ihn auch ohne mich. In meiner Behandlung traten Pausen ein. Als Lewin dort seine Besuche machte, begegnete ich ihm selten.

WYSCHINSKI (zu Kasakow): Auf die Frage des Verteidigers Kommodow erwiderten Sie, dar es für Jagoda einerlei war, wie Sie Menshinski „behandeln“, er brauchte nur das Resultat, das heißt den Tod.

KASAKOW: Jagoda ließ mich durch Lewin überwachen.

WYSCHINSKI: Kontrollierte Lewin Ihre Lysate?

KASAKOW: Er kontrollierte sie nicht, sondern stellte nur den Zustand Menshinskis fest und kontrollierte dadurch die Realisierung unseres verbrecherischen Plans.

WYSCHINSKI (zum Gericht): Gestatten Sie, den Angeklagten Lewin in dieser Angelegenheit zu befragen.

LEWIN: Ich konnte die Lysate nicht kontrollieren, weil ich an die Behandlungsmethode Kasakows niemals glaubte.

WYSCHINSKI: Warum glaubten Sie nicht an diese Methoden,

Sie waren der Ansicht, dass dies Quacksalberei sei?

LEWIN: Ich hielt dies für Abenteurertum. Niemand wusste, wie Kasakow die Lysate herstellte.

WYSCHINSKI: Konnte man sie kontrollieren?

LEWIN: Das war sehr schwer. Er kam stets mit seinem Köfferchen und darin lagen irgendwelche Ampullen.

WYSCHINSKI: Waren Sie der Ansicht, dass die Behandlung Kasakows nichts als Quacksalberei ist?

LEWIN: Meiner Ansicht nach war das Abenteurertum. Das, worauf er sich beruft, der Kampf gegen eine gewisse Gruppe .. .

WYSCHINSKI: Ich frage Sie nicht danach. Kann man sagen, dass das Quacksalberei ist?

LEWIN: Das war Abenteurertum.

WYSCHINSKI: Für die Behandlung taugt diese Methode nicht?

LEWIN: Dr. Kasakow war der Ansicht, dass es keine unheilbaren Krankheiten gebe, er machte sich über die Ärzte lustig, die behaupten…

WYSCHINSKI: Das ist eine andere Frage. Ich frage, für die Behandlung taugte diese Methode nicht?

LEWIN: In manchen Fällen halfen die Lysate, aber wenn man sie in einem Laboratorium hergestellt hätte.

WYSCHINSKI: Und falls er sie hätte schlecht herstellen wollen?

LEWIN: Er hatte dazu alle Möglichkeiten.

WYSCHINSKI: Es war also eine unkontrollierbare Sache?

LEWIN: Ja.

Gestatten Sie mir, Sie noch für einen Augenblick aufzuhalten. Ich will ebenso wie gestern die Aussagen Kasakows über unsere Gespräche im Mai und Juni über Menshinski widerlegen. Er bringt sie einfach durcheinander, was er sagt, ist unrichtig. Er behauptete hier, ich hätte erklärt: „Warum gehen Sie sich mit einem solchen Leichnam ab?“ Das ist empörend, solche Worte konnten bei mir nicht vorkommen.

WYSCHINSKI: Solche Worte konnten bei Ihnen nicht vorkommen, sie sind zu empörend, aber solche empörenden Sachen konnten Sie tun. Waren das empörende Sachen?

LEWIN: Empörende Sachen.

WYSCHINSKI: Angeklagter Kasakow, ich frage Sie: konnten Sie in dieser Sache Jagoda hinters Licht führen? Das heißt, konnten Sie die Sache so hinstellen: ich tue alles, um zu töten, aber es kommt nichts dabei heraus, der Organismus ist lebensfähig, er wehrt sich. Ist eine solche Fragestellung möglich oder nicht? (Kasakow schweigt.) Oder wollten Sie dasselbe Ergebnis wie Jagoda, weil Sie darauf rechneten, dass Ihnen Jagoda vielleicht nachher im Kampfe uni Ihre so genannte wissenschaftliche Karriere ebenfalls nützlich sein kann? Sie verstehen meine Frage?

KASAKOW: Ich verstehe sie. Man darf nicht vergessen, dass dies 1933 war...

WYSCHINSKI: Ich weiß, dass dies 1933 war, aber das ändert an der Sache nichts.

KASAKOW: Und damals war der biologische Effekt der Lysate noch nicht genügend erforscht...

WYSCHINSKI: Wieder kommen Sie mit „biologisch, potenziell, nicht potenziell, Sensibilisierung“ und ähnlichen gelehrten Worten, während es sich doch um eine einfache Vergiftung, um Mord handelt. Von Ihnen verlangt man ein Resultat, d. h. zu töten. Ich frage Sie nun: Konnten Sie die Sache so hinstellen: ich bemühe mich, aber es kommt nichts dabei heraus, oder konnten Sie es nicht?

KASAKOW: Wenn man mich heute fragte...

WYSCHINSKI: Nein, nicht heute... Ich frage Sie: Konnten Sie oder irgend jemand an Ihrer Stelle, der kein Mitschuldiger an einer solchen verruchten Freveltat werden wollte, in dieser Frage eine solche Stellung einnehmen, wenn Sie schon niemandem Mitteilung oder Meldung u. dgl. darüber machen konnten? (Kasakow schweigt) Wenn Sie nicht Ihr persönliches Wohlergehen höher gestellt hätten als das Leben der Führer unserer Partei und Regierung, höher als die Interessen des Sowjetstaates, wenn Sie nicht so tief gesunken wären, hätten Sie nicht eine letzte Zuflucht darin finden können, Jagoda zu hintergehen, zu sagen: ich mache es, ich bemühe mich, ein tödliches Resultat zu erzielen, aber es kommt nichts dabei heraus. Konnten Sie das oder konnten Sie es nicht?

KASAKOW: Ich will Ihnen antworten, dass, wenn Sie diese drei Lysate einführen...

WYSCHINSKI: Ich frage Sie nicht danach. Haben Sie meine Frage verstanden? Konnten Sie Ihre Verpflichtung gegenüber Jagoda nicht erfüllen, ihn betrügen? Verstand Jagoda etwas von der Medizin? Die Ärzte fanden sich in Ihrer Hexenküche nicht zurecht, geschweige denn Jagoda. (Kasakow schweigt) Konnten Sie oder konnten Sie sich nicht den Anschein geben, dass Sie seine Weisungen ausführen, aber in Wirklichkeit, insgeheim sie nicht ausführen?

KASAKOW: Ich hätte so tun können. Ich muss jetzt sagen, dass diese drei Lysate bei der Angina pectoris kontraindiziert sind, aber wenn wir jetzt irgendeinen Kranken mit Angina pectoris nehmen und ihm diese drei Lysate einführen, so werden sie den Tod nicht hervorrufen. Sogar Adrenalin wird verabreicht.

WYSCHINSKI: Was resultiert folglich daraus?

KASAKOW: Folglich resultiert daraus, dass ich zu töten beabsichtigte, aber nicht getötet habe.

WYSCHINSKI: Zu welchem Zweck führten Sie diese Lysate ein? Um Menshinski zu töten? (Kasakow schweigt) Führten Sie die Lysate zu diesem Zweck ein? Waren Sie damals überzeugt, dass sie Ihre Verbrechen begünstigen?

KASAKOW: Sehen Sie, die Lysate besitzen eine doppelte Wirkung.

WYSCHINSKI: Sie erdreisten sich zu behaupten, dass diese drei Lysate für Menshinski unschädlich waren?

KASAKOW: Ja, diese drei Lysate waren unschädlich.

WYSCHINSKI: Und konnten Sie Jagoda hinters Licht führen?

KASAKOW (schweigt)

WYSCHINSKI: Angesichts der Unmöglichkeit, auf diese klare Frage eine direkte Antwort zu erhalten, bitte ich das Gericht, die Verhandlung zu unterbrechen und den Sachverständigen die Möglichkeit zu geben, die von mir an Kasakow gerichtete Frage zu beantworten.

VORSITZENDER (zu den Sachverständigen): Können Sie gleich antworten?

SACHVERSTÄNDIGE: Nein, wir bitten nach der Pause.

VORSITZENDER: Die Verhandlung wird für eine halbe Stunde unterbrochen.

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