PROZESSBERICHT ÜBER DIE STRAFSACHE DES ANTISOWJETISCHEN
„BLOCKS DER RECHTEN UND TROTZKISTEN"

VORMITTAGSSITZUNG VOM 9. MÄRZ 1938

ANTWORTEN DER MEDIZINISCHEN SACHVERSTÄNDIGEN AUF DIE FRAGEN DES STAATLICHEN ANKLÄGERS

GERICHTSKOMMANDANT: Das Gericht erscheint, bitte sich von den Plätzen zu erheben.

VORSITZENDER: Bitte sich zu setzen. Die Sitzung wird fortgesetzt. Zur Verlesung des Gutachtens der Sachverständigen wird das Wort dem Verdienten Wissenschaftler, Professor Burmin erteilt.

PROFESSOR BURMIN (liest):

Die Antworten der medizinischen Sachverständigen auf die vom Staatlichen Ankläger gestellten Fragen.

1. Betrifft die Tötung A. M. Gorkis

FRAGE: Ist es zulässig, dass einem Kranken mit scharf ausgeprägter Pneumosklerose beim Vorhandensein von Bronchoektasien und Kavernen, Lungenemphysen und Entartung des Herzens und des Gefäßsystems, der an schweren periodischen Lungenblutungen leidet, ein Regime lang dauernder Spaziergänge nach dem Mittagessen, zumal kombiniert mit ermüdender Arbeit verordnet wird?

Konnte ein solches Regime, das wahrend einer längeren Zeit durchgeführt wurde, beim Kranken eine Verschlimmerung des Gesundheitszustandes, insbesondere des Zustands des Herzens und des Gefäßsystems herbeiführen?

ANTWORT: Ein derartiges Regime ist unbedingt unzulässig und konnte eine Verschlimmerung des Gesundheitszustandes des Kranken, insbesondere eine Verschlimmerung des Zustands des Herzens und des Gefäßsystems herbeiführen.

FRAGE: Ist es zulässig, einen solchen Kranken in einer Wohnung unterzubringen, wo es notorisch Grippekranke gibt?

ANTWORT: Das ist absolut unzulässig, da dadurch die Ansteckung des betreffenden Kranken mit Grippe sicher ist.

FRAGE: Wurden die Aufzeichnungen über den Kranken richtig geführt, wurden die Krankheitsgeschichte und die Geschichte der Behandlung A. M. Gorkis während seiner letzten Erkrankung vom 31. Mai bis zum 18. Juni 1936 richtig geführt?

ANTWORT: Die Feststellung des schweren Zustands des Kranken fand in der Krankengeschichte einen hinreichenden Ausdruck, während die durchgeführte Behandlung verbrecherisch nachlässig registriert wurde.

FRAGE: Ist überhaupt eine lang dauernde gleichzeitige intravenöse, subkutane und innerliche Einführung großer Dosen von Herzmitteln zulässig, besonders von Digitalis, Digalen (ein Fingerhut-Präparat), Strophanthin und Strophanthus, zumal beim schwerkranken A. M. Gorki, 68 Jahre alt, der an der oben erwähnten Affektion der inneren Organe litt?

ANTWORT: Absolut unzulässig.

FRAGE: Welche Folgen konnte eine solche Behandlung für A. M. Gorki bei seiner letzten Erkrankung haben?

ANTWORT: Eine solche Heilmethode musste überhaupt zu einer Erschöpfung des Herzmuskels führen und konnte im gegebenen Fall den tödlichen Ausgang verursachen.

FRAGE: Ist es möglich, anzunehmen, dass genügend erfahrene Ärzte eine so falsche Heilmethode ohne böse Absicht anwenden konnten?

ANTWORT: Das kann nicht angenommen werden.

FRAGE: Kann man auf Grund der Gesamtheit dieser Tatsachen als festgestellt betrachten, dass die Methode der Behandlung A. M. Gorkis den Charakter einer bewussten Schädigung trug, die auf die Beschleunigung seines Todes gerichtet war, unter Ausnutzung der Spezialkenntnisse, über die die Angeklagten Lewin und Pletnjow verfügten, für die Erreichung dieses verbrecherischen Zwecks?

ANTWORT: Ja, man kann das unbedingt als feststehend betrachten.

II. Betrifft die Tötung W. W. Kuibyschews

FRAGE: War beim Kranken W. W. Kuibyschew, der an Anfällen von Angina pectoris und an ausgedehnter. Arteriosklerose litt, die Verordnung lang dauernder Verabreichung großer Dosen von Digitalis (Fingerhut) zulässig?

ANTWORT: Nein, sie war unzulässig.

FRAGE: Konnte die Anwendung großer Dosen von Fingerhut-Präparaten im Verlaufe einer längeren Zeit (mehrere Monate) zu häufigerem Auftreten der Anfälle von Angina pectoris beitragen?

ANTWORT: Ja, sie konnte zu häufigerem Auftreten der Anfälle von Angina pectoris beitragen.

FRAGE: Ist es zulässig, einem Kranken während eines Anfalls von Angina pectoris zu gestatten, dass er sich bewegt und Treppen steigt, und darf man einen Kranken während eines Anfalls von Angina pectoris ohne Erweisung unverzüglicher ärztlicher Hilfe lassen?

ANTWORT: Es ist absolut unzulässig und verbrecherisch, da es den Tod herbeiführen kann und im vorliegenden Fall auch herbeigeführt hat.

FRAGE: Kann man auf Grund der Gesamtheit dieser Tatsachen als feststehend betrachten, dass die Methode der Behandlung W. W. Kuibyschews notorisch schädigend war, darauf gerichtet, seinen Tod zu beschleunigen, unter Ausnutzung sowohl der Fachkenntnisse zu diesem Zweck, über die die Angeklagten verfügten, als auch der Methode, W. W. Kuibyschew während seines Anfalls von Angina pectoris absichtlich ohne medizinische Hilfe zu lassen?

ANTWORT: Ja, man kann es unbedingt für erwiesen halten.

III. Betrifft die Tötung W. R. Menshinskis

FRAGE: War bei dem Kranken W. R. Menshinski, der an Arteriosklerose mit schweren Anfällen von Angina pectoris litt, und einen Infarkt des Myokards hatte, eine lang dauernde Anwendung von Fingerhut-Präparaten zulässig, besonders in Verbindung mit Lysaten, die die Wirkung der Fingerhut-Präparate verstärken konnten?

ANTWORT: Nein, unbedingt unzulässig und verbrecherisch.

FRAGE Konnte die Anwendung einer solchen Heilmethode zur Erschöpfung des Herzmuskels beitragen und damit den Eintritt des Todes begünstigen?

ANTWORT: Ja, sie konnte es unbedingt.

FRAGE: Kann man auf Grund der Gesamtheit dieser Tatsachen als feststehend betrachten, dass die Angeklagten L. G. Lewin und I. N. Kasakow bei der Behandlung des Genossen Menshinski notorische Schädlingsmethoden angewandt und sich das möglichst rasche Eintreten seines Todes, der auch im Ergebnis ihrer verbrecherischen Handlungen erfolgte, zum verbrecherischen Ziel gesetzt haben?

ANTWORT: Ja, man kann es unbedingt für erwiesen halten.

IV. Betrifft die Tötung M. A. Peschkows

FRAGE: Wurde die Behandlung des an kruppöser Lungenentzündung erkrankten M. A. Peschkow, so wie sie In den Aussagen des Angeklagten Lewin dargestellt ist, richtig vorgenommen?

ANTWORT: Die Behandlung M. A. Peschkows, wie sie in den Aussagen des Angeklagten Lewin dargestellt ist, wurde falsch und verbrecherisch durchgeführt:

  1. Es wurde kein Antipneumokokken-Heilserum angewandt, das nach dem eigenen Geständnis des Angeklagten Lewin bei der Behandlung des Kranken von Nutzen hätte sein können;
  2. es wurden in unzulässig großen Dosen Narkotika - Morphium und Pantopon - verordnet;
  3. es wurden keine Herzmittel angewandt.

FRAGE: Konnte eine solche falsche Heilmethode, wie sie vom Angeklagten Lewin durchgeführt wurde, zum tödlichen Ausgang der Krankheit beitragen?

ANTWORT: Diese Behandlung half nicht nur nicht dem Organismus in seinem Kampfe gegen die Krankheit, sondern verschlimmerte im Gegenteil den Zustand des Kranken.

FRAGE: Kann als festgestellt betrachtet werden, dass der Angeklagte Lewin, der sich die Beschleunigung des Todes von M. A. Peschkow zum verbrecherischen Ziel setzte, bewusst eine schädlingsmäßige Behandlung zur Verwirklichung seines verbrecherischen Zieles angewandt hat?

ANTWORT: Ja, dies kann unbedingt als festgestellt betrachtet werden.

Sachverständige:
Verdienter Wissenschaftler, Prof. D. A. Burmin,
Verdienter Wissenschaftler, Prof. N. A. Schereschewski,
Professor W. N. Winogradow,
Professor D. M. Rossijski,
Doktor der Medizin W. D. Sipalow.

Moskau, den 9. März 1938.

Betrifft die Vergiftung des Genossen N. I. Jeshow

FRAGE: Kann man auf Grund der den Sachverständigen zur Begutachtung vorgelegten Materialien über die Organisierung einer Vergiftung des Genossen N. I. Jeshow zu der Schlussfolgerung gelangen, dass die Angeklagten G. G. Jagoda und P. P. Bulanow zur Erreichung ihres verbrecherischen Zieles äußerst gefährliche und sehr wirksame Mittel zu einer allmählichen Vergiftung des Genossen N. I. Jeshow angewandt haben?

ANTWORT: Auf Grund des vorgelegten Materials der chemischen Analysen des Teppichs, der Gardinen, der Möbelstoffe und der Luft des Arbeitszimmers des Genossen N. I. Jeshow, sowie der Analysen seines Urins und der Natur der bei ihm eingetretenen Krankheitserscheinungen ist als absolut erwiesen zu betrachten, dass eine Vergiftung des Genossen N. I. Jeshow mit Quecksilber durch die Atmungsorgane organisiert und ausgeführt wurde. was die wirksamste und gefährlichste Methode einer chronischen Quecksilbervergiftung darstellte.

FRAGE: Kann man es als festgestellt betrachten, dass der Gesundheit des Genossen N. I. Jeshow im Ergebnis der von den Angeklagten G. G. Jagoda und P. P. Bulanow angewandten Vergiftungsmethoden ein bedeutender Schaden zugefügt wurde und dass dem Leben des Genossen N. I. Jeshow eine unmittelbare Gefahr gedroht hätte, falls das Verbrechen nicht rechtzeitig aufgedeckt worden wäre?

ANTWORT: Ja, es ist als festgestellt zu betrachten, dass der Gesundheit des Genossen N. I. Jeshow, im Ergebnis der von den Angeklagten G. G. Jagoda und P. P. Bulanow angewandten Methode zu seiner allmählichen Vergiftung, ein bedeutender Schaden zugefügt wurde, und dass dem Leben des Genossen N. I. Jeshow eine unmittelbare Gefahr gedroht hätte, falls das Verbrechen nicht rechtzeitig aufgedeckt worden wäre.

Sachverständige:
Verdienter Wissenschaftler, Prof. D. A. Burmin,
Verdienter Wissenschaftler, Prof. N. A. Schereschewski,
Prof. W. N. Winogradow,
Prof. D. M. Rossijski,
Doktor der Medizin Sipalow.

Moskau, den 9. März 1938

 

VORSITZENDER: Genosse Staatsanwalt, haben Sie Fragen an die Sachverständigen?

WYSCHINSKI: Nur eine: sind die Antworten auf diese Fragen die einmütige Ansicht aller Sachverständigen oder hat jemand von den Sachverständigen einen besonderen Gesichtspunkt?

PROFESSOR BURMIN: Die einmütige.

VORSITZENDER: Hat die Verteidigung Fragen?

BRAUDE: Nein.

VORSITZENDER: Haben die Angeklagten Fragen? (Nein)

Sind im Zusammenhang mit dem Gutachten Fragen vorhanden?

WYSCHINSKI: Nein.

VORSITZENDER: Die Verteidigung hat keine Fragen, die Angeklagten haben aneinander auch keine Fragen. Sind noch irgendwelche Ergänzungen, Fragen vorhanden?

WYSCHINSKI: An die Sachverständigen habe ich keine Fragen. Ich habe Fragen an einzelne Angeklagte.

VORSITZENDER: Bitte.

WYSCHINSKI: Angeklagter Rosengolz, wie aus denn Akt, der sich in Band Nr. 6 auf dem Blatt 17 befindet, ersichtlich ist, wurde bei der Verhaftung von Rosengolz bei ihm in der hinteren Hosentasche ein in Stoff eingenähtes kleines Stückchen trockenes Brot gefunden, das in einen Zeitungsfetzen eingewickelt war, und in diesem Stückchen Brot befand sich ein Zettel mit einer handschriftlichen Aufzeichnung, die sich als ein Gebet erwies. Ich möchte den Gerichtshof bitten, mir zu gestatten, einige Stellen dieses Textes des so genannten Gebetes zu verlesen und den Angeklagten Rosengolz zu bitten, seine Erklärungen dazu zu gehen. (Zu Rosengolz) Leugnen Sie diese Tatsache ab? Da ist dieser Text: „Möge Gott auferstehen und mögen seine Feinde zerstieben und vor seinem Antlitz alle ihn Hassenden fliehen, wie der Rauch verschwindet, so. sollen sie verschwinden, wie das Wachs im Feuer schmilzt, so sollen die Dämonen vor dem Antlitz der Gott Liebenden vergehen...

Dank der Hilfe des himmlischen Vaters lebendig, erheben wir unsere Worte zu Gott: du bist mein Schutz und meine Zuflucht, mein Gott, und ich verlasse mich auf dich und deine Liebe, die mich vor den Netzen der Jäger und feindlichen Worten schützen wird. Deine Wahrheit ist meine Waffe. Ich fürchte weder die Schrecken der Nacht, noch den Pfeil, der am Tage fliegt, schütze uns im Dunkel und schütze uns vor dem Dämon, der uns um Mittag verlockt“...

Wie gelangte das in Ihre Tasche?

ROSENGOLZ: Einmal, bevor ich zur Arbeit ging, legte mir meine Frau dieses kleine Paketchen in die Tasche. Sie sagte, dass es Glück bringen soll.

WYSCHINSKI: Und wann war das?

ROSENGOLZ: Einige Monate vor der Verhaftung.

WYSCHINSKI: Und Sie haben einige Monate dieses „Glück“ in der Hintertasche getragen?

ROSENGOLZ: Ich habe es gar nicht beachtet...

WYSCHINSKI: Sie haben aber doch gesehen, was Ihre Frau macht?

ROSENGOLZ: Ich war in Eile.

WYSCHINSKI: Ihnen wurde aber gesagt, dass das ein Familientalisman sei, der Glück bringe?

ROSENGOLZ: Ungefähr in dieser Art.

WYSCHINSKI: Und Sie waren damit einverstanden, Hüter des Talismans zu werden? Ich habe keine Fragen mehr.

VORSITZENDER: An die anderen Angeklagten haben Sie keine Fragen?

WYSCHINSKI: Nein.

VORSITZENDER: Hat die Verteidigung keine Fragen?

DIE VERTEIDIGER: Nein.

VORSITZENDER: Nach einer Unterbrechung von einer Stunde wird die Gerichtsverhandlung hinter geschlossenen Türen vor sich gehen.

 

(Unterschrift)

Der Vorsitzende:
Vorsitzender des Militärkollegiums des
Obersten Gerichtshofes der UdSSR
Armee-Militärjurist W. Ulrich

Der Sekretär:
Militärjurist I. Ranges A. Batner

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