PROZESSBERICHT ÜBER DIE STRAFSACHE DES ANTISOWJETISCHEN
„BLOCKS DER RECHTEN UND TROTZKISTEN"

ABENDSITZUNG VOM 11. MÄRZ 1938

REDE DES VERTEIDIGERS BRAUDE

GERICHTSKOMMANDANT: Das Gericht erscheint, bitte sich - von den Plätzen zu erheben.

VORSITZENDER: Bitte sich zu setzen. Die Verhandlung wird fortgesetzt.
Das Wort hat das Mitglied des Verteidigerkollegiums, Genosse Braude.

VERTEIDIGER BRAUDE: Genossen Richter! Es ist ein kennzeichnendes Merkmal der heutigen konterrevolutionären Verschwörerorganisationen, dass hinter ihnen keine Massen stehen.

Auf dem Plenum des ZK der Partei Im März 1937 sagte Genosse Stalin, dass „...die gegenwärtigen Trotzkisten sich fürchten, der Arbeiterklasse ihr wirkliches Gesicht zu zeigen, sich fürchten, ihr ihre wirklichen Ziele und Aufgaben zu offenbaren, sorgfältig ihre politische Physiognomie vor der Arbeiterklasse verbergen, weil sie Angst haben, dass die Arbeiterklasse sie, wenn sie von ihren wirklichen Absichten erfährt, sie als Menschen, die ihr fremd sind, verfluchen und sie von sich jagen wird.“

Wir sehen, Genossen Richter, dass diese Verschwörer für die technische Durchführung ihrer Schädlingspläne nur auf ihre eigenen nichtigen Kräfte und auf die fremde Spionage zählen kennen. Nur mit Hilfe von Betrug, Doppelzünglertum, Erpressung ist es ihnen gelungen, zu Ihren ruchlosen Verbrechen einzelne Personen, die ihrer Weltanschauung nach mit ihnen nichts gemein haben, heranzuziehen.

In der Tat wurde der der konterrevolutionären Weltanschauung und den konterrevolutionären Zielen fern stehende alte Arzt Lewin in die Organisation der Rechten und Trotzkisten zur Verübung ungeheuerlicher Verbrechen durch den Feind Jagoda hineingezogen, der selbst abseits stehenbleiben wollte.

Und heute, Genossen Richter, muss ich vor Ihnen diesen Greis, den Doktor Lewin, verteidigen, der sich nun Ende seines Lebens als technischer Vollstrecker konkreter Pläne des „Blocks der Rechten und Trotzkisten“ gezeigt hat, von dessen Existenz er kaum irgendeine Vorstellung gehabt haben dürfte, und nicht nur als technischer Vollstrecker, sondern, wie heute der Staatsanwalt richtig sagte, nahm er auch eine gewisse organisatorische Rolle auf sich. Wie konnte das geschehen, wie kam es, dass ein Arzt mit. einer 40-jährigen Praxis, der Maxim Gorki nahe stand, der Arzt Kuibyschews und Menshinskis zum Mörder seiner Patienten wurde.

Als ich die Materialien der Voruntersuchung, die Verhöre Bulanows, Jagodas, Lewins und der anderen Angeklagten studierte, sah ich, dass sich die Untersuchung selbst dafür interessiert hatte, wie Lewin solche grauenhafte Aufträge übernehmen konnte, was ihn dazu nötigte, den erforderlichen Widerstand gegen Jagoda zu unterlassen. Hier hat der Staatsanwalt Lewin gefragt: „Warum versuchten Sie nicht, sich Jagoda zu widersetzen?“ Und indem er die Antwort Lewins formulierte, sagte der Staatsanwalt: „Sie hatten innerlich keinen Halt und von außen haben Sie ihn nicht gesucht.“

Und bei einer solchen Antwort bleibt die Frage ungelöst: aber warum hatte er keinen seelischen Halt? Aber warum suchte Lewin ihn nicht von außen?

Um zu versuchen, eine Antwort auf diese Frage zu geben, scheint es mir notwendig, einen kleinen Exkurs in die Vergangenheit unserer Intelligenz zu unternehmen.

Ich denke, dass ich keinen großen Fehler begehen werde, wenn ich sage, dass ich, auf die Vergangenheit zurückblickend und die Gegenwart dieser Intelligenz analysierend, diese in drei Gruppen einteile.

Die erste Gruppe - das ist der nichtige, kleine Teil jener bürgerlichen Intelligenz, die in der Vergangenheit im Dienste des Kapitals Kommandoposten bekleidete und dann genötigt war, mit der Sowjetmacht zusammen zu arbeiten. Diese kleine Gruppe zeigte sich im Verlaufe einer Reihe von Jahren durch konterrevolutionäre Schädlingstätigkeit auf allen Gebieten unserer Wirtschaft, was eine Form des Klassenkampfes war. Diese Schädlingstätigkeit nahm die mannigfaltigsten Formen an. Erinnern Sie sich der Schachty-Leute, erinnern Sie sich des Prozesses der Industriepartei.

Die Schädlingsorganisationen wurden von den Organen des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten, von unseren Justizorganen zertrümmert, aber einzelne Splitter derselben blieben hie und da erhalten, blieben unversehrt und fuhren fort, sich von Zeit zu Zeit bemerkbar zu machen. Die sowjetfeindlichen Stimmungen einzelner Vertreter dieses Teiles der Intelligenz bilden die Grundlage für die Tätigkeit konterrevolutionärer Organisationen und für die fremden Spionagedienste.

Es gibt eine zweite, ebenfalls keine so große Gruppe, das ist jener Teil der kleinbürgerlichen Intelligenz, die sich an der Sabotage nicht beteiligte und im Verlaufe der folgenden Jahre ehrlich mit der Sowjetmacht zusammen arbeitete. Aber diese Leute, die nur Spezialisten blieben, verschmolzen sich organisch weder mit der Partei noch mit der Arbeiterklasse. Sie glaubten, dass, um das Recht zu haben, sich Sowjetspezialist zu nennen, es genügt, nur in seinem Fach zu arbeiten. Sie tragen alle Züge des Spießers, des Kleinbürgers, und diese Züge werden ebenfalls nicht selten von erfahrenen Agenturen des Feindes ausgenutzt, uni diese Leute für ihre Reihen anzuwerben.

Und endlich die dritte Gruppe der wirklichen Sowjetintelligenz, die den überwiegenden Teil unserer Intelligenz darstellt, ihre erdrückende Mehrheit. Das ist jene neue Sowjetintelligenz, die aus dem Schoße der Arbeiterklasse heranwuchs, sich an den Schätzen der alten und neuen Kultur bereicherte und die harte Schule des Klassenkampfes durchmachte. Zu dieser Gruppe eben gehört insbesondere ein bedeutender Teil der alten Spezialisten, der sich organisch mit der Arbeiterklasse verschmolz und deren prächtige Züge, deren Wachsamkeit und Vermögen, die Klassenfeinde zu erkennen, annahm, das sind jene, die das Recht auf den Ehrennamen „Bolschewiki ohne Parteibuch“ haben.

Würde sich Jagoda mit seinen infamen Vorschlägen an einen Vertreter dieser wahren Sowjetintelligenz gewendet haben, die die Mehrzahl in unserem Lande darstellen, er wäre sofort entlarvt und die konterrevolutionäre Verbrecher- und Banditen-Organisation wäre um einige Jahre früher aufgedeckt worden.

Die drei auf der Anklagebank sitzenden Ärzte können natürlich nicht zu den Vertretern der wahren Sowjetintelligenz gezählt werden.

Ich verteidige Dr. Lewin. Bis 1934 arbeitete Dr. Lewin sehr gewissenhaft und mit großer Fachkenntnis in verschiedenen Krankenhäusern, medizinischen Anstalten und wissenschaftlichen Gesellschaften. Er behandelte Lenin und stand Gorki nahe. Er genoss das Vertrauen Kuibyschews. Aufrichtig meinte er, dass dieses Nahestehen ihm das Recht gebe, sich als ehrlichen Sowjetspezialisten zu bezeichnen. Doch er verstand nicht, dass dieses Nahestehen mechanisch war, dass er Ihnen aber politisch fern stand. Lewin war apolitisch, er versteht nicht einmal, was Menschewiki sind. Auf die Frage bezüglich seiner Parteizugehörigkeit antwortete er hier vor Gericht, dass er der Partei der Ärzte angehöre. Seine Antwort unterstreicht seine ganze zünftlerische Losgelöstheit von der Arbeiterklasse. Auf die Frage des Staatsanwaltes antwortete er, dass er ein Feigling sei, und die vorliegenden Tatsachen erlauben leider nicht, daran zu zweifeln. Fügen Sie dem hinzu, dass er ein großer Waschlappen ist und zur Panik neigt, und Sie bekommen das Porträt Lewins als eines Spezialisten, der der zweiten von mir erwähnten Gruppe der Intelligenz angehört.

Bei der Anwerbung von Ärzten auf Grund von Rezepten der faschistischen Spionagedienste wendete Jagoda jedem von ihnen gegenüber eine individuelle Methode an. Betrachten wir, was Jagoda selbst darüber in der Voruntersuchung erzählt. Sein Verhalten Pletnjow gegenüber war unverhüllt grob: er sammelt kompromittierendes Material über ihn. Seinen Worten nach „war Pletnjow Teilnehmer irgendeiner sowjetfeindlichen Gruppierung und erwies sich überhaupt als ein sowjetfeindlicher Mensch“. Jagoda nützte das aus.

Auf Kasakow wirkt er durch Einschüchterung ein und zugleich erweckt er in ihm die Hoffnung, dass er ihm in seinem Kampfe gegen eine Gruppe von Ärzten irgendwelche Hilfe leisten wird.

Jagoda nützt die gewinnsüchtigen Charakterzüge Krjutschkows aus, indem er in ihm die Hoffnung erweckt, dass er nach dem Tode Maxims der literarische Nachfolger Gorkis werden wird; aber andererseits wirkt er ebenfalls durch Einschüchterung ein, indem er darauf hinweist, dass er, Jagoda, von der Veruntreuung von Geldmitteln Gorkis durch Krjutschkow weiß.

Und Krjutschkow erklärt sich bereit.

Über Lewin sagte der Staatsanwalt, dass er die rechte Hand Jagodas war, dass er zusammen mit Jagoda der Organisator war. Formal ist dies richtig. Wenn jedoch Lewin die rechte Hand Jagodas war, so darf man doch nicht eine Minute vergessen, dass das Gehirn, welches diese rechte Hand lenkte, Jagoda war. Und, dass sich Lewin als rechte Hand Jagodas erwies, erklärt sich durch einfachen Zufall. Jagoda kannte Lewin: Lewin hatte zu den Patienten, zu jenen prächtigen Menschen Zutritt, an deren Beseitigung der „Block der Rechten und Trotzkisten“ interessiert war. Jagoda bearbeitete Lewin lange, außerordentlich erfindungsreich und raffiniert...

Lewins Vergangenheit hatte keinerlei dunkle Stellen aufzuweisen, er hatte keine sowjetfeindlichen Stimmungen, er blickte auf eine 40-jährige makellose Praxis zurück. Bis zur Unterredung mit Jagoda war er der Sowjetmacht ergeben und vielleicht Gorki anhänglich. Jagoda musste einen inneren Widerstand Lewins überwinden und Jagoda bearbeitete ihn lange, sehr lange und raffiniert mit Methoden, die die jesuitischen Methoden eines Ignatius Loyola übertreffen. Mit der Erfindungskraft eines ausländischen Spions nützt er die Kleinmütigkeit, Weichheit, den Ehrgeiz, die Leichtgläubigkeit und den Hang Lewins zur Panik aus.

Jagoda selbst hat ausgesagt, dass Lewin der behandelnde Arzt von Peschkow war und bei Gorki verkehrte, und dass er natürlich häufig mit Lewin zusammengetroffen ist. Das ist der Grund, warum Jagoda seine Aufmerksamkeit auf Lewin lenkte und ihn zu seiner rechten Hand machte. Ihn kannte er, gerade mit ihm und nicht mit Pletnjow und Kasakow traf er oft zusammen.

Lewin war zur Durchführung der verbrecherischen Vorhaben notwendig, deshalb begann sich Jagoda näher mit ihm zu beschäftigen und ihm Aufmerksamkeit zu schenken. Worin fand diese Aufmerksamkeit ihren Ausdruck? Darüber sprachen sowohl Lewin selbst als auch Bulanow: französischer Wein, Blumen, Erleichterung der Zollformalitäten, Dollars für Auslandsreisen. All dies geschah in einer allmählichen, viele Monate und vielleicht viele Jahre andauernden Bearbeitung, denn der Auftrag des „Zentrums der Rechten und Trotzkisten“ wurde Jagoda schon vor langem gegeben. Deswegen nimmt die Bearbeitung einen längeren Zeitraum bis zur direkten Verübung des Verbrechens ein.

Natürlich verstand Lewin nicht und konnte nicht verstehen, worum es ging. In seiner Naivität glaubte er, dass Jagoda das aus Wertschätzung für seine persönlichen Vorzüge und für seine Eigenschaften als Arzt tat, Dies kitzelte angenehm sein Ehrgefühl, - und dass Lewin ehrgeizig war, verheimlicht er nicht.

Aber gerade das zog Jagoda ausgezeichnet in Betracht. Außer Dankbarkeit für die Freigebigkeit und die aufmerksame Behandlung seitens Jagodas entstand bei Lewin das Gefühl einer gewissen eigenartigen Abhängigkeit, was Jagoda gerade wollte.

Es nahte die Stunde der Durchführung der ruchlosen Vorhaben Jagodas gegen Max Peschkow. Ich muss Ihnen, Genossen Richter, sagen, dass ich, als ich die Erläuterungen Jagodas über die Gründe der Ermordung Max Peschkows hörte, zu der Überzeugung gelangte, dass hier Ursachen zweierlei Art vorliegen: ein ganz niederträchtiger Grund Jagodas und der Auftrag des „Blocks der Rechten und Trotzkisten“, Gorki durch die Ermordung seines geliebten Sohnes einen solchen seelischen Schlag zu versetzen, der die körperliche Widerstandsfähigkeit des großen Schriftstellers im Kampf gegen die Krankheit noch mehr schwachen würde. Die niederträchtigen persönlichen Motive Jagodas fielen zweifellos mit der Richtlinie des „Blocks der Rechten und Trotzkisten“ zusammen.

Was sagt Jagoda diesbezüglich? In einer seiner Aussagen heißt es buchstäblich: „Ich nährte innerlich den Gedanken, Max Peschkow physisch zu vernichten; er hinderte mich.“ Anfänglich bestand der Gedanke, Max Peschkow mit Hilfe von Banditen zu ermorden, doch schien es gefährlich, in ein solches Verbrechen viele Leute hineinzuziehen, und bei den Anführern des „Blocks der Rechten und Trotzkisten“ entstand die Idee, dass die beste Methode der Tötung Max Peschkows sein „Tod durch Krankheit“ wäre.

Ich lenke die Aufmerksamkeit des Gerichtes darauf, dass die Idee des „Todes durch Krankheit“ nicht von den Ärzten kam. Diese Idee entstand bei Jagoda, beim „Block der Rechten und Trotzkisten“. Und er zwingt sie den Ärzten auf. Noch beim Verhör beim Untersuchungsrichter antwortete Jagoda auf die Frage des Untersuchungsrichters „wie soll man das verstehen?“: „Sehr einfach, der Mensch wird auf natürliche Weise krank, ist einige Zeit krank, seine Umgebung gewöhnt sich daran, dass der Kranke, was ebenfalls natürlich ist, entweder stirbt oder wieder gesund wird. Der Arzt, der den Kranken behandelt, kann entweder die Genesung oder den Tod des Kranken fördern...“ „... na, und alles Übrige ist Sache der Technik.“

Zur Durchführung dieser Idee war ein Arzt notwendig. Es war bequem, diese dunkle Tat mit fremden Händen, den Händen eines Arztes zu deichseln, selbst aber abseits stehen zu bleiben.

Jagoda wendet auch eine theoretische Bearbeitung Lewins an. Jagoda entwickelt vor Lewin eine eigenartige „Theorie“, die Spuren des Einflusses der deutschen faschistischen Sterilisatoren auf ihn zeigt. Jagoda selbst sagt aus, wie er Lewin mit theoretischen von auswärts angeeigneten Erwägungen bearbeitete, über das Recht des Arztes, das Leben des Kranken zu beenden. „Das Gespräch mit Lewin begann ich mit der abstrakten Frage - darf ein Arzt den Tod seines Patienten fördern? Als ich eine bejahende Antwort erhielt, fragte ich: ob er versteht, dass es vorkommt, dass ein Kranker für seine Umgebung ein Hindernis darstellt, und dass der Tod eines solchen Kranken mit Freuden begrüßt werden würde.“ Lewin sagte, dass dies eine diskutable Frage ist, dass der Arzt nicht das Recht hat, das Leben eines Menschen, das Leben des Kranken zu beenden. Ich aber stritt mit ihm und bewies ihm, dass er ein rückständiger Mensch wäre und dass ‚wir’ (darunter sollte man die modernen Menschen verstehen) einen anderen Standpunkt haben. Über dieses Thema führte ich mit Lewin mehrere Gespräche.“

Aber dies erwies sich als ungenügend. Offensichtlich ging Lewin auf diese „theoretischen Injektionen“ nicht ein. Nun bemüht sich Jagoda, den Plan der Vernichtung Maxim Peschkows als einen im Interesse des Staates und vor allem im Interesse Gorkis selbst notwendigen Akt hinzustellen. Er beweist dessen verhängnisvollen Einfluss auf seinen Vater. In den folgenden Gesprächen betont er, dass die Vernichtung Maxim Peschkows nicht seine Direktive, sondern die einer Gruppe äußerst verantwortlicher leitender Funktionäre sei. Zum Beweis dafür, und damit ihm keine Zweifel verbleiben, bringt er ihn mit Jenukidse zusammen, der damals den Posten eines Sekretärs des Zentralexekutivkomitees der UdSSR einnahm und der persönlich Lewin gegenüber den Plan der Ermordung durch einen „Tod durch Krankheit“ billigt.

Warum entlarvte Lewin diese faschistische Bande nicht? Ich habe schon von seiner apolitischen Einstellung, seiner Weichheit, seiner Charakterlosigkeit gesprochen. Doch spielte hier natürlich die Hauptrolle jene Kombination der Methoden, die ihm gegenüber von Jagoda angewendet wurden. Lewin war überzeugt, dass Jagoda vor nichts zurückschrecken werde. In einer seiner Aussagen sagt Lewin mit innerlichem Bangen: „Ich erinnere mich jedes Mal an das furchtbare Gesicht und die Drohungen Jagodas. Auf mich übte die Rede Jagodas einen furchtbaren Eindruck aus.“ Lewin ist ein rückgratloser Intellektueller, ein alter parteiloser, leichtgläubiger, willenloser Arzt, er zitterte nicht so sehr für sich selbst als für seine Familie, mit deren Vernichtung ihm Jagoda drohte.

Bin ich nicht berechtigt zu sagen, Genossen Richter, dass Lewin von Jagoda seelisch unter Terror gestellt wurde und dass dadurch auch jene Rolle erklärt wird, die er in diesen grauenvollen Mordtaten gespielt hat. Lewin sagt aus: „Ich fühlte mich von Jagoda geknechtet, es war mir klar, dass beim ersten Versuch einer Verweigerung des Gehorsame für die Aufträge Jagodas oder sogar bei einest zufälligen Misslingen, welches die Gefahr des Hochfliegens bringt, nicht nur ich, sondern auch meine Familie untergehen würde.“ Darüber sprach er. Er nahm an der Tötung Maxim Peschkows teil, dann begann das Netz der folgenden furchtbaren Verbrechen, auf Maxim Peschkow folgte Kuibyschew, auf Kuibyschew Maxim Gorki und Menshinski. Welches sind die Motive, auf Grund deren Lewin diese weiteren furchtbaren Aufträge des „Blocks der Rechten und Trotzkisten“ durchführt.

Ein altes russisches Sprichwort sagt: „Bleibt der Vogel auch nur mit einer Kralle stecken, geht der ganze Vogel zugrunde.“ Nachdem er ein Verbrechen verübt hatte und sich durch verbrecherische Ketten au Jagoda geschmiedet wusste, war es Lewin noch schwerer, sich seinem Einfluss zu entziehen.

Jagoda versteht dies, und sein Ton gegen ihn veränderte sich scharf. Er begann mit ihm grob in der Sprache der Drohungen zu sprechen. Er deckt vor ihm mit zynischer Offenheit die Karten auf, erklärt ihm, in wessen Interessen Lewin gehandelt hatte, und der apolitische parteilose Lewin wird notgedrungen ein Politiker.

Ohne die Anschauungen dieser Herren zu teilen, ist Lewin tatsächlich mit ihnen. Er versteht, dass er, nachdem er zu ihrem Komplicen wurde, nicht umhin kann, ihre Aufträge zu erfüllen. Indem er sich mit der Konterrevolution und den verbrecherischen Taten der Organisation verband, teilt er das Schicksal Jagodas. Das ist die Logik der Konterrevolution.

Aber, Genossen Richter, unterwarf sich Lewin wirklich ohne inneren Widerstand, ohne seelischen Kampf Jagoda und dessen furchtbaren Aufträgen? Ich gebe zu, dass die epische ruhige Erzählung Lewins hier von seinen Verbrechen im Zusammenhang mit seinem Brief in der Zeitung, den er nach dem Tode Gorkis veröffentlichte, auf manchen den Eindruck eines abgestumpften Vivisektoren hervorrufen konnte. Aber dieser Brief ist nicht das Produkt der Schöpfung Lewins - er wurde von ihm in den Tagen geschrieben, als er sich vollkommen unter dem Einfluss Jagodas befand, und es besteht für mich kein Zweifel, dass er unter dem Diktat Jagodas geschrieben wurde. Der Jesuitismus und das Pharisäertum dieses Briefes müssen gänzlich auf das Konto Jagodas geschrieben werden.

Wenn man sich mit den Aussagen und Briefen Lewins bekannt macht, dann kann man sich davon überzeugen, dass er innerlich sehr viel erlebt hat. Er lebte in einem qualvollen Fiebertraum. Er sandte an Genossen Jeshow einen Brief aus der Haft, in dem er alles erzählte und schrieb, dass die Last seiner Erinnerungen an die ungeheuerlichen Missetaten schwer auf ihn drückt. Er schreibt: ich fühlte in diesen Jahren, dass mich von meinem vergangenen Leben schwere Tore trennten, die Jagoda mit eiserner Band zuhielt und die zu öffnen ich die Kraft nicht hatte. Im Herbst l936 erfuhr ich, schreibt er in einem Briefe, dass Jagoda schon nicht mehr Volkskommissar für Innere Angelegenheiten ist, und ich empfand ein Gefühl des größten Glücks, ich beschloss, den Rest meines Lebens meiner früheren ehrlichen Arbeit zu weihen, den Rest meiner Kräfte dem Glück der Völker, alle meine Kräfte, Kenntnisse, Erfahrungen und Liebe den Kranken, dem weiteren Aufblühen unserer herrlichen Heimat zu widmen, zu deren Glück und Heil ich imstande sein würde, ein Körnchen Arbeit mit beizutragen. Aber als schwerer Stein blieb auf meiner Seele die quälende Erinnerung an die schweren Verbrechen. Jetzt, im Gefängnis, nachdem ich alles gesagt habe, was in meiner Seele vor sich ging, fühle ich eine tiefe Erleichterung.

Ich bin tief überzeugt, dass er, als er dieses Geständnis schrieb, seine Seele Genossen Jeshow öffnete, dass er nicht umhin konnte, eine Erleichterung, ein Gefühl der Befreiung von einer grenzenlos schweren und bisher von ihm verheimlichten Last zu empfinden. Und als er hier vor dem Gericht des Volkes, vor dem Gericht der Arbeiterklasse von seinen Verbrechen erzählte, fühlte er weiter diese Erleichterung.

Genossen Richter, ich komme zum Schluss.

Was soll man also mit Lewin tun? Ich verberge Ihnen nicht, dass in dieser Minute, da ich die Frage stelle, was mit Lewin geschehen soll, vor meinem geistigen Auge die grenzenlos teuren Züge des großen Dichters, unseres nationalen Stolzes, des Stolzes der ganzen werktätigen Menschheit, Maxim Gorkis auftauchen, die Zuge des flammenden Bolschewiki Genossen Kuibyschew und des unversöhnlichsten Kämpfers gegen die Volksfeinde, des enzyklopädisch gebildeten Genossen Menshinski. Wären nicht die Verbrechen des „Blocks der Rechten und Trotzkisten“, die durch die Hände Lewins und zwei anderer Ärzte durchgeführt wurden, so lebten diese großen Menschen noch jetzt und brächten mit ihrem vollblütigen, schöpferischen, herrlichen Leben der Sache des Aufbaus des Sozialismus nicht wenig Nutzen, der sie ihr ganzes Leben dienten und der der ganze klassenbewusste Teil unseres Landes dient.

Aber dennoch sage ich, Genossen Richter, ungeachtet der Schwere dieser Gedanken, soll Lewin leben bleiben, obwohl er schwerste Bestrafung bekommen muss. Ihr Urteil erwarten jetzt diese Herren da, die da auf der Anklagebank sitzen, die eine Reihe der schwersten Verbrechen verübt hohen, die von Beginn der Revolution an gegen ihr Volk, gegen die Arbeiterklasse, gegen die Partei, gegen die Unabhängigkeit ihres Landes kämpften. Sie sind die tatsächlichen Mörder Gorkis, Kuibyschews und Menshinskis. Aber sie tragen auch daran die Schuld, dass drei Ärzte zu Mördern geworden sind, Auch das haben sie auf dem Gewissen. Sie sind die Mörder dieser Ärzte. In Verfolgung ihrer infamen Ziele haben sie Leute zu Mördern gemacht, die ihren verbrecherischen Anschauungen, Ihrer verbrecherischen Tätigkeit fremd sind. Die Kunst eines alten Arztes, der leidenden Menschheit zu helfen, verwandelten sie in seinen Händen in eine Waffe des Todes. Wäre er Ihnen nicht begegnet, so würde Lewin ruhig seine letzten Jahre verleben, den Leidenden Hilfe erweisend.

Ist es also etwa möglich, ein Gleichheitszeichen zwischen Lewin und diesen Herren da zu ziehen, wie schwer seine persönlichen Verbrechen auch gewesen sehn mögen? Und wenn sie, diese Herren, für künftigen Kampf für das Glück der Menschheit nutzlos und wertlos sind, so kann der alte Doktor Lewin noch die wenigen Jahre, die ihm, dem Greis, verblieben sind, verleben und sich bemühen, wenigstens einen Teil seiner Verbrechen durch Hilfe für die leidende Menschheit zu sühnen. Ich bitte Sie, Doktor Lewin das Leben zu schenken.

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