PROZESSBERICHT ÜBER DIE STRAFSACHE DES ANTISOWJETISCHEN
„BLOCKS DER RECHTEN UND TROTZKISTEN"

ABENDSITZUNG VOM 11. MÄRZ 1938

REDE DES VERTEIDIGERS KOMMODOW

VORSITZENDER: Das Wort hat das Mitglied des Verteidigerkollegiums, Genosse Kommodow.

VERTEIDIGER KOMMODOW: Mir scheint, Genossen Richter, dass es nicht nötig ist, Ihnen zu sagen, wie schwer die Aufgabe der Verteidigung in der vorliegenden Sache ist. Diese Schwere wird noch durch die strenge Forderung des Staatlichen Anklägers verstärkt, die von der Sowjetöffentlichkeit mit allgemeiner Billigung aufgenommen wurde.

Aber in den Grenzen der Möglichkeiten und Kräfte obliegt es mir, wenn auch körnchenweise, jene Beweisgründe zusammenzutragen, welche uns die Möglichkeit geben, zu bitten, und Ihnen vielleicht die Möglichkeit geben, unsere Bitte zu erfüllen und von jener strengen Forderung zurückzutreten, die hier von der hohen Tribüne des Staatlichen Anklägers in Bezug auf die von uns Verteidigten erhoben wurde.

Die Verbrechen Lewins, die Verbrechen Kasakows und das Verbrechen Pletnjows bilden zweifellos ein Glied in der sehr langen Kette von Verbrechen, die in ihrer Gesamtheit die Methoden, Waffen und Mittel des Kampfes der Feinde der Sowjetmacht im Verlaufe all dieser 20 Jahre kennzeichnen.

Zeitweise verstummte dieser Kampf, brach dann aber erneut mit noch größerer Kraft als früher aus. Besonders lebhaft wurde er in den letzten Jahren, was zweifellos mit der Machtübernahme des Faschismus in Verbindung gebracht werden muss, der in Gestalt aller konterrevolutionären Parteien der Union treue Bundesgenossen für sich fand.

Der Faschismus als Regierungsform gründet sich auf die Erniedrigung der Menschheit und kann sich nicht mit dem Bestehen eines Landes aussöhnen, in dem die gesellschaftliche Ordnung des Lebens auf denn Grundsatz sozialer Gerechtigkeit und Achtung der Menschenwürde ruht. Das ist der Grund, warum der Kampf gegen die Sowjetunion die aktuellste Aufgabe des Faschismus ist, welche auf die Tagesordnung gestellt wurde. Und dem Wesen nach verheimlichen sie dies auch nicht. Erinnern Sie sich, Genossen Richter, des Nürnberger Parteitages im September 1936, wo die Führer der faschistischen Partei offen und zynisch den Feldzug gegen die Sowjetmacht predigten.

Vor einigen Monaten erschien in der polnischen Zeitung „Bunt Mlodych“ folgende Notiz: Als die wichtigste Frage des heutigen Polen betrachten wir die Notwendigkeit, die deutsch-russische Zange zu zerbrechen, in der sich gegenwärtig Polen befindet. Angesichts dessen, dass ein Kampf des übervölkerten Polens mit dem übervölkerten Deutschland einfach absurd ist, müssen wir Russland vernichten... ihm die Hegemonie im Osten wegnehmen und auf Kosten Russlands das Land erwerben, das wir für die Kolonisation brauchen.

Die Zeitung „Prawda“, die diese Korrespondenz brachte, nannte diese jungen Leute mit Recht hirnlos. Aber es ist kennzeichnend, dass der Kampf gegen die Sowjetunion durch die Presse offen geführt wird. Dazu muss man eine Korrespondenz der japanischen Zeitung „Reki-Si-Koran“ hinzufügen, die ebenfalls in der Zeitung „Prawda“ wiedergegeben wurde, in welcher der Beamte der japanischen Verwaltung Sigotomi die Idee der allgemeinen Ernährung der Pferde und Menschen im künftigen Kriege diskutierte, und er geht von folgendem aus: der für die Japaner notwendige Reis wird an den Fronten des Krieges nicht wachsen und die vorhandenen Vorräte an Nahrungsmitteln werden dort erfrieren.

Es ist ganz klar, dass hier nicht die Rede von einem Krieg in Singapur ist, sondern von einem Krieg im kalten Russland, woraus klar wird, dass sie offen und zynisch den Kreuzzug gegen die Sowjetunion predigen.

Somit wird der Kampf des Faschismus gegen die Sowjetunion als eine aktuelle Aufgabe auf die Tagesordnung gestellt. Und mit welchen Mitteln kämpfen sie gegen uns? Ich möchte sagen - mit allen, welche die Sowjetunion nach ihrer Meinung schwächen können, und ihnen helfen, die Sowjetunion der Zertrümmerung entgegenzuführen, und ihnen in einem kommenden Kriege Hilfe erweisen sollen. Suchen Sie, Genossen Richter, nichts Wählerisches in den Kampfmitteln. Einer der kennzeichnenden Züge der zur Macht gelangten Faschisten ist die vollständige Schändung der gesellschaftlichen Sitten. Kampfmittel gegen die Sowjetunion sind Spionage, Schädlingstätigkeit, Diversionen, Mord, Unterhaltung bewaffneter Banden, Terror usw. Kurz, das ganze Assortiment von Mitteln, die zur Schwächung und Zertrümmerung der Sowjetunion führen. Der Staatsanwalt hat Ihnen hier endlose Fälle von Spionage, Schädlingstätigkeit und Terror aufgezählt. Die Formen der Schädlingstätigkeit haben sich in der letzten Zeit etwas geändert, ich möchte sagen, sie sind raffinierter und heimtückischer geworden.

Erinnern Sie sich hier an die Schädlingstätigkeit, von der der frühere Volkskommissar für Landwirtschaft, Tschernow, und Chodshajew sprachen - an die Schädlingstätigkeit in der Landwirtschaft und in der Seidenraupenzucht. Der Angeklagte Tschernow hat erzählt, wie auf Grund seiner Anweisungen die Pestbazillen ohne Vernichtung ihrer Virulenz kultiviert wurden. Ganze Fabriken wurden geschaffen, von denen diese Mittel als prophylaktische Mittel bezogen wurden, während sie Mittel der Verseuchung waren.

Für mich ist es klar, dass bei einer solchen Schädlingstätigkeit, wie sie auf Grund der Direktiven von Tschernow und Chodshajew durchgeführt wurde, unbedingt auch unschuldige Menschen hineingezogen wurden.

Chodshajew erzählte hier buchstäblich Folgendes: Auf diejenigen, die sich der Durchführung dieser Schädlingsmaßnahmen widersetzten, schlugen wir und schlugen wir kräftig ein. Wir führten, sagte Chodshajew, diese Schädlingsmaßnahmen unter dem Deckmantel der Mechanisierung durch, und diejenigen, die sich derselben widersetzten, beschuldigten wir sowjetfeindlicher Stimmungen und bestraften sie. Und so, scheint mir, litten viele lokale Funktionäre darunter, die keinen Verdacht bezüglich der ungeheuerlichen Vorhaben der Feinde hegten, und Opfer dieser Leute waren.

Auch in der terroristischen Tätigkeit tauchten neue Mittel zur Beseitigung der politischen Führer auf. Man muss sagen, dass der Terror in den faschistischen Ländern besonders große Popularität genießt. Sie schätzen ihn nicht nur als Mittel zur Beseitigung unbequemer Leute, sondern hauptsächlich auch als Mittel zur Provokation des Krieges. Noch mehr - es haben sich Theoretiker gefunden, welche eine ideologische Basis für die Rechtfertigung des Terrors als Kampfmittel gegen die Sowjetunion finden. Sehr kennzeichnend ist in dieser Beziehung der Bericht eines gewissen Prof. Radulesku in Paris auf der 4. Konferenz zur Vereinheitlichung der Strafgesetzgebung. Auf dieser Konferenz war Prof. Radulesku der offizielle Berichterstatter zur Frage des Terrors. Und es ist interessant, wie dieser Professor den Gedanken und Inhalt dieses internationalen Delikts in seinem Bericht aufdeckte. „Es handelt sich um Anschläge, welche unternommen werden mit dem Ziel der Vernichtung jeder politischen und rechtlichen Organisation der Gesellschaft, Anschläge anarchistischen Charakters, oder um Anschläge mit dem Ziele, das ökonomische und soziale Gefüge der heutigen Staaten zu vernichten, um Anschläge, die für den revolutionären Kommunismus charakteristisch sind. Der revolutionäre Kommunismus“, fährt Radulesku fort, „stellt in unseren Tagen eine der gefährlichsten Bedrohungen der öffentlichen Ordnung überhaupt dar.“

Ich wiederhole, er war der offizielle Berichterstatter über die Frage des Terrors. Es war eine vollkommen offene, zynische Predigt des Terrors gegen die Führer des Kommunismus, gegen die revolutionäre Bewegung.

Man konnte auch noch auf einen Versuch des faschistischen Kriminalisten Garofolo hinweisen, der auf der Brüsseler Konferenz die Aktionen der für ihre Befreiung vom Joche der Ausbeutung, vom Joche des Kapitalismus kämpfenden Werktätigen in eine Reihe mit internationalen Dieben und Falschmünzern stellte. Was ist Sonderbares daran, dass sich bei einer solchen Auffassung des Terrors - sogar des ideologisch begründeten Terrors - gegen die Sowjetunion, und nicht nur gegen die Sowjetunion, sondern gegen die Führer der kommunistischen Bewegung überhaupt, die terroristische Tätigkeit in allen Ländern der Welt verstärkte und in den verschiedenen Erdteilen terroristische Akte zu verzeichnen sind. Auch bei uns hat sie sich verstärkt. In den Methoden und Mitteln der terroristischen Akte ist ebenfalls, möchte ich sagen, eine Verfeinerung eingetreten, und jene Methode, die in der vorliegenden Sache gegen die Genossen Menshinski, Kuibyschew und Gorki angewendet wurde, ist im Wesentlichen neu.

Sie erinnern sich, Genossen Richter, an jenen Abschnitt des Kulakenterrors gegen die Kollektivwirtschuften, der in den Jahren 1929-1930-1931 zu verzeichnen war, als viele ehrliche Sowjetaktivisten, Lesehallenleiter, Dorfkorrespondenten umkamen. Sie erinnern sich, dass die gewöhnlichen Mittel zur Verübung dieser terroristischen Akte der Karabiner, die Axt, der Dolch, das finnische Messer waren. In der Folgezeit sehen wir, wie die terroristischen Akte nach einem bestimmten, organisierten Plan verübt werden. Erinnern Sie sich der Ermordung des Volkstribuns Sergej Mironowitsch Kirow. Aus dem Prozess gegen Pjatakow und aus dem heutigen Prozess ersehen wir, dass terroristische Zellen in der ganzen Union organisiert wurden.

Als eine der Methoden und Mittel des Mordes wurde in der vorliegenden Sache das Mittel angewendet, das Jagoda als „Tod durch Krankheit“ bezeichnet hat. Ich muss sagen, dass die Geschichte der menschlichen Missetaten dieses Mittel nicht kennt. Der Genosse Staatsanwalt hat Fälle zahlreicher für das Mittelalter kennzeichnender Vergiftungen durch Ärzte angeführt. Das ist richtig. Die ganze Geschichte der florentinischen Republik in der Zeit der Borgia und Medici ist voller Vergiftungsbeispiele. Oft griff man auch dort zur Hilfe der Ärzte. Der Papst Alexander Vl., der den Kardinal Orsini durch die Ärzte vergiften ließ, wandte sich mit Ironie an das Priesterkollegium und sagte, dass „wir ihn den besten Ärzten anvertraut haben“. Damals wurde die Vergiftung als Beseitigungsmethode gewöhnlich durch irgendwelche Gegenstände wie Handschuhe, Bücher, Blumen, Parfüms oder durch die Zimmereinrichtung ausgeübt.

Aber was Jagoda ersonnen hat, das trägt bereits einen viel raffinierteren Charakter. In der russischen Praxis kenne ich keine derartigen Beispiele. In den Novellen von Stendhal habe ich etwas Ähnliches aus den Zeiten der Medici gelesen, andere Beispiele jedoch kenne ich nicht. Anfänglich verstand Pletnjow diese Methode ebenfalls als einen Vorschlag, Gift anzuwenden, doch Jagoda sagte ihm: nein, das ist grob, zu grob und zu gefährlich; es handelt sich darum, dass das Ende jener Leute, zu deren Behandlung Sie herangezogen werden, durch entsprechende Heilungsmethoden beschleunigt wird.

Jede Vergiftung ist zweifellos gefährlicher als jene Methode, zu der man in der letzten Zeit, und insbesondere in der vorliegenden Sache, Zuflucht zu nehmen begonnen hat. Es existieren freilich Gifte, die sich rasch verflüchtigen und im Organismus bleiben keine Spuren pathologisch-anatomischer Veränderungen zurück.

Der Verteidiger Braude hat davon gesprochen, wie Jagoda dem Untersuchungsrichter die Idee des „Todes durch Krankheit“ erklärte. Ich muss sagen, dass es unmöglich ist, ohne Entsetzen diese Worte in der Formulierung zu lesen, in der sie Jagoda selbst geschrieben hat.

Sehr einfach, sagt Jagoda. Der Mensch erkrankt und alle gewöhnen sich daran, dass er krank ist. Der Arzt kann die Genesung des Kranken fördern, aber der Arzt kann auch den Tod des Kranken beschleunigen. Das ist der Hauptinhalt der Idee. „Und alles Übrige“, fügt Jagoda hinzu, „ist Sache der Technik“. Als er dies dem Greise Lewin sagte, war Lewin, nach der Behauptung Jagodas, bestürzt.

Der Ermordungsmethoden gibt es viele und darunter sehr viele grausame. Doch ich muss sagen, dass nicht eine dieser Methoden so herzbrechend, so nervenerschütternd ist, als die in der vorliegenden Sache geschilderte Methode, obwohl der Mensch nicht mit zerschmettertem Schädel im Graben, sondern in seinem Bett, von der Sorge aller umgeben, stirbt. Nicht eine einzige Ermordungsmethode ist imstande, eine solche Empörung der Öffentlichkeit hervorzurufen, als diese. Dies ist eine Verunglimpfung aller ethischen Prinzipien des Arztes, der selbst dem Feinde auf dem Schlachtfeld Hilfe erweisen soll. Diese Methode vernichtet das Vertrauen des Patienten zum Arzt.

Deswegen erschüttert sie derart die öffentliche Meinung. Sie ist derart furchtbar, dass sie eine niederdrückende Stimmung zurücklässt, wenn man sich mit ihr bekannt macht.

Es erhebt sich die Frage, wie Ärzte auf eine solche Ermordungsmethode eingehen konnten, die auf eine 40 jährige ärztliche Praxis zurückblicken und die in ihrem Berufe ergrauten.

Genossen Richter, jeder Beruf erzeugt zweifellos bestimmte Instinkte, so z. B. der Beruf der Verteidiger den Instinkt der Verteidigung, und das ist auch bei Ärzten der Fall. Um auf diese Ermordungsmethode einzugehen, muss man diesen Instinkt vernichten, sich selbst als Arzt töten und dann die Ermordung eines Menschen begehen. Wie konnten sie auf ein solches Verbrechen eingehen? Das ist die Frage, die nicht umhin kann, Erregung hervorzurufen, die Frage, die sich alle stellen, die Frage, die vielleicht vielen ihren ruhigen Schlaf raubt. Und uns fällt die Aufgabe zu, dieses schwere Problem zu klären.

Leicht drängt sich eine Erklärung in dem Sinne auf, dass vielleicht persönliche oder sowjetfeindliche Stimmungen beigetragen haben. Ich glaube, dass nicht dies die Ursache ist, und erlaube mir zu sagen warum. Wenn die sowjetfeindlichen Stimmungen Pletnjows ein genügender Antrieb dazu gewesen wären, um auf dieses Verbrechen einzugehen, dann hätte Lewin nicht nötig gehabt, zu Jagodas Hilfe Zuflucht zu nehmen, welcher auf Pletnjow einen Druck ausüben maßte, damit dieser auf ein solches Verbrechen einging. Es genügte Lewin allein zu sagen, und Pletnjow musste sich bereitwillig einverstanden erklären.

Und was sehen wir? Wir sehen das Gegenteil. Lewin sagte es Kasakow, Lewin sagte es Pletnjow, aber bis zu der Zusammenkunft mit Jagoda verübte weder der eine noch der andere irgendeinen Schädlingsakt, Noch mehr - Kasakow war am 6. November bei Menshinski, und damals war Menshinski nach Moskau in das Haus in der Meschtschanskaja übergesiedelt; Kasakow sah, dass die Luft, in welcher der schwerkranke Genosse Menshinski fast erstickte, schwer und vergiftet war. Kasakow verordnete, dass alle Zimmer gelüftet werden und Menshinski auf den Balkon hinausgetragen wird. An diesem Tage fuhr er zu Jagoda, der ihn mit den Worten empfing: „Warum klügeln Sie die ganze Zeit herum und handeln nicht?“

Was bedeutet die Vorladung Pletnjows und Kasakows zu Jagoda? Sie bedeutet, dass Lewin nicht darauf rechnete, dass er allein durch ein Gespräch oder durch ein Spiel auf die niederträchtigen Gefühle Kasakows und die sowjetfeindlichen Stimmungen Pletnjows dieselben zu dem ungeheuerlichen Verbrechen drängen konnte. Und das ist verständlich, denn bevor sie auf ein solches Verbrechen eingingen, musste sowohl der eine als auch der andere seine Natur ändern und seinen Instinkt ersticken, der sich im Laufe einer 48-jährigen ärztlichen Praxis herausgebildet hatte.

Aber auch das war nicht genug. Jagoda versuchte, Pletnjow in dieses Verbrechen hineinzuziehen, indem er dessen sowjetfeindliche Stimmungen ausspielte. Er sprach von der Vereinigung aller sowjetfeindlichen Kräfte, suchte ihn zu überzeugen, dass er, Jagoda, ihnen in ihrer konterrevolutionären Aktion helfen werde. Doch er selbst erhoffte keine günstigen Resultate von diesen Überzeugungsversuchen. Deswegen verlangte er, dass man ihm kompromittierendes Material über Pletnjow liefere. Aber sogar dann, als Pletnjow das von Jagoda gegen ihn gesammelte kompromittierende Material sah, erklärte er sich trotzdem noch nicht einverstanden.

Da nahm Jagoda zu dem wirksamsten Mittel Zuflucht. Er begann zu drohen und sagte: „Ich werde nicht vor den äußersten Mitteln zurückschrecken, um Sie zu zwingen, mir dienstbar zu sein.“ Lesen Sie in den Aussagen Jagodas sein Gespräch mit Kasakow: „Was klügeln Sie, warum tun Sie eigenwillig das, was Sie nicht tun sollen?“ Als Kasakow sich zu rechtfertigen begann, sagt Jagoda: „Ich drohte ihm, ich sagte ihm eine Menge Drohungen, und er erklärte sich einverstanden.“

So hatte also der Alte, Lewin, Recht, der sagte: „Die Angst vor den Drohungen, die Angst vor Jagoda trieb mich zu diesem Verbrechen“, und er hatte Recht nicht nur in Bezug auf sich selbst, sondern auch in Bezug auf seine Mitangeklagten Pletnjow und Kasakow.

Gestatten Sie mir, bei diesem Moment zu verweilen. Das war der furchtbarste Moment in ihrem Leben, furchtbarer als die Minute des Gerichts und Urteils, deswegen gestatten Sie mir, etwas dabei zu verweilen.

Genossen Richter, Erpressung unter Todesdrohung ist kein Scherz. Sie bricht nicht nur das Leben hinfälliger Greise, sondern manchmal auch das junger, kräftiger, starker und gesunder Menschen. Im Jahre 1880, im Prozess der „Sechzehn“, sagte der junge Okladski in seinem Schlusswort: „Ich bitte das Gericht nicht um Nachsicht. Jede Nachsicht wäre für mich eine Erniedrigung.“ Und einige Monate später wurde er zum Verräter. Was war mit ihm in dieser Zeit vorgegangen? Eine Begegnung mit Sudeikin, der ihm gesagt hatte: „Tod oder Verrat?“ Und er wählte das Zweite. Erpressung unter Todesdrohung, das ist kein Scherz. Und wie anders konnten Pletnjow und Kasakow die Drohungen Jagodas auffassen? Wie anders konnte Pletnjow die Drohungen Jagodas auffassen, welcher ihm sagte: „Ich werde weder in Bezug auf Sie, noch in Bezug auf Ihre Familie vor den äußersten Mitteln zurückschrecken, um Sie zu zwingen, mir dienstbar zu sein.“ Wie anders konnte Kasakow die Drohungen Jagodas auffassen, dem Lewin sagte, indem er ihm gute Lehren für seine Begegnung mit Jagoda auf den Weg gab: „Sie müssen verstehen, dass dieser Mensch vor nichts zurückschreckt, dieser Mensch vergisst nichts.“ Und hatte Lewin etwa nicht Recht? Hielt etwa das Gesetz Jagoda von der Verübung ungeheuerlicher, Verbrechen ab? Hielt etwa das Gewissen Jagoda von der Verübung unerhörter Infamien ab? Hielt ihn etwa die Vernunft von der Begehung einer Unvernunft ab? Was noch konnte ihn abhalten? Das Fehlen von Möglichkeiten? Aber Sie kennen die Summe der Vollmachten, über die Jagoda verfügte. Was vermochte ihn in der Erreichung seiner niederträchtigen Ziele zu hindern? Mangelnde Willenskraft? Schwäche der Nerven? Wer wird das glauben?!

Welche Zähigkeit, welche Arglist musste man haben, um unter den Augen aller, auf einem solch verantwortlichen Posten, welcher als Hauptaufgabe den Kampf zur Erhaltung und zum Schutze des sozialistischen Staates hat, im Verlaufe einer Reihe von Jahren täglich an der Zertrümmerung des Staates zu arbeiten und straflos zu bleiben.

Letzten Endes haben sich Jagoda und seine Helfershelfer verrechnet. Sie verstanden eines nicht, nämlich das Wichtigste. Wenn es auch Dutzende gewissenlose Menschen gibt, die gegen die Sowjetunion wühlen, so gibt es doch dafür Millionen ehrlicher Menschen, die sie mit Wachsamkeit und Hingabe schützen.

Daher brach der Untergang, den sie der Sowjetunion und dadurch jedem von uns bringen wollten, über ihren eigenen Köpfen ein. Wer Wind sät, wird Sturm ernten.

Aber nicht sie sind mir augenblicklich wichtig. Wichtig ist mir das Verhalten Pletnjows und Kasakows in jener Unheil bringenden Minute, da sie sich Jagoda in seinem Arbeitszimmer Auge in Auge gegenüberstanden. Ihnen wurde direkt die Frage gestellt. Sie verstanden ausgezeichnet, dass die Gefahr, die vor ihnen stand, eine reale Gefahr war. Mehr noch - sowohl Kasakow wie Pletnjow verstanden vorzüglich, dass Jagoda nicht umhin konnte, seine Drohungen zur Ausführung zu bringen. Das wurde durch die Lage Jagodas selbst diktiert. Nachdem ihnen Jagoda von der Verschwörung gesagt hatte, nachdem Jagoda gesagt hatte, dass er selbst an der Verschwörung beteiligt ist, nachdem er ihnen vorgeschlagen hatte, das ungeheuerliche Verbrechen zu verüben, konnte er nicht umhin, seine Drohungen in die Tat umzusetzen.

Auf welche Weise konnte er sich vor Kasakow und Pletnjow als Zeugen seines Gespräches mit ihnen sichern?

Es gab hier zwei Wege: entweder sie um jeden Preis zu Komplicen des Verbrechens machen, und dann werden sie schweigen, oder sie, sei es um den Preis der Vernichtung, zum Schweigen bringen. Etwas Drittes kann man sich nicht denken. Das sind die Umstände, unter denen die Frage vor Pletnjow und Kasakow gestellt wurde.

Genossen Richter, unter diesen Umstünden mussten sie sofort eine Antwort gehen. Man konnte nirgendwohin flüchten. Zum Überlegen war keine Zeit. Das war eine Minute, in der sich das Schicksal eines Menschen entscheidet. Und während dieser Zeit sieht mit unheildrohenden? Blick, mit durchdringendem Blick Jagoda auf sie. Ich stelle mir vor, dass dieser verhängnisvolle, durchbohrende Blick ihr Bewusstsein erstickt, ihren Willen gelähmt, ihr Gefühl getötet hat.

Der erschütterte Verstand, Genossen Richter, hält oft das eigene Gewicht nicht aus und verfällt in Wahnsinn, und der Mensch, innerlich aufgelöst, bricht zusammen.

Vielleicht fehlen mir die notwendigen Worte, welche Ihnen die Möglichkeit geben würden, das ganze Grauen der von Pletnjow und Kasakow durchlebten Minuten mitzufühlen. Würde ich sie finden, ich würde mich für ihr Leben durchaus nicht beunruhigen.

Das Grauenvolle liegt oft nicht darin, was der Mensch tut, sondern darin, was er danach wird. Was wurden sie nach dieser Minute des Falles? Bevor sie zu Mördern anderer wurden mordeten sie erst moralisch sich selbst. Das war die Minute, die sie selbst mordete. Sie machten ihr Gewissen, das Gewissen des Arztes schwarz wie das Gewissen eines Tyrannen, sie besudelten den Namen des Professors mit unglaublichen Verbrechen, sie schändeten die Aureole des Gelehrten, sie zertraten den Namen Mensch. Nur ein großer Psychologe kann solche Minuten schildern:,

Alles Übrige ist die Folge dieser Minute. In jener Minute, als sie Jagoda brach, als sie ihre Zustimmung gaben, wurden sie zu moralischen Leichnamen, mordeten sie sich selbst. Und sie, Genossen Richter, wissen, wer sie zuerst zum moralischen Selbstmord und dann zum Mord der Übrigen gedrängt hat.

Das ist die Ursache, warum ich um Nachsicht für dieselben bitte. Darum bittet die Verteidigung, dieselben bei der Bestrafung nicht auf ein Niveau mit jenen zu stellen, die ihnen gegenüber die Mörder waren.

Es gibt noch einen Grund der Verteidigung. Der Genosse Staatsanwalt hat hier, als er von der Komplicenschaft bei Verbrechen sprach, theoretisch richtig den Gedanken entwickelt, dass ein Teilnehmer einer Organisation verantwortlich für alle von der Organisation verübten Verbrechen ist. Aber als praktischer Mann, als Staatlicher Ankläger, sagte er Ihnen, Genossen Richter, dass man in jedem konkreten Falle beurteilen muss, in welchem Maße dieser oder jener Verbrecher dem Verbrechen nahe gekommen ist. Das gab ihm Grund, von der strengen Forderung der Sanktionierung der Bestrafung in Bezug auf die Angeklagten Rakowski und Bessonow abzusehen.

Haben etwa Pletnjow und Kasakow nach diesem Kennzeichen weniger Grund zur Nachsicht? Sie wurden später in die Kette der größten Verbrechen hineingezogen. Bei den anderen Angeklagten erstrecken sich die Verbrechen vom Jahre 1918 bis zu unseren Tagen. Die von mir Verteidigten wussten das nicht, sind daran nicht beteiligt.

Wir glauben, Genossen Richter, dass Sie diese unsere Gründe der Verteidigung in Betracht ziehen und trotz einer Reihe grauenhafter, unerhörter, ungeheuerlicher Verbrechen Pletnjows, Kasakows und Lewins es möglich finden werden, ihnen ihr Leben zu erhalten. Und wenn es ihnen, nach Ihrem Urteilsspruch, bestimmt sein sollte, zu leben, dann mögen sie sich an die Worte eines Mannes der Großen Französischen Revolution erinnern, der sagte: „Barmherzigkeit kann auch beleidigt werden, wenn sie Unwürdigen gewährt wird.“ Ihre Aufgabe besteht darin, durch den Rest ihres Lebens zu beweisen, dass sie jener Barmherzigkeit würdig sind, die ihnen erwiesen wird. Sie haben sich schuldig bekannt. Sie haben gesagt: „Wir bereuen.“ Und ich glaube ihnen, Genossen Richter. Der Schmerz trägt keine Maske.

Als Pletnjow in der Erklärung an Genossen Jeshow schrieb, dass er nach seinem Geständnis Erleichterung fühlte, wenn Kasakow dasselbe sagt, so heucheln sie nicht. In ihrer Lage und in ihrem Bewusstsein sind das Gericht und die Strafe sowie ihr Leiden das einzige, was sie wenigstens in einem gewissen Grade mit sich aussöhnen kann. Manchmal sind Leiden die einzige Form der Wahrheit, und sie verstehen dies ausgezeichnet.

Ich sagte, dass wenn ihnen beschieden ist zu leben, die vor ihnen stehende Aufgabe darin besteht, zu beweisen, dass sie der Barmherzigkeit würdig sind. Wie ist das zu tun? Sie müssen sich selbst vergessen und alles was sie an Wissen, Erfahrung, Praxis, Theorie besitzen, der Heimat widmen, die sie verraten haben. Und sie haben etwas, was sie der Heimat widmen können. Die 40 Jahre ärztlicher, klinischer und pädagogischer Tätigkeit Pletnjows haben ihn mit einem großen Vorrat von Wissen ausgestattet. Er ist arbeitsfähig, er arbeitete sogar im Gefängnis an seinen wissenschaftlichen Werken. Kasakow hat medizinisch-chemisch-agronomische Bildung. 30 Jahre Forscherarbeit haben Kasakow zweifellos bereichert, und diese Reichtümer muss er anderen übermitteln,

Restlos alles müssen sie der Heimat widmen. Das ist die Anweisung seitens ihrer Verteidigung, wenn Ihnen bestimmt sein sollte, zu leben. Und an Sie, Genossen Richter, wende ich mich mit der einzigen Bitte - ihr Leben zu erhalten.

VORSITZENDER: Die Verhandlung wird für 20 Minuten unterbrochen.

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