Potsdamer Konferenz

Siebente Sitzung
23. Juli 1945

(Truman eröffnet die Sitzung.

Die sowjetische Delegation berichtet über die Sitzung der Außenminister und teilt mit, daß auf der Tagesordnung der heutigen Sitzung der Minister folgende Fragen standen:

1. Reparationen aus Deutschland, Österreich und Italien.

Der Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten der UdSSR überreichte den Außenministern der USA und Großbritanniens einen Entwurf der sowjetischen Delegation über Reparationen aus Deutschland und über Vorauslieferungen aus Deutschland auf Reparationskonto.

Es wurde beschlossen, die Wirtschaftskommission mit der vorherigen Prüfung beider Entwürfe zu beauftragen und sie dann auf der nächsten Sitzung der drei Minister zu erörtern.

2. Wirtschaftliche Grundsätze bezüglich Deutschlands.

Es wurden die Punkte 13, 18 und der von der sowjetischen Delegation vorgeschlagene Punkt 19 erörtert. Die sowjetische Delegation erklärte, daß sie die von ihr zu Punkt 13 vorgeschlagene Abänderung zurückzieht und vorschlägt, den Punkt 18 zu streichen mit der Maßgabe, daß die dort aufgeworfenen Fragen von den alliierten Organen in Deutschland erörtert und danach vom Kontrollrat oder, wenn keine Vereinbarung im Kontrollrat erzielt wird, in Abstimmung zwischen den Regierungen zu entscheiden sind. Es wurde keine Übereinstimmung erzielt und beschlossen, die Frage betreffend Punkt 18 den drei Regierungschefs zur Entscheidung zu übergeben.

Zu dem von der sowjetischen Delegation vorgeschlagenen neuen Punkt 19 erklärte der Außenminister der USA, daß dieser Punkt für die USA unannehmbar ist. Die sowjetische Delegation schlug einen Alternativentwurf für Punkt 19 vor, demzufolge der vom Kontrollrat bestätigte Export aus Deutschland zur Deckung des Imports vor allen anderen Lieferungen Vorrang hat. In allen anderen Fällen haben die Reparationen Vorrang. Es wurde keine Einigung erzielt und beschlossen, diese Frage den drei Regierungschefs zur Entscheidung zu übergeben.

3. Über den Rat der Außenminister.

Der von der Redaktionskommission vorgelegte Entwurf wurde ohne Änderung bestätigt.

4. Über die Treuhandgebiete.

Es wurde der Entwurf der sowjetischen Delegation beraten. Der Außenminister Großbritanniens erklärte, daß in erster Linie die Frage entschieden werden muß, ob die italienischen Kolonien von Italien abgetrennt werden und welche namentlich. Diese Frage muß bei der Ausarbeitung des Friedensvertrages mit Italien entschieden werden. Die Frage, wem die Treuhandschaft über die gesamten ehemaligen italienischen Kolonien zu übertragen ist, die nach Beschluß von Italien abgetrennt werden, soll durch eine internationale Organisation, die Vereinten Nationen, entschieden werden. Der USA-Außenminister schlug vor, die Entscheidung über diese Frage bis zum Abschluß des Friedensvertrages mit Italien zu vertagen, wenn alle Gebietsfragen, die Italien betreffen, entschieden werden. Der Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten der UdSSR schlug vor, das sowjetische Memorandum der ersten Sitzung des Rates der Außenminister in London, im September dieses Jahres, zur Behandlung vorzulegen. Der englische Minister erklärte, daß seiner Ansicht nach keine Notwendigkeit besteht, das sowjetische Memorandum dem Rat der Außenminister vorzulegen, da bei der Ausarbeitung des Friedensvertrages mit Italien die Frage der italienischen Kolonien automatisch stehen wird. Der Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten der UdSSR bat, zur Kenntnis zu nehmen, daß die im sowjetischen Memorandum angeschnittenen Fragen durch die Sowjetregierung auf der Septembersitzung des Rates der Außenminister in London gestellt werden.

5. Über Direktiven an die alliierten Oberbefehlshaber in Deutschland.

Man kam überein, allen Oberbefehlshabern der alliierten Besatzungstruppen in Deutschland alle sie betreffenden Beschlüsse der Konferenz nach Abstimmung dieser Beschlüsse mit der Provisorischen Regierung der Französischen Republik zur Kenntnis zu bringen.

Es wurde beschlossen, zu diesem Zweck eine Kommission in folgender Zusammensetzung zu bilden: für die USA - Murphy und Riddleberger, für Großbritannien - Strang und Harrison, für die UdSSR - Gussew und Sobolew.

6. Über die Zusammenarbeit bei der Lösung vordringlicher europäischer Wirtschaftsprobleme.

Zur Vorberatung des von der Delegation der USA vorgelegten Memorandums wurde die Bildung einer Kommission in folgender Zusammensetzung beschlossen: für die USA - Clayton und Pauley, für Großbritannien - Brand und Coulson, für die UdSSR - Arutjunjan und Gerastschenko.

7. Über Tanger.

Es wurde der sowjetische Entwurf beraten.

Beschluß:

1. Den ersten Absatz des Entwurfs der sowjetischen Delegation anzunehmen, und zwar:

„Wir haben die Frage der Tanger-Zone behandelt und haben uns geeinigt, daß diese Zone, die die Stadt Tanger und das angrenzende Gebiet umfaßt, angesichts ihrer besonderen strategischen Bedeutung eine internationale Zone bleiben soll.“

2. Die gesamte Frage über Tanger in nächster Zeit auf der Beratung der Vertreter der vier Mächte - UdSSR, USA, Großbritannien und Frankreich - in Paris zu erörtern.

8. Bestätigung des Wortlauts der Adresse an die Regierungen Chinas und Frankreichs.

Es wurde beschlossen, die Adresse 48 Stunden vor der Veröffentlichung der Mitteilung über die Ergebnisse der Konferenz zuzustellen.

9. Über die Tagesordnung der Sitzung der drei Regierungschefs am 23. Juli. Man kam überein, den drei Regierungschefs folgende Tagesordnung zu empfehlen:

1. Über die Schwarzmeer-Meerengen und andere internationale Binnenwasserstraßen.

2. Über das Gebiet Königsberg.

3. Über Syrien und Libanon.

4. Über Iran.)

[…]

Truman: Gestatten Sie mir, meine Ansichten über die Schwarzmeer-Meerengen und die internationalen Binnenwasserstraßen überhaupt darzulegen.

Wir vertreten folgende Position in dieser Frage: Wir sind der Ansicht, daß die Konvention von Montreux revidiert werden muß. Wir meinen, daß die Schwarzmeer-Meerengen zu einem freien Wasserweg werden müßten, der für alle Welt offen ist, und daß das Recht der freien Durchfahrt durch die Meerengen für alle Schiffe von uns allen gemeinsam garantiert werden muß. Ich habe viel über diese Fragen nachgedacht. Woraus entspringen alle diese Kriege? In den letzten zweihundert Jahren brachen sie alle in einem Raum aus, der begrenzt wird vom Mittelmeer und der Ostsee, von der Ostgrenze Frankreichs und der Westgrenze Rußlands. Und das letzte Mal wurde der Weltfrieden vor allem durch Deutschland verletzt. Ich denke, daß unsere Konferenz verpflichtet ist, ebenso wie die künftige Friedenskonferenz, eine Wiederholung ähnlicher Erscheinungen nicht zuzulassen.

Stalin: Richtig.

Truman: Ich nehme an, daß wird diesem Ziel in hohem Maße dienen, wenn wir festlegen und garantieren, daß Wasserwege für alle Nationen frei sind.

Stalin: Welche beispielsweise?

Truman: Ich habe einen Vorschlag über die Freiheit der Verkehrswege, und ich meine, daß wir uns bemühen sollten, eine solche Lage herbeizuführen, bei der Rußland, England und allen übrigen Staaten der freie Zugang zu allen Weltmeeren gewährt wird. Das ist der Vorschlag.

(Übergibt den Entwurf eines Vorschlags).

Unser Entwurf sieht die Herstellung einer freien und uneingeschränkten Schiffahrt auf allen internationalen Binnenwasserstraßen vor. Die USA-Regierung ist der Ansicht, daß eine derartige freie und uneingeschränkte Schiffahrt auf solchen Binnenwasserstraßen hergestellt werden soll, die durch das Gebiet zweier oder mehrerer Staaten verlaufen, und daß sie durch internationale Organe geregelt werden soll, in denen alle interessierten Staaten vertreten sind.

Wir meinen, daß solche Organe schnellstmöglich zu schaffen sind. In erster Linie ist es notwendig, provisorische Schifffahrtsorgane für die Donau und den Rhein zu bilden. Diese provisorischen Organe sollen die Funktion haben, die Navigationsmittel an den genannten Flüssen wieder instand zu setzen und weiterzuentwickeln, die Flußschiffahrt im Interesse einer Gewährleistung gleicher Möglichkeiten für Bürger verschiedener Nationalitäten zu beaufsichtigen und einheitliche Regeln für die Nutzung dieser Mittel sowie Navigationsregeln, Zoll- und sanitäre Formalitäten und andere ähnliche Fragen festzulegen. Mitglieder dieser Organe sollen die Vereinigten Staaten, das Vereinigte Königreich, die Sowjetunion, Frankreich und die souveränen Anliegerstaaten sein, die von den Regierungen dieser Mächte anerkannt sind.

Ich meine, daß das gleiche Verfahren auch beim Kieler Kanal angewandt werden soll, und im gleichen Sinne ist die Konvention von Montreux zu revidieren. Auf diese Weise werden wir einen freien Verkehr in diesen Gebieten haben.

Ich bringe diese Vorschläge deshalb ein, weil ich nicht Lust habe, in den nächsten fünfundzwanzig Jahren an einem weiteren Krieg beteiligt zu sein, der wegen der Meerengen oder wegen der Donau ausgebrochen ist.

Es ist unser Wunsch, daß Europa frei und wirtschaftlich gesund ist, der Blüte der Sowjetunion, Englands, Frankreichs und aller übrigen Staaten dient und daß die Vereinigten Staaten auf der Grundlage der Gleichberechtigung und des gegenseitigen Vorteils mit ihm Handel treiben können. Ich meine, daß unsere Vorschläge ein Schritt vorwärts in dieser Richtung sein können.

Churchill: Ich unterstütze entschieden den Vorschlag über die Revision der Konvention von Montreux, damit für die Handels- und Kriegsflotte Sowjetrußlands eine freie und ungehinderte Durchfahrt durch die Meerengen sowie in Friedens- als auch in Kriegszeiten gewährleistet wird. Ich bin voll und ganz einverstanden mit dem Präsidenten und seinem Vorschlag, daß die freie Passage dieser Meerengen durch uns alle gemeinsam garantiert werden soll. Die Garantie der Großmächte und interessierter Staaten wird zweifellos effektiv sein.

Was die anderen Wasserwege betrifft, die der Präsident erwähnte, so sind wir im Prinzip mit den allgemeinen Linien der Erklärung des Präsidenten einverstanden. Wir stimmen auch dem Vorschlag des Präsidenten zu, daß der Kieler Kanal frei und offen ist, garantiert durch alle Großmächte. Wir messen auch der freien Schiffahrt auf der Donau und dem Rhein große Bedeutung bei.

Truman: Zweifellos haben wir in der Frage der Revision der Konvention von Montreux die gleiche Meinung.

Churchill: Und auch über die Ziele, um derentwillen sie revidiert werden muß.

Stalin: Man muß die Vorschläge des Präsidenten lesen. Beim Hören allein erfaßt man nicht alles. Vielleicht gehen wir indessen zu anderen Fragen über?

Truman: Die nächste Frage der Tagesordnung ist die Frage der Übergabe des Gebiets von Königsberg in Ostpreußen an die Sowjetunion. Das sowjetische Dokument zu dieser Frage wurde gestern übergeben.

Stalin: Präsident Roosevelt und Herr Churchill haben dazu bereits auf der Teheraner Konferenz ihre Zustimmung gegeben, und die Frage wurde unter uns geklärt. Wir möchten, daß diese Vereinbarung auf der jetzigen Konferenz bestätigt wird.

Truman: Ich bin im Prinzip einverstanden. Ich bitte lediglich, mir die Möglichkeit zum Studium der Bedingungen zu geben, aber ich bin überzeugt, daß es von unserer Seite keine Einwände geben wird. Ich bin damit einverstanden, daß Rußland bestimmte Gebiete in diesem Raum bekommen soll.

Stalin: Gut.

Churchill: Der Generalissimus hat völlig zu Recht festgestellt, daß die Frage bereits in Teheran gestanden hat, und dann haben wir sie erneut im Oktober 1944 erörtert.

Stalin: In Moskau.

Churchill: Ja, das war in Moskau und das war im Zusammenhang mit der Aussprache über die Curzonlinie.

Stalin: Richtig.

Churchill: Am 15. Dezember 1944 äußerte ich mich dazu im Parlament. Ich erklärte, daß die britische Regierung dem sowjetischen Standpunkt wohlwollend gegenübersteht. Die einzige Frage, die entsteht, das ist die juristische Seite der Übergabe dieses Gebietes. Der hier vorliegende sowjetische Entwurf fordert gewissermaßen anzuerkennen, daß es kein Ostpreußen mehr gibt und daß das Gebiet von Königsberg nicht unter Kontrolle des Alliierten Kontrollrates in Deutschland steht.

Was die britische Regierung betrifft, so unterstützen wir den Wunsch der sowjetischen Regierung, diese Gebiete in den Bestand der Sowjetunion einzugliedern. Diese Erklärung gilt im Prinzip. Wir haben natürlich noch nicht die genaue Linie auf der Karte geprüft. Aber ich versichere der sowjetischen Regierung, daß wir nach wie vor die russische Position in diesem Teil der Welt unterstützen.

Stalin: Mehr schlagen wir auch nicht vor. Es genügt uns, wenn die amerikanische Regierung und die Regierung von Großbritannien diesen Vorschlag billigen.

Churchill: Einverstanden.

Truman: Einverstanden.

Churchill: Es wird einer kleinen Korrektur dieses Dokuments bedürfen. Wenn dies ein Teil der Mitteilung nach Abschluß der Konferenz sein wird, schlage ich eine etwas allgemeinere Formulierung dieses Dokuments vor.

Stalin: Ich habe keine Einwände.

Truman: Somit erklären wir uns im Prinzip mit dem Entwurf des Vorschlags der sowjetischen Delegation einverstanden.

Die nächste Frage auf der Tagesordnung ist die Frage Syrien und Libanon.

Churchill: Gegenwärtig liegt die ganze Last der Aufrechterhaltung von Ordnung und Frieden in Syrien und Libanon völlig auf unseren Schultern. Wir haben weder die Absicht noch den Wunsch, in diesen Ländern irgendwelche Vorrechte zu bekommen, außer denen, die auch andere Länder genießen. In der Zeit, als wir in Syrien und Libanon einzogen, um die Deutschen und die Vichy-Truppen von da hinauszuwerfen, schlossen wir mit Frankreich ein Abkommen, demzufolge wir die Selbständigkeit Syriens und Libanons anerkennen sollten. Angesichts der langjährigen historischen Bindungen zwischen Frankreich und diesen Ländern erklärten wir, wir hätten nichts dagegen, wenn Frankreich dort eine privilegierte Stellung hätte, unter der Bedingung, daß darüber ein Abkommen mit den neuen selbständigen Regierungen dieser Länder geschlossen werden würde.

Wir teilten de Gaulle mit, daß wir, sobald Frankreich einen Vertrag mit Syrien und Libanon abschließt, der für diese Länder zufriedenstellend ist, unverzüglich unsere Truppen abziehen. Würden wir jetzt unsere Truppen abziehen, so würde man die französischen Bürger und die zahlenmäßig schwachen französischen Truppen, die dort stehen, niedermetzeln. Wir möchten nicht, daß dies geschieht, da dies große Unruhen unter den Arabern auslösen würde, was den Frieden und die Ruhe in Saudi-Arabien und Irak stören könnte. Der Ausbruch solcher Unruhen in diesem Teil der Welt würde Unruhen in Ägypten zur Folge haben. Es könnte keinen ungünstigeren Augenblick für derartige Unruhen unter den Arabern geben als jetzt, denn dadurch käme es zu einer Bedrohung der Verbindungswege zum Suezkanal, und über diese Route gehen die Waffen und der Nachschub für den Krieg im Fernen Osten. Der Nachschubweg für die Kriegführung gegen Japan ist nicht nur für England, sondern auch für die USA von großer Bedeutung.

General de Gaulle verhielt sich sehr unvernünftig in diesen Gebieten; entgegen unserem Rat und unseren Bitten schickte er 500 Mann zu Schiff dorthin, und ihr Auftauchen war der Anlaß für Unruhen, die bis heute andauern. Das war dumm, denn was konnten diese 500 Mann ausrichten. Aber ihr Auftauchen war der Funke, der die Unruhen auslöste.

Diese antifranzösischen Unruhen bewirkten sofort Unruhen im Irak, wo die Regierung und das Volk Syrien Beistand leisten wollten. Die ganze arabische Welt brachte dieses Ereignis in Bewegung. Aber jetzt hat sich General de Gaulle bereit erklärt, die sogenannten Spezialtruppen der syrischen Regierung zu unterstellen.

Ich hoffe, daß, wenn schon nicht ein Abkommen, so doch eine Regelung dieser Frage mit den Franzosen zustande kommt, wodurch die Unabhängigkeit Syriens und Libanons garantiert und Frankreich eine gewisse Anerkennung seiner kulturellen und geschäftlichen Interessen gesichert wird.

Gestatten Sie mir an dieser Stelle noch einmal zu wiederholen, daß Großbritannien nicht den Wunsch hat, dort auch nur einen Tag länger als notwendig zu bleiben. Wir werden sehr froh sein, wenn wir uns von dieser undankbaren Arbeit befreit haben, die wir im Interesse der Alliierten übernommen haben.

Angesichts dessen, daß diese Frage nur Frankreich und uns betrifft, und natürlich auch Syrien und Libanon, sind wir nicht für den Vorschlag, eine Konferenz einzuberufen, an der außer Großbritannien und Frankreich die USA und die Sowjetunion teilnehmen und gemeinsame Beschlüsse fassen würden. Die gesamte Last hatten wir zu tragen, wir handelten ohne jede Unterstützung, wenn man von einer gewissen Unterstützung durch Frankreich absieht, aber wir handelten im Interesse aller. Deshalb möchten wir nicht, daß diese Frage auf einer besonderen Konferenz behandelt wird. Sollten die USA unseren Platz einnehmen wollen, so würden wir das natürlich sehr begrüßen.

Truman: Nein, danke. (Heiterkeit)

Als der Streit zwischen Frankreich und Syrien sowie Libanon entstand, gab es zwischen mir und dem Premierminister einen Briefwechsel. Als der Premierminister mir mitteilte, daß Großbritannien dort über genügend Truppen verfügt, um den Frieden in diesem Raum aufrechtzuerhalten, bat ich ihn, alles zu tun, was zur Erhaltung dieses Friedens notwendig ist, da wir ebenfalls an den Nachschubwegen zum Fernen Osten durch den Suezkanal interessiert sind. Vielleicht gibt es dabei eine geringfügige Differenz zwischen uns und dem Premierminister.

Wir meinen, daß keinem Staat Privilegien in diesen Gebieten eingeräumt werden sollten. Diese Gebiete sollen für alle Staaten gleichermaßen zugänglich sein. Wir sind auch der Meinung, daß Frankreich keinerlei Sondervorrechte gegenüber anderen Staaten haben sollte.

Stalin: Ich habe verstanden, daß die USA keinerlei Vorrechte Frankreichs in Syrien und Libanon anerkennen.

Truman: Ja.

Churchill: Unsere Haltung ist die, daß wir wünschten, Frankreich hätte dort Vorrechte, da wir es versprochen hatten, als unser Staat schwach war und wir gegen die Deutschen kämpfen mußten. Aber das betrifft nur uns, und wir haben natürlich keine Möglichkeiten und kein Recht, andere zu binden. Außerdem haben wir uns keinesfalls zu übermäßiger Aktivität verpflichtet, damit Frankreich dort seine Privilegien behalte. Wenn Frankreich solche Privilegien durchzusetzen vermag, werden wir nichts dagegen einwenden, wir werden seinen Erfolg mit Wohlwollen zur Kenntnis nehmen.

Stalin: Von wem können die Franzosen ihre Privilegien erhalten?

Churchill: Von den Republiken Syrien und Libanon.

Stalin: Nur von ihnen?

Churchill: Nur von ihnen. Die Franzosen besitzen dort eigene Schulen, archäologische Institute usw. Viele Franzosen leben dort schon sehr lange, und sie haben sogar ein Chanson „Wir fahren nach Syrien“. Sie sagen, ihre Rechte würden bis auf die Zeit der Kreuzzüge zurückgehen. Wir haben nicht vor, uns deshalb mit den Großmächten zu entzweien.

Truman: Wir wollen, daß in diesen Gebieten alle Staaten gleiche Rechte haben.

Churchill: Sie werden es verhindern, Herr Präsident, wenn Syrien den Franzosen Sonderrechte einräumt?

Truman: Ich werde mich natürlich nicht dagegen stellen, wenn die Syrer dies zu tun wünschen. Ich zweifle aber, daß sie den Wunsch dazu hätten. (Heiterkeit)

Stalin: Die russische Delegation dankt Herrn Churchill für die Information und zieht ihren Vorschlag zurück.

Churchill: Ich danke dem Generalissimus.

Truman: Ich danke ebenfalls.

Gehen wir zur nächsten Frage über. Das ist die Frage Iran. Herr Churchill hat einen Vorschlag zu dieser Frage.

Churchill: Wir haben den Delegationen ein Dokument zu dieser Frage überreicht und würden gern erfahren, welche Haltung die Großmächte einnehmen.

Truman: Was uns betrifft, so waren wir schon längst bereit, unsere Truppen aus dem Iran abzuziehen, aber wir haben dort eine große Menge Material der verschiedensten Art, das wir zur Kriegführung im Pazifik verwenden wollen.

Stalin: Die russische Delegation ist der Ansicht, daß man Teheran auf alle Fälle räumen könnte.

Churchill: Ich möchte auch zu den beiden anderen Punkten übergehen, damit man die Vorlage abschließen kann. Zur Nennung einer Frist im Vertrag. Im Vertrag heißt es, daß die Truppen spätestens sechs Monate nach Beendigung der Kampfhandlungen aus Iran abgezogen sein müssen. Bis jetzt sind erst zweieinhalb Monate seit Beendigung des Krieges vergangen. Aber wir haben den Iranern versprochen, daß die Truppen abgezogen werden, sobald der Krieg mit Deutschland beendet ist.

Ich schlage vor, die Truppen unverzüglich aus Teheran abzuziehen und die Frage des weiteren Truppenabzugs im September im Rat der Außenminister zu erörtern.

Stalin: Ich habe keine Einwände.

Truman: Wir werden den Abzug unserer Truppen aus Iran fortsetzen, weil dort Truppen sind, die wir im Pazifik benötigen.

Stalin: Das ist selbstverständlich Ihr gutes Recht. Wir unsererseits versichern, daß seitens unserer Truppen keinerlei Handlungen gegen Iran unternommen werden.

Truman: Ich habe nichts dagegen, diese Frage dem Rat der Außenminister in London zur Behandlung zu überweisen.

Churchill: Wir haben noch die Frage Wien betreffend. Ich möchte mich hier zu den Besatzungszonen äußern, die den britisch-amerikanischen Truppen in Wien eingeräumt wurden. Was die britische Zone betrifft, so stellt es sich heraus, daß in dieser Zone 500 000 Menschen leben, und da die Quellen der Lebensmittelversorgung Wiens östlich der Stadt liegen, sind wir nicht in der Lage, die Ernährung dieser halben Million Menschen zu übernehmen. Deshalb schlagen wir den Abschluß eines befristeten Abkommens vor, wonach die Russen diese Bevölkerung so lange mit Lebensmitteln versorgen, bis ein längerfristiges Abkommen ausgearbeitet ist. Feldmarschall Alexander wird eine Erklärung zur tatsächlichen Lage abgeben.

Alexander: Die Lage ist so, wie es der Premierminister soeben dargelegt hat. In unserer Zone gibt es eine halbe Million Einwohner. Ich habe in Italien keine Lebensmittel, die ich zur Verfügung stellen könnte. Es gibt unbedeutende Vorräte in Klagenfurt, aber diese Vorräte würden für drei Wochen oder höchstens für einen Monat reichen. Deshalb müßten wir, wenn wir uns verpflichten, die Bevölkerung zu ernähren, Lebensmittel aus den USA heranschaffen.

Truman: In unserer Zone zählt die Bevölkerung 375000 Menschen. Unsere Schiffe sind jetzt in Anspruch genommen, Güter für die Kampfhandlungen in Japan zu befördern, Lebensmittel nach Europa und einiges Material in die UdSSR zu transportieren. Es fehlen uns Transportmittel, so daß es uns sogar schwer fallen würde, die Bevölkerung unserer Zone zu versorgen.

Stalin: Und wie steht es mit der französischen Zone?

Alexander: Das ist mir nicht bekannt.

Stalin: Gestatten Sie mir, daß ich mich mit Marschall Konew ins Benehmen setze. Ich denke, daß es möglich wäre, die Übergabe der Versorgung der Wiener Bevölkerung an unsere Alliierten um einen Monat aufzuschieben. Für welche Zeit müßte man diese Versorgung organisieren - bis zur neuen Ernte oder wie?

Churchill: Die Schwierigkeit besteht darin, daß diese 500000 Menschen in unserer Zone und die 375000 in der amerikanischen Zone immer Nahrungsmittel aus den östlichen Gebieten des Landes erhalten haben.

Stalin: Wir haben ein Abkommen mit der österreichischen Regierung, wonach wir bis zur Einbringung der neuen Ernte einige Lebensmittel gegen Waren abgeben. Ich denke, daß man das bis September verlängern könnte. Aber ich muß trotzdem mit Marschall Konew vorher darüber sprechen. Heute abend oder morgen früh kann ich das tun und teile ihnen dann die Antwort mit.

Churchill: Die Lage ist so, daß Feldmarschall Alexander mit seinen Truppen in der Steiermark eingezogen ist, aber es fällt ihm schwer, in Wien einzuziehen, solange die Frage der Lebensmittelversorgung der Bevölkerung nicht gelöst ist.

Stalin: Ist die Lebensmittelversorgung in Wien schon so schlimm?

Churchill: Wir wissen es nicht, wir waren nicht dort.

Stalin: Die Lage der Bevölkerung dort ist nicht schlecht.

Alexander: Wenn Sie uns dabei helfen könnten, sind wir natürlich bereit, weiter vorzurücken und unser Teil Arbeit zu übernehmen.

Stalin: Ich kann das morgen sagen.

Churchill: Wir danken Ihnen.

Stalin: Es wäre gut, wenn die englischen und amerikanischen Behörden bereit wären, das Abkommen mit der Renner-Regierung auch auf ihre Zonen auszudehnen. Das wird keine Anerkennung der Regierung Renner oder eine Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen bedeuten, aber es versetzt die Regierung in die gleiche Lage, in der sich die Regierung Finnlands befindet. Ihre Kompetenz würde auch auf diese Zonen ausgedehnt, und das würde die Lösung der Frage erleichtern.

Truman: Wir sind bereit, diese Frage zu erörtern, sobald unsere Truppen in Wien eingezogen sind.

Churchill: Wir sind ebenfalls einverstanden.

Ich möchte nur eine Verfahrensfrage aufwerfen. Dem Herrn Präsidenten dürfte ebenso wie dem Generalissimus bekannt sein, daß Herr Attlee und ich daran interessiert sind, London einen Besuch abzustatten (Heiterkeit), am Donnerstag dieser Woche. Deshalb müssen wir am 25. Juli zusammen mit dem Außenminister hier abreisen. Aber wir werden zur Abendsitzung am 27. Juli zurückkehren, beziehungsweise nur einige von uns werden zurückkehren. (Heiterkeit) Könnte man deshalb die Mittwochsitzung nicht am Vormittag durchführen?

Stalin: Gut.

Truman: Gut.

Churchill: Ich schlage vor, daß die Außenminister sich wie gewohnt weiterhin treffen und lediglich Herr Eden während seiner Abwesenheit von Herrn Cadogan vertreten wird.

Stalin: Gut.

Truman: Einigen wir uns also darauf, die Sitzung am 25. Juli um 11 Uhr vormittags durchzuführen.

Die morgige Sitzung ist um 17 Uhr.

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