Potsdamer Konferenz

Zehnte Sitzung
28. Juli 1945

(Truman eröffnet die Sitzung.

Die sowjetische Delegation berichtet über die Sitzung der Außenminister der UdSSR, der USA und Großbritanniens vom 25. Juli 1945 und teilt folgendes mit:

1. Die amerikanische Delegation hat vorgeschlagen, auf der Sitzung der Minister die Frage der Wasserstraßen zu erörtern. Sie hat den Wunsch geäußert, daß diese Frage vorher in einer Kommission beraten wird. Die englische und die sowjetische Delegation erklärten sich mit diesem Vorschlag einverstanden, und es wurde eine Kommission in folgender Zusammensetzung gebildet: für die USA - Russell, Riddleberger; für Großbritannien - Ward; für die UdSSR - Gerastschenko, Lawristschew.

2. Ferner warf die amerikanische Delegation die Frage der Überführung der deutschen Bevölkerungsteile aus der Tschechoslowakei auf.

Die englische Delegation erklärte, daß es sich nicht nur um die Überführung der Deutschen aus der Tschechoslowakei, sondern auch aus Westpolen und Ungarn handelt. Sie äußerte die Meinung, daß die Frage der Überführung dieser Bevölkerung sich unter Kontrolle des Alliierten Kontrollrats befinden wird, der mit den Regierungen Polens, der Tschechoslowakei und Ungarns zusammenarbeitet.

Die sowjetische Delegation schlug vor, diese Frage einer Kommission zur vorherigen Prüfung zu übergeben und den von ihr vorbereiteten Entwurf dann auf der Beratung der drei Minister zu behandeln.

Die Delegationen der USA und Englands stimmten dem Vorschlag zu. Es wurde eine Kommission in der folgenden Zusammensetzung gebildet: für die USA - Cannon; für Großbritannien - Harrison; für die UdSSR - Sobolew, Semjonow.

3. Die englische Delegation schlug vor, eine Kommission zur Ausarbeitung des Entwurfs einer Mitteilung über die Arbeit der Konferenz und eine Kommission zur Vorbereitung des Entwurfs eines gemeinsamen Beschlußprotokolls der Konferenz zu bilden.

Die Delegationen der UdSSR und der USA stimmten diesen Vorschlägen zu. Es wurde beschlossen, folgende Kommissionen zu bilden:

a) zur Vorbereitung des Entwurfs einer Mitteilung über die Arbeit der Konferenz: für die USA - Walter Brown, Wilder Foote; für die UdSSR - Sobolew, Golunskij;

b) zur Vorbereitung des Entwurfs eines gemeinsamen Beschlußprotokolls der Konferenz: für die USA - Dunn, Matthews, Cohen; für die UdSSR - Gromyko, Kosyrew, Gribanow; für Großbritannien [für beide Kommissionen] - Bridges, Brook, Hayter und Dean.

Die sowjetische Delegation berichtet des weiteren über die Sitzung der Außenminister am 27. Juli 1945 und teilt mit, daß auf der Tagesordnung der Sitzung der drei Außenminister die folgenden Fragen gestanden haben:

I. Über Fragen, deren Behandlung nicht abgeschlossen ist. Es wurde festgestellt, daß bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt die Behandlung folgender Fragen nicht abgeschlossen ist:

1. Über die wirtschaftlichen Grundsätze bezüglich Deutschlands.

2. Über die Reparationen aus Deutschland.

3. Über die Reparationen aus Italien und Österreich.

4. Über die Erdölversorgung Europas.

5. Über die Aufnahme Italiens und anderer ehemaliger Vasallenländer als Mitglieder in die Organisation der Vereinten Nationen.

6. Über die Erfüllung der Erklärung von Jalta über das befreite Europa.

7. Über die Milderung der Waffenstillstandsbedingungen für Italien und andere Länder.

8. Über die Westgrenze Polens.

9. Über die Zusammenarbeit bei der Lösung dringlicher europäischer Wirtschaftsprobleme.

10. Über die Kriegsverbrecher.

11. Über die Umsiedlung der Deutschen aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn.

12. Über die Ergänzung der politischen Grundsätze der Behandlung Deutschlands durch zwei Punkte aus Punkt 13 des Entwurfs über die wirtschaftlichen Grundsätze.

13. Über die deutsche Flotte.

14. Über die internationalen Binnenwasserstraßen.

II. Über die Zulassung Italiens und anderer Länder, die einen Waffenstillstand geschlossen haben und Mitkämpfende an der Seite der Alliierten geworden sind, zur Organisation der Vereinten Nationen.

Die USA-Delegation erklärte, daß sie, falls die sowjetische und die englische Delegation keine Einigung über die Fassung des Dokuments zu dieser Frage erzielen können, mit Einverständnis des Präsidenten der USA vorschlägt, diesen Punkt völlig von der Tagesordnung der Konferenz zurückzuziehen. Die amerikanische Delegation fügte hinzu, daß ihrer Meinung nach in erster Linie lebenswichtige Frage behandelt werden müssen, insbesondere die Fragen der Reparationen, der deutschen Flotte und der Westgrenze Polens.

Die englische Delegation schlug vor, die von der sowjetischen Delegation eingebrachte Formulierung des letzten Satzes in Absatz 3 durch folgenden Satz zu ersetzen:

„Der Abschluß von Friedensverträgen mit den verantwortlichen, demokratischen Regierungen in diesen Staaten wird es den drei Regierungen gestatten, normale diplomatische Beziehungen mit ihnen wiederaufzunehmen und ihren Antrag auf Mitgliedschaft in der Organisation der Vereinten Nationen zu unterstützen.“

Die sowjetische Delegation erklärte diese Abänderung für unakzeptabel.

Da auf der Beratung der drei Minister keine Einigung in dieser Frage erzielt wurde, beschloß man, sie den drei Regierungschefs zur Entscheidung zu übergeben.

IM. Über die Reparationen aus Deutschland.

Die sowjetische Delegation erklärte, daß sie die Arbeit der Reparationskommission als unbefriedigend einschätzt und vorschlägt, die Frage der Reparationen aus Deutschland unmittelbar auf der Beratung der drei Minister zu behandeln. Dieser Vorschlag fand keinen Widerspruch. Daraufhin las die sowjetische Delegation Punkt 4 des Krim-Protokolls über die Reparationen 4 vor und richtete, unter Bezugnahme auf die Erklärung des amerikanischen Vertreters in der Reparationskommission, wonach er die Zustimmung der USA-Regierung zu dem in diesem Punkt dargelegten Beschluß zurückzieht, an die amerikanische Delegation die Anfrage, ob die USA-Regierung weiterhin an den Krim-Beschlüssen zu dieser Frage festhält oder ihre Position ändert.

Die amerikanische Delegation erklärte, daß es sich um ein Mißverständnis handelt. Die USA-Regierung hatte auf der Krim zugestimmt, die Zahl von 20 Milliarden Dollar als Diskussionsgrundlage zu akzeptieren, doch seither haben sowjetische und alliierte Armeen in Deutschland große Zerstörungen angerichtet, einige Gebiete wurden von Deutschland losgetrennt, und man kann praktisch nicht von jener Gesamtsumme ausgehen, die von der amerikanischen Delegation in Jalta als mögliche Diskussionsgrundlage akzeptiert wurde.

Die englische Delegation erklärte, daß sie keinerlei Vorschläge einbringen will.

Auf Vorschlag der amerikanischen Delegation wurde es als zweckmäßig erachtet, die Behandlung dieser Frage auf die folgende Beratung der drei Minister zu vertagen und dann über diese Frage den Chefs der drei Regierungen Bericht zu erstatten.

IV. Über die Reparationen aus Österreich und Italien.

Die sowjetische Delegation schlug vor, der weiteren Erörterung dieser Frage die von ihr vorgelegten Vorschläge über die Reparationen aus Österreich und die Reparationen aus Italien zugrunde zu legen.

Die amerikanische Delegation erklärte, daß sie es für nicht möglich erachtet, aus Österreich und Italien Reparationen in Gestalt von Lieferungen aus der laufenden Produktion zu entnehmen. Nach Ansicht der amerikanischen Delegation ist nur eine einmalige Entnahme von Ausrüstung der Kriegsindustrie möglich, die nicht für friedliche Zwecke genutzt werden kann. Die englische Delegation erklärte, daß sie sich der Meinung der USA-Delegation anschließt.

Weil eine Übereinstimmung nicht erzielt wurde, beschloß man, über die aufgetauchten Meinungsverschiedenheiten den drei Regierungschefs Bericht zu erstatten.

V. Über die wirtschaftlichen Grundsätze bezüglich Deutschlands.

Auf Vorschlag der USA-Delegation wurde die Erörterung der Frage vertagt.

VI. Über die Erdölversorgung Europas.

Die Erörterung dieser Frage wurde vertagt, da die Kommission ihre Arbeit nicht abgeschlossen hat.

VII. Über die wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa.

Es wurde beschlossen, den Bericht der Kommission zu dieser Frage zu billigen und ihn den drei Regierungschefs mitzuteilen.)

Truman: Welche Fragen werden wir heute noch erörtern - über die Westgrenze Polens oder eine andere Frage?

Stalin: Möglich ist diese Frage, möglich ist auch Italien und die anderen Länder. Welche Zeit steht Ihnen heute zur Verfügung? Können wir eine Stunde arbeiten?

Truman: Das sagt mir zu. Wir werden bis 12 Uhr arbeiten.

Stalin: Ich möchte mitteilen, daß wir, die russische Delegation, einen neuen Vorschlag von Japan erhalten haben. Obgleich man uns nicht so informiert, wie es sich gehört, wenn irgendein Dokument über Japan ausgearbeitet wird, sind wir der Meinung, daß man sich gegenseitig über neue Vorschläge informieren soll. (Es wird in englischer Sprache die Note Japans über Vermittlung vorgelesen.) In diesem Dokument ist nichts Neues enthalten. Es gibt nur einen Vorschlag: Japan schlägt uns die Zusammenarbeit vor. Wir wollen im gleichen Sinne antworten wie bereits das letztemal.

Truman: Wir haben keine Einwände.

Attlee: Wir sind einverstanden.

Stalin: Meine Information ist beendet.

Truman: Es gibt zwei Fragen, auf die die sowjetische Delegation in erster Linie unsere Aufmerksamkeit lenken wollte: die erste Frage über Italien und die anderen Vasallenländer und die zweite Frage über die Reparationen aus Österreich und Italien.

Stalin: Außerdem wäre es wünschenswert, die Frage der deutschen Flotte und die Frage der Westgrenze Polens zu stellen.

Truman: Ich denke, daß wir hier jede beliebige Frage erörtern können, und ich bin bereit, jeden beliebigen Vorschlag anzuhören, um dann meine Meinung zu diesen Fragen zu äußern.

Attlee: Ich möchte sagen, daß ich einverstanden bin, alle diese Fragen zu erörtern. Gleichzeitig möchte ich mein Bedauern ausdrücken, daß die Ereignisse in England die Arbeit der Konferenz gestört haben, aber wir sind bereit, beliebig lange zu bleiben und uns mit beliebigen Fragen zu befassen.

Stalin: Die Frage der Zulassung Italiens und der anderen Länder zur Organisation der Vereinten Nationen wurde auf der vorangegangenen Sitzung der „großen Drei“ erörtert. Wie hier jedoch mitgeteilt wurde, entstand bei den Außenministern ein unterschiedlicher Eindruck von den Resultaten dieser Erörterung. Der sowjetischen Delegation schien es, daß diese Frage im wesentlichen zwischen den Chefs der drei Regierungen vereinbart war, nach den Abänderungen, die der Premierminister im Hinblick auf Bulgarien, Rumänien, Ungarn und Finnland gemacht hatte. Dort, wo die Rede von den Friedensverträgen ist, wurde beschlossen, die Worte „mit Bulgarien, Rumänien“ usw. zu ersetzen durch die Worte „für Bulgarien, Rumänien“ usw. Danach wurde die Frage zur Endredaktion an die drei Außenminister überwiesen. Aber auf der Beratung der Minister brachte die englische Delegation eine neue Abänderung zu diesem Entwurf ein, die nicht angenommen wurde.

Auf der Beratung der Regierungschefs ging es darum, wie die Regierungen der genannten Länder zu bezeichnen sind: verantwortliche oder anerkannte. Die russische Delegation ist der Ansicht, daß es für die Regierungen verletzend wäre, wenn man „verantwortliche“ sagt, weil sie denken werden, daß man sie jetzt für nicht verantwortliche hält. Sagt man „anerkannte“, wie hier auf der Beratung der drei Regierungschefs beschlossen, vermeidet man die Kränkung. Jede unserer Regierungen kann die Regierungen dieser Staaten anerkennen, wenn sie diese als demokratisch einschätzt. Eine Kränkung der Regierungen wird vermieden und der Sinn, der Inhalt bleibt der gleiche. Wir haben hier einen Beschluß gefaßt, und die Minister sind dann zusammengetreten und haben unseren Beschluß aufgehoben. Das ist nicht richtig. Im Prinzip war das angenommen.

Truman: Ich bitte Herrn Byrnes, sich dazu zu äußern.

Byrnes: Auf der Beratung der drei Außenminister erklärte die sowjetische Delegation, die USA-Delegation habe, soweit sie sich erinnere, ihren Vorschlag angenommen. Im Namen der amerikanischen Delegation sagte ich, daß der Präsident im Prinzip den Vorschlag der sowjetischen Delegation angenommen und dabei gesagt hat, daß man diesen Vorschlag den Außenministern zur redaktionellen Bearbeitung übergeben müsse: Der Präsident dachte dabei nur daran, ein Wort auszutauschen, und zwar das Wort „untersuchen“ durch das Wort „prüfen“ (im Englischen ist das von Bedeutung). Daher gab es in dieser Frage keine Differenzen zwischen der amerikanischen und der sowjetischen Delegation.

Ich erklärte aber daraufhin den Außenministern, daß Herr Churchill, soweit ich mich entsinne, Einwände gegen den Vorschlag der sowjetischen Delegation erhoben hatte, die Frage der Anerkennung der Regierungen der Vasallenstaaten zu prüfen. Nach Beendigung der Beratung der drei Regierungschefs teilte mir Herr Churchill mit, daß er mit diesem Vorschlag nicht einverstanden sei. Ich sagte den Außenministern auch, daß ursprünglich die amerikanische Delegation ihren Vorschlag bezüglich Italiens vorgebracht habe, um diesem gewiss'e Erleichterungen zu gewähren. In dem Vorschlag wurde lediglich gesagt, daß die drei Mächte erklären, Italien beim Eintritt in die Organisation der Vereinten Nationen zu unterstützen.

Die englische Delegation schlug vor, in den Kreis der Länder, deren Beitritt zur Organisation der Vereinten Nationen wir unterstützen werden, einige neutrale Länder aufzunehmen. Wir stimmten dem zu. Die sowjetische Delegation schlug vor, in diesem Dokument einen Punkt über das Franco-Regime aufzunehmen, und um der sowjetischen Delegation entgegenzukommen, fügten wir den Punkt über die ablehnende Haltung der drei Mächte zum Eintritt Spaniens unter dem Franco-Regime als Mitglied in die Vereinten Nationen ein.

Die sowjetische Delegation schlug dann vor, den Punkt über die Regierungen Bulgariens, Rumäniens, Ungarns und Finnlands aufzunehmen. Mit gewissen Abänderungen stimmten wir diesem Punkt zu. Daraufhin wurde vorgeschlagen, eine redaktionelle Abänderung an dem Punkt über diese Länder vorzunehmen. Dem stimmten wir ebenfalls zu.

Bedauerlicherweise ergibt sich eine Lage, daß die englische Delegation ihre Zustimmung verweigert, wenn wir mit den sowjetischen Freunden übereinstimmen, und wenn wir mit unseren englischen Freunden übereinstimmen, bekommen wir nicht die Zustimmung der sowjetischen Delegation. (Heiterkeit) Und wenn jetzt die sowjetische und die englische Delegation zu einer Einigung über den sowjetischen Vorschlag kommen könnten, wären wir bereit, das Dokument anzunehmen, aber wenn sie keine Einigung erzielen können, sind wir bereit, unsere bescheidenen Vorschläge bezüglich Italiens zurückzuziehen.

Attlee: Herr Präsident, ich bitte Herrn Cadogan zu gestatten, daß er unsere Haltung in dieser Frage darlegt.

Cadogan: Das Dokument, das wir behandeln, betrifft die Frage der Aufnahme Italiens und der anderen Vasallenländer in die Organisation der Vereinten Nationen und möglicherweise auch einiger neutraler Länder. Soweit mir bekannt ist, kann der Wortlaut des Dokuments gebilligt werden, mit Ausnahme von zwei Punkten. Generalissimus Stalin hat bereits über einen dieser Punkte gesprochen, und zwar über den Ersatz der Worte „verantwortliche Regierungen“ durch die Worte „anerkannte Regierungen“. Mir scheint, daß wir vor zwei Tagen, als wir diese Frage erörterten, dem zustimmten.

Die zweite, kompliziertere Frage betrifft den Punkt drei, wo es heißt, daß die drei Regierungen übereinkommen, in naher Zukunft die Frage der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen mit Finnland, Bulgarien, Rumänien und Ungarn zu untersuchen. Herr Churchill erklärte, er sei zwar einverstanden, die Frage der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit diesen Ländern zu untersuchen, daß jedoch die Aufnahme dieses Punktes in die Erklärung irreführend sein könnte, weil die Engländer nach der Verfassung keine vollen diplomatischen Beziehungen mit Ländern herstellen können, mit denen sie sich technisch noch im Kriegszustand befinden. Es wurde ein Kompromißbeschluß des Sinnes vorgeschlagen, daß wir nach Unterzeichnung des Friedensvertrages volle diplomatische Beziehungen mit diesen Ländern wiederaufnehmen könnten. Mir scheint aber, daß unser diesbezüglicher Vorschlag auf Widerspruch seitens der sowjetischen Delegation stieß.

Stalin: Ich habe Herrn Cadogan so verstanden, daß er einverstanden ist, wenn man „anerkannte Regierungen“ statt „verantwortliche Regierungen“ sagt.

Cadogan: Ja.

Byrnes: Das ist für uns akzeptabel: „anerkannte“ statt „verantwortliche“.

Stalin: Einen Unterschied in der Lage zwischen Italien und den Alliierten einerseits und zwischen den anderen Ländern und den Alliierten andererseits gibt es hier nicht. Weder in Italien noch in Rumänien, noch in Ungarn, noch in Bulgarien gibt es frei gewählte Regierungen. Eine solche Regierung gibt es nur in Finnland. In allen diesen Ländern wurden die Regierungen ebenso wie in Italien durch Abkommen zwischen den Hauptparteien gebildet.

Da Italien von den USA und der Sowjetunion anerkannt und von der englischen Regierung zu neunzig Prozent anerkannt ist, warum kann man dann nicht die Frage aufwerfen, daß das Problem der Herstellung diplomatischer Beziehungen mit, sagen wir, Rumänien, Bulgarien und Ungarn, untersucht wird? Vom Standpunkt der Demokratie herrscht dort die gleiche Lage wie in Italien. Doch Italien ist von drei Mächten anerkannt. Es heißt hier nicht: Herstellung voller diplomatischer Beziehungen. Ich verstehe eigentlich nicht den Sinn der Abänderung, von der Herr Cadogan sprach. Warum wird ein solcher Unterschied zwischen Italien, das keine frei gewählte Regierung besitzt, und den anderen Ländern, die, außer Finnland, auch keine frei gewählten Regierungen besitzen, gemacht?

Bevin: Besteht der Unterschied nicht vielleicht darin, daß wir im Hinblick auf Italien wissen, wie die Lage dort ist, während uns über die Lage in den anderen Ländern nichts bekannt ist?

Stalin: Es wird Ihnen nicht vorgeschlagen, sich zur Anerkennung dieser Regierungen zu verpflichten. In der Zeit, in der Sie die Frage der Anerkennung beraten, haben Sie die Möglichkeit, sich mit der Lage in diesen Ländern bekannt zu machen.

Bevin: Aber warum soll man diese Verpflichtung übernehmen, bevor man die Lage in diesen Ländern kennt?

Stalin: Wir wußten genauso wenig von Italien, als wir diplomatische Beziehungen mit ihm aufnahmen, vielleicht sogar noch weniger, als Sie heute über diese Länder wissen. Es handelt sich darum, diesen Ländern, angefangen bei Italien bis hin zu Bulgarien, irgendeinen Weg zur Erleichterung ihrer Lage zu eröffnen. Italien wird hier die Perspektive des Eintritts in die Organisation der Vereinten Nationen gegeben. Das ist bereits der zweite Schritt auf dem Wege zur Erleichterung seiner Lage, während der erste Schritt darin bestand, daß sechs oder acht Monate nach der Kapitulation die diplomatischen Beziehungen wiederhergestellt wurden. Der zweite Schritt auf dem Wege zur Erleichterung der Lage Italiens besteht nun darin, daß wir zwei Jahre nach der Kapitulation Italien die Möglichkeit geben, der Organisation der Vereinten Nationen beizutreten.

Jetzt besteht die Aufgabe darin, hinsichtlich der anderen Länder den ersten Schritt zu tun: zu gewährleisten, daß die Frage ihrer Anerkennung durch die drei Mächte erörtert wird. Es wird vorgeschlagen, dies zehn Monate nach ihrer Kapitulation zu tun. Wenn wir uns bereit erklären, die Lage Italiens zu erleichtern, so muß man in dieser Hinsicht auch irgend etwas für die anderen Länder tun. Darum geht es.

Attlee: Meines Erachtens wurde hier erklärt, daß es für uns unmöglich ist, mit diesen Ländern vor Unterzeichnung des Friedensvertrages volle diplomatische Beziehungen wiederaufzunehmen. Die Schwierigkeit besteht darin, daß die Annahme des sowjetischen Vorschlags den Eindruck schafft, als würden wir uns anschicken, hinsichtlich dieser Länder etwas zu tun, was für uns unmöglich ist. Die von der englischen Delegation vorgeschlagene Abänderung besteht darin, daß volle diplomatische Beziehungen mit diesen Ländern erst nach Abschluß der Friedensverträge aufgenommen werden, und sie konstatiert das, was möglich ist.

Stalin: Und wenn man so sagt: Die drei Staaten werden, jeder für sich, die Frage der Herstellung voller oder nicht voller diplomatischer Beziehungen untersuchen. Mit Finnland wird man in jedem Falle die diplomatischen Beziehungen wiederherstellen müssen; es ist schon peinlich, die Lösung dieser Frage hinauszuziehen, da dort eine frei gewählte Regierung gebildet wurde. Es geht um die übrigen Länder.

Attlee: Mir scheint, daß dieser Vorschlag nicht der Wirklichkeit entspricht.

Stalin: Gut, nehmen wir dann die Formulierung der Amerikaner an, statt „untersuchen“ zu sagen „prüfen“.

Attlee: Mir scheint, daß eine Wortänderung am Wesen der Sache nichts verändert. Eine Anfrage im Parlament wird alles aufdecken.

Stalin: Aber wir verbergen ja nichts. Was ist hier zu verbergen? Eine Sache ist es - zu untersuchen, eine andere Sache - zu prüfen. Sie werden auf jeden Fall diese Frage prüfen. Es wäre merkwürdig, wenn wir die Frage der Anerkennung dieser Regierungen nicht prüfen würden. Was ist hier Schreckliches oder Neues? Ich denke, daß die Engländer sich der amerikanischen Formulierung anschließen könnten. Sie verlieren nichts, sondern gewinnen nur in der öffentlichen Meinung dieser Länder.

Bevin: Wenn wir zurückkehren, wird man uns im Parlament fragen, was das bedeutet, was wir getan haben. Ich möchte dem Volk ganz ehrlich antworten. Wenn ich eine Regierung anerkenne, so erkenne ich diese Regierung wirklich an. Und ich will nicht mit Worten Dinge verschleiern, die man anders auffassen könnte. Ich würde am liebsten den letzten Vorschlag der Amerikaner annehmen und die Lösung dieser Frage vertagen.

Stalin: Dann wollen wir vertagen.

Truman: Welche Frage werden wir jetzt erörtern - über die Westgrenze Polens oder über die Reparationen aus Italien und Österreich?

(Es wird beschlossen, die Frage der Reparationen zu erörtern.)

Truman: In diesem Falle möchte ich eine Erklärung über die Reparationen aus Italien abgeben. Wie ich bereits am ersten Tag der Erörterung der Frage Italien ausführte, genauer der Frage über die Erleichterung der Waffenstillstandsbedingungen für Italien, mußten wir gemeinsam mit der britischen Regierung Italien etwa 500 Millionen Dollar zur Wiederherstellung seiner Wirtschaft zur Verfügung stellen. Wir beabsichtigen, Italien eine weitere halbe Million Dollar zu diesem Zwecke zu geben. Die USA-Regierung ist bereit, diese Mittel für bestimmte Zwecke zur Verfügung zu stellen, über die ich bereits sprach, und nicht dazu, daß Italien Reparationen an alliierte und andere Länder zahlt. Wenn es in Italien Rüstungsbetriebe mit Schwerindustrie gibt, die von der Sowjetunion benötigt wird, sind wir einverstanden, daß die Sowjetunion diese Ausrüstung nimmt. Aber die Mittel, die wir Italien zur Verfügung stellen wollen, müssen in erster Linie durch den Export aus Italien abgedeckt werden.

Stalin: Man könnte vereinbaren, von Österreich keine Reparationen zu nehmen, da Österreich kein selbständiger Staat war. Aber für unser Sowjetvolk ist es schwer zu begreifen, daß es überhaupt keine Reparationen aus Italien gibt, da es ein selbständiger Staat war, dessen Truppen bis zur Wolga vordrangen und an der Verwüstung unseres Landes mitbeteiligt waren. Österreich hatte keine eigenen Streitkräfte, man kann auf Reparationen verzichten; Italien hatte eigene Streitkräfte, und es muß Reparationen zahlen.

Truman: Wenn es in Italien Objekte für die Reparationsentnahme gibt, so bin ich einverstanden, sie der Sowjetunion zu übergeben. Aber wir sind nicht bereit und lehnen es ab, Italien Geld zur Verfügung zu stellen, damit es mit diesem Geld Reparationen an alliierte und andere Länder zahlt.

Stalin: Ich verstehe den Standpunkt des Präsidenten, aber ich möchte, daß der Präsident meinen Standpunkt versteht. Woher nimmt das Sowjetvolk das moralische Recht, von Reparationen zu sprechen? Daher, daß weite Teile des Territoriums der Sowjetunion durch feindliche Truppen okkupiert waren. Dreieinhalb Jahre befanden sich Sowjetmenschen unter dem Stiefel der Okkupanten. Hätte es keine Okkupation gegeben, hätten die Russen vielleicht kein moralisches Recht, von Reparationen zu sprechen. Vielleicht.

Truman: Ich fühle mit Ihnen durchaus mit.

Stalin: Der Präsident sagt, daß es vielleicht in Italien Ausrüstung gibt, die die Russen benötigen, und daß diese Ausrüstung vielleicht zur Tilgung der Reparationen verwandt wird. Gut, ich will nicht viel fordern, aber ich möchte die ungefähre Summe dieser Reparationen festlegen. Italien ist ein großes Land. Welche Summe kann man von Italien verlangen, wie hoch kann man die Reparationen wertmäßig festsetzen? Wenn der Präsident nicht bereit ist, diese Frage zu beantworten, bin ich bereit zu warten, aber irgendeine Reparationssumme muß man festlegen.

Truman: Ich kann diese Frage jetzt nicht beantworten.

Bevin: Bei Festlegung der Reparationssumme schlage ich vor, das abzusetzen, was Amerika und Großbritannien Italien geben, und nur das in Rechnung zu stellen, was Italien gegenwärtig besitzt.

Stalin: Natürlich, ich habe nicht vor, die Interessen Amerikas und Englands zu beeinträchtigen.

Attlee: Ich möchte sagen, daß wir dem, was der Präsident gesagt hat, voll zustimmen. Gleichzeitig hege ich ein tiefes Mitgefühl mit dem russischen Volk, das so viel erduldet hat. Aber auch wir haben viel erduldet durch den Überfall Italiens. Auch unser Land ist verwüstet, und man kann sich die Gefühle des englischen Volkes vorstellen, wenn Italien Reparationen aus Mitteln zahlen soll, die ihm faktisch von Amerika und Großbritannien zur Verfügung gestellt wurden. Sollte es allerdings in Italien Ausrüstung geben, die man entnehmen kann, so ist das eine andere Sache, aber einer Bezahlung von Reparationen aus solchen Mitteln, die wir und Amerika gegeben haben, wird unser Volk niemals zustimmen.

Stalin: Wir sind einverstanden, Ausrüstung zu nehmen.

Attlee: Rüstungsanlagen?

Stalin: Rüstungsanlagen.

Attlee: Werden das einmalige Entnahmen von Rüstungsanlagen sein und keine Reparationsentnahmen aus der laufenden Produktion?

Stalin: Einmalige Entnahmen.

Bevin: Ich möchte fragen: Handelt es sich um Rüstungsanlagen für die Produktion von Kriegsmaterial?

Stalin: Nein, warum? Es handelt sich um die Ausrüstung von Rüstungsbetrieben, die für die Produktion von Friedensgütern genutzt wird; die gleiche Ausrüstung entnehmen wir aus Deutschland.

Attlee: Das, was ich im Auge hatte, ist Ausrüstung, die nicht für die Friedensproduktion genutzt werden kann.

Stalin: Jede Ausrüstung kann für die Friedensproduktion genutzt werden. Unsere Rüstungsbetriebe überführen wir jetzt auf die Friedensproduktion. Es gibt keine Rüstungsanlagen, die nicht für die Produktion von Friedensgütern genutzt werden können. Unsere Panzerwerke haben beispielsweise begonnen, Kraftwagen zu produzieren.

Bevin: Es ist sehr schwer zu bestimmen, was Sie nehmen werden.

Stalin: Natürlich können wir die Ausrüstung jetzt nicht benennen. Wir wollen nur, daß hier im Prinzip der Beschluß gefaßt wird, und dann formulieren wir unse­re Forderungen.

Truman: Soweit ich verstanden habe, wollen Sie, daß hier im Prinzip vereinbart wird, daß Italien Reparationen zahlen muß?

Stalin: Durchaus richtig. Man muß die Reparationssumme festlegen, wobei ich damit einverstanden bin, eine geringe Summe zu erhalten.

Truman: Ich denke, daß wir im Prinzip keine großen Differenzen in dieser Frage haben. Ich will nur, daß unsere Vorschüsse, die wir Italien gegeben haben, dabei nicht angetastet werden.

Stalin: Ich denke nicht an diese Vorschüsse.

Bevin: Es erhebt sich die Frage: Was soll in erster Linie entnommen werden? Die ersten Ansprüche gegenüber Italien, das sind die Ansprüche Großbritanniens und der USA, die einen Kredit gewährt haben, die zweiten Ansprüche sind die Reparationen.

Stalin: Wir können nicht Italien und andere Aggressoren dadurch belohnen, daß sie straflos aus dem Krieg hervorgehen, ohne auch nur teilweise zu bezahlen, was sie zerstört haben. Darauf zu verzichten heißt, ihnen eine Prämie für den Krieg zu zahlen.

Truman: Ich bin völlig einverstanden mit Ihnen.

Bevin: Ich höre schlecht, das Flugzeug ist schuld. (Man wiederholt Bevin die Äußerung Stalins.)

Truman: Ich bin mit der Erklärung des Generalissimus einverstanden, daß der Aggressor keine Prämie erhalten soll, sondern bestraft werden muß.

Stalin: Die Engländer hatten besonders unter Italien zu leiden.

Attlee: Wir vergessen das nicht.

Truman: Legen wir für unsere morgige Sitzung die Uhrzeit fest. Wie gewöhnlich um fünf?

Stalin: Bitte.

Truman: Vielleicht beginnen wir unsere Arbeit um vier Uhr? Mit allgemeiner Zustimmung beginnen wir die morgige Sitzung um vier Uhr.

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