Gespräche mit Richard Iwanowitsch Kosolapow
Prof. Dr. der philosophischen Wissenschaften

Einleitung zum ersten Interview

Stalin... Welcher Wirbel von Widersprüchen entsteht bis heute, wenn dieser Name erklingt! Der Streit tobt mit derartiger Leidenschaft, als würde man über einen jetzt aktiv agierenden Politiker diskutieren und nicht über einen Politiker, der vor 45 Jahren aus dem Leben geschieden ist.

Es steht völlig außer Zweifel, dass Stalin einer der größten Persönlichkeiten des XX. Jahrhunderts war. Aber die unterschiedlichen Bewertungen seiner Person prallen scharf aufeinander. Man kann auch schwerlich sagen, dass betreffs Stalins bereits alles getan wurde, um ihn hinreichend zu würdigen, dass sein Werk allseitig und objektiv analysiert worden ist. Ein eindeutig vorgegebener Kurs der Voreingenommenheit behindert eine solche objektive Bewertung im Westen, und das hat sich auch lange Zeit auf unser Land ausgewirkt und wirkt sich auch weiterhin aus, und zwar mit allen negativen Konsequenzen.

Von welcher allseitigen Bewertung und Objektivität kann hier eigentlich die Rede sein, wenn die nichtoffizielle, aber vorherrschende Meinung über Stalin vorschreibt: Er hat entweder ein Nichts zu sein oder er ist schlichtweg etwas Schlechtes. Es geht doch ins Absurde, wenn selbst die einfache Erwähnung des Namens Stalin als unerwünscht oder unzulässig angesehen wird. Aus Stalingrad wurde Wolgograd, die Stalinpreise wurden in Staatspreise umbenannt, und zwar nicht nur für diejenigen, die den Preis nach Stalins Tod erhalten haben. Zu meinem Freundeskreis zählt der alte Miterbauer von Erdöl- und Gasleitungen Wasilij Isajewitsch Molschanow. Er erhielt den Stalinpreis seinerzeit im Jahre 1949 für die Teilnahme an der Ausrüstung der Gasleitung Daschawa-Kiew-Brjansk-Moskau. Jedoch das Diplom des Preisträgers, das von Stalin unterschrieben war, wurde 1962 durch ein anderes ausgetauscht, das die Unterschrift von Keldysch trägt. Und Molschanow wurde ein Mensch, der nicht mit dem Stalinpreis, sondern mit dem Staatspreis ausgezeichnet war. Alles das geschah, als ob es auf diese Weise möglich wäre, einen historischen Namen aus der Geschichte zu streichen!

Die Wiederkehr Stalins in unser Bewusstsein und unser Leben, wobei nicht als Rückkehr in karikaturhafter Form, die man krampfhaft bemüht war und sich weiter bemüht, diesem Namen beizulegen, ist in vieler Hinsicht lehrreich. Vor allem (und das ist absolut unstrittig!) beweist das folgendes: Aus der Geschichte wie aus dem Liederschatz kann man Worte und Namen nicht einfach verschwinden lassen. Nehmen wir an, man hegt die Absicht, unter irgendeinem Vorwand vom Roten Platz den Friedhof zu entfernen, sozusagen „den Roten Platz von seinem Friedhof zu säubern“. Wenn man irgendetwas damit erreichen will, so hat es nur den gegenteiligen Effekt dessen, was man damit beabsichtigt...

Natürlich hatte der Dichter recht: Das Große erkennst du am besten aus der Ferne. Sichtbarer wird für uns auch Stalin, - und ich hoffe, er wird mit der Zeit noch sichtbarer, seine Bedeutung noch stärker in unser Bewusstsein rücken. Das vorgeschlagene Interview ist, wie mir scheint, eine Gelegenheit dazu, zu einer unvoreingenommeneren Haltung gegenüber der Persönlichkeit und dem Werk des langjährigen führenden Politikers unseres Landes und zu der schwierigsten, kompliziertesten und sicherlich auch heroischsten Epoche seiner Geschichte beizutragen.

Viktor Koschemjako

Erstes Interview

Viktor Koschemjako:

Richard Iwanowitsch, ich schlage Ihnen vor, über Stalin und über das Verhältnis zu Stalin zu sprechen. Mir ist bewusst, dass es sich um ein sehr umfangreiches, quasi unerschöpfliches Thema handelt. Sicherlich kann es niemals erschöpfend bis zum Ende behandelt werden. Aber am Ausgang des XX. Jahrhunderts kann man sicherlich einige vorläufige Schlussfolgerungen über dieses Thema ziehen und dazu auch Fakten darlegen. Offen gesagt, geschah es für mich unerwartet, als vor einiger Zeit in der Presse Ihre Artikel zu erscheinen begannen, die man als prostalinistisch bezeichnen könnte.

Ich bin mit Ihnen fast des gleichen Alters. Unsere Kindheit und Jugend verbrachten wir in den Jahren Stalins mit einer bestimmten Verehrung zum Führer, obgleich (ich muss das für mich sagen) auch mit dem Empfinden, dass es der Ruhmesworte über ihn zum Teil zu viele waren.

Und dann kam der XX. Parteitag, das Referat von Chruschtschow (seine Geheimrede), und schlagartig wurde buchstäblich alles, was mit seinem Namen zusammenhing, umgeschmissen. Es war eine Neubewertung im umgekehrten Sinne. Aus Plus wurde Minus. Mir schien, dass wir alle oder zumindest fast alle, die sich heute die Sechzigjährigen und die aus den Sechziger Jahren nennen, ein für allemal Antistalinisten geworden sind. Jetzt muss ich jedoch für mich sagen, dass ich vieles in der entgegengesetzten Richtung neu bewerte. Und das trifft meiner Meinung nach nicht nur für mich zu. Wie hat sich bei Ihnen das Verhältnis zu Stalin gewandelt?

Richard Kosolapow:

Ich weiß nicht, vielleicht hat das etwas mit der Familientradition zu tun, aber das Verhältnis zu Stalin ist im gesamten Verlauf meines bewussten Lebens im Allgemeinen gleich geblieben. Natürlich entstanden in den Perioden entweder der ungestümen Verehrung Stalins oder seiner blindwütigen Entthronung Fragen: Aus welchen Gründen; wurde nicht etwas enthüllt, über das ich nicht bereits Mutmaßungen angestellt habe; warum das jetzt und in dieser Form? Aber die Fragen bezogen sich mehr auf psychologische Nuancen, Unverständnis, die unklaren Verhältnisse und Umstände usw., als auf die Stellung Stalins in der Geschichte der sowjetischen Gesellschaft und in Bezug auf das, was er bewirkt hat.

Ich bin in der Zeit geboren, als Stalin seinen Artikel „vor Erfolgen von Schwindel befallen“, den berühmten stalinschen Artikel über die Überspitzungen bei der Kollektivierung geschrieben hat. Ich befand mich in der Nähe der Orte und der Menschen, die Scholochow in seinem Roman „Neuland unterm Pflug“ typisierte. Mein damals 25jähriger Vater war zu dieser Zeit Sekretär einer territorialen Parteizelle und Bevollmächtigter für die Organisation von Kolchosen, meine Großmutter mütterlicherseits war auch Kommunistin. Seit den frühen Jahren in einer Familie aufgewachsen, die keine Götzenbilder anerkannte, hörte ich sowohl gute Worte über Lenin (So war er! Das war Lenin !), als auch unterschiedliche Worte, darunter auch derbe Worte an die Adresse Stalins.

Ich erinnere mich an unsere privaten Gäste vor dem Kriege - Rote Kavalleristen und Partisanen, Teilnehmer an der Verteidigung von Zaryzin. Ich will hier die Worte schildern, die einer der Gäste sagte „Da kommt zu uns in die Schützengräben ein Armeebevollmächtigter von der Zentrale, wir hockten hungernd da, und was das Schlimmste war, der Machorka war längst verbraucht. Der Feind heizte uns mächtig ein. Wir umlagerten den Armeebevollmächtigten von allen Seiten, und man höre und staune, es war Genosse Stalin höchstpersönlich!“...

Ich erinnere mich auch an die Blicke, die im Sommer 1941 mit Beklemmung und Hoffnung auf Moskau gerichtet waren; und da gab es das Bravourstück Stalins, der am 7. November wie gewöhnlich auf die Tribüne des Lenin -Mausoleums trat. Die Faschisten standen schon an der Peripherie Moskaus. Ich erinnere mich der ehrerbietigen und besonders warmen, zu Herzen gehenden Worte, die er an die Kämpfer der Winterschlachten im Jahre 1943 richtete. Stalin gebrauchte das Wort ‚batja’..., was sich in andere Sprachen gar nicht übersetzten lässt. (Das Wort batja bedeutet im genannten Zusammenhang frei übersetzt, soviel ‚wie meine geliebten heldenhaften Brüder und Schwestern, heroische Söhne und Töchter der Heimat’, es kann fallweise in konkreten Situationen als Ausdruck höchster Anerkennung, Wertschätzung und persönlicher Verbundenheit auch anders übersetzt werden).

Wir brauchen heute vor einer solchen Begeisterung nicht die Augen zu verschließen, nicht davonzulaufen vor dem, was Menschen damals unter der Führung Stalins geleistet haben. Damit zu brechen, ist sowohl für einen politischen Funktionär als auch für jede Partei unseres Landes verderblich. Nun, man hat mit einer heroischen Vergangenheit gebrochen, man hat die Traditionslinien nicht gewahrt. Liegt darin nicht einer der Schlüssel, eine der wesentlichen Ursachen für unser Elend der letzten Jahrzehnte, für den Zusammenbruch der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und der sozialistischen Errungenschaften, für den Machtverfall der Sowjetunion?

Der broschierte Bericht (die Geheimrede) über Stalin wurde mir mit großer Geheimnistuerei von meinem damaligen Vorgesetzten zum Durchlesen ausgehändigt. „Bring ihn nicht aus dem Gebäude raus. Wenn du vorhast, wegzugehen, verschließe ihn im Safe!“

Ich will es geradeheraus sagen, der Eindruck über dieses Opus war trübe. Zu dieser Zeit hatte ich bei aller politischen Unerfahrenheit die Philosophische Fakultät der Moskauer Staatsuniversität geschultert, eine ausgezeichnete Hegelianisch-Marxistische Bildung erhalten, das Wissen des Erbes Lenin s in mich aufgenommen und alles gelesen, was über Stalin zugänglich war. Provokant und schäbig empfand ich die Anspielung des Redners auf eine angebliche Beteiligung Stalins am Mord an Kirow. Vieles in dem Geheimbericht wirkte wie eine persönliche Abrechnung, wie Spuren früherer Kränkungen, Rache, die Weitergabe von Hinterkulissen-Klatsch und Tratsch des Apparats. Die Fakten waren voreingenommen und bruchstückartig ausgesucht und aneinandergereiht, ohne dass das Prinzip der konkreten historischen Analyse angewandt worden wäre.

Ich wusste nicht und konnte natürlich damals nicht wissen, dass Chruschtschow den Text mit Hilfe von Pospelow und Schepilow unter Umgehung des ZK und seines Präsidiums ausgearbeitet hatte und ihn als eine Art Soloeinlage dem Wesen nach außerhalb des Rahmens des Parteitages vortrug. Die Verlesung des Geheimberichts erfolgte, als der Parteitag bereits die neuen zentralen Leitungsorgane gewählt und seine Arbeit genau genommen schon beendet hatte, als die Parteitagsdelegierten ihre statutenmäßigen Vollmachten nicht mehr ausüben und bestenfalls in der Rolle von passiven Zuhörern eines Parteiaktivs auftreten konnten. Genau so entstand „die Linie des XX. Parteitages“, die viel dazu beitrug, die kommunistische Bewegung zu untergraben. Ich wiederhole es: insgesamt wusste ich es nicht und konnte ich es auch nicht wissen, aber intuitiv spürte ich die Verlogenheit und den Betrug, und deswegen wurde ich auch nicht ein für allemal ein Antistalinist.

Ja, ich halte mich wie auch Sie für einen aus den „Sechziger Jahren“. Aber warum sind unter diesen bei uns nur Leute vom Schlage eines Jewtuschenko - Karjakin - Burlazkij - Arbatow bekannt geworden, und warum wurde ein anderer Typ vergessen. Ich habe diejenigen im Auge, die in das reife Leben, in die Politik mit einer anderen ideologischen Vorbereitung und mit einer anderen ethisch-sittlichen Munitionierung traten. Für mich sind dies die Kriegskindheit, die Schule des „Kapitals“, die neu entdeckten Frühwerke von Karl Marx, die Verbindung mit der auf die Zukunft orientierten „neuen Linken“ in der Sorbonne, die Werke und Reden von Fidel Castro und Che Guevara. Sie werden mir zustimmen, das waren auch die aus den „Sechziger Jahren“. Bedauerlicherweise, (wie das insbesondere mit E. Iljenkow geschah), wurden sie bei uns im Lande vergiftet und zerdrückt, aber die aus den Sechziger Jahren waren wissenschaftlich - romantisch und nicht liberal - pragmatisch, wie sich noch unlängst diejenigen brüsteten, die sich als „Demokraten“ bezeichnen.

Und noch etwas muss gesagt werden. Ich habe keine „prostalinistischen“ Artikel geschrieben. Das Thema Stalin wurde in meinen Publikationen früher nur nebenbei behandelt, sozusagen nur gestreift. Erst im Jahre 1995 habe ich eine Sammlung von Texten Stalins herausgegeben, in denen in weitsichtiger Voraussicht die Niederlage unserer Revolution vorausgesagt wurde, wenn bestimmte, sich nicht spontan herausbildende, sondern vorsätzlich zweckbestimmt geschaffene Bedingungen eintreten, und zwar in der Art derjenigen, die wir in den Jahren 1985-1993 beobachten konnten. Etwa ein Drittel des Buches, das den Titel trug „Ein Wort an den Genossen Stalin“ bildeten meine Kommentare, die, so hoffe ich, hinreichend objektiv die Vorzüge und Mängel der darin enthaltenen Arbeiten beleuchtet haben.

Zwei Artikel, und auch diese waren nicht „prostalinistisch“, erschienen erst dann, als ein alter Kollege, nämlich Leon Onikow, eine Polemik gegen mich startete. Leon will, ungeachtet der Jahre, der ziemlich jähen Wende des Gangs der Geschichte und der Notwendigkeit, die Stereotypen der Jugend zu überprüfen, nichts revidieren. Er bemerkt sozusagen nicht, dass die von Zeit zu Zeit neu gestarteten Attacken auf Stalin dazu benutzt wurden, die Autorität von Lenin und Marx, ihre Lehre, den Sowjetstaat, die sozialistische Gesellschaftsordnung, die geopolitischen Positionen unseres Heimatlandes zu untergraben. In den Augen von Onikow steht der Zustand der Instruktionen zur Führung der Geschäfte der Partei und das Einlassregime im ZK der KPdSU (wo er übrigens weniger als zehn Jahre bis August 1991 gearbeitet hat) immer noch höher als die historische Wahrheit. Und da kann man kaum etwas dagegen machen.

Bei mir besteht ein solches Ziel ganz und gar nicht, mein Ziel ist nicht, zu verleumden, anzuschwärzen, Apologie zu betreiben, es ist einfach ein aufklärerisches Ziel. Es besteht darin, unseren Landsleuten den ihnen unbekannten Autor - Stalin mit all seiner Lebensschlichtheit zurückzugeben. Wenn dieser Einfachheit auf dem Fuße Größe folgte, bei wem bin ich hier denn dann angelangt?

Viktor Koschemjako:

Betrachten Sie sich als Stalinist? Und daran knüpft sich logischerweise die Frage an, was verstehen Sie unter dem Begriff „Stalinismus“?

Richard Kosolapow:

Nein, ich betrachte mich nicht als solcher. Nach meiner Weltanschauung bin ich ein Anhänger und Verfechter des dialektischen Materialismus, und wenn man das durch irgendeinen Namen bezeichnen will, so bin ich Marxist- Lenin ist.

Ich denke, dass diese Selbstattestation mehr als genug ist.

Was den Begriff „Stalinist“ anbetrifft, so kam er bei uns auf Betreiben entweder linkstrotzkistischer oder rechtsrevisionistischer Elemente in Umlauf. Immer wurde er zur Diskreditierung der Anhänger und Verfechter des realen Sozialismus benutzt.

Über die Jahrzehnte wurde das Wort vieldeutig und nahm auch den Inhalt eines Schimpf- und Schmähwortes an. Mit diesem Wort konnte man sowohl Anhängern militär-bürokratischer Methoden der Leitung, Individuen mit diktatorischen Manieren und konservativem Denken, Dogmatikern usw. eins überbraten, als auch einem ehrlichen Menschen mit klaren Ansichten und strenger Moral, einem Menschen, der sich nicht von konjunkturellen Einflüssen leiten lässt, der kein Gleichgewichtskünstler, kein Anpasser und kein Heuchler ist, eins auswischen.

Es traten auch „Stalinisten“, insbesondere unter „Patrioten“ auf, die als Anti Lenin isten galten. Sie akzeptierten bei Stalin nur seine „Staatsmacht“, in naiver Weise nach irgendwelchen arglistigen, betrügerischen Einflüsterungen davon ausgehend. dass die Staatsmacht, die Staatlichkeit sozusagen außerhalb und gegen den Einfluss Lenin s und des Lenin ismus möglich wäre.

Stalin hätte sich sicherlich von derartigen „Stalinisten“ entschieden abgegrenzt.

Übrigens war es zu Zeiten meiner Kindheit, meiner Knaben- und Jugendzeit ehrenhaft, Stalinez oder Stalinzi genannt zu werden, aber man bemühte sich, dieses Wort der Vergessenheit anheimfallen zu lassen.

Viktor Koschemjako:

Gegenwärtig gibt es, denke ich, nur noch wenige Leute, die der Meinung sind, dass Stalin eine Null, ein Halbgebildeter, ein Paranoiker usw. gewesen sei. Sogar Radsinskij singt in seinem Buch und in seiner Fernsehsendung über „die Rätsel Stalins“ ein anderes Lied. Ein großer Bösewicht, ein Genie des Bösen - etwa in dieser Richtung kann man seine bis jetzt vorherrschende Version definieren. Wie ist Ihre Meinung dazu? Es ist klar, dass Stalin eine ziemlich komplizierte und auch widersprüchliche Persönlichkeit war. Aber was war sozusagen unter Wahrung der historischen Balance, der historischen Gerechtigkeit nach Ihrer Meinung im Wirken Stalins stärker ausgeprägt: tatsächlich das Böse oder dennoch das Gute? Ich bin mir bewusst, dass in dieser Fragestellung etwas primitiv Vereinfachendes steckt, aber dennoch will ich sie einmal so stellen.

Richard Kosolapow:

Die Version „Genie des Bösen“ oder „Genie des Übels“ ist absolut unhaltbar. Sie ist sogar unsinnig, wenn man bedenkt, in welcher Dimension man es hier mit einer historischen Persönlichkeit zu tun hat, wie es Stalin nun einmal in der Tat war. Da kann man nicht den Anschein erwecken wollen, ihm gegenüber erhabener und klüger dazustehen, da kann man nicht mehr hineingeheimnissen, als in dieser Person dringesteckt hat. Aber Radsinskij strebt nach dieser Rolle, nämlich über einen Politiker zu stehen, der Großes vollbracht hat. Mehr noch, unter Gebrauch der Stimme, der Augen, der Lippen, mit Grimassen spielt er Stalin zugleich zwei Rollen zu - zuerst die des bedeutenden Bösewichts und dann die des als Richter fungierenden Opferpriesters. Vielen mag das gefallen, aber meiner Ansicht empfängt der Zuschauer noch einen anderen Eindruck, nämlich, dass es im Grunde sehr schlecht, unter aller Kritik ist, was Radsinskij hier bietet. Ich denke, dass diese gespielte Parodie und Selbstparodie eines Radsinskij einem guten satirischen Theaterstück gut zu Gesicht stehen könnte, aber eines Stalins unwürdig ist...

Um Stalin in seiner Realität zu begreifen und nicht eine Phantasiegestalt zu produzieren, muss man festhalten, dass er, der eine theologische Ausbildung erfahren hat, mit der Kirchenrhetorik, mit der Lehre der Kirche über Gut und Böse gut vertraut war und für ihn das Böse ganz allgemein keine abstraktes Phänomen war. Das Böse verstand Stalin immer sehr konkret, als etwas, das in Menschen und in gesellschaftlichen Verhältnissen verkörpert sein kann. Solche Verkörperungen des Bösen waren für ihn das Privateigentum, die Bourgeoisie, der Imperialismus, jede Art von opportunistischen und antiproletarischen gegen die Menschlichkeit gerichtete Neigungen u.ä..

Stalin war weder Dämon noch Engel.

Er konnte den Gegner ins Visier nehmen und auf seine Art zuschlagen. Das Böse war für ihn dabei ein Begriff im philosophischen, weltanschaulichen Sinne. Er konnte irren und gleichzeitig verstand er es, umsichtig und weise zu sein, Stalin hatte immer ein Hauptziel - die Zerschlagung der Allmacht des Kapitals und der imperialistischen Bedrohung, er wollte Macht und Wohlstand für den Sowjetstaat und für das werktätige Volk.

Das Elend aller Feinde und Kritiker Stalins bestand darin, dass sie in der Regel nur in Teilkategorien dachten, dass ihnen partielles Denken wesenseigen war. Sie erfassten mit ihrem Verstand eine bestimmte Lebenssituation, eine bruchstückartige Erscheinung, eine lokale Situation - Stalin erfasste immer das Ganze, d.h. er hatte stets die Gesamtsituation, die Komplexität einer Konstellation im Auge. Sie, die Gegner, dachten nur über eine Region nach, er über Gewinn und Verlust im Weltmaßstab. Stalin war also ein globaler Denker, seine Gegner und Kritiker, wenn sie nicht direkte Agenten der Feinde der Sowjetunion waren, nur Menschen mit beschränktem geistigen Horizont.

Natürlich ist die Behauptung eines Chruschtschows, dass Stalin die Operationen an den Fronten des Großen Vaterländischen Krieges am Globus plante, ein längst widerlegter Unsinn. Aber wo und worin hatte Chruschtschow, der im Grunde nur ein Schwätzer war, eigentlich Recht, wenn man die Maßstäbe des Denkens Stalins betrachtet. Stalin verstand es wie keiner, das in seiner Wirkung schon begrenzte Böse dazu zu zwingen, dem allgemeinem Wohl zu dienen, (dazu wurde auch nach der Überzeugung Stalins die neue sozialistische Gesellschaftsordnung geschaffen), d. h. er war bisweilen, wenn es nicht anders ging, auch hart, um das Gute durchzusetzen. Darüber sollte man nachdenken.

Selbst für sich als Person betrachtet, war Stalin meiner Meinung nach kein böser Mensch. Aber das unermesslich schwere Leben, dass er, man kann sagen, in allen Dimensionen durchgemacht hat, die Niederträchtigkeiten und abgrundtiefen Gemeinheiten, den Zynismus und die Grausamkeiten, die er in vieler Hinsicht erlebte und mit denen er oft konfrontiert war, die oftmals intellektuelle und ethische Einsamkeit und Verlassenheit hatten ihren Einfluss auf Stalin.

Aber umso beachtlicher ist sein grundsätzlich unbeirrbares Festhalten an effizientem Handeln, an hohen ethischen Werten, sein aufopferungsvolles soziales Engagement. Um der allgemeinen Sache willen hat Stalin sich nicht geschont, und er gestattete auch anderen nicht, sich zu schonen. Diesen Standpunkt haben bei weitem nicht alle geteilt. Dies konnten ihm viele nicht verzeihen. Ich habe hier nicht die Absicht, über all das irgendein abschließendes Urteil abzugeben und noch weniger, irgendjemand zu rechtfertigen. Ich denke immer an folgendes (und rate auch anderen, dessen eingedenk zu sein): eine Erklärung ist keine Rechtfertigung. Auch hier ist ein Ausspruch von Spinoza angebracht: nicht weinen und klagen, nicht lachen und spotten, sondern verstehen.

Was überwog in der Tätigkeit Stalins - tatsächlich das Böse oder dennoch das Gute?

Seinen Sie nicht erzürnt darüber, aber diese Frage erinnert mich an die berüchtigte Losung „mehr Demokratie, mehr Sozialismus“, die dann zum Verschwinden des Sozialismus und zu einer äußerst fragwürdigen Demokratie führte. Es gibt im Leben Fälle, wo das persönliche Wohlergehen dem Gemeinwohl geopfert wird. Dabei verliert einer alles oder fast alles, und dafür gewinnt die Gemeinschaft. Vom Standpunkt des konkreten Individuums wird etwas Böses verübt, vom Standpunkt der Gesellschaft geschieht jedoch etwas Gutes. Stalin dachte und handelte gerade in diesem Sinne. In seinem Frühwerk „Anarchismus oder Sozialismus?“ schrieb er, dass „der Dreh- und Angelpunkt des Anarchismus die Persönlichkeit, deren Befreiung nach seiner Auffassung die Hauptbedingung der Befreiung der Masse, des Kollektivs ist...

Der Dreh- und Angelpunkt des Marxismus ist die Masse, deren Befreiung seiner Konzeption nach die Hauptbedingung für die Befreiung der Persönlichkeit ist“. Seinerzeit sah Stalin keine Formen und Methoden, beides in ein harmonisches Gleichgewicht zu bringen und alles, was er tat, geschah im Namen der Mehrheit. Bei der damaligen konkreten historischen Erfüllung der Aufgaben war das auch gut so. Hat denn die gegenwärtige russische Gesellschaft gewonnen, als sie diese Priorität über Bord warf?

Viktor Koschemjako:

Wladimir Iljitsch Lenin und Josef Wissarionowitsch Stalin. Es ist bekannt, dass es verschiedene Darstellungen des Verhältnisses dieser beiden historischen Persönlichkeiten gibt. Vom „wahren Schüler, Kampfgefährten und Fortsetzer des Werkes Lenin s“ bis zum vollkommenen Gegenteil. Was ist Ihre Meinung zu dieser Frage? Man sagt, hätte denn Lenin die Tätigkeit Stalins nach seinem Tode gebilligt (obwohl die Geschichte den Konjunktiv nicht kennt)? Vollzog Stalin seinen „Thermidor“? Gab es in diesen Jahren zu Stalin eine reale Alternative? Und was die Hauptsache ist, - wie stehen Sie zum Jahr 1937 und allgemein zu den stalinschen Repressalien, den GULAGs usw., was für viele zum bestimmenden Merkmal bei der Bewertung Stalins und sogar der gesamten Sowjetperiode unserer Geschichte wurde?

Richard Kosolapow:

Sie haben mich eben mit Fragen eingedeckt, deren Beantwortung jede einzeln einen ganzen Band füllen würde. Ich will mich bemühen, zu jeder von ihnen kurz zu antworten und das Wesentliche zu sagen.

1. Stalin betrachtete sich zweifellos als Schüler und Fortsetzer des Werkes von Lenin . Sich dazu bekennen zu können, war für ihn als Mensch, der persönlich bescheiden und nicht vermögend war, eine höchste Anerkennung und Ehre. Noch nach dem Siege im Großen Vaterländischen Krieg, auf dem Zenit seines gewaltigen Ruhmes, erklärte er, als er mit Stussen die Perspektiven der friedlichen Koexistenz erörterte, „dass der Gedanke der friedlichen Koexistenz zuerst von Lenin geäußert wurde. Lenin ist unser Lehrmeister und wir Sowjetmenschen sind die Schüler Lenin s. Wir sind niemals vom Vermächtnis Lenin s abgewichen und wir werden niemals davon abweichen“. (Prawda, vom 8. Mai 1947)

In diesem Sinne erteilte er auch allen nachfolgenden sowjetischen Führern eine deutliche moralische Lehre, die diese nicht übernahmen, die sie schmählich missachteten. Beachten Sie und nehmen sie das besonders zur Kenntnis: Stalin ist der einzige unter den „führenden Personen“ in der Geschichte der Sowjetunion, der die Autorität seines Vorgängers nicht untergrub und verwarf, sondern emporhob. Man kann dem entgegnen, dass die Rede doch von Lenin ist. Aber solche „Demokraten“ wie Gorbatschow, Jakowlew, Wolkogonow und Latyschew zeigten vortrefflich, dass sie bereit waren, für ein paar Silberlinge auch selbst Jesus Christus mit Dreck zu bewerfen und zu verraten.

Stalin hielt das Andenken an Lenin heilig, und zwar ungeachtet der komplizierten gegenseitigen Beziehungen zu ihm in seinen letzten Lebensjahren, d. h. während Lenin s schwerer Krankheit. Er hat den Schwur, den er an der Bahre Lenin s abgab, niemals gebrochen. Mich haben immer die platten Erzählungen über die „Freundschaft“ Lenin s und Stalins, über die beiden „hehren Adler“, die sich nicht miteinander aussprechen konnten, ziemlich peinlich berührt. Sicher ist aber, dass Lenin den Genossen Stalin als Organisator sehr hoch einschätzte und ihm mehr als den anderen vertraute. Gerade das beunruhigte die nächsten Bekannten der Familie, genauer N. Krupskajas, als da waren Sinowjew, Kamenew und auch Trotzki, die am Krankenbett Lenin s Intrigen spannen. Das ZK hatte Stalin beauftragt, dafür zu sorgen, dass für Lenin die notwendigen ärztlichen Behandlungsvorschriften eingehalten werden. Sie wurden aber am laufenden Band verletzt.

Die oben genannten Personen Sinowjew, Kamenew und Trotzki fuhren fort, die Ruhe des schwerkranken Lenin s, nicht ohne Vermittlung von Krupskaja, ständig zu stören, was dann auch zu dem scharfen Gespräch Stalins mit ihr führte. Jetzt ist völlig klar, dass Stalin etwas zu recht befürchtete. Dreimal hintereinander wurden für Lenin falsche Diagnosen gestellt. Man zermürbte ihn mit unnötigen Behandlungsmethoden und war offenbar bestrebt, ihn langsam zu Tode zu heilen und gleichzeitig zu diskreditieren (siehe Lopuchin, Ju., I., „Die Krankheit, der Tod und die Einbalsamierung Lenin s. Wahrheit und Mythen“, Moskau, 1997). Das Verhältnis Lenin s zu Stalin wurde an die Grenze des Zerwürfnisses getrieben, aber Stalin gelang es, das zu vermeiden, obwohl Chruschtschow versuchte, das Gegenteil zu beweisen. Stalin stand diese schwere Prüfung durch und trug die Stafette Lenin s weiter.

2. Hätte Lenin die Tätigkeit Stalins gebilligt? Man kann sagen, er hätte sie kaum vorbehaltlos gebilligt, das gilt aber nicht nur für die Tätigkeit Stalins, sondern auch für jeden beliebigen anderen, der seinen Platz eingenommen hätte. Versuchen Sie selbst auf die Frage zu antworten: hätte Karl Marx nach seinem Tode vorbehaltlos eine Tätigkeit Lenin s bzw. ohne ihn oder sogar von Engels gebilligt - sie können hier eine analoge hypothetische Antwort erhalten.

Worin besteht der Kern des Problems?

Es mag diejenigen nicht erfreuen, die von mir die Anerkennung eines angeblichen Verrats Stalins am Lenin ismus haben wollen. Aber Stalin hat Lenin und den Lenin ismus nicht verraten. Stalin war ein treuer Lenin ist, so wie er den Lenin ismus verstand und wie es ihm die sehr widersprüchlichen und sich ständig verändernden Bedingungen und Umstände erlaubten.

Die Geschichte kennt in der Tat keine Konjunktivinklinationen, aber ich werde dennoch auf die von Ihnen vorgelegte Frage antworten, weil sie eine Schlüsselfrage ist. Warum hätte sich Lenin kritisch zur Arbeit Stalins verhalten?

Erstens deswegen, weil er ungeachtet des relativ geringen Altersunterschieds von 9 Jahren dennoch zu einer reiferen und gebildeteren Generation, zu den „Alten“ unter den Revolutionären gehörte.

Zweitens, weil Lenin als Theoretiker und Stratege vielseitiger und tiefgründiger gebildet war, so dass er an viele Aufgaben schon als Lehrer herangehen konnte, während Stalin noch buchstäblich unter feldmäßigen Bedingungen viel lernen musste.

Die Theorie ist bei der Überprüfung der Praxis immer streng - Praktiker verhalten sich oftmals nachsichtig gegenüber den Abweichungen von der strengen Theorie, insbesondere, wenn man sich auf die Sachzwänge berufen kann. Dieser ewige Widerspruch hätte sich sicherlich gezeigt, wenn Lenin in der Lage gewesen wäre, in der Sowjetgesellschaft den Gang des Geschehens 1924 und in den folgenden Jahren zu analysieren.

Unzufriedenheit mit sich selbst und seinen Nachfolgern ist allgemein eine Eigenschaft einer normalen, aktiv tätigen, schöpferischen und gewissenhaften Persönlichkeit, und auch ein Lenin wäre nicht er selbst gewesen, wenn sich seine Bewertung des von uns zurückgelegten Weges auf die ermutigende Losung der chruschtschowistischen-breschnewistischen Agitation und Propaganda reduziert hätte „Schreitet weiter voran auf dem wahren Weg, Genossen!“

3. Hat Stalin seinen „Thermidor“ vollzogen?

Nein, er hat ihn nicht vollzogen, und ihm den Vollzug eines Thermidors zu unterstellen, ist sogar historischer Schwachsinn.

Als „Thermidor“ (nach der Bezeichnung eines der Monate des republikanische Kalenders - ein Teil des Julis und ein Teil des Augusts) wird in der Geschichte der Großen Französischen Revolution die rechte, gegen die Jakobiner gerichtete Wende von 1794 bezeichnet, die die werktätigen Massen von der Teilnahme an der Macht ausschloss und die unbeschränkte Diktatur der Bourgeoisie bestätigte.

Damit begann die ungezügelte private Bereicherung und der weiße Terror. „Eine gewaltige Erhöhung der Preise für Lebensmittel“ konstatierte die Zeitung von Babeuf „Tribüne des Volkes“ am 9. Januar 1795. Es heißt dort weiter - „Stillegung von Arbeitsplätzen. Vertreibung der Arbeiter aus Paris... Einstellung der Produktion von Waffen und Kleidung. Unverhüllte Begünstigung der Prostitution... Wiedererstehen des Aberglaubens. Ausfuhr von Edelmetall, Untergrabung des Vertrauens in die Assignaten“ (zu den Papiergeldscheinen). „Abscheuliche Vorteilsnahme und Bereicherung infolge der Abschaffung der Höchstpreise“ (der sog. Maximas, der Limitpreise für Brot). „Wiedererstehung der Worte „Pöbel“, „gemeines Volk“ zur Bezeichnung des Volkes...“

Verderbliche Handlungsfreiheit, die der unersättlichen Habgier der Händler gewährt wird...Berechnung in Livres, Sous und Denars“ (das damalige französische Wechselgeld bzw. die französischen Scheidemünzen), „was bestätigte, dass das arbeitende Volk sich in Existenznot befindet.“

Kann jemand sagen, was das mit der Praxis von Stalin zu tun hatte, was das mit dem Leben in der Zeit Stalins gemein hatte?

Bekannt ist, dass Trotzki im innerparteilichen Kampf das Etikett „Thermidor“, an die Adresse der Mehrheit des ZK gerichtet, gebrauchte. Trotzki wollte damit die Gefahr der „bürokratischen Entartung“ der Arbeitermacht signalisieren (d. h. das, vor dem schon Lenin gewarnt hatte), aber er verlor das Gefühl für die Realitätsmaßstäbe... Nach seiner Natur ein Egozentriker, ein leidenschaftlicher Redner und befähigter Literat, erwies sich Trotzki nicht als ein nüchterner Analytiker. Ihm fehlte es an Selbstbeherrschung und Disziplin, die für eine langfristig und nachhaltig wirkende organisatorische Arbeit erforderlich ist. Deswegen gibt es in seinen Urteilen, die meist in emotionale Ergüsse ausarteten, nur sehr bruchstückartig richtige Bewertungen.

Deswegen betrachtete er vieles, was nur als negative Tendenz empfunden wurde, bereits als Faktum, als vollendete Tatsache. Somit mündeten seine Attacken gegen Stalin und seine Kampfgefährten in Aufrufen zur Untergrabung des Sowjetregimes, darunter auch durch eine Niederlage der UdSSR in einem künftigen Krieg.

Wenn man heutzutage das Buch von Trotzki „Die verratene Revolution“ liest, so entdeckt man darin etwas Bekanntes, was aus dieser Sicht aber nicht zu der Zeit Stalins gehört. Im Lichte der Erfahrungen einiger Jahrzehnte unterliegt nämlich in dieser Zeit die Festigkeit des Systems der Diktatur der Arbeiterklasse keinem Zweifel. Seine ernsthafteste Erprobung und Herausforderung war der Große Vaterländische Krieg und der schnelle Wiederaufbau der von den faschistischen Eroberern und Okkupanten zerstörten Volkswirtschaft. Mit einem Wort, Stalin behielt in der Auseinandersetzung mit Trotzki recht. Aber der „Thermidor“ war damit noch nicht vom Tisch, seine Gefahr nicht beseitigt.

Er erhob sich neu in den Jahren 1956-1961 durch Chruschtschow, der den Sprung vom politisch-ideologischen Schock, von der politisch-ideologischen Entwaffnung der KPdSU zur Ersetzung des Proletarischen Staates durch den allgemeinen Volksstaat vollzog. Ohne grelle Worte und ohne Bezugnahme auf Beispiele der Geschichte der Umschwünge und Peripetien anderer Länder leitete er einen Prozess ein, der die Lenin istischen Kommunisten in die gleiche Niederlage führte, die die Jakobiner einst in Frankreich erlitten hatten.

Es mag paradox klingen, aber Trotzki befindet sich mit seinen Vorschlägen und Schlussfolgerungen der gegenwärtigen Zeit wesentlich näher als jener Zeit, in der er lebte. Er beschrieb, so kann man sagen, recht gut die Entartung der Sowjetmacht, die in Chruschtschows Nachfolge von Gorbatschow und Jakowlew in Gang gesetzt wurde, wobei diese faktisch nach Trotzkis Modell verfuhren.

Stalin war bereits gewissermaßen aus dem Spiel. Von allen gegenwärtig über ihn schreibenden Literaten wird sicherlich einer gut in unserem Gedächtnis haften bleiben, nämlich der schon genannte L. Onikow. Er fährt fort, Stalin ohne Beweise zu beschuldigen, und zwar erstens der „Liquidierung“ der KPdSU; zweitens des „Meuchelmords“ des Marxismus als Wissenschaft; drittens der „Vernichtung“ der Diktatur des Proletariats. Das heißt, Onikow zäumt die gegenwärtige Linie des Thermidors von Chruschtschow - Gorbatschow im Stil der Rhetorik und Verbalistik auf, die Trotzki schon in den 20er und 30er Jahren gebrauchte (siehe „Nesawisimaja Gaseta“ vom 2. Dezember 1997).

4. Gab es in diesen Jahren eine reale Alternative zu Stalin?

Die Antwort muss lauten: es gab keine.

Sogar bei Lenin bildeten nur wenige auf seinem Niveau stehende Personen die Kaderreserve. Lenin kannte den Preis aller seiner nächsten Mitarbeiter. Die Beförderung von Stalin auf den Posten des Generalsekretärs der KPdSU(B), d.h. des Koordinators der Arbeit von drei Organen - des Politbüros, des Orgbüros und des Apparats des ZK - war kein Zufall, sondern war im großen und ganzen gerechtfertigt. Wenn die Urteile über die Leute der 20er und 30er Jahre für uns auch in vieler Hinsicht problematisch sind, so steht es für jeden vernünftigen Menschen außer Zweifel, dass es zweckmäßig war, dass Stalin während und nach dem Großen Vaterländischen Krieg an der Spitze der Partei und des Staates stand. Erklärungen der Art: der Sieg wurde nicht dank Stalin, sondern trotz Stalin, gegen die Leitung von „Stalin“ errungen, muss man aus Billigkeits- und Gerechtigkeitsgründen zu den Ausgeburten eines böswilligen Blödsinns rechnen.

Das wird durch eine Menge von Fakten bewiesen, die an dieser Stelle nicht alle aufgezählt werden können. Wen außer Stalin könnte man sich noch auf dem Posten des Vorsitzenden des Rats der Volkskommissare, des Vorsitzenden des Staatlichen Komitees für Verteidigung oder des Obersten Befehlshabers vorstellen? Trotzki oder Bucharin? Sinowjew oder Tuchatschewskij? Kamenew oder Jegorow? Woroschilow oder Timoschenko? Molotow oder Berija? Malenkow oder Kaganowitsch?

Keiner reichte an das Format eines Stalins heran.

Für diese universelle Rolle hätte sich auch ein Shukow nicht geeignet. In dieser Reihe zum Beispiel Kalinin oder Chruschtschow zu nennen, wäre aus verschiedenen Gründen in der Tat sogar lächerlich. Ich will hier nicht jene hinreichend bekannten großen Worte seines Antipoden und Partners in der Antihitler-Koalition, Churchill, wiederholen, die dieser über Stalin sagte. Ich führe hier Worte des Präsidenten der USA, Roosevelt, an: „Dieser Mann kann handeln. Er hat immer das klare Ziel vor Augen. Mit ihm zu arbeiten, ist ein Vergnügen. Es gibt keine Umständlichkeiten. Er legt die Frage dar, die er diskutieren will, und davon wird in keiner Hinsicht mehr abgewichen.“

Ein Charaktermerkmal Stalins war, dass er in seinem ganzen Leben nie aufgehört hat zu lernen. Er begann in seiner Jugend als talentierter Poet und Dichter, und nach seinem Ausscheiden aus dem Seminar (Stalin absolvierte ein 5jähriges Studium am Priesterseminar in Tiflis, der damals höchsten Bildungseinrichtung Georgiens, aus dem er wegen seiner revolutionären Tätigkeit 1899 ausgeschlossen wurde) gab er Unterricht in Mathematik und Griechisch. Allseitig eignete er sich die Meisterschaft eines im Untergrund kämpfenden Revolutionärs an. Er erlernte die Journalistik und das Kriegshandwerk, die Diplomatie, Betriebs- und Volkswirtschaft, Geschichte und Sprachwissenschaften.

In einem Brief vom 8. September 1930 an seine Frau Nadeshda Allilujewa bat Stalin, ihm das Lehrbuch für das autodidaktische Erlernen der englischen Sprache von Meskowskij, in einem Brief vom 14. September 1931 die Bücher „Arbeitertechnikum für Elektrotechnik“ und „Arbeitertechnikum für Eisenmetallurgie“ zu schicken. Können Sie sich vorstellen, dass der „Begründer des Neuen Denkens für unser Land und für die ganze Welt“ seine Frau Raissa Maksimowna um derartiges gebeten hätte?

Viktor Koschemjako:

Nun zur heikelsten Frage - Wie stehen Sie zum Thema der stalinschen Repressionen und des GULAGs? Speziell, was bedeutet für Sie das Jahr 1937?

Richard Kosolapow:

Ich will damit beginnen, dass das Jahr 1937 nicht nur ein Jahr der Repressionen war. Dies war auch ein Jahr der erfolgreichen Erfüllung des 2. Fünfjahrplans; des 100jährigen Jubiläums von Puschkin, das in ein Volksfestival des Russischen Geisteslebens überging; des 20. Jahrestages der Oktoberrevolution; der ersten Wahlen zum Obersten Sowjet entsprechend der neuen Verfassung der UdSSR. Die Änderung der Wahlgesetzgebung und des Wahlmodus bedeutete die bis damals größte demokratische Reform des sowjetischen politischen Systems in der Nachoktober-Geschichte, und das geschah im Jahre 1937.

Im Lande herrschten Verhältnisse des politischen Aufschwungs, eine Aufbruchstimmung, ein Enthusiasmus der Arbeit -es ist daran, woran ich mich erinnere. Ich verfüge aber nicht über systematisierte statistische Daten über die Schattenseiten des damaligen sowjetischen Lebens und Wirkens, insbesondere über Fakten der Schädlingsarbeit und Sabotage. Davon gab es aber viele. Ich denke nicht, dass das Februar/März-Plenum des ZK der KPdSU(B) 1937 künstlich inszeniert und ein Kampf gegen Windmühlen war. Auf diesem Plenum war die Rede von Überbleibseln des Klassenkampfes, und jeder fällte danach sein Urteil entsprechend seiner Beobachtungsgabe, seinen Erfahrungen und seiner Kompetenz.

Was wissen wir über das Plenum? Wir kennen nur das Referat und Schlusswort von Stalin (Stalin, Gesammelte Werke, Band 14), die Rede von Woroschilow („Militärarchive Rußlands“,1993, Band I). Was beinhaltete das Referat von Jeschow, wie entwickelte sich die Diskussion? Wir wissen es nicht. Nach den Worten von Chruschtschow ist, obwohl er selbst nicht dabei war und das dort auch so nicht gesagt wurde, nur folgendes bekannt, nämlich der Versuch, theoretisch die Politik der Massenrepressalien unter dem Vorwand zu begründen, dass sich der Klassenkampf im Maße des Voranschreitens zum Sozialismus angeblich immer mehr verschärfen muss und auch die Zahl der Sozialismus-Feinde immer mehr zunimmt... (siehe „Chruschtschow und seine Zeit“ L., 1989, Seite 63, 64 - russisch).

Eine textologische Untersuchung der genannten Quellen widerlegt diese Behauptungen. Andere Materialien haben bis jetzt nicht zur öffentlichen Verfügung gestanden.

Stalin, die oberste Führung konnten nicht umhin, den aus dem Umkreis von Hitler eingeschleusten Gerüchten über eine profaschistische Verschwörung im Oberkommando der Roten Armee mit Tuchatschewskij an der Spitze ihre wachsame Aufmerksamkeit zu widmen. Signale dieser Art waren schon vorher eingegangen. Ein merkwürdiges und verdächtiges Interesse zeigte die weiße Emigration an diesem Militärführer. Im Jahre 1930 sahen sich Stalin, Woroschilow und Ordshonikidze gezwungen, eine diesbezügliche Untersuchung durchzuführen. „Was die Sache Tuchatschewskij angeht“- so schrieb Stalin mit sichtlicher Erleichterung am 23. Oktober 1930 an Molotow - „so hat sich dieser um 100 Prozent als integer erwiesen. Das ist sehr gut“.

Aber die Geschichte nahm ihren Fortgang.

Im Mai 1937 soll Stalin eine persönliche Depesche vom Präsidenten der Tschechoslowakei, Benesch, erhalten haben, dass bei uns in der Sowjetunion in Zusammenwirken mit dem deutschen Generalstab und der Gestapo ein Militärputsch vorbereitet wurde. Dann nennt Chruschtschow dies auf dem XXII. Parteitag im Jahre 1961 ganz nebenbei „eine ziemlich interessante Mitteilung“.

In dieser Lage hätte Stalin aber unverzüglich und entschlossen handeln müssen. Aber es ist seltsam. Auch gegenwärtig ist die Depesche von Benesch und der entsprechende Beschluss des Politbüros des ZK der KPdSU(B) noch nicht aufgefunden und veröffentlicht worden. Einen seltsamen Eindruck hinterlässt der am 26. April 1961 an Chruschtschow erstattete Bericht von Schwernik über die Überprüfung von Anschuldigungen, die im Jahre 1937 gegen eine Reihe von Militärs vorgebracht wurden (siehe „Militärarchive Rußlands“, 1993, Band I).

Darin gibt es viele grobe Faseleien und Ungereimtheiten. Die Mitteilung des tschechoslowakischen Präsidenten wird überhaupt nicht erwähnt. Zu durchsichtig ist die Tendenz, die ganze Sache gegen Stalin zu lenken.

„Das Kommunistische Regime hat 110 Millionen Menschen vernichtet“ schrieben im Zusammenhang mit dem 80. Jahrestag der Oktoberrevolution die Zeitungen „Demokratitscheskaja“ und „Iswestija“.

Nach dem Geschmack der „Kritiker“ der Sozialistischen Gesellschaftsordnung werden diese Zahlen reduziert oder weiter aufgebläht. Niemand trägt die Verantwortung für direkte Zahlenspielereien, Verdrehungen und Lügen. Sie werden in zynischer Weise gerechtfertigt, zumal sie eben jetzt der herrschenden Klasse zupasse kommen. Doch so kann man nicht bis in die Unendlichkeit fortfahren. In den in der „Prawda“ vom 24. - 31. Oktober 1997 veröffentlichten Jubiläumsthesen der RUSO werden „schon vor langer Zeit festgestellte Fakten“ genannt: die Zahl der von 1921-1954 Verurteilten beträgt etwa 3,8 Millionen, die Zahl der Todesurteile etwa 643000, und das in einem Lande, das in einem halben Jahrhundert drei Revolutionen, zwei Weltkriege, einen Bürgerkrieg und mehrere lokale Kriege erlebt hat.

Anstelle sich an die Wahrheit zu halten, - wird in dem Dokument vermerkt - wurden ganze zwei Generationen mit der Saga über die Gulags in Schrecken versetzt. Dabei tun das oft die Abkömmlinge aus dem Milieu derjenigen, die massenhafte Ungesetzlichkeiten zugelassen haben“.

Brüsten sich die Überreste der von der Oktoberevolution gestürzten Ausbeuterklassen mit der „Waffe“ der Verdammten? Ja, es ist so.

Gab es Verletzungen der revolutionären Gesetzlichkeit, litten dabei Unschuldige? Auch das ist so. Und die Verantwortung dafür trägt u. a. Stalin.

Warum haben sich neben der gerechten Strafe für Verbrechen gegen das Volk Prozesse auch gegen Unschuldige gerichtet? Teilweise ist das mit dem Bürokratismus und dem Wunsch, sich verdient zu machen, teilweise auch mit dem niedrigen Niveau an professioneller Ausbildung und Kultur der Mitarbeiter der Rechtsschutzorgane, der Sicherheits- und Justizorgane erklärbar. Die Hauptursache ist jedoch eine andere.

Wir verfügen jetzt über umfassende Tatsachenmaterialien und über dokumentarische Beweise, um folgende Schlussfolgerung ziehen zu können: Viele unschuldige Menschen, insbesondere Kommunisten, litten darunter, dass fremde Elemente (Weißgardisten, Kriminelle, Trotzkisten usw.) in diese Organe eingedrungen waren, um ihre Dienststellung als Mittel des antisowjetischen Klassenkampfes zu nutzen.

Zur Ehre der Partei muss gesagt werden, sie verstand es, sich damit auseinanderzusetzen. Der Beweis dafür ist der Beschluss des Plenums des ZK der KPdSU(B) vom Januar 1938 sowie der Beschluss des Rats der Volkskommissare der UdSSR und des ZK der KPdSU (B) vom 17. November 1938 „Über Verhaftungen, staatsanwaltliche Aufsicht und Untersuchungsführung“, der von Molotow und Stalin unterzeichnet ist. Aber die unschuldig zu Tode Gekommenen wurden dadurch natürlich nicht wieder zum Leben erweckt.

Mein Vater entging nach dem Großen Vaterländischen Krieg nicht dem Gefängnis, er verbrachte 6 Jahre im Lager von Nyrob des Molotowsker Gebiets, jetzt Gebiet Perm. Von ihm erfuhr ich über die Gulags viel mehr als aus den Schriften von Solschenizyn.

Die Odyssee meines Vaters wurde jedoch in seinem und meinem Verhältnis zur Sowjetmacht im Allgemeinen und zu Stalin im Besonderen nicht bestimmend.

Ich habe rechtzeitig begriffen, dass dies eine zu enge Meßlatte für die Betrachtung weltumspannender historischer Phänomene ist und dass die systematische Verwendung des Gulags für derartige Ziele die Gesellschaft nur zurückwerfen kann. Wie Sie sehen, ist das dann alles auch so geschehen.

Viktor Koschemjako:

Stalin und Hitler. Sie wissen, dass im Westen und von bestimmten Autoren auch bei uns schon lange ein Gleichheitszeichen zwischen diesen Personen gesetzt wird. Man sagt sogar, dass Stalin schlimmer als Hitler gewesen sei, da dieser fremde Völker, Stalin aber sein eigenes Volk vernichtet hat.

Richard Kosolapow:

Ich halte diese Parallele für schändlich. Keiner der Staatsmänner der Welt hat mehr für die allseitige - die politische und militärische, ökonomische und organisatorische, ideologische und moralische - Zerschlagung des Faschismus und seine Vernichtung getan als Stalin. Unsere Propaganda der 30er Jahre war völlig vom Antifaschismus durchdrungen. Im Allgemeinen gibt es hier meiner Meinung nach nichts zu beweisen. Es war so und konnte auch gar nicht anders sein.

Stalin soll sein Volk vernichtet haben?... Das ist ein hanebüchener Unsinn, der den Menschen vorsätzlich aufoktroyiert wird, ebenso wie man diese zwingt, sich an Fortschrittsfeindlichkeit, Dunkelmännertum und Prostitution, an die Elenden auf den Straßen und an die Reichen in den Kasinos, an die gewaltsame Wegnahme des Eigentums und der Macht aus den Händen der Werktätigen, an Arbeitslosigkeit, Nichtauszahlung von Löhnen und an die Unterwerfung unter das Diktat der USA zu gewöhnen.

Lassen wir Stalin sprechen. „Bei uns sagen jetzt alle, dass sich die materielle Lage wesentlich verbessert hat, dass das Leben besser, heiterer geworden ist. Das ist natürlich richtig.

Das führt aber auch dazu, dass die Bevölkerung begonnen hat, sich wesentlich schneller zu vermehren, als das in früheren Zeiten der Fall war. Die Sterblichkeitsrate hat sich vermindert, die Geburtenrate erhöht. Der Nettozuwachs der Bevölkerung fällt jetzt unvergleichlich höher aus. Das ist natürlich gut und wir begrüßen das. Gegenwärtig beträgt der Nettozuwachs der Bevölkerung jedes Jahr etwa 3 Millionen Seelen. Das bedeutet, dass wir in jedem Jahr einen Zuwachs der Bevölkerung von ganz Finnland erhalten. Das bedeutet aber auch, dass immer mehr Menschen ernährt werden müssen.“ So begründete Stalin auf der Beratung der Mähdrescherfahrer und Kombineführer am 1. Dezember 1935 die Notwendigkeit, die Getreideproduktion zu erhöhen.

Vergleichen Sie einmal die gegenwärtige Situation in Rußland mit diesen einfachen Fakten. Die Sterblichkeit lag schon 1992 stark über der Geburtenrate. Der jährliche Verlust der Bevölkerung, der Bevölkerungsrückgang geht in die Millionen. In den 90er Jahren hat sich die Bevölkerungszahl, und das in Zeiten des Friedens, also ohne einen großen Krieg, bis jetzt um 7 Millionen verringert. Hier erhebt sich die Frage, wer hat sein Volk wann vernichtet?

Und wer schoss seine Parlamente in Brand und jagte die Volksräte, die Volkssowjets auseinander? Wessen Verhalten ist eigentlich insgesamt betrachtet dem von Hitler näher?

Viktor Koschemjako:

Stalin wird des Antisemitismus beschuldigt. und das ist auch eine gut bekannte Bewertung. Was denken Sie über diese Frage?

Richard Kosolapow:

Stalin war kein Antisemit. Er war ein russischer Patriot und Internationalist, ein Antifaschist, d. h. auch, er war ein Antirassist und Antinazist. Das bedeutet, er war auch ein Gegner des Zionismus als einer der Formen der nazistischen Ideologie.

Antisemitismus und Antizionismus sind vollkommen verschiedene Dinge. Mit der Gleichstellung wollen die Feinde Rußlands, die Betrüger des werktätigen Volkes, darunter auch des jüdischen Volkes, vorsätzlich und in demagogischer Weise Schrecken verbreiten. Der Antisemitismus ist ebenso wie die Russophobie, der Russenschreck, die Einflößung von im Unterbewusstsein angesiedeltem, instinktiven Hass gegenüber Personen einer konkreten Nationalität, und zwar unabhängig von deren Ansichten, realem Verhalten, Zugehörigkeit zu diesem oder jenem politischen Lager. Dies stellt die Einflößung der falschen Überzeugung dar, dass ein Angehöriger einer bestimmten Nationalität bewusst schädlich ist, dass er keine vollwertige Persönlichkeit, kein zuverlässiger Genosse im Leben und Kampf sein kann.

Mit anderen Worten, sowohl der Antisemitismus als auch die Russophobie sind darauf angelegt, Komplexe der Minderwertigkeit in beiden Nationen zu erzeugen, sie sind darauf gerichtet, zu entzweien und den Hass und Hader der Bourgeoisie in ihrem jeweiligen Interesse zu instrumentalisieren.

Als russischer und sowjetischer Kommunist, als Patriot und Internationalist war Stalin kein Antisemit und konnte das auch gar nicht sein. In seiner Umgebung befanden sich Personen jüdischer Nationalität, die er wegen Fehler kritisierte und bestrafte, aber er schätzte auch ihre Überzeugungen, ihr Talent und organisatorisches Können.

Noch gut in Erinnerung sind Namen solcher großen Funktionäre wie Kaganowitsch und Jaroslawskij, Mechlis und Salzman, Dragunskij und Ehrenburg, Joffe und Litwinow... Stalin wird nicht deswegen des Antisemitismus bezichtigt, weil er angeblich Juden wegen ihrer Rasse verfolgte, sondern deshalb, weil er entschieden und schonungslos gegen die Sozialrevolutionäre, den Menschewismus, Trotzkismus und andere Arten von bourgeoisen und kleinbürgerlichen Einflüssen auf das Proletariat kämpfte.

Man kann nicht leugnen, dass in den genannten politischen Strömungen, unter den von Trotzki und Jagoda rekrutierten Kadern, Juden bisweilen die Mehrheit bildeten. Aber Stalin ließ sich nicht von national-ethnischen oder gar chauvinistischen Motiven, sondern von klassenpolitischen Motiven leiten. Es ist unehrlich, das letztere mit dem ersteren zu vermengen.

Der unrühmlich bekannte Alexander Jakowlew verdeckte den Zionismus in listiger Absicht, indem er sozusagen erklärte, dass es notwendig ist, zwischen dem Zionismus als religiöse Erscheinung und dem Zionismus als politische Erscheinung zu unterscheiden. Die Falschheit bestand hierbei darin, dass er im ersten Fall den Judaismus als Zionismus bezeichnete und den Gebrauch des Terminus „Zionismus“ in einem Sinne sozusagen legitimierte, als ob er völlig akzeptabel sei. Wie viele Fälle gab es aber, wo bei der gegenwärtigen Vorherrschaft der käuflichen Masseninformations-Medien auf den ersten Blick harmlos erscheinende Begriffsvermengungen nicht nur zu weltanschaulichen Verwirrungen und Störungen, sondern auch zu Deformationen der gesellschaftlichen Verhältnisse führten!

Man darf aus der Geschichte auch nicht die herausragende Rolle Stalins bei der Rettung der jüdischen Nation vor dem Hitlerischen Genozid und bei der Gründung des Staates Israel streichen. „Aber“- so sagt man uns- „Stalin zerschlug gleichzeitig die Bojarensterne der menschewistischen Gruppierungen in verschiedenen Behörden der UdSSR, er stand der Konzeption des „von Gott auserwählten Volkes“ unversöhnlich gegenüber, er trat die Krim nicht ab, damit dort eine jüdische Autonomie errichtet werden konnte, usw.“

Auf eine solches Argument muss man mit folgender Gegenfrage antworten: War das nicht vom Standpunkt der Staatsinteressen, der Staatsraison richtig? Viele Kritiker Stalins, darunter auch diejenigen, die sich seinen „Antisemitismus“ ausgedacht haben, umgehen gerade diesen Standpunkt und verwirken somit das Recht, als objektiv angesehen zu werden.

Viktor Koschemjako:

Richard Iwanowitsch, Sie haben jetzt zum Druck und zur Herausgabe die weiteren Bände der Gesammelten Werke Stalins vorbereitet. Herausgegeben wurden schon, soviel ich weiß, die Bände 14 und 15. Es folgt der Band 16. Was an Neuem haben Sie darin entdeckt?

Richard Kospolatow:

Für mich ist Stalin keine Entdeckung. Mein Ziel ist es, dass andere für sich Stalin entdecken.

Ich denke, ich irre mich nicht, wenn ich sage, dass Stalin die am meisten mystifizierte herausragende Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts ist. Zunächst wurde er von den lebenden Zeitgenossen mit dem Wortschwall einer Kultpropaganda mit geheimnisträchtigen Hieroglyphen belegt und mit Kult-Mauern umgeben, dann wurde er Opfer der chruschtschowistischen und gorbatschowistischen Schmähungen und Verleumdungen.

In der Regel floh die Wahrheit, scheu von all diesem Verlangen nach Übertreibungen, weit davon. Bildlich gesprochen, man muss letztlich zugeben, dass es bezüglich Stalin irgendwie möglich geworden war, von lobesvollen Hieroglyphen auf die anschwärzende Keilschrift umzuschalten und dass es aber nicht möglich war, Stalin in der natürlichen, verständlichen guten russischen Sprache zu würdigen. Diesen verhängnisvollen erratischen Kreis der Vergötterung und Verteufelung zu durchbrechen, sehe ich als meine Pflicht an.

Nach meiner Natur ein Skeptiker nehme ich den Leitspruch von Karl Marx auf. „Ziehe alles in Zweifel“, wobei ich nur hinzufüge, „darunter auch den eigenen Zweifel“. Deswegen halte ich mich weder für einen begeisterten Verehrer noch für einen Apologeten dessen, was nicht gewesen ist, das heißt auch nicht von Stalin, wie man ihn überhöht darstellte.

Ich kann nicht wissen, wie sich mein persönliches Schicksal gestaltet hätte, wenn bei uns die strenge Ordnung und die strengen Sitten aus der Zeit Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre erhalten geblieben wären, aber erlaubt eine solche oder ähnliche Erwägung, das Prinzip der historischen Gerechtigkeit zu verletzen?

Darum darf man nicht nur nach sich selbst oder auch nicht nach dem Schicksal seiner Verwandten und nächsten Angehörigen urteilen, sondern man muss nach der Position urteilen, in die der produktive Mensch der physischen und geistigen Arbeit, der Schöpfer aller materiellen und geistigen Güter, der schöpferische Mensch in einer Gesellschaftsordnung gestellt ist.

Mir scheint, dass die herausgegebenen drei Bände, die den Abschluss der Gesammelten Werke bilden, die mit dem Band 13 abgebrochen wurden (die nach dem Tode Stalins aufgelegten Bände 14 und 15 wurden auf Weisung von Chruschtschow eilig aus dem Verkehr gezogen bzw. nicht mehr in den Verkehr gebracht und eingestampft), Stalin als Mensch aus dem Sarkophag der Überhöhung und Erniedrigung als einen gegenüber anderen Menschen Gleichen herausführen sollen. (Der Tod ist der beste Schlichter und Demokrat)

In den Büchern scheint auch fast unsichtbar seine persönliche Tragödie auf, über die er -und das auch nur teilweise- seiner Mutter bekennt. „Ich werde mein Los ertragen.“ - lesen wir in einem Brief vom 24 März 1934 - ...

„Nach dem Tod von Nadi“ (dem Selbstmord der Frau von Stalin, Nadeshda Allilujewa, am 8 November 1932) „ist mein persönliches Leben natürlich schwer geworden, aber dennoch, ein tapferer Mann muss immer tapfer bleiben.“

Über die Scherze, den Humor von Stalin sind nicht wenige halbwahre Geschichten und Halbanekdoten im Umlauf. Diesen kann man jetzt noch einen dokumentarisch belegten echten Aufblitz des Humors hinzufügen. Auf eine Anfrage eines Korrespondenten aus Anlass von Gerüchten über seine schwere Erkrankung und seines nahen Todes antwortete Stalin: „Wie mir aus Mitteilungen der ausländischen Presse bekannt wurde, habe ich diese sündige Welt schon hinter mir gelassen und bin bereits dabei, ins Jenseits überzusiedeln. Da man nicht umhin kann, den Mitteilungen der ausländischen Presse Glauben zu schenken, wenn man nicht aus der Liste der zivilisierten Menschen gestrichen werden will, bitte ich darum, diesen Mitteilungen zu glauben und meine Ruhe in der Stille der überirdischen Welt nicht zu stören.“

Man wird zustimmen, das war ein eleganter Klaps für den westlichen Spießbürger. Das könnte aber kaum so etwas Ähnliches wie ein Paranoiker, ein Misanthrop, ein Menschenfeind, ein bösartiger Mensch oder, wie sich die „Demokraten“ auch sorgsam zu beweisen bemühen, ein angeblicher Primitivling schreiben.

Die Stalin-Bände aus der Vorkriegszeit und die übrigen Bände führen auch in beeindruckender Weise die Breite und Vielseitigkeit der Kommunikation Stalins mit den Menschen der Arbeit vor.

Es sind Metallurgen und Kolchosbauern, Absolventen von Militärakademien, die Erbauer der Metro (der U-Bahn), Rübenanbauer, Stachanowarbeiter, Mähdrescherfahrer und Baumwollanbauer, Flieger und Militärführer, Bergleute und Mitarbeiter von Hochschulen. Für jede dieser Gruppen von Werktätigen findet Stalin die passenden Worte, zeigt Stalin die Kenntnis der Fachspezifik ihrer Arbeit, stellt reale, für alle verständliche Aufgaben.

Wie weit ist der jetzige Arbeitsstil der Leitung des Staates und der Gesellschaft von dem entfernt, was man bis zur Gegenwart als totalitäre Verfahren und Methoden anprangert!

Und noch etwas muss schließlich gesagt werden. Kann es denn als normal gelten, dass fast ein halbes Jahrhundert in der Geschichte des Landes ein gewaltiges schwarzes Loch gähnt und für die Bearbeitung geeignetes dokumentarisches Material durch zufällige Flüstertöne an die Öffentlichkeit dringt, und das in einer Situation, in der die Bevölkerung gleichzeitig skrupellos im Geiste des historischen Masochismus und von Minderwertigkeitskomplexen bearbeitet wird. Natürlich kommt das offensichtlich gewissen Leuten zugute, erweist sich das für eine Politik der Vernichtung als günstig.

Ebenso offenkundig ist es, dass eine Sammlung der Kräfte für den Wiederaufstieg Rußlands ohne ernsthafte Anstrengungen zur Überwindung dieser Sinnesverwirrung, dieses Wahnsinns nicht möglich ist.

Viktor Koschemjako:

Welche aktuelle Bedeutung hat Ihrer Meinung nach das Thema Stalin außerdem noch? Mir scheint, dass es hier außer dem rein historischen Interesse noch etwas mehr gibt. Gewinnt dieser Mann nicht die Herzen der Menschen sozusagen durch seine Art von Asketismus, eine bestimmte Uneigennützigkeit, durch die Tatsache, dass er den staatlichen Interessen immer den Vorrang gegenüber seinen persönlichen Interessen einräumte usw., was man bei den gegenwärtigen Führern unseres Landes nicht beobachten kann?...

Richard Kosolapow:

Das Thema Stalin geht zweifellos über den Rahmen des rein historischen Interesses hinaus. Nicht zufällig nannte Leon Onikow seine erste Veröffentlichung bei einer Attacke auf die von mir getane Arbeit unter dem Leitwort „ Seid wachsam - die Wiederkehr Stalins.“

Ich will einige Details nennen. Ich war zum ersten Mal in der Datsche von Stalin in Wolynsko im Herbst 1966. Vom Herbst 1968 bis Ende 1969 (13 Monate hintereinander) fiel mir die Aufgabe zu, fast ständig im Auftrage des ZK dort zu arbeiten. Ich kann also ein Urteil über das Wohnmilieu abgeben, das diesen Menschen umgab, und zwar unmittelbar und konkret.

Eigentum besaß Stalin so gut wie keines, das Haus, in dem er lebte, gehörte dem Staat (oder der Partei?), wenn es auch nach dem Geschmack des „Mieters“ eingerichtet war. Man konnte dort zwei Formen des „Luxus“ feststellen: die Wände und an bestimmten Stellen auch die Decke waren mit Holz verkleidet; der Fußboden war mit Teppichen bedeckt.

Die Möbel waren überall sehr schlicht und mit gewöhnlichem Stoff in bläulicher Farbe überzogen. Aufmerksamkeit erweckten nur die Diwans, breit und weich, bequem zum Ausruhen und Schlafen. Man sagt, dass es in Wolynsko eine große Bibliothek gab, ob eine persönliche oder staatliche, ist unbekannt.

In den 60er Jahren erzählte mir derselbe Onikow, der heute Verleumdungen über Stalin ausschüttet, dass diese Bibliothek von den Verwaltungsbehörden des ZK als erstes entfernt und draußen im Hofe aufgestapelt wurde. Als es regnete, breitete man eine Zeltplane darüber. Dann bereitete dieser Haufen von Büchern den Leitern für wirtschaftliche Angelegenheiten Verdruss und sie verbrannten angeblich diese Bücher. Selbst wenn es nicht so gewesen war, diese Version ist nicht zufällig.

Mitte der 50er Jahre erging die Verfügung, alle Sachen, die mit dem Hausherren in Verbindung standen, zu vernichten. Mitarbeiter des Betreuungsapparats waren gezwungen, sie zu verstecken. Ich arbeitete an dem auf diese Weise geretteten Arbeitstisch Stalins und sah den Diwan, auf dem er starb.

In dem Park, der das Haus umgab, befand sich ein Baumstumpf, auf dem Stalin während seiner Spaziergänge oft saß und seine Pfeife rauchte. Er wurde mit der Wurzel herausgerissen und verbrannt. Verbrannt wurde auch eines der Boote, die sich auf dem Teich befanden, dass Stalin nutzte.

Es ist schwer zu sagen, wer seinen konstanten Zorn und Ärger auf diese Weise hier ablud, aber der Tatbestand des Vandalismus, der blindwütigen Zerstörungswut ist offenkundig.

Die Wohnung von Stalin sah sogar im Vergleich mit der Ausstattung von Gorki, dem Sitz Lenin s, wo ich mich das erste Mal am 1. Mai 1953 befand, asketischer aus. Warum erinnere ich mich an diese Reise? Sofort nach der Demonstration am 1. Mai entschlossen wir uns als eine Gruppe von Studenten der Moskauer Staatsuniversität, nicht herumzulaufen, sondern stattdessen sich irgendwohin auf den Weg zu machen. Die Wahl fiel auf Gorki.

Im Museums-Hof begegnete uns eine seltsame Stille und erdrückende Stimmung. Die Exkursion führte der Direktor selbst. Er teilte mit, dass seine Einrichtung angeblich im Zusammenhang mit der Gründung des Stalin-Museums in Wolynsko geschlossen wird und hier beabsichtigt sei, ein Kinderheim unterzubringen. Später sagte man, dass dies ein Einfall von Berija gewesen sei, mit dem man sich in einem derartigen Fall auseinandergesetzt habe. Notwendig ist es, die schlechten Angewohnheiten von Despoten zu kennen. Ein despotischer Holzkopf wälzt gewöhnlich immer erfolgreich seine dummen und bösen Taten auf einen anderen angeblichen Despoten ab, der keinen Erfolg hatte. Was jetzt in Wolynsko los ist, weiß ich nicht. Die Situation im Zusammenhang mit dem Lenin -Museum ist bekannt.

Sowohl Lenin als auch Stalin sind für den Bourgeois aller Schattierungen wegen ihrer Uneigennützigkeit, ihrer Hingabe, dem Volke und dem Vaterland zu dienen, und wegen ihrer vollkommenen Selbstentsagung und Aufopferungsbereitschaft fremde und angsteinflößende Persönlichkeiten. Für ihn, den spießerischen Bourgeois, ist es unvorstellbar, dass Rußland nur auf solche Führer wartet und nur solche Führer akzeptiert. Nur mit solchen Führern kann Rußland zu Größe gelangen, sich erheben, und nur solcher Persönlichkeiten erinnert sich Rußland mit Dankbarkeit.

Alle „Rätsel“ eines Lenin s oder Stalins sind nur dazu ersonnen, die so genannten einfachen Leute zu betrügen, um sie gegen die wahren Volksführer aufzubringen, wobei die Bourgeois Truggebilde produzieren, die sie ansonsten für sich selbst als überflüssig betrachten, die eigenen selbstsüchtigen Laster anderen unterstellen und Betrug, Täuschung, Scheinheiligkeit, Verleumdung praktizieren, alle möglichen Tricks anwenden, um Verwirrung zu stiften.

Das alles tun die Bourgeois mit dem Ziel, von ihren eigenen schmutzigen Handlungen abzulenken. Mit ihrer Uneigennützigkeit und ihrer Hingabe an die Interessen des Volkes passen Lenin und Stalin nicht in das Weltbild eines gierigen, nur auf die eigenen, persönlichen Interessen bedachten Ausbeuters. Ich will mich nicht über die gegenwärtigen Führer auslassen. Ihr Unterschied zu den sowjetischen Giganten ist frappierend.

Darüber erachte ich es als notwendig, noch etwas Persönliches über ihn zu sagen. Stalin war, unmittelbar Lenin folgend, ein umfassend gebildeter und schöpferischer Mensch, er hat sich ständig mit Spezialisten beraten, er erkundigte sich nach den Fakten, studierte die statistischen Daten, er hat auch immer seine Reden, Vorträge und Artikel selbst geschrieben. Er hat die Ethik der intellektuellen Arbeit streng beachtet und ließ nicht einmal Schatten des Plagiats zu.

Man kann sich Stalin unmöglich in der Lage eines Gefangenen aller Art von Zuträgern, von Ohrenbläsern, von „Eierköpfen“ vorstellen, die von allen Seiten Chruschtschow und Breschnew umschwärmten und hinters Licht führten, die bei Gorbatschow die trügerische Illusion erweckten, dass die Windungen und Blähungen, die bei ihm aufgetreten sind, eine neue Qualität haben.

Wenn man in den 60er bis 90er Jahren die Prozesse dessen beobachtet, was man als Herausbildung von Leaders bezeichnen kann, so muss ich mit Bitterkeit die weit verbreitete leichtsinnige Meinung konstatieren, dass man einen Führer aus einem beliebigen Untersatz machen, ihn sozusagen „aufdröseln“ könne, wären nur Geld und der Ausgang in das westliche kapitalistische Ausland da. Aber ist es etwa nicht evident, welche „Produkte“ man bei einem solchen Herangehen serviert bekommt?

Vielleicht ist es in Ländern mit dem alten mächtigen Monopolkapital und seinen hinter den Kulissen wirkenden Prädikanten, mit seinen langen parlamentarischen Traditionen möglich, dass „Leaders mit Präfix“ (mit Finanzspritzen, Reklame, hinter den Kulissen wirkenden Beratern, Ghostwriters, Konzepte- und Redenschreibern, Imagepflegern usw.) auch in der Lage sind, ihre Dienstobliegenheiten zu erfüllen, - Rußland braucht hingegen unablässig an sich arbeitende, urwüchsige Naturbegabungen, es braucht Talente des Volkes.

„Wisset über Peter, dass ihm das eigene Leben nicht zu teuer ist, um es zu opfern, dieses Leben dient nur Rußland.“ Diese Worte, die Peter der Große vor der Schlacht bei Poltawa sprach, ebenso wie sein Wort, „auf dem Thron war ich ewig nur ein Arbeiter“, haben sich im Bewußtsein der Menschen eingeprägt. Man kann sich nicht besser in die Vorstellung eines Volkes über einen echten russischen Führer einschreiben.

Nicht den „künstlich gemachten“ pragmatischen Politikaster, sondern den natürlich entstandenen romantischen Realisten braucht unser Vaterland. Das war Stalin, und er war das als Persönlichkeit mit einem Lebensweg, in dem es auch Widersprüchlichkeiten gab. Dagegen heute Einwendungen zu machen, ist nicht nur unsinnig, sondern auch würdelos.

Quelle: „Sowjetskaja Rossija“,
Moskau, 15.1.1998

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