Gespräche mit Richard Iwanowitsch Kosolapow
Prof. Dr. der philosophischen Wissenschaften

Einleitung zum zweiten Interview

Nach der Veröffentlichung des Gesprächs in der Sowjetskaja Rossija vom 15. Januar 1998 ist bereits viel Zeit vergangen. Und die Resonanz der Leser darauf hält weiter an. In der Redaktion hat sich für mich ein großer Packen an Leserpost angesammelt. Es handelt sich um leidenschaftliche parteinehmende, erregte und interessierte Briefe. Dabei geht es weniger um die Geschichte, die geschichtlichen Fakten, sondern darum, wie tief dieses Thema die Menschen im heutigen Leben bewegt. Übrigens ist es in der Tat ein bewegendes Thema. Es ist völlig klar: Das Interesse an Stalin und auch an unserer gesamten sowjetischen Geschichte hat in den letzten Jahren erheblich zugenommen, und das gerade im Zusammenhang mit dem, was bei uns gegenwärtig abläuft. Der Zerfall des Landes steht in besonders scharfen Kontrast mit seiner Kraft und Macht in der Stalin-Ära. Die völlige Zerschlagung der Errungenschaften des Sozialismus macht mit besonderer Deutlichkeit und Überzeugungskraft die Vorzüge der sowjetischen Gesellschaftsordnung sichtbar. Diese Gesellschaftsordnung hat die werktätigen Menschen in ein menschenwürdiges Leben emporgehoben und ihnen reale soziale Sicherheit gegeben. Und die große Persönlichkeit Stalins erhebt sich in wahrhaft monumentaler Größe im Vergleich zu den heutigen politischen Pygmäen, die in einer zerstörten und vernichteten einstigen Großmacht das Zepter schwingen. Wenn auch noch viele Menschen bestimmte antistalinistische Vorurteile hegen, unser Vaterland wurde zerstört und vernichtet durch Verrat, durch die Käuflichkeit und Korruptheit, durch die Talentlosigkeit und Stümperhaftigkeit derjenigen, die uns heute regieren.

Es besteht ein hoher Bedarf, das Gespräch über Stalin und seine Rolle in der Geschichte unseres Landes fortzusetzen. Darüber schreiben die Leser, und darüber schreiben nicht nur diejenigen, für die die herausragenden Verdienste Stalins gegenüber dem Vaterland, gegenüber Rußland absolut unstrittig sind. Es gibt auch nicht wenige Briefe mit einem anderen Tenor. Darin wird dieser Staatsmann und alles, was mit ihm im Zusammenhang steht, entweder wie gehabt kategorisch abgelehnt, oder es werden verschiedene Zweifel, Bedenken oder Missverständnisse bzw. auch Unverständnis bestimmter Probleme geäußert. Da tauchen Fragen auf, die viele in eine Sachgasse geführt haben. Wir haben deswegen unserem Gesprächspartner Richard Iwanowitsch Kosolapow vorgeschlagen, die Diskussion zum Thema Stalin fortzusetzen.

Zweites Interview

Viktor Koschemjako:

Ich denke, Richard Iwanowitsch, die umfangreiche und widersprüchliche Post aus Anlass unseres letzten Gesprächs „Die Wahrheit über Stalin“ ging nicht unerwartet ein. Haben wir doch schon bei dem Gespräch gesagt, es handelt sich um ein unermessliches Thema, und sicherlich wird es nie bis zum Ende ausgeschöpft werden können, sind doch auch heutzutage viele Stereotype in der Erfassung und Rezipierung dieser historischen Persönlichkeit natürlich mit der Trägheit und Beharrungskraft verbunden, die mit den Thesen des bekannten Referats (der Geheimrede) von Chruschtschow auf dem XX. Parteitag vorgegeben wurden und die fast zur Grundlage der gesamten ideologischen Arbeit im Verlauf einer Reihe von Jahren geworden sind. Mit Beginn der Perestroika wurde in Rundfunk und Fernsehen sowie in der Presse um Stalin eine wahrhafte bacchantische Stimmung entfacht. Auf die Köpfe der Menschen wurde buchstäblich eine antistalinistische Flut losgelassen, wobei es für die einfachen Menschen unter diesem mächtigen propagandistisch-psychologischen Druck schwer und bisweilen unmöglich war, die Lüge von der Wahrheit zu unterscheiden.

Wie viele Lügen wurden dort inzwischen gemixt! Es waren grobe und dumme Lügen sowie raffiniert eingefädelte und abgefeimte Lügen. Sie werden sich beispielsweise an die schlachtrufartige These erinnern, die während der Perestroika in Umlauf kam, dass nämlich der berühmte Wissenschaftler Bechterew in den 20er Jahren bezüglich Stalin eine medizinische Diagnose auf Paranoia gestellt haben soll, wofür er dann vergiftet worden sei. Man berief sich dabei nicht auf irgendjemand, sondern auf die Enkelin desselben Bechterew. Bechterew, geb. 1857, Psychiater und Neurologe, Professor in Lenin grad, starb 1927.

Jetzt hat diese Enkelin, die auch Akademikerin und ein herausragende Spezialistin auf dem Gebiet des menschlichen Gehirns ist, in einer Zeitung das Eingeständnis abgelegt, dass es eine solche Diagnose niemals gegeben hat! „Es gab eine Tendenz, Stalin für geisteskrank zu erklären, darunter unter Berufung auf angebliche Aussagen meines Großvaters. Aber solche Aussagen und Erklärungen gab es nicht, anderenfalls würden wir das wissen“, sagte Natalija Petrowna Bechterewa. „Wem und wozu diente diese Version? Man begann auf mich Druck auszuüben, und ich sollte bestätigen, dass es auch so gewesen ist. Sie sagten mir, dass sie drucken werden, was für ein tapferer Mann Bechterew war und wie er kühn seine ärztliche Pflicht erfüllend gestorben ist“. Das waren also die Methoden! Und wie viele Leser nehmen heute flüchtig von diesem Eingeständnis Notiz, dass unter „ferner liefen“ in einem großen Zeitungstext zu einem ganz anderen Thema gemacht wurde? Und dennoch wurde damals die Behauptung, Stalin war ein Paranoiker (d.h. ein Geisteskranker), als unbestreitbarer wissenschaftlicher Fakt in Millionenauflagen der Zeitungen „Ogonjok“, „Moskowskije Nowosti“ und in einer Masse anderer Perestroika-Erzeugnisse in die Köpfe der Menschen gehämmert. Und der Eindruck war äußerst stark! In der Tat, 30 Jahre hat er, Stalin, das Land regiert und war ein Paranoiker. Das war doch überwältigend!

Aus den Briefen ist ersichtlich, dass die hirnbetäubende Propaganda dieser Machart die Menschen noch lange nicht aus ihrem Bann entlassen hat, sie gibt ihnen nach wie vor nicht die Möglichkeit, nüchterner und objektiver auf eine Persönlichkeit zu blicken, aus der eine Teufelsgestalt, eine Ausgeburt der Hölle gemacht worden ist. Diese antistalinsche Propaganda wird, Sie wissen es, wie früher in sehr breitem Maße fortgesetzt. Man denke nur an die zwei Zyklen der Fernsehserie über die „Rätsel“ des Führers, die nacheinander auf dem ersten Kanal, begleitet von der süßlichen Stimme von Edward Radsinskij, auf den Fernsehbildschirmen zu sehen waren.

Gerade zur rechten Zeit hatte man für die Fernsehaufnahmen noch etwas anderes parat, nämlich eine Lüge, die einen noch schlimmeren Eindruck hinterlassen soll. Man erzählt das Ammenmärchen, wie die Kinder in Gori, angeleitet vom Knaben Soso Dschugaschwili (Stalin) ein Schwein in eine Synagoge trieben. Und daraus wird eine sehr „tiefschürfende“ Schlussfolgerung gezogen. Seht nur, aus alten Zeiten stammt der für Radsinskij außer jedem Zweifel stehende „Antisemitismus“ Stalins! Und woher stammt dieser angebliche Fakt? Es erweist sich, er stammt von einer 112 jährigen georgischen Jüdin, die vor vielen Jahren nach Israel übergesiedelt ist und natürlich schon lange verstorben ist. Doch was konnte schon ein 112 jährige Frau erzählen? Woran kann sie sich erinnern? Sicherlich an alles, was angebracht und erwünscht ist, und ganz sicher an alles, was irgendjemand gerade braucht oder jemanden ins Konzept passt. Wenn sie das eben gesagt hat, hat man das zu glauben, basta! Radsinskij verblüfft zudem durch seine „raffinierte Verschlagenheit“.

Es stellt sich heraus, dass ein orthodoxer Geistlicher, der nach dem Vorfall mit dem Schwein belehrend zu seiner Kirchengemeinde sagte: „Es gibt verirrte Schafe, die vor einigen Tagen in einem Gotteshaus eine Gotteslästerung begingen“. Aber Soso, der künftige Stalin konnte nicht begreifen und soll gefragt haben, wie es denn möglich sei, dass man Menschen eines anderen Glaubens verteidigen kann? Es gibt leider noch viele Menschen, die ein so offenkundiges Ammenmärchen für bare Münze nehmen. Ich sage das, Richard Iwanowitsch, doch weshalb sage ich das. Bei der Analyse der zahlreichen Resonanzen auf unser Gespräch mit Ihnen, „die Wahrheit über Stalin“ (der nichträtselhafte Stalin) bin ich zu folgendem Schluss gekommen. Die Leser und vielleicht auch unsere ganze Gesellschaft kann man in Bezug auf Stalin bedingt in drei Kategorien einteilen.

Erstens, in diejenigen, die in der Lage waren, die Hypnose der voreingenommenen und unehrlichen antistalinschen Propaganda zu überwinden und sich davon zu befreien, die sich objektiv und tiefgründig mit anderen Argumenten und Fakten auseinandersetzen konnten, die die mächtige historische Gestalt eines wahrhaften Patrioten, Staatsmannes und Kommunisten erkannten, wenn sie dabei auch möglicherweise Stalin nicht ganz vollständig akzeptieren.

Zweitens, diejenigen, die, wie früher, Stalin absolut nicht akzeptieren können. Ein charakteristischer Vertreter dieser Sorte, man kann sagen, von fanatischen Antistalinisten, ist der Doktor der Technischen Wissenschaften Professor L. A. Kljatschko, der Ihnen unlängst in der Zeitung „Prawda“ geantwortet hat.

Drittens. Es gibt aber auch noch eine dritte Richtung. Meiner Meinung repräsentiert sie eine zahlreiche Gruppe. Diese haben schon in einem gewissen Grade verstanden und erkannt, dass sie von der antistalinistischen Propaganda in vieler Hinsicht betrogen und getäuscht worden sind. Bei ihnen verbleiben jedoch noch eine bedeutende Anzahl von Fragen, auf die sie selbst keine Antwort geben können. Auch in unserer Presse, selbst in der kommunistischen und patriotischen Presse, finden sie keine Antwort. Gerade auf diese Kategorie von Lesern möchte ich heute Ihre Aufmerksamkeit lenken, damit sie ihnen nach Möglichkeit helfen können, sich damit auseinanderzusetzen, was sie bewegt, was für sie bislang unbeantwortet blieb.

Richard Kosolapow:

Ja ich stelle ebenfalls fest, dass es, wenn ich Briefe zum Thema Stalin lese, davon unter den Verfassern viele gibt.

Viktor Koschemjako:

Wissen Sie, ich habe hier einen meiner Meinung nach besonders charakteristischen Brief herausgegriffen. Der Verfasser heißt Iwan Fedorowitsch Mursin, er ist ein Veteran der Arbeit, Rentner, 71 Jahre alt, Mitglied der KPdSU seit 1951. Er lebt in dem Dorf Tschernjanka des Gebiets von Belgorod, Wie er schreibt, „ist er ein großer Freund von „Sowetskaja Rossija“, und zwar von der ersten Ausgabe an, und diese Freundschaft war keinen Tag unterbrochen“. Er bewertet die Zeitung sehr hoch, richtet an ihre Adresse Worte der aufrichtigen Dankbarkeit, aber gleichzeitig Vorschläge, Wünsche und Fragen, darunter auch in diesem Teil zu Stalin.

Ein anderes Thema, so schreibt er, nachdem er seinen ersten Wunsch dargelegt hat, ist schwieriger. Es ist seine dringliche Bitte, dass über die Persönlichkeit Stalin die volle Wahrheit gesagt wird. Er schreibt: „In der Nummer vom 15. Januar 1998 der „Sowjetskaja Rossija“ ist das Material „die Wahrheit über Stalin“ (der nichträtselhafte Stalin) veröffentlicht worden, das sehr interessant ist. Der Doktor der philosophischen Wissenschaften Professor Richard Kosolapow gab im Gespräch mit Viktor Koschemjako ein allgemeines Porträt der Persönlichkeit von Stalin als einen bedeutenden Politiker, Staatsmann, Diplomaten und Militärstrategen. Es sind Einschätzungen angeführt, die die herausragenden Zeitgenossen und hervorragenden Politiker der ersten Hälfte des XX. Jahrhunderts Churchill, Roosevelt und andere über Stalin abgegeben haben. Aber für die Kader blieben und bleiben Fragen, auf die die Presse keine wirkliche Antwort gibt. Ich gebe natürlich nichts auf Autoren wie Wolkogonow und seinesgleichen. Das bedeutet, dass wir bis jetzt in einem Zustand der Halbwahrheit leben. Es gibt noch viele offene Fragen...“. Ich möchte Ihnen, Richard Iwanowitsch, vorschlagen, auf diese Fragen einzugehen, und zwar insbesondere deswegen, weil sie sehr charakteristisch sind und sehr häufig in vielen Briefen fast wörtlich gestellt werden. Und dann sind sie sehr kurz und äußerst exakt formuliert.

Richard Kosolapow:

Also verfahren wir so.

Viktor Koschemjako:

Es handelt sich um acht Fragen und der Verfasser, der sie präsentiert, erklärt, dass er eine schlüssige Antwort erhalten will. Viele Hundert und Tausende von Lesern wollen das Gleiche. Iwan Fedorowitsch tritt sozusagen nicht nur in eigener Sache, sondern auch in ihrem Namen auf. Also zur Frage Nummer 1. Sie lautet wie folgt: Wenn Stalin dem Lenin schen Vermächtnis treu geblieben ist, warum hat er dann die ganze „ Lenin sche Garde“, mit Ausnahme einiger seiner Helfershelfer wie Molotow, Woroschilow, Kalinin usw. gnadenlos vernichtet?

Richard Kosolapow:

Meiner Meinung nach sind die Begriffe wie „gnadenlos vernichtet“, „ Lenin sche Garde“, „Helfershelfer“ Klischees, die bewusst von den Chruschtschowisten und Gorbatschowisten in der Massenpropaganda in Umlauf gesetzt wurden. Sie sind eindeutig von Voreingenommenheit und Subjektivismus geprägt. Man sollte sie besser nicht verwenden.

Der Begriff „ Lenin sche Garde“ ist dem Wesen nach eine romantische Selbstbetitelung einer Gruppe von Parteikadern aus der vorrevolutionären Zeit, denen es tatsächlich oder angeblich aufgetragen war, unmittelbar mit Lenin zu arbeiten. Die Zusammensetzung dieser Gruppe war nicht genau festgelegt und deswegen begannen sich in sie insbesondere nach der Oktoberrevolution und der Bildung der Sowjetregierung viele Selbsternannte einzuschleichen.

Das geschah in der Geschichte häufig. In den 60er Jahren erzählten mir Lenin grader Genossen lachend folgende kuriose Begebenheit. Im Zusammenhang mit einem bestimmten Jubiläum des Stadtkomitees der KPdSU wurde der Versuch unternommen, alle noch lebenden Teilnehmer des Sturms auf das Winterpalais zu erfassen. Obgleich ein halbes Jahrhundert seit diesem Sturm, der die Oktoberrevolution einleitete, vergangen war, gab es unter den Aufgerufenen mehr, als der Schlossplatz fassen konnte.

Die „ Lenin gardisten“ machten hier keine Ausnahme. Zu ihnen bekannten sich beispielsweise auch stolz die Anhänger Trotzkis, die erst im August 1917 in die Partei der Bolschewiki eingetreten waren. Sie hatten in der ideologisch-politischen Auseinandersetzung mit dem von Stalin geführten ZK eine Niederlage erlitten und ihre Niederlage als „Pogrom gegen die Lenin sche Garde“ dargestellt.

Treue zum Vermächtnis Lenin s- das ist Ergebenheit zu seiner Lehre, zur revolutionären Dialektik, zum werktätigen Volk, zur Arbeiterklasse, und nicht gegenüber Personen, die mit ihm (manchmal auch nur zufällig und flüchtig) bekannt waren. Treue zum Lenin ismus ist seine konsequente, schöpferische und flexible Anwendung in der Praxis, ohne dass man sich zu irgendwelchen „heiligen Kühen“ hingezogen fühlt. Treue zum Lenin ismus heißt Dienst an den Ideen der sozialen Freiheit, der sozialen Gleichheit und der sozialen Gerechtigkeit und nicht an „grauen Zöpfen“.

Es ist angebracht, die Leser an folgende Episode zu erinnern. Auf dem XIV. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (B) im Jahre 1925 trat mit großem Getöse die so genannte Lenin grader Opposition mit Sinowjew an der Spitze auf. Ihr schloss sich seinerzeit auch N. K. Krupskaja, die Witwe Lenin s an. Sie begann einen Streit mit der Mehrheit bezüglich der Interpretation der NÖP (der Neuen Ökonomischen Politik). Nach einiger Zeit trat auf dem Parteitag die Schwester Lenin s, M. I. Uljanowa, auf, die ihre Schwägerin in delikater Weise korrigierte, „Genossen und Genossinnen“, sagte sie, „ich ergreife das Wort nicht deswegen, weil ich die Schwester Lenin s bin und deswegen auf eine besseres Verständnis und eine bessere Interpretation des Lenin ismus als andere Mitglieder unserer Partei Anspruch erhebe. Ich denke, dass ein solches Monopol auf ein besseres Verständnis des Lenin ismus durch die Verwandtschaft und bei den Angehörigen der Familie nicht besteht und nicht bestehen sollte“. Umso mehr verbreitete sich diese Herangehensweise unter denen, die sich für die Angehörigen der „ Lenin schen Garde“ hielten.

Es kann nicht abgestritten werden, dass die Sense der Repressionen der 30er Jahre die Parteimitglieder der ersten Welle, der ersten Generation stärker betraf. Viele von ihnen wurden unschuldige Opfer von Intrigen und Verleumdungen in den oberen Führungsorganen. Andererseits beteiligten sich viele von ihnen an den Fraktionskämpfen. Schon Lenin sagte, dass „er auch solche alten Bolschewiken kennt, vor denen uns Gott beschützen möge“. Gerade sie waren unter den alten Bolschewiken, in der trotzkistischen Opposition und in anderen Oppositionsgruppen überreichlich vertreten. Der bekannte Politologe B. P. Kuraschwili schrieb in seinem Buch „Der neue Sozialismus. Zur Wiedergeburt nach der Katastrophe“ (russisch), Moskau 1997, auf den Seiten 24-25 folgendes: „Im zweiten Halbjahr 1936 erschien das Buch von L. D. Trotzki „Die verratene Revolution“. In ihm ist der Aufruf an den aus 20-30 Tausend Leuten bestehenden trotzkistischen Untergrund enthalten, die er die Partei des wahren Lenin ismus nannte. Diese Untergrundkader sollten ihre Positionen im Partei-, Staats- und Militärapparat zur Vorbereitung einer „politischen Revolution“ gegen den Stalinschen Thermidor, zum Sturz der Bürokratie des Thermidors, die die Weltrevolution verraten haben, nutzen. Zusammen mit dem aufgedeckten Sachverhalt, dass Marschall Tuchatschewskij möglicherweise bestimmte geheime Kontakte mit dem Oberkommando der deutschen Armee aufrechterhielt, diente der Fakt der Vorbereitung eines politischen Umsturzes durch die trotzkistische Opposition als Anlass für eine groß angelegte präventive Säuberung. Sie mündete in einer Orgie der Gewalt. Die Revolutionäre vergaßen, dass das „Blut des Volkes kein Schnaps“ ist...“

Die theoretische und moralische Eliminierung der „5. Kolonne“ unter den Bedingungen des herannahenden zweiten Weltkrieges war auch in anderen milderen Formen denkbar, praktisch mündete sie in Terror.

Wenn man sagt, dass Stalin die gesamte „ Lenin sche Garde“ gnadenlos vernichtet hat, so wird oft auf die Unwissenheit der Menschen spekuliert. Die Arglist und Heimtücke besteht hier darin, dass erstens Stalin eine Grausamkeit zugeschrieben wird, die ihm nicht wesenseigen war, und zweitens als „Angehörige der Lenin schen Garde“ manchmal ausgemachte Sowjetfeinde hingestellt werden. L.M. Kaganowitsch bezeugt: „Die Verleumder lügen, wenn sie behaupten, dass Stalin mit den Trotzkisten und anderen Oppositionellen nur mit administrativen Maßnahmen und „in kurzem Prozess“ abgerechnet hat. Das Gegenteil ist richtig. Stalin, das gesamte ZK und die Zentrale Kontrollkommission haben einen langen prinzipiellen ideologischen Kampf mit ihnen geführt, wobei sie die Hoffnung hatten, dass, wenn auch nicht die Mehrheit, so doch ein Teil von ihnen sich von der Opposition abkehrt. Es ist aber Fakt, dass sich die Partei und das ZK über 15 Jahre geduldig mit den Oppositionellen auseinandersetzten, bis gegen sie staatliche Maßnahmen, Repressalien bis hin zu Gerichtsverfahren und Erschießungen angewandt wurden. Das geschah erst dann, als die Oppositionellen den Weg der Diversion, Schädlingsarbeit, des Terrors und sogar der Spionage einschlugen... Ich erinnere mich daran, als wir jüngeren Tschekisten, wie beispielsweise Kaganowitsch, Kirow und Mikojan, den Genossen Stalin fragten, warum er sie, die Oppositionellen, im Politbüro duldete. Er antwortete darauf, dass man sich in solchen Angelegenheiten nicht übereilen darf. Erstens kann es durchaus sein, dass sie noch zur Vernunft kommen und uns nicht vor die Notwendigkeit stellen, sie als äußerste Maßnahme auszuschließen, und zweitens muss die Partei dann auch die Notwendigkeit des Ausschlusses und der Trennung von ihnen verstehen“.

Viktor Koschemjako:

Zur Frage 2 dieses Briefes, Richard Iwanowitsch, sie wird besonders oft auch in anderen Briefen gestellt. Ich kann sagen, dass ich sie selbst oft schon seit der Schulzeit gestellt habe und die Antworten, die ich darauf erhalten konnte, wenig überzeugend waren. Es handelt sich um den Lenin schen Genossenschaftsplan und die Stalinsche Kollektivierung. Ich zitiere wieder wörtlich, was der Verfasser des Briefes schreibt. „ Lenin hat in allgemeinen Zügen den Genossenschaftsplan entworfen. Ihm liegen folgende Prinzipien zugrunde: die Freiwilligkeit, das positive Beispiel der genossenschaftlichen Wirtschaftsführung, über die Bauern darf nicht herumkommandiert werden, verschiedene Formen der Genossenschaften usw.

Stalin hat die Bauernschaft ingrimmig gehasst, er hat den Lenin schen Plan entstellt, er hat die Kolchosen mit Gewalt und übereilt geschaffen und den arbeitsliebendsten und fleißigsten Teil der Bauernschaft vernichtet. Wie ist das zu erklären?“

Richard Kosolapow:

„Ingrimmiger oder abgrundtiefer Hass“ Stalins gegenüber den Bauern, das ist auch ein genau so abgeschmackter Mythos wie der Mythos von „der gnadenlosen Vernichtung der Lenin schen Garde“.

Im Grunde ist das ein übles Hirngespinst, das von den „demokratischen“ Massenmedien künstlich in die Köpfe von Millionen von Menschen hineingehämmert worden ist. Stalin, der Sohn eines einfachen Handwerkers, eines Schusters, und einer Bäuerin, war ein Mensch vom eigenen Fleisch und Blut des arbeitenden Volkes, der werktätigen Massen und wenn er irgendjemanden hasste, dann war es der Herr, der Boss, der die Arbeiter und Bauern bis aus Blut ausbeutet. Stalin hat den Lenin schen Genossenschaftsplan konsequent eingehalten und umgesetzt, aber die harten Bedingungen der ökonomischen Rückständigkeit und des herannahenden Krieges, der Druck der armen Bauern und der Übereifer einiger unvernünftiger Vertreter der örtlichen Machtorgane erzeugten eine Verzerrung und ein Zutagetreten negativer Momente bei einer insgesamt richtigen Linie.

Die Beschleunigung der Kollektivierung der Landwirtschaft wurde durch die Zuspitzung des Nahrungsmittelproblems im Zusammenhang mit der Industrialisierung des Landes und dem Anwachsen der Stadtbevölkerung sowie den Versorgungsbedürfnissen der Roten Armee hervorgerufen.

Diejenigen, die über den grimmigen Hass Stalins auf die Bauernschaft schreiben, setzen darauf, dass ihnen einfältige Menschen das abnehmen. Sie vertuschen damit den tiefen Hass der NÖP-Leute und der reichen Leute auf dem Lande auf das einfache arbeitende Volk. Es handelt sich um Schwierigkeiten bei der Erfüllung des Plans der Getreideversorgung sowie der Drohung einer Hungersnot, die sich in der zweiten Hälfte der 20er Jahre zu verstärken begannen. In diesen Jahren zeigte sich ein krasses Auseinanderdriften der Vermögenslage auf dem Dorfe. Die Unterschiede zwischen den reichen und armen Bauern verstärkten sich drastisch. Die Dorfarmut und der überwiegende Teil der Mittelbauern lieferten das Getreide zu den staatlichen Preisen akkurat ab. Die Kulaken horteten hingegen Getreideüberschüsse, hielten diese zurück und forderten eine Erhöhung der Preise um das Doppelte bis Dreifache. Ich will hier eine Episode erzählen, über die Stalin den Teilnehmern des Aprilplenums von 1929 des ZK und der Zentralen Kontrollkommission der KPdSU(B) berichtete. Nachdem auf einer Versammlung in Kasachstan ein Agitator die Besitzer von Getreidevorräten zwei Stunden zu überreden versucht hatte, ihr Getreide zur Versorgung des Landes abzuliefern, trat ein Kulak auf und sagte: „Tanz mal Bursche, dann werde ich dir so an die zwei Pud Getreide geben“. (s. J. Stalin, Werke, Band 12, Seite 80, Dietz-Verlag Berlin 1954).

Stalin war kein Anhänger der Politik des bedingungslosen harten Durchgreifens. Auf dem XV. Parteitag der KPdSU(B) sagte er: „Unrecht haben die Genossen, die da glauben, man könnte und müsste mit den Kulaken durch administrative Maßnahmen, durch die GPU Schluss machen: befohlen, gestempelt und basta. Das ist ein leichtes, aber bei weitem nicht wirksames Mittel. Der Kulik muss durch wirtschaftliche Maßnahmen und auf dem Boden der sowjetischen Gesetzlichkeit angepackt werden. Die sowjetische Gesetzlichkeit aber ist keine leere Phrase. Das schließt natürlich die Anwendung gewisser notwendiger administrativer Maßnahmen gegen die Kulaken nicht aus. Aber die administrativen Maßnahmen dürfen nicht an die Stelle der wirtschaftlichen Maßnahmen treten“. (s. J. Stalin, Werke, Band 10, Seite 270, Dietz-Verlag 1953). Die sibirische Kommandoaktion zwang Stalin im Januar-Februar 1928 seinen Standpunkt schärfer zu formulieren. Sie überzeugte ihn offensichtlich von der Notwendigkeit der Ergreifung radikaler Maßnahmen. Dabei leitete ihn aber nicht ein „mythischer Hass“, sondern die sozial-ökonomische Zweckmäßigkeit, der sozial-ökonomische Pragmatismus.

Die Verfasser, die den Unsinn über den Hass Stalins verbreiten, verschweigen in der Regel die Fakten, darunter die Artikel Stalins „Vor Erfolgen von Schwindel befallen“ und „Antwort an die Genossen Kollektivbauern“ von 1930. In ihnen wurden die Fehler in der Kolchosbewegung der rechtzeitigen und gründlichen Überprüfung unterzogen, und es werden die Formen und Methoden ihrer Korrektur aufgezeigt.

Die hauptsächlichen Fehler waren: 1. Die Verletzung des Lenin schen Prinzips der Freiwilligkeit beim Aufbau der Kolchosen; 2. Die Verletzung des Lenin schen Prinzips der Berücksichtigung der Mannigfaltigkeit der Bedingungen in den verschiedenen Gebieten der UdSSR, das heißt des notwendigerweise unterschiedlichen Tempos der Schaffung der Kolchosen; 3. Die Verletzung des Lenin schen Prinzips der Unzulässigkeit des Überspringens nicht abgeschlossener Formen der Organisation der Kollektivwirtschaften.

Die Erklärungen, dass Stalin gewaltsam und im Eiltempo die Kolchosen geschaffen hat, entsprechen nicht der Realität. Die Willkür auf diesem Gebiet wurde von der Parteiführung verurteilt und unterbunden. Das betrifft auch die unangebrachte Übereilung und den an den Tag gelegten Übereifer der Beamten vor Ort. In seinem „Beschluss über das Tempo der Kollektivierung“ vom Januar 1930 unterteilte das ZK das Gebiet der UdSSR in drei Gruppen, wobei sie für die Organisation der Kolchosen reale Fristen von ein bis zu vier Jahren festlegte. Gerade gegen das richtige Schritttempo der Maßnahmen war in einer Reihe von Gebieten verstoßen worden. Die Aktivs wurden vom Übereifer unter der Losung „einholen und überholen“ beherrscht, was zu Versuchen führte, die unzureichenden Faktoren für ein schnelles Tempo der Kolchosbewegung durch ihren eigenen administrativen Übereifer zu ersetzen.

Alles das hat Stalin selbst und nicht Chruschtschow oder Gorbatschow analysiert und bewertet. Ihr Verhältnis zu Stalin ist bekannt. Dies ist ein Verhältnis von Schwätzern und Taugenichtsen, die den Sozialismus und das Vaterland abgefackelt haben, zu einer bedeutenden Persönlichkeit.

Den so genannten demokratischen Schriftstellern folgend, meint Genosse Mursin, dass Stalin den arbeitsamsten und fleißigsten Teil der Bauernschaft vernichtet habe. Hier wurde auch einfach so etwas in die Welt gesetzt, das der Grundlage entbehrt. Nach den Wirtschaftsdaten der zweiten Hälfte der 20er Jahre befand sich das sowjetische Dorf ungeachtet der allgemeinen Erhöhung des Lebensstandards im Ergebnis der Revolution und der NÖP (der Neuen Ökonomischen Politik) immer noch in großer Armut. L.A. Onikow schrieb neulich: „Die Kulakenwirtschaften machten weniger als 4 %, die Mittelbauern 63 %, die armen Bauern 22 % und die landlosen Bauern bzw. Landarbeiter 11 % der bäuerlichen Bevölkerung aus (s. Nesawisimaja Gaseta vom 19.5.1998). Eine niederträchtiges Hirngespinst, das von den „Demokraten“ aufgegriffen wurde, ist auch die Kennzeichnung der Hauptmasse der Mittelbauern und armen Bauern mit Begriffen wie Faulenzer, Tagediebe und Suffköpfe, was man von diesen Herren bei der Verächtlichmachung und Verunglimpfung des russischen Volkes allerdings schon gewöhnt ist. Daran, dass dieser „arbeitsamste Teil der Bauernschaft“, nämlich die Kulakenschaft, ihr Vermögen nicht so sehr durch persönlichen Fleiß, sondern vielmehr durch die Fronarbeit der nicht vermögenden landarmen und landlosen Bauern vermehrte, will sich offenbar niemand erinnern. Aber wer will heutzutage auch schon das einstige Landproletariat verteidigen?

Viktor Koschemjako:

Mit der vorangegangenen Frage von I. F. Mursin hängt auch die Frage 3 zusammen. Sie betrifft die Behauptung, dass im Jahre 1933 ein künstlicher Hunger, also vorsätzlich eine Hungersnot geschaffen wurde. In diesem Jahr gab es aber keine Dürre. Mit welchem Ziel geschah denn das?

Richard Kosolapow:

Wenn jetzt über die Schaffung eines künstlichen Hungers zu Beginn der 30er Jahre gesprochen wird, dann wird dabei nicht die Frage gestellt, wer diesen organisiert hat. Es wird als selbstverständlich unterstellt, dass dieser Hunger durch die Sowjetmacht und durch Stalin ausgelöst wurde, obgleich sich hier tatsächlich das Wirken ganz anderer Kräfte zeigte, die es vorzogen anonym zu bleiben, die sich im Verborgenen hielten, die sozusagen abgetaucht sind.

Der Hunger war eine Folge der Reaktion der Kulaken auf die Kollektivierung. Lesen Sie das Buch von Scholochow „Neuland unterm Pflug“ Der ganze Mechanismus des sich damals entfaltenden Kampfes ist dort mit dokumentarischer Wahrheitstreue festgehalten, ohne dass grundsätzlich etwas hinzugefügt oder weggelassen wurde.

Obwohl eine umfassende Änderung des Vergangenen, die Ablösung einer sozial-ökonomisch überlebten Gesellschaftsordnung durch eine neue Gesellschaftsordnung, praktisch immer von einer vorübergehenden Senkung des Produktionsnivaus begleitet ist, waren hier auch andere Faktoren wirksam. Es war die Agitation gegen die Kolchosen, die zu einem unrationellen Massenabschlachten von Tieren führte, es war die Schädlingsarbeit in der Organisation, die sehr oft unter Terrordrohungen von Banditen stand, es war die Sabotage der Aussaaten im Frühling und allgemein der Flurbestellung. „Das war etwas Schreckliches, das dauerte 4 Jahre,“ bekannte Stalin gegenüber Churchill. „Um den periodischen Hungerzeiten zu entgehen, war es für Rußland notwendig, dass das Ackerland mit Traktoren bearbeitet wird. Wir mussten diesen Weg gehen. Viele Bauern stimmten mit uns überein. Einigen von denen, die sich widersetzten, gaben wir Land im Norden zur individuellen Bearbeitung. Aber der größte Teil von ihnen (derjenigen, die Widerstand leisteten) war sehr unpopulär und wurde von den landlosen und landarmen Bauern selbst zerschlagen...“ (W. Churchill, Der zweite Weltkrieg, Seite 493 - in russischer Übersetzung). Soweit das Zitat aus den Memoiren von Churchill. Die Lebensmittelkrise wurde schon im folgenden Jahr, nämlich 1934, gelöst und darin zeigte sich die Kraft der neu entstandenen Kolchosordnung. Das Novemberplenum des ZK schaffte die Lebensmittelkarten ab. Warum kann man das nicht so darstellen, ohne sich z.B. gleich an Phantasiezahlen von 6 Millionen im Jahre 1933 in der Ukraine in wenigen Monaten verhungerter Menschen zu berauschen? Liest man Scholochow, so kann man den Schluss ziehen, dass damals einige zehntausend Menschen durch Unterversorgung sowie durch konterrevolutionären Terror und revolutionären Gegenterror ihr Leben verloren. Mehr sagten auch glaubwürdige Zeitzeugen nicht aus.

Viktor Koschemjako:

Ich möchte jetzt nicht mit ihnen, Richard Iwanowitsch darüber sprechen, welches Ausmaß von Spekulationen und aller Art von Falschspielerei zum Thema „Stalin und die Wissenschaft“ „Stalin und die Wissenschaftler“ betrieben wurde. Wir können hier auch nicht auf alle Details eingehen. Welche realen negativen Fakten (sagen wir das Verhältnis zur Genetik oder Kybernetik in einer bestimmten Periode) wurden denn zur Basis für die Entfachung solch stürmischer Phantasien in diesem Bereich und wie entstand denn dann im Ergebnis diese wirklich globale Verallgemeinerung, Stalin, der Führer der Kommunistischen Partei und des Sowjetstaates, sei ein völlig rückschrittlicher Mensch, ja eine Ausgeburt der Rückschrittlichkeit gewesen, und warum wird er als der Verfolger alles Neuen und Fortschrittlichen dargestellt. Damit ist somit unsere Frage 4 verbunden: „Stalin habe auch alle progressiv denkenden Wissenschaftler, darunter Wirtschaftswissenschaftler, Agronomen usw. abgrundtief gehasst und ihre Vernichtung angeordnet. Dafür habe er Pseudogelehrte vom Schlage eines T. D. Lysenko gütig behandelt. Wie ist das zu erklären?“

Richard Kosolapow:

In dieser Frage nimmt die Darstellung Stalins als den „grimmigen Hasser“ in allem geradezu die Form eines Schauermärchens an und sprengt alle gerade noch hinnehmbaren Grenzen für unsachliches Verhalten. Die Fakten sprechen vielmehr eine klare Sprache, dass die fortschrittlichen Wissenschaftler, darunter Wissenschaftler mit Weltgeltung, gerade unter der Sowjetmacht in den 20er-40er Jahren die günstigsten Bedingungen für ihr Schöpfertum erhielten. Ich nenne die Namen von Ziolkowski und Pawlow, Joffe und Korolow, Wernadski und Mitschurin, Krylow und Schukowski, Kurtschatow und Tupolew, Strumilin und Varga, Zizin und Wiljams, Grekow und Tarle, Pankratowa und Netschkina. Ich kann sie nicht alle aufzählen. Und was die „Anordnungen zu ihrer Vernichtung“ betrifft, so kann man sagen, dass sie wörtlich aus einer gruseligen Kriminalgeschichte aus den Zeiten der Sklaverei und des Feudalismus stammen könnten. Man muss im Übrigen natürlich wissen, dass Stalin solche Anordnungen nie gegeben hat. Alle (ich betone alle) verantwortlichen Entscheidungen (und umso mehr die Entscheidungen, die das Schicksal von Menschen bestimmten) traf er nur nach Beratung und Abstimmung mit anderen verantwortlichen Personen.

Nicht so einfach verhält sich die Sache in Bezug auf den genannten T. D. Lysenko. Als erfahrener Agrarwissenschaftler pries er seine Methoden zur Jarowisierung von Getreide und Sommersaaten von Kartoffeln an, die dem Sowjetstaat besonders in den Zeiten des Großen Vaterländischen Krieges halfen, das Lebensmittelproblem erfolgreich zu lösen. Die Forschungsergebnisse dieses Spezialisten und Praktikers und ihr realer Nutzen wurde auf dem Hintergrund von akademischen Experimenten einer Reihe von Wissenschaftlern der Genetik in den Jahren beobachteter Mutationen bei der Gattung von Taufliegen (Drosophila) positiv herausgestellt (die Gattung der Drosophila melanogaster war in der klassischen Genetik ein bevorzugtes Zuchtobjekt zum Studium der Chromosomen). Stalin beging einen Fehler, als er T.D. Lysenko uneingeschränkt Glauben schenkte und ihn als potentiellen Theoretiker überschätzte. Die Ansprüche von Lysenko auf die schöpferische Entwicklung des Darwinismus, und darum ging es ja damals, haben sich in der Folgezeit nicht gerechtfertigt. Das charakterisiert aber von daher nicht das Verhältnis Stalins zur Wissenschaft insgesamt.

Wir sollten gerade das Aufblühen der sowjetischen Wissenschaft in der Stalin-Ära angesichts der Tatsache würdigen, dass Rußland inzwischen seine führende Rolle auf dem Gebiet der Raketen- und Weltraumtechnik, der Kernenergietechnik und Elektronik verliert und schon weitgehend verloren hat. Und Rußland hat auch seine führende Rolle in der wissenschaftlichen Ausbildung eingebüßt.

Es gab auch Wissenschaftler, darunter bedeutende Wissenschaftler, die Opfer von Repressalien wurden. Aber bei allen diesen Vorgängen muss man sich konkret und detailliert mit den Einzelfällen befassen. Anderenfalls könnte sich manch ein Opfer als falscher Zeuge und demagogischer Schwindler erweisen.

Viktor Koschemjako:

Die Frage 5 - Diese betrifft eine Reaktion auf einen von Ihnen geäußerten Gedanken im vorangegangenen Gespräch. Es handelt sich um die Schädlingsarbeit fremder Elemente, die in die Justiz- und Sicherheitsorgane eingedrungen sind. Der Verfasser des Briefes ist der Meinung, dass dies nicht so gewesen ist und auch nicht so gewesen sein konnte. Er schreibt: „Wenn Trotzkisten in die Organe der Tscheka, der OGPU und des NKWD eindringen konnten, dann doch nicht unter Stalin. Zutreffen kann das nur noch auf Jagoda, den NKWD-Chef bis 1936. Bekannt ist doch, dass N. Jeschow und L. Berija, die nachfolgenden NKWD-Chefs, von Stalin persönlich ausgewählt worden sind.“

Richard Kosolapow:

Die Trotzkisten und die mit Trotzki zusammenarbeitenden Zionisten waren noch in großer Zahl vor Stalin bzw. bevor Stalin in der sowjetischen Führung eine entscheidende Rolle zu spielen begann, in die Organe des Sicherheitsapparats eingetreten. Aber es handelt sich nicht nur um diese. Ich schrieb auch über den Gendarmeriechef von Zar Nikolaus II F. Dschunkowskij und seine Kollegen, über einen Teil des alten zaristischen Offizierskorps, die es als sog. Spezialisten in die Untersuchungsorgane des Sicherheitsapparats zog. Es gab auch eine Instruktion der Emigrantenzentren der Weißgardisten an ihre Agentur in der UdSSR, nach besten Kräften in die sowjetischen Rechtsschutzorgane einzudringen und dort die Positionen auszubauen. Gerade diese sprengstofförmige Mischung von Kadern war für viele dramatische Kollisionen der 30er Jahre vorausbestimmend. Und niemand, auch nicht der allmächtige Stalin, konnte die davon ausgehenden Gefahren vollständig ausschließen.

Richtig ist, dass Jeschow und Berija von Stalin persönlich ausgewählt worden sind. Damit zogen aber die Dzerzynski- und Menschinski-Kader und vor allem die Jagoda-Leute nicht von dannen. Jeschow spielte bei der Ausräumung des trotzkistischen Untergrunds eine bedeutende Rolle, aber dann überschritt er in verbrecherischer Weise seine Kompetenzen. Dafür wurde er bestraft. Berija trug in den Jahren 1938-1940, als er Volkskommissar für Inneres (NKWD-Chef) der UdSSR war, viel zur Rehabilitierung und Freilassung unschuldig verurteilter Personen bei. Er erwies sich als großer Organisator während des Großen Vaterländischen Krieges (im Staatlichen Komitee für Verteidigung war er für die Produktion von Flugzeugen und Motoren, für die Aufstellung und Verlegung von Luftwaffeneinheiten, für die Erzeugung von Ausrüstungen und Munition usw. verantwortlich).

Nach dem Kriege galt er als der erste Kurator, der oberste Schirmherr der Atomindustrie, aber mehr als das war er für seine Brutalität und sein Intrigantentum berüchtigt. Bis heute bleibt er eine der rätselhaftesten Figuren in der Umgebung von Stalin, der übrigens eine schicksalhafte Rolle am Ende von dessen Leben gespielt hat.

Aus vielen Veröffentlichungen geht hervor, dass Stalin am Abend des 1. März 1953 ein Schlaganfall ereilte, wobei er sich in seinen Zimmern völlig allein befand. Die Wache entdeckte das erst nach 22 Uhr. Es dauerte lange, bis überhaupt irgendjemand von der oberen Führung angerufen wurde. Erst nach Mitternacht, etwa um 3 Uhr des 2. März, kamen Malenkow und Berija. Am Diwan stehend, auf dem der Kranke lag, beschlossen die Genossen zu gehen, wobei Berija den Chef der Leibwächter Losgatschow anherrschte: „Was verbreitest du bloß für eine Panik. Du siehst doch, dass Stalin nur tief schläft! Für uns gibt es keinen Anlass mehr zur Unruhe und störe den Genossen Stalin nicht!“

Erst nach 9 Stunden erschienen die Ärzte. Stalin lag etwa 12 Stunden ohne Bewusstsein, ohne medizinische Aufsicht und Hilfe. Ein solches Verhalten von „Mitstreitern“ Stalins war gleichbedeutend mit einer bewussten, d. h. kriminellen Herbeiführung seines Todes.

In der letzten Zeit seines Lebens hatte Stalin es gestattet, dass zwei seiner nächsten Vertrauten, nämlich sein Sekretär Poskrjobyschew und der Leiter des Personenschutzes Wlassik, der sich schon seit der Zeit der Kämpfe von Zaryzin 1918 bei Stalin befand, aus dem Kreis seiner engsten Mitarbeiter entfernt wurden. Stalin befand sich von nun an in einer Art Isolation. Von ehemaligen Mitarbeitern der Geschäftsleitung des ZK der KPdSU ist mir bekannt, dass bei der Durchsuchung der Datsche in Wolynsko, die ich gut kenne, nach Stalins Tod auf dem Boden seines Baderaumes Quecksilber entdeckt wurde. Dämpfe mit Quecksilber sind schwerer als Luft. In einen Raum gelassen, wirken sie sich schädlich auf die Gesundheit der Bewohner aus, senken die Arbeitsfähigkeit und den Lebenstonus, verschlechtern die Nierentätigkeit usw.. Ein Arzt, den ich in dieser Frage konsultierte, sagte mir: „ Ich glaube das zwar nicht ohne weiteres, doch wie war der Personenschutz Stalins.“ Ohne Wlassik war doch offenbar alles möglich.

Es ist kaum ein Zufall, dass die Kampagne zur Diskreditierung Stalins von niemand anderem als Berija begonnen wurde - anhand von Dokumenten, die mit der so genannten Ärzteverschwörung zusammenhängen, ist das leicht nachzuweisen. Über Quecksilber in der Datsche Stalins ist bis heute nicht geschrieben worden, und bis jetzt besteht auch keine Hoffnung, dass irgendjemand darüber eine qualifizierte Untersuchung durchführt.

Man sagt, dass Stalin dem von ihm geschaffenen bürokratischen System zum Opfer fiel. In einem gewissen Sinne kommt das der Wahrheit nahe. Aber er verstand es auch, wenn auch nicht ohne Mühe, dieses System zur rechten Zeit zu zerbrechen und die Lage in der Hand zu behalten, zumindest solange seine Gesundheit nicht untergraben war. Das ist mehrfach festzustellen. Es genügt daran zu erinnern, wie er und gerade er und kein anderer, im Jahre 1938 die provokanten Beharrungskräfte der Repression überwand und wie schon im Jahre 1942 das Problem der militärischen Kommandokader gelöst war.

Stalin konnte nicht umhin, zu begreifen, dass er, der eine gewaltige Verantwortung trug, früher oder später zum Objekt von Hinterfragungen und Kritiken werden wird, und darüber berichtete insbesondere Marschall I. S. Konew gegenüber K. M. Simonow. Nachdem Stalin zu Beginn der Moskauer Schlacht einen ernsten taktischen Fehler zugelassen und diesen erkannt hatte, rief er die Westfront an und sagte heftig erregt folgendes: „Genosse Stalin ist kein Verräter, Genosse Stalin ist ein ehrlicher Mensch, sein alleiniger Fehler bestand darin, dass er den Kavalleristen zu sehr vertraute. Genosse Stalin wird alles tun, um die verfahrene Lage wieder in Ordnung zu bringen.“ (Simonow, K. M., Mit den Augen eines Menschen meiner Generation, Moskau, 1989, Seite 398 - russisch). Simonow und Konew hätten kaum recht, wenn sie in diesen Worten der äußersten Erregung Stalins das Fehlen des Willens Stalins zum Sieg gesehen hätten, aber eine Erregung, die fast bis zur Hysterie ging, konnte man daraus heraushören. Bildlich gesprochen, Stalin führte sich nicht wie ein Gott, er wusste, dass er auch nur ein Mensch ist.

Stalin ist eine heroisch-tragische Gestalt der Geschichte. Aber das Wesentliche, was sich dann auf unser gesamtes Schicksal auswirkte und für das man ihn tadeln müsste, was ihm aber auch nicht als alleinige und volle Schuld anzurechnen ist, sind Fehler in der Personalpolitik: Bei der Formierung eines hervorragenden, ja einzigartigen Offizierskorps der Roten Armee in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges stand er auf der Höhe seiner Aufgaben, aber er hinterließ keine vergleichbar gute Führungsmannschaft in der Parteiführung. A. I. Mikojan schreibt in seinen Erinnerungen: „Stalin schlug vor, dass jeder von uns 5-6 hervorragende Persönlichkeiten aus den Reihen seiner Mitarbeiter vorbereiten sollte, und zwar solche, die uns ablösen könnten, wenn das ZK das für erforderlich hielt. Er wiederholte diesen Vorschlag mehrfach und bestand auf seine Verwirklichung.“ (Pribytkow, W.W., Der Apparat, SPb 1995, Seite 81 - russisch). Wie aber aus den Ergebnissen ersichtlich ist, kam Stalin in diesem Fall mit der Bürokratie nicht zurecht. Darin liegt auch sein persönliches Drama und im Endeffekt das Drama der ganzen Sowjetunion.

Viktor Koschemjako:

Zur folgenden Frage 6, die wir schon im vorangegangenen Gespräch anschnitten. Es bleibt aber eine Frage, die sehr ernst und schmerzhaft ist. Der Verfasser des Briefes hält sich nicht mit seiner Ironie bezüglich der Position, die Sie dazu einnehmen, zurück. Er schreibt: „Stalin sorgte sich um die Stärkung der Roten Armee. Dafür war es erforderlich, 40000 Kommandeure und Politkommissare zu vernichten, und das in einer Zeit als der Krieg an unsere Haustür klopfte. Vernichtet wurden alle hervorragenden Heerführer des Bürgerkrieges. Sie sollen plötzlich alle Volksfeinde gewesen sein? Feinde welchen Volkes waren sie denn? Noch zu Beginn des Großen Vaterländischen Krieges wurden die Militärkader vernichtet, die aus dem Spanischen Bürgerkrieg kamen. Sie waren dem Genossen Stalin offenbar ebenfalls im Wege.“

Richard Kosolapow:

Ich will hier nicht wiederholen, was ich bereits mehrfach über die Version der Militärverschwörung gesagt und geschrieben habe. Darauf habe ich bereits insbesondere im Gespräch mit Ihnen auf den Seiten der Prawda in der Entgegnung an Professor L. A. Kljatschko und in der Antwort auf die erste Frage von I. F. Mursin geantwortet.

Ich möchte feststellen, dass der Begriff „vernichten“ von den „Meistern der psychologischen Kriegsführung“ jetzt in Bezug auf alle verwendet wird, die in den 20-30er Jahren in irgend einer Form einer Bestrafung unterzogen wurden, und zwar angefangen von einer Rüge der Gewerkschafts- und Komsomolorganisation, einer kritischen Bemerkung an der Wandzeitung bis zur Erschießung. Gerade aus dieser „Statistik“ haben die fanatischen Antistalinisten bisweilen Opferzahlen abgeleitet, die die Anzahl der arbeitsfähigen Bevölkerung übertrafen. Es gab also mehr vernichtete Opfer, als im Arbeitsprozess stehende BürgerInnen. Das was I.F. Mursin „die Vernichtung von 40000 Kommandeuren und Politkommissaren von 1937-1940 nennt, waren in Wirklichkeit 36898 Entlassungen von Angehörigen des Offizierskorps, die vom Volkskommissar für Verteidigung aus folgenden Gründen vorgenommen wurden.

1. Altersgründe, 2. unzureichender Gesundheitszustand, 3. Disziplinarverstöße, 4. moralische Verfehlungen und moralische Labilität, 5. mangelndes politisches Bewusstsein und fehlende politische Zuverlässigkeit. Davon wurden 9579 verhaftet. Es war nur natürlich, dass viele Entlassene und auch Verhaftete Beschwerden oder Widersprüche bzw. Einsprüche einlegten, die von einer dafür eigens geschaffenen Kommission unter der Leitung von E.A. Schtschadenko (seinerzeit Leiter der Hauptverwaltung für Kader des Volkskommissariats für Verteidigung) geprüft wurden. Im Ergebnis dieser Überprüfungen waren zum 1. Mai 1940 12461 Kommandeure wieder eingestellt worden, darunter 10700 aus politischen Gründen Entlassene. Zum 1. Januar 1941 waren es fast 15000. Aus der Haft entlassen wurden mehr als anderthalbtausend Offiziere. Zum Tod durch Erschießen wurden 70 Personen verurteilt. (s. Militärkader des Sowjetstaates im Großen Vaterländischen Krieg 1941-1945, Moskau 1951 - russisch).

Genosse Stalin sagte in einem Kommentar zu diesen Vorgängen im Mai 1941: „Man kann den Genossen Woroschilow natürlich verstehen. Der Verlust der Wachsamkeit ist eine äußerst gefährliche Sache. Um einen erfolgreichen Angriff an der Front durchzuführen, sind Hundertausende von Soldaten erforderlich, um ihn aber zum Scheitern zu bringen, genügen 2-3 Verräterschweine im Generalstab. Das hat aber nicht die Entlassung von 40000 Kommandeuren der bewaffneten Organe gerechtfertigt, - das war nicht nur eine außergewöhnliche, sondern auch eine in jeder Beziehung äußerst schädliche Maßnahme. Das Zentralkomitee hat das Vorgehen des Genossen Woroschilow korrigiert.“

Nach den Worten Stalins ergibt sich auch folgendes: „Im Jahre 1938 waren nach den Paragraphen über konterrevolutionäre Verbrechen von den Organen des NKWD 52372 Personen verhaftet. Bei der Durchführung der Gerichtsverfahren wurden von den Justizorganen 2731 Personen verurteilt, davon 89 zum Tode durch Erschießen. 49641 Verhaftete und Angeklagte wurden freigesprochen. Eine so hohe Zahl von Freisprüchen hat bestätigt, dass der ehemalige Volkskommissar des Inneren (des NKWD) Genosse Jeschow viele Menschen ohne hinreichende Gründe verhaften ließ. Hinter den Rücken des ZK gab es Willkür.“ (s. J. W. Stalin, Gesammelte Werke, Band 15, Seite 32 - russisch). Man vergleiche diese Zahlen mit den in die Welt gesetzten Horrorzahlen des angeblichen Stalinschen Terrorregimes, und man beachte, dass Stalin dem Genossen Jeschow in seinen Ausführungen vor Kadern der Sicherheits- und Justizorgane nicht einmal Massenmorde, sondern nur unbegründete Verhaftungen vorwarf. Genau das war in den Jahren 1938-1940 nach Berichten von Zeitzeugen auch das eigentliche Thema bei Repressionen, und gar nicht die vielen angeblich unschuldig zum Tode Verurteilten.

Aber das war nur die eine Seite der Sache, die von den antisowjetischen Kräften blindwütig hochgespielt wurde.

Die andere Seite bestand darin, dass dennoch das Hinterland für den Fall eines Krieges gestärkt werden musste. Wie W. I. Nedaschkowskij und E. D. Ojaperw schrieben, hat Hitler auf einer Beratung gegen Ende des Krieges zur Rechtfertigung seiner Niederlage an der Ostfront (der sowjetisch-deutschen Front) gesagt, „dass eine ihrer Hauptursachen darin bestand, dass Stalin 1937 seine 5. Kolonne in Rußland erschießen ließ.“ („Wahrheit und nur eine Wahrheit“, vor der wir uns verneigen!, Dnepropetrowsk 1997, Seite 108-russisch).

Es gibt beispielsweise einen Fakt, der mit dem so oft genannten und beklagten Tuchatschewskij zusammenhängt. Tuchatschewskij machte 1936 bei seiner Rückkehr von den Trauerfeierlichkeiten anlässlich der Beerdigung des englischen Königs Georg V in Paris Zwischenstation. Hier erklärte er bei einer Begegnung mit dem rumänischen Außenminister: „Vergeblich, Herr Minister, verbinden Sie Ihre Karriere und das Schicksal Ihres Landes mit dem Schicksal solcher alten am Ende befindlichen Staaten wie Großbritannien und Frankreich. Wir müssen uns auf das neue Deutschland orientieren. Deutschland dürfte schon in kurzer Zeit Hegemonialmacht in Europa sein. Ich bin überzeugt, dass Hitler die Rettung für uns alle bedeutet“. (s. „Sowjetskaja Rossija“ vom 3.7.1997). Das ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern dokumentarisch belegt. Nun, verstehen Sie, Stalin wäre ein erbärmlicher Dummkopf gewesen, wenn er nicht bemerkt hätte, wohin die Reise mit dem „hervorragenden Heerführer des Bürgerkrieges“ ging...

Was die Strafen angeht, die zu Beginn des Großen Vaterländischen Krieges Militärkader erhielten, die aus Spanien kamen, so betraf das eben solche, die die Zerstörung unserer Flugzeuge direkt auf den Flugplätzen zuließen. Diese Erfolge wurden von den Nazis unerwartet und überraschend erzielt, und zwar auch durch das verräterische Verhalten von führenden Militärs wie Smuschkewitsch, im spanischen Bürgerkrieg als General Douglas bekannt. Es gab unter den Spanienkämpfern aber auch eine andere Einstellung zu den militärischen Pflichten. Diese zeigte die Kriegsflotte unter dem Kommando von N. G. Kusnezow, die den ersten Angriff des Feindes kühn abwehrte. Ich verstehe die Ironie von I. F. Mursin. Aber sie geht von Fehlinformationen aus. Natürlich störten den Genossen Stalin nicht die Veteranen des Spanienkrieges, dennoch gab es einige unter ihnen, die an Stalin und am ganzen Sowjetvolk Verrat begingen.

Viktor Koschemjako:

Wir kommen nun zur Frage 7. Sie ist unter dem von I. F. Mursin gestellten Fragenkomplex für die Leser auch nicht neu. Das gilt in dem Sinne, dass die Leidenschaften um sie über viele Jahre mit zornigem Übereifer angefacht wurden. Auch in der Publizistik und in künstlerischen Werken des Typs „Die Kinder des Arbats“ wurde sie hochgespielt. Der Verfasser eines anderen Briefes, den ich in den Händen halte, stellt die Frage folgendermaßen: „Stalin ließ die Inquisition wiederaufleben oder genau genommen, er hat sie neu geschaffen. Wie war das mit der Stalinschen Verfassung vereinbar? An der Spitze der Inquisition standen der Menschewik Wyschinski und der Henker Ulrich.“

Richard Kosolapow:

Der Begriff Inquisition stammt in diesem Zusammenhang aus dem literarischen Schaffen von A.N. Jakowlew und seinesgleichen. Er wendet ihn bis heute bei der negativen Bewertung der gesamten Tätigkeit der Tscheka, GPU, OGPU, NKWD, des MGB und KGB an. Der Umstand, dass die Tätigkeit aller Sicherheits- und Straforgane, die es in der Geschichte gegeben hat und gibt, viel Gemeinsames aufweist und auch irgend etwas mit inquisitorischen Maßnahmen zu tun hat, unterliegt keinem Zweifel. Hier ist dieser Terminus aber darauf angelegt, die Tätigkeit der Tscheka-Organe, der Organe, die Dzierzynski geschaffen hat und die auf diese oder jene Weise die Aufgaben des Klassenkampfes erfüllt haben, außerhalb einer historischen Betrachtung, sozusagen ahistorisch anzugreifen, anzuschwärzen und zu diskreditieren.

Natürlich ist die Inquisition ganz offenkundig mit der sowjetischen Verfassung nicht vereinbar, die von 1936-1977 in Kraft war. Aber dass es bei uns so etwas wie Inquisition gegeben hat, muss noch im Detail belegt werden. Auf Auskundschaftung kann übrigens kein Sicherheitsdienst der Welt verzichten.

Es hat wenig zu sagen, dass der ehemalige Generalstaatsanwalt der UdSSR Wyschinski ein Menschewik gewesen ist. Daraus lässt sich noch nicht viel ableiten, was seine spätere Tätigkeit betrifft. Man muss seine Arbeit schon konkret unter die Lupe nehmen. Viele bedeutende Parteifunktionäre, die sich in der Folgezeit im Kampf hervorragend bewährten, waren in ihrer Vergangenheit Menschewiken, Trotzkisten sowie auch Gottgläubige oder Gottessucher usw. Das gilt z. B. für Sagorski und Wolodarski, Uritzki und Andreew, Pokrowski und Dzierzynski, Lunatscharski und Bogdanow, Majski und Saslawski u. a. Sie alle waren originäre und auf ihre Art talentierte Persönlichkeiten. Wenn man sich bei ihnen nur auf einen Lebensabschnitt ihrer Vergangenheit beschränkt, lassen sie sich nicht charakterisieren. Ich will mich hier nicht über den Begriff der „ Henker Ulrich“ auslassen. Er war Vorsitzender des Obersten Gerichts der UdSSR. Wahr ist, dass sich Stalin ihm gegenüber ziemlich kritisch verhielt. (s. J. W. Stalin, Gesammelte Werke, Band 15, Seite 34-35-russisch)

Für die vollständige Beurteilung dieser Person brauchen wir noch mehr repräsentatives und beweisfähiges Material.

Viktor Koschemjako:

Kommen wir nun zur Frage 8. Sie lautet wie folgt: „Auch nach Beendigung des Großen Vaterländischen Krieges arbeitete die Inquisition mit voller Kraft. Ich erinnere nur an die Lenin grader Affäre.“

Richard Kosolapow:

Ich muss an ein Buch denken, das meiner Meinung nach hochinteressant ist und diesen Vorgang ziemlich überzeugend behandelt. Es ist das Buch von W. M. Schuchrai „Stalin: Wahrheit und Lüge“ , Moskau 1996, Seite 299-308- russisch. Man muss aber noch etwas anderes berücksichtigen, und zwar dass hier einige bislang noch unbekannte Motive und Momente hinzukommen.

Stalin selbst förderte die talentierten Lenin grader Wosnessenski und Kusnezow und wirkte darauf hin, dass sie auf die höchsten Posten in Staat und Partei kamen. Er beging eine Unvorsichtigkeit, als er seiner Umgebung zu verstehen gab, dass er Wosnessenski künftig als den ersten Mann der Regierung und Kusnezow als den ersten Mann der Partei ansieht. Stalin hatte hier eine Nachfolgeregelung getroffen, wie vorher schon mit Shdanow. Währenddessen beobachtete gerade Berija solche Vorgänge mit besonderer Aufmerksamkeit.

Überliefert ist eine sehr aufschlussreiche Anekdote, deren Echtheit belegt ist. Stalin schätzte das Organisationsvermögen des Ministers für Kohlebergbau A.F. Sasjadko sehr hoch ein. Dieser war aber ein starker Konsument alkoholischer Getränke, worauf Berija nachhaltig seine Aufmerksamkeit richtete. Er hinterbrachte Stalin, dass Sasjadko gerne zum Glas greift und das nicht nur einmal. Stalin schwieg zunächst und gab dann seinem „Fouché“ eine völlig unerwartete Abfuhr (Fouché war Polizeiminister Napoleons I.). Bei einem erneuten Telefongespräch mit Berija legte Stalin eine Pause ein und sagte dann: „dass Genosse Sasjadko trinkt, wissen wir, aber dir glauben wir in diesem Fall nicht...“. Berija verschlug es die Sprache.

Etwas Ähnliches ereignete sich höchstwahrscheinlich auch bei den Versuchen, die Stellung der Lenin grader zu untergraben. Man hat mir gesagt, dass Stalin nicht die Erlaubnis zur Verhaftung von Wosnessenski erteilt hat, dann aber zugestimmt haben soll und schließlich das Verfahren noch einmal überdachte. Da war es aber bereits zu spät. Das Ministerium für Staatssicherheit handelte superschnell. Wie ein großer Teil der von mir dargestellten historischen Vorgänge ist auch dieser Fall noch nicht voll erforscht, obwohl er freiweg zu vordergründig antisowjetischen Zielen instrumentalisiert wird. Das letzte Wort ist hier noch nicht gesprochen und es erhebt sich die Frage, ob es jemals gesprochen werden kann. Voll aufgeklärt werden muss noch die Rolle von feindlichen Agenten im damaligen Ministerium für Staatssicherheit der UdSSR.

Viktor Koschemjako:

Wir können jetzt schon ein Fazit des Gesprächs ziehen, das wir so lange und ausführlich geführt haben. Was denken Sie insgesamt über den Brief von I. F. Mursin?

Richard Kosolapow:

Meiner Meinung nach sind sowohl L. A. Kljatschko, mit dem wir vorher zusammen in der Redaktion der „Prawda“ gesprochen haben, als auch I. F. Mursin typische Opfer der vulgären Dämonisierung Stalins.

Chruschtschow brauchte die Dämonisierung Stalins für die Erreichung seiner äußerst engstirnigen politischen und politikasterhaften Ziele, und wegen der strategischen Kurzsichtigkeit der Breschnewschen Führung der KPdSU und des Sowjetstaates sowie auf Grund des offenen Verrats der Gorbatschow-Bande wurde aus ihr eine totale antimarxistische, anti Lenin istische, antisozialistische, antiproletarische und antirussische Ideologie gemacht. Der Antistalinismus wurde zur Hauptwaffe der Konterrevolution.

Viktor Koschemjako:

Zum Schluss würde ich gerne Ihre Meinung zu einer so brisanten und vielleicht auch heiklen Frage hören, und zwar welche Rolle Stalin selbst bei der Schaffung des Personenkults gespielt hat.

Richard Kosolapow:

Auch hierüber gibt es viel Herbeigeredetes und weit von der Realität Entferntes. Nehmen wir die Demagogie Chruschtschows „über die Rolle Stalins als Autor und Redakteur, als einer der Hauptverfasser seiner lobpreisenden Biographie“ („Licht und Schatten eines großen Dezenniums“, Chruschtschow und seine Zeit, Lenin grad 1989, Seite 94-russisch).

Zu diesem Thema wurden bis heute nicht genügend Zeugnisse abgelegt, die diese Behauptungen widerlegen, aber sie gibt es. Ich will auf die von Stalin vorgenommene Korrektur des Entwurfs des Buches Josef Wissarionowitsch Stalin, Kurze Biographie (1947) (s. J. W. Gesammelte Werke, Band 16, Seite 70-90) eingehen, die das Pathos der Lobhudler stark dämpfte. Aber noch wesentlich interessanter und überzeugender sind in diesem Zusammenhang die Aufzeichnungen des Gesprächs des Autorenkollektivs mit Stalin, die von dem Historiker W. D. Motschalow anhand der unmittelbaren Erinnerungen vom 23. Dezember 1946 gemacht wurden.

„Die Meinung Stalins: Es gibt sehr viele Fehler. Der Ton ist nicht gut und nach Art der Sozialrevolutionäre aufgezogen. Von mir stammen alle Lehren bis zu jeder Lehre über die konstanten Faktoren des Krieges. Es stellt sich heraus, dass ich eine Lehre über den Kommunismus geschaffen habe, als ob Lenin , sehen sie, nur über den Sozialismus und nie über den Kommunismus gesprochen hätte. Und ich wäre es dann gewesen, der über den Kommunismus geschrieben und gesprochen hat. Weiter, es wird so dargestellt, als ob die Lehre über die Industrialisierung des Landes und die Kollektivierung der Landwirtschaft von mir stammt usw., usw. Tatsächlich gebührt gerade Lenin das Verdienst, die Problemstellung der Industrialisierung unseres Landes aufgeworfen zu haben. Das gilt auch betreffs der Frage über die Kollektivierung der Landwirtschaft usw. Es gibt in dieser Biographie viel Lob und Übertreibungen der Rolle der Persönlichkeit. Was soll der Leser nach dem Lesen dieser Biographie tun? Soll er auf die Knie fallen und mich anbeten? Ihr erzieht die Menschen nicht im Geist des Marxismus. Anbeter von Idolen brauchen wir nicht.

Die Sache wird dann noch so dargestellt, dass ich die Lehre über die beständigen und zeitweiligen Faktoren des Krieges geschaffen habe, während in jedem militärgeschichtlichen Werk darüber geschrieben wird. Es kann sein, dass ich manches stärker und definitiver herausgestellt habe, aber das ist dann auch alles.“ (Unter beständigen oder konstanten Faktoren des Krieges verstand Stalin z. B. die Festigkeit des Hinterlandes, den moralischen Geist der Armee, die Anzahl und Qualität der Divisionen, die Bewaffnung, die organisatorischen Fähigkeiten der Kommandeure, während zu den zeitweiligen oder nur vorübergehend wirkenden Faktoren z. B. das Überraschungsmoment des Überfalls der Faschisten auf die Sowjetunion gezählt wurde).

„Wir haben die Lehre von Marx und Lenin . Zusätzliche Lehren brauchen wir nicht. Menschen sollen nicht zu Sklaven erzogen werden, aber bei euch gibt es dazu Tendenzen. Und wenn es mich nicht gibt? Ihr erzieht die Menschen nicht zur Liebe zur Partei. Wenn es mich nicht mehr gibt, was wird dann?“

W. D. Motschalow schreibt weiter: „Stalin lag eine reichhaltig ausformulierte und illustrierte Ausgabe seiner Biographie vor. Darauf zeigend, fragte Genosse Stalin. „Für wen ist eine solche Ausgabe gedacht?“ Genosse Alexandrow, Leiter der Abteilung für Agitation und Propaganda des ZK der KPdSU(B) versuchte sich in der Rechtfertigung einer nicht großen Auflage einer illustrierten Ausgabe und sagte, dass sie für Bibliotheken, Klubs usw. notwendig sei. „Es gibt bei uns Hunderttausende von Bibliotheken“, sagte Genosse Stalin darauf. „Von einer solchen Ausgabe kann man einen Brechreiz bekommen. Bezüglich Baku wird gesagt, dass dort bei den Bolschewiken nichts los war, und ich brauchte nur zu erscheinen und alles änderte sich sofort. Einer hat alles aufgebaut. Man kann es glauben oder auch nicht glauben. Wie war es nun tatsächlich? Es war erforderlich, Kader zu schaffen. Solche bolschewistischen Kader haben sich in Baku formiert. Die Namen dieser Leute habe ich an entsprechender Stelle genannt. Das gilt auch für einen anderen Zeitabschnitt. Auch solche bolschewistischen Kader wie Dzierzynski, Frunse und Kuibyschew haben gelebt und gewirkt, aber über sie wird nicht geschrieben, sie fehlen.

Was den Zeitraum des Großen Vaterländischen Krieges anbelangt, so war es erforderlich, fähige Menschen zu finden, in den entsprechenden Funktionen einzusetzen und sie für ihre Aufgaben zu stählen. Solche Leute wurden um das Oberste Kommando der Roten Armee geschart.

Nirgendwo ist klar gesagt, dass ich ein Schüler Lenin s bin. Das ist nicht verständlich... nur irgendwo entlegen wird etwas davon erwähnt. Darüber habe ich in dem bekannten Gespräch mit Ludwig klare Worte gesprochen. Ich bin ein Schüler Lenin s, bei Lenin bin ich in die Lehre gegangen und nicht umgekehrt. Niemand kann sagen, dass ich kein Schüler Lenin s bin. Lenin hat den Weg begründet und den Weg gewiesen, und wir haben diesen vorgegebenen Weg beschritten.“

Viktor Koschemjako:

Ja, das ist wirklich sehr interessant, und es ist auf stalinsche Art ausdrucksvoll.

Richard Kosolapow:

Es ist ein beredtes Bild! Man kann natürlich sagen, dass sich Stalin nicht konsequent verhielt und trotzdem für sich schmeichelhafte Bewertungen zuließ oder vielleicht auch selbst hineinschrieb. Doch auch hier sollte man, wie Hegel sagte, dialektisch denken und nicht vom Standpunkt einer engen und lakaienhaft psychologischen Betrachtungsweise des Seins, sondern aus einer sozialen Sichtweite aus urteilen. Im vorliegenden Fall haben wir es mit einer Situation zu tun, wo ein Mensch seine gesellschaftspolitische Autorität, die unzweifelhaft im jahrzehntelangen Kampf verdient, mit Leiden und Leidenschaft erkämpft und aufgebaut worden war und die im Volk eine zusammenschweißende, einigende und stabilisierende Rolle spielt, von der eigenen irdisch vergänglichen Person trennt. Seit einiger Zeit fasste er diese Autorität gewissermaßen als gesondertes kollektivierendes und integrierendes Gut auf, wies ihr eine Integrationsfunktion zu, wobei ein Angriff auf diese den positiven Prozessen und dem Allgemeinwohl Schaden zufügen kann. Er wusste, dass Autorität auch abblättern, vergänglich sein kann.

Stalin rügt seinen Sohn Wasili, der als Flieger tapfer gekämpft hat, aber von Freunden und Vorgesetzten verwöhnt wurde und sich viel Überflüssiges leistete. „Denkst du, dass du Stalin bist,“ spricht der Vater im Zorn. „Du denkst ich bin Stalin?“ Er stößt mit den Fingern sein Porträt an und ruft aus: „Stalin, das ist er! Wir haben die Pflicht, auf dem Boden zu bleiben und die Aufgaben zu erfüllen, zu denen unser menschliches Dasein uns bestimmt“. Diese kleine Szene verdeutlicht die ganze Anatomie des Problems. Die Probleme sind nie einfach und müssen jedes Mal auf verschiedene Weise angepackt werden. Wie haben denn in den nachfolgenden Jahren Chruschtschow, Breschnew, Gorbatschow mit Raissa Maximowna und Jelzin ihren Kult gepflegt und was bleibt davon im Endeffekt? Es bleiben bei den letztgenannten die vergänglichen Effekte von Individuen, die in einer Staats- und Parteimaschinerie gearbeitet haben, und das mit negativen Ergebnissen, und nicht die Folgewirkungen von eigenem Heroismus und eigener Konstruktivität.

Und hier kann man sagen, was man will. Ehrgeiz ist eine Eigenschaft, die in diesem oder jenem Grade allen normalen Menschen eigen ist, während Eitelkeit und Ruhmsucht oder Prunksucht - das Los von moralisch verdorbenen Menschen - völlig verschiedene und mit ersterem unvereinbare Dinge sind. Ehrgeiz führt zu Schöpfertum. Eitelkeit und Ruhmsucht sowie Prunksucht orientieren auf den Verbrauch, sie verleiten zum Verprassen von Gütern. Schöpfertum, Kreativität kennen keine Grenzen in Raum und Zeit. Der Verbrauch, das konsumptive Verhalten ist an ein Amt, einen Posten gebunden, den man missbrauchen kann. Sie enden mit dem Ende des Postens. Ein eng auf einen Posten abgestellter Ruhm kippt mitunter sehr schnell in bloße Ruhmlosigkeit und Schande um.

Viktor Koschemjako:

Dessen waren wir im Leben oft Zeugen, und zwar auf der örtlichen Ebene, auf der Gebietsebene und sogar leider auch auf der gesamtstaatlichen Ebene. Wie viele künstlich aufgeblasene und aufgebauschte Seifenblasengestalten sind vor unseren Augen zerplatzt!

Richard Kosolapow:

So ist es. Wenn ich auf die Fragen zurückkomme, die von I. F. Mursin gestellt wurden, so muss ich feststellen, dass sie alle im konkreten historischen Kontext studiert werden müssen, und zwar angewandt auf die Zusammenhänge und Umstände sowie auf das Klima der damaligen und nicht der heutigen Beziehungen zwischen den Menschen, wie sie sich seinerzeit herausgebildet hatten. Ich will hier ein weiteres Beispiel nennen.

Anfang der 30er Jahre hatte sich der bedeutende deutsche Wissenschaftler Albert Einstein dem Protest einer Gruppe europäischer Intellektueller anlässlich der Aburteilung von 48 Spezialisten, die beschuldigt waren, Organisatoren des Hungers in der Sowjetunion gewesen zu sein, angeschlossen. Genauere Informationen und eine sorgfältigere Betrachtung der Umstände dieses Falls veranlassten ihn, seine Entscheidung zu ändern. Einstein erklärte: „Diese Unterschrift gab ich damals nach langem Zögern, weil ich auf die Kompetenz und Ehrlichkeit der Persönlichkeiten vertraute, die mich darum baten. Außerdem hielt ich es psychologisch für unmöglich, dass Menschen, die die volle Verantwortung für die Erfüllung sehr wichtiger technischer Aufgaben trugen, vorsätzlich die Ziele sabotierten, denen sie zu dienen verpflichtet waren. Heute bedauere ich es zutiefst, dass ich diese Unterschrift gegeben habe, weil mir die Überzeugung abhanden gekommen ist, dass meine damaligen Ansichten der Wahrheit entsprechen.

Ich habe nicht hinreichend erkannt, dass unter den besonderen Bedingungen der UdSSR Dinge möglich sind, die für mich unter üblichen Bedingungen völlig undenkbar sind...“ „Die Sowjetunion hat die größten Errungenschaften erreicht“, fügte Einstein hinzu. „Westeuropa wird sie bald darum beneiden“ (s. Prawda vom 18.09.1931).

Und in der Tat, Westeuropa hat die Sowjetunion darum beneidet. Es fuhr fort, sie deswegen zu beneiden, wir aber haben in den letzten Jahrzehnten das Bewusstsein der übergroßen Verantwortung für das sozialistische Vaterland und das Gefühl der historischen Dimensionen, eine weise selbstkritische Haltung sowie den schöpferischen Enthusiasmus, die schöpferische Aufbruchsstimmung verloren.

Viktor Koschemjako:

Sind Sie nicht der Meinung, Richard Iwanowitsch, dass Sie sich (wie übrigens auch ich) mit einer „Weißwaschung“ Stalins befassen? Solche Vorwürfe werden in einigen Briefen erhoben und man sollte sie nicht einfach von der Hand weisen. Besonders ernst scheinen mir Warnungen zu sein, dass bestimmte stalinsche Methoden unter den gegenwärtigen Bedingungen zur Installation einer neuen Diktatur benutzt werden, auch wenn das mit anderen Zielen verbunden ist... Wenn Sie übrigens damit einverstanden sind, könnten wir uns im folgenden Gespräch damit befassen.

Richard Kosolapow:

Natürlich bin ich damit einverstanden. Das ist in der Tat ein ernstes und umfassendes Thema. Mir persönlich, das möchte ich hier feststellen, liegt es fern, Stalin „weißzuwaschen“. Ich informiere nur über Fakten seines Lebens und Wirkens, die entweder entstellt oder verschwiegen werden, das heißt ich stelle mich Verleumdungen entgegen.

Ist das heutzutage erforderlich? Ich denke, dass das immer erforderlich ist, und im vorliegenden Falle ganz besonders, weil mit der Zerstörung Stalins die Zerstörung des Sozialismus in unserem Lande begonnen wurde. Das wendete sich, wie wir jetzt sehen, in die Zerstörung selbst unseres ganzen Landes. Im Namen der Rettung unseres Landes, im Namen unserer echten Wiedergeburt brauchen wir heute in unserer sowjetischen Geschichte die Wahrheit, und dazu gehört auch die Wahrheit über Stalin.

Ich will hier nicht irgend jemandem Ratschläge geben, aber ich halte es für schlechten Stil, wenn man endlos wiederholt (wie es z. B. Onikow und auch viele andere tun), dass an allen vergangenen und gegenwärtigen Übeln unseres Landes „Stalin und das von ihm sanktionierte totalitäre Regime“ schuld seien. Wer hat den irgendwann die Schuld an der Niederlage Rußlands unter Zar Nikolaus I. im Krimkrieg 1856, sagen wir, Peter I. zugeschrieben? In Bezug auf Stalin sind derartige Ungereimtheiten und Widersinnigkeiten aber an der Tagesordnung.

Ist es nicht für einige an der Zeit, sich selbst ihr Antlitz im unparteiischen Spiegel der Geschichte zu betrachten? Ist es nicht an der Zeit zu begreifen, dass der zerstörerische Negativismus in Bezug auf die sowjetische Vergangenheit nur die einfache Vertuschung des eigenen Versagens in der Gegenwart ist?

Quelle: „Sowjetskaja Rossija“,
Moskau, 13.8.1998

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