Gespräch von Viktor Koschemjako mit den Autoren des Buches
„Stalin als Feldherr“ Wladimir Suchodejew und Boris Solowjew

Der 22. Juni 1941... es sind schon fast 60 Jahre seit jenem schicksalhaften Tag vergangen, als der Große Vaterländische Krieg begann, aber bis zum heutigen Tage ist er nicht zur fernen Geschichte geworden. Die unverminderte Aufmerksamkeit ziehen nach wie vor alle Umstände auf sich, die dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion vorausgingen. Im Brennpunkt des Interesses stehen die Misserfolge des ersten Zeitraums des Krieges und natürlich die Faktoren, Methoden, Wege und Mittel, die im Endeffekt den Sieg des Sowjetvolkes in diesem größtem aller Kriege gewährleisteten.

Die Ursachen dieses Interesses sind voll verständlich. Allzu bedeutsam waren die historischen Konsequenzen dieses Krieges, und allzu aktuell sind seine Lehren. Aber die totale Fälschung der Geschichte, die mit den Jahren der so genannten Perestroika und der Reformen einherging, hat das Wesen der wichtigsten Ereignisse der Kriegszeit und die Heldentaten ihrer Teilnehmer grob entstellt.

In bestimmten Masseninformationsmedien und sogar in einigen sich solide nennenden wissenschaftlichen Arbeiten ist nun schon über viele Jahre der Oberste Befehlshaber der Sowjetischen Bewaffneten Organe in diesem Krieg, Josef Wissarionowitsch Stalin, einer massiven Verleumdung vor der Nachwelt, vor den Nachkriegsgenerationen ausgesetzt. Gerade das verleiht dem unlängst im Verlag Paleja erschienenen Buch „Stalin als Feldherr“ besondere Bedeutung. In dem Buch wird die grassierende Stalinphobie, die rational nicht begründbare Verteufelung Stalins überzeugend entlarvt. Die Autoren des Buches sind die bekannten Wissenschaftler und Träger des Staatspreises der UdSSR, die Teilnehmer des Großen Vaterländischen Krieges Boris Grigorjewitsch Solowjew und Wladimir Wasilejewitsch Suchodejew. Mit ihnen sprach der Korrespondent der „Prawda“ Viktor Koschemjako.

Viktor Koschemjako:

Lassen wir unser Gespräch mit Fragen über das Jahr 1941 beginnen, über das sich besonders viele Lügen angesammelt haben. Was direkt Stalin anbetrifft, so wird er als Hauptschuldiger des Krieges hingestellt.

Die Hauptanschuldigungen sind, so paradox, absolut widersprüchlich und sich auch gegenseitig ausschließend das auch erscheinen mag, folgende:

1. die UdSSR war auf den Krieg vollkommen unvorbereitet.

2. Die Sowjetunion war selbst der Aggressor und beabsichtigte Deutschland als erster anzugreifen, wobei diese Version, die den Angriff Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion rechtfertigte, von dem bekannten Resun-Suworow aufgestellt wurde.

Die Verleumdung Stalins ist auch eine Verleumdung
der Sowjetunion und des Sowjetvolkes

Wladimir Suchodejew:

Erstens zur ersten Beschuldigung, die lange und nachhaltig in das gesellschaftliche Bewusstsein gehämmert wurde. Schon Chruschtschow erklärte beispielsweise auf dem XX. Parteitag, dass keine „rechtzeitige Mobilisierung“ der Industrie erfolgte. Die Fakten sagen aber etwas anderes aus. Alle Fünfjahrpläne wurden unter Berücksichtigung der maximal möglichen Ausnutzung aller Ressourcen des Landes aufgestellt. Der Kampf für die Realisierung dieser Pläne erfolgte unter äußerster Anspannung aller Kräfte. Das ermöglichte die Umrüstung und Ausrüstung der Roten Armee mit der modernsten Kampftechnik, es ermöglichte neue Arten von mechanisierten und technischen Truppenteilen aufzustellen. So erhielt die Rote Armee von Januar 1939 bis Juni 1941 von der Industrie etwa 18000 Kampfflugzeuge, davon 2700 der neuesten Typen, über 7000 Panzer, davon etwa 1900 KW und T34; 1940-1941 wurde die Bewaffnung und Ausrüstung um das Anderthalbfache und die Ausstattung mit Munition um das Dreifache erhöht. Wie kann man denn alles das außer Betracht lassen?

Zweitens ist es eine andere Sache, dass es der Sowjetunion aus Zeitmangel nicht gelang, die Aufgaben in vollem Umfang zu lösen, die zur Abwehr des sich abzeichnenden Angriffs des faschistischen Aggressors eindeutig erforderlich waren, nämlich die Armee vollständig mit neuer Ausrüstung und Technik auszustatten, die neuen Grenzregionen zu befestigen, neue Luftwaffengeschwader zu schaffen usw. Dadurch erklärt sich auch in großem Maße der für die Sowjetunion nicht erfolgreiche Beginn des Großen Vaterländischen Krieges. Das Wesentliche ist jedoch, dass die Pläne der Hitlerfaschisten, die Sowjetunion in wenigen Wochen zu zerschlagen, vereitelt wurden. Die Blitzkriegsstrategie scheiterte schon kurz nach Kriegsbeginn.

Die Sowjetunion bereitete sich auf die Verteidigung
und nicht auf einen Angriff vor

Boris Solowjew:

Tatsächlich stehen die Version über die absolut fehlende Vorbereitung der Roten Armee zur Abwehr der faschistischen Aggression und die Behauptung, dass die Rote Armee sich auf einen Präventivschlag oder irgendeinen vorbeugenden Schlag auf Deutschland vorbereitete, im krassen Widerspruch zueinander. Nichtsdestotrotz haben sowohl die eine als auch die andere Lüge große Verbreitung gefunden! Was kann man über die Erfindung des Verräters Resun-Suworow sagen, der den Überfall Hitlers rechtfertigte?

Die Dokumente zeigen, dass die Sowjetunion sich weder für den 5. Mai noch für den 15. Mai 1941, wie dieser Feind seines eigenen Landes behauptet, auf keinerlei aggressive Handlungen gegen Deutschland vorbereitet hatte. Im Zeitraum vom 5.-14. Mai erteilte der damalige Volkskommissar für Verteidigung Timoschenko allen westlichen Wehrbezirken die Aufgabe, Verteidigungspläne für die Westgrenzen der UdSSR auszuarbeiten. (ZAMO, f 16A, op. 2951 ss, d. 237, ll. 33-47, 65-81).

Der Leiter der persönlichen Aufklärung des Sowjetführers Generaloberst A. M. Lawrow schlug am 12. Juni nach seinem Bericht über die Konzentration von Hitlertruppen und Truppen ihrer Verbündeten an den Westgrenzen der UdSSR vor, unverzüglich die Mobilmachung der Roten Armee zu erklären. Stalin erklärte daraufhin: Die Mobilmachung erklären, sagst Du? Das ist doch gleichbedeutend, als wenn man Deutschland unsererseits den Krieg erklärt. Gerade davon träumen die anglo-amerikanischen Imperialisten, die alles unternehmen, dass die Sowjetunion und Deutschland aufeinander stoßen und miteinander Krieg führen (Stalin, J. W. Band 15, Moskau 1997, Seite 49, Russisch).

Es gibt keinerlei dokumentarische Belege, dass der Angriff, wie die Anhänger von Resun-Suworow behaupten, auf Mitte Juli vertagt wurde und dass man angeblich beabsichtigt habe, Berlin innerhalb von drei bis vier Monaten einzunehmen.

Alle derartigen müßigen Erfindungen sind schon deswegen unhaltbar, weil die politische und militärische Führung der Sowjetunion den Grad der Vorbereitung der Roten Armee auf einen großen Krieg realistisch einschätzte und deswegen alle Anstrengungen darauf richtete, ihre Kampfkraft zur Abwehr der unausweichlichen faschistischen Aggression zu erhöhen.

Namentlich das erklärte auch Stalin zur wichtigsten Aufgabe. Er entschied auch in diesem Sinne und war natürlich mit allen Mitteln bestrebt, dafür Zeit zu gewinnen und den Zeitpunkt des unvermeidlichen Zusammenstoßes mit dem Feind maximal hinauszuzögern.

Viktor Koschemjako:

Auf dem XX. Parteitag behauptete Chruschtschow in seiner Rede „Über den Personenkult und seine Folgen“ (in seiner Geheimrede), dass Stalin angeblich die Warnungen über die drohende Gefahr nicht beachtete habe. Mehr noch, von ihm sei die Weisung ausgegangen, derartigen Informationen keinen Glauben zu schenken, um den Beginn von Kampfhandlungen nicht zu provozieren. Deswegen habe sich das Land auch für eine Aggression als quasi unvorbereitet erwiesen.

Wladimir Suchodejew:

Dazu ist erstens zu sagen, dass Stalin Informationen nicht nur über den unmittelbar bevorstehenden Überfall von Deutschland auf die Sowjetunion erhielt, sondern auch darüber, dass dieser Angriff im Juni 1941 nicht stattfindet. Wie Churchill bezeugte, sagte Stalin ihm: „Ich brauchte keinerlei Warnungen. Ich wusste, dass der Krieg beginnen wird, aber ich dachte, dass es mir gelingen könnte, noch sechs Monate und mehr an Zeit zu gewinnen.“

Zweitens gibt es das Eingeständnis von Shukow, dem damaligen Generalstabschef, dass auch sie, die Militärs in der Zeit des Entstehens der gefährlichen Kriegssituation nicht alles getan haben, um Stalin von der Unvermeidlichkeit des Krieges in der allernächsten Zeit zu überzeugen.

Drittens, das Wesentliche ist aber, dass auch dieser relativ kurze Zeitraum von der Sowjetunion genutzt wurde, um sich auf die Abwehr des faschistischen Aggressors vorzubereiten.

War Stalin in den ersten Tagen
des Krieges verwirrt?
Eine klare Antwort geben Dokumente
und Augenzeugen

Viktor Koschemjako:

Ein Vielzahl von Spekulationen - von Wolkogonow bis Radinskij und anderen - betrifft folgende Themen: Die Verwirrtheit und Zerfahrenheit Stalins in den ersten Kriegstagen. Er sei angeblich erschrocken und eingeschüchtert gewesen, er sei in Depressionen verfallen, er sei zu keiner Arbeit fähig gewesen.

Boris Solowjew:

In Wirklichkeit verhielt es sich genau umgekehrt! Von den ersten Stunden des Krieges an hielt Stalin die Führung des Landes, der Front und des Hinterlandes fest in seinen Händen. Er übernahm die extrem schwere Last der persönlichen Verantwortung über den Verlauf und Ausgang des Krieges, über das Schicksal des Volkes, der Armee und unserer gesamten Heimat. Im Archiv des Zentralkomitees der KPdSU sind die Aufzeichnungshefte von Personen aufbewahrt, die Stalin vom Abend des 21. Juni bis zum 28. Juni 1941 empfangen hat und die in seinem Empfangsraum Wachdienst leisteten.

Jetzt sind diese Aufzeichnungen im Journal „Nachrichten des ZK der KPdSU“, Nr. 6, Juni 1990, Seite 216-320 veröffentlicht worden. Hier ist buchstäblich auf die Minute und Stunde genau aufgezeichnet, wen Josef Wissarionowitsch empfangen hat und mit wem er zu welcher Zeit gearbeitet hat. Es waren bis zu 30 Personen pro Tag! Es waren höhere Partei- und Staatsfunktionäre, Militärs und Wirtschaftsfunktionäre, Funktionäre der internationalen kommunistischen Bewegung...Mit ihnen zusammen arbeitete er die Politik des kriegführenden sozialistischen Sowjetstaates aus, legte er die vorrangigen und langfristigen Aufgaben fest, die vor dem Volk und seiner Roten Armee standen.

Wladimir Suchodejew:

Zu dem Gesagten muss man noch hinzufügen, dass damals in den ersten Tagen des Krieges und auch in den folgenden Jahren nicht mitgeteilt wurde, dass Stalin noch am 21. Juni schwer erkrankt war.

Vor vielen Jahren hatte der behandelnde Arzt von Stalin, Professor Boris Sergejewitsch Preobraschenskij die Diagnose einer phlegmonischen Angina gestellt und am 21. Juni 1941 diese eitrige Halserkrankung sogar in schwerer Form diagnostiziert. Er bestand auf eine unverzügliche Einweisung von Stalin in ein Krankenhaus. Stalin lehnte das aber entschieden ab und forderte, dass selbst seine engsten Mitarbeiter nicht von der Erkrankung informiert werden.

In diesem Zustand kam er in den Kreml, in das Volkskommissariat für Verteidigung, in den Generalstab, empfing er täglich 20-30 verantwortliche Mitarbeiter und formulierte die wichtigen Aufgabenstellungen. Dabei war es auch noch notwendig, nicht nach außen zu zeigen, dass ihn in diesen Tagen schwere Schmerzen quälten, es war erforderlich die Selbstbeherrschung zu bewahren und darüber hinaus noch auf die Umgebung seine Energie und Zielstrebigkeit zu übertragen. Die Krankheit besserte sich erst Ende Juni. Hier zeigte sich der wahrhaft stählerne Wille von Stalin! Von den ersten Minuten des Krieges an setzten dieser Wille und die Genialität des Führers des Sowjetstaates gewaltige Volksmassen in Bewegung und mobilisierten das Volk zum heiligen Krieg gegen die Aggressoren und Eroberer.

Stalin dachte nicht an einen Frieden mit Hitler,
sondern an die Mobilisierung aller Kräfte
des Volkes zur Abwehr des Feindes

Viktor Koschemjako:

Mit der so genannten Verworrenheit Stalins zu Beginn des Krieges wird noch eine weitere nicht weniger unverschämte verleumderische Behauptung verbunden, nämlich dass Stalin in seiner Verwirrung und Angst Hitler sofort die Beendigung der begonnenen Kriegshandlungen vorgeschlagen habe und dafür bereit gewesen sei, das Baltikum und Moldawien, einen bedeutenden Teil der Ukraine und Weißrußlands sowie einige Gebiete der Russischen Föderation abzutreten...

Wladimir Suchodejew:

In den Memoiren von Marschall K. S. Moskalenko, auf die sich übrigens auch die Autoren dieser Verleumdung beziehen, wird erwähnt, dass während des Prozesses gegen Berija (Berija wurde von Chruschtschow 1953 unter Anklage gestellt) dieser etwas derartiges behauptete. Chruschtschow ließ auch die Gelegenheit nicht aus, diese Version in seine Memoiren einfließen zu lassen. Er benutzte bekanntlich jede Absurdität, wenn sie nur gegen Stalin gerichtet war. Aber beispielsweise der hervorragende Kundschafter der Sowjetunion General P. A. Sudoplatow erklärt mit voller Entschiedenheit. „Nach meiner festen Auffassung fühlten Stalin und die gesamte Führung, dass der Abschluss eines Separatfriedens in diesem unvergleichlich schweren Krieg automatisch den Verlust ihrer Macht bedeutet hätte, ganz zu schweigen von den patriotischen Gefühlen, von denen sie beseelt waren. Davon bin ich fest überzeugt. Jede Form einer Friedensvereinbarung mit Hitler war für sie nach Kriegsausbruch völlig unannehmbar“ (P. A. Sudoplatow, Der Kreml und die Aufklärung, Russisch, Moskau 1997, Seite 176).

Stalin dachte nicht an einen Frieden mit Hitler, sondern an die Mobilisierung aller Kräfte des Volkes und der Armee zur Zerschlagung Hitlerdeutschlands. Darin bestand seine hauptsächliche staatliche und politische Tätigkeit und Tätigkeit als Militärführer und Feldherr. Auch hier sind alles nur Hirngespinste, und um so mehr sind alle Überlegungen über angebliche Versuche um einen Frieden mit den Todfeinden nicht einfach harmlose Gedanken, sondern grobe Fälschungen und Entstellungen sowohl des Wesens und Sinns des Großen Vaterländischen Krieges als auch des Wirkens von J. W. Stalin persönlich.

Viktor Koschemjako:

Sie sprachen von einer staatlich-politischen Tätigkeit sowie von einer Tätigkeit als militärischer Feldherr. Sicherlich kann man das bei Stalin schwerlich auseinander halten, obwohl man ihn sehr selten Feldherr nennt. Gewöhnlich spricht und schreibt man über ihn als Politiker und Staatsmann sowie als Führer der Partei und des Staates. Dennoch wurde ihr Buch „Stalin als Feldherr“ genannt. Was veranlasste Sie zu dieser Bezeichnung und das Hauptsächliche, was führte Sie zu diesem Thema? Was regte Sie an, dieses Buch zu schreiben?

Wladimir Suchodejew:

In erster Linie das Bestreben, der im Bewusstsein der Menschen oft anzutreffenden und sogar stark verbreiteten Lüge entgegenzutreten, dass J. W. Stalin nicht als Militärführer und Feldherr angesehen werden könne.

Boris Solowjew:

Sogar durch einen flüchtigen Blick auf seinen Lebensweg kann man sich davon überzeugen, welchen wichtigen Stellenwert in Stalins Biographie seine militärische Tätigkeit hatte. Stalin nahm aktiv an der Vorbereitung und Durchführung der Sozialistischen Oktoberrevolution teil. Er stand dem gewählten Zentralkomitee der SDRP(B) vor, das das Parteizentrum für die Leitung des Aufstandes war.

In der Zeit des Bürgerkrieges und der ausländischen Intervention arbeitete er im Rat für die Arbeiter- und Bauern-Verteidigung, war er Mitglied des Revolutionären Militärrates der Republik und Mitglied des Revolutionären Kriegsrates der Südfront, der Westfront und der Südwestfront. Er war einer der herausragenden Organisatoren der Verteidigung von Zarizyn, der Verteidigung von Petrograd und der Zerschlagung von Denikin.

Wladimir Suchodejew:

Erwähnt werden muss noch, dass Stalin der Initiator der Aufstellung der 1. Reiterarmee war, an deren Spitze Budjonny, Woroschilow und Schalenko standen Er kämpfte gegen die polnischen Eroberer. In enger Zusammenarbeit mit Lenin baute er die Rote Armee auf und festigte sie. Man lese dazu die Briefe, Aufzeichnungen und Telegramme Stalins aus dieser Zeit. In ihnen sind auch bis in unsrige Tage aktuelle Leitsätze zur Militärstrategie und -taktik enthalten. Stalin nahm gründliche und tiefschürfende Analysen der militärischen Lage vor.

Viktor Koschemjako:

Wenn man die gegenwärtige „demokratische“ Presse liest, dann geht daraus hervor, dass bezüglich dieser Zeit niemand über Stalin Bescheid wusste, sondern dass der hauptsächliche Militärtheoretiker, Militärpraktiker und Schöpfer der Roten Armee Trotzki gewesen ist. Zu Beginn dieses Jahres hat „Die Unabhängige Zeitung“ (die Nesawisimaja gaseta) einen speziellen Artikel mit dem Titel veröffentlicht „Theoretiker der Roten Armee“, ein Porträt der Verdienste von Lew Dawidowitsch.

Boris Solowjew:

Tatsächlich stand Trotzki sowohl in den Jahren des Bürgerkrieges als auch danach ziemlich lange an der Spitze der Roten Armee, genau auf dem Posten des Vorsitzenden des Revolutionären Militärrats und Volkskommissars für Militärwesen. Er spielte eine sehr wichtige Rolle bei der Bildung des Obersten Kommandostabes, bei der Beförderung von Kommandeuren und Kommissaren auf leitende Posten. So bildete sich in der Armee ein breite Schicht von Personen heraus, die Trotzki in großem Maße ihre Militärkarriere verdanken. Keine geringe Rolle spielte dabei auch die persönliche Ergebenheit der von ihm ernannten Personen. Bei der Schilderung der Rolle Trotzkis wird aber die Rolle Lenin s, Stalins, des Obersten Befehlshabers der Roten Armee Sergej Sergejewitsch Kamenew u. a. kaum gewürdigt.

Man darf nicht vergessen, dass auch in den Jahren des Bürgerkrieges und sogar nach seinem Ende sowie in den Jahren, die dem Großen Vaterländischen Krieg vorausgingen, mit Trotzki und den Trotzkisten über Grundfragen des Aufbaus der Roten Armee, der Sicherung der Verteidigungsfähigkeit des jungen Sowjetstaates, der Ausarbeitung einer neuen Militärdoktrin und einer neuen Kriegsstrategie ein erbitterter politischer Kampf geführt wurde. Dieser Kampf trug prinzipiellen, man kann heute sagen, für das Land schicksalhaften Charakter. Trotzki und seine Anhänger behaupteten, dass es unter den Bedingungen der kapitalistischen Umkreisung unmöglich sei, den Sozialismus aufzubauen und die Verteidigungsfähigkeit der Sowjetunion zu sichern. Das war nicht einfach ein Weg ohne Perspektive für den Sozialismus, es war der Weg der Kapitulation, des Kapitulantentums.

Letztendlich war Trotzki schon mit Beginn der 20er Jahre ein Kapitulant. Das zeigte sich auch schon im Bürgerkrieg. Die Partei und Stalin konnten damit nicht nur nicht einverstanden sein, sondern entschlossen sich, diesem Weg entschieden entgegenzutreten. Sie entschlossen sich, eine prinzipiell neue und zunächst aussichtslos erscheinende Aufgabe in Angriff zu nehmen, nämlich die Rote Armee auf einer neuen technischen Grundlage aufzubauen. Sie schufen auf diese Weise eine mächtige Verteidigung des Sowjetstaates, die in der Lage war, den Aggressionen der imperialistischen Mächte und ihrer Koalitionen zu widerstehen.

Viktor Koschemjako:

Der Klassiker der Militärtheorie Clausewitz hat, soviel ich weiß, in seinem Hauptwerk „Vom Kriege“ geschrieben, dass die geistige Tätigkeit eines Feldherrn zu den schwierigsten zählt, die ein menschlicher Geist zu leisten vermag. Ich erinnere deswegen daran, weil Stalin doch formell Staatsmann und kein Militärspezialist war. Nichtsdestotrotz war er nach allem zu urteilen eben auch Militärführer, und er hatte auch den Verstand eines Militärführers.

Wladimir Suchodejew:

Ich möchte damit beginnen, dass J. W. Stalin die Arbeiten von Karl Clausewitz, sowohl das Werk „Vom Kriege“ als auch das Werk „Das Jahr 1812“ sowie auch andere Schriften von ihm gut kannte. Wie aus Aufzeichnungen seiner Bibliothek hervorgeht, studierte er gründlich die Werke von Suworow, Napoleon, Dragomirow und Moltke, Arbeiten über die Kriegskunst von Engels und Mehring, die Arbeiten von Schaposchnikow und von E. W. Tarle.

Diese Liste ließe sich beliebig verlängern. Stalin waren auch die Arbeiten einer Reihe von Lehrstuhlinhabern der Militärakademien, beispielsweise die in zwei Bänden vorliegende „Geschichte der Kriegskunst“ von Oberst Rasin bekannt. Liest man die Memoiren von Shukow und von Wasilewskij, Rokossowskij und Konew, Bagramjan und Schtemenko, Ustinow und A. S. Jakowlew sowie vieler anderer bekannter Militärführer und Militärspezialisten, kann man sich davon überzeugen, dass sie alle wie mit einer Stimme bezeugen, dass I. W. Stalin über ein umfangreiches und tief greifendes Wissen auf dem Gebiet der Militärstrategie und -taktik verfügte und seine Gesprächspartner durch seine besonders tiefgründigen und scharfsinnigen Analysen der konkreten militärischen Lage sowie durch die Exaktheit und Durchdachtheit seiner eigenen militärischen Aufgabenstellungen tief beeindruckte.

Marschall Wassilewskij schrieb beispielsweise: „Ich bin der Meinung, dass Stalin im Zeitraum der strategischen Offensiven der Sowjetischen Streitkräfte alle Grundeigenschaften eines sowjetischen Feldherren und Heerführers aufwies.“

Oder hier sind die Zeugnisse eines anderen Marschalls, die von Marschall Konew über Stalin, „Er verfügte über ein großes Wissen auf dem Gebiet der Strategie und Militärgeschichte, er bewertete die außenpolitische Situation, die Pläne und Gruppierungen des Gegners, den Zustand der Wirtschaft, die Möglichkeiten der Militärtechnik und Ausrüstung, den moralischen und den politischen Zustand der Truppen stets realistisch. Ein Charakterzug im Wirken Stalins war, dass er alle Lageumstände und Besonderheiten bei der Planung jeder Operation berücksichtigte.“

Boris Solowjew:

Wir haben in dem Buch die markantesten Entscheidungen Stalins in jeder Periode des Großen Vaterländischen Krieges angeführt. Wir nennen hier das besonders schwierige Jahr 1942. Damals erschien der Stalinsche Befehl Nr. 227 vom 28. Juli 1942, der mehr unter dem Namen „Keinen Schritt zurück!“ bekannt ist.

Viktor Koschemjako:

Er wurde in den letzten Jahren als Ausdruck der besonderen Härte und sogar Grausamkeit Stalins bezeichnet.

Wladimir Suchodejew:

Vielleicht erscheint dieser Befehl besonders vom Standpunkt heutiger junger Leser als gnadenlos. Wenn man aber berücksichtigt, in welcher harten Zeit er erlassen wurde, so wird jedem nicht allzu voreingenommenen Menschen klar, dass dies keineswegs eine drakonische Weisung war, sondern ein Ausdruck der Forderung der Heimat, des Vaterlandes, fortan dem Feind kein Territorium mehr zu überlassen, im Krieg eine entscheidende Wende herbeizuführen sowie mit allen Erscheinungen von Panik, Verantwortungslosigkeit und Schlamperei Schluss zu machen., und zwar nicht nur an der Front, sondern auch im Hinterland der Heimat. In Erinnerung an diese Zeit schreibt der Armeegeneral W. I. Warennikow, der damals ein junger Offizier war. „Das ganze Land, die ganze Armee wartete damals sehnsüchtig auf diesen Befehl. In ihm war ein ganzes Programm mobilisierender Maßnahmen dargelegt.“

Marschall A. M. Wasilewskij hob entgegen manchen heutigen Behauptungen hervor, „dass dieser Befehl die Ehre des Sowjetpatrioten, des Verteidigers der Heimat nicht herabsetzte, sondern im Gegenteil emporhob.“

Die sowjetischen Truppen verstanden es im Herbst 1942 tatsächlich, den Angriff der faschistischen deutschen Armeen im Gebiet von Stalingrad und in den Vorgebirgen des Kaukasus zum Stehen zu bringen. Sowohl an der Front als auch Hinterland wurden die Bedingungen für die entscheidende Wende des Krieges zu Gunsten der Sowjetunion geschaffen.

Boris Solowjew:

Ab dem Ende des Jahres 1942 wurden die Schlachtfelder des Großen Vaterländischen Krieges von der Offensivstrategie der Roten Armee geprägt und beherrscht. Die Angriffsoperationen zeichneten sich sowohl in strategischer als auch operativ-taktischer Hinsicht durch schnelles überraschendes Handeln, geschickte Kunst des Manövrierens mit den Streitkräften und hohe Kampftechnik, eine meisterhafte Wahl der Hauptstoßrichtungen für die Schläge gegen den Feind, das Fehlen jeder Schablonenhaftigkeit in den Kampfhandlungen der Soldaten und die Meisterschaft, Siege in kürzester Frist und mit geringstmöglichen Verlusten zu erringen, aus.

Und ich möchte noch eine nicht minder wichtige Besonderheit erwähnen. Bei der Ausarbeitung der Ziele und der Formen der Zerschlagung des Gegners, bei der Durchführung der Feldzüge und strategischen Operationen gab es in der politischen und militärischen Strategie der sowjetischen Führung und des Militärkommandos in dieser Etappe des Großen Vaterländischen Krieges keine ernsthaften Fehler und schon gar keine Widersprüche und Rückschläge mehr.

Das entscheidende Verdienst daran kommt dem Genossen Stalin persönlich als Obersten Befehlshaber der Sowjetischen Bewaffneten Organe, Volkskommissar für Verteidigung und Vorsitzender des Staatlichen Komitees für Verteidigung zu. Stalin bekleidete außerdem seit Mai 1941 das Amt des Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare.

Man kann hier gewissermaßen auch einen Teilaspekt nennen, der aber ohne Übertreibung eine gewaltige Rolle bei der Erhöhung des Kampfgeistes und der Angriffsfähigkeit der sowjetischen Truppen gespielt hat. Als die Frontoberbefehlshaber dem Obersten Befehlshaber über die Einnahme von Orlow und Belgorod durch die sowjetischen Truppen berichtet hatten, wandte sich dieser an die leitenden Generäle des Generalstabs Antonow und Schtemenko mit der Frage, ob sie Bücher über Militärgeschichte lesen würden. Den Generälen erschien diese Frage zunächst seltsam. Was hat die Geschichte mit den jetzigen Bedingungen zu tun? Stalin fuhr im Dialog fort: „Wenn Ihr sie gelesen hättet, wüsstet ihr, dass schon im Altertum, wenn die Truppen einen Sieg errungen hatten, zu Ehren der Feldherren und der Soldaten alle Glocken läuteten.“ Stalin schlug daraufhin vor, zu Ehren der Fronten, Truppenverbände und Truppenteile sowie ihrer Kommandeure, die sich ausgezeichnet haben, Artilleriesalute zu schießen. So entstand eine neue bemerkenswerte Tradition der Sowjetarmee und unseres ganzen Landes.

Viktor Koschemjako:

Was würden Sie als die Autoren eines so grundlegenden Werkes zu diesem Thema als das wesentliche Merkmal der Feldherrnkunst von I. J. Stalin herausstellen?

Wladimir Suchodejew:

Schon die ersten Monate des Krieges brachten einige hervorragende Militärführer hervor. Stalin besaß ein scharfes Gespür für Talente, und so erkannte er auch schnell talentierte Militärs und sachkundige Organisatoren, die in der Lage waren, den Feind zu schlagen. Er wählte solche Leute geradezu mit meisterhaftem Spürsinn aus, zog sie zu höheren Aufgaben heran, er behielt sie im Auge und verstand es, sie auf die entsprechenden verantwortlichen Posten zu stellen. In den Feuerproben des Krieges gewannen Leute wie Shukow, Wasilewskij, Rokossowskij, Konew, Watutin, Tschernjachow, Antonow, Merezkow, Jeremenko, Bagramjan, Kusnezow, Moskalenko und viele andere hervorragenden Militärführer ihre Kampferfahrungen und wurden unter Stalins Führung zu großartigen Feldherren.

Als sich die sowjetischen Truppen Berlin näherten, machte der deutsche Reichspropagandaminister Goebbels ein sehr bemerkenswertes Eingeständnis. Er schrieb in sein Tagebuch: „Der Generalstab hat mir ein Buch mit Biographien und Fotografien sowjetischer Generäle und Marschälle übersandt. Aus diesem Buch kann man vieles herauslesen, was wir in den vergangenen Jahren zu tun versäumt haben. Die Generäle und Marschälle sind im Durchschnitt wesentlich jünger als die unsrigen, fast keiner von ihnen ist älter als fünfzig Jahre. Auf ihren Schultern liegt eine reiche politische und revolutionäre Erfahrung. Sie alle sind überzeugte Kommunisten und sehr energische Leute.

An ihren Gesichtern kann man erkennen, dass sie aus gutem Holz geschnitzt sind. In den meisten Fällen handelt es sich um Söhne von Arbeitern, Schustern, Kleinbauern usw. Kurz gesagt, man kommt zu der bedauerlichen Überzeugung, dass die Kommandeursschicht der Sowjetunion aus einer besseren Klasse gebildet wurde, als unsere eigene... Ich berichtete dem Führer über das von mit durchgesehene Buch über die sowjetischen Marschälle und Generäle. und fügte hinzu, dass wir mit einer solchen Auswahl von Kadern nicht konkurrieren können. Der Führer stimmte mir voll zu.“

Boris Solowjew:

Für Stalin als Feldherr und als Militärtheoretiker ist ein tiefes Verständnis dafür charakteristisch, welche große Rolle der massierte Einsatz von Panzern, Flugzeugen, Artillerie, Nachrichtenmittel usw. in einem modernen Krieg spielt. Er unternahm alle Anstrengungen, um das materielle Fundament unseres Sieges zu schaffen. Er war fordernd bis zur Härte, aber gerade sein eiserner unerschütterlicher Wille und seine Beharrlichkeit sicherten die rechtzeitige Ausstattung der Front mit der modernen Technik und Ausrüstung.

Viktor Koschemjako:

Schätzen sie im vorliegenden Fall nicht die Rolle der Persönlichkeit allzu hoch ein?

Wladimir Suchodejew:

Bekannt ist, dass in den Jahren des Krieges über 200 Sitzungen der führenden Parteiorgane, des Politbüros, des Organisationsbüros und des Sekretariats der Partei stattfanden, auf denen die Erfordernisse und Nöte der Front, neue Formen der Bewaffnung der Roten Armee und die Arbeit des Hinterlandes unter den Bedingungen des Krieges erörtert wurden. Verständlicherweise arbeiteten auch alle Kollektivorgane der staatlichen und militärischen Leitung für den Sieg. Dabei drang Stalin persönlich mit großer Aufmerksamkeit, mit Sorgfalt und man kann sagen mit Pedanterie beispielsweise in die konkreten Probleme der Bewaffnung der Armee sowie der operativ-technischen Parameter der Militärtechnik ein. Er befasste sich mit großer Gründlichkeit mit allen Problemen der Politik, des Militärwesens, der Wirtschaft, der Wissenschaft usw. und er beriet sich ständig darüber.

Boris Solowjew:

Stalin widmete große Aufmerksamkeit dem sachkundigen und möglichst effizienten Einsatz der Reserven. Dabei betrachtete er diese Reserven in ihrer ganzen Vielfalt, er hielt es für notwendig, dass sie im gesamtstaatlichen Maßstab geschaffen werden und durch sie alles Notwendige für die Kriegführung gesichert wird. Die strategischen Reserven mussten seiner Ansicht nach einsatzfähige Kontingente an Soldaten, Reserven an Kampftechnik, Ausrüstung und Munition sowie weitere Reserven zur Kampfführung umfassen. Sie mussten für Kampfhandlungen bereitstehende Militärverbände und -einheiten in operativen Größenordnungen, Kampftechnik, Transportmittel, Kommunikationsmittel usw. umfassen. Stalin ließ auch in kritischen Augenblicken keine Aufsplitterung und Verzettelung der Reserven zu, was in bedrohlichen Situationen eine tödliche Gefahr sein kann. Dank dieser Strategie war es möglich, dass die Gegenoffensive bei Moskau im November 1941 bis März 1942 erfolgreich war und den Hitlerfaschisten schwere Niederlagen und Rückschläge beibrachte. Dank dieser Strategie waren schließlich die siegreiche Schlacht von Stalingrad und der anschließende schnelle Vormarsch bis hinter Charkow bis Februar 1943 möglich.

Viktor Koschemjako:

Wie verhält es sich mit den ständigen Beschuldigungen gegen Stalin, dass er nicht zuhören konnte, nichts aufnahm, keine Meinung akzeptierte und neben sich keine andere Meinung duldete? Wie zeigte sich das und wie wirkte sich das im Kriege aus? Kann man denn nach dem Geheiß eines einzelnen Menschen, und möge er noch so genial sein, überhaupt kämpfen? Die Entfaltung eigener Initiative wäre unter solchen Umständen sicherlich unmöglich.

Wladimir Suchodejew:

Stalin war nicht gegen Eigeninitiative. Er schätzte die kluge Eigeninitiative, die Kühnheit, schnelle Entschlusskraft und das selbständige Urteilen und Handeln der Militärführer hoch ein. Die Militärführer hatten bei Stalin immer die Möglichkeit, die Richtigkeit ihrer eigenen Pläne zu verteidigen. Wenn sie Recht hatten, bekamen sie Recht. Nachdem sich Stalin beispielsweise von der Richtigkeit des vom Frontoberbefehlshaber Rokossowskij beharrlich verteidigten Plans für die belorussische Operation von 1944 überzeugt hatte, bestätigte er den Plan für diese Operation als endgültig. Obwohl Stalin die Initiative von Konew in der Zeit der Durchführung der Operation von Korsunowo-Schewtschenko gebilligt hatte, rügte er ihn nichtsdestotrotz, als Konew einige Fragen der Führung der Regimenter falsch entschied, und nahm Korrekturen vor, die den vollen Erfolg dieser Operation sicherten. Trotz aller respektvollen Beziehungen zu Woroschilow bestand Stalin auf dessen Ablösung wegen des Unvermögens, die Verteidigung von Lenin grad zu organisieren. Durch Befehl des Volkskommissars für Verteidigung wegen des Scheiterns der Kertschensker Operation wurde er seines Amtes enthoben. Marschall Kulik wurde zum Generalmajor degradiert. Stalin duldete keine Speichellecker, Lobhudeler, Katzbuckeler, Schwätzer, Angsthasen und Panikmacher. Er konnte nur mit Leuten arbeiten, die ihre Aufgaben verstanden und anpackten, die organisieren und führen konnten. Stalin arbeitete selbst 14 bis 16 Stunden pro Tag, und diese Selbstentsagung und Hingabe forderte er auch von anderen.

Boris Solowjew:

Stalin leitete den Staat, die Partei und die bewaffneten Organe. Stalin löste nach ihrem Umfang und ihrer Vielfalt wahrhaft gigantische Aufgaben. Er war für die Bewältigung aller anstehenden Probleme gut vorbereitet und qualifiziert. Er zeichnete sich durch ein hohes Maß an Sachkenntnissen in allen zu entscheidenden Fragen aus. Die Leute, die mit ihm arbeiteten, stellten fest, dass er keine Oberflächlichkeit in der Arbeitsweise duldete, keine aufs Geratewohl gegebenen Antworten hinnahm, er forderte, dass jedes Problem mit erschöpfender Gründlichkeit und Vollständigkeit bearbeitet wird sowie begründete und real durchführbare Entscheidungen getroffen werden.

In den Militärarchiven sind viele Karten in den verschiedensten Größen mit Anmerkungen aus der Hand Stalins aufbewahrt.

Viktor Koschemjako:

Ja, gelinde gesagt, das alles zählte in der bekannten Behauptung von Chruschtschow nicht viel, dass Stalin nämlich den Krieg „mit einem Globus“ geleitet habe. Und doch lag diese Behauptung wie auch viele andere ebenso dumme Behauptungen jener, man kann sagen, verbissenen Antistalinkampagne zu Grunde, die die so genannten Demokraten nun schon viele Jahre führen, wobei sie die Menschen belügen und für dumm verkaufen. Es ist einfach lächerlich, was dem Leser oder Fernsehzuschauer bisweilen an Unsinn über Stalin serviert wird. Man versucht Stalin auch in militärischen Angelegenheiten als reinen Laien hinzustellen. Lächerlich, aber auch empörend ist das.

Und die Jugend glaubt das vielfach und nimmt das leider oft aus Unkenntnis für bare Münze. Das fängt bei dem bösartigen Satz von Chruschtschow an, dass Stalin das Wesen der Führung von militärischen Operationen nicht verstanden habe, es setzt sich fort in den Thesen des Amtsstuben-Generals und Pseudomilitärhistorikers Wolkogonow, dass Stalin im wirklichen Sinne des Wortes kein Feldherr gewesen sei, bis zu dem Schriftsteller Astawjew, dessen jämmerliche Ergüsse in den Worten gipfelten, dass Stalin überhaupt kein Militärführer und Feldherr gewesen sei. Stalin wäre ein nichtswürdiger Mensch, ein Satan gewesen, den man uns zur Strafe unserer Sünden geschickt habe. Nichtswürdig, ein Jammerlappen sei Stalin gewesen, behauptet Astawjew. Weiter kann man in seiner Gemeinheit und Blödheit nicht gehen. Alle diese Herren sind im Grunde nur für Judaslöhne den Eingebungen und Ohrenbläsereien der Feinde der Sowjetunion und Russlands gefolgt.

Wladimir Suchodejew:

Derzeit sind derartige falsche Urteile und Bewertungen sehr zahlreich. Die Wahrheit bleibt aber die Wahrheit. Um die Wahrheit kommt man nicht herum! Diese Wahrheit besteht darin, dass dem Genossen Stalin eine herausragende Rolle bei der Bestimmung der politischen und militärischen Ziele sowie bei der Organisation der Schlachten bei Moskau und Stalingrad, am Kursker Bogen und in Belorußland sowie unter anderem in der Abschlussetappe des Krieges bei der Berliner Operation zukam. Alle diese ungeheuerlichen Verleumdungen gegen Stalin ordnen sich ein in die weltweiten massiven und äußerst heimtückischen Bemühungen, die nur mit einem Hauptziel unternommen wurden, nämlich mit allen Mitteln die sowjetische Kriegskunst zu diffamieren, die militärische Meisterschaft der sowjetischen Militärführer, den Heroismus der Soldaten der Roten Armee und der Partisanen, die Hingabe und die hohe Arbeitsmoral der Werktätigen im Hinterland schlecht zu machen und zu diskreditieren und damit die gewaltige Heldentat des Sowjetvolkes zur Rettung der Menschheit vor der faschistischen Versklavung und Barbarei und letztlich vor dem Untergang in ein Nichts zu verkehren oder maximal herabzusetzen und zu banalisieren. Stalin hat das Sowjetvolk zu einem glorreichen Sieg von weltgeschichtlicher Dimension geführt. Daran gibt es nichts herumzumäkeln und herumzudeuteln. Und was die spitzfindig gesuchten Fehler betrifft, sie unterlaufen in jedem Krieg auch unvermeidlich den Siegern. Hinterher nach einem gewonnenen Krieg in übel wollender Absicht auch noch den Klügeren spielen zu wollen, ist unredlich. Wenn Fehler gemacht wurden, hat sie Stalin in der Regel sehr schnell erkannt und korrigiert. Das war auch eine seiner großen Stärken.

Viktor Koschemjako:

Trotzdem sollten wir uns dem Begriff Feldherr zuwenden, wobei ich darauf abstelle, dass Stalin selbst auf diesen Begriff für sich verzichtete.

Boris Solowjew:

Marschall Wasilewskij hat hervorgehoben, dass der Begriff Feldherr in der historischen Literatur richtigerweise auf Militärführer angewandt wird, die auf einer taktisch-strategischen Ebene tätig sind. Sicherlich gilt auch, dass man der Kategorie der Feldherrn die Militärführer zurechnen muss, die auf den Schlachtfeldern am klarsten und deutlichsten ihr militärisches Können, ihre Kriegskunst, ihren Mut und ihren Siegeswillen unter Beweis stellen. Entscheidender Maßstab einer erfolgreichen Feldherrentätigkeit ist in Kriegsjahren natürlich die Kunst, die Aufgaben der Front- und Armeeoperationen zu erfüllen und dem Gegner schwere und entscheidende Niederlagen beizubringen.

Die Maßstäbe der Feldherrentätigkeit von Stalin in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges gingen weit über den Rahmen hinaus, die von Wasilewskij umrissen und beschrieben worden sind. Stalin führte die Leitung der gesamten bewaffneten Kräfte der Sowjetunion durch. Tag für Tag leitete und koordinierte er die Kampfhandlungen an allen Fronten. Er führte die Gesamtleitung aller Frontabschnitte und Armeeeinheiten. Seine Arbeit durchdrang alle besonders wichtigen Seiten des größten Krieges der Weltgeschichte.

Sie umfasste außer rein militärischen Fragen auch das Gebiet der Innen- und Außenpolitik, die Militärökonomie, die Kultur und andere Gebiete des gesellschaftlichen Lebens.

Wladimir Suchodejew:

Mir erscheint es zweckmäßig, auch noch einen anderen Gedanken zu nennen, den Marschall Jasow geäußert hat. Dieser oder jener Feldherr, sagte er, konnte Reserven, Munition, Truppen usw. anfordern, wobei die Verantwortung für die Bereitstellung in den Händen anderer lag. Aber er konnte nicht fordern und gleichzeitig entscheiden, beispielsweise Gleise der in Bau befindlichen BAM (der Baikal-Amur-Magistrale) zu entnehmen, um vor der Stalingrader Schlacht am linken Ufer der Wolga eine Eisenbahnlinie zu bauen. Diese Entscheidung konnte nur Stalin treffen. Wer konnte den Befehl geben, in 13 Tagen eine Reservestellung am Kussbass aufzubauen?

Nur Stalin konnte das tun, und das gewiss deswegen, weil er im Unterschied zu den talentiertesten Feldherren, die es sonst noch gab, in einer Person der oberste Führer des Staates und der Partei sowie der Oberste Befehlshaber der Streitkräfte des Landes war.

Viktor Koschemjako:

Hier kommen wir zu einer wichtigen Frage, um die es viel Verwirrung und Unwissen gibt, und zwar der von gewissenlosen und gegen Stalin eingenommenen Autoren offen verzerrten Frage über die Beziehungen J. W. Stalins und der obersten Frontkommandeure während der Zeit des Großen Vaterländischen Krieges.

Boris Solowjew:

Unbedingt stellen die Beziehungen Stalins zu den höheren Kommandostrukturen und der Militärführern eine Frage von prinzipieller Bedeutung für das richtige Verständnis des ganzen Kriegsverlaufes dar. Ich möchte gleich am Anfang sagen, dass es zu diesem Thema noch wenig hinreichend tiefgründige wissenschaftliche Untersuchungen gibt.

Stalin hatte normale Beziehungen zum Generalstab, und zwar als ihn Shukow bis zu Beginn des Krieges, Schaposchnikow bis Mai 1942, Wasilewskij bis Februar 1945 und Antonow bis zum Kriegsende leiteten. Stalin erreichte mit dem Generalstab eine sachliche und vernünftige Verbindung der Prinzipien von Einzelleitung und Kollegialität, obwohl die endgültigen Entscheidungen von Stalin als den Obersten Befehlshaber getroffen wurden. Stalin forderte eine tiefgründige Vorbereitung jeder operativ-strategischen Entscheidung, vollständige und lückenlose Informationen über die Lage an den Fronten sowie das rechtzeitige Reagieren auf Lageveränderungen. Er stellte an die Mitglieder des Generalstabes höchste Anforderungen an Sachkunde, Energie, Kombinationsfähigkeit, Flexibilität und Organisationsfähigkeit. Auch das Volkskommissariat für Verteidigung arbeitete unter der Führung Stalins präzise, abgestimmt und reibungslos mit dem gleichen Anforderungsprofil.

Viktor Koschemjako:

Bei der Betrachtung dieser gegenseitigen Beziehungen gibt es vor allem Spekulationen über Gegensätze hauptsächlich zwischen Stalin und Shukow sowie zwischen Stalin und Rokossowskij.

Wladimir Suchodejew:

Wir haben auch darüber eine Vielzahl von Dokumenten und Memoiren studiert. Ich will hier nur kurz einige nennen. Der Hauptmarschall der Luftstreitkräfte A. E. Golowanow, der Stalin und Shukow näher kannte, hat folgende Aussage eines Zeitzeugen hinterlassen: „Man muss sagen, dass J. W. Stalin die Fähigkeiten von Shukow hoch einschätzte, und ich denke, dass es keinen zweiten Menschen gab, der so viele Orden erhalten hat und so oft genannt wurde, wie Shukow.“

Was die Beziehungen des Obersten Befehlshabers zu Georgij Konstantinowitsch Shukow betrifft, so würde ich diese Beziehungen kompliziert nennen. Es gab im Arbeitsstil von Shukow eitle Kommandoallüren, die er nicht einschränkte und die deswegen von Stalin bisweilen auch angesprochen wurden.

Stalin setzte aber seine persönlichen Beziehungen niemals mit den sachlichen Beziehungen gleich. Man darf bei Shukow trotz seiner späteren großen Verdienste im Verlauf des Krieges als Frontoberbefehlshaber nicht vergessen, dass er zu Beginn des Krieges am 22. Juni 1941 Generalstabschef war und hier einige Fehler begangen hatte. Shukow wurde nach seiner Ablösung als Generalstabschef sofort wieder Mitglied der Stawka des Obersten Befehlshabers, zunächst von Timoschenko, dann von Stalin. Shukow selbst sprach über Stalin immer mit Hochachtung. Er schrieb. „Zu meinem Bedauern sind bei mir keine engen persönlichen Beziehungen zu Stalin entstanden. Aber er achtete meine militärischen Fähigkeiten und ich schätze seinen staatsmännischen Verstand hoch ein. „Shukow betonte oft: Stalin sagte nie ein schlechtes Wort über mich. er benutzte nie mir gegenüber böse Ausdrücke“, und Shukow sagte weiter: Versuchte irgendjemand mich bei ihm zu beleidigen, Stalin setzte sich voll für mich ein.“

Als der amerikanische Publizist und Historiker Solsberry mit ungewöhnlicher Oberflächlichkeit den Versuch unternahm, Stalin gegen Shukow auszuspielen, erteilte ihm Georgij Konstantinowitsch auf den Seiten der Zeitschrift Kommunist, Nr. 1/1970 eine scharfe Abfuhr und riet dem Amerikaner, künftig sich besser in der Auswertung von historischen Dokumenten und Fakten zu üben, die mit dem Heroismus, dem Blut , den Opfern und den Heldentaten des Sowjetvolkes zusammenhängen, bevor er solchen Blödsinn von sich gibt. Shukow nannte das gemein und niederträchtig.

Stalin schätzte die Festigkeit des Charakters und den Willen von Shukow, die Selbständigkeit seines militärischen Denkens, sein hohes militärisches Können, das er bei der Verteidigung von Lenin grad und in der Schlacht um Moskaus zeigte, hoch ein. Shukow wurde 1943 auf Vorschlag Stalins zum Marschall der Sowjetunion ernannt. Stalin schätzte Shukow auch wegen seiner Verdienste bei der Schlacht von Stalingrad und der Schlacht am Kursker Bogen, der Belorussischen Operation und beim Sturm auf Berlin. Als Vertreter des Obersten Befehlshabers nahm Marschall Shukow im Auftrag und Namen von Stalin am 8. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation der Streitkräfte des faschistischen Deutschlands entgegen. Das war für den Großen Vaterländischen Krieg schon einzigartig. Shukow wurde die Ehre zuteil, am 24. Juni 1945 in Moskau auf dem Roten Platz die Siegesparade zur Feier des Sieges über das faschistische Deutschland im Großen Vaterländischen Krieg 1941-1945 abzunehmen.

Nach Beobachtungen und Einschätzungen unter unserer großen Militärführern der Frontkommandos gilt auch, dass Stalin besonders den Marschall der Sowjetunion Rokossowskij hoch schätzte. Er nannte ihn seinen Bagration. P. I. Bagration war der hervorragende Heerführer und Kampfgefährte von Generalfeldmarschall Kutusow im Befreiungskrieg von 1812. Die Belorussische Operation erhielt das Kodewort „Operation Bagration“ nicht nur zu Ehren von P. I. Bagration, sondern auch zu Ehren von Rokossowskij.

Marschall der Sowjetunion Rokossowskij wurde beauftragt, das Kommando über die Siegesparade auf dem Roten Platz zu führen. Man erzählt sich, dass Stalin auf einem der Empfänge nach dem Ende des Großen Vaterländischen Krieges Rokossowskij fragte: „Sind Sie noch gekränkt, dass Sie Repressalien ausgesetzt waren und einige Zeit in Haft verbringen mussten?“ Konstantin Konstantinowitsch antwortete ruhig und schlicht: „Ich habe nie den Glauben an die Partei verloren. Die Zeit war so.“ Rokossowskij gehörte zu den Offizieren, die nach Untersuchung der gegen sie erhobenen Beschuldigungen 1940 wieder in allen Ehren in die sowjetische Armee aufgenommen wurden. Es gibt die Legende, dass Stalin sich von Rokossowskij als einen Menschen zu entledigen versuchte, der im Lande und in der Armee große Autorität genoss und dass er ihn deswegen 1949 nach Polen schickte. Die Wahrheit ist aber anders. Rokossowskij beherrschte perfekt Polnisch. Im Gespräch mit Rokossowskij sagte Stalin, dass er sich an ihn mit einer großen persönlichen Bitte wenden möchte: „Die Lage ist so, dass Sie die Polnische Volksarmee befehligen müssen. Sie behalten alle sowjetischen Titel, in Polen werden Sie Verteidigungsminister, Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrates, Mitglied des Politbüros und Marschall von Polen. Ich würde es mir sehr wünschen, Konstantin Konstantinowitsch, dass Sie zustimmen. Anderenfalls können wir Polen verlieren. Bringen Sie die Lage mit Klugheit und Feinfühligkeit in Ordnung und kehren Sie dann zu uns zurück. Die Polen müssen unsere Freunde werden. Ihr Kabinettszimmer in Moskau bleibt zu Ihrer Verfügung.“ K. K. Rokossowskij leitete sieben Jahre die polnische Volksarmee. Als er 1956 in die Sowjetunion zurückkehrte, wurde er zum Stellvertretenden Verteidigungsminister ernannt. Nach dem Referat über den Personenkult auf dem XX. Parteitag bat Chruschtschow Rokossowskij, gegen Stalin aufzutreten. Konstantin Konstantinowitsch antwortete: Nikita Sergejewitsch, für mich ist der Genosse Stalin heilig! Rokossowskij wies die von Chruschtschow gegen Stalin erhobenen Anschuldigungen als ehrlos und perfide zurück. Das sind Fakten. die die würdelosen Verleumdungen gegen Stalin ebenfalls bloßstellen.

Viktor Koschemjako:

Wir haben schon viele Fragen angeschnitten, aber es gibt noch ein Problem, das mit der Feldherrentätigkeit des Genossen Stalins zusammenhängt, über den viel Unsinn ausgeschüttet worden ist. Dieses Problem ist die von einigen Journalisten, Schriftstellern und auch von so genannten Wissenschaftlern hochgespielte Behauptung, dass es der sowjetischen politischen Führung, dem Militärkommando und konkret natürlich dem Genossen Stalin in erster Linie um den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg ging und dass dabei die Verluste, die Opfer unter den Truppen und der Zivilbevölkerung absolut keine Rolle gespielt hätten. Diese Lüge wird verstärkt in das Massenbewusstsein gehämmert. Es wachsen ganze Generationen heran, die mit dieser schrecklichen Irreführung manipuliert wurden.

Boris Solowjew:

Ja, auf den Seiten der Zeitungen, Zeitschriften und Büchern sowie im Fernsehen machen jetzt Behauptungen folgender Art die Runde: Für Stalin waren die Tausenden und Millionen von Leben nichts als trockene bürokratische Statistiken. Der Preis des Sieges hat ihn nie interessiert. Bis Berlin ist man gekommen, aber das Volk und Russland mussten unendliche Ströme von Blut vergießen usw. Was wissen aber diese Autoren von den authentischen Weisungen Stalins wie die folgenden: „Erforderlich ist, mehr Granaten und Patronen auf den Gegner abzufeuern, die eigenen Leute möglichst zu schonen und die Kräfte der Armeen zu erhalten.“ „Wenn man bei Bomben und Granaten spart, und nicht bei den Menschen, werden wir weniger Menschen haben.“ „Wenn ihr wollt, dass uns der Krieg weniger Blut kostet, spart nicht mit Minen“. (Der Winterkrieg, Buch 2, J. W. Stalin und der finnische Feldzug, Moskau 1998, Seite 279).

In Telegrammen an die Adresse von Timoschenko, Chruschtschow und Bagramjan vom 27. Mai 1942 gab Stalin folgenden Befehl: Ihr müsst beachten, dass die Stawka des Obersten Befehlshabers über keine für den Kampf einsatzfähige neue Divisionen verfügt, dass diese Divisionen frische und noch nicht ausgebildete Truppen sind. Wirft man sie jetzt an die Front, bedeutet das, dem Feind einen leichten Sieg zu verschaffen... „Man darf nicht mit Zahlen, sondern man muss mit dem Verstand kämpfen.“(ZAMO, F. 32, op. 1, d 16, l.19).

Sehr weite Verbreitung fand die in Umlauf gesetzte Lüge, dass Stalin ungeachtet der möglichen schweren Verluste gefordert haben soll, Berlin am 1. Mai 1945 einzunehmen. Die Sache verhielt sich jedoch in Wirklichkeit, wie Shukow bezeugt, ganz anders. Shukow trug Stalin vor, dass die Einnahme von Berlin, der Hauptstadt des faschistischen Deutschlands, am 1. Mai natürlich nicht schlecht wäre, aber dies nicht gelingen könnte, da eine Umgruppierung der Kräfte erforderlich sei. Shukow erwartete scharfe Einwendungen des Obersten Befehlshabers. Stalin antwortete aber wie folgt: „Der 1. Mai ist so und so ein großer Feiertag, das Volk wird ihn würdig begehen. Wenn wir Berlin am 2. oder 3. Mai eingenommen haben, hat das keine große Bedeutung. Ich bin mit ihnen einverstanden, wir müssen Menschenleben schonen, damit wir weniger Soldaten verlieren. Bereitet die Abschlussetappe dieser Operation besser vor.“

In der veröffentlichte Sammelmonographie einer großen Gruppe von Spezialisten aus dem militärischen und zivilen Bereich, darunter von Mitarbeitern des Generalstabes, „Ohne Geheimnisse“. Die Verluste der Streitkräfte der UdSSR in Kriegen, Kampfhandlungen und militärischen Konflikten“ (Moskau 1993) wird dargelegt, dass in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges einschließlich der Feldzüge im Fernen Osten gegen Japan 1945 die gesamten unwiederbringlichen demografischen Verluste 8666400 Menschen betrugen. Dazu gehören die Gefallenen und die Vermissten, sowie die in Gefangenschaft geratenen und aus der Gefangenschaft nicht zurückgekehrten, die ihren Verletzungen erlegenen, infolge von Krankheiten gestorbenen oder durch Unglücksfälle umgekommenen Personen. Berücksichtigt sind hier auch die Verluste unter den Grenztruppen und den Truppen des Ministeriums des Inneren. Die Aggression gegen unser Land kam aber auch Deutschland und seinen Satellitenstaaten teuer zu stehen. Ihre unwiederbringlichen Verluste an den sowjetisch-deutschen Front betrugen 1:1,3. Die dabei bei uns aufgetretenen größeren Verluste hängen im Wesentlichen mit der ersten für uns nicht erfolgreichen Etappe des Krieges zusammen, als der Feind dank seines wortbrüchigen Überfalls einen großen Vorteil erlangte. Währenddessen kann man nicht selten lesen, dass die Verluste der Sowjetarmee zehnmal größer gewesen seinen als die der faschistischen Aggressoren. Autoren solcher Behauptungen stören sich offensichtlich nicht daran, dass bei den von ihnen genannten Verlusten die gesamte erwachsene männliche Bevölkerung der Sowjetunion nicht ausgereicht hätte, um an diese Zahlen heranzukommen.

Zudem darf man nicht vergessen, dass sich das faschistische Deutschland das Ziel gesetzt hatte, unseren Staat zu vernichten und dass es die Massenausrottung unseres Volkes plante. Um das abzuwenden, mussten wir tatsächlich einen hohen Preis bezahlen. Alle gesunden Kräfte unseres Volkes hatten keine andere Wahl als einen aufopferungsvollen Kampf zur Verteidigung unserer Heimat zu führen. In der Abschlussetappe des Krieges befreite die Sowjetarmee in 15 Monaten auch noch dreizehn weitere Länder vom Joch des Faschismus. Wie kann man den Stein auf den Feldherren Stalin wegen angeblich ungerechtfertigter Verluste werfen? Man muss hier etwas Wesentliches sehen: das Hauptergebnis der Tätigkeit von J. W. Stalin, des leitenden Kerns des Landes und unserer bewaffneten Kräfte war der glänzende Sieg unseres Volkes über einen mächtigen, erfahrenen sowie auch grausamen, verschlagenen und heimtückischen Feind, die Rettung des sowjetischen Vaterlandes vor dem Untergang und die Rettung der Menschheit vor der faschistischen Sklaverei und Barbarei.

Das staatsmännische und militärische Genie Stalins
war in der ganzen Welt anerkannt. Doch jetzt
ist das alles wie vergessen. Die Einschätzungen
seiner Person erfolgen nicht nach Roosevelt
und Churchill, sondern nach den Lügen von
Wolkogonow und Astawjew

Wladimir Suchodejew:

Das staatsmännische und militärische Genie Josef Wissarionowitsch Stalin war in der ganzen Welt anerkannt und geachtet. Dabei ist charakteristisch, dass das erstens unmittelbar in den Jahren des Krieges und in vielen Jahren danach der Fall war und er zweitens bei unseren Freunden höchstes Ansehen genoss und auch unsere Feinde ihn mit höchstem Respekt behandelten. Das stellte auch der amerikanische Präsident Roosevelt fest, und das hob auch wiederholt der britische Premierminister Churchill hervor.

Viktor Koschemjako:

Ich danke Ihnen für das Gespräch. Natürlich war es nicht möglich, hier alle Fragen zu erfassen. Ich hoffe, dass wir uns bezüglich der bei den Lesern entstehenden neuen Fragen noch vor dem 55. Jahrestages unseres großen Sieges an sie wenden können.

Bei den Überschriften im Text handelt es sich
um Zwischenüberschriften in der „Prawda“.

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