Henri Barbusse

Stalin
Eine neue Welt

I

Einleitung

Der Rote Platz, Zentrum von Moskau und Zentrum des gewaltigen europäischen und asiatischen Rußland. Das Mausoleum, Zentrum des Roten Platzes. Oben auf dem Mausoleum - auf seinem Grunde schläft, wie auferstanden, Lenin - fünf oder sechs Personen nebeneinander; aus ein paar Schritt Entfernung sind sie einander fast gleich.

Ringsherum flutet, ein symmetrisches Gewimmel, die Masse an und ab: sie scheint aus der Erde aufzutauchen und wieder in ihr zu verschwinden. Eine Zeremonie rollt ab, längs, quer, kaleidoskopisch, in den Grenzen des Platzes. Ein schier endloser Zug, zitternd unter rotem Tuch, roter Seide, Buchstaben und Worten: Stoff, der ruft. Oder es ist eine riesige Sportparade, die, vorwärtsstürmend, wie ein Park vor uns steht. Oder das Meer des gewaltigsten Heeres der Welt, Rechtecke, das Volk der Roten Armee.

Momentweise sieht man ganz nahe einzelne Stücke dieses Festes: ein Zaun von Bajonetten, der blitzend vorbeizieht, eine Reihe von jungen Männern und Frauen, oder einfach Gesichter nebeneinander, erregt, glücklich, Gesichter, die lachen und leuchten.

Diese beseelten Wellen, die stundenlang vorbeifluten, und die Begeisterung, die ihnen aus der Zuschauermenge antwortet - in langen Reihen steht sie unter der gezahnten Kremlmauer gedrängt -, wirbeln brausend und rufend um einen Mittelpunkt. Die Rufe nehmen menschliche Form an: "Stalin!" "Es lebe der Genosse Stalin!" Einer von denen, die oben auf dem Denkmal Lenin s stehen, hält die Hand am Schirm der Mütze oder den Arm mit offener, wie schlagbereiter Hand rechtwinklig erhoben. Er trägt einen langen Militärmantel, der ihn aber nicht von den anderen Männern unterscheidet.

Die Mitte ist er, er das Herz von all dem, was, von Moskau aus, über die Erdkugel strahlt.

Sein Bild - Büsten, Zeitungen, Photographien - ist überall auf dem Sowjetkontinent, wie das von Lenin , neben dem von Lenin . Es gibt keine Fabrik, keine Kaserne, kein Büro, kein Schaufenster, das nicht einen Winkel hat, wo er erscheint, auf rotem Grund zwischen einer Tafel mit malerischen sozialistischen Statistiken - antireligiösen Heiligenbildern - und der Sichel, die den Hammer kreuzt. Kürzlich konnte man überall an den Mauern der Sowjetunion ein Plakat sehen: drei riesige Profile übereinander, Profile zweier Toten und eines Lebenden: Marx, Lenin, Stalin.

Tausendfach kehrt sein Bild wieder: es gibt kaum ein Zimmer eines Arbeiters oder Intellektuellen, wo Stalin nicht zu sehen ist.

Dieses Volk des sechsten Teils der Erde, dieses neue Volk, das man liebt und hasst - hier ist sein Kopf.

*

Einige Stunden später, zur Essenszeit.

(Sie wechselt sehr in Rußland: bei der zahlreichen Elite der Verantwortlichen gehorcht sie der Arbeitszeit.) Heute ist es, sagen wir, zwei Uhr.

Der Kreml ist ein buntfarbiges Festungswerk, eine kleine Prachtstadt, aufgebaut wie aus einem Stück im Herzen von Moskau. Im Innern der weitläufigen Mauer mit ihren roten und grünen fremdartigen Türmen liegt eine ganze Stadt goldüberkuppelter alter Kirchen und Paläste. (Unter ihnen auch ein großes neues Schloss, das von einem reichen Mitglied der Familie Romanow im 19. Jahrhundert erbaut worden ist und aussieht wie ein Carlton-Hotel.)

Hier in diesem Kreml, der einer Kirchen- und Schlossausstellung gleicht, zu den Füßen eines der Paläste steht ein kleines, dreistöckiges Haus. Dieses Häuschen, das man kaum beachtet, wenn es einem niemand zeigt, gehörte einst zu den Nebengebäuden des großen Schlosses. Irgendein Zarendiener wohnte darin.

Man steigt hinauf zu dem Stockwerk, wo weiße Leinenvorhänge an den Fenstern hängen. Diese drei Fenster gehören zu Stalins Wohnung. In dem winzigen Vorraum fällt ein langer Soldatenmantel mit einer Schirmmütze darüber auf. Drei Stuben und ein Speisezimmer. Es sieht aus wie in einem anständigen Hotel zweiten Ranges. Das Speisezimmer ist oval. Hier werden die Mahlzeiten eingenommen; sie kommen aus einem Restaurant oder werden von einem Hausmädchen zubereitet. In den kapitalistischen Ländern würde ein mittlerer Angestellter, diese Zimmer schief ansehen und lange Zähne machen vor diesem Essen. Ein kleiner Junge spielt im Zimmer. Der älteste Sohn, Jaschka, schläft nachts in diesem Speisezimmer auf einem Diwan, der als Bett dient, der zweite Sohn in einer Art Alkoven, einem kleinen Verschlag nebenan.

Das Essen ist beendet. Am Fenster sitzt auf einem gewöhnlichen Stuhl der Mann und raucht seine Pfeife. Er ist immer gleich gekleidet. Eine Uniform? Das wäre zuviel gesagt. Es ist eher die Andeutung einer Uniform, eine Art vereinfachter Soldatenanzug: hohe Stiefel, Kniehosen und eine hochgeschlossene Khaki-Litewka. Man sucht sich zu erinnern: Nein, man hat ihn nie anders gekleidet gesehen. Er verdient die paar hundert Rubel im Monat, die das magere Maximaleinkommen der Angestellten der Kommunistischen Partei ausmachen (das entspricht etwa zweihundertfünfzig bis drei-hundert Mark).

Sind es die exotischen, ein wenig asiatischen Augen des Mannes mit der Pfeife, die diesem ziemlich rauen Arbeitergesicht einen ironischen Zug geben? Etwas in diesem Blick und in diesen Zügen macht, dass man meint, ihn immer lächeln zu sehen. Oder besser, man denkt immer: gleich wird er lachen. So war, einst, auch der andere. "Raubtierblick" ist man einen Augenblick versucht zu sagen - aber es ist etwas anderes: die Augen blinzeln ununterbrochen. Man denkt an die ständige Bewegung in den Zügen eines Löwen (er hat auch etwas davon), aber es ist eher die feine Schläue des Bauern. Eigentlich ist es nichts weiter, als dass Lächeln und Lachen bei ihm locker sitzen. Er redet wenig - er, der drei Stunden hintereinander über eine ihm auf gut Glück gestellte Frage sprechen kann, auch in ihren letzten Winkel hineinleuchtend. Er lacht, ja oft dröhnend, viel lieber als er spricht.

Das ist er also, der Bedeutendste unserer Zeitgenossen. Er steht an der Spitze eines Landes von 21 Millionen Quadratkilometer Ausdehnung mit einer Bevölkerung von 170 Millionen Einwohnern. Zahlreiche Männer gehören zu seiner unmittelbaren Umgebung. Sie lieben ihn und glauben an ihn und brauchen ihn und bilden einen Block, der ihn trägt und noch höher emporragen lässt. So steht er in seiner ganzen Größe über Europa und Asien, zugleich über Heute und Morgen. Er ist der sichtbarste Mensch der Welt und doch einer der am wenigsten Gekannten.

*

Die Biographie Stalins, sagt Kalinin, liegt vor uns als einer der wichtigsten Teile der revolutionären Arbeiterbewegung Rußlands.

Sie ist einer ihrer untrennbaren Bestandteile. Alle, deren Stimme etwas gilt, hier oder dort, werden dasselbe sagen mit denselben Worten.

Es ist ein etwas kühnes Unterfangen, das Bild eines Menschen geben zu wollen, der so sehr mit den Geschicken unseres Kontinents verbunden ist, eines Politikers, durch den hindurch sich Welten und Epochen auftun. Wer ihm folgt, dringt in die Geschichte vor, wagt sich auf unbegangene Wege, schlägt noch geschlossene Kapitel des großen Buches der Menschheit auf. Dokumente kommen von allen Seiten und häufen sich auf. Es sind ihrer zu viel: zu viel umschließen all die neuen Horizonte, die sich hier auftun. Schlag um Schlag muss man sich hineinhauen und sich einen Weg bahnen in dieses heiße, schreiende, urlebendige All.

Und damit stoßen wir vor zum Herzen dessen, was nicht nur die größte Frage der Stunde, sondern die größte Frage aller Zeiten ist: was bringt die Zukunft dem bis jetzt in der Geschichte so gequälten Menschengeschlecht? Welches Maß von Glück und welches Maß von irdischer Gerechtigkeit kann es erreichen? Was können die zwei Milliarden Menschen als Ganzes erhoffen?

Diese Frage ist aufgestiegen aus den Tiefen. Männer unserer Zeit, die durch gerechte Erdbeben - alles hier auf dieser Welt zu ändern sich vorgenommen haben, nahmen die Frage auf, hoben sie ins Licht und machen sich an ihre Lösung. Der hier vor uns steht, ist ihr Vertreter.

                

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